Die gleiche Kampfbereitschaft gewährleistet dem Neurotiker sein Han^ zum Wählerischen. Er kann dabei alle und alles entwerten, sich vor Entscheidungen sichern und seine Prärogative in Anspruch nehmen. Er wird dort wählerisch sein, wo es seinen Tendenzen am besten ent- spricht, und wo er die vorteilhaftesten Griffe anbringen kann. Beim Essen, bei der Wahl von Freunden, von Liebesbeziehungen, im Umgang sichert er sich dadurch ein quälendes Übergewicht. Jeder muss mit ihm rechnen, denn er ist krank, nervös. Zu grossen Leistungen gelangt dieser Charakterzug, sobald sich die Furcht vor dem geschlechtlichen Partner, vor der Ehe seiner bedient. Kein Mädchen, kein Mann taugt dann etwas, und ein windiges Ideal gibt ihm bei dieser Entwertung aller den Stützpunkt. Zu anderen Zeiten, in anderer Beziehung zeigt sich dieser Zug als Arrangement, als die Vorsicht eines Menschen, der den schwachen Punkt seines Minderwertigkeitsgefühls noch nicht über wunden hat: er kann auch genügsam sein, „wenn der Wind von Nord- nordwest blässt", wenn sein Wille zur Macht es verlangt. Man müsste blind sein, um in solchen Fällen die Überhebung und Arroganz, mit der meist eine andere Welt, andere Menschen, andere Geschlechtsverhältnisse gefordert werden, zu übersehen.
Eine der Beruhigungsmethoden, die wohl allenthalben zu finden sind, sobald Kinder sich irgendwie unzufrieden zeigen, sind die be- kannten Vertröstungen auf die Zukunft, in der das Kind grösser sein, wachsen wird. Von Kindern selbst kann man häufig hören: „wenn ich 9* 132 III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw.
gross sein werde, werde ich — — — u. Das Problem des Wachstums beschäftigt das Kind ungemein, und es wird im Laufe seiner Entwicke- lung ununterbrochen daran erinnert. So bezüglich seiner Körpergrösse, bezüglich des Wachstums der Haare, der Zähne und sobald es auf Spekulationen über den Sexualapparat gerät, bezüglich des Wachstums der Schamhaare und der Genitalien. Die Einstellung des Kindes in seine männliche Holle, von der wir oft gesprochen haben, verlangt ein deutliches Grössenwachstum der eigenen Person und seiner Körperteile. Wo ihm dieses versagt bleibt, — und hier stossen wir wieder auf das Fundament der Organminderwertigkeit, insbesondere auf ursächliche Rachitis (Thymusanomalien?), Anomalien der Thyreoidea, der Keimdrüsen, der Hypophysis usw., — gerät es durch seine Sehnsucht, nach männlicher Geltung in die männliche Proteststellung. Dann erhält es den verstärkten Antrieb zu Neid, Miss- gunst, Prahlerei, Habsucht, Aktivität, bekommt ein verstärktes Mass- gefühl und vergleicht sich ständig mit anderen, insbesondere mit den geltenden Personen seiner Umgebung, schliesslich auch mit den Helden aus Märchen und Erzählungen. So kommt es zu sehnsüchtigen Zukunfts- betrachtungen, und die von der Sicherungstendenz aufgestachelte Phantasie erfüllt alle Wünsche; dagegen rücken die Wirklichkeit und die Gemeinschaft in den Hintergrund. Damit bedeutet auch jede Neurose eine masslose Zeitvertrödelung.
IV. Kapitel.
Eiitwertungstendenz. — Trotz und Wildheit. — Sexualbezie- hungen des Nervösen als Gleichnis. — Symbolische Entmannung. — Gefühl der Verkürztheit. — Der Lebensplan der Mann- gleichheit. — Simulation und Neurose. — Ersatz der Männ- lichkeit. — Ungeduld, Unzufriedenheit und Verschlossenheit.
Das zwanghafte Streben des Nervösen, sein Persönlichkeitsideal mit den höher gewerteten männlichen Zügen zu erfüllen, treibt ihn wegen der Hindernisse der Realität, insbesondere des Gemeinschafts- gefühls, zum Formenwandel seiner leitenden Richtungslinien, so dass er auf Umwegen ein dem männlichen gleichwertiges Ziel zu erreichen sucht. Was ihn in die Irre führt, ist sein Sehnen und Drängen, ein unerfüllbares Ideal für sich zu realisieren. Kommt dann auf der Hauptlinie des männlichen Protestes die Niederlage oder ein Vorgefühl derselben, so sucht er auf Umwegen unter Arrangement ver- stärkter, sichernder Kunstgriffe dieses vorläufig als gleichwertig empfun- dene Ersatzziel. An diesem Punkte beginnt in der Regel jener Prozess der psychischen Umgestaltung, den wir Neurose nennen, sofern nicht die leitende Fiktion zur Vergewaltigung der Wirklichkeit führt sondern der Patient letztere nur als störend empfindet, wie in der Neurasthenie, Hypochondrie, Angst- und Zwangsneurose und in der Hysterie. In der Psychose tritt die leitende männliche Fiktion, in Bilder und Symbole kindlicher Herkunft gekleidet, hervor. Der Patient benimmt sich dann nicht mehr wie in der Neurose, als ob er männlich, oben sein wollte und dies mit allen Mitteln versuchte, sondern durch den Kunstgriff der Antizipation so, als ob er es bereits wäre, und weist nur nebenbei, in der Regel anfangs, wie zur Begründung (Depression, Ver- folgungsideen, Versündigungs-, Verarmungswahn) darauf hin, dass er „unten", unmännlich, weiblich sei. Wesentlich für die Psychose ist, dass der Patient auch „was uns alle bindet", die Logik, aufgibt.
Der Übersichtlichkeit halber gehe ich nun an die Schilderung einiger Charakterzüge bei Nervösen, die entweder geradlinig dem mit männlichem Inhalt erfüllten Persönlichkeitsideal zustreben oder so nahe anschliessen, dass sich die Auffassung, sie seien nur kleine Umwege des männlichen Protestes, von selbst aufdrängt; die allgemeine Auffassung hat sie als aktive, männliche Züge festgestellt, und der Nervöse kann sich auf das übereinstimmende Urteil berufen. Wir haben aber in früheren Betrachtungen bereits zu zeigen versucht, dass bei der 134 IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw.
Konstruktion männlicher Züge die Auswahl vom fiktiven Endziel abhängig und nur innerhalb geringer Grenzen von der bewussten Auffassung des Nervösen oder gar des Beurteilers geleitet ist. Er bedient sich auch solcher Richtungslinien zum männlichen Protest, die der allgemeinen Logik nicht immer oder nur teilweise als männlich erscheinen, etwa wie die Koketterie, die Lügenhaftigkeit usw. Als geradlinigere Charakter- züge zum männlichen Protest sind hervorzuheben: die häufigst bewusst geäusserten Tendenzen ein voller Mann, mutig, angriffslustig, offen, hartherzig, grausam zu sein, alle übertreffen zu wollen an Kraft, Einfluss, Macht, Klugheit usw. — Wenn das zugrunde liegende Minderwertigkeitsgefühl, — wegen der mit Sicher- heit vorauszusetzenden Niederlage oder Ahnung derselben, — verstärkte sichernde Kompensationen verlangt, so erfolgen diese durch Verstär- kung der Kampfbereitschaften, die nunmehr vielfach auf Um- wegen, in abstrakterer Weise, durch gleichzeitige, oft gegenteilige Züge — nach Art eines Kunstgriffes — dem männlichen Gefühl der Über- legenheit zustreben. Dann kann der Nervöse anstatt Trotz oder neben diesem die Fügsamkeit, je nach Bedarf Züge von Mass- losigkeit und Bescheidenheit, Roheit und Milde, Mut und Feigheit, Herrschsucht und Demut, Männlichkeit und Weiblichkeit aufweisen, die immer seiner Sicherung vor Niederlagen dienen oder ihm gestatten, auf Umwegen sein Persönlichkeitsgefühl zu erhöhen oder andere zu entwerten. Dass man auch mit der Schwäche, mit Demut, mit Be- scheidenheit siegen kann, zeigt das Beispiel der Frauen und viele welt- geschichtliche Exempel.
