Zunächst einige Worte über den Sinn des Argumentes. Es scheint zu schließen: Aus der Unvollziehbarkeit der Leugnung jener Grundsätze folgt, daß sie das Wesen unseres Vorstellens und Denkens wiedergeben; denn wenn sie es thun, so ergiebt sich jene Unvoll- ziehbarkeit als nothwendige Folge. Dies kann nicht als Schluß ge- meint sein. Daß A aus B folgt, kann ich nicht daraus erschließen, daß B aus A folgt. Die Meinung ist offenbar nur die, daß die Un- möglichkeit, die logischen Grundsätze zu leugnen, ihre Erklärung darin finde, daß diese Grundsätze,,das Wesen unseres Vorstellens und Denkens wiedergeben". Mit dem Letzteren wiederum ist gesagt, daß sie Gesetze sind, welche feststellen, was dem allgemein mensch- lichen Vorstellen und Denken als solchem zukommt, „daß sie Be- dingungen angeben, an die wir in allem unserem Vorstellen und Denken gebunden sind". Und darum, weil sie dies thun, sind contradictorisch sie leugnende Urtheile — wie Erdmann annimmt — unvollziehbar.
Aber weder kann ich diesem Schluß beistimmen, noch den Behauptungen, aus denen er sich zusammensetzt. Es erscheint mir als sehr wol möglich, daß gerade vermöge der Gesetze, denen alles Denken eines Wesens (z. B. eines Menschen) unter- steht, in individuo Urtheile zu Tage treten, welche die Geltung dieser Gesetze leugnen. Die Leugnung dieser Gesetze widerspricht ihrer Behauptung; aber die Leugnung als realer Act kann sehr wol verträglich sein mit der objectiven Geltung der Gesetze, bezw. mit der realen Wirksamkeit der Bedingungen, über welche das Gesetz eine allgemeine Aussage macht. Handelt es sich beim Widerspruch um ein ideales Ver- hältnis von Urtheilsinhalten, so handelt es sich hier um ein reales Verhältnis zwischen dem Urtheilsact und seinen gesetz- lichen Bedingungen. Angenommen es wären die Gesetze der ldeenassociation Grundgesetze des menschlichen Vorstellens und Urtheilens, wie die Associationspsychologie in der That lehrte, wäre es dann eine als absurd zu verwerfende Unmög- lichkeit, daß ein Urtheil, daß diese Gesetze leugnete, sein Da- sein gerade der Wirksamkeit dieser Gesetze verdankte? (Vgl.
als skeptischer Relativismus. 139 Aber selbst wenn der Schluß richtig wäre, seinen Zweck müßte er verfehlen. Denn der logische Absolutist (sit venia verbo) wird mit Recht einwenden: Die Denkgesetze, von wel- chen Erdmann spricht, sind entweder nicht diejenigen, von welchen ich und alle Welt spricht, und dann trifft er gar nicht meine These; oder er legt ihnen einen Charakter bei, der ihrem klaren Sinn durchaus widerstreitet. Und abermals wird er ein- wenden: Die Denkunmöglichkeit für die Negationen dieser Gesetze, welche sich aus ihnen als Folge ergeben soll, ist ent- weder dieselbe, die ich und alle Welt darunter verstehen, dann spricht sie für meine Auffassung; oder sie ist eine andere, dann bin ich abermals nicht getroffen.
Was das Erste anlangt, so drücken die logischen Grund- sätze nichts weiter aus, als gewisse Wahrheiten, die im bloßen Sinn (Inhalt) gewisser Begriffe, wie Wahrheit, Falschheit, Urtheil (Satz) u. dgl. gründen. Nach Erdmann sind sie aber „Denk- gesetze", welche das Wesen unseres menschlichen Denkens ausdrücken; sie nennen die Bedingungen, an welche alles menschliche Vorstellen und Denken gebunden ist, sie würden sich, wie gleich nachher expressis verbis gelehrt wird, mit der menschlichen Natur verändern. Folglich hätten sie nach Erdmann einen realen Inhalt. Aber dies widerspricht ihrem Charakter als rein begrifflichen Sätzen. Kein Satz, der in bloßen Begriffen (Bedeutungen in specie) gründet, der bloß feststellt, was in den Begriffen liegt und mit ihnen gegeben ist, sagt etwas über Reales aus. Und man braucht nur auf den wirklichen Sinn der logischen Gesetze hinzublicken, um zu er- kennen, daß sie dies auch nicht thun. Selbst wo in ihnen von Urtheil en die Rede ist, meinen sie nicht das, was die psycho- logischen Gesetze mit diesem Worte treffen wollen, nämlich Urtheile als reale Erlebnisse, sondern sie meinen Urtheile in dem Sinne von Aussagebedeutungen in specie, die identisch sind, was sie sind, ob sie wirklichen Acten des Aussagens zu Grunde liegen oder nicht, und wieder ob sie von dem oder jenem ausgesagt werden. So wie man die logischen Principien 140 Der Psychologismus als Realgesetze auffaßt, die in der Weise von Naturgesetzen unser reales Vorstellen und Urtheilen regeln, verändert man total ihren Sinn — wir haben dies oben ausführlich erörtert. Man sieht wie gefährlich es ist, die logischen Grundgesetze als Denkgesetze zu bezeichnen. Sie sind es, wie wir im näch- sten Kapitel noch genauer darlegen werden, nur in dem Sinne von Gesetzen, die bei der Normirung des Denkens eine Rolle zu spielen berufen sind; eine Ausdrucksweise, die schon an- deutet, daß es sich dabei um eine practische Function handelt, eine Nutzungsweise, und nicht um etwas in ihrem Inhalt selbst Liegendes. Daß sie nun das „Wesen des Denkens" ausdrücken, dies könnte im Hinblick auf ihre normative Function einen wolberechtigten Sinn noch gewinnen, wenn die Voraussetzung erfüllt wäre, daß in ihnen die nothwendigen und hinreichenden Kriterien gegeben sind, nach welchen die Richtigkeit jedes Urtheils zu bemessen wäre. Man könnte dann allenfalls sagen, daß sie das ideale Wesen alles Denkens, im outrirten Sinne des richtigen Urtheilens, ausprägten. So hätte es der alte Rationalismus gerne gefaßt, der sich aber nicht klar machen konnte, daß die logischen Grundsätze nichts weiter sind als triviale Allgemeinheiten, gegen die eine Behauptung bloß darum nicht streiten darf, weil sie sonst widersinnig wäre, und daß also umgekehrt die Harmonie des Denkens mit diesen Normen auch nicht mehr verbürgt, als daß es in sich formal (nicht) einstimmig sei. Darnach wäre es ganz unpassend, auch jetzt noch in diesem (idealen) Sinne von dem „Wesen des Denkens" zu sprechen und es durch jene Gesetze1 zu umschreiben, die, 1 Ich denke hier schon alle rein logischen Gesetze zusammengefaßt. Mit den zwei oder drei „Denkgesetzen" im traditionellen Sinn bringt man nicht einmal den Begriff eines formal -einstimmigen Denkens zu Stande, und alles, was dem entgegen von Alters her gelehrt wurde, halte ich (und nicht ich allein) für Täuschung. Jeder formale Widersinn läßt sich auf einen Widerspruch reduciren, aber nur unter Vermittlung gar mannig- faltiger anderer formaler Grundsätze, z. B. der syllogistischen, der arith- metischen u. s. w. Schon in der Syllogistik ist deren Zahl mindestens ein Dutzend. Sie lassen sich alle trefflich demonstriren — in Schein- beweisen, die sie selbst oder ihnen äquivalente Sätze voraussetzen.
als skeptischer Relativismus. 141 wie wir wissen, nicht mehr leisten, als nns den formalen Widersinn vom Leibe zu halten. Es ist noch ein Ueberrest des rationalistischen Vorurtheils, wenn man bis in unsere Zeit statt von formaler Einstimmigkeit, von formaler Wahrheit ge- sprochen hat, ein höchst verwerfliches, weil beirrendes Spiel mit dem Worte Wahrheit.
Doch gehen wir nun zum zweiten Punkte über. Die Unmöglichkeit der Leugnung der Denkgesetze faßt Erdmann als Unvollziehbarkeit solcher Leugnung. Diese beiden Be- griffe halten wir logischen Absolutisten für so wenig identisch, daß wir die Unvollziehbarkeit überhaupt leugnen und die Un- möglichkeit aufrecht halten. Nicht die Leugnung als Act ist unmöglich (und das hieße, als zu einem Realen gehörig, so viel wie real -unmöglich) sondern der ihren Inhalt bildende nega- tive Satz ist unmöglich, und zwar ist er als idealer in idealem Sinne unmöglich; darin liegt aber: er ist widersinnig und somit evident falsch. Diese ideale Unmöglichkeit des ne- gativen Satzes streitet gar nicht mit der realen Unmöglichkeit des negirenden Urtheilsactes. Man vermeide noch den letzten Rest äquivoker Ausdrücke, man sage, der Satz sei widersinnig, das Urtheil sei causal ausgeschlossen, und alles wird völlig klar. Im factischen Denken des normalen Menschen tritt nun freilich die actuelle Negation eines Denkgesetzes in der Regel nicht auf; aber daß es beim Menschen überhaupt nicht auf- treten kann, wird man schwerlich behaupten können, nach- dem große Philosophen wie Epikur und Hegel den Satz des Widerspruchs geleugnet haben. Vielleicht sind Genie und Wahn- sinn einander auch in dieser Hinsicht verwandt, vielleicht giebt es auch unter den Irrsinnigen Leugner der Denkgesetze; als Menschen wird man doch auch sie müssen gelten lassen. Man erwäge auch: Im selben Sinne denkunmöglich wie die Negation der primitiven Grundsätze ist diejenige aller ihrer noth wendigen Consequenzen. Aber daß man sich in Beziehung auf verwickelte syllogistische oder arithmetische Lehrsätze täuschen kann, ist allbekannt, und so dient auch dies als unanfechtbares Argument.
142 Der Psycholugismus Im Uebrigen sind dies Streitfragen, die das Wesentliche nicht berühren. Die logische Unmöglichkeit, als Widersinnigkeit des idealen Urtheilsinhalts, und die psychologische Unmöglichkeit, als Unvollziehbarkeit des correspondirenden Urtheilsactes, wären heterogene Begriffe auch dann, wenn die letztere mit der ersteren allgemein-menschlich gegeben, also die Fürwahrhaltung von Widersinnigkeiten naturgesetzlich ausgeschlossen wäre.1 Es ist nun diese echte logische Unmöglichkeit des Wider- spruches gegen die Denkgesetze, welche der logische Absolutist als Argument für die „Ewigkeit" dieser Gesetze verwendet. Was meint hier die Rede von der Ewigkeit? Doch nur den Umstand, daß jedes Urtheil, unabhängig von Zeit und Um- ständen, von Individuen und Species, durch die rein logischen Gesetze,gebunden' ist; und dies Letztere natürlich nicht im psychologischen Sinne eines Denkzwanges, sondern in dem idealen Sinne der Norm: wer eben anders urtheilte, urtheilte unbedingt falsch, zu welcher Species psychischer Wesen er sich nun rechnen mag. Die Beziehung auf psychische Wesen be- deutet offenbar keine Einschränkung der Allgemeinheit. Nor- men für Urtheile,binden' urtheilende Wesen und nicht Steine. Das liegt in ihrem Sinn, und so wäre es lächerlich, die Steine und ähnliche Wesen in dieser Hinsicht als Ausnahmen zu be- handeln. Der Beweis des logischen Absolutisten ist nun sehr ■einfach. Er wird eben sagen: Folgender Zusammenhang ist mir durch Einsicht gegeben. Es gelten die und die Grund- sätze, und sie thun es so, daß sie nur entfalten, was im Inhalt ihrer Begriffe gründet. Folglich ist jeder Satz (d. i. jeder mögliche Urtheilsinhalt im idealen Sinne) widersinnig, wenn er die Grundgesetze entweder unmittelbar negirt oder gegen sie mittelbar verstößt. Das Letztere besagt ja nur, daß ein rein deductiver Zusammenhang an die Wahrheit solcher Urtheilsin- halte als Hypothesis, die Unwahrheit jener Grundsätze als Thesis anknüpft. Sind darnach Urtheilsinhalte dieser Art wider- Vgl. die Erörterungen des § 22 in Kap. IV, besonders S. 67 f.
als skeptischer Relativismus. 143 sinnig und als solche falsch, so muß auch jedes actuelle Ur- theil, dessen Inhalte sie sind, unrichtig sein; denn richtig heißt ein Urtheil, wenn,das was es urtheilt', d. i. sein Inhalt, wahr, also unrichtig, wenn derselbe falsch ist.
Ich betonte soeben jedes Urtheil, um aufmerksam zu machen, daß der Sinn dieser strengen Allgemeinheit jede Einschränkung, also auch die auf menschliche oder andersartige Gattungen urtheilender Wesen eo ipso ausschließt. Ich kann Niemanden zwingen, einzusehen, was ich einsehe. Aber ich selbst kann nicht zweifeln, ich sehe ja abermals ein, daß jeder Zweifel hier, wo ich Einsicht habe, d. i. die Wahrheit selbst erfasse, verkehrt wäre; und so finde ich mich überhaupt an dem Punkte, den ich entweder als den archimedischen gelten lasse, um von hier aus die Welt der Unvernunft und des Zweifels aus den Angeln zu heben, oder den ich preisgebe, um damit alle Vernunft und Erkenntnis preiszugeben. Ich sehe ein, daß sich dies so verhält, und daß ich im letzteren Falle — wenn von Vernunft oder Unvernunft dann noch zu reden wäre — alles vernünftige Wahrheitsstreben, alles Behaupten und Be- gründen einstellen müßte.
Mit all dem finde ich mich nun freilich in Widerstreit mit dem ausgezeichneten Forscher. Er fährt nämlich fort: „Unbedingt wäre die so begründete Notwendigkeit der formalen Grundsätze...nur dann, wenn unsere Erkenntnis derselben verbürgte, daß das Wesen des Denkens, das wir in uns finden und durch sie ausdrücken, ein unveränderliches, oder gar das einzig mögliche Wesen des Denkens wäre, daß jene Bedingungen unseres Denkens zugleich die Bedingungen jedes möglichen Denkens wären. Wir wissen jedoch nur von unserem Denken. Ein von dem unseren verschiedenes, also auch ein Denken überhaupt als Gattung zu solchen verschie- denen Arten des Denkens zu construiren sind wir nicht im Stande. Worte, die ein solches zu beschreiben scheinen, haben keinen von uns vollziehbaren Sinn, der dem Anspruch genügte, <len dieser Schein erwecken soll. Denn jeder Versuch, das, 144 Der Psychologismus was sie beschreiben, herzustellen, ist an die Bedingungen unseres Vorstellens und Denkens gebunden, bewegt sich in ihrem Kreise."
Würden wir so verfängliche Reden, wie die vom „Wesen unseres Denkens" in rein logischen Zusammenhängen überhaupt gelten lassen, würden wir sie also nach Maßgabe unserer Analysen durch die Summe der Idealgesetze fassen, welche die formale Einstimmigkeit des Denkens umgrenzen, dann würden wir natürlich auch den Anspruch erheben, das strenge erwiesen zu haben, was Erdmann für unerweisbar hält: daß das Wesen des Denkens ein unveränderliches, ja gar das einzig mögliche wäre u. s. w. Aber freilich ist es klar, daß Erdmann, während er dies leugnet, jenen allein berechtigten Sinn der fraglichen Redeweise nicht innehält, es ist klar, daß er (die weiter unten folgenden Citate lassen es noch schroffer hervortreten) die Denkgesetze als Ausdrücke des realen Wesens unseres Denkens, somit als Realgesetze faßt, als ob wir mit ihnen eine unmittel- bare Einsicht in die allgemein menschliche Constitution nach ihrer Erkenntnisseite gewönnen. Leider ist dies gar nicht der Fall. Wie sollten auch Sätze, die nicht im Entferntesten von Realem sprechen, die nur klar legen, was mit gewissen Wort- bedeutungen oder Aussagebedeutungen sehr allgemeiner Art unabtrennbar gesetzt ist, so gewichtige Erkenntnisse realer Art, über das „Wesen geistiger Vorgänge, kurz unserer Seele" (wie wir weiter unten lesen) gewähren?
Andererseits, hätten wir durch solche oder andere Ge- setze Einsicht in das reale Wesen des Denkens, dann kämen wir doch zu ganz anderen Consequenzen, wie der verdiente Forscher. „Wir wissen nur von unserem Denken." Genauer gesprochen, wissen wir nicht nur von unserem individuell- eigenem Denken, sondern, als wissenschaftliche Psychologen, auch ein klein wenig vom allgemein -menschlichen, und noch viel weniger vom thierischen. Jedenfalls ist aber ein in diesem realen Sinne andersartiges Denken und sind ihm zuge- ordnete Species denkender Wesen für uns gar nicht denkunmögals skeptischer Relativismus. 145 lieh, sie könnten sehr wol und sinnvoll beschrieben werden^ ganz so wie dergleichen bei fictiven naturwissenschaftlichen Species nicht ausgeschlossen ist. Böcklin malt uns die präch- tigsten Centauren und Nixen mit leibhaftiger Natürlichkeit. Wir glauben sie ihm — mindestens ästhetisch. Freilich ob sie auch naturgesetzlich möglich sind, wer wollte dies entscheiden. Aber hätten wir die letzte Einsicht in die Complexionsformen organischer Elemente, welche die lebendige Einheit des Orga- nismus gesetzlich ausmachen, hätten wir die Gesetze, welche den Strom solchen Werdens in dem typisch geformten Bette erhalten, so könnten wir den wirklichen Species mannigfaltige objeetiv mögliche in wissenschaftlich exaeten Begriffen an- reihen, wir könnten diese Möglichkeiten so ernsthaft discutiren, wie der theoretische Physiker seine fingirten Species von Gravi- tationen. Jedenfalls ist die logische Möglichkeit solcher Fic- tionen auf naturwissenschaftlichem wie auf psychologischem Ge- biet unanfechtbar. Erst wenn wir die (xeräßaaiq slq ällo ykvoq vollziehen, die Eegion der psychologischen Denkgesetze mit der der rein logischen verwechseln, und nun die letzteren selbst in psychologistischem Sinne mißdeuten, gewinnt die Behauptung, andersartige Denkweisen vorzustellen seien wir außer Stande, die Worte, die sie zu beschreiben scheinen, hätten für uns keinen vollziehbaren Sinn, einen Anschein von Berechtigung. Mag sein, daß wir uns von solchen Denkweisen,keine rechte Vorstellung' zu machen vermögen, mag sein, daß sie auch in absolutem Sinn für uns unvollziehbar sind; aber diese Unvoll- ziehbarkeit wäre in keinem Falle die Unmöglichkeit im Sinne der Absurdität, des Widersinns.
Vielleicht ist folgende Ueberlegung zur Klärung nicht un- nütz. Theoreme aus der Lehre von den AßEi/schen Trans- scendenten haben für ein Wickelkind, und sie haben ebenso für den Laien (das mathematische Kind, wie die Mathematiker scherzhaft zu sagen pflegen) keinen „vollziehbaren" Sinn. Das liegt an den individuellen Bedingungen ihres Vorstellen s und Denkens. Genau so wie wir Reifen zum Kinde, wie der Hüssebl, Log. Unters. I. 10 146 Der Psychologismm Mathematiker zum Laien, so könnte sich allgemein eine höhere Species denkender Wesen, sagen wir Engel, zu uns Menschen verhalten. Deren Worte und Begriffe hätten für uns keinen vollziehbaren Sinn, gewisse specifische Eigenheiten unserer psychischen Constitution ließen es eben nicht zu. Der normale Mensch braucht, um die Theorie der AßEi/schen Functionen, ja auch nur um deren Begriffe zu verstehen, einige, sagen wir fünf Jahre. Es könnte sein, daß er, um die Theorie gewisser englischer Functionen zu verstehen, bei seiner Constitution eines Jahrtausends bedürfte, während er doch im günstigen Falle ein Jahrhundert kaum erreichen wird. Aber diese absolute, durch die gesetzlichen Schranken der speci- fischen Constitution bedingte Unvollziehbarkeit wäre natürlich nicht diejenige, welche uns die Absurditäten, die widersin- nigen Sätze zumuthen. In einem Falle handelt es sich um Sätze, die wir schlechterdings nicht verstehen können; dabei sind sie an sich betrachtet einstimmig und sogar giltig. Im an- deren Falle hingegen verstehen wir die Sätze sehr wol; aber sie sind widersinnig, und darum,können wir an sie nicht glauben', cl. h. wir sehen ein, daß sie als widersinnige ver- werflich sind.
Betrachten wir nun auch die extremen Consequenzen, welche Erdmann aus seinen Prämissen zieht. Gestützt auf das „leere Postulat eines anschauenden Denkens" müssen wir nach ihm „die Möglichkeit zugeben, daß ein Denken, welches von dem unsrigen wesensverschieden ist, stattfinde", und er zieht daraus den Schluß, daß somit „die logischen Grundsätze auch nur für den Bereich dieses unseres Denkens gelten, ohne daß wir eine Bürgschaft dafür hätten, daß dieses Denken sich seiner Beschaffenheit nach nicht ändern könnte. Denn es bleibt demnach möglich, daß eine solche Aenderung eintrete, sei es daß sie alle, sei es daß sie nur einige dieser Grund- sätze träfe, da sie nicht alle aus einem analytisch ableitbar sind. Es ist belanglos, daß diese Möglichkeit in den Aussagen unseres Selbstbewußtseins über unser Denken keine Stütze als skeptischer Relativismus. 147 findet, die ihre Verwirklichung vorhersehen ließe. Sie besