als ob sie wirklich gravid wäre. In allen 3 Fällen wäre die Fiktion der Gravidität und des weiteren Kreises ihrer Erscheinungen ein Symbol der minderwertigen weiblichen Rolle, ein dar- stellender Ausdruck für die Empfindung der Zurückgesetztheit, aber zugleich vom männlichen Protest ergriffen, ein Kunstgriff zur Vermeidung und Verhütung anderer Zurücksetzungen, wie oben gezeigt wurde1).
Ein Traum, gegen Ende der Kur geträumt, zeigt uns den ursprüng- lichen Leitgedanken der Patientin im Zusammenhang mit ihren aktuellen, ]) Der Formenwandel der männlichen Fiktion kann sich dahin vollziehen, dass unter ihrer Leitung die Gravidität, die Mutterschaft angestrebt wird, recht oft in solchen Fällen, wo Hindernisse schwerwiegender Natur vorliegen. Der Schrei nach dem Kind ist dann in der Kegel gegen den Mann gerichtet. Die Phantomgravidität stellt oft ein derartiges Arrangement vor.
90 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw Schema: Symptome Gesellschaftsangst Zwangserröten Furcht vor dem Alleinsein Herzklopfen Furcht vor dem Fallen, Höhenschwindel Druckempfindlichkeit am Bauch (Blind- darm) Frigidität Gehörsüberempfindlichkeit gep;. Schnar- chen des Gatten Vaginismus Druckgefüle auf der Brust Unverträglichkeit gegen jede Art von Druck, Kampf gegen das Mieder Abdominalschmerzen Atemnot Herzklopfen Üblichkeiten Erbrechen Zwangsvorstellung einer Gravidität Gelegentliche Astasie Müdigkeit Lüsternheit im Essen Bauchkrämpfe Erschwerte Stuhlentleerung Unerträglichkeit der Rückenlage Schmerzen in den Beinen Fiktion einer Neigung zu an-, Thrombophledauerndem Kran- bitis kenlager Schwäche in den Beinen, an Astasie und Abasie erinnernd Taumeliger Gang Rasches Ermüden beim Gehen Feindseliges, zuweilen sadistisches Be- nehmen gegen Kinder Rasche Ermüdbarkeit und Ungeduld in Gesellschaft von Kindern Schlaflosigkeit Reinlichkeitsexzesse Gehörsüberempfindlichkeit bei Nacht Leichtes Erwachen bei Nacht Abkehr von der weiblichen Linie, — der männliche Protest Sicherung von der Lie- beswerbung Sicherung gegen den Mann Sicherung gegen Gra- vidität \ Sicherung j gegen Geburt Sicherung gegen Wochenbett Memento an das Auf- tehen aus d. ochenbett d I stel Sicherung gegen Mutter- pflichten Sichernde Bereitschalten Misstrauen (zutraulich mit folgendem Protest) Entwertung des Mannes Ängstlichkeit Schüchternheit Tugendhafte Moral Herrschsucht (Nachgiebig- keit mit folgendem Pro- test) Eigensinn Trotz Streitsucht Gegen den Mann gerichtete Tendenzen Körperliche Überempfind- lichkeit hypochondrisch sich v( rerzärtelnd Reaktionscharaktere kom- plexer Art zwecks Be- seitigung der Minder- wertigkeit und Verkürzt- heit Geiz, Sparsamkeit, Neid Herrschsucht, Ungeduld Furcht nichts zu er reichen, nichts zu voll enden, allerlei Anstren gungen, als ob die Di stanz bis zur Manngleich heit irgendwie vermin dert werden sollte.
I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 91 inneren Kämpfen. Sie träumte, „als ob sie krank und schwach auf einer Bank in einem Parke nahe der Wohnung ihrer Eltern sässe. Am Kopf trug sie zwei Badehauben. Da kamen von rückwärts zwei Mädchen, und eines davon riss ihr die eine Haube vom Kopfe. Sie griff nach dem Mädchen und hielt es fest, während das andere Mädchen verschwand, und drohte mit der Anzeige. Eine arme, schlecht gekleidete Frau kam herbei und sagte ihr, das Mädchen heisse Velicka. Hierauf ging sie zu ihrer Mutter, um sich zu beklagen. Die Mutter gab ihr einen Korb voll Eier und sagte sie kosteten 5 Gulden. Sie nahm 2 Eier in die Hand und sah, dass sie gross und schön seien. u Die Situation auf der Bank, ihre Müdigkeit und die Badehauben deuten auf eine hydropathische Kur, die sie vor meiner Behandlung insbesondere zur Beseitigung ihrer Schlaflosigkeit unternommen hatte. Am Vortage des Traumes machte sie ihrer Tochter Vorwürfe, weil diese ihre Badewäsche in eigenen Gebrauch genommen hatte; sie besitzt auch zwei Badehauben wie im Traume, welche die Tochter ebenfalls öfters benützt. Velicka ist ein slavisches Wort, heisst gross. Die Tochter führt ein slavisches Adelsprädikat. Die schlecht gekleidete Frau ist eine adelige Dame namens Grand-venier. Beiden gegenüber ist sie, die Bürgerliche, verkürzt. Sie war unzufrieden, dass ihr Mann nicht geadelt wurde, hat sich aber aus Stolz ihren Neid nicht eingestanden. Sie fürchtet, dass ihr die Tochter alles wegnehmen könnte. Sie hatte zwei Töchter, die eine ist gestorben, verschwunden. Sie verklagt ihre Tochter öfters bei mir, dass sie sie soviel Geld koste. Sie habe ihr schon ihren ganzen Schmuck geschenkt. Schon seit ihrer Kindheit sei sie immer gegen andere verkürzt worden. Auch die Mutter habe sie immer zurückgesetzt und habe sich, als Patientin schon verheiratet war, jede Kleinigkeit von ihr bezahlen lassen. Sie dagegen versorge die Tochter regelmässig mit Eiern, Wild, Milch, Butter usw. Und doch brauche sie soviel Geld. Vor ihrer Abreise nach Wien habe sie ver- gessen, eine Schuld im Betrage von 5 Gulden zu begleichen. Am Vor- tage schrieb sie ihrem Manne, er möge sie sofort bezahlen. Überhaupt müsse sie immer gleich zahlen, was immer sie kaufe1). Die Mutter habe an ihr schlecht gehandelt, im Traume mahnt sie an eine vergessene Schuld. Sie hat immer an ihr gespart. Im Traume erhält sie von ihrer Mutter das männliche Attribut (Testikeln), die ihr die Mutter bei der Geburt vorenthalten hat.
Wir sehen wieder, wie aus dem Gefühl der weiblichen Verkürzt- heit der männliche Protest sich im Traum gegen weitere Schädigungen wendet. Dieser Traum zeigt uns den Versuch der Patientin, in Ge- danken weiteren Verkürzungen vorzubeugen und die Tochter anzu- klagen, dass sie ihr wie die Mutter alles weggenommen, — vorent- halten habe.
Ebenso findet sich die Gier, alles auch zu haben, in folgender Krankengeschichte, die noch deutlicher wie die vorige zeigt, wie der *) Die Befürchtung, durch weitere Ausgaben verkürzt zu werden, würde die Verwendung der Charakterschablonen von Geiz und Sparsamkeit nahelegen. Diesen mütterlichen, nach ihrer Wertung weiblichen Zügen weicht sie durch einen Zwang im Voraus zu zahlen aus und zeigt sich durch Freigebigkeit der Mutter überlegen.
92 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.