Die Herrschaft der selbst gemachten Götzen, der leitenden Fiktion und ihrer Hilfslinien ist jedesmal leicht zu erkennen, dringt übrigens in der Psychose mit nicht misszuverstehender Deutlichkeit durch. Ich will an einem Traume eines 22jährigen Mädchens, die an Enuresis noc- turna litt, tagsüber häufig Ausbrüche von Jähzorn und Verstimmung hatte, nur mit mir, sonst nirgends Frieden halten konnte und häufig Suizidgedanken hatte, zu zeigen versuchen, wie alle diese Erscheinungen samt anderen Zügen von Herrschsucht, Trotz, aber auch Ängstlichkeit unter der Leitung des männlichen Protestes standen, wie dieser aber abhängig war von einer konstitutionellen Minderwertigkeit der Harn- organe, die im Zusammenhang mit Hässlichkeit und ursprünglicher Langsamkeit der geistigen Entwickelung bei Status thymicolymphaticus zur kompensierenden Aufstellung einer übertrieben männlichen Leitlinie zwang. Um den Fall kurz und abschliessend verständlich zu machen, schicke ich voraus, dass die Patientin zur sichernden Neurose die Re- alien ihrer Kindheit verwendet, die Enuresis als Bereitschaft ausgebildet hatte und jedesmal mit diesem Symptom eingriff, wenn ihr Persönlich- keitsgefühl eine Herabsetzung erfuhr. Auch in diesem Falle zeigte sich die kolossale Macht der Entwertungstendenz im Arrangement des Anfalls, der die Mutter zu machtloser Verzweiflung trieb, zugleich aber auch in der allgemein üblen Form eines Hinweises, durch den der Patient alle Schuld von sich ab und auf eine andere Person wälzt, diese dadurch erniedrigend. Der folgende Traum zeigt diese Spitze be- sonders deutlich: „Die Mutter zeigt meiner Freundin die schmutzige Kappendecke des Bettes. Wir beginnen zu streiten. Ich sage: die Kappendecke ist von dir, — und fange heftig zu weinen an. Ich erwache tränenüberströmt."
IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 135 Kurz vorher erzählte sie, dass sie oft weinend aus dem Schlafe erwache, ohne den Grund ihres Weinens zu kennen1). Aus dem Zu- sammenhang der damals schon durchsichtigen Krankheitsgenese ergab sich, dass das Weinen in Beziehung zur Mutter von Bedeutung war, eine der üblichsten kindlichen Angriffsbereitschaften vorstellte, die Über- legenheit der Mutter zu verringern. Nach Mitteilung des Traumes be- merkt Sie: „Sie werden gewiss glauben, dass Sie mit Ihrer Meinung bezüglich meines Weinens recht haben." Solche und ähnliche Bemerkungen hört man während der psychotherapeutischen Behandlung regelmässig, und man darf die darin verborgene Kritik als Bereitschaft der gegen alle gerichteten Entwertungstendenz nicht übersehen. Der diesmalige massvolle Ausdruck derselben Hess mich erwarten, dass die Heilung der Enuresis im Gange sei, da die heftigeren Reaktionen ausgeblieben waren. Früher hatte sie in ähnlichen Fällen mit Schärfe und Leidenschaft hervorgehoben, dass ich ganz unrecht habe, oder sie hätte solche Träume und Gedanken, die für mich sprachen, verschwiegen oder vergessen. In meiner An- nahme wurde ich durch die weitere Mitteilung bestärkt, dass Patientin nach dem Traume sofort die von früher her nur wenig beschmutzte Bettwäsche abgenommen und heimlich gereinigt habe, was früher nie vorgekommen war, weil der Anblick der schmutzigen Wäsche für die Mutter bestimmt war.
