SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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VIII. Kapitel.

Furcht vor dem Partner. — Das Ideal in der Neurose. — Schlaflosigkeit und Schlafzwang. — Neurotischer Vergleich von 3Iann und Frau. — Formen der Furcht vor der Frau.

In diesem Hingen der Nervösen um die Erfüllung des männlichen Leitzieles kann es niemals ausbleiben, wie wir hervorgehoben haben, dass sich die Furcht vor der Entscheidung als Furcht vor dem anderen Geschlecht, dem Prüfstein der eigenen Kraft, dem Er- füller der leitenden Idee in hervorragender Weise kundgibt. Die Vor- bereitungen für den Kampf um die Überlegenheit werden von Mädchen und Knaben in der Familie, im Spiel, in der Ansammlung von Er- fahrungen aller Art, in der Phantasie, in Tagträumen, im Miterleben von wirklichen Ereignissen und Dichtungen so frühzeitig, so reichlich und so einheitlich getroffen, dass in der Zeit der Pubertät sichere Bereitschaften für die Liebe und Ehe bestehen und dadurch allein die Auswahl und die Richtung der Erotik in engen Grenzen vorbestimmt ist. Nun überlege man, welcher Art die Vorausbestimmung des Liebes- objektes bei Nervösen sein mag! Da ist die Herrschsucht, die Über- empfindlichkeit, der Ehrgeiz, die Unzufriedenheit und alle die beschriebenen nervösen, prinziellen Charakterstücke, die sichernden Bereitschaften des Misstrauens, der Vorsicht, der Eifersucht, die Entwertungstendenz, die überall nach Fehlern sucht, die neurotischen Abbiegungen und Umwege, die zuerst die eigene Hörigkeit anstreben, um von dieser Basis aus ihre Überlegenheit zu erweisen oder zu flüchten. Das neurotische Junktim mengt sich ein und verlangt zur Liebe noch eine schwer oder gar nicht zu erfüllende Eigenschaft, oder der Partner soll (Plato und viele neuere Sexualpsychologen) „das Fehlende ergänzen", was nichts anderes heisst, als er soll die von dem Suchenden kompensatorisch konstruierte Persön- lichkeitsidee erfüllen oder vorstellen. Auch das normale Kind erwartet von der Zukunft und insbesondere von seiner Liebeswahl die Erfüllung seiner Ideale. Aber zur gegebenen Zeit ist es imstande, nachdem es sich von seiner Idee als Mittel hat treiben lassen, von ihr zur Wirklich- keit abzuspringen und mit dieser zu rechnen. Anders der Neurotiker. Er kann seine neurotische Perspektive aus eigener Kraft nicht ver- ändern, seine starr gewordene Prinzipien nicht aus dem Spiele lassen, seinen Charakterzügen nicht gebieten. An seine Idee gekettet bringt er die alten Vorurteile und Voreingenommenheiten auch in die Liebes- beziehungen und handelt so, als ob sie ihm nicht Realiät, Kamerad- schaft und Gemeinschaft, sondern die Sicherung seiner Idee, den Triumph seines überspannten männlichen Protestes gewährleisten müssten. Und bald ist die Enttäuschung da. Denn sie wird von dem Nervösen als Vorwand, als Sicherung gegen die herabsetzende Distanzwirkung seines fiktiven Finales eingeleitet und protegiert. Sie gibt die geeignete Basis 180 VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw.

ab, um den Kampf gegen den Partner weiterzuführen, jede Gelegenheit zu seiner Erniedrigung wahrzunehmen. Und dies waren doch die nächsten Ziele der alten neurotischen Bereitschaftssteliungen.