Patient diese Gier aus Stolz aus seinem Gesichtsfelde räumt, — „ver- drängt". Wir werden sehen, eine wie geringfügige Änderung durch die Aufhebung der Verdrängung und durch die Analogisierung nach dem „Ödipusschema" vor sich geht. Desgleichen geht aus allen diesen Fällen hervor, dass diese Gier, Alles auch zu haben, die unsinnigsten Ziele ver- folgt. Solche Kranke haben nur Augen, und zwar durch ihre Sucht nach einer Art von idealer Gleichberechtigung geschärfte, für alles, was andere in ihrem Kreise besitzen, soferne sie selbst von diesem Besitz ausgeschlossen sind. Sie könnten mehr haben als die andern und würden die andern doch beneiden. Sie könnten alles erraffen, was sie vorher den andern missgönnt haben, und würden es dann freudlos beiseite schieben, um ihrer Begierde neue Ziele zu setzen. Und ihre Begierde bleibt ewig haften an jenen Zielen, die sie nicht erreicht haben. Dass sie zur Liebe und zur Freundschaft unfähig werden, ist leicht zu verstehen. Oft gelangen sie zu grosser Verstellungskunst und gehen auf Seelenfang aus, weil auch andere Personen Seelen beherrschen. Immer fürchten sie die Verkürzung und suchen sich weit im voraus zu sichern. Die Liebe der Eltern, die ein Bruder geniesst, dessen Schmuck, eine Heirat eines Bruders oder einer Schwester, ein Buch, eine Leistung Bekannter oder auch Unbekannter erfüllen sie mit In- grimm *). Die Erstgeburt des andern, eine gelungene Prüfung. Besitz oder Würden der Geschwister stürzen sie in Aufregungen, bereiten ihnen Kopfschmerz, Schlaflosigkeit und stärkere neurotische Symptome. Ihre ständige Furcht, einem älteren, jüngeren Bruder nicht gleichzu- kommen, kann sie unfähig zur Arbeit machen. Dann versuchen sie allen Entscheidungen und Prüfungen der Kritik auszuweichen, kommen in das Stadium der Aggressionshemmung, treten oft in irgend einer Weise den Rückzug vor dem Leben an und berufen sich dabei auf ihre ad hoc geschaffenen Symptome, unter denen wir Zwangserröten, Migräne, allerlei Kopfschmerzen, Herzklopfen, Stottern, Platzangst, Zittern, Schlafzwang, Depression, Gedächtnisschwäche, Polydipsie, Poly- urie und psychogene Epilepsie mehrmals aufgefallen sind. Am deut- lichsten ist das Arrangement bei Alkoholismus, Morphinismus und Kokainismus, die restlos nur heilen, wenn das Gemeinschaftsgefühl wächst und die Eitelkeit abnimmt.
Ich habe den Fall eines jüngeren oder jüngsten Bruders bei obiger Schilderung in den Vordergrund geschoben, weil ich ihn am häufigsten angetroffen habe, und weil er am ehesten in die Rivalität getrieben wird. Dieser Fall ist nicht der ausschliessliche. Man findet auch ältere Geschwister oder einzige Kinder, selbstverständlich auch Mädchen in dieser Rolle. Die Rivalität kann auch in erster Linie dem Vater oder der Mutter gelten, in deren Bild die anzustrebende Überlegenheit häufig konkretisiert erscheint. Dann geht aus dieser Sucht des disponierten Kindes hervor, ein Leitbild, eine leitende Fiktion für sein Wollen zu gewinnen, und dies geschieht bereits zu einer Zeit, wo noch nicht sexuelle Lust erstrebt wrird, sondern der Auch-Besitz einer Person oder eines Gegenstandes, der anderen gehört. Prädestination s- ) So kann die bevorstehende Heirat eines Mädchens bei der Schwester, beim Bruder oder Vater, wenn diese neurotisch disponiert sind, zum Ausbruch eines An- falls, zur Verschärfung einer Neurose führen. Das Arrangement von Verliebtheit kann dann „Inzestregungen" vortäuschen.
I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 93 glaube und Gottähnlichkeitsgedanken bauen sich häufig als Erscheinungen des männlichen Protestes auf.
Anamnestisch lässt sich oft Kleptomanie erheben als Zeichen der Gier, als Ergebnis des Zusammenwirkens von empfindlichem Ehrgeiz, Neid, Furcht vor den Aufgaben des Lebens, einer gleichzeitigen Reich- tumsphantasie und der teilweisen Aufhebung des Gemeinschaftsgefühls.
Zuweilen ist sich der Patient seiner Leitlinie nicht bewusst. Man sieht ihn manchmal auch am Werke, diese Leitlinie zu verstecken und durch gegenteilige Regungen, etwa durch Freigebigkeit unkenntlich zu machen. Der Wunsch, der ihn beispielsweise zur Mutter zieht, mag man ihn noch so sexuell gefärbt nachweisen, ändert, bewusst geworden, am Krankheitsbilde nichts. Erst wenn der Patient seine Gier nach dem Unerreichbaren, nach dem — der Natur der Sache nach — zu einem andern Gehörigen versteht und einschränkt und seine Furcht vor seinem Lebensproblem aufgibt, kann er gesunden.