Zur Erklärung des Traumes berichtet sie folgendes: sie sei fest überzeugt, dass die Mutter von der Enuresis allen Bekannten erzähle. Alle Verwandten scheinen von ihrem Leiden zu wissen. Einmal habe ihr ein Onkel, offenbar um sie zu trösten, mitgeteilt, er und noch ein anderer Bruder der Mutter hätten lange Zeit das Bett nass gemacht. Im Traum gibt sie vorwurfsvoll der Mutter zu verstehen: dieses Leiden liegt doch in deiner Familie, du bist schuld, wenn ich das Bett be- schmutze, „die schmutzige Kappendecke ist von dir!" — Weiter erzählt sie, dass sie beim Wäschewechsel oft einen Duchentüberzug statt einer Kappendecke nehme; der eine sei geschlossen, die andere offen, — fügt sie hinzu, — und man könne beide im Kasten leicht verwechseln.
Hinter diesen Gedanken liegt das Problem von „offen und zu" als Ausdruck für den Gegensatz der Geschlechter deutlich zu erkennen. Sie gibt der Mutter die Schuld an ihrer Krankheit, schielt aber sozu- sagen gleich nach dem Urgrund und der Triebfeder ihres Leidens, der durch die Mutter verschuldeten Weiblichkeit, und verrät uns im männ- lichen Protest ihres Traumes, wie gering sie den Unterschied zwischen Mann und Frau veranschlage. Ahnlich erklärte George Sand, es gäbe nur ein Geschlecht. Das Streiten und Weinen ist die vorwiegendste Attitüde ihrer Aggression gegen die Mutter, deren Überlegenheit sie dadurch, wie auch durch das Festhalten an der Enuresis aufzuheben *) Die seelischen Vorgänge im Schlafe werden vom richtunggebenden Endziel wie die im Wachen geleitet. Der Patient macht im Schlafe eine Wendung durch von den ungelösten, drängenden Fragen in der Kichtung des Finales. Das Traum- bild zeigt wie in einer Analogie ein Stück dieser Wendung, zeigt auch, wie will- kürlich Argumente aus der Luft gegriffen werden, um die vorausbestimmte Haltung zum Leben zu gewinnen. Siehe „Praxis und Theorie der Individual- Psychologie" 1. c, „Traum und Traumdeutung" und anderes. — Im vorstehenden Traum wird die Vorbereitung zum Konflikt mit der Mutter durch Präokkupation mit Erinnerungen an Kränkungen getroffen.
136 IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw.
sucht. Dass sie gegenwärtig mit der enuretischen Bereitschaft auch gegen den Mann operiert, einer Heirat und damit der „ Herrschaft des Mannes" auszuweichen sucht, geht aus anderen Perspektiven ihrer neurotischen Psyche hervor.
Ein Beispiel für den Formen*Vvandel der leitenden männlichen Fiktion, die ursprünglich gelautet hat: ich will' ein Mann sein, — im obigen Stadium der Kur: ich w ill der Mutter üb erlegen sein, so wie ein Mann — ergab sich gegen Ende der Kur und kann un- gefähr in die Worte gefasst werden: ich will die Mutter ernied- rigen — mit weiblichen Mitteln. In einem Traum, einem Vorversuch also, einem probeweisen Anschlag, kommt diese Richtungslinie unserer Behauptung gemäss zu stärkerem Ausdruck. Er lautet: „Ich liege in einem brennenden Bett. Um mich herum jammern alle. Ich lache laut."
