SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Auch in diesem Falle fand ich meine Beobachtung bestätigt, dass der Nervöse seine sexuelle Libido nach der Art und Grösse empfindet, ebenso darstellen kann, wie es sein fiktives Endziel verlangt, so dass jede psychologische Auffassung haltlos wird, welche den Faktor der Libido als konstitutionell gegeben und in seinen Abwandlungen und Schicksalen das Wesen der Neurose er- blickt. Insbesondere sind Sexualwünsche und Erregungen leicht zu arrangieren und stets dem männlichen Protest in irgend einer Weise untergeordnet. Eine Identifizierung von Männlichkeit mit Sexualität kommt in der Neurose durch Abstraktion, Symbolisierung und bildliche Organsp räche zustande, und dieser fälschende Kunst- griff des Nervösen füllt seinen Gedankeninhalt mit sexuellen Bildern.

Die Rechthaberei und versteckte Streitsucht, die mit der Entwertungstendenz in innigster Verbindung stehen, stellen den Psychotherapeuten vor schwere taktische und pädagogische Probleme. Sie verraten in jedem Falle den schwachen Punkt, das Minderwertig- keitsgefühl des Patienten, das ihn zur Kompensation treibt. Eine ein- fache Anschauungsweise gibt uns ein Hilfsmittel an die Hand, die neurotische Aggression des Patienten in jedem Falle zu entlarven. Man stelle sich vor, dass der Nervöse sich um seine volle Männlichkeit gebracht, sich verkürzt fühle und be- obachte nun, durch welche Kunstgriffe er seine Ergän- zung oder Überkompensation durchzuführen versucht. Vor allem sind seine mündliche Darstellung und die Betonung seines „Wollens" nicht allzuschwer zu nehmen. Man mache es lieber wie üdysseus bei der Zauberin Kirke und verstopfe die Ohren auch bei den ganz aufrichtig gemeinten Behauptungen. Den guten Willen muss man sehen, nicht hören. Und man wird erhabene Einsichten gewinnen, wenn man sich wie vor eine Pantomime stellt. Man wird dann leicht eine Anzahl von Bereitschaften, Charakteren, Syndrome und Symptome finden, die ein ideelles Organ vorstellen können, muss aber darauf gefasst sein, wie vor ein Rätsel gestellt zu sein, das erst entziffert werden soll. Denn dieses ideelle Organ, eben die Neurose oder Psychose, ist wohl männlicher Herkunft und trägt in sich die Bestimmung, das Persönlichkeitsgefühl des Patienten nicht sinken zu lassen, ihn vielmehr seinem männlichen Endziel nahe zu bringen. Aber die rauhe Wirklichkeit versagt sich dem Werben dieser Fiktion so sehr, dass die absonderlichsten Umwege gewählt werden müssen, dass Teil- und Scheinerfolge angestrebt werden, fast immer ohne dass der Patient seinem Endziele näher kommt1). Und immer wieder steigert J) Siehe „das Problem der Distanz" in,, Praxis und Theorie der Individual- psychologie" 1. c.

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die Hilfe des Psychotherapeuten, der in seltenen Fällen durch die Schicksale des Lebens vertreten werden kann, bei Misserfolgen diesen „Willen zum Schein" und verstärkt die abstrakten, prinzipiellen Linien der alten, leitenden Fiktion. Einer der hauptsächlichsten Umwege, auf denen dieses ideelle Organ, — eben- der männliche Protest, — wirkt, ist die Entwertungstendenz. Von ihr war deshalb so oft die Rede, weil sie für den Arzt und dem Arzte gegenüber leicht ins Auge fällt und immer die Stärke des neurotischen Bestrebens zum Ausdruck bringt. Sie ist auch der stetig vorhandene Anknüpfungspunkt, um dem Patienten die Selbsteinsicht zu verschaffen, und sie liegt auch jener Erscheinung zugrunde, die Freud als Widerstand beschrieben und irtümlich als Folge der Verdrängung sexueller Regungen aufgefasst hat. Mit ihr kommt der Xervöse zum Arzt und sie trägt er, wie der „Normale" auch, er- heblich geschwächt, wenn er die Behandlung verlässt, nach Hause. Nur dass seine gesteigerte Selbsteinsicht dann wie ein Wächter vor ihren Äusserungen steht, und so den Patienten zwingt seiner Sehnsucht nach „oben*' andere Wege zu weisen und sie zu dämpfen.

