werden: Kreuzung der Beine, Arme, eine besondere Art auszuschreiten, Vorliebe für gewisse Speisen, Entlehnung von Charakterzügen usw. oder bei stärker hervortretendem Trotz gegenteilige Ausdrucks- formen. Festgehaltene Kinderfehler wie Enuresis, Nägelbeissen, Lutschen, Stottern, Augenzwinkern, Masturbation usw., lassen sich regelmässig auf diese trotzige Einstellung zurückführen. Sie sind das Mittel des Schwachen, um das Pathos der Distanz zum Starken zu verringern, dadurch aber das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit aufzuheben, und zielen in letzter Linie auf die Überwindung einer Autorität, gleichzeitig aber auf die Gewinnung eines Vorwandes, um der Entscheidung auszuweichen, sie hinauszuschieben. In ihrer Sprache sagen sie uns etwa: „ich bin noch ein Kind!"
Alle erheblichen Erscheinungen dieser Art sind selbst schon Cha- rakterzüge oder zeigen sich durchflössen vom neurotischen Charakter, sind wie dieser selbst eine Ausdrucksform der Sicherungs- tendenz, Vorbereitung und Bereitschaft der kompensieren- den Kraft, die durch das Gefühl der Minderwertigkeit aus- gelöst wird.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
Die wichtigste Aufgabe des Denkens ist vor allem, der Handlung oder Geschehnissen vorauszueilen, Weg und Ziel zu erfassen und so weit als möglich zu beeintiussen. Durch dieses Vorausdenken ist unser EinÜuss über Zeit und Raum hinaus einigermassen gesichert. Dement- sprechend ist unsere Psyche in erster Linie ein Verteidig ungs- und Angriffsorgan, geboren aus der Not allzuenger Grenzen, wie sie ur- sprünglich die Triebbefriedigung erschweren. Die rein physiologische Form der Triebbefriedigung hält nur so lange vor, bis der geeignete Weg gefunden ist, um stabilisiert und über die grössten Anfechtungen hinaus gesichert zu werden. Gegen Ende der Säuglingszeit, wo das Kind selbständige, zielsichere Handlungen vollbringt, die nicht bloss auf Triebbefriedigung gerichtet sind, wo es seinen Platz in der Familie einnimmt und sich in seiner Umgebung einrichtet, besitzt es bereits Fertigkeiten, psychische Gesten und Bereitschaften. Zudem ist sein Handeln ein einheitliches geworden, und man sieht es auf dem Wege, sich einen Platz in der Welt zu erobern. Ein derartig einheitliches Handeln kann nur verstanden werden, wenn man annimmt, dass das Kind einen einheitlichen fixen Punkt ausserhalb seiner selbst gefunden hat, dem es mit seinen seelischen Wachstumsenergien nachstrebt. Das Kind muss also eine Leitlinie, ein Leitbild gestaltet haben, in der Erwartung, sich so in seiner Umgebung am besten zu orientieren und zur Bedürfnis- befriedigung, zur Vermeidung von Unlust, zur Erzielung von Lust zu gelangen1). Aus diesem Leitbild tritt anfangs insbesondere das Zärt- lichkeitsbedürfnis als ein Teil des angeborenen Gemein- schaftsstrebens hervor, das ursprünglich die „Bildsamkeit" (Paulsen) des Kindes fördert. Bald gesellen sich zu dieser Einstellung Bestrebungen, das Wohlgefallen, die Hilfe und die Liebe der Eltern zu finden, Regungen der Selbständigkeit, des Trotzes und der Auflehnung. Das Kind hat einen „Sinn des Lebens" gefunden, dem es nachstrebt, dessen noch schwankende Umrisse es formt, von dem aus sein Voraus- denken angezogen wird, das seine Handlungen, seine Gefühlsimpulse lenkt und wertet. Die kindliche Unbeholfenheit, Hilflosigkeit und Un- sicherheit erzwingen das Austasten der Möglichkeiten, das Sammeln von Erfahrungen und die Schöpfung des Gedächtnisses, damit die Brücke in die Zukunft geschlagen werden könne, wo Grösse, Macht, Befriedigungen aller Art wohnen. Diese Brücke zu schlagen ist die wichtigste Leistung des Kindes, da es sonst in der Fülle der einstürmenden Ein- drücke ohne Sammlung, ohne Rat, ohne Führung, ohne Beruhigung *) Adler, Trotz und Gehorsam in „Heilen und Bilden" 1. c. Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 3 34 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
stünde. Man kann dieses erste Stadium der erwachenden sub- jektiven Welt, der Ichbildung, kaum recht abgrenzen oder in Worte fassen. Immerhin können wir sagen, das Leitbild des Kindes muss so beschaffen sein, als ob es dem Kinde grössere Sicherheit, Orientierung bringen könnte, indem es die Richtung seines Wollens beeinflusst. Sicher- heit aber kann es nur gewinnen, wenn es auf einen fixen Punkt hin- arbeitet, an dem es sich grösser, stärker, von den Mängeln früher Kindlichkeit befreit sieht. Die bildliche, analogische Art unseres Denkens bringt es mit sich, dass dieses zukünftige, veränderte Bild der eigenen Person in der Gestalt des Vaters, der Mutter, eines älteren Geschwisters, des Lehrers, einer Berufsperson, eines Helden, einer Tiergestalt, eines Gottes gedacht wird. Allen diesen leitenden Gestalten ist der Zug der Grösse, der Macht, des Wissens und Könnens gemeinsam, und so stellen sie samt und sonders Symbole dar für fiktive Abstrak- tionen. Und so wie der aus Lehm geschaffene Götze erhalten sie durch die menschliche Phantasie Kraft und Leben, und wirken zurück auf die Psyche, aus der sie geboren wird.
Dieser Kunstgriff des Denkens hätte das Gepräge der Paranoia und der Dementia praecox, die sich aus den Schwierigkeiten des Lebens „feindliche Gewalten" schaffen zur Sicherung des Persönlichkeitsgefühls, wenn nicht dem Kinde die Möglichkeit gegeben wäre, jederzeit aus dem Banne seiner Fiktion zu entweichen, seine Projektionen (Kant) aus der Rechnung zu streichen und bloss den Antrieb zu benützen, der aus dieser Hilfslinie fliesst. Seine Unsicherheit reicht hin, um phantastische Ziele zur Orientierung in der Welt aufzustellen, ist aber nicht so gross, um die Realität zu entwerten und das Leitbild zu dogm avisieren, wie es in der Psychose geschieht. Immerhin muss auf die Ähnlichkeit der Bedeutung der Unsicherheit und des Kunstgriffes der Fiktion beim Ge- sunden, Nervösen und Verrückten hingewiesen werden.
Das allgemein Menschliche an diesem Vorgange ist, dass das apperzipierende Gedächtnis unter die Macht der leitenden Fik- tion gerät. Damit ist eine einheitliche Weltanschauung für alle inner- halb gewisser Grenzen gegeben. Die Kleinheit und Dürftigkeit des Kindes wird stets nach Erweiterung seiner Grenzen drängen und diese dann nach dem Muster des Stärksten abstecken. Und nun erweist es sich im Laufe der psychischen Entwicklung, dass, was ursprünglich ein an sich imaginierender, nur im Zusammenhang wichtiger und wertvoller Kunstgriff war, ein Mittel, um Stellung nehmen, die Richtung finden, Griffe anbringen zu können, zum Zweck geworden ist, offenbar weil das Kind nur auf diesem Wege, nicht aber durch direkte Triebbefriedigung die Sicherheit des Handelns erlangen kann1).
Damit ist nun der wirksame Punkt ausserhalb der körperlichen Sphäre gefunden, nach dem sich die Psyche richtet, der Schwerpunkt des menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens. Und der Mechanismus des apperzipierenden Gedächtnisses mit seiner Unsumme von Erfahrungen wandelt sich aus einem objektiv wirkenden System in ein subjektiv arbeitendes, durch die Fiktion der zukünftigen Persönlichkeit modifiziertes Schema. Seine Aufgabe wird es, derartige Verbindungen mit der Aussenwelt herzustellen, die der Erhöhung J) Wie aus Karl Gross, Spiele der Tiere, zu ersehen ist, ist auch das Ver- ständnis der Tierseele darauf gegründet dass wir es handeln sehen, als ob es einer fiktiven Richtungslinie folgen würde.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende. Idee in der Neurose. 3ß des Persönlichkeitsgefühls dienen, den vorbereitenden Handlungen und Gedanken Direktiven, Winke zu geben und sie mit dem ehernen Bestand fertiggestellter Bereitschaften in Verbindung zu bringen. Man erinnere sich nur an das treffliche Wort Cbarcots, der für das wissenschaftliche Forschen hervorgehoben hat, dass man immer nur findet, was man weiss, — eine Beobachtung, die, auf das praktische Erleben gerichtet, zu zeigen imstande ist, dass von einer Anzahl fertiger psychischer Mecha- nismen und Bereitschaften aus, wie es auch Kants Lehre von den Anschauungsformen unseres Verstandes zei^jt, unser ganzer Wahr- nehmungskreis beschränkt wird1). Ebenso sind unsere Hand- lungen durch diesen — von der leitenden Fiktion aus bestimmten und gewerteten — Erfahrunginhalt determiniert. Unsere Werturteile selbst entsprechen dem Masse des fiktiven Zieles, nicht etwa „realen" Empfindungen oder Lustgefühlen. Und die Handlung erfolgt, wie James es ausdrückt, unter einer Art Approbierung, — ist an ein Fiat!, an ein Geheiss oder an eine Zustimmung gebunden.
Die leitende Fiktion ist demnach ursprünglich das Mittel, ein Kunstgriff, durch den sich das Kind seines Minderwertigkeitsgefühls zu entledigen sucht. Sie leitet die Kompensation ein und steht im Dienste der Sicherungs- tendenz2). Je grösser das Minderwertigkeitsgefühl, um so dringender und stärker wird das Bedürfnis nach einer sichernden Richtungslinie, um so schärfer tritt sie auch hervor, und wie die Kompensation im Organischen ist die Wirksamkeit der psychischen Kompensation an die Leistung einer Mehrarbeit geknüpft und bringt auffallende, oft mehr- wertige und neuartige Erscheinungen im Seelenleben mit sich. Eine ihrer Ausdrucksformen, zur Sicherung des Persönlichkeits- gefühls bestimmt, ist die Neurose und Psychose.
Das konstitutionell minderwertige Kind mit seinem Heer von Übeln und Unsicherheiten wird seinen fixen Punkt schärfer heraus- arbeiten und höher ansetzen, wird die Leitlinien deutlicher ziehen und wird sich ängstlicher oder prinzipieller an sie halten. In der Tat ist der Haupteindruck bei Beobachtung eines neurotisch disponierten Kindes der, dass es um vieles vorsichtiger zu Werke geht, mit allerlei Vorurteilen rechnet, dass ihm die Unbefangenheit der Wirk- lichkeit gegenüber mangelt, ferner dass seine Aggressionsstellung eine aufgepeitschte ist, indem es entweder feindselig oder durch Unter- werfung zum Ausgleich einer Situation gelangen will. Meist lässt es sich in der Wahl seiner Kampfmittel durch seine Organminder- wertigkeiten leiten und nützt sie den Angehörigen gegenüber aus oder fixiert sie im Trotz. Oft entlehnt es in anfänglicher Simu- lation oder übertreibend Übel aus der Umgebung, um seine Stellung zu befestigen. Wo die Wirkung derartiger Mittel auf die Um- gebung fehlt, wird die Beseitigung des Übels durch erhöhten Kraft- aufwand versucht, wobei sich häufig, wenn funktionelle Anomalien des Auges, des Ohres, der Sprache, der Muskulatur eine Überkompensation ') Auch auf Bergson's fundamentale Lehren muss ich hier verweisen.
2) W. Stern (siehe dessen „Individualität" 1918) ist unabhängig von mir zu gleichen Anschauungen gelangt. Dieselbe Unabhängigkeit kann ich leider einigen Neurologen, wie z. B. Lewandofski, nicht zubilligen, der in Auseinandersetzungen über die Kriegsneurose stillschweigend das Ziel der Sicherung, der Überlegenheit als krankmachend beschrieben hat.
3* 36 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
erfahren, qualifizierte und künstlerische Leistungen entwickeln. Auch starke Selbständigkeitsregungen sind damit verbunden. Oder das Heil wird in verstärkter Anlehnung gesucht, zu welchem Zwecke Angst, Kleinheitsgef Qhl, Schwäche, Ungeschicklichkeit, Unfähig- keit, Schuldgefühl, Reue, Pessimismus als Sicherungen fungieren. In gleiche Richtung zielt die Befestigung von Kinderfehlern, die Fixierung eines psychischen Infantilismus, der zuweilen wie Dissoziation oder Debilität erscheinen kann, soferne beide nicht ausschliesslich oder nebenbei aus der Trotzeinstellung hervorgehen, nicht dem kindlichen Negativis- mus entsprechen.