Dem Traum gingen Gespräche und Erwägungen über „freie Liebe" voraus. Das brennende Bett stellt nach der Auffassung der Patientin Liebesfreuden vor. Wir übersetzen unserer Traum auffassung gemäss: Wie wäre es, wenn ich der freien Liebe huldigen würde? Dann würde meine Mutter beschmutzt sein, ich aber würde sie auslachen, wäre ihr überlegen. — Man beachte den wie so häufig aus dem psychischen Überbau der Harnfunktion stammenden Ausdruck „brennen" im Gegen- satz zu „Wasser" (Enuresis)1), und die auf dieser „Urinsprache" ge- gründete gleichnisweise Darstellung. Das „Lachen" in diesem Traume ist gleichwertig dem „Weinen" im ersten Traume. Beide zeigen die Aggressionsrichtung, die zur Niederlage der Mutter führen soll. Auch in dem Falle kann man die Unhaltbarkeit der Annahme einer Persön- lichkeitsspaltung leicht ersehen. Ebenso irrtümlich wäre die Annahme eines realen Sexualwunsches. Nur wrenn die Mutter dabei herabgesetzt wird, sie also die Rolle des herrschenden Mannes spielen könnte, wäre ihr dieses Mittel recht.
Die leitende Fiktion der Manngleichheit kommt bei allen Mädchen und Frauen in irgend einer Weise zum Ausdruck. Wie ich an obigem Falle zeigen konnte, ist es der durch die Realität erzwungene Formen- wandel, der die Verschleierung des männlichen Protestes bewirkt. Ebenso ist es wesentlich, in der Analyse neurotischer Patientinnen jenen Punkt ihres Seelenlebens ausfindig zu machen, wo sie gegen ihr Gefühl der Weiblichkeit protestieren. Man wird ihn immer finden, denn der Drang nach Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls erzwingt die Konstruktion von sichernden Richtungslinien, die im Gegensatz zur Idee des „Weiblichen" erbaut wrerden. Bei normalen Mädchen und Frauen liegen meist kulturelle oder unkulturelle Emanzipationsgedanken, kämpferische, gegen den Mann und seine Privilegien gerichtete Züge zutage. Man trachtet die Distanz möglichst zu verringern, in Kleidung, Haltung, Sitte, Gesetz, Weltanschauung. In allen diesen Beziehungen steigert sich der männliche Protest der Nervösen. In der Kleidung werden grelle, aber auch männlich einfache Moden, häufig Verlänge- rungen einzelner Stücke und stark erhöhte Schuhe bevorzugt. Oder *) Adler, Studie, 1. c. Anhang. — Vor mir hat Freud den Zusammenhang von Feuer und Wasser im Traume berührt.
IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 137 alle als weiblich imponierende Arten der Kleidung werden abgelehnt. Häufig besteht ein besonders heftiger Kampf gegen das Mieder, der gegen die Fesselung gerichtet ist, aber auch anderen Zwecken dienen kann, der oft, um Gesellschaften auszuweichen, inszeniert wird und meist seine Spitze gegen die Mutter richtet. Haltung und Sitte neuroti- scher Frauen ist oft so deutlich männlich, dass es im ersten Augenblick auffällt. Übereinandergeschlagene Beine, gekreuzte Arme sind zuweilen verräterische Spuren, ebenso das Bestreben, auf der linken Seite, wo sonst der Mann seinen Platz hat, zu gehen, niemanden beim Stehen (z. B. im Tran) vor sich zu dulden usw. In der Weltanschauung der neurotischen Patientin wird die regelmässige ideelle Überschätzung des Männlichen durch die praktische Entwertung des Mannes reichlich auf- gewogen. Im Sexualverkehr überwiegt die Anästhesie. Männliche oder den Mann herabsetzende Varianten werden bevorzugt.