Man darf nicht davor zurückschrecken Äusserungen des Zweifels, der Kritik, Vergesslichkeit, Verspätungen, allerlei Forderungen des Patienten, Verschlechterungen nach anfänglicher Besserung, beharrliches Schweigen ebenso wie zähes Festhalten von Symptomen als wirksame Mittel der auch gegen den Psychotherapeuten gerichteten Entwertungs- tendenz aufzugreifen. Man wird dabei kaum je fehlgehen und wird meist durch die Koinzidenz gleichgerichteter tendenziöser Erscheinungen und durch deren Vergleichung in dieser Auffassung gerechtfertigt werden. Es handelt sich oft um die subtilsten Äusserungen. Soll ich noch hinzufügen, dass die ausgebreitetste Erfahrung und Kenntnis be- züglich der Entwertungstendenz gerade hinreicht, um nicht überrascht zu werden, und dass grosses Taktgefühl, Verzicht auf die überlegene Autorität, stets gleichbleibende Freundlichkeit, wachsames Interesse und das besonnene Gefühl einem Kranken gegenüberzustehen, mit dem kein Kampf zu führen ist, der ihn aber jederzeit beginnt, zum Erfolge un- umgänglich nötig sind?

Bei einem stotternden Patienten erwies es sich als erforderlich, ihm in einer Zeichnung die Lage des Kehlkopfes klar zu machen. Anstatt die Zeichnung mit nach Hause zu nehmen, wie er vorhatte, um sie noch- mals zu überlegen, Hess er sie bei mir auf dem Tische. Am nächsten Tage verspätete er sich um eine Viertelstunde, suchte zuerst das Klosett auf, erzählte von einem anderen Patienten, der sich über mich beklagt hatte und berichtete nach anfänglichem Schweigen einen Traum, der folgendermasseu lautete: „Es war mir, als ob ich eine Zeichnung betrachtet hätte. Von einem Kreis ging ein Zylinder aus, der nicht gerade, sondern seitwärts verlief."

Die Deutung ergab, dass es sich um die Zeichnung des Kehlkopfes handelte, auf der der Kehlkopf gerade nach unten gezeichnet war. Patient polemisiert im Traume mit mir, als wollte er sagen: wie wäre es aber, wenn mein Arzt unrecht hätte? — und zeigt mir dadurch seine misstrauische Stellung, die Furcht hintergangen zu werden, zugleich aber auch die gegen mich gerichtete Entwertungstendenz, die sich in seinen unbewussten Massnahmen des Vergessens, der Verzögerung, der IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 141 tendenziösen Berichterstattung, des Schweigens und endlich in einem probeweisen Versuch im Traum, mir Unrecht zu geben, geäussert hat. Man kann mit Recht erwarten, dass der Patient sein Stottern zum gleichen Zweck verwendet und gegen mich verwenden wird. Trotz vieler Gegensätze zwingt er mich in die Rolle eines ehemaligen Lehrers, den er oft korrigierte, damit er mit seinen alten Bereitschaften gegen mich vorgehen kann1). Dies ging aus seinen Bemerkungen zum Traume hervor, und des Ferneren noch, dass seine Krankheit von ihm aufgegriffen und festgehalten war, um sich die Überlegenheit über seinen Vater zu sichern und so diesen zu entwerten.