Der masslose Stolz, den man in manchen dieser Fälle findet, ge- stattet dem Patienten nicht leicht das Verständnis für seinen Neid und für seine Eifersucht. Die Entwertungstendenz ist dagegen meist überstark entwickelt und liegt auf der Hand. Bosheit, Rachsucht, Hang zur Intrigue, bei geringeren Intellekten rohere Angriffs- tendenzen, auch sadistische und Mordinstinkte zeigen sich als Versuche einer Sicherung gegen das Unterliegen in der Realität1). Furcht vor den Konsequenzen, wie lebhafte Besorgnis wegen des Be- findens der Angehörigen, Ausmalung von Strafen, von Fesselung und Elend sind die zugehörigen Sicherungen gegen Ausschreitungen des männ- lichen Protestes, Bremsvorrichtungen vergleichbar. Auch die An- fälle können sichernd eintreten, so z. B. wenn wie in unserem Falle ein psychoepileptischer Insult sich traumhaften Regungen des Vater- und Brudermordes anschliesst.
Vielleicht regelmässig spielt das Motiv verschmähter Liebe mit und schafft die stärksten Hassregungen gegen umworbene Personen. Es ist mit Recht zu bezweifeln, dass Liebe bei gesunden Menschen einer solchen Umwandlung fähig wäre. Erst die Summe aller Machtimpulse, das überhitzte Persönlichkeitsgefühl solcher Menschen gehört dazu, sich des seelischen Besitzes einer zweiten Person gegen deren Willen be- mächtigen zu wollen. Da der Neurotiker auch alles haben will, wird er blind gegen natürliche Hemmnisse und fühlt in der Verschmähung seiner „Liebe" seine empfindlichste Leitlinie getroffen. Nun schreitet er zur Rache: Acheronta movebo!
Man kann oft, falls man im Zweifel ist, welche von zwei Personen der Patient für sich in Anspruch nehmen will, den Vater oder die Mutter, das Gegenteil dessen annehmen von dem, was der Patient be- hauptet. Es wäre in der Regel zu schmerzhaft, sich die „verschmähte Liebe" einzugestehen. Ein exaktes Resultat erscheint mir folgender Ver- such zu ergeben: man setzt den Patienten genau zwischen die fraglichen Personen und wird nach einiger Zeit beobachten können, dass er sich der vorgezogenen Person genähert hat.
J) Bezieht sich die Furcht vor der Wirklichkeit auf das Sexualproblem, so resultiert häufig die Perversion. Siehe Adler, „Das Problem der Homosexualität", E. Reinhardt, München 1919, II. Auflage in Vorbereitung. — Furcht vor dem Beruf ergibt ein Leben in Müssiggang, Laster und Verbrechen.
94 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.
So konnte ich mich in dem Falle des Patienten, den ich nun auszugsweise beschreiben will, überzeugen, dass er die grössere An- ziehung der Mutter verspürte, obgleich er, wenn wir allein waren, den Vater bei weitem vorzuziehen schien. Nicht selten beschimpfte er die Mutter, und es verging kein Tag, ''ohne dass er mit ihr in Streit ge- kommen wäre.
Eine in der Neurose häufig zu beobachtende Erscheinung fehlte auch hier nicht, war vielmehr in besonderer Ausprägung zu beobachten: die starke Yorschiebung eines pedantischen Charakterzuges, der, wie im Kriege eine Eklaireurtruppe, die Aufgabe übernahm, mit dem „Feind" in Fühlung zu kommen. Der Feind war in erster Linie die Mutter, und die täglichen Kämpfe entspannen sich regelmässig, weil den über- triebenen pedantischen Forderungen des Patienten bei der Mahlzeit, bei der Wäsche- und Kleiderbesorgung, bei Bereitung des Bades und des Nachtlagers unmöglich vollauf Rechnung getragen werden konnte. Unser Patient gewann so die Operationsbasis, von der nun die Umgehungs- versuche ausgingen, um die Mutter doch vollkommen in seinen Dienst zu stellen. Wieder sehen wir einen neurotischen Charak- terzug als Kunstgriff, mittelst dessen der Patient seinem V. Akt gerecht werden, sein Schema getreulich innehalten will, um die Mutter doch auch so zu beherrschen, wie er es beim Vater gemerkt zu haben vermeinte. „Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt \u Dieser Gedankengang hatte in seiner Kindheit von ihm Besitz ergriffen, und so stand er bald der Mutter gegenüber voll Misstrauen, lauernd auf Herab- setzungen, auf Bevorzugung anderer, voll gespannter Energie und trüber Erwartung, ob es ihm nicht doch noch gelänge, sie für sich einzufangen. Nicht etwa, weil er sie liebte oder besitzen wollte, sondern weil er sie auch haben wollte, wie so viele andere Dinge, Schmucksachen, Bonbons, die er gar nicht hochschätzte, sondern im Schranke Hess und vergass, sobald er sie einmal sein Eigen nannte. So war ihm der Besitz der Mutter nicht Selbstzweck, sein Begehren war durchaus kein libidinöses oder gar sexuelles, sondern die Mutter und ihre Distanz von ihm waren ihm zum Symbol, zum Massstab geworden für den Grad seiner Zurück- setzung. Und weil er das Weltbild, jede Begegnung, jede Beziehung zum weiblichen Geschlecht mit den gleichen Charakterzügen aufnehmen wollte, misstrauisch, voll Überempfindiichkeit, mit der gleichen trüben Erwartung einer Enttäuschung, zerrann ihm jeder Erfolg und jede Be- friedigung. Er hatte ja nur Augen für alles, was gegen ihn, gegen seinen Erfolg sprach, und was er erreichte, verlor allen Reiz für ihn. Er beantwortete das Problem seines Lebens mit dem Arrangement seiner Neurose. Er hielt sich um ein starkes Stück verkürzt, und dieses Stück machte der symbolisch zu fassende Verlust der Mutter aus. Dieses häufige Zustandsbild möchte ich als „Konfliktsneurose" abtrennen. Die meist schweren Erscheinungen ergeben sieh durch die eigenartige Stellung des Patienten zu seinen Nebenmenschen, die ihn als Menschenfeind charakterisiert und auf Schritt und Tritt zu Konflikten führt. Der „Konfliktsneurose" sind fast regelmässig Zwangserscheinungen beigesellt. Aber auch Angst- und hysterische An lalle begleiten sie. Sie hat die Aufgabe, den Patienten mit Aufregungen zu laden, zu prä- okkupieren und fürs Leben untauglich zu machen.
Hätte man diesen Patienten, der an Angstzuständen, Migräne und Depressionen litt, etwa heilen können, wenn man ihm die Mutter wieder I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 95 gab? In der Zeit, wo der Patient zum Arzte kommt, wäre ein solcher Versuch vergeblich. Die nachgiebigste Mutter, — viele von ihnen sind dauernd ihrem Sohne entfremdet, — könnte jenes Mass von Geduld und Aufopferung nicht aufbringen, das der Patient in seinem grenzenlosen Misstrauen und in seiner Machtgier verlangt. Als stets bereiter Anlass zu erneuten Heftigkeiten und Bedrängungen bleibt immer noch die Ver- gangenheit und die Erinnerung an frühere Entbehrungen 1). Wohl könnte dieser Versuch in der Kindheit glücken, sowie überhaupt die pädagogische Lösung dieses speziellen neurotischen Problems in einer schrittweisen Aufklärung, Verselbständigung des Kindes und in der sachgemässen Beruhigung über seine Zukunft, in der Prophylaxe liegt. Die Un- sicherheit ist es, die solchen Kindern den Ausblick in die Zukunft verwirrt, eine Unsicherheit, deren organische und psychische Quellen wir bereits kennen gelernt haben.
Eine Quelle seiner Unsicherheit war es, dass unser Patient als Kind bereits in der Säuglingszeit leicht zusammenzuckte und erschrak. Dieses Erschrecken von Säuglingen, oft schon als Nervosität gedeutet, ist offenbar ein organisches Erbteil und knüpft nach meinen Beobach- tungen an eine ererbte Empfindlichkeit, — Minderwertigkeit, — des Gehörorgans an, so dass solche Kinder schon bei Geräuschen und Tönen zusammenfahren, bei denen andere noch ruhig bleiben2). Für uns be- deutet demnach diese auffallende Erschreckbarkeit ein Zeichen ange- borener Gehörsüberempfindlichkeit, eine Organminderwertigkeitserschei- nung, der familiäre Ohrenleiden, aber auch Steigerungen von Gehörsver- feinerungen, musikalischer Sinn oft entsprechen. Dass unser Patient im 6. Lebensjahre eine langwierige Mittelohrentzündung durchgemacht hatte, in deren Verlauf sich eine Parazentese des Trommelfells als nötig erwies, steht mit den Anschauungen der Organminderwertigkeits- lehre in gutem Einklang. Desgleichen auch die Entwickelung eines trefflichen, musikalischen Gehörs und einer auffallend feinen Gehörs- empfindung, die ihn zum Lauschen geradezu qualifizierte. Diese Organ- verfeinerung, mit Aufmerksamkeit überladen, bringt es in jedem Falle mit sich, dass lauschende, der Hörsphäre angehörige neugierige Tendenzen dem Kinde aufgezwungen werden, zumal wenn es auch aus anderen Ursachen in grössere Unsicherheit gerät. Die Bedingungen dieser Unsicherheit, der er durch seine Neugierde zu entkommen suchte, lagen in einer schwächeren Entwickelung seines Intellekts gegen- über einem älteren Bruder, der ihn, wie dies zum Schaden der Er- ziehung so häufig geschieht, zum Spielball seiner Neckereien nahm, ihn auch häufig zum Narren hielt. Patient erinnert sich auch, eine Zeit- lang an jener Form des Kryptorchismus gelitten zu haben, bei der ein Testikel zeitweise durch den offenen Leistenkanal in die Bauch- höhle schlüpft. Dieser Umstand, die bessere Genitalentwickelung des älteren Bruders und dessen frühere Behaarung legten ihm frühzeitig den Gedanken nahe, er könne gar ein Mädchen sein. Er trug bis zum Ende des 4. Lebensjahres Mädchenkleider und hat wohl aus dieser Zeit *) Auch in der Ehe gibt es solche, die Neurose unterhaltende Konflikt- stellungen. Man findet sie häufig bei Impotenz, Frigidität, Angst, Platzangst usw.
2) Überempfindlichkeit des Geruchs-, des Geschmacks-, des Sehorgans, der Sensibilität als Zeichen von Organminderwertigkeit und Variation erweisen sich gleichfalls oft als zweifelhafte Geschenke der Natur, weil sie ebenso wie Unter- empfindlichkeiten die Einfügung ins Leben erschweren können.
96 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.
die Furcht erworben, nicht so wie der Bruder oder Vater zu sein, kein ganzer Mann zu werden. Die starke Entwickelung seiner Mammae hat seine Unsicherheit wesentlich verstärkt1). Dass er lange Zeit in Ungewissheit über die Geschlechts unterschiede ver- brachte, geht aus einem Erlebnis hervor, das ihm im Gedächtnis haften blieb, weil er bei dessen Erzählung von allen Anwesenden ausgelacht worden war. Er hatte im Volksgarten ein Mädchen beim Urinieren beobachtet und erzählte zuhause, er habe einen Knaben gesehen, der von rückwärts Harn Hess2).
Diese frühe Zeit war massgebend für seine Einstellung zur Familie und des weiteren zur Welt. Er sah sich verkürzt, und sein Minderwertigkeitsgefühl fand keine Ausgleichung in der Fa- milie. Seine Begehrlichkeit, sein Drang, es dem Bruder, dem Vater, irgend jemandem gleich zu tun, den er als stark, fähig, kraftvoll ansah, wuchs mächtig an, und leitete ihn auf Bahnen, wo er in häufige Kon- flikte mit seinen Eltern kam. Er wurde ein schlimmes, ungebärdiges Kind, und jetzt war eine zärtlichere Haltung der Eltern noch schwieriger zu erzielen. Seine Gelüste stiegen masslos, misstrauisch und mit wachsendem Jähzorn suchte er sich vor jeder Herabsetzung zu sichern und dies auch naturgemäss zu einer Zeit, wo er über seine Geschlechtsrolle bereits beruhigt sein konnte. Aber nun hatte sich durch die Entwickelung seiner Charakterzüge, die auch einen schlechteren Fortschritt in der Schule bedingten, seine Lage in der Familie so ungünstig gestaltet, dass er sich mit seiner verfeinerten Überempfindlichkeit mit Recht als zurückgesetzt ansehen durfte. So fand er den Weg zur Norm nicht mehr. Dass er aber dieses Gefühl der Zurückgesetztheit noch immer nach der Analogie einer weiblichen Rolle apperzipierte, ging schon aus dem ersten seiner Träume während der Behandlung hervor. Dieser lautete: „Mir war, als ob ich zusah, wie ein Affe ein Kind säugte."
