Dass aber in jedem Falle der ausserhalb der Realität gesetzte Punkt des Persönlichkeits! deals (ein Ersatz durch das Wort „Ich- ideal" wäre aus mehreren Gründen abzuweisen), wirksam bleibt, geht aus der Richtung der Aufmerksamkeit, des Interesses, der Tendenz hervor, die jedesmal die Auswahl nach Gesichtspunkten treffen, die von vorneherein gegeben sind. Die Zwecksetzung in unserem psychi- schen Verhalten und die von ihr geschaffenen Bereitschaften machen es aus, dass Handlungen eingeleitet und in einer bestimmten Distanz abgebrochen werden, dass, wie Ziehen hervorhebt, willkürliche wie unwillkürliche Impulse stets nur auf die Erreichung eines bestimmten Effektes gehen, dass wir, wie auch nach Pawlows Darlegung, eine durchwegs intelligente Funktion der Organe annehmen müssen. Alle diese Erscheinungen sind von derart zwingendem Eindruck, dass seit jeher Philosophen und Psycho- logen als ein Prinzip der Teleologie erfassten, was ein be- rechneter Versuch zur Orientierung nach einem als fix an- genommenen Punkt war.
Die Hilfsvorstellung der natürlichen Auslese ist ohnmächtig, alle diese bei jeder Gelegenheit neu und anders beanspruchten Folgen zu erklären. Unsere Erfahrung gebietet unweigerlich, alle diese Er- scheinungen abhängig zu machen von einer unbewusst wirkenden Fiktion, als deren schwächliche, bewusste Ausstrahlung wir Endzwecke finden, nach denen sich letzter Linie die Auffassung unseres Erlebens und unser Handeln richtet.
Es ist leichter, die Details dieser leitenden Fiktion nachzuweisen, als die Fiktion, den fiktiven Endzweck selbst zu benennen. Die bis- herige psychologische Forschung hat verschiedene solcher Endzwecke namhaft gemacht. Für unsere Betrachtung genügt die kritische Be- handlung zweier derselben. Die meisten Autoren entschieden sich dahin, alle menschlichen Handlungen und Willensregungen als von Lust- oder Unlustge fühlen aus beherrscht anzunehmen. Eine oberfläch- liche Betrachtung scheint ihnen auch recht zu geben, denn in der Tat ist die menschliche Psyche zum Aufsuchen der Lust, zur Ver- meidung der Unlust geneigt. Aber der Boden dieser Theorie schwankt.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 41 Es gibt kein Mass für das lustvolle Empfinden, ja nicht einmal für das Empfinden schlechtweg. Es gibt ferner keine Wahrnehmung, keine Handlung, die nicht nach Zeit und Ort verschieden, bei dem einen lustvoll, beim andern Unlust erregend wirken könnte. Und selbst die primitiven Empfindungen der Organbefriedigung erweisen sich als abgestuft und abstufbar je nach dem Sättigungsgrad und im Zusammenhang mit kulturellen Leitlinien, so dass nur grosse Ent- behrungen es vermögen, die Befriedigung zum Zielpunkt zu machen. Ist diese dann eingetreten, — sollte wirklich die Psyche dann ihre Richtungs- linie verlieren? Die Nötigung der Psyche, Orientierung und Sicherheit zu gewinnen, erfordert für den Ausbau und für die Leistungen einen festeren Standpunkt als das schwankende Prinzip der Lusterfahrung und einen stärker fixierten Blickpunkt als das Ziel der Lustgewinnung. Die Unmöglichkeit, sich daran zu orientieren und sein Handeln darnach ein- zurichten, zwingt auch das Kind, derartige Versuche aufzugeben. Endlich ist es ein Missbrauch einer Abstraktion, wenn aus den verschiedenartig zusammengesetzten psychischen Bewegungen mittelst einer Petitio prin- cipii als leitendes Motiv die Suche nach Lust herausgeholt wird, während man vorher schon jede Regung als lustsuchend, — libidinös erklärt hat.