Eine Patientin, die mir wegen Depression, Suizidgedanken, Wein- krämpfen und lesbischen Neigungen zur Behandlung zugewiesen war, wurde von mir wegen Verdachts einer Genitalaffektion nach kurzer Be- handlung zu einem Gynäkologen geschickt, der ein grosses Myom ent- fernte, und sich von dieser Operation eine Heilung der Neurose versprach. Nach der Operation reiste die Patientin in ihre Heimat und schrieb mir von dort, sie habe nun erkannt, dass der Gynäkologe mit seiner Meinung recht gehabt habe. Hoffentlich würde ihm die Operation bei einer Gräfin, von der sie in der Zeitung gelesen habe, besser gelingen als bei ihr. Bald darauf erschien sie bei mir, polemisierte gegen eine meiner Arbeiten, die sie sich irgendwie ver- schafft hatte, erklärte mir ihr ungeheures Interesse für meine Behand- lung, erzählte, dass ihr Zustand der gleiche sei wie vor der Operation und verschwand. Aus dem Stück ihrer Krankheitsgeschichte, das sie mir während der Behandlung mitteilte, ergab sich unter anderem, dass sie mit ihrer ganzen Umgebung in Unfrieden lebte, dass sie den Mann vollkommen beherrschte, dass sie die Kleinstadt hasste und einer Freundin gegenüber sexuell und psychisch den Mann spielte. Ihre Furcht vor Kindersegen war ungeheuer, der Sexualverkehr unerträglich, weil ihr der Mann zu schwer erschien. Als letzterer sie einmal während der Kur besuchte, träumte sie Tags vorher Folgendes: „Mir war, als ob das ganze Zimmer in Feuer gehüllt wäre."

Sie gab spontan an, dass dies ein typischer Traum sei, der fast regelmässig zur Zeit der Periode wiederkehrte. Diesmal war noch lange Zeit bis zu ihrem Termin. Der Traum Hess sich deutlich als Versuch erkennen, eine weibliche Situation. — die Menstruation, — zum männ- lichen Protest, — Verweigerung des Sexualverkehrs, — zu verwenden. Ein tieferes Eindringen, das sicherlich kindliche Enuresis aufgedeckt hätte (Feuer — Myom, siehe „Studie", Anhang), war durch die Unter- brechung der Behandlung verhindert. Ich bekam noch einen Brief, der Versicherungen enthielt, Patientin wolle nunmehr mit ihrer Umgebung in meinem Sinne Frieden schliessen. Ich meine, dass ihr dies noch recht schwer gefallen sein mag. — Trotz, Wildheit, Ungeberdigkeit können in gleicher Art dem Beweise dienen, den Patientinnen suchen, um ihre geringe Eignung für die weibliche Rolle darzutun. Die Vorbereitungen beginnen schon in früher Kindheit und führen allmählich zu physischen und psychischen Gewandtheiten in Geberde, physiognomischem Ausdruck, Affektbereit- schaft und Mimik, während der Charakter sich nach der ideellen Leitlinie *) Junktim zwischen mir und dem Lehrer zum Zweck einer tendenziösen, herabsetzenden Affektäusserung. Es wird nicht übertragen, sondern alle werden über einen Kamm geschoren.

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psychisch ausgestaltet und vorbauend, vorausfiihlend, die Stellung- nahme des Patienten einleitet. In vielen Fällen findet man diese Züge geradlinig ausgesprochen, und sie dienen direkt zur Darstellung des männlichen Protestes. Oder es erfolgt der Formenwandel der leitenden Fiktion, sei es wegen auftauchender 'Widersprüche in der Leitlinie, im Falle einer wirklichen oder drohenden Niederlage, sei es —, was sich gewöhnlich damit deckt, durch einen als unüberwindlich gewerteten Widerstand der Realität. Unter dem Arrangement der sichernden Angst oder des sichernden Schuldgefühls oder sichernder gegenteiliger Züge (Dissoziation der Autoren) erfolgt dann die Abbiegung auf den neuro- tischen Umweg. Aber die Bereitschaften bleiben bestehen. Nur dass die neurotische Vorsicht die Abbiegung unter den Sicherungen der Angst, des Schuldgefühls, des Anfalles einleitet, wenn der Patient mit der ur- sprünglich hergestellten Affektbereitschaft (der Wut, des Jähzorns, der Aggression) antworten sollte. Häufig findet man tendenziös grup- pierte Erinnerungen an Masslosigkeiten, Gedanken und Erinne- rungen, Vorspiegelungen, als sei man grenzenlos begehrlich, sinnlich, dämonisch, verbrecherisch, zuweilen auch offensichtlich arrangierte Un- besonnenheiten und Unfälle, die als Memento der Vorsicht die Wege weisen. Oder der Abbruch der geradlinigen männlichen Aggression geschieht immer wieder knapp vor der Ent- scheidung, wodurch sich viele neurotische Liebesbeziehungen aus- zeichnen oder erklären. Auch in perverser Richtung kann bei diesen die Abbiegung unter dem Einfluss der Sicherungstendenz erfolgen, oder die Richtungslinie führt bis in den Schutz des Vaters, der Mutter, Gottes, des Alkoholismus oder einer Idee. Versuche mit weiblichen Mitteln nach Oben zu kommen, wenigstens alle Frauen zu übertreffen, führen zu übertriebener Reinlichkeit, zur „Putzkrankheit", zu maso- chistischer Unterwerfung oder Koketterie, Gefallsucht und fortwährenden Liebeleien bei weiblichen Patienten. Immer wird man Züge oder ver- räterische Spuren nebenbei finden, dass auch in diesen Fällen die leitende männliche Fiktion allmächtig ist und auf diesen Umwegen ihr Ziel zu erreichen sucht. — Die Erhöhung der Sexualerregung in manchen dieser Fälle ist nicht als echt, etwa als konstitutionell gegeben zu ver- stehen, sondern zeigt sich gebunden an die Fiktion und kommt zustande durch ununterbrochene tendenziöse Aufmerksamkeit, die auf Erotik ge- richtet ist. Dasselbe gilt von Perversionen und scheinbar herabgesetzter Libido, die auf neurotischen Umwegen konstruiert werden. AlleSexual- beziehungen in der Neurose sind nur ein Gleichnis.

Die Furcht vor der Überlegenheit des Mannes und der entwertende Kampf gegen ihn kleidet sich oft infolge der gegensätzlichen neuro- tischen Perspektive in Entmannungsphantasien, die den Mann entwerten sollen. In Träumen dieser Patientinnen liegt dies klar zutage und lässt sich durch gleichzeitige andersartige Entwertungen in unserem Sinne erweisen. Einer dieser Träume sei hier angeführt. Die Patientin kam kurz nach einer Fisteloperation wegen eines Zwangsgedankens und wegen Aufregungszuständen in meine Behandlung. Der Zwangsgedanke lautete: „ich werde nichts erreichen können". Schon bei unserem ersten Zusammentreffen äusserte sie Zweifel, ob ich etwas erreichen werde. Die gleiche Linie der Entwertung beleuchtete ihr Traum. Sie träumte: „Ich rief im Traume: Marie, die Fistel ist schon wieder dal" IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 143 Der Operateur hatte ihr völlige Heilung versprochen und hat auch Wort gehalten. Er ist ihr in mancher Hinsicht verpflichtet und wollte kein Honorar nehmen. Patientin regte sich darüber sehr auf und empfand dies als Herabsetzung. Sie quälte sich einige Zeit mit Ge- danken, wie sie ihrer Schuld ledig werden sollte. Marie heisst ihr Dienstbote, mit dem sie nie über die Operation gesprochen hatte. Käme es zu einem neuerlichen Aufbruch der Fistel, so wäre ihr erster Gang zu dem Operateur, dem sie ihre Meinung sagen würde. Marie, ein weiblicher Dienstbote, ist der Operateur. Patientin setzt den Fall, den ihr männliches Selbstgefühl braucht, der Arzt hat schlecht operiert, hat sein Wort nicht gehalten, ist ein Weib und Dienstbote zugleich. Dies die Art, wie sie alles erreichen könnte: wenn es um- gekehrt, wenn sie ein Mann wäre.

Wenn man die veröffentlichten Analysen welcher psychologischen Schule immer darauf untersucht, wird man regelmässig den Mechanismus des neurotischen männlichen Protestes darin finden. Ich will aus der Analyse eines Falles von Migräne diesen Zusammenhang nochmals hervorheben.

Aus ihrer Kindheitsperiode erzählte Pat. sofort, dass sie stets mit den älteren Brüdern in Streit lebte, weil sie sie beherr- schen wollte. Derartige Erinnerungsspuren leiten, sobald sie frei- willig preisgegeben werden, regelmässig auf einen verborgenen Kampf gegen die männliche Vorherrschaft. Und man wird sich nie in der Voraussetzung täuschen, dass auch andere Charakterzüge auf diesen Kampf, es dem Manne gleich zu tun, hinweisen. Unbeeinflusst fährt unsere Patientin fort zu erzählen, dass sie fast ausschliesslich mit Knaben spielte und von ihnen „wie ihresgleichen behandelt wurde". Diese Ausdrucks weise verrät mit grosser Deutlichkeit die Ge- nugtuung und Höherschätzung des männlichen Geschlechtes, welche die Mädchen dem Vater näher bringt, was leicht als sexuelle Ver- liebtheit in den Vater und als „Inzestkomplex" gehörig missdeutet wird. Die Ent wickelung unserer Patientin nahm den gleichen Verlauf. Sie setzte sich ganz den Vater zum Vorbild und war, besonders als sie die Mutter auf einer Lüge ertappte, in betreff von Wahrhaftigkeit und Pünktlichkeit bestrebt, sich diese väterlichen Eigen- schaften beizulegen1). Sie erinnert sich auch, dass der Vater es oft bedauernd hervorhob, dass sie kein Knabe geworden sei, und dass es sein Wunsch war, sie solle studieren. In dieser Situation entwickelte sich naturgemäss ein Persönlichkeitsgefühl, in w7elchem ehrgeiziges Streben nicht fehlen durfte. Dagegen fiel allen und ihr selbst ihre übermässige Schüchternheit auf, die viele ihrer Vorsätze zum Scheitern brachte. Diese Schüchternheit findet sich ungemein häufig in der Vorgeschichte der Neurotiker. Sie ist identisch mit dem Gefühl der Unsicherheit, sobald sich dieses im Verkehr mit anderen Personen geltend macht. Erröten. Stottern, gesenkte Blicke, Absperrung von der Gesellschaft Erwachsener, Erregung vor Prüfungen und Lampenfieber begleiten oft den Versuch der Annäherung oder die Anknüpfung von Beziehungen zu fremden Personen. Dabei wird man in der Regel Ver- schlossenheit und Unzufriedenheit beobachten können. Die Analyse J) Was die Autoren Nachahmungstrieb oder I den tifizierun g nennen, ist immer das Aufgreifen einer Schablone behufs Erhöhung des Persönlichkeits- gefühls. Nachgeahmt wird nur, was zum Streben nach Macht geeignet erscheint.

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ergibt als Quelle dieser Art von Unsicherheit, mit der sich gewöhnlich auch ein starkes Schamgefühl verbindet, ein meist organisch bedingtes Gefühl von Minderwertigkeit, Organminderwertigkeiten, die sich psychisch geltend machen, Kinderfehler, starke psychische Bedrückung von Seiten der Eltern oder Geschwister und zuletzt auch wirkliche oder vermeint- liche Weiblichkeit, die frühzeitig in starken Gegensatz zu einem männ- lichen Glied der Familie (Vater, Bruder) gerät. Die Analogie', nach der in kindlicher Weise die mannigfachsten Empfindungen der Verkürzung, Herabsetzung, Minderwertigkeit apper- zipiert werden, ist dann gewöhnlich die der symbolisch zu verstehenden Unmännlichkeit, sind Kastrationsgedanken und Gedanken von einer weiblichen Rolle im Geschlechts- verkehr, von Befruchtung und Schwängerung, aber auch von Verfolgung, Gestochen- und Verletztwerden, Fallen und Untensein. Alle diese Fiktionen treten in Tagträumen, Halluzinationen, Träumen auf, sofern sie nicht durch Fiktionen des männlichen Protestes völlig abgelöst werden und drücken ein Gefühl der Verkürztheit aus, das sich in dem Gedanken Bahn bricht: „ich bin weiblich \u während das Persönlich- keitsgefühl nach „Oben" drängt und die männliche Proteststellung erzwingt.

Von unserer Patientin ist bloss zu hören, dass sie frühzeitig vom Geschlechtsverkehr Ahnungen hatte, zu einer Zeit, wo sie mangels grösserer Erfahrung mit der Endgültigkeit der Geschlechts- rolle noch nicht gerechnet hatte. In solchen Fällen dürfen wir stets auf Schüchternheit, Schamhaftigkeit und Zweifel gefasst sein, im späteren Leben auf Furcht vor der Prüfung und vor Entscheidungen in jeder Form, Charakterzüge, die sich psychologich dahin auflösen lassen, man könnte an ihrer Person den Mangel oder die Mangelhaftigkeit männ- lichen Wertes entdecken. Gewöhnlich findet man frühzeitig schon die Charaktere einer gesuchten Manngleichheit, oder das Suchen darnach steht im Vordergrund, während in vielen Fällen durch einen Einschlag von Hoffnungslosigkeit die „angeborene Farbe der EntSchliessung" an- gekränkelt ist. Da der direkte Weg zur Männlichkeit verschlossen ist oder verschlossen scheint, werden Umwege und Auswege gesucht. Auf einem dieser Auswege liegen die wertvollen sozialen Emanzipations- bestrebungen der Frau, auf einem ihr privater Ausdruck, die Neurose der Frau, die Konstruktion des ideellen männlichen Organs. In schweren Fällen erfolgt der völlige Rückzug, die Isolierung, zuweilen identisch mit dem Einzug in die Irrenanstalt.

Es war bei dieser Patientin leicht zu sehen, dass sie in ihrer Kindheit die Beherrschung des Mannes anstrebte, der Brüder und des Vaters, da sie mit der Mutter scheinbar leicht fertig geworden war. Der Vater kam vollends in ihren Bann. Den wichtigen Schluss auf die Tendenz ihrer neurotischen Symptome kann man bei einiger Übung leicht machen: ihre Kopfschmerzen und ihre Migräne mussten seit ihrer Ehe Mittel zur Beherrschung ihres Mannes vor- stellen. Und in dieser Beherrschung suchte sie einen Ersatz für die verloren geglaubte Männlichkeit.