Er wurde wegen seiner starken Behaarung, die er übrigens mit Stolz zeigte, von seinem Bruder öfters als Affe bezeichnet. Der Affe, der das Kind säugt, ein weiblicher Affe demnach, ist er selbst. Das heisst, er sieht sich, er empfindet sich in einer weiblichen Rolle, wobei das Säugen als Hinweis auf seine Gynäkomastie aufzufassen ist, die bei der Traumdeutung zur Sprache kam. Dies wäre die von mir für alle Träume behauptete weibliche Linie, der gegenüber die Andeutung der starken Behaarung in der Richtung des männlichen Protestes auf- zufassen ist. Patient führt sich also in die Kur mit der Eröffnung ein, dass er sich zurückgesetzt fühle und lässt uns durch das gewählte Bild erkennen, dass er diese Minderwertigkeit als weiblich werte.
Nebenbei will ich darauf hinweisen, dass der Traum häufig Bilder oder Ausdrucksweisen wählt, die eine gleichzeitige Durchsetzung *) Zu beachten ist die Minderwertigkeit der endokrinen Drüsen als organische Verlockung zur Neurose. S. „Organische Grundlagen der Neurose" in „Praxis und Theorie der Individualpsychologie", 1. c. Die Individualpsychologie darf in An- spruch nehmen, den Zusammenhang von Organminderwertigkeit und Verleitung zur Neurose und Psychose festgestellt zu haben.
2) Die ursprüngliche Unsicherheit der Geschlechtsrolle spielt, wie ich seit Jahren betone, (s. „Über neurotische Disposition 1909" und die folgenden Arbeiten) eine Hauptrolle in der Entwickelung der neurotischen Psyche, für die sie später als Symbol und verschärfende Operationsbasis im Kampfe um die neurotische Herrschaft Verwendung findet.
I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 97 mit weiblichen und männlichen Charakteren aufweist. Hier ein Affe, dessen Säugen als weiblich, dessen Behaarung gleichzeitig als männlich anzusehen ist. Derartige Ausdrucksformen, die ich als dem psychischen Hermaphroditismus zugehörig erkannt habe, lassen sich auf zwei erleichternde Bedingungen zurückführen: 1. entsprechen sie der infantilen Unfähigkeit der Geschlechtserkenntnis, 2. ist die Kategorie der Zeit bei starker Abstraktion im Traume völlig oder nahezu völlig ausgeschaltet, ähnlich wie in anderen Fällen die Kategorie des Raumes, so dass zwei Gedanken, die zeitlich oder räumlich zu trennen wären, — in unserem Falle: ich empfinde mich als Weib und will ein Mann sein, — zusammenfallen.
Die Aufdringlichkeit, mit der uns dieser erste Traum des Patienten auf sein Gefühl der Minderwertigkeit hinweist, sozusagen in einer Reaktion auf den Beginn der Kur, ist natürlich auch als Avis an den Arzt zu verstehen: meine Krankheit rührt von meinem Gefühl der Minderwertigkeit her! Meine Krankheit, — Ohnmachtsanfälle und Be- rufsuntauglichkeit, — sind Sicherungen gegen eine Niederlage im V. Akt. Ich bin ohnmächtig und untauglich wie ein Kind und sehne mich nach der Liebe, — Affenliebe, — wie ich sie im Traume sehe. Wir ergänzen: ohnmächtig aus Prinzip, um wie ein Kind gehätschelt zu werden, was er auch nach seinen Anfällen annähernd erreicht; und untauglich, damit man ihn immer mit Nahrung versorge, damit man nicht vergesse, dass er zeitlebens durch Zärtlichkeit und durch — Testament gesichert werden müsse.
Seine grosse Schreckhaftigkeit bei plötzlichen lauten Geräuschen, also seine Hyperakousie, war ganz besonders berufen, eine Vermitt- lung abzugeben, damit er seinen Zweck erreichen könne. Sein vor- gesetztes Finale, angestrebte Überkompensation seines Gefühls der Zurückgesetztheit, bestand ja darin, alle Liebe der Eltern, insbesondere der schwerer zu erreichenden der Mutter, auf sich zu lenken. So griff er gegebene Erlebnisse auf, ein Erschrecken bei Schüssen, wie er sie bei militärischen Leichenbegängnissen hörte, beim Pfauchen und beim schrillen Pfiff der Lokomotive, bei plötzlichen Angriffen des Bruders und der Spielgenossen, um auf das Herz der Mutter zu wirken. Das ihm vorschwebende Finale zog eine Fixierung der Hyperakousie nach sich, die ihn bis heute beherrscht. Diese tendenziöse Hyper- sensibilität ist so recht geeignet, wie ähnliche bei der Hysterie, uns begreiflich zu machen, dass die Unsicherheit den Patienten zwingt, seine Fühler so weit als möglich vorzustrecken, wie er dies auch mit den überspannten Charakterzügen tut. Andererseits drückte die Schreck- haftigkeit auf sein männliches Empfinden und gab ihm das Gefühl weiblicher Regungen. Er versuchte deshalb in manchen anderen Beziehungen Mut und unerschrockenes Benehmen an den Tag zu legen, was ihm auch gelang.
Die Aufdeckung seines Wunsches nach der Liebe seiner Mutter blieb ohne besonderen Erfolg. Seine Anfälle erfolgten in ungefähr den gleichen Intervallen, nur verlegte sie Patient ins Bett, dies aber nur deshalb, um sich auch gegen die Eingriffe der Behandlung zu sichern, die nunmehr nicht mehr so leicht wie anfangs der Kur die auslösenden Ursachen der Ohnmachtsanwandlungen feststellen konnte. Denn vorher waren sie stets im Zusammenhang mit Erlebnissen erfolgt, die das Persönlichkeitsgefühl des Patienten herabsetzten; jetzt war ich gezwungen, A dl er, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 7 98 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.
diese Erlebnisse aus Einfällen und Träumen des Patienten zu rekon- struieren. Der Patient freilich machte aus der Not eine Tugend und hob diese Veränderung als Besserung durch die Behandlung hervor, in der Erwartung, meine Sympathie so für sich zu gewinnen, ein Gewinn, der ihm, wie die entbehrte Liebe seiner Umgebung, als Machtgefühl zur Empfindung kam. Die Sucht, dieses Machtgefühl zu erlangen, hat auch aus ihm einen sehr umgänglichen, liebenswürdigen Charakter im Verkehr mit Fremden gemacht.
Nun könnte einer sagen, der Ödipuskomplex sei bei meiner anders- artigen Auffassung nicht rein zum Vorschein gekommen, nicht so rein, wie ihn etwa Freud selbst zur Darstellung gebracht hätte. Ich müsste dem energisch widersprechen. Gerade dieser Fall war wie wrenige ge- eignet, das Streben nach der Mutter in sexueller Verkleidung rücksichtslos zur Anschauung zu bringen, und der Patient zögerte nie, seine oft unverhüllten Ödipusträume als Beweise eines sexuellen Be- gehrens hinzustellen. Solcher Träume gab es viele. So träumte er: „Ich gehe mit einer Dame vom Rendez-vous weg auf die Gasse. " Die Dame stellte seine Mutter, vor, wie aus Einzelheiten hervorging. Die Gasse wies auf Prostitution hin. Das „Rendez-vous" aber war ein Bestandteil einer Tageserinnerung und bezog sich auf ein Mädchen, die ihm ein Wiedersehen verweigerte, durch ihre Ablehnung also der Mutter gleichgestellt wurde. Er konnte auf Mädchen nicht wirken, war so, nach seiner Meinung, um das männliche Machtgefühl gebracht, und erniedrigte, im Protest, die Mutter wie das Mädchen, des weiteren aber alle Frauen, die er eigentlich fürchtete, zu Dirnen, suchte auch entsprechend seinem Minderwertigkeitsgefühl den Kreis der Prostitution1).
Ebenso deutlich kam der „Ödipuskomplex" bei anderen Träumen zutage, wo auch erst die Einfügung in die psychische Konstellation erlaubte, das Sexuelle als Jargon, als Modus dicendi zu erkennen., So träumte er: „Ich sitze an einem schlichten Tisch aus braunem Holze. Ein Mädchen bringt mir ein grosses Gefäss mit Bier."