Popol Vuh
Heilige Erzählung der K'iche'-Maya des guatemaltekischen Hochlands, anonymer Verfasserschaft, jahrhundertelang mündlich überliefert, bevor sie um die Mitte des 16. Jahrhunderts von anonymen Angehörigen des indigenen Adels kurz nach der spanischen Eroberung in lateinischer Schrift in der K'iche'-Sprache niedergeschrieben wurde, in dem Bemühen, die Tradition angesichts der drohenden kulturellen und religiösen Zerstörung zu bewahren. Das Originalmanuskript ist verloren, doch eine Abschrift wurde Anfang des 18. Jahrhunderts vom Dominikanermönch Francisco Ximénez transkribiert und ins Spanische übersetzt, dank dessen wir den Text heute kennen. Der Name »Popol Vuh« bedeutet ungefähr »Buch des Rates« oder »Gemeinschaftsbuch«, und das Werk verbindet kosmogonische Mythologie, heroische Epik und dynastische Chronik in einer komplexen Struktur von außerordentlicher literarischer Schönheit. Der erste Teil erzählt von der Erschaffung der Welt durch die Schöpfergötter Tepeu und Gucumatz, einschließlich fehlgeschlagener Versuche, Menschen aus Lehm und Holz zu schaffen, bevor dies schließlich mit Mais gelang, dem Material, aus dem die wahren Menschen letztlich bestehen. Der zentrale und berühmteste Abschnitt erzählt die Abenteuer der Heldenzwillinge Hunahpú und Ixbalanqué, die in Xibalba, die von den Herren des Todes beherrschte Unterwelt, hinabsteigen, um ihren Vater und ihren Onkel zu rächen, wobei sie mit List eine Reihe tödlicher Prüfungen bestehen, bis sie die Herren der Unterwelt besiegen und schließlich als Sonne und Mond in den Himmel aufsteigen. Das Werk schließt mit der Genealogie der königlichen K'iche'-Linien bis zur Zeit der Eroberung. Als vollständigste und literarisch kunstvollste überlieferte Synthese der präkolumbischen mesoamerikanischen Weltanschauung gilt der Popol Vuh heute als grundlegender Text der Maya- und guatemaltekischen kulturellen Identität und als eines der großen Klassiker der indianischen amerikanischen Literatur.