Ich kenne den Einwand, der sich an dieser Stelle erheben wird. Wie, der schwere Jammer einer Neurose, die entsetzlichen Schmerzen einer Trigeminusneuralgie, Schlaflosigkeit, Bewusstseinsverlust, Lähmungen, Migräne, all dies sollte in Kauf genommen werden, um eines Zieles IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 14i> willen von der Hinfälligkeit einer Manngleichheit? Ich habe selber lange gegen diese sich mir aufdrängende Überzeugung gekämpft. Ist es aber viel anders, wenn Menschen ein Leben lang alle Pein ertragen um einer anderen Seifenblase willen? Ist der „Wille zum Schein" (Nietzsche) nicht lebendig in uns allen, und lässt er uns nicht Übel aller Art ertragen? Und dann: auf diesem neurotischen Umwege zur Männlichkeit liegen auch, wrie ich gezeigt habe, das Verbrechen, die Prostitution, die Psychose, der Selbstmord! Dies, und ferner noch den Hinweis auf die Unbewusstheit psychischer Mechanismen in der Menschen- seele kann ich zugunsten meiner Auffassung anführen. Die von mir festgestellte Übertreibung in der Wertschätzung des männlich scheinenden Endzieles aber ist der sichere Grundpfeiler der psychischen Therapie der Neurosen. Und ich ziehe aus diesem Einwand gegenüber meinen Patienten die Nutzanwendung, dass ich ihnen zu zeigen mich bemühe, wie sie, vor die Wahl gestellt zwischen einer naturgemässen Rolle und dem neurotischen männlichen Protest, das grössere Übel von zweien gewählt haben.

Aus der Vorgeschichte unserer Patientin wäre noch anzumerken, dass sie stets eine Abneigung hatte mit Puppen zu spielen, ferner dass sie bis zur Verehelichung am Turnen und am Sport ihre grösste Freude hatte. Dass auch diese Bestrebungen im Dienste eines Ersatzes der Männlichkeit stehen, geht mehr als aus ihnen selbst aus dem Zu- sammenhang mit anderen „männlichen" Zügen hervor, besonders aber aus einer Art Aufdringlichkeit, mit der Patientin davon erzählt. Auch Touristik betrieb sie leidenschaftlich, wovon ihr seit der Geburt eines Kindes, das sie bestimmt als männlich wünschte und erwartete, bloss noch eine grosse Neigung zum Reisen geblieben war.

Man muss nur den Fehler vermeiden, etwa anzunehmen, es seien die hier geschilderten, von der Patientin selbst hervorgehobenen Charakter- züge eingesprengte Inseln im weiten Gebiete eines weiblichen Seelen- lebens. Man muss sich vielmehr zur Annahme entschliessen, dass diese männlichen Züge unter dem Zwange einer beherrschenden Tendenz zustande kamen, einem Lebensplan entstammen und deutlich in Erscheinung traten, weil sie es konnten, während rings um diese Züge herum ein undeutliches, nur gelegentlich hervortretendes, männliches Wollen besteht, das mehr auf Verhinderung und Umarbeitung weiblich schei- nender Regungen verwendet wird, ehe es sich selbständig macht. In diesem Kampfe männlicher gegen weibliche Regungen wirft sich das Persönlichkeitsgefühl ganz auf Seite der Männlichkeit und nutzt etwa vordringlich aultauchende weibliche Regungen, darunter auch den Sexual- trieb des Weibes, dazu aus, um sie als erniedrigend, gefahrbringend zu sammeln!), zu gruppieren, zu vergrössern und zu unterstreichen, sie aber sogleich mit Wachposten zu umstellen, damit sie ihres Einflusses beraubt seien. Diese Wachposten, — Sicherungen, — reichen meist weit über die Sphäre der weiblichen Regung hinaus. Man findet immer, dass diese Sicherungen und wachenden Bereitschaften, unter ihnen unsere Krankheitssymptome, — nicht bloss ihren Zweck erfüllen, eine Nieder- lage zu verhindern, sondern dass sie die Patienten mit einer überaus *) Diese Affektverstärkung wird immer aus einem tendenziösen Junktim ge- holt. Weibliche Rolle und Abgrund, Ertrinken, Sterben, Überfahrenwerden oder Erdrücktwerden. Jede Liebesregung, jede Annäherung kann deshalb beim Nervösen zum Anlass einer sichernden Neurose werden, wird aber nie zur Bindung führen.

Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 10 146 IV. Kapitel. Entwerhmgstendenz, Trotz und Wildheit usw.

vorsichtigen Art so sehr vergiften, dass sie schliesslich zu allem unfähig werden. Dann erst ist die primäre Unsicherheit aufgehoben, die der Furcht vor einer weiblichen Rolle gleichzusetzen ist, doch ist sie auf das ganze Leben verschoben und drängt den Erkrankten aus allen sozialen Beziehungen. Auf dieser Rückzugslinie finden wir alle unsere Patienten, und ihre Symptome bilden die Sicherung, auf dass sie nicht ins Gewühl des Lebens zurückkehren. Daraus entwickelt sich nun ein Bild des Xeurotikers, das oft eine Zurückschraubung auf einfachere, kindlichere Verhältnisse und Beziehungen erkennen lässt, sei es, dass diese erst nach anfänglicher Entwicklung vollzogen wurde, sei es, dass sie diese Entwickelung überhaupt verhinderte. Manches wird wieder wie in der Kinderstube. Die Beziehungen zur Familie werden ungemein verstärkt, oder statt der kindlichen Liebe zu den Eltern entwickelt sich der alte Kindertrotz, und beide Einstellungen werden als Leitbilder verwendet, als ob der Patient in allen Personen Vater oder Mutter aufsuchte. Trotzdem er durch diese Fiktion mit der Realität in Wider- spruch kommt, hält er daran fest, weil er in dem Verhältnis seiner Kinderstube Sicherheit hatte. Kipling erzählt von einem im Todes- kampf Liegenden, den er solange beobachtete, bis sich der erwartete Schrei nach der Mutter von seinen Lippen rang. Man braucht, um diese Sehnsucht nach Sicherheit zu begreifen, nur kleinen Gassenjungen zuzuhören, wie sie sofort, wenn sie in Bedrängnis geraten, nach der Mutter rufen. Die gleiche Sehnsucht nach Sicherung hat sich auch in die Verehrung der Mutter Gottes1) eingeschlichen. Bei Mädchen findet man in der Regel die Sehnsucht nach Sicherung analog der asexuellen Beziehung zum Vater ausgesprochener. Die von G. Grüner in den Vordergrund gerückte Mutterleibsphantasie habe ich gleich- falls bloss in Anwendung bei Xeurotikern gefunden, wenn sie damit aus- drücken wollten, nur bei der Mutter ist Ruhe, oder wenn sie Suizid- gedanken, Wünsche nach Rückkehr vor der Geburt hatten. (Das herma- phroditische „Avant nach rückwärts")2).

Auch unsere Patientin suchte als Kind und Mädchen diese An- lehnung an den Vater, der sie nicht wenig verhätschelte. Die Mutter war, wie Mütter leider häufig, den Brüdern mehr zugetan. Auch dieser Zug erweist sich letzter Linie als durch die Höherschätzung des männ- lichen Prinzips bedingt, dem sich der Vater als Mann leichter entschlagen kann. Insbesondere merkte Patientin bald, dass die Sorge des Vaters erheblich zunahm, sobald sie sich unwrohl fühlte. Sie kam des- halb auch zu einer besonderen Vorliebe für das Kranksein, das ihr weitere Verzärtelungen, Liebe und Näschereien eintrug. Dies muss für sie wohl den geeignetsten Ersatz für die verloren geglaubte Männlichkeit bedeutet haben, dass sie die unumschränkte Herrscherin im Hause wrurde, alle Wünsche befriedigen, auch unangenehmen Be- gegnungen in der Schule und in Gesellschaften ausweichen konnte, so- bald sie sich krank fühlte. Ja es bedeutete die höchste zu erreichende Potenz ihres Sicherheitsgefühls, sobald sie der Vater krank glaubte. Und sie tat zuweilen mit Absicht so, als ob sie krank wäre, das heisst, sie simulierte oder übertrieb.

y) In einer halluzinatorischen Psychose beobachtete ich die Ersetzung der eigenen Mutter durch die Mutter Gottes in der Absicht einer Entwertung.