Unbewusst schwebt die Furcht vor dem geschlechtlichen Partner in der Seele des wachsenden Neurotikers, als ahnte er für diese kommende Zeit das Ende seiner männlichen Fiktion und damit die Vernichtung seines Persönlichkeitsgefühls, des Leitsterns seiner Unsicher- heit im Chaos des Lebens. Er stellt Ideale auf, um die Wirk- lichkeit zu entwerten. Er schraubt sein Persönlichkeitsgefühl oft in narzissistischer Weise so hoch als möglich, um jeden Partner klein erscheinen zu lassen. Er umgibt sich mit der Mauer des krassesten Egoismus, um den Beweis seiner Untauglichkeit sich und anderen zu liefern. Er arrangiert in neurotischer Weise Zweifel, Unsicherheit, Un- geschicklichkeit, hält alte Kinderfehler aufrecht, konstruiert neue Mängel, um nicht anzukommen. Und er erdichtet Schwäche, Unterwürfigkeit, masochistische Regungen, um sich zu erschrecken. Die Macht des Sexualtriebs wird ihm zur „überwertigen Idee" (Wer nicke), weil er sie braucht, und er empfindet sein eigenes Sexualverlangen als die Überlegenheit des anderen Geschlechtes. Der Nervöse ist zur Liebe unfähig, nicht weil er seine Sexualität verdrängt hat, sondern weil seine starren Bereitschaften an der Linie seiner Fiktion, an den Linien zur Macht und nicht zur Gemeinschaft liegen. Die nervösen Karikaturen des Don Juan, der Messalina sind trotz ihrer Sexualität Neurotiker. Die Invertierten aber und Perversen sind be- reits der ihnen drohenden Klippe ausgewichen und versuchen nur mehr aus der Not eine — Tugend zu machen. Und wo scheinbar der Inzest- gedanke eine Hemmung des Liebeslebens bewirkt, konnten wir zeigen, dass er eine sichere Zuflucht des vor der Entscheidung bangen Nervösen bedeutet, den sichernden asexuellen Weg zur Mutter oder zum Vater, eingekleidet in ein sexuelles Gleichnis.

Besser gelingt die Flucht vor dem Partner, insbesondere die Flucht vor der Frau den nervös disponierten Menschen, die frühzeitig den Weg in einen Beruf, in eine künstlerische Betätigung gefunden haben. Wohl kann sie mitten in ihrer Arbeit die Furcht vor der Entscheidung, vor der Zukunft, vor dem Leben, vor dem Tode ereilen, wenn ihnen eine weibliche Rolle, eine Niederlage droht. Oft aber findet der Nervöse in befriedigender Arbeit das Mittel, sein Selbst- gefühl zu sichern, oder seine Begabung gibt ihm im Formen wandel der Fiktion Gelegenheit, in der Kunst nach der Palme der Männlichkeit zu ringen. Nicht selten schlägt dann als Motiv und Inhalt seines Schaffens durch, was ihn in die sichernden Gefilde der Kunst getrieben hat: die Macht des Weibes, die Furcht vor der Frau.

In dieser Richtung liegt der grossartige, wirkende Zauber, der aus vielen Mythen, aus Schöpfungen der Kunst und Philosophie zu uns spricht: die Schuld der Frau, — das banale cherthez la femme, — an allem grossen Unheil. Bizarr malt sich der Gedanke bei Baudelaire: „Ich kann mir eine Schönheit ohne ein damit verbundenes Unglück gar nicht vorstellen", mystisch und erhaben im Evamysthos, dessen Spuren in der Poesie nie vergangen sind. Die Iliade baut sich auf dieser Grundlage auf, ebenso 1001 Nacht, und wenn wir näher zusehen, jede grosse und kleine künstlerische Leistung. Was ist ihr leitender Gedanke? Nichts Kleineres als einen Standpunkt zu gewinnen in der VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw. 181 Unsicherheit des Lebens, im Kampfe mit der Liebe, im Beben vor der Frau. /Jo<z nov ozcol Die Frau als Sphynx, als Dämon, als Vampyr, als Hexe, als männermordendes Scheusal, als Gnadenspenderin, — in diesen Bildern spiegelt sich der durch den männlichen Protest aufgepeitschte Sexual- trieb, die in der Karikatur der Frau, in zotenhaften galligen Ergüssen, in Anekdoten und Schwänken, in herabsetzenden Vergleichen ihr Gegen- stück haben. Ebenso drängt das nervöse spiessbürgerliche Mannesbe- wusstsein und die Gier nach Überlegenheit zu gefesteten Überzeugungen, deren Entwertungstendenz dahin geht, der Frau die Gleichberechtigung, zuweilen auch die Daseinsberechtigung abzusprechen.

