der Lösung der wirklichen Lebensprobleme. „Gewissensbisse sind un- anständig!" (Nietzsche). Es ist immer verdächtig, wenn einer in über- spitztem Edelsinn weit über die Linie der Norm hinausschwärmt.
Aber, um besser die Griffe ansetzen zu können, bringt der Nervöse selbst diese Umbildung von Charakterzügen zustande. So, wenn er in der Furcht vor dem sexuellen Partner in neurotischer Perspektive ihm egoistische, grausame, hinterhältige Charakterzüge ganz allgemein und prinzipiell, sich edle zuschreibt. Er wird dann gerne aus seinen Erinne- rungen und Regungen jene hervorsuchen und übertreiben, die den eigenen Charakter als herzlich, milde und offen bestätigen. Er wird auch des Beweises wegen öfters so handeln, als ob seine Tugenden die Realität des Angeborenen und Unvergänglichen hätten.
Eine wichtige Frage muss noch berührt werden. Fast alle unsere nervösen Patienten kommen im Stadium der Tugend zu uns, das heisst nach der Niederlage. Wir müssen demnach darauf gefasst sein, ihren männlichen Protest weniger in geradlinigen Charakterzügen und Affekt- bereitschaften als in den neurotischen Umbiegungen, verstärkten Siche- rungen und in der Analyse ihrer Träume und neurotischen Symptome mühsam zu entdecken. Es wird sich erweisen, dass das kindliche fiktive Leitbild nur stärker wirksam geworden ist, und für die zuletzt ge- nannten Fälle, dass die neurotischen Symptome mit stärkerer Wucht zur Entwertung anderer führen als die früheren Leitlinien der Grau- samkeit und Quälsucht. Denn alle diese Linien sind gespannt zwischen der ursprünglichen Unsicherheit des konstitutionell oder subjektiv Minder- wertigen und seiner unerreichbaren fiktiven Persönlichkeitsidee. Wie weit auch der Sadismus, Perversionen, Sexuallibido oder 'summarisch der männliche Protest und die konstruktiven Linien des Charakters in die Tage der Kindheit zurückreichen, sie sind immer aufgebaut nach einem Lebensplan und zeigen sich von ihm abhängig. Die Erschliessung des Sadismus aus den neurotischen Bereitschaften und listigen Heimlichkeiten, aus dem Unbewussten, ist etwa einer Zurückführung der Neurose in ein früheres Stadium, in die Zeit vor der Niederlage gleichzusetzen. Freuds wissenschaftliche Leistung, so bedeutend und folgenschwrer sie auch war für 156 V. Kapitel. Grausamkeit, Gewissen, Perversion und Neurose.
das Verständnis der Neurose, gab kein richtiges Bild von der neurotischen Psyche, beschäftigte sich wie die Gedanken des Nervösen zu sehr mit dem für die Struktur Nebensächlichen. Die neurotischen Bereitschaften der Aflektsteigerungen, die Züge der übertriebenen Aggression, der Über- empfindlichkeit und der geradlinigen kompensierenden Charaktereigen- schaften bedürfen einer Erlösung aus ihrer irrtümlichen Über- spannung, nicht einer Rechtfertigung durch Hinweis auf „ angeborene Triebkomponenten*'. Ebenso die zuweilen frühzeitig konstruierten neu- rotischen Perversionsneigungen, die der allgemeinen Furcht vor Ent- scheidungen durch eine scheinbare Kompromissbildung zu Hilfe kommen wollen. Deshalb ist die Aufhebung des irrtümlichen Minderwertigkeits- gefühls und der daraus resultierenden Entwertungstendenz, — dieser beiden wichtigen Pole jeder neurotischen Einstellung, — durch die Ein- sicht und Überlegung des Patienten anzustreben. Denn sie sind, wie ihre sexuellen Analogien und Erscheinungsformen (Sadismus, Masochismus, Fetischismus, Homosexualität, Inzestphantasie, scheinbare Steigerung oder Abschwächung des Sexualtriebs), zum Fundament der Neurose, nicht der menschlichen Psyche geworden.
VI. Kapitel.
VI. Kapitel.
Oben— Unten. — Berufswahl. — Mondsucht.— Gegensätzlich- keit des Denkens. — Erhöhung- der Persönlichkeit durch Ent- wertung anderer. — Eifersucht. — Neurotische Hilfeleistung'.
— Autorität. — Denken in Gegensätzen und männlicher Protest.
— Zögernde Attitüde und Ehe. — Die Attitüde nach aufwärts als Symbol des Lebens. — Masturbationszwang. — Nervöser Wissensdrang.
Die Abstraktion der Begriffe „Oben — Unten" spielt in der Kultur- entwickelung der Menschen offenbar eine ungeheure Rolle, die wahr- scheinlich schon an den Beginn des aufrechten Ganges der Menschheit anknüpft. Da jedes Kind dieses Geschehnis in der Entwickelungsreihe wiederholt, wenn es sich vom Boden aufrichtet, die Erziehung auch aus allgemeinen hygienischen Grundsätzen stark nachhilft, ihm das „Unten sein", das Haften und Kriechen am Boden zu verleiden, ja zu ver- ekeln, so mag diese höhere Entwickelung im Kindesalter nicht wenig dazu beitragen, das „Oben" höher zu werten. Ein sicherer Hinweis ist in dem Benehmen kleiner Kinder zu finden, die sich trotzig zu Boden werfen, sich dabei auch wohl schmutzig machen wollen, um sich den Eltern gegenüber zur Geltung zu bringen, dabei aber verraten, dass ihnen der Begriff des „Untenseins" als Fiktion des Verbotenen, Schmutzigen, Sündhaften aufkeimt. In dieser psychischen Geste kleiner Kinder ist wohl auch das Vorbild für spätere, stark überbaute neurotische Züge, insbesondere des pseudomasochistischen Ge- barens zu erblicken.
Weitere Eindrücke, wie man sie auch aus kultur- und religions- psychologischen Erkenntnissen reichlich gewinnen kann, dürften dem Eindruck der Himmelskörper entnommen sein. Wie das Kind, so kamen auch die Urvölker dazu, die Sonne, den Tag, die Freude, die Erhebung, das „Obensein" einander gleichgesetzt zu fühlen, während sie das „Unten" mit der Sünde, dem Tode, dem Schmutze, der Krankheit, der Nacht recht häufig in Verbindung brachten. Die Gegensätzlichkeit des „Oben — Unten" in den modernen Religionssystemen ist nicht minder deutlich bei den Alten zu finden. Einer Arbeit von K. Th. Preuss über „die Feuergötter als Ausgangspunkt zum Verständnis der mexi- kanischen Religion" (Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 1903) entnehmen wir die besondere Ausprägung dieses Gegen- satzes und der Verbindung von „Unten — Oben". Der Feuergott ist zugleich der Gott der Toten, die mit ihm am Ort des Herab- steige ns wohnen. Als Bilder des „Oben — Unten", d. h. des Hinab- stürzens ins Totenreich galten umgestürzte Gefässe, hinabstürzende 158 VI. Kapitel. Oben Unten, Berufswahl, Mondsucht usw.
Menschen, und in diesen räumlichen Gegensatz fasste man Gedanken von erhaltender und zerstörender oder schreckender Tätigkeit1).
Des weiteren wirken als ausgestaltend auf dem Raumbegriff des „Oben — Unten" Empfindungen und Eindrücke aus der Kindheit, die den Gegensatz noch verschärfen. Das Fallen, nach unten Fallen, ist schmerzhaft, schimpflich, unehrenhaft, zuweilen strafbar. Nicht selten ist es die Folge einer Unachtsamkeit, Ungeschicklichkeit, geringer Vorsicht oder der Anlass, bei dem man ausgelacht wurde. Deshalb werden auch diese Empfindungsspuren als warnende P>innerung dauernd aufgenommen, so dass „Untensein" als prägnanter Ausdruck des „Ge- fallenseins", der Unachtsamkeit, der Ungeschicklichkeit, der Niederlage empfunden werden kann, nicht ohne den Protest auszulösen oder zu- mindest anzuregen, der sich gegen das hinzutretende Gefühl der Minder- wertigkeit richtet.
Man findet ferner in dieser Kategorie des „Unten — Oben", von denen bei jedem das andere mitgedacht wird, bei Normalen und Neu- rotikern Gedankengänge beigemischt, die einen Gegensatz von Sieg und Niederlage, von Triumph und Minderwertigkeit ausdrücken. Im einzelnen tauchen in der Analyse Erinnerungsspuren vom Reiten auf, vom Schwimmen, vom Fliegen, vom Bergbesteigen, vom Hinaufklettern und vom Stiegensteigen, als deren Gegensätze sich das Tragen eines Reiters, Alpdruck, Untergehen im Wasser, Herabfallen, Herabstürzen, Hemmung in einer Auf- oder Vorwärtsbewegung zeigen. Je abstrakter und bild- hafter die Erinnerung wird, im Traum, in der Halluzination, in einzelnen neurotischen Symptomen, um so deutlicher sind Obergänge wahrzu- nehmen, die einen männlich — weiblichen Einschlag zeigen; dabei wird das männliche Prinzip, oft nur in der Auffassung einer stärkeren Kraft, als das „Oben", das weibliche als das „Unten" dargestellt. Dass Raufereien und ihre Ergebnisse diese Wertung unterstützten, ist leicht zu erkennen.
In den für das Leben vorbereitenden Spielen der Kinder (Karl Groos) ist dieser Zug nach „Oben" regelmässig zu finden. Ebenso in den kindlichen Gedanken über künftige Berufe2). Bei fortschreitender psychischer Entwickelung findet man regelmässig die bremsende Wirkung der Realität, so dass die Abstraktion des „Oben" sich irgendwie konkret einzukleiden versucht. Dabei ist ungemein häufig die Vorsicht nach Art der Höhenangst am Werke und wendet den Wunsch Dachdecker zu sein zur Berufswahl eines Baumeisters, macht aus dem Aviatiker einen Konstrukteur von Flugmaschinen, aus dem Wunsch kleiner Mädchen, wie der Vater zu werden, den erfüllbaren, als Mutter zu herrschen.
Sicherungstendenz und männlicher Protest nützen die sich ergebenden Leitlinien des „Oben sein Wollens" aufs Äusserste aus. Unter dem Drucke dieser Fiktion ist der Neurotiker bald zu männlicher Entschlossenheit, zu Kampf und Streit, zu hastigem Drängen, bald wieder zu vorsichtigem, zögerndem, zweifelndem Tun genötigt. Er ist ununterbrochen in die Lage gebracht, die Rechnung seines Lebens an- zusetzen, und das auch in Fällen, die sich der Aufmerksamkeit des anderen noch entziehen. Ja er muss Situationen herauswittern, festhalten, auf- bauschen oder arrangieren, deren Wert uns doch allzu gering erscheint. Verfolgen wir dieses Gebaren im einzelnen.
1) Für viele wertvolle historische Hinweise zu meiner Arbeit hin ich Herrn Professor Dr. D. Oppenheim besonders verpflichtet.
2) Siehe Kramer, „Berufsphantasien" in „Heilen und Bilden" 1. c.
VI. Kapitel. Oben — Unten, Berufswahl, Mondsucht usw. 159 Ein klein gewachsenes 25jähriges Mädchen stellt sich mit der Klage über häufigen Kopfschmerz, Affektausbrüche, Arbeits- und Lebens- unlust vor. Spuren der Rachitis sind allenthalben wahrzunehmen. Die Kindheitsgeschichte deckt ein ungeheures Minderwertigkeitsgefühl auf, das insbesondere wegen der Bevorzugung eines jüngeren Bruders durch die Mutter und durch dessen intellektuelle Überlegenheit in fortwähren- der Spannung erhalten wurde. Der sehnlichste, bewusste Wunsch dieser Patientin war immer gewesen, gross, sehr klug und ein Mann zu sein. Die vorbereitenden Attitüden zur Erreichung dieses männlichen Persönlich- keitsideals nahm sie, soweit sie konnte, aus dem Vorbild des Vaters. Wo ihr als kleinem, dummen Mädchen diese Möglichkeit fehlte, hat sie durch Affektbereitschaften des Jähzorns und derWut, durch Simulation von Dummheit, Ungeschicklichkeit und Krankheit, nicht zuletzt durch das Arrangement von Faulheit ihren Angehörigen gegenüber, insbesondere im Trotze gegen die Mutter ihr imaginiertes Persönlichkeitsgefühl ge- sichert. Ich übergehe die von ihr konstruierten Linien der Männlichkeit, der Bosheit und des Trotzes, will auch nicht ihren flammenden Ehrgeiz, noch ihren Hang zur Lüge und Prahlerei auseinandersetzen, sondern ich werde mich begnügen zu zeigen, Avie in der Sucht „Oben zu sein" alle diese Züge vereint sind und der Entwertungstendenz dienen. Zu diesem Zwecke will ich an einen ihrer Träume anknüpfen, der einen bescheidenen Hinweis auf die Psychologie der „Mondsucht" enthält. Der Traum lautet: „Ich bin mondsüchtig geworden und bin allen Leuten auf den Kopf gestiegen."
Patientin hat vor einigen Tagen von Lunatikern sprechen gehört. In ihren Erklärungsversuchen zu diesem Traumbild taucht eine Reihe ehrgeiziger Gedanken auf, die unter anderem auch in ein Bild der Vor- herrschaft über ihren zukünftigen Mann gekleidet sind. Von früher her erinnert sie sich an Traumbilder, die sie auf einem Manne1), auf einem Pferde reitend darstellen. Ich habe nie einen veritablen Mondsüchtigen behandelt. Aber in Ansätzen findet man dieses neurotische Symptom gelegentlich angedeutet. Es erweist sich, ebenso wie der Flugtraum, der Traum vom Treppensteigen usw. als der dynamische Ausdruck des „Obenseinwollens" der männlichen Aggression gleichwertig. Bei einem Patienten, der einen stark masochistischen Einschlag zeigte, fand ich angestrengte Versuche, während seines Schlafes mit den Beinen voraus an der Wand, zur Decke des Zimmers hinauf zu gelangen. Die Deutung ergab, dass der Patient sich aus einer als weiblich und masochistisch gewerteten phantasierten oder realen Situation durch Umkehrung zum männlichen Protest wandte, gleichzeitig diesem durch sein Streben nach „Oben" in einem symbolischen Modus dicendi Ausdruck gab.
Der zweite Gedanke des Traumes: „ich bin allen Leuten auf den Kopf gestiegen", — ergibt den gleichen Sinn. Patientin verwendet hier eine geläufige Redensart, um auszudrücken, dass sie allen überlegen sei. Ihr Trachten nach Oben ist nur dialektisch, in einer Antithese zu verstehen, wie sich ja überhaupt das Denken des unsicheren Neurotikers immer in scharf gegensätzlicher Richtung, in eiuem „Entweder— oder" be- wegt, in einer nach dem Schema des Gegensatzes von Männlich — Weiblich ]) Das Bild: eine Frau auf dem Manne reitend, findet sich direkt oder in Ver- kleidungen häufig als Sujet der Malerei. Ich erinnere an Burgkmair, Hans Baidung Grien, Dürer und die mehrfachen Abbildungen, welche Kampaspa, die Geliebte Alexanders, auf Aristoteles reitend zeigen.
160 VI. Kapitel. Oben— Unten, Berufswahl, Mondsucht usw.
gefassten Abstraktion. Die zahllosen Mittelwege gelten nicht, weil die beiden neurotischen Pole, das Minderwertigkeitsgefühl auf der einen, das überspannte Persönlichkeitsgefühl auf der anderen Seite — unter der verstärkten Sicherungstendenz nur die gegensätzlichsten Werte zur Apperzeption gelangen zu lassen x). ' Der Gedankengang dieses Traumes lässt uns die neurotischen Bereitschaften der Patientin erraten. In der Tat ist ihr männlicher Protest, ihre Neigung zur Herabsetzung anderer, ihr Ehrgeiz, ihre Empfindlichkeit, Trotz, Unnachgiebigkeit, Eigensinn auffällig genug. Die psychische Bedeutung ihres Kopfschmerzes lugt aus diesem Traum hervor. Die bisherige Analyse ergab nämlich, dass das Symptom immer im Falle des Gefühls einer Herabsetzung, einer Yerkürztheit, einer „Verweiblichung" eintrat, — mit den Worten des Traumes gesprochen: wenn man ihr „auf den Kopf stieg". In den Phasen des Kopfschmerzes, also durch die Konstruktion dieser „ Schmerzbereitschaf t" mit folgender Schmerzhalluzination war sie der Herrschaft aller, inbesondere der Mutter, entrückt, konnte ihr Persönlichkeitsgefühl ähnlich, nur stärker steigern, wie durch Trotz, Faulheit und Eigensinn, kurz: war den andern „auf den Kopf gestiegen u.
Bei Kindern ist dieser Hang nach oben unverkennbar und deckt sich vielfach mit dem Wunsche gross zu sein. Sie wollen in die Höhe gehoben werden, klettern mit Vorliebe auf Sessel, Tische und Kasten und verbinden mit diesem Streben meist die Idee, sich als unfolgsam, mutig, männlich zu zeigen. Wie nahe daran die Tendenz der Ent- wertung anderer grenzt, geht aus ihrer Freude hervor, wenn sie „an Grösse" nunmehr den Erwachsenen übertroffen haben. Die Steigerung des Aggressionstriebes zeigt sich bei frühzeitig neurotischen Kindern oft deutlich in dieser Schaustellung. So kommt es gelegentlich vor, dass kindliche Patienten im Ordinationszimmer des Arztes unablässig auf Stühle, Bänke und Tische steigen und so ihre Geringschätzung und mangelhafte Vorbereitung für die Gemeinschaft an den Tag legen.
Die Gefahr des Fallens, der Unfälle bei diesem Streben nach Oben, sowie die landläufige Erziehung zur Feigheit zwingen die meisten dieser Kinder zu einem Formenwandel ihrer Leitlinie oder zu neurotischen Umwegen, wobei sich die Furcht vor der Höhe, die Höhenangst wie ein Memento, meist in symbolischer Weise vor Unternehmungen und Wagnisse aller Art stellt und so eine fertige Bereitschaft begründet, die wie eine Bremsvorrichtung wirkt und den Patienten jedesmal auf seinem Wege stecken bleiben lässt. Fälle von Platzangst drücken auf diese Weise zuweilen ihre Furcht vor dem Herabsteigen von ihrer Höhe aus und schielen dabei auf ihre Grösse. — Zuweilen geht die Sucht nach der Höhe zum grössten Teil in Tendenzen zur Herabsetzung anderer über. In übertragener Form äussert sich diese Tieferstellung anderer in der Schmähsucht, insbesondere aber in der neurotischen Eifersucht und im Eifersuchtswahn. — Eine weitere, interessante Art der Herab- setzung fand ich bei Nervösen in rhrer Fürsorge, in ihrem ängst- *) Dass auch die tastenden, in Unsicherheit begonnenen Anfänge der Philo- sophie dieses gegensätzliche Denken hypostasiert haben, wurde bereits hervorgehoben. Karl Joel spricht von diesem Problem in der „Geschichte der Zahlprinzipien in der griechischen Philosophie" (Zeitschr. f. Philosophie u. philos. Kritik, Bd. 07) und hebt dort hervor: „Der eigentliche Urgrund der Antithetik ist die in- stinktive, eigensinnige Denkstarre, die nur Absoluta kennen will."
VT. Kapitel. Oben— Unten, Berufswahl, Mondsucht usw. 161 liehen Gehaben und in ihren Befürchtungen um das Schick- sal anderer Personen. Sie benehmen sich, als wären andere un- fähig, ohne ihre Hilfe für sich zu sorgen. Sie geben immer Ratschläge, wollen alles selbst zu Ende bringen, finden immer neue Gefahren und ruhen nicht, bis sich der andere kopfscheu und entmutigt ihren Händen anvertraut. Nervöse Eltern richten dadurch viel Schaden an, auch in der Liebe und in der Ehe kommen auf diese Weise viele Reibungen zustande. Was sie damit anstreben, ist die Gesetzgebung für den andern. Einer meiner Patienten, der zweimal in seiner Kindheit überfahren wurde, verband sein beschädigtes Persönlichkeitsgefühl mit dieser Erinnerung und führte jedesmal, wenn er Begleitung hatte, den anderen am Arme ängstlich über die Strasse, als ob er ihm die Fähigkeit ohne Hilfe hinüberzukommen nicht zutraute. Viele haben Sorge, wenn ihre An- gehörigen die Wagenbahn benützen, schwimmen oder Kahn fahren, geben ununterbrochen den Kindermädchen Weisungen, setzen auch ihre Ent- wertungstendenz mit übertriebener Kritik und mit Zurechtweisungen fort. In der Schule, im Amt wird man bei nervösen Lehrern und Vor- gesetzten diese nörgelnden Herabsetzungen immer finden. Bei Ausübung der Psychotherapie ist es ein Haupterfordernis, ähnliche Bereitschaften auszuschalten, auch wenn der Patient sie provoziert. Es läuft diese Forderung auf den Verzicht drückender Autorität hinaus. Wer die Überempfindlichkeit der Nervösen kennen gelernt hat, wird wissen, wie leicht sie sich herabgesetzt fühlen. Einer meiner Patienten, der an Hjsteroepilepsie litt und immer sich geberdete, als wolle er sich völlig unterordnen, fiel einmal vor meiner Türe