Schillers Scharfblick, der sich an Kant geschult hatte, sah viel weiter, als er der „Philosophie" für die Zukunft wenigstens die Lenkung des irdischen Geschehens einräumte, sie derweilen freilich noch von „ Hunger und Liebe" abhängig glaubte. Die Lenkung aber, wie Freud es tut, der Sexualität, oder was bei ihm dasselbe ist oder war, der Libido, verallgemeinernd der Liebe zuzuschreiben, ist eine Vergewal- tigung des logischen Denkens, selbst eine Fiktion schlechter Art, die als ein Dogma genommen zu grossen Widersprüchen und Begriffsverstüm- melungen führen musste, weil sie mit der Wirklichkeit allzusehr kon- trastierte. Schliesslich ist der Begriff „Liebe" heute noch zu wenig differenziert. Er wird für verschiedene Regungen des Gemeinschafts- gefühls gebraucht, die wesentlich von einander verschieden sind. Aber es mischen sich ihm leicht bei unkritischem Gebrauch Obertöne bei, die einen ausschliesslichen Zusammenhang mit der Sexualität vortäuschen. Aus dieser sprachlichen Ungenauigkeit (Elternliebe, Kinderliebe, Gatten- liebe, Eigenliebe, Vaterlandsliebe usw.) entstand die irrtümliche Anschauung Freuds. Er fand in allen Beziehungen wieder, was er schon vorher unbewusst an erotischen Obertönen in den Begriff „Liebe" („Libido") hineingesteckt hatte.
Schwerer erscheint die Depossedierung des Primats des „Selbst- erhaltungtriebs", zumal dieses Prinzip von der einen Seite mit ergänzenden teleologischen Hilfskonstruktionen, von der anderen Seite mit der Wucht der Darwin sehen Selektionslehre biologisch ausgestattet ist. Aber wir können jeden Augenblick wahrnehmen, dass wir Handlungen begehen, die sowohl das Prinzip der Selbsterhaltung als der Erhaltung der Gattung verletzen, ja dass uns eine gewisse Willkür gestattet, ebenso wie bezüglich der Lust, auch bezüglich der Selbsterhaltung unsere Wertung nach oben oder nach unten zu verschieben, dass wir auch oft auf Selbsterhaltung ganz oder teilweise verzichten und bis zum Todes- wunsch gelangen, sobald Lust oder Unlust ins Spiel kommt, dass wir andererseits die Lustgewinnung häufig aufgeben, sobald unserem Selbst oder unserem Selbstgefühl eine Schädigung droht. In welcher Weise ordnen sich diese beiden, sicherlich wirksamen Anreize der Hauptleit- 42 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
linie unter, die zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls antreibt? Die zwei verschiedenen Anschauungen entsprechen zwei Typen von Menschen, denen sich noch andere anreihen lassen, deren einer in seinem Persön- lichkeitsgefühl des Beitrags der Lust am wenigsten entraten kann, wäh- rend der andere einen Einschlag des Lebensgefühls, des Unsterblichkeits- gedankens in erster Linie fordert. Daraus entstehen modifizierte Apperzeptionsweisen, die ein gegensätzliches Denken im Sinne von „Lust — Unlust", von „Leben — Tod" bedingen. Die einen können die Lust nicht, die andern das Leben nicht ent- werten. Im Gedanken der Zeugung, die wieder gegensätzlich nach dem Schema „Männlich- Weiblich" gedacht wird, nähern sich die beiden Typen und suchen ihren Ausdruck in der Richtung des „männlichen Pro- tests". So weit nervöse Menschen dabei in Betracht kommen, hat der eine Typus die Unlustgefühle seiner Organminderwertigkeit zu kompen- sieren gesucht, der andere ist in der Furcht vor dem Tode, vor frühem Sterben aufgewachsen. Ihre Anschauung der Welt liefert ihnen nur Bruchstücke, ihre Seele ist partiell farbenblind, dabei aber oft scharf- sichtiger, wie die Daltonisten in ihrem Farbenverständnis.
Wir schliessen diese kritische Betrachtung mit dem Hinweis auf den unbedingten Primat des Willens zur Macht, einer leitenden Fiktion, die um so heftiger einsetzt und um so frühzeitiger, oft überstürzt ausgebildet wird, je schärfer das Minderwertigkeitsgefühl des organisch minderwertigen Kindes in den Vordergrund tritt. Das Persönlichkeits- ideal ist als Richtungspunkt von der Sicherungstendenz geschaffen und trägt alle Leistungen und Gaben fiktiv in sich, um die sich das dis- ponierte Kind verkürzt glaubt. Diese der Norm gegenüber verstärkte Fiktion regelt das Gedächtnis sowie Charakterzüge und Bereitschaften in ihrem Sinne. Die neurotische Apperzeption erfolgt nach einem bild- lichen, mit starken Gegensätzen arbeitendem Schema, die Gruppierung der Eindrücke und Empfindungen geschieht mit entsprechend gefälschten und erdichteten Werten, das Streben geht immer nach einer idealen Parität.
Es liegt in dem Wesen der neurotischen Fiktion, des gesteigerten Persönlichkeitsideals, dass man sie bald als „abstrakten Mechanis- mus", bald als „konkretes Bild", als Phantasie, als Idee zu Gesichte be- kommt. Man darf im ersteren Falle das Symbolische der Darstellung und ihren Zusammenhang mit kompensierten Minderwertigkeitsgefühlen nicht übersehen, und man muss im zweiten Falle den massgebenden Anteil der psychischen Dynamik, die nach „oben" drängt, vor allem er- fassen. Solange in der Analyse. einer psychogenen Erkrankung dieser leitende Zug nach „oben" nicht zur Ansicht kommt, ist uns das Wesen der Krankheit noch unklar; denn so wert- voll auch die Einblicke der Psychotherapeuten geworden sind, ohne die Beziehung der sekundären Leitlinien der Lustgewinnung, der Selbst- erhaltung, der Affektivität (Bleuler) und derer, die sonst aus der Organminderwertigkeit (Adler) erwachsen, auf das Persönlich- keitsideal ist unsere Einsicht unvollkommen, „fehlt leider nur das geistige Band".
Es ist auch nicht verwunderlich, dass dem leitenden Persönlich- keitsideal in verschiedenen Fällen verschiedene, meist mehrere dieser Einschläge zugleich zukommen, da sich diese aus verschiedenen, gewöhn- lich mehrfachen Organminderwertigkeiten ableiten. Ein vorläufiges, III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 43 sicherlich unvollkommenes Schema, dem die Korrekturen des Gemein- schaftsgefühles noch fehlen, das der abstrakteren Psyche der Nervösen mehr entspricht als dem Aufbau der gesunden Seele, wäre folgendes: Persönlichkeitsideal als Ziel Gefühl de^s Obrnscins Oö& In diesem Schema müssen die mannigfachsten Verbindungen ge- dacht werden, wenn es seinem Zweck entsprechen soll, als ein zur ober- flächlichen Orientierung beigebrachtes Abbild zu gelten. Wir wollen anstatt dieser Verbindungen und vielfacher Eintragungen einige markante Phänomene und ihre Verschleierung durch das Gemeinschaftsgefühl be- sprechen, die für das Verständnis der Neurose und des neurotischen Charakters wichtig erscheinen.
Jede der abstrakten Leitlinien der Neurose und der ihnen zugrunde liegende psychische Mechanismus kann dem Bewusstsein in einem Er- innerungsbild zugänglich sein oder zugänglich gemacht werden. Dieses Bild kann aus dem Rest eines kindlichen Erlebnisses stammen, oder es ist ein Produkt der Phantasie, einer Erscheinungsform der Sicherungstendenz. Es kann ein Symbol, gleichsam eine Etikette für eine Reaktionsweise vorstellen, und wird zuweilen in einer späteren Zeit erst gebildet oder umgebildet, oft wenn die Neurose bereits ent- wickelt ist. Offenbar der Effekt einer Art von Denkökonomie, nach dem Prinzip des geringsten Kraftausmasses (Avenarius) gefertigt, ist es nie als Inhalt bedeutsam, sondern bloss als abstraktes Schema oder als Rest eines psychischen Geschehens, in dem sich ein Schicksal des Willens zur Macht einstmals erfüllte. Nie ist diese schema- tische Fiktion, mag sie sich noch so konkret geberden, anders als allegorisch aufzufassen. In ihr spiegelt sich ein 44 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
realer Bestandteil der Erlebnisse samt einer „Moral", und beide werden behufs Sicherheit des Handelns von der Erinnerung festgehalten, sei es als Meinento, um die Leitlinie besser zu halten, sei es als Vor- urteil, um nicht von ihr abzuweichen, oder weil sie am Wege lagen. Keines dieser Erinnerungsbilder, Kinderphantasien, hat je pathogen gewirkt, als psychisches Trauma etwa, sondern erst wenn die Neurose entsteht, wenn das Gefühl starker Herabsetzung des Per- sönlichkeitsgefühls zum männlichen Protest führt und damit zum en- geren Anschluss an die längst gebildeten kompensatorischen Leitlinien, die sich schon in dieser Erinnerung zeigen, werden die geeigneten Erinnerungsbilder aus längst vergangenem Material hervor- geholt und kommen wegen ihrer Verwendbarkeit, das neurotische Ver- halten teils zu ermöglichen, teils zu interpretieren, also wegen ihrer Verwandtschaft, zur Geltung. Hierher gehören vor allem Schmerz-, Angst- und Affektbereitschaften, denen derartige Erinnerungen zugrunde liegen, die sich halluzinatorisch erfüllen können und optischen wie akustischen Halluzinationen gleichzusetzen sind. Begreiflicherweise werden es meist typische Erinnerungen sein, die der Leitlinie möglichst verwandt und nahegerückt sind, weil sie für den an der Leitlinie haf- tenden Neurotiker die kleinen und grossen Umwege repräsentieren oder anregen, die er einzuschlagen hat, um sein Persönlichkeitsgefühl höher zu bringen. Die neurotische Psyche charakterisiert sich bloss durch stärkeres Haften an der Leitlinie, durch stärkere Einfühlung in dieselbe. Die Widersprüche mit der Realität erst, die daraus erwachsenden Konflikte und die Nötigung, soziale Geltung und Macht zu erlangen, fördern die Symptome zutage. Noch deutlicher wird dies in derPsychose, wo die Leitlinie haarscharf her- vortritt, und wo nur, sozusagen zum Beweise der eigenen Un- fähigkeit, Umdeutungen der Wirklichkeit vorgenommen werden und Demonstrationen erfolgen. In beiden Fällen benimmt sich der Kranke so, als ob er den Endzweck stets vor Augen hätte. Im Falle der Neurose übertreibt und bekämpft er die realen Hindernisse der Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls oder umgeht sie unter Schaffung von Vor- wänden. Der fest an seine Idee (fixe Idee) geheftete Psychotiker ver- sucht zugunsten seines irrealen Standpunktes die Wirklichkeit zu ver- ändern oder zu übersehen. Der um die Aufdeckung der Symbolik in der Neurose und Psychose hochverdiente Forscher Freud hat auf die Fülle der Symbole aufmerksam gemacht. Leider ist es bloss bis zur Aufdeckung der in ihnen vorhandenen oder möglichen Sexualformel ge- langt oder bis zu deren Insinuation, und hat ihre wichtigere Auflösung in das dynamische Geschehen des männlichen Protestes, der Sucht nach oben, nicht verfolgt. So kam es, dass sich für ihn der Sinn der Neurose in der Verwandlung libidinöser Regungen erschöpfte, während in Wirk- lichkeit der Schein oder der Zwang der männlichen Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls hinter der Symbolik zu finden ist.
Wir haben das leitende Persönlichkeitsideal als Fiktion beschrieben, somit ihren Realitätswert geleugnet, müssen aber dennoch behaupten, dass es, obwohl unreal, dennoch für den Prozess des Lebens und der psychischen Entwickelung von grösster Bedeutung ist. Über diesen scheinbaren Widerspruch hat sich Vai hinger in seiner „Philosophie des Als-Ob" in glänzendster Weise auseinandergesetzt und hat die Fiktion als Widerspruch gegen die Realität, aber als unentbehrlich in der Ent- III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 45 wickelung der Wissenschaften erkannt. In der Neurosenpsychologie habe ich zuerst auf diesen sonderbaren Zusammenhang hingewiesen und wurde durch Vaihingers Arbeit namhaft gefördert und in meiner Auffassung gestärkt. So bin ich derzeit imstande, von der Fiktion des Persönlichkeits- gefühles noch Einiges hervorzuheben, was ihr Wesen und ihre Bedeutung ebenso wie ihre Erscheinungsform in der Psyche in helleres Licht rückt. Vor allem ist sie Abstraktion und muss an sich schon als Andeutung einer Antizipation gelten. Sie ist sozusagen der Marschallstab im Tournister des kleinen Soldaten1) und somit eine Abschlagszahlung, welche durch das primitive Gefühl der Unsicherheit erfordert wird. Die Bildung der Fiktion erfolgt unter Beseitigung störender Minderwertigkeiten und hemmender Realitäten in der Idee, wie es jedes- mal geschieht, wenn die Psyche in ihrer Bedrängnis einen Ausweg und Sicherheit sucht. Die peinlich empfundene Unsicherheit wird auf ihr kleinstes aber ursächlich scheinendes Mass reduziert, und dieses in sein krasses Gegenteil, in seinen Gegensatz verkehrt, das als fiktives Ziel zum Leitpunkt aller Wünsche, Phantasien und Bestrebungen gemacht wird. Dann kann dieses Ziel der Anschaulichkeit halber konkretisiert werden. Die reale Entbehrung, etwa Nahrungseinschränkung in der Kindheit, wird als abstraktes „Nichts", als Mangel empfunden, dem gegenüber das Kind nach „Allem", nach Überfluss verlangt, bis es sich dieses Ziel in der Person des Vaters, in der Gestalt eines sagenhaften Reichen, eines mächtigen Kaisers begrifflich näher bringt. Je intensiver und länger der Mangel empfunden wurde, desto stärker und höher wird das fiktive, abstrakte Ideal eingesetzt, und von ihm aus beginnt die Formung und Gliederung der gegebenen psychischen Kräfte zu vor- bereitenden Stellungen, Bereitschatten und Charakterzügen. Die Person trägt dann die durch ihr fiktives Ziel geforderten Charakterzüge, sowie die Charaktermaske, — persona, — des antiken Schauspielers zum Finale der Tragödie passen musste. — Regt sich bei einem Knaben der Zweifel an seiner Männlichkeit, wie jedes konstitutionell minderwertige Kind sich den Mädchen verwandt fühlt, so wählt er sein Ziel in einer Art, die ihm die Herrschaft über alle Frauen (meist auch über alle Männer) verspricht. Dadurch wird frühzeitig seine Haltung zu den Frauen bestimmt. Er wird stets Neigung zeigen, seine Überlegenheit über die Frau durchzusetzen, wird das weibliche Geschlecht entwerten und er- niedrigen, wird — bildlich gesprochen — die Hand auf die Mutter legen, was sich bei neurotisch disponierten Kindern oft auch in einer Geste oder in ihrer psychischen Attitüde zeigt, und wird in spielerischer Weise von der Mutter das Abbild nehmen, um sich diesem gegenüber in die männliche Rolle einzufühlen. Es ist schon ein neurotischer Zug, wenn derartige kindliche Bereitschaftsstellungen erstarren, wenn ein pedantisches, prinzipielles Verhalten deutlich wird, und wenn die gereizte Herrschsucht des Kindes nach ähnlichem Entgegenkommen sucht, nach der gleichen Sicherheit seines Persönlichkeitsgefühls, die es bei der Mutter gefunden hat. Nur von dieser neurotischen Starre des Unsicheren gilt *) Für Psychologen von scharfer Witterung merke ich hier an, dass die Häufung von Vergleichen, die aus dem Militärleben genommen sind, von mir mit bewusster Absicht vorgenommen wurde. Bei der Heereserziehung ist Ausgangspunkt und fiktiver Zweck nur näher zusammengerückt, leichter zu überschauen, und jede Be- wegung des übenden Soldaten wird zur Bereitschaft, um ein primäres Schwäche- gefühl in das Gefühl der Überlegenheit umzuwandeln.
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Nietzsches Behauptung, dass „jedermann ein Bildnis des Weibes von der Mutter her in sich trägt, von dem er bestimmt wird, die Frau überhaupt zu verehren oder sie gering zu schätzen oder gegen sie im allgemeinen gleichgültig zu sein." Doch müssen wir zugeben, dass dieser Typus in der Mehrheit ist. Unter ihnen sind viele, die sogar von der Mutter verschmäht wurden, seither jeder Frau gegenüber die gleiche Herabsetzung befürchten oder ein Übermass von Hingabe verlangen. Was Freud als „Inzestkomplex" zusammenträgt, ist Kunst- produkt. Das Auftreten wirklicher inzestuöser Regungen hängt mit neurotischer Gesellschaftsscheu zusammen, ist ein äusserster Versuch, die menschliche Gesellschaft zu sprengen, die um ihretwillen auf Inzest den Bann gelegt hat, ebenso wie auf Masturbation.
Es gibt im Leben und in der Entwicklung des Menschen nichts, was mit solcher Heimlichkeit ins Werk gesetzt wird wie die Errichtung des Persönlichkeitsideals. Wenn wir nach der Ursache dieser Heimlich- keit fragen, so scheint der wichtigste Grund in dem kämpferischen, um nicht zu sagen feindseligen Charakter dieser Fiktion gelegen zu sein. Unter fortwährendem Abmessen und Abwägen der Vorzüge anderer ist sie entstanden und muss demnach, — nach dem ihr zugrunde liegenden Prinzip des Gegensatzes, — den Nachteil der anderen bezwecken. Die psychologische Analyse des Nervösen ergibt stets die Anwesenheit der Entwertungstendenz, die sich summarisch gegen alle richtet. Die kämpferischen Neigungen *) treten in der Habsucht, im Neid, in der Sehn- sucht nach Überlegenheit regelmässig hervor. Aber die Fiktion der Über- wältigung anderer kann nur benützt werden, in Rechnung kommen, wenn sie die Anknüpfung von Beziehungen nicht von vorneherein stört. Und so muss sie frühzeitig unkenntlich gemacht werden, sich maskieren, da sie sich sonst selbst aufhebt. Diese Verschleierung geschieht durch Aufstellung einer Gegenfiktion, die vor allem das sichtbare Handeln leitet, unter deren Gewicht aber die Annäherung an die Realität und die Anerkennung ihrer wirksamen Kräfte vollzogen wird. Diese Gegenfiktion, stets gegenwärtige korrigierende Instanzen des Gemein- schaftsgefühls, bewerkstelligt den Formenwandel der leitenden Fiktion, indem sie ihr Rücksichten aufzwingt, soziale, ethische Zukunftsforde- rungen mit ihrem realen Gewicht in Anschlag bringt und so die Ver- nünftigkeit, dasheisst: Allgemeingültig keit des Denkens und Handelns sichert. Sie ist ein Sicherungskoeffizient der Leitlinie zur Macht, und die Harmonie beider Fiktionen, ihre gegenseitige Verträg- lichkeit, sind das Zeichen psychischer Gesundheit. In der Gegenfiktion sind die Erfahrungen und Belehrungen, die sozialen und kulturellen Formeln, die Traditionen der Gesellschaft wirksam. In Zeiten der Ge- hobenheit, der Sicherheit, der Norm, des Friedens ist sie die formgebende Kraft, die eine Sperrung der Kampf- und Affektbereitschaften bewirkt und eine Angleichung der Charakterzüge an das Milieu. Steigt die Un- sicherheit, und taucht das Gefühl der Minderwertigkeit auf, dann wird unter steigender Abstraktion von der Realität diese Gegenfiktion ent- wertet, die Bereitschaften werden mobilisiert, der nervöse, prinzipielle Charakter tritt hervor und mit ihm das übertriebene gesteigerte Per- sönlichkeitsgefühl. Es gehört mit zu den Triumphen des menschlichen J) S. „Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose", in „Heilen und Bilden« 1. c.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 47 Witzes, in Anpassung an die Gegenfiktion des Gemeinschaftsgefühls der leitenden Machtidee zum Durchbruch zu verhelfen, durch Bescheidenheit zu glänzen, durch Demut und Unterwerfung zu siegen, durch die eigene Tugend andere zu demütigen, durch eigene Passivität andere anzugreifen, durch eigenes Leid anderen Schmerzen zuzufügen, mit weiblichen Mitteln ein männliches Ziel zu verfolgen, sich klein zu machen, um gross zu erscheinen. Solcher Art aber sind die Kunstgriffe der Neurotiker.
Über die Bedeutung der ursprünglichsten Wahrnehmung und Empfindung als einer Abstraktion brauche ich keine Worte zu verlieren. Ebenso abstrakt ist die Setzung eines fiktiven Leitpunktes und des nun zwischen diesen zwei Punkten ausgesponnenen Lebens- planes. Wir haben bezüglich der nervösen Psyche öfters hervorgehoben, dass die grössere Unsicherheit allein dazu zwingt, den Zielpunkt noch mehr der Realität zu entziehen, ihn höher anzubringen. Dazu kommt noch, dass die minderwertigen Sinnesorgane qualitativ und quantitativ veränderte Empfindungen, die ausführenden Erfolgsorgane veränderte Technizismen, meist im Sinne einer Einschränkung aufweisen, so dass sich die Selbsteinschätzung, das ideelle Leitbild, das Weltbild und der Lebensplan gegenüber der Norm in der Richtung vermehrter Abstraktion, vermehrten Verzichts auf Identität mit der Realität gestalten müssen. Dabei kann die Kompensation und Überkompensation freilich das Weltbild gelegentlich der Wirklichkeitslinie näher bringen, wie bei den grossen Leistungen der künstlerischen Psyche!). Das überspannte Persönlichkeitsideal aber, das in starker Fixierung, in die Nähe einer Gottähnlichkeit gerückt, dem Wesen und Verhalten der Neurotiker und Psychotiker so oft einen leicht oder ausgesprochen hypomanischen Zug verleiht, wenn nicht die Vorbereitung dazu, die Kleinheits-, die Verfolgungsideen noch den Ausschlag geben, verursacht durch eine Art innerer Gewissheit, ohne welche die Aufstellung des Zielpunktes unmöglich wäre, ein Prädestinationsgefühl. In den Phasen grösserer Unsicherheit wird dieses namhaft verstärkt, und seine Bedeutung als Antizipation der leitenden Fiktion, als Abschlagszahlung, tritt deutlich hervor.
Den wertvollen Anteil dieser Kompensations- und Sicherungsleistung schildert Gustav Freytag in den „Erinnerungen aus meinem Leben" folgendermassen: „Aber auch die Treffer an der Scheibe wurden mir nicht leicht. Denn zu Oels hatte ich beim Unterricht bemerkt, dass ich sehr kurz- sichtig war. Als ich das in den Ferien dem Vater klagte, riet er mir, mich doch ohne Brille durch die Welt zu schlagen und erzählte mir von der Hilflosigkeit eines Theologen, der ihn einst am Morgen aus dem Bette angefleht hatte, ihm seine Brille zu suchen, damit er die Beinkleider finden könne. — Dem Rat blieb ich folgsam, ich habe nur im Theater und vor Bildern die Gläser gebraucht. Die Beschwerden, welche dieser Mangel in Gesellschaft bereitete, suchte ich zu überwinden und ging arglos an manchem vorüber, was einen schärferen Beobachter beunruhigen konnte. — Die Freude an Blütenpracht und dem Schmuck der Kleider, an merkwürdigen Gesichtern und Frauenschönheit, den strahlenden Blick, den holden Gruss aus der Ferne musste ich oft ent- *) Siehe Robert Freschl, Zur Psychologie des Künstlers, in „Der Friede", 48 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.
behren, während andere sich daran freuten. Aber da die Seele sich behend in Mängel der Sinne einrichtet, so entwickelte sich schon früh in mir ein gutes Verständnis solcher Lebensäusserungen, die in meine Sehweite kamen, und ein schnelles Ahnen von Vielem, was mir nicht deutlich wurde; die geringere Zahl der Anschauungen gestattete, die empfangenen ruhiger und vielleicht inniger zu Verarbeiten. Jedenfalls war der Verlust grösser als der Gewinn. Darin aber hatte der Vater recht, meine Augen bewahrten durch das ganze Leben unverändert den scharfen Blick in der Nähe."
Denkt man sich die Entwickelung einer derartigen visuellen Phan- tasie, die immerhin schon bedeutend von der Wirklichkeit abstrahiert, unter dem Druck der Sicherungstendenz aufgestachelt, so ergibt sich zum gleichen Zweck der Sicherung wie im obigen Beispiel die Ausbildung einer visuell-halluzinatorischen Fähigkeit, die sich, wenn es sich um die Aufstellung eines sichernden Mementos oder eines beruhi- genden Selbstzuspruchs handelt, auch ausserhalb des Traumzustandes geltend machen kann. Die Abstraktion, aber auch die Antizipation ist dann noch weiter vorgeschritten und kann bei „Telepathen", Spiritisten oder Kassandranaturen zu den bekannten auffallenden pathologischen Äusserungen führen. Einen ungeheuren Ansporn zu diesem Hinausgreifen über die den Menschen gesteckten Grenzen bietet, wie immer, das peini- gende Minderwertigkeitsgefühl, das, auf die Schwäche bezogen, den anderen die grössere Fähigheit des Sehens bis zu dem Grade zumutet, als ob diese etwa Verborgenes sehen, das Innere erforschen könnten. Die Sicherungstendenz des Kindes mit seinen Heimlichkeiten kann früh- zeitig gerade diesen Punkt zur eigenen Sicherung aufgreifen, und unter der fiktiven Annahme handeln, alo ob andere ihm „bis ins Herz" sehen, seine innersten Gedanken erraten könnten, eine Annahme, die als Kunst, griff in der Neurose und Psychose öfters auftritt und gerade so viel wert ist, als etwa vergröberte Schuldgefühle und eine neurotische Ge- wissenhaftigkeit, dazu bestimmt, einer drohenden Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühls, der Schande, der Strafe, dem Spotte1), der Er- niedrigung, der weiblichen Rolle vorzubeugen, und dies soweit, dass da- bei alle Aktionstätigkeit verloren gehen kann.
Die stärkere Fähigkeit des Nervösen zur Abstraktion, Einfühlung und Antizipation liegt nicht bloss seinem halluzinatorischen Charakter, seiner Symptombildung, seinen Phantasien und seinen Träumen zugrunde, sondern auch den scheinbaren Überspannungen von Organfunktionen, die er durch tendenziöse Überwertung zu Kampfbereitschaften ausgestaltet, Auch gewinnt die Neurose Raum durch abstrakteres Voraussehen und Vorausdenken, formt aus ihnen die regelmässig vorzufindende neurotische Vorsicht, mittelst deren der Patient prinzipiell und in scharf gegensätzlicher Gruppierung nach dem Schema: „Triumph-Niederlage" alle Möglichkeiten des Erlebens dauernd in Evidenz hält. Oder er setzt durch Steigerung seiner Organempfindlichkeiten, einer Vorstufe der Halluzinationen, durch Empfindlichkeit gegen Gerüche, Geräusche, Berührungen, Temperaturen, durch Geschmacks- und Schmerzempfindlichkeit, durch Eckel seine Um- gebung in Bann, und bringt stets auch seine Unternehmungen dadurch in Einklang mit seiner fiktiven männlichen Leitlinie, dass er mit anderem *) Siehe „Über neurotische Disposition" und „Die Lehre von der Organminder- wertigkeit in der Philosophie und Psychologie" in „Heilen und Bilden" 1. c.
III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 49