Ähnliche Auftragungen bietet die neurotische Psyche des Mannes. Er leitet seine Griffe von einer fiktiven weiblichen Empfindung aus, um zum Gefühl der vollendeten Männlichkeit zu kommen. Einer meiner Patienten, der an Asthma nervosum litt, brachte diese Dynamik mit grosser Deutlichkeit zur Anschauung. Er war ein schwächliches Kind gewesen und hatte, — ein Zusammenhang, auf den Strümpell hingewiesen hat, — an exsudativer Diathese gelitten. Seine häufigen Katarrhe ermöglichten ihm frühzeitig, die Mutter in seinen Dienst zu stellen. Sie nahm ihn zu sich, pflegte ihn in ihrem Schlafzimmer und fügte sich seinen Wünschen. Er kam frühzeitig unter die Aufsicht einer strengen Gouvernante, der er trotz seines Jähzorns und seiner Unbändigkeit nicht gewachsen war. Ihr gegenüber fühlte er sich schwach und lernte so die Wege kindlicher Schlauheit kennen, auf denen er sich der strengen Gouvernante entzog, und zwar durch Simulation und Übertreibung der katarrhalischen Beschwerden, durch das Arrangement von Husten und anfänglich willkürlichen Reizungen der Kehlkopf- und Luftröhrenschleimhaut mittelst eines eigenartigen forcierten Atmens, durch asthmatische Erscheinungen, die er nach dem Bilde des Pressens beim erschwerten Stuhlgang durch Anspannung der Bauchpresse und starken Verschluss der Glottis erzeugte. Er lernte bald verstehen, dass er bei solchen Erscheinungen ins Schlafzimmer der Mutter kam, und brachte im Laufe der Jahre eine asthmatische Bereitschaft zustande, die er jederzeit unbewusst aktivieren konnte, wenn er, der ein überspanntes fiktives Leitziel mit sich trug, sich zum Beherrscher des Hauses, damit auch der Gouvernante, aufschwingen wollte. Bald erreichte er auch, dass ein Verbot an die Gouvernante erging, nach welchem er nicht strenge behandelt oder geschlagen werden durfte.
Wir sehen, wie sein Persönlichkeitsideal nunmehr über eine aller- dings neurotische Waffe verfügte, die ihn in den Stand setze, einer Niederlage, dem auftauchenden Gefühl seiner ursprünglichen Minder- wertigkeit dadurch zu entkommen, dass er auf einem Umweg, nicht mehr durch Trotz, Jähzorn, Mut, Mannhaftigkeit, sondern durch eine Art List, Verschlagenheit, unmännliches Verhalten, Feigheit und Anleh- nung an die Mutter obenauf zu sein trachtete. Dieser Winkelzug, hypostasiert und zu einem unbewusst wirkenden Bereitschaftsmechanis- mus verarbeitet, gab ihm die fürs Leben nötige Sicherung. Sein neuro- tisches Symptom, das durch weitere Hilfslinien seiner Charakterzüge, 138 IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw.
alles haben zu wollen, durch seine Herrschsucht, durch seinen Starrsinn und durch seine Rechthaberei, gleichzeitig durch Feigheit, Furcht vor neuen Unternehmungen, Furcht vor Männern und Frauen und durch die aus ihr sich stets belebende Entwertungstendenz behütet und bean- sprucht wurde, die im Bunde seiner- Aggressionsbereitschaften eine so wichtige Rolle spielte, ergab für ihn ein neues Organ, ein Mittel, sich auf besondere Weise geltend zu machen, sich seiner Welt zu bemäch- tigen, indem er stets die Mutter als Schutz begehren konnte. Bei ihr fühlte er sich sicher wie bei keiner Frau, und so kam er aus Not zu einer Verliebtheit in seine Mutter, die näher betrachtet sich in Tyrannei auflöste. Schwangerschaftsphantasien spiegelten ihm das erniedrigende Empfinden einer weiblichen Rolle vor und konnten mit Kastrationsgedanken sowie mit Phantasien ein Weib zu sein abwechseln. Sein Masturbationszwang zeigt den Versuch, sich siegreich von der Frau zu emanzipieren, einer Niederlage zu ent- gehen, sich männlich zu geberden, und setzte sich fort in gleichgerichtete Grössenphantasien, beides Ausdrucksformen seines männ- lichen Protestes. Als Bild und Anschauungsform für seine Minder- wertigkeit und weibliche Artung galt ihm die vermeintliche, übertrieben empfundene Kleinheit seiner Genitalien. Seit seiner Kindheit suchte er alle seine misslungenen Anschläge und seine Niederlagen unter das Bild des ursächlichen kleinen Penis zu bringen, apperzipierte auch alle seine Erlebnisse und gruppierte sie nach dieser Richtung und der damit zusammenhängenden gegensätzlichen Anschauungsform von „männlich- weiblich". Der „kleine Penis" war für ihn der bildliche Grenz- begriff zwischen männlich und weiblich und zeigte sich wie die Haltung des Patienten auf der Idee eines körperlichen und psychischen Hermaphroditismus und seiner Tragik auf- gebaut. Kein Wunder, dass man in der psychologischen Analyse dieser Fälle mit der männlich-weiblichen Apperzeptionsweise, die zu den Grund- lagen der neurotischen Psyche gehört, immer auf sexuelle Relationen stösst. Sie sind alle als Modus dicendi, als Jargon und bildliche Aus- drucksweise zu verstehen und dementsprechend aufzulösen, wobei Kraft, Sieg, Triumph in männlicher Sexualsymbolik, Niederlage in weiblicher, die neurotischen Kunstgriffe in beiden zugleich, zumeist auch in per- verser oder hermaphroditischer Symbolik zum Ausdruck kommen. Aus letzterer ist im Zusammenhang leicht die Tendenz zur Überwindung des Gegenspielers zu entnehmen.
Bei unserem Patienten war bald zu erraten, dass er ausser der sexuellen Ausdrucksweise auch noch eine Apperzeptionsweise auf der gegensätzlichen Anschauung des Ein- und Ausatmens hatte, die durch die Minderwertigkeit seiner Atmungsorgane, der Nase miteinbegriffen, angeregt worden war. Auch die zu unserer gegenseitigen Verständigung dienende Sprache bedient sich solcher Bilder, und ein Seufzer der Er- leichterung aus gepresster Brust kann ganz gut in das Bild gekleidet werden, als ob man wieder Luft hätte. Auch eine Hetzjagd um den Vorrang, die Begierde, der Erste am Ziele zu sein, vermochte Patient „pantomimisch" in Erinnerung an den Wettlauf in den Knabenjahren durch keuchendes Atmen darzustellen. In einem Traum aus der letzten Zeit der Behandlung bedient er sich der bildlich zu verstehenden Fähig- keit zu pfeifen, um seine Männlichkeit „respiratorisch" hervorzu- heben. Der Traum lautet: IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 139 „Mir war, als ob 4 Leute pfiffen. Ich merke, dass ich es ebenso gut kann." Kurz vorher hatte er eine Beziehung zur Gouvernante in der Familie seines verheirateten Bruders angeknüpft und hatte an sie die Frage gestellt, ob sein Bruder des Nachts oft die Frau besuche. Das Mädchen gab eine verneinende Antwort. Pfeifen können ist das Ideal aller kleinen Knaben, und auch Mädchen bemühen sich oft, diese männliche Attitüde herauszubringen. In diesem Traume nimmt er probe- weise einen Vergleich vor, ob er den männlichen Angehörigen seiner Familie gewachsen sei, und kommt von dieser seinem Weibempfinden ent- stammenden Linie zum männlichen Protest: er sei allen Vieren gewachsen.