in Bewusstlosigkeit. In solchen „Zufällen" ist deutlich die Tendenz der Entwertung zu erkennen. Noch im Dämmerzustand sprach er mich als „Lehrer" an und stammelte, er werde einen Brief bringen. Nach dem Anfall bestätigte er mir, er sei diesmal ungern gekommen. Die Analyse ergab, dass er mich, — was aus der Situation heraus jederzeit möglich war, — zum Lehrer gemacht hatte, um die nötige Kampfdistanz zu gewinnen, handeln zu können, als ob er wie in der Schule zum Kommen verpflichtet wäre und eine briefliche Entschuldigung bringen müsste. Nachdem er sich gefühls- mässig in diese Situation der Minderwertigkeit versetzt hatte, konnte er die daraus abgeleiteten, kompensierenden Bereitschaften spielen lassen, um mich zu erschrecken1). — Ein zwanzigjähriges Mädchen leidet an der Zwangsvorstellung, in keiner Trambahn fahren zu können, denn es tauche immer, wenn sie aufsteige, der Gedanke auf, zur selben Zeit könne ein Mann ab- steigen und unter die Räder geraten. Die Auflösung ergab, dass diese Zwangsneurose den männlichen Protest der Patientin im Bilde des „Obenseins" darstellt, welchem entsprechend der Mann nach „Unten" kommen, herabgesetzt werden müsste, den Schaden tragen solle, den er der Frau zufügt 2). Dazu baut die verstärkte Sicherungstendenz noch den Vorbau der Angst, die der Furcht vor dem Manne weiter genügen soll: auch dann, wenn ihre Überlegenheit gesichert wäre, könnte sie sich *) Wie die im Zeitalter des Sozialismus eintretende Veränderung, Sinken der Autorität, unser ganzes Leben, insbes. Erziehung und Schule, verändern muss, soll andernorts gesagt werden.
2) Laura Marholm führt folgendes Gedicht an: „Die Frau, das ist ein Kosenstock, „Kommt her, frisst auf der Ziegenbock."
Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 11 162 VI. Kapitel. Oben — Unten, Berufswahl, Mondsucht usw.
zur Ehe noch nicht entschliessen, denn ihr zukünftiger Mann würde es recht schlecht bei ihr haben. Und schliesslich verhindert sie durch die neurotischen Schwierigkeiten ihren Eintritt in die Frauenrolle. — Man versteht von diesem Punkte aus das oft unbegreifliche Streben mancher neurotischer Mädchen und Krauen, ihrem Partner die grössten Opfer und schwersten Prüfungen zuzumuten, soferne sie dadurch zu einer Erhöhung ihres Persönlichkeitsgefühls, zum Scheine der Manngleichheit zu gelangen hoffen. Eine Patientin verhinderte den (weiblichen) An- schluss an die Gesellschaft durch den Z wangsgedanken, sie müsse vor andern den (männlichen) Hahnenschrei ausstossen.
Das Denken in schroffen Gegensätzen ist also allein schon ein Zeichen der Unsicherheit und hält sich an den einzig „realen Gegen- satz", den zwischen Mann und Frau. Damit ist auch schon ein Werturteil gegeben, das unmerklich in jede „Antithetik" hineinfliesst, weil diese immer nach dem Bilde der Zerlegung des Hermaphroditen in eine männliche und weibliche Hälfte vorgenommen wird. Plato hat dieser Idee vielleicht am reinsten Ausdruck gegeben. Und die menschliche Anschauung hat sich bis Kant nicht aus den Fängen ihrer selbst- geschaffenen Fiktion befreien können. An die Gegensätzlichkeit der Geschlechter aber und an ^die damit verbundene Höherwertung des männlichen Prinzips klammert sich das neurotisch disponierte Kind, um seiner Unsicherheit zu entgehen, und um Richtungslinien für seine leitende Persönlichkeitsidee zu finden. So kommt es, dass diese leitende Fiktion ein männliches Aussehen erhält, und dass bei allem Erleben und Streben des Nervösen der männliche Protest als ordnendes und treibendes Prinzip durchdringt. Im obigen Symbol des räumlichen Gegensatzes von „Oben — Unten" lässt sich der Gegensatz der Geschlechter vorzüglich ausdrücken. Und so wird verständ- lich, dass in jeder unserer psychologischen Analysen dieser Ausdruck eines scharf gegensätzlichen Schemas irgendwie hervortreten muss. Ob dabei aus den Realien der frühen Kindheit und ihren Eindrücken, aus Beobachtungen des Sexualverkehrs bei Menschen oder Tieren Verstärkungen geholt werden, ist eine offene Frage.
Das „Obenseinwollen" der nervösen Frau ist durch ihr männliches Leitbild erzwungen und stellt den Versuch einer Identifizierung mit dem Manne vor. Die Aufdringlichkeit und „Denkstarre", mit der dies, wenn auch auf neurotischen Umwegen, geschieht, bezeugt die ursprüngliche Unsicherheit und Furcht, man werde einmal „unten", herabgesetzt, weib- lich sein. So kommt die transzendentale Persönlichkeitsidee zu ihrer beherrschenden Macht, weil sie die Kompensation, die Beruhigung des Minderwertigkeitsgefühls für später, „im Jenseits" in Aussicht stellt. „Ich will oben, ich will ein Mann sein", spricht dann jede Geste, „weil ich fürchte, als Frau unterdrückt und missbraucht zu werden", „weil nur der Mann sein Machtgefühl geniesst". Damit wird der Ehrgeiz, der Neid usw. verstärkt, und ein ungemein geschärftes Miss- trauen wendet sich frühzeitig gegen jede Möglichkeit einer Verkürzung. Bei wirklichen Herabsetzungen aber flammt der männliche Protest auf und führt bei geringfügigen, oft nichtigen Anlässen schon zu den be- kannten, unangenehmen Reibungen der Nervösen mit ihrer Umgebung, zu denen prinzipielle Rechthaberei und Gerechtigkeitsliebe, der eigensinnige Scharfsinn und der Scharfblick des Nervösen die Bereitschaften und Griffe bilden, das vorgeschobene Angriffsorgan, VI. Kapitel. Oben -Unten, Berufswahl, Mondsucht usw. 163 um dem Machtgefühl zu einer Bestätigung zu verhelfen. Dabei wird man niemals, insbesondere in Zeiten grösserer Unsicherheit, das „Suchen nach Unten" vermissen, den verschärften Blick für erlittene Demütigungen und Kränkungen, Verkürzungen und Zurücksetzungen, ferner Arrange- ments von Depression, Angst, Reue, Schuldgefühlen und Gewissensbissen. Nun werden stärkere Sicherungen angebracht, neue neurotische Sym- ptome und Umwege konstruiert, die neurotischen Charakterzüge werden prinzipieller und abstrakter, und das entwickelte Bild der Neurose tritt hervor1). Damit ist die Revolte zur Erzielung eines höheren Persönlich- keitsgefühls richtig angezettelt; die Einleitung dazu bildet das Kranksein selbst und die Krankheitsbereitschaft, die in irgendwelcher Weise der Umgebung gegenüber als Machtmittel ausgenützt wird. — Eine 21jährige Patientin kommt wegen schwerer Depression, Schlaf- losigkeit und Zwangsgedanken, dass sie sterben müsse, in Behand- lung. Es erweist sich, dass sie von Kindheit an neurotische Charakterzüge gehabt hat. Die Zwangsneurose brach aus, als es mit einer Beziehung zu einem Manne, der sie heiraten sollte, ernst wurde. Diese typische pathogene Situation bringt das neurotische „Nein" zutage, und während Patientin ihre Vorbereitungen zur Ehe ttifft, mit ihrem Jawort nicht zögert, arrangiert sie die Neurose und benimmt sich so, als ob sie nicht heiraten wollte. In allen diesen überaus häufigen Fällen ist der nächste Schritt ein Junktim, das also lautet: Wenn ich gesund werde, meine Zustände verliere usw. (bei Männern oft: wenn ich potent werde), so werde ich heiraten. Durch dieses Junktim, das einem Schwanken, einem Zweifel, einer besonderen Vorsicht gleichwertig ist, entschlägt sich der Patient aller Verantwortlichkeit, hat den Riegel bis auf weiteres heimlich vorgeschoben, kann aber so tun, als ob er ganz gerne die Tür öffnen wollte. Die Züge des Misstrauens, der Rechthaberei, Herrsch- sucht und des,Obenseinwollens" treten in der Analyse deutlich hervor, und man kann leicht wahrnehmen, dass die Furcht, dem Partner nicht gewachsen zu sein, und die mangelnde Vorbereitung zur Gemeinschaft, die