Eine andere Richtung von Gedankengängen Nervöser führt in der Sicherung vor der Frau konsequenterweise auch abseits von der Gegenwart und vom Leben. Schopenhauer kam auf diesem Wege, — die Vorbereitungen stammen aus seiner feindlichen Beziehung zur Mutter, — zur Verneinung des Lebens, der Gegenwart, aller Zeiten. Etwas weniger folgerichtig und methodisch flüchten viele der Patienten in der Furcht vor der Frau, aber ewig lüstern nach der Er- füllung ihrer Fiktion, in Phantasien und Träume, mit denen sie die Zukunft umspinnen. Jeder Nervöse zeigt diesen Zug, will die Zukunft erforschen und erhellen, um sich rechtzeitig zu sichern. Seine vor- sichtig-ängstliche Erwartung gibt den Grundton künftiger Ereignisse: grau, düster, voll Gefahren. Denn so müssen sie ihm er- scheinen, um als drohender Antrieb wirksam zu werden. Nun kann er, die grösste Gefahr im Auge behaltend, die Linien seiner Charakterzüge und Bereitschaften haarscharf ausziehen, um sich zu sichern. Jetzt glaubt er den Weg zu seinem Leitziel gefunden zu haben, und er lässt statt des Ehrgeizes, statt der Sehnsucht nach Sieg und Triumph, nach An- sehen, Erhebung, Macht und Bewunderung oder neben ihnen seine neu- rotischen Symptome und Anfälle wirken. Er empfindet unter dem Zwang seiner Leitlinie als Gabe der Prophetie, was nüchterne Menschen in ihrem Vorausdenken und in ihrer Berechnung der Wirklichkeit be- sitzen. Aber mit den neurotischen Bestrebungen des Vorausdenkens berührt die Aufmerksamkeit Probleme und reiht sie nach der starren, gegensätzlichen Apperzeption des Nervösen ein, die eine Niederlage als Tod, als Minderwertigkeit, als Weiblichkeit und den Sieg als Unsterb- lichkeit, Höherwertigkeit, männlichen Triumph wertet, während die hundert anderen Möglichkeiten des Lebens in abstrahierender Weise ausgelöscht sind. Ebenso ist damit der Weg zur Antizipation künftiger Schrecken und Triumphe, sowie zur halluzinatorischen Verstärkung zwecks Sicherung beschritten. Die Psychosen zeigen diesen Weg in klarerer Weise, die Melancholie und die Manie als Antizipationen des reinen „Unten oder Oben", die Dementia praecox, Paranoia und Zyklo- thymie in ihren Ausbiegungen vor den Tatsachen des Lebens.

Anerkennung und Ausbau der Charakterlinien in prinzipieller Weise erfolgen nun unter Rücksichtnahme auf das Endziel. Die Verschärfungen von Geiz und Sparsamkeit sollen vor erniedrigender Not, Pedanterie vor Schwierigkeiten, ethische Charakterzüge vor Schande, alle gleich- zeitig vor Liebesbeziehungen, Heirat oder Unterwerfung unter den Partner sichern und die Möglichkeit des Angriffs auf ihn, den bereitstehenden Anlass zu seiner Entwertung liefern. — DasJunktimalsausschlies- sendes Prinzip erfreut sich der grössten Wertschätzung, wird zum 182 VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw.

Inventar vergöttlichter Moral oder der höchsten Lebensweisheit. Die Unsicherheit unserer sozialen Zustände, ethische Gesichtspunkte und Schwierigkeiten der Kindererziehung geb^n den willkommenen Anlass, die Grenzen der Lebenshaltung ängstlich vorausblickend so eng als möglich zu ziehen, und die.Dunkelheit und in Wahrheit ge- ringe Eignung des Erblichkeitsproblems wird in gleicher Weise vorgeschoben, um allein bleiben zu können. Viele flüchten in die Religion, geben ihr gegenwärtiges Leben preis, peitschen ihre mor- alischen und asketischen Gefühle auf, um des Glücks, des Triumphes „dort drüben" teilhaftig zu werden, hienieden aber bereits bei Gott zu sein. Die asexuelle Rolle ist also arrangiert, und alles wird Mittel zur Erreichung des Persönlichkeitsideals, was sich durch die Situation und durch die neurotische Perspektive auf das Leben und seine Er- fahrungen für sie ergibt. — Zuweilen wird die Sicherung gegenüber dem andern dadurch erzielt, dass die Befriedigung in der Liebesbeziehung ausbleibt und die Enttäuschung mächtig anwächst, Arrangements, bei denen der Patient deutlich nachhilft, um Argumente gegen den andern zu finden.

Es ist nur eine andere Seite der Furcht vor dem Konkurrenten, wenn der Patient gegen den Psychotherapeuten seine Bereitschaften spielen lässt. Die nervöse Patientin bekämpft in dem Arzt auf ihre Weise gleichzeitig den Mann und sucht sich seinem, — oft in einem sexuellen Bild als dem schreckendsten apperzipierten, — männlichen Einfluss zu entziehen. Der männliche Nervöse versucht heimlich die als männlich apperzipierte Überlegenheit des Psychotherapeuten, auch diese zuweilen in einem sexuellen Bild erfasst, zu untergraben. Und beide wehren sich in der Behandlung, wie sie sich immer gewehrt haben, wenn sie fremden Einfluss zulassen, ins Leben hinein sollten oder vor Entscheidungen gestellt wurden.

Zuweilen findet man Patienten, die vor dem Partner in die Vergangen- heit flüchten. Ihr Interesse für Antiken, Heraldik, tote Sprachen usw. wird dadurch sehr gesteigert und oft leistungsfähig. Letzteres bleibt bei solchen Nervösen aus, die ihre Aufmerksamkeit vor allem auf Fried- höfe, Todesanzeigen und Leichenbegängnisse richten.

Oben erwähnte ich das Motiv der Furcht vor der Frau als stärksten Antrieb zur Phantasie und zum Künstlertum. Hier eine Stelle aus Grillparzers Selbstbiographie, die manches aus unserer Darstellung beleuchtet: „Wie jeder wohlbeschaffene Mensch fühlte ich mich von der schöneren Hälfte der Menschheit angezogen, war mit mir aber viel zu wenig zufrieden, um zu glauben, tiefe Eindrücke in kurzer Zeit hervor- bringen zu können. War es aber die vage Vorstellung von Poesie und Dichter, oder selbst das Schwerflüssige meines Wesens, das, wenn es nicht abstösst, gerade aus Widerspruchsgeist anzieht; ich fand mich tief verwickelt, während ich noch glaubte in der ersten Annäherung zu sein. Das gab nun Glück und Unglück in der nächsten Nähe, obwohl letzteres in verstärktem Masse, da mein eigentliches Streben doch immer dahin ging, mich in jenem ungetrübten Zustande zu erhalten, der meiner eigentlichen Göttin, der Kunst, die Annäherung nicht erschwerte, oder wohl gar unmöglich machte."

Es entspricht nur dieser Grundstimmung, die den Künstler wie den Neurotiker gleichermassen beseelt, wenn sie beide, in Rücksicht auf VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw. 183 die Unsicherheit ihres Triumphes, die Anziehung, die von der Frau erfolgt, als bedrohlich, als gefährlich, als Zwang betrachten und ihre eigene Liebesempfmdung als Hörigkeit und Unterwerfung. Wobei die dürftigen Realien dieser Beziehungen von mir keineswegs geleugnet werden. Für eine noch so nüchterne Untersuchung besteht in der Liebe eine gegenseitige Anpassung, Unterwerfung, — wenn man will. Diese aber also einseitig herauszufühlen, sie als bedeutsam zu empfinden und darüber sich der genussvollen Hingabe zu entschlagen zeugt in eindeutiger Weise von dem unerbittlichen Geltungsdrange der Betroffenen, den wir als neu- rotische Überkompensation ihres neurotischen Minderwertigkeitsgefühls oftmals nachgewiesen haben. Passende Bereitschaften auszubilden ver- bietet das Leitziel oder gestattet sie nur in der Form einer masslosen, masochistischen Übertreibung, die selbst wieder zur Sicherung verwendet wTird. Der Mangel des Gemeinschaftsgefühls verhindert die Fähigkeit der Hingabe, und was den einzig sicheren Ankerplatz von Liebe und Ehe schafft, die Kameradschaftlichkeit.

Zuweilen sucht der Geltungsdrang, sobald die eigene Sexual- spannung als Übermacht des Partners empfunden wird, andere Wege; es erfolgen Wünsche und Versuche, sich dieser Macht durch Übersättigung, durch Orgien zu entziehen. Selbst Kastrationswünsche und -absichten, im gleichen Mechanismus asketische und Bussübungen, Flagellationen usw. tauchen auf, gefördert von der unerbittlichen Siche- rungstendenz, um vor dem Dämon Liebe Ruhe zu gewinnen. Nicht anders lassen sich starke, immer wiederkehrende Perversionen, insbesondere masochistische Äusserungen verstehen, die ein Ausdruck sind für die Nötigung, sich selbst von der unheimlichen Stärke des Partners im Einzelnen zu überzeugen, um diese Überzeugung von der Stärke des anderen und von der eigenen Schwäche als Schreckpopanz im Ganzen aufstellen zu können. Das reale Ergebnis aus diesen Grenzberichtigungen des Nervösen ist eine starke Abweichung von der normalen Linie, die zu allermeist gefürchtet wird. Die arrangierte Selbsterniedrigung setzt aber den stärkeren Reiz für den männlichen Protest unpl steigert ihn im Sinne des fiktiven Endziels. „Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen". Nun gehen seine Versuche nach diesen Umwegen wieder entlang der neurotischen Leitlinie, zeigen sadistische Einschläge, grossen Reinlichkeitsfanatismus, wro etwa Gedanken oder Tatsachen der Wut gegen die Geschlechtszugehörigkeit und gegen den Partner vorliegen. Oder der Patient begnügt sich, im Kampfe gegen das Urteil der anderen, gegen das Gesetz, durch Aufwand einer oft unerhörten Logik den Schein der Berechtigung für seine neurotischen Umwege zu er- wecken, so dass auf diese Weise seine Überlegenheit wieder zur Geltung kommt. So auch bei der Argumentation der Homosexuellen, die in gleicher Weise ihrer Furcht vor dem andern Geschlecht die neurotische Abbiegung von der Norm verdanken1).

Das zu wahrende Prestige, der männliche Protest, wird stets ein- dringlich in den Vordergrund geschoben, bis die aufklärende Analyse zu jenem Punkte gelangt, wo in den Erinnerungen des Mannes die neurotisch gruppierten Gedanken zutage treten, seine Minderwertigkeit werde ihn am Siege über die Frau hindern; in den Erinnerungen weib- licher Patienten vertritt die gleiche Stelle das Gefühl der Inferiorität, l) Adler, das Problem der Homosexualität, 1.

184 VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw.

der neurotische Schrecken vor der weiblichen Rolle. An diese wieder- eröffneten Gedankengänge, die aus den frühesten Jahren der Kindheit stammen, sieht man unmittelbar Grössenideen angeschlossen, oft in der Maske des Narzissismus, Sadismus und Exhibitionismus. Man kann sie leicht als vorbereitende Versuche zur^Kompensation des Minderwertigkeits- gefühls verstehen, wie sie der Zwang der leitenden Fiktion erzeugt, als sekundäre neurotische Bildungen, welche besagen: „ich will ein voller Mann sein!" Über den Formen wandel dieser Idee, bei Mädchen oft in der Bereitschaftsstellung: ich will über allen Frauen sein, nahezu schon ein höheres Wesan! — wurde bereits des öfteren gesprochen.

Einige dieser Zusammenhänge kann ich an folgendem Falle einer Patientin zur Darstellung bringen. Ein 19jähriges Mädchen kam in Behandlung wegen Depression, Suizidgedanken, Schlaflosigkeit und Arbeits- unfähigkeit. Sie war Zeichnerin geworden, um einen Beruf zu haben. Ausser einer Andeutung von Tuberkulose und Myopie ergaben sich keine körperlichen Symptome. Die Angehörigen schilderten sie als ein früher trotziges Kind, das aus Hang zur Selbständigkeit aus dem Hause fort- drängte. Die Mutter und der einzige ältere Bruder waren an Lungen- tuberkulose gestorben.

Die Anfänge der Behandlung erwiesen sich als schwierig, weil die Patientin teilnahmslos vor mir sass und keine meiner Fragen beant- wortete. Nur gelegentlich äusserte sie eine verneinende Geberde oder antwortete mit: Nein.

Ich gehe vorsichtig daran, ihre Entwertungstendenz gegen die Welt, identisch mit ihrer Gleichgültigkeit, klarzumachen zeige ihr, wie ihr beharrliches Schweigen, ihr Negativismus, ihr Nein in dieser auch gegen mich gerichtete Tendenz zu finden ist. Dann komme ich darauf zu sprechen, dass ihr Benehmen auf eine Unzufriedenheit mit ihrer Mädchenrolle hinweise, gegen die sie sich auf diese Art sichern wolle. Dabei bekomme ich stets ein Nein zu hören, was ich als erwartet und gegen den Mann gerichtet hinstelle. Der Beginn ihrer Depression fiel in die Zeit ihres Aufenthalts in einem Badeort. Ich behaupte nun mit Bestimmtheit, dass sich dort etwas zugetragen haben müsse, das dieses Nein ausgelöst habe, d. h. dass ihr ihre Mädchenrolle brüsk vor Augen geführt wurde. Darauf erzählt sie, sie sei vor mehr als einem Jahre in einem anderen Kurort gewesen, habe dort die Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht, der ihr gefallen habe, wobei es zu ein- leitenden Zärtlichkeiten und Küssen gekommen sei. Eines Abends wäre der junge Mann wie verrückt über sie hergefallen und habe sie un- züchtig berühren wollen. Da sei sie eilig davon und sofort abgereist. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass sie, — wie übrigens verständlich, — in dem Moment ausgerissen sei, als der junge Mann durch sein Vorgehen sie deutlich in die weibliche Position drängen wollte, und knüpfte die weitere Bemerkung daran, sie müsse in diesem Sommer ein ähn- liches Abenteuer erlebt haben. Patientin erzählte mir hierauf, dass ein Kurgast, den sie kurze Zeit vorher kennen gelernt hatte, sich in gleicher Weise wie der junge Mann benommen habe. Hierauf sei sie wie im vorigen Jahre sofort abgereist.

Die..Wiederkehr des Gleichen" bringt uns zuerst auf den Gedanken, dass Patientin dabei wohl gehörig die Hand im Spiele hatte, dass sie beide Male arrangierend nachgeholfen habe, um im gleichen Moment abzubrechen. Dazu liefert uns die Patientin eine wertvolle Unterstützung VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw. 185 mit der Bemerkung, dass die ausgetauschten Küsse sie keineswegs irritiert hätten. Ich zeige ihr, dass sie soweit mitgeht, bis ihre weib- liche Rolle ihrer eigenen Schätzung nach in Frage kommt. Ihre an- fängliche Courage sei als männliche Eroberungsidee im Einklang mit ihrem männlichen Ziel.

In diesem Stadium verschwindet die Schlaflosigkeit. Sie teilt mir diese immerbin auffällige Besserung mit der herabsetzenden Bemerkung mit, jetzt möchte sie Tag und Nacht schlafen. Wer mit mir die gereizte Aggression der Patienten in der psychotherapeutischen Kur, die sich gegen den überlegenen, also männlichen Arzt kehrt, kennen gelernt und so seine Sinne für die Ausdrucksweise des Neurotikers geschärft hat, wird die Äusserung der Patientin nicht missverstehen. Diese Äusserung zeigt deutlich, dass sie den Erfolg der Kur erkannt hat, dass sie aber mit leichter Betouche bemüht ist, diesen Erfolg und damit mich zu ent- werten. Sie macht mich unter der Blume aufmerksam, das bloss ein Übel durch ein anderes ersetzt wurde.

Bei näherer Erkundigung gibt Patientin an, sie habe während ihrer 4 wöchentlichen Schlaflosigkeit des Nachts stets daran gedacht, wie doch das ganze Leben wertlos sei. Wir verstehen, dass sie nicht bloss daran gedacht, sondern vor allem daran gearbeitet hat. Jetzt, wo ihr der männliche Feind in der Gestalt des Arztes gegenüber tritt, der der gleichen Wertung unterworfen wird wie der Mann über- haupt, der ihre Sicherungstendenz entlarvt und damit die Sicherung durch das Wachen untergräbt, der sie wieder ins Leben hineinführen soll, sucht sie ihm, zum Schlafe gedrängt, durch ein Übermass des Schlafens klein zu machen.

Die nervöse Schlaflosigkeit1) ist ein symbolischer Versuch, der Wehrlosigkeit (auch des Schlafes) zu entrinnen und auf Sicherungen gegen ein Unterliegen zu sinnen. Es ist die sinnvollste Attitüde des Kämpfers: auf Wache zu sein! Der Traum ist eine andere Art dieses Versuches, ein Kompromiss gleichsam, da er die Wehrlosigkeit im Schlafe, damit das Gefühl der Minderwertigkeit überhaupt mit dem männlichen Proteste beantwortet. Der Traum, dies ist der Inhalt meiner Beobachtungen, drängt stets auf Sicherung und hat demnach die Funk- tion des Vorausdenkens. Dass er dies mit den Mitteln der Erfahrung bewerkstelligt, ist leicht zu verstehen, und so kommen in den Traum- inhalt und in die Traumgedanken jene Erfahrungsniederschläge, die Freud zu seiner heuristisch wertvollen, sonst aber unvollkommenen und einseitigen Traumtheorie veranlasst haben. Von anderen späteren Traum- theorien ist nur die Mae der s meinen Anschauungen näher gekommen.

Nach langem Zögern, und auf die Neinbedeutung dieses Zögerns aufmerksam gemacht, bringt Patientin einige Tage später folgenden Traum: „Ich bin vor dem „ Steinhof " (Wiens grosse Irrenanstalt). Doch husche ich rasch vorbei, da ich eine dunkle Gestalt drinnen sehe."

Um alle künstlichen Beeinflussungen der Patienten, insbesondere bei der Traumdeutung zu vermeiden, sehe ich von allen Erklärungen meiner Traumtheorie ab und verweise bloss darauf, dass der Traum Gedankengänge wiedergäbe, die verraten, wie sich der Patient gegen den von ihm empfundenen Zustand der Wehrlosigkeit im Schlafe, der ihn an Siehe Adler, „Über Schlaflosigkeit" in „Praxis und Theorie" 1. c.

186 VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw.

seine Wehrlosigkeit dem Leben gegenüber erinnere, durch Vorausdenken zu sichern suche. In Fällen, wie dem obigen, die vor allem dazu drängen, die Furcht vor der weiblichen Rolle zu besprechen, weise ich auch darauf hin, wie der Schlaf als Wille zum iMitspielen in der Gesellschaft empfunden werden könne, weil er zur Mitarbeit nötig ist.

Die Redensart „in Morpheus Armen liegen", — die häufigen Empfin- dungen des Gelähmtseins, des Gedrücktwerdens, 3ie Analyse des Nacht- mars, der Trud usw., ferner die von mir in allen Träumen nachgewiesenen weiblichen Linien, von denen der Traum sich zum männlichen Protest erhebt, — was von Freud in einer kritischen Bemerkung sonderbarer- weise als Bisexualität im Traume misverstanden wird, — wo also der Vor- gang des bannenden Schlafes eine individuelle Gefühlsassoziation einer Hingabe wachruft, weisen mit Sicherheit auf die Tatsache hin, dass jeder Traum ein Fortschreiten von der weiblichen zur männlichen Linie aufweisen müsse. Dass nicht jeder Traum geeignet ist, den Anfänger von der Richtigkeit meiner Auffassung zu überzeugen, habe ich selbst hervor- gehoben. Es liegt dies daran, dass oft nur ein Teil der Wendung zum sieghaften Finale, Ausgangs- oder Endpunkt, zur Darstellung kommt, dass ferner in einer Skizze, — und als solche haben wir den Traum anzusehen, — der Sinn und die Bedeutung von Gedankenspuren und Andeutungen oft nachzuholen, zu ergänzen sind, was dem Geübten nie schwer fallen kann. Auch darüber belehre ich den Patienten, dass er sich zum Traum wie zu einer Gemäldeskizze zu verhalten habe, deren einzelne Punkte er je nach dem Eindruck, den er von ihnen erhält, auszuführen habe.

Nach diesen Erörterungen führt die intelligente Patientin selb- ständig aus: „Steinhof heisst: verrückt. Dieser Gedanke bedeutet also: ich stehe knapp vor dem Verrücktwerden. Aber ich husche ja davon! Da fällt mir ein, dass Sie mir immer sagen, ich laufe vor meiner Mädchen- rolle davon. Demnach wäre „Verrücktwerden" und „Mädchenrolle" ein und dasselbe!"

Ich leite Sie nun an, hier zwangsweise einen Sinn hineinzubringen, und benütze die mir bekannte Rivalität der Patienten dazu, ihren Eifer anzustacheln, wenn sich Schwierigkeiten herausstellen, indem ich etwa hinwerfe: „Man könnte sich wohl etwas darunter vorstellen!"

Patientin: „Vielleicht, dass es verrückt wäre eine Mädchenrolle zu spielen?"

Ich: „Das wäre demnach eine Antwort auf eine Frage. Wie müsste aber die Frage gelautet haben?"

Patientin: „Sie sagten mir gestern, ich dürfe mich nicht vor meiner Mädchenrolle fürchten."

Ich: „Also eine gegen mich gerichtete Antwort, damit, ent- sprechend unseren Gesprächen, ein Kampf gegen eine Änderung ihrer Methode. Und die schwarze Gestalt?"

Patientin: „Vielleicht der Tod?"

Ich: „Versuchen Sie nun auch den Tod in den Zusammenhang einzufügen."