SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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2) Derzeit ist Freud mit der Aufstellung dieses hier beschriebenen Todes- wunsches einem „pars pro toto" zum Opfer gefallen.

IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 147 Diese Tatsache der Simulation in der Kindheit findet sich unge- mein häufig in der Vorgeschichte der Neurotiker1). Ich habe in umfäng- licher Weise auf diese Erscheinung (in der „Psychischen Behandlung der Trigeminusneuralgie" in..Praxis und Theorie der Individualpsychologie'' 1. c.) aufmerksam gemacht und habe erwähnt, wie sich das Kind taub, blind, dumm, verrückt usw. stellt. Auch E. Jones erwähnt diese Tatsache in seiner „Hamletstudie", und verweist auf die Analogie der Verstellung Hamlets mit der in der Kindheit. Historische Beispiele wie Saul, Claudius, Odysseus u. a, gibt es genug, und sie zeigen uns das Problem in seiner Heinkultur. Immer ist der beherrschende Gedanke dabei: wie sichere ich mich vor einer Gefahr, wie kann ich eine Niederlage vermeiden? Es ist klar, dass der Neurotiker, der nach der Analogie „Mann-Weib" apperzipiert, in der Beherrschung einer Situation ein männliches Äqui- valent erblickt, einen Ersatz und Schutz für den drohenden Verlust der Männlichkeit. Und die Technik der Simulation besteht darin, dass die Person eine Fiktion aufstellt und ihr gemäss handelt, als ob sie den entsprechenden Defekt hätte, während sie weiss und daran festhält, dass sie ihn nicht hat. Das psychisch bedingte, neurotische Symptom kommt nun, behaupten wir, in der gleichen Weise zustande, nur mit dem Unterschied, dass die Fiktion nicht als Fiktion erkannt sondern für wahr, für echt gehalten wird2). Wie so oft kann uns die beste Einsicht in diesen Zusammenhang nicht das neurotische Symptom sondern ein Grenzfall liefern, der in der Mitte zwischen beiden Erscheinungen liegt. Wir meinen die Psychologie des Mitleids. Wir sind gezwungen das Leid eines anderen so mit- zufühlen, als ob es unsere eigene körperliche Sphäre beträfe. Ja wir können sogar das Leid eines andern vorausfühlen, bevor es noch ein- getreten ist. Bekannte Beispiele dafür sind die ziehenden, ängstlichen Gefühle mancher Menschen, wenn sie andere, Dienstmädchen, Dachdecker oder Zirkuskünstler in gefahrdrohender Situation erblicken, oder wenn sie' auch nur daran denken. Es betrifft dies Symptom zumeist Personen, die an Höhenangst leiden, und sie benehmen sich bei Gefahren anderer genau so, wie wenn sie selbst etwa beim Fenster oder auf einem Felsen stünden. Sie weichen unter dem Gefühl der Angst zurück, legen eine Sicherungsdistanz zwischen sich und die meist gar nicht gefährliche Stelle, kurz sie haben eine Empfindung, die sie etwa hätten, wenn sie selbst in Gefahr wären. Hier springt die zuweit getriebene Vorsicht und Einfühlung deutlich in die Augen, die bei Neurotikern so stark ist, dass sie nicht einmal über eine Brücke gehen, in der Angst, sie könnten ins Wasser fallen oder sich hineinstürzen. Ähnliche Mecha- nismen der Vorsicht habe ich in allen Fällen von Platzangst gefunden, und sie zeigen uns an, dass wir einen Patienten vor uns haben, der der Entscheidung ausweichen will, ob er auch irgend einer erst von uns auf- zufindenden Situation, in der Regel einem Ruf des Lebens oder dem geschlechtlichen Partner, gewachsen ist. Auch bei allen anderen Pho- bien macht, wie ich bei Besprechung der Syphilidophobie (s. „Praxis und Theorie") gezeigt habe, diese „Ein fühl ung" (Lipps) in einen noch nicht vorhandenen, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit zu gewärtigenden Zustand die charakteristischen Symptome und zeigt *) 1916 von Jalowitz mit Recht bei der Kriegs neu rose festgestellt, von Oppenheim bekämpft. Siehe „Kriegsneurose" in „Piaxis und Theorie" 1. c. 8) Siehe Theoretischer Teil: III. Kapitel. „Die verstärkte Fiktion".

148 IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw.

sich als ein sehr geeignetes Mittel der Sicherungstendenz, ersetzt in vielen Fällen geradezu den nicht unbesiegbaren Charakter der Moralität. Genau betrachtet liegt auch jedem Charakterzug eine derartige Ein- fühlung zu Sicherungszwecken zugrunde, wie die Formel in Kants kategorischen Imperativ für das gesamte Charakterbild deutlich zeigt, wenn dieser Philosoph das Handeln jedes einzelnen von dem Gesichts- punkte geleitet wissen will, als ob es zur allgemeinen Maxime erhoben werden sollte1).

Es gibt also entsprechend den sichernden Fiktionen des Simulanten2) bei allen Menschen, insbesondere aber bei den neurotisch disponierten Kindern Fiktionen, Maximen, Leitsätze, die bestimmt sind, eine stärkere Sicherung durchzuführen, entsprechend dem stärkeren Minderwertigkeits- gefühl dieser Kinder. Und auf ihren Kern reduziert lauten diese For- meln alle: Handle so, als ob du überlegen wärst, oder sein wolltest! Der Inhalt dieses Handelns, der sich als ein Ersatzstück eines Wunsches nach Männlichkeit qualifiziert, ist durch Erfahrungen des Kindes, durch die Art seiner Organminderwertigkeit als richtunggebendes Ziel voraus- bestimmt, erleidet aber durch die besonderen Umstände seiner neurotisch gewerteten Erlebnisse spezielle Abänderungen, die als Formenwandel erkannt werden müssen.

Die Organminderwertigkeit bestimmt durch die sie begleitenden psychischen Unlusterscheinungen die Richtung der Begehrungsvor- stellungen und leitet dergestalt im psychischen Überbau die Kompen- sationsvorgänge ein. Auch hier sehen wir die Sicherungstendenz am Werk (Adler, „Studie" 1. c.) und meist in der zweckdienlichen Weise, dass sie mit einem Sicherungskoeffizienten arbeitet und so zur Über- kompensation Anlass gibt. (J.Reich, Kunst und Auge, Ost. Rundschau 1909.) In der Entwicklung etwa des Stotterers Demosthenes zum grössten Redner Griechenlands, von Klara Schuhmann, die hörstumm war, zu einer vollendeten Musikerin, des kurzsichtigen G. Freytag, vieler Dichter und Maler mit Augenanomalien zu visuellen Talenten und der viel'en Musiker mit Gehöranomalien sehen wir, wie sich die kompensatorische Sicherungstendenz durchsetzt. Ebenso auch in jedem schwächlichen Kind, das ein Held sein will, in dem plumpen, schilddrüsenschwachen Knaben, der ein Schnellläufer und später immer der erste zu werden versucht.

Aber die Richtung der Sicherungstendenz muss sich, um ziel- gerecht zu werden, an Beispiele anlehnen. Und da bietet sich der Mann dem Persönlichkeitsgefühl des Kindes viel auffälliger an als die Frau. Ja es ist, als ob ein weibliches Beispiel nur nach anfänglichem Kampf nachgeahmt werden könnte, und zwar nur dann, wenn es nach der Richtung des geringsten Kraftausmasses im Empfinden des Kindes die Herrschaft zu sichern imstande ist.

*) Vai hinger, Die Philosophie des Als Ob.

2) Die Diagnose der Simulation kann nur unter Vergleich der Vorgeschichte des Beschuldigten, die frei sein müsste von der neurotischen Furcht vor der Ent- scheidung, mit der aktuellen Situation gestellt werden, wobei noch in Betracht kommt, dass auch der Neurotiker simulieren kann. Die Kriegsneurose (Tremor, Astasie, Abasie, Mutismus usw.) hat die psychologisch schlecht orientierten Neuro- logen vor eine unlösbare Aufgabe gestellt In ihrer Unsicherheit griffen sie zu einer Fiktion, diagnostizierten Neurose, behandelten aber, als ob es sich um Simu- lation handelte. So kamen die elektrische Folter und ähnliche sadistische Übungen zu ihrer traurigen Berühmtheit. Siehe „Kriegsneurose" in „Fraxis und Theorie der Individualpsychologie" 1. c.

IV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz und Wildheit usw. 149 So war es, wie recht häufig in Fällen von Migräne, auch bei unserer Patientin. Ihre Mutter litt an Migräne. Zahlreiche Autoren hoben den Umstand hervor, dass man so oft eine „Vererbung" der Migräne von der Mutter konstatieren könne. Wir müssen den Gedanken an eine Vererbung der Migräne in gleicher Weise fallen lassen wie den einer organischen Bedingtheit oder Vererbung bei Neurosen und Psychosen1). Ich habe das Wesen dieser Frage schon einmal (Neurotische Disposition, s. Heilen und Bilden, 1. c.) an dem Falle eines 7jährigen Mädchens klar- gelegt und habe mich vorher oft überzeugt, dass dem Migräneanfall ein Gefühl der Unsicherheit und Verkürztheit vorausgeht, und dass der Anfall dazu dient, meist nach der Art der Mutter, das ganze Haus in den eigenen Dienst zu stellen. Es leiden der Mann, der Vater, die Geschwister nicht weniger darunter als der Patient. Und so ist die Migräne in die Reihe der neurotischen Erkrankungen zu setzen, die dazu dienen, die Vor- herrschaft im Hause, in der Familie zu sichern. Dass diese Vorherr- schaft männlich gemeint ist, auf den Wunsch ein Mann zu sein zu reduzieren ist, ergibt sich aus der weiteren Analyse. Aber eine kurze Erwägung betreffs der zur Zeit der Periode auftretenden Migräne lehrt uns auch in diesem Falle die Unzufriedenheit mit der weiblichen Rolle verstehen. Zusammenhänge mit Epilepsie, Ischias, Trigeminusneuralgie habe ich öfters kennen gelernt. In meinen Fällen stellte sich regel- mässig heraus, dass die letztgenannten Erkrankungen zumeist psychogen waren und entstanden, als stärkere Sicherungen nötig wurden. Statt der Vererbung ist demnach die neurotische Familienluft zu setzen, die das Kind frühzeitig vergiftet.

Unserer Patientin blieb als Einflusssphäre bloss der Vater übrig, den sie wohl ganz gewonnen hatte, dessen Eroberung aber ihr eigenes Ziel nie ganz decken konnte, so dass sich, wie in der Neurose ge- wöhnlich, ein „Noch, Noch mehr!" nachweisen Hess, das den Besitz des Vaters beweisender festlegen wollte. Die Mutter litt an Migräne, und die Zeit ihrer Anfälle war wie gewöhnlich bei Migränekranken auch die Zeit ihrer Alleinherrschaft. Also tat unsere Patientin, die bereits den Wert der Krankheit begriffen hatte, so. als ob sie auch an Migräne litte2). Und es gelang ihr, was auch dem Urmenschen, dem Wilden gelang, als er sich einen Götzen schuf, der ihn mit Schaudern erfüllte: eine Schöpfung, die selbstgeschaffene Migräne Die Endabsicht, diese Fiktion einer Allüberlegenheit, verselbständigte sich, so dass sie Schmerz und Trauer erwecken konnte, sobald Patientin ihrer bedurfte. Die schau- spielerische Leistung gelang so sehr, dass Patientin die Fiktion um ihres tendenziösen Wertes willen nicht mehr durchschaute. Ja sie gewann durch sie ein Gefühl der Überlegenheit und Sicherheit gegenüber ihrem Manne wie vorher gegen über dem Vater, wenn diese Sicherheit gelegentlich in die ) Die Individualpsychologie leugnet die Vererbung von Neurosen und Psychosen. Die von ihr erwiesenen Tatsachen der ererbten Organminderwertigkeit und deren seelische Folgen, das Minderwertigkeitsgefühl, bedeuten keinen Zwang, keine Verpflichtung zur Neurose, wohl aber in unserer Machtkultur eine ungeheuere Verlockung und Verführung zur seelischen Erkrankung.

-) In der Arbeit „Über neurotische Disposition" habe ich hervorgehoben, was auch an dieser Stelle gesagt werden muss, dass eine ursprüngliche organische Minderwertigkeit die Auswahl des Symptoms protegiert. In der Neurose kommt dieser Mechanismus als Krankheitsbereitschaft in den Besitz der Psyche; bei Migräne besteht eine besondere Ansprechbarkeit der Gefässe durch Affekte, analog dem Errötungszwang.

150 tV. Kapitel. Entwertungstendenz, Trotz uud Wildheit usw.

Brüche ging. Das war die Lichtseite ihres Leidens, die sie genoss, während sie und ihre Angehörigen immer nur mit der Schattenseite beschäftigt schienen. Die männliche Einfühlung in der Ehe war also auf Beherrschung des Mannes und Steigerung seiner Zärtlichkeit gerichtet. Da es dabei immer ein „Noch" gab, mussten weitere Ersatzstücke herbeigeholt werden. Und die wichtigste dieser Ersatbildungen(war, weiterhin keine Kinder zu gebären. Es war, wie in vielen dieser Fälle (einen habe ich in der..Männlichen Einstellung weiblicher Neurotiker", in „Praxis und Theorie" 1. c. beschrieben), im Hause ein Gemeinplatz geworden, dass eine Frau, die an solchen Koptschmerzen litt, kein zweites Kind haben durfte. Schlaflosigkeit, Unmöglichkeit des Einschlafens nach zufälliger Störung, Hinweis auf Schwierigkeiten der Wohnung, Schutzmassregeln und Verzärtelung des einzigen Kindes vervollständigten die Sicherung)1.

Dass diese Erscheinungen bloss ein neues Gesicht für den alten Wunsch der Manngleichheit waren, bewies schon ihr erster Traum: „Ich befand mich mit Mama am Bahnhof. Wir wollten den kranken Papa besuchen. Ich fürchtete den Zug zu versäumen. Da tauchte plötzlich der Papa auf. Dann war ich in einem Uhrengeschäft und wollte mir einen Ersatz für meine verloren gegangene Uhr kaufen."

Der Mutter, die von ihr ungemein verehrt wird, fühlt sie sich überlegen. Ebenso dem Vater, der ihr alles zu willen tut. Der Vater ist vor einiger Zeit gestorben. Kurz nach seinem Tode bekam sie einen ihrer schrecklichen Migräneanfälle. Im Traume lebt er wieder auf, und seine Person bedeutet für sie eine Erhöhung ihres Persönlichkeitsgefühls2). Sie ist seit jeher ungeduldig, fürchtet immer zu spät zu kommen. Ihr Bruder ist früher wie sie gekommen, ist ein Mann geworden. Sie muss sich beeilen, — „mit einem Sprunge machts der Mann, mit hundert Sprüngen machts die Frau", — wenn sie bis zur Höhe des männlichen Persönlichkeitsgetuhls gelangen will. Am Vortage des Traumes eilte sie ins Konzert und war durch die Mutter aufgehalten worden. Die Frauen verspäten sich häufig, sie will es nicht.

Die Wirklichkeit erinnert sie daran, dass sie doch wie die Mama eine Frau ist, Dieser Gedanke liegt in dem Bild des Zusammenseins mit der Mutter am Bahnhof. Ihr kämpferischer Affekt, der identisch ist mit ihrem männlichen Protest, richtet sich gegen den Mann, gegen den Vater. In der weiteren Folge der Analyse tritt oft der entwertende Gedanke zutage, die Frau sei stärker, lebenskräftiger und gesünder als der Mann. Dazu kommt als weiterer Anreiz zum Kampfe, dass „der Vater (der Mann) plötzlich auftaucht". Während also Patientin fürchtet, den Zug zu versäumen, zurückzubleiben, einem andern gegenüber — aus dem Zusammenhang zu ergänzen: dem Manne gegenüber, — zu unterliegen, merkt sie mit immer zunehmender Erfahrung, dass der Mann vorne, oben ist. Die Verwendung eines räumlichen Bildes, einer abstrakten Baumvorstellung, um das Gefühl der Zurückgesetztheit zu illustrieren, ist in der Neurose (siehe „Syphilidophobie" in „Praxis und Theorie" 1. c.) wegen seiner Eignung, durch fiktive, abstrakte Gegen- sätzlichkeit, — Nichts oder Alles! — die Kampfstellung vorzubereiten, im weitesten Ausmasse vorzufinden. Ebenso ist es ein vielgeübter un- bewusster Kunstgriff in der Malerei, — weil vorwiegend von Männern ) Moll hat später unabhängig von mir die gleichen Tatsachen festgestellt. 2) Ich habe öfters eine ähnliche Bedeutung in „Träumen von Verstorbenen" nachweisen können. Die Spitze richtet sich gegen die Gegenwart.

IV. Kapitel. Eutwertimg-stendenz, Trotz und Wildheit usw. 151 geübt, — oft die Macht der Frau, ebenso die Furcht vor ihr durch die räumliche Höherstellung zum Ausdruck zu bringen. Auch in den re- ligiösen und kosmogonischen Phantasien drängt sich die Vorstellung einer Überlegenheit oft in dieser räumlichen Verlegung nach oben durch. „Das ewig Weibliche zieht uns hinan." — Dass in dem Traume unserer Patientin das räumlichgegensätzliche Schema nach der Ana- logie „Mann-Weib" durchschlägt, findet sich auch in dem Neben- einander der Patientin und der Mutter — „mit der Mutter" — an- gedeutet.

Dieser erste Traum der Patientin in der Behandlung beginnt also mit Erwägungen über die Rolle des Mannes und der Frau. Man darf es niemals unterlassen, auch wenn die Überzeugung des Psycho- therapeuten bezüglich der Bedeutung dieses Problems für die Neurose felsenfest ist, vorurteilslos die Fortsetzung in Betracht zu ziehen, und neue bestätigende Daten abzuwarten und zu vergleichen. Die weiteren Erklärungen der Patientin betrafen eine Uhrkette, die durch die Schuld ihres Mannes in Verlust geraten war. An den Verlust einer Uhr kann sie sich nicht erinnern. Über die Bedeutung der im Traum an Stelle der Kette gesetzten Uhr befragt, antwortet Patientin affektvoll, aber scheinbar „vorbeiredend", nicht der Verlust der Kette, sondern eines an dieser befindlichen Anhängsels habe sie betrübt. — Um kurz zu sein, die an einer Damenkette herabhängende Uhr ist identisch mit dem verloren gegangenen Anhängsel, um welches Patientin trauert und für das sie nach einem Ersatz sucht.

Der Traum begann mit einer bildlichen, in räumliche Darstellung gebrachten Gegenüberstellung von minderwertiger Weiblichkeit und mehr- wertiger Männlichkeit und schliesst folgerichtig mit einem Ausdruck des Strebens nach einem „Ersatz" für die verloren gegangene Männlichkeit. In dieser konstruierten fiktiven Leitlinie mussten auch der Charakter, die Affektreaktion, die Bereitschaften und die neurotischen Symptome liegen, wie sich auch in der Folge zeigte. Die Charakterzüge der Hersch- sucht, der Ungeduld, Unzufriedenheit, des Trotzes und der Verschlossenheit ergaben sich demnach wie alle anderen als sekundäre Hilfslinien, die in Abhängigkeit von der leitenden Fiktion zur Erreichung einer männlichen Höhe standen. Weitere Gedankengänge zeigte ihr tendenziöses Hervorheben des verstorbenen Vaters, wodurch sie ihre Trauer künstlich verstärkte und verlängerte, was als starker Griff gegen die Umgebung fühlbar wurde.

V. Kapitel. Grausamkeit. — Gewissen. — Perversion und Neurose.

Der Befund grausamer Charakterzüge in allerfrühester Kindheit lässt sich in der Analyse von Neurosen und Psychosen unge- mein häufig erheben. Man tut freilich unrecht, an die Lebensäusserungen der ersten zwei Jahre unseren moralischen Massstab anzulegen und Kraftleistungen solcher Kinder, die wirklich noch jenseits von Gut und Böse stehen, bereits als sadistisch oder roh einzureihen, wie es oft zu geschehen pflegt, wenn Eltern oder Erzieher aus der Vorgeschichte von Psychopathen erzählen. Denn psychisch, oder in unserem Falle neu- rotisch, werden diese Äusserungen erst, wennsieeinem be- stimmten Zwecke dienen und dazu unter Abstraktion und mit vorausblickender Tendenz konstruiert werden, wenn sie einem Be- zugsystem angehören. Dass sie sich immer aus Möglichkeiten und Fähigkeiten des Erlebens aufbauen, berechtigt natürlich nicht zur Annahme eines konstitutionellen Faktors. In der Tat findet man den Charakterzug der Grausamkeit immer nur als kompen- satorischen Überbau bei Kindern, die auch sonst durch ihr Minderwertig- keitsgefühl zu frühzeitigem und überstürztem Ausbau ihres Persönlich- keitsideals gedrängt werden. Begleitende Züge von Trotz, Jähzorn, sexueller Frühreife, Ehrgeiz, Neid, Habsucht, Bosheit und Schadenfreude, wie sie regelmässig von der leitenden Fiktion erzwungen werden und die Kampf- und Affektbereitschaften formieren und mobilisieren helfen, geben das bunt wechselnde Bild des schwer erziehbaren Kindes. Sehr oft findet man als Ausgangspunkt ein weiblich gewertetes Gefühl von Weichheit und die Tendenz, Empfindungen der Hingabe in rohen und grausamen Akten zu ersticken. Gefühlsscheu, Abneigung gegen Zärtlichkeiten, gegen Gratulationen, Kondolationen, gegen das Grüssen zeigen uns die Versuche, das Gemeinschaftsgefühl zu sprengen.

Die Herrschsucht solcher Kinder tritt in der Familie und im Spiel, zumeist auch im Gang, in der Haltung und im Blick deutlich hervor. Im Spiel und in den frühesten Gedanken über die Wahl eines Berufes dringt ihr grausamer Zug oft verschleiert durch und lässt sie Henker, Fleischhauer, Polizisten, Totengräber, Wilde, aber auch Kutscher, „weil sie die Pferde", Lehrer, „weil sie die Kinder schlagen können", Arzte, „weil diese schneiden können", Soldaten, „weil sie schiessen können'', Richter usw., als Idealfiguren aufstellen1). Auch das Forscher- interesse mengt sich häufig drein, und das Quälen von kleinen und grösseren Tieren und Kindern, Erwägungen und Phantasien über mög- liche Unglücksfälle, die oft die nächsten Angehörigen betreffen könnten, das Interesse für Leichenzüge und Friedhöfe, für sadistische Erzählungen, die das Gruseln erzeugen, nehmen, wie zur Übung, ihren Anfang.

*) Adler, Aggressionstrieb in „Heilen und Bilden" 1. c.

V. Kapitel. Grausamkeit, Gewissen, Perversion und Neurose. 153 Der nächste Zweck dieser aufgepeitschten Grausamkeit ist, die stets gegenwärtigen, gleichzeitigen Möglichkeiten der Schwäche, des Mitleids, der Liebe, weil sie zur männlichen Leitlinie in Gegensatz stehen, nicht auftauchen und wirksam werden zu lassen. Die allgemeine Verbreitung dieses Hanges, männlich zu sein, der zur Überlegenheit über den anderen führen soll, erweist sich nirgends so deutlich wie an der „unschuldigen" Schadenfreude; beim Nervösen kann dies allerdings überaus stark betont werden und auf die unsinnigste Art zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls verwendet werden. Larochefoucauld spricht es in seiner neckischen Weise aus, „dass es im Unglück unserer Freunde etwas gäbe, was uns nicht ganz unangenehm sei", ein Aus- spruch, der den scharfsichtigen Swift mit grosser Begeisterung erfüllte.

Ich hörte einen Patienten laut auflachen, als er von dem Erd- beben in Messina unterrichtet wurde. Er litt an starken masochistischen Anwandlungen. Zwangslachen tritt oft auf, wenn der Patient sich einem überlegenen Mensch gegenüber sieht, einem Lehrer etwa oder einem Vorgesetzten, der mehr als die gewohnte Höflichkeit beansprucht. Man rindet bei solchen Patienten eine ausgesprochene Neigung, andere zu beherrschen oder zu quälen, zuweilen sadistische Phantasien, bis man entdeckt, dass sich der Lachzwang, die Herrschsucht und der Sadismus über dem schwachen Punkt des Minderwertigkeitsgefühls aufbauen, um ihn zu kompensieren. — Pyromanie, die Freude an Feuerbränden und der kaum unterdrückbare Zwang, im Theater, in der Kirche an ein Feuer zu denken oder „Feuer" zu schreien, scheint nach manchen Er- gebnissen unserer Beobachtung auf die Minderwertigkeit der empfind- lichen Blase und lichtempfindlicher Augen, respektive auf Vorbereitungen zu deren Kompensation zurückzuweisen. Vor allem freilich liegt es auf der Linie der Vorbereitung, sich im Leben durch herostratische Leistungen bemerkbar aber unmöglich zu machen.

Doch dieser Leitlinie der männlichen Grausamkeit drohen in unsererer Kultur mit ihren ethischen Imperativen grosse Gefahren und Unfälle, so dass sie nur gedeckt beschritten werden kann. Meist kommen Ausbiegungen und Umwege zustande, bei deren Betretung der sadistische Zug vollends oder grossenteils verloren gegangen scheint. Da gelingt es dem Nervösen, durch Milde und Weichherzigkeit sich die gleiche Überlegenheit über den Schwachen zu sichern, oder er operiert auf der neuen Linie so geschickt, dass er neuerdings eine Aggression herstellt, um andere zu beherrschen und zu quäleu. Er wird zum Gnadenspender. Häufig findet man bei Zwangsneurosen, dass sie ihre verstärkte sadistische Leitlinie verlassen haben und nun zu Buss- übungen und sichernden Massnahmen gekommen sind, die ganz den gleichen Charakter des Zwanges tragen und auf der Umgebung nicht weniger lasten als die früheren Affektbereitschaften der Patienten, die dem Patienten ermöglichen, seine Lebensfragen ungelöst zu lassen, in gleicher Weise demnach geeignet sind, den zitternden Ehrgeiz des Nervösen, der ihn lähmt, und sein Lampenfieber ersichtlich zu machen1). In den grossen Anfällen der sogenannten „Affektepilepsie", der Hysterie, der Trigeminusneuralgie, der Migräne usw. biegt die männliche Herrschsucht auf den neurotischen Weg der Anfallsbereitschaft um, aber die ') Siehe „Zur Zwangsneurose", in „Praxis und Theorie der Individualpsycho- logie" 1. c.

154 V. Kapitel. Grausamkeit, Gewissen, Perversion und Neurose.

Machtlosigkeit der Umgebung und ihr Leiden tritt nicht weniger, eher mehr zutage als bei offener Wut und Feindseligkeit, die sich meist in den Intervallen in der früheren Weise bestätigt. Eine Neigung für Anti- vivisektion, Vegetarianismus, Tierschutz, Wohltätigkeit zeichnet oft diese guten Kenner fremden Leides aus, sie „können keine Gans bluten sehen, klatschen aber in die Hände, wenn «ihr Gegner bankerott von der Börse geht". Ihr Hang zum Sektierertum stammt aus einem feindseligen, antisozialen Zug und ebenso die heftige Bestreitung fremder Geltung, die sie oft vornehmen, bevor sie ein Urteil haben. Toleranz ist ihnen fremd, sofern sie sie nicht selbst schreiend einfordern.

Wenn ich hier Züge zeichne, die allenthalben anzutreffen sind, — sie sind demungeachtet Züge der überall verbreiteten Nervosität und Zeichen einer tiefgegründeten Unsicherheit. Sie sind keineswegs in der menschlichen Natur gelegen, sind vielmehr Formen des missratenen männlichen Protests, der die Sicherung des Persönlichkeitsgefühls durch- führen soll. Scheitert er auf einer Hauptlinie, so werden die neu- rotischen Umwege beschritten, und der „Ausbruch" der Neurose oder Psychose erfolgt durch den Formenwandel und durch die Inten- sitätssteigerung der leitenden Fiktion.

Auch die „angeborene" Kriminalität des Kindes und des Ver- brechers, wie sie Lombroso und Ferrero behauptet haben, muss ich leugnen. Hier liegt nichts anderes vor als Formen des durch das Minderwertigkeitsgefühl gesteigerten Aggressionstriebes, der sich der männlichen Leitlinie bedient und dabei dem Gebote der Gemeinschaft ausweicht. Der Umschlag in die deutlich sichtbare Neurose erfolgt durch stärkeren Rückzug. Wo die prinzipielle Furcht vor der Entscheidung ausbleibt, eine Frühfrucht der sichernden Neurose, und wo sich eine starke Entwertungstendenz gegen Leben, Ehre und Gut des Nächsten erhebt, entsteht das Verbrechen1).

In der entwickelten Neurose aber findet man oft Erinnerungsspuren der Grausamkeit und der Kriminalität, ebenso wie die der Sexualität tendenziös übertrieben, falsch gruppiert und festgehalten. Durch die Imagination eines übertriebenen Gewissens und über- triebener Schuldgefühle wird der männliche Protest von der geradlinigen Aggression abgedrängt und auf konstruierte Bahnen der Weichherzigkeit gelenkt. Nur am Affekt, der zeitweise losbricht, in der Analyse des Anfalls, an gelegentlich hervortretenden Charakterzügen, wie so häufig bei Ausbruch einer Psychose und am Endziel der neu- rotischen Umwege und der aus der Richtung gedrängten Charakterzüge, an der Tatsache der Aufrichtung einer Herrschaft trotz aller Unter- werfung, der Quälerei anderer durch Selbstquälerei, und an den Bei- mengungen gelegentlich auftauchender, ursprünglicher und geradliniger Aggressionen merkt man, dass das alte überspannte Ziel besteht und nur ein Formenwandel der Fiktion die Richtung des Strebens auf andere, zuweilen scheinbar entgegengesetzte Wege gelenkt hat.

So können nach einer durchaus aggressiven Periode, in der Ahnung oder durch das Erleiden einer Niederlage, hab- süchtige, brutale, gewalttätige Züge des Psychopathen durch die Errichtung ]) Siehe auch A. Jassny, Das Weib als Verbrecher. Archiv für Kriminal- psychologie 1911, H. 19 und „Verwahrloste Kinder" in „Praxis und Theorie der Individualpsychologie" 1. c.

V. Kapitel. Grausamkeit, Gewissen, Perversion und Neurose. 155 einer fiktiven Instanz, des Gewissens, besser oder sogar allzu aufdringlich an die allgemeinen Leitbilder der Moral herangebracht werden, ebenso wie ja auch aus dem Minderwertigkeitsgefühl heraus die Linien des egozentrischen, bösen Wollens beschritten wurden. „So bin ich denn gewillt, ein Bösewicht zu werden", — in dieser und ähnlicher Weise gestaltet sich, nur unmerklich und unbewusst, der fiktive Lebens- plan vieler Neurotiker, bis ein Blick in den Abgrund den von jähem Schwindel Erfassten von den gefährlichen Stellen reisst und ihn zu stärkerer Sicherung zwingt als unbedingt nötig wäre. Das Gewissen baut sich unter dem Druck der Sicherungstendenz aus den einfacheren Formen des Voraussehens und der Selbstemschätzung auf, wird mit den Zeichen der Macht ausgestattet und zur Gottheit erhoben, — damit der Nervöse Richtungslinien scheinbar im Einklang mit dem Ge- meinschaftsgefühl verfolgen kann, damit er sich leichter zurechtfindet in der Unsicherheit des Geschehens, damit er den sichernden Zweifel habe unter den Griffen und Kampfesweisen, zu denen ihn sein Wille zur Macht leitet. Immer aber lockt den Nervösen die Unfruchtbarkeit der Ge- wissensbisse, der Reue, der Trauer, weil ihr trügerischer Schein ihn hebt und zu veredeln und verschönern trachtet; gleichzeitig enthebt er ihn