Liezi
Chinesischer taoistischer Text, der dem legendären Philosophen Lie Yukou (oder Liezi) zugeschrieben wird, einer Gestalt, über die kaum etwas mit Sicherheit bekannt ist und die im Zhuangzi beiläufig als ein Weiser erwähnt wird, der „auf dem Wind reiten“ und sich fortbewegen kann, ohne zu Fuß gehen zu müssen; in seiner heutigen Form wurde das Werk vermutlich um das 4. Jahrhundert n. Chr. von unbekannter Hand zusammengestellt, weit später als das von der Überlieferung angegebene Datum und die Zeit des vermeintlichen ursprünglichen Autors, wobei Material verschiedenster Herkunft und Epochen einfloss, darunter sogar buddhistische Paraphrasen und Motive, die eindeutig auf seine späte Abfassung und seinen zusammengesetzten Charakter hinweisen. In acht thematische Kapitel gegliedert, teilt der Liezi mit dem Daodejing und dem Zhuangzi —den beiden anderen großen Gründungsklassikern des philosophischen Taoismus— das Interesse an Natürlichkeit, Spontaneität (ziran) und Skepsis gegenüber starren gesellschaftlichen Konventionen sowie rein rationalem oder utilitaristischem Wissen, unterscheidet sich jedoch durch einen erzählerischeren, schlichteren und anekdotischeren Stil, reich an Gleichnissen, volkstümlichen Fabeln und phantastischen Erzählungen, die oft einen zugänglicheren und weniger spekulativ dichten Ton haben als der Zhuangzi, ohne dabei in ihren philosophischen Implikationen weniger tiefgründig zu sein. Zu seinen berühmtesten Passagen zählen der Mythos von Yu dem Großen und dem Land der Unsterblichen, das bekannte Gleichnis vom törichten alten Mann, der mit Hilfe seiner Nachkommen einen Berg versetzen wollte —ein bleibendes Symbol beharrlicher Ausdauer gegen alle scheinbare Logik und allen Spott der Nachbarn— sowie ausgedehnte Reflexionen über Traum, Illusion und die radikale Relativität menschlicher Wahrnehmung, die, in einem verspielteren und erzählerischeren Ton, viele der bekanntesten erkenntnistheoretischen Paradoxien des Zhuangzi vorwegnehmen, einschließlich der Frage nach der Unterscheidung zwischen Wachsein und Traum. Obgleich aus philologischen und datierungsbedingten Gründen oft als weniger bedeutender Text im Vergleich zu den beiden anderen Klassikern angesehen, war der Liezi über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Quelle für Volkserzählungen, literarische Motive und überarbeitetes erzählerisches Material in der chinesischen Kultur.