Eine Anzahl von Übeln der neuropathischen Kinder sind subjektiver Art, entsprechen einem ganzen oder halben Fehlurteil, wie es bei den Versuchen der Kinder, ihr Minderwertigkeitsgefühl zu begründen oder zu verstehen, zustande kommt. Oft mischt sich bereits in diese logischen Interpretationen der kompensierende Ehrgeiz oder die Aggression des Kindes gegen die Eltern ein. „Die Eltern, das Schicksal sind schuld", „weil ich der Jüngste, zu spät gekommen bin", „weil ich ein Aschen- brödel bin", „weil ich vielleicht nicht das Kind dieser Eltern, dieses Vaters, dieser Mutter bin", „weil ich zu klein bin, zu schwach, einen kleinen Kopf habe, zu hässlich bin", weil ich einen Sprachfehler, einen Fehler des Gehörs habe, schiele, kurzsichtig bin", „weil ich verbildete Genitalien habe", weil ich nicht männlich, weil ich ein Mädchen bin", „weil ich von Natur aus böse, dumm, ungeschickt bin", weil ich masturbiert habe, zu sinnlich, zu begehrlich bin", weil ich von Natur aus pervers bin", „weil ich mich leicht unterwerfe, unselbst- ständig bin und gehorche", „weil ich leicht weine und gerührt bin", „weil ich ein Verbrecher, Dieb, Brandstifter bin, jemanden ermorden könnte", „meine Abstammung, meine Erziehung, die Be- schneidung ist schuld", „weil ich eine lange Nase habe, zu viel, zu wenig behaart bin", „weil ich ein Krüppel bin", so und ähnlich lauten die Versuche des Kindes, sich durch den Hinweis auf das Fatum, — ganz wie in den griechischen Dramen und in der Schicksalstragödie, — zu entlasten, sein Selbstgefühl zu retten und die Schuld anderen zuzuschieben. Man begegnet diesen Versuchen in der psychischen Behandlung der Neurose regelmässig, und kann sie immer auf die Relation von Minder- wertigkeitsgefühl und dem Ideal zurückführen. Der Wert und die Be- deutung dieser aufgedeckten Gedankengänge, die wie ein Stachel in der Seele des Nervösen sitzen, liegen zudem noch im Gebrauch derselben 1. zur Aufpeitschung des neurotischen Strebens in der Richtung auf das Ideal (Typus: Grössenideen), 2. als Zuflucht und Vor wand, wenn einer Entscheidung über das Persön- lichkeitsgefühl ausgewichen werden soll (Typus: Kleinheits- ideen). Diese zweite Verwendbarkeit und Verwendung tritt bei der Neurose naturgemäss in den Vordergrund, weil das neurotische Ziel mit der Zeit als zu hoch gesteckt erscheint, um auf gerader Linie angestrebt zu werden. Die Möglichkeit einer Plusmacherei liegt aber in der Bei- mischung von Aggression, in der Anschuldigung des Schick- sals, der Heredität. Dadurch gewinnt der Nervöse eine dauerhafte Operationsbasis, auf der er in der gleichen feindseligen Absicht gewisse Charakterzüge wie Trotz, Herrschsucht, nörgelndes Wesen, pedantische Wünsche entfaltet, vorschiebt und stabilisiert, weil ihm dadurch stets die Beherrschung der Umgebung, des kleineren Familien- III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 37 kreises statt der Welt, meist unter Berufung auf sein schweres Leiden ermöglicht wird. Alle diese Ressentiments und geschaffenen Bereitschaften, zu denen sich noch festgehaltene, oft erweiterte Kinderl'ehler und Krank- heitssymptome erspähter oder selbstgeschaffener Art gesellen, stehen in innigem Verband, sind von einander unlösbar und zeigen auch dadurch ihre Abhängkeit von einem ausserhalb ihres Gefüges stehenden Faktor, von der durch die Sicherungstendenz erschaffenen leiten- den Ehrgeiz-Fiktion, von der Sehnsucht nach Erhöhung des Per- sönlichkeitsgefühls. In der fiktiven Grundlage derartiger Minderwertig- keitsgefühle, die immer aus Sicherungsgründen verstärkt ge- dacht oder empfunden werden, niemals aber unüberwind- bar sind, sehe ich die Hauptchance einer Heilungsmöglichkeit. Dabei spielt die Frage, ob das Gefühl der Minderwertigkeit bewusst oder un- bewusst ist, eine untergeordnete Rolle. Zuweilen bringt es der Stolz sowreit, „dass das Gedächtnis nachgibt" (Nietzsche). Der geschilderte Zusammenhang freilich ist dem Patienten unbekannt. Und darum bleibt er bis zur Aufdeckung und Richtigstellung des Mechanismus, bis zur Zerstörung seiner Bereitschaften und seines neuroti- schen Lebensplanes ein Spielball seiner Empfindungen und Affekte, deren Zusammenspiel noch wesentlich kompliziert wird, weil sich regelmässig infolge der bezw eckten Aufpeitschung des neurotischen Stre- bens jene Bereitschaften und Charakterzüge einmengen, die das Minder- wertigkeitsgefühl verneinen, wie Stolz, Neid, Geiz, Grausamkeit, Mut, Rachsucht, Jähzorn und andere. Bis sich die lähmende Rolle des Ehrgeizes geltend macht.
Die Unterstreichung und der Zwang zur markanten Darstellung der Minderwertigkeit hat in der Psychologie der Nervösen eine grosse Aufgabe. Der Anschein der Schwäche, des Leidens, der Unfähigkeit und der Unbrauchbarkeit leitet sich vorwiegend aus solchen Darbietungen ab, weil der Nervöse durch diesen Zwangsmechanismus unweigerlich sich so benehmen, derart fühlen muss, als ob er krank, weiblich, minder- wertig, zurückgesetzt, verkürz t, sexuell überreizt, impo- tent oder pervertiert wäre. Die Vorsicht im Leben, die diese Regungen stets begleitet, der verstärkte Drang nach oben, die Sucht, den Mann auf diese oder andere Weise zu spielen, allen anderen über- legen zu sein und nur eine fatale Schwierigkeit zur Verschleierung des Minderwertigkeitsgefühls zu benützen, die Sicherheit des Neurotikers, durch solche Arrangements der Entscheidung und Herabsetzung auf der Hauptlinie auszuweichen und so eine Verminderung des Persönlichkeitsgefühls zu verhüten, lässt uns den richtigen Sachverhalt erkennen: die niedrige Selbsteinschätzung ist später selbst nur ein Kunstgriff des Neurotikers, um mit verstärkten Kräften die Leitlinie zu gewinnen, die ihn zu einer Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls führt. Handelt er auch unter der Devise: halb und halb, indem er bestimmte Kampfpositionen aufgibt und einen Nebenkriegsschauplatz eröffnet, eben das Gebiet der Neurose, so sichert er sich doch dadurch vor einem endgültigen Minderwertigkeits- gefühl und vermag andere besser in seinen Dienst zu stellen.
Daher wird man immer finden, dass der Nervöse — und mit ihm meistens der Arzt und die Umgebung — daneben schaut, an der einzig wichtigen Stelle, an seinem ursprünglichen Minderwertigkeitsgefühl vorbeischielt, dass er mit seinen Symptomen derart operiert, als ob 38 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
ein rein persönliches Leiden vorläge. Nur dass „bei dieser Gelegenheit" das ganze Bezugssystem seines Lebens in Bewegung kommt und seine ehrliche Mitarbeit verhindert.
Durch diese feindselige Stellung zum Leben gelangt der Nervöse regelmässig in eine Stimmung de r'Erwar t ung, die von Kraepelin richtig erkannt wurde. Sein Blick ist fast ausschliesslich auf die eigene Person gerichtet, während er an die andern kaum denkt. Er muss erst mühsam zur Erkenntnis erzogen werden, dass Geben seeliger denn Nehmen ist 1).
Der sexuelle Einschlag in der Neurosenpsychologie, der von Freud zum Angelpunkt gemacht wurde, erklärt sich so als die Wirkung einer Fiktion. Es gibt kein objektives Mass der „Libido". Erhöhung und Erniedrigung derselben richten sich stets nach dem fiktiven Endzwecke. Es gelingt jedem Neurotiker leicht, sich eine hohe Sexualspannung durch mehr minder zweckmässige Arrangements, vor allem durch Anspannung der entsprechenden Aufmerk- samkeitsrichtung vorzutäuschen, wenn er nach Beweisen hascht, wie sehr die Sexualität seine Sicherheit beeinträchtigt, wie leicht sein Persönlichkeitsgefühl von dieser Seite aus bedroht werden könnte. Die Abschwächungen libidinöser Regungen bis zur psychischen Impotenz sind als bezweckte Aggressionshemmungen zu verstehen, als Störungen natür- licher Bereitschaften, als Konstruktionen eines „Als Ob", dazu dienlich, sich vor einer Heirat, vor Ablenkungen, vor einer Degradierung dem Partner gegenüber, vor einem Versinken ins Elend oder in Straffälligkeit zu sichern. Verdrängte oder bewusste Perversionsneigungen sind stets als Abbiegungen oder keimende Vorsätze zu solchen zu verstehen, ebenso wie die Pollution und Zwangsmasturbation, als Symbole eines fiktiven, sichernden Lebensplans. Sie werden durch die leitende Fiktion erzwun- gen, sobald das Gefühl der Minderwertigkeit in einer Furcht vor dem geschlechtlichen Partner, wie es bei den Anomalien der Sexualität regelmässig geschieht, zum Ausdruck kommt2). Die Fiktion eines Helden- tums kann dann auch noch die Perversionsregung ins Unbewusste ver- legen oder die Furcht vor dem Partner äusserlich unkenntlich machen oder Feigheit in fruchtlose Aggression oder Arroganz verwandeln, so dass sie nur aus der Situation ersichtlich wird. Sie tut das Erste, in- dem sie dem Stolz diese Leistung auferlegt, das Letztere dadurch, dass sie aus der Not eine Tugend macht und den Partner entwertet. Auch die gelegentlichen Inzestregungen, denen Freud eine so über- ragende Bedeutung für die Entstehung der Neurose und Psychose zu- schreibt, entpuppen sich in der Neurosenpsychologie als zweckdienliche, sekundäre Konstruktionen und Symbole des Kranken oder des Psycho- analytikers, zu denen die Kindheitsgeschichte mit ihren Vor- bereitungen das meist harmlose Material abgibt. Die Einsicht in den gelegentlich festgehaltenen „Ödipuskomplex" beispielsweise ergibt, dass dieser eine bildliche, meist asexuell eingekleidete Darstellung männlichen Kraftbewusstseins, der Überlegenheit über Vater a) Seine Lebensfreude ist durch das unausgesetzte „Nehmenwoll^n" zerstört. Er kommt nie aus der Stimmung der Unzufriedenheit, des Gefühls der Verkürztheit. Anders die Stimmung' des Gebenden, der mehr an den andern denkt und über die Ausgeglichenheit des Gemütes verlügt.
2) Siehe Adler, Das Problem der Homosexualität. TL Aufl. in Vorbereitung. Verlag E. Reinhardt, München.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 39 und Mutter gibt, gleichzeitig aber den Anlass verrät, der zu dieser Demonstration führt: als ob die Mutter die einzige Frau wäre, die man unterwerfen könne, auf die man rechnen könne, oder, als ob das sexuelle Begehren (schon in der Kindheit!) grenzenlos und also gefahrdrohend, immer auch im Kampf gegen Stärkere (Vater, Todes- gefahr) durchzusetzen wäre. — Wie sich aus dieser Deutung ent- nehmen lässt, führt uns die Betrachtung der Sexualneurose immer wieder zum Befund einer leitenden Fiktion, die sich sexuell darstellt oder vom Therapeuten darstellen lässt, und im Zusammenhang damit zur Auf- deckung einer nach einem sexuellen Schema arbeitenden Apperzeptionsweise, der zufolge der Nervöse wie auch der „Normale" oft versuchen, die Welt und ihre Erscheinungen in einem sexuellen Bild einzufangen und zu verstehen. Unsere weiteren Untersuchungen lassen erkennen, dass dieses sexuelle Schema, das sich auch in der Sprache, in Sitten und Gebräuchen vielfach durchsetzt, nur einen Formenwandel des weiterreichenden Schemas älterer Abkunft vorstellt, der gegensätzlichen Apperzeptions weise von „Männlich- Weiblich", von „Oben-Unten" *). — Auch die später psychisch verankerten Perversionsregungen nehmen ihr Material und ihre Richtung aus harmlosen körperlichen Empfindungen und Fehlurteilen der Kindheit, die sie im Bedarfsfalle besonders hoch werten und wegen etwaiger Lustempfindungen in einem sexuellen Gleichnis apperzipieren. Dem Psychologen ist es nicht erlaubt, denselben Stand- punkt einzunehmen, etwa die gleiche Apperzeptionsweise als endgültig festzuhalten oder reale Sexualkomponenten an Stelle einer Fiktion ein- zusetzen, wie es der Patient tut. Seine Aufgabe wird vielmehr darin bestehen, diesen Orientierungsversuch des Nervösen als oberflächlich zu entlarven, als fiktiv zu zerstören und das Minderwertigkeitsgefühl ab- zuschwächen, das krampfhaft nach Richtungslinien treibt, um die Durch- setzung des männlichen Protestes auf Umwegen zu erzwingen. Die Perversion ist immer ein Zeichen, dass ein Mensch der Norm im Bogen ausweicht, aus Furcht, in seiner Eitelkeit verletzt zu werden. Ähnliche Strukturen findet man bei Masturba- tionszwang, auffallender Bindung an engere oder weitere Blutsverwandte, bei Paedophilie und Gerontophilie, bei Impotenz, Mangel der Ejakulatio und bei Frigidität. — Das apperzipierende Gedächtnis, das unser Weltbild so ungeheuer beeinflusst, arbeitet also wie mit einem Schema, mit einer schema- tischen Fiktion, und dieser Fiktion entspricht auch die Auswahl und Modellierung unserer Empfindung, Wahrnehmung und Vorstellung, unserer Erfahrung und unseres Gedächtnisses; ebenso auch das Trai- ning aller unserer angeborenen Regungen und Fähigkeiten, bis sie in geeignete psychische und technische Fertigkeiten und Bereitschaften um- gewandelt sind. Die Arbeitsweise unseres bewussten und unbewussten Gedächtnisses und sein individueller Aufbau gehorchen dem Persön- lichkeitsideal und seinen Maassen. Von diesem konnten wir zeigen, x) S. den Traum des Hippias, Herodot VI. 107: „er glaubte bei seiner Mutter zu schlafen." Dies träumte er, als er vorhatte, seine iVJutterstadt zu erobern, wie er es schon einmal als Begleiter seines Vaters miterlebt hatte. Also der „Oedi- puskomplex" als Symbol des Herrschenwollens. — Auch bei den Römern findet sich „Beischlaf" als Symbol einer Eroberung, eines Sieges. Vgl. den Doppelsinn von „subigere".
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dass es als leitende Fiktion bestimmt ist, das Lebensproblem zu stellen und anzugeben, sobald das Minderwertigkeits- wnd Unsicherheitsgefühl zu einer Kompensation drängt. Dieser fixierte Leitpunkt unseres Strebens, der keinerlei Realität besitzt, ist für die psychische Entwickelung unbedingt entscheidend, denn er ermöglicht uns, im Chaos der Welt Schritte zu machen, wie das Kind es tut, wenn -es gehen lernt und einen Endpunkt fest dabei im Auge behält. Noch fester fasst der Nervöse seinen Gott, sein Idol, sein Persönlichkeitsideal ins Auge und klammert sich an seine Leitlinie, verliert dabei mit tieferer Absicht die Wirk- lichkeit aus dem Auge, während der Gesunde stets bereit ist, dieses Hilfsmittel, diese Krücke aufzugeben und unbefangen mit der Realität zu rechnen. Der Neurotiker gleicht in diesem Falle einem Menschen, der zu Gott aufschaut, ihm seine Wege empfiehlt und nun gläubig harrt, wie der Herr es lenken werde; er ist ans Kreuz seiner Fiktion geschlagen. Auch der Gesunde kann und wird sich seine Gottheit schaffen, sich nach oben gezogen fühlen, wird aber nie die Wirklichkeit aus dem Auge verlieren und mit ihr seine Rechnung machen, sobald es aufs Wirken und Schaffen ankommt. Der Nervöse steht demnach unter der hypnotischen Wirkung eines fikti ven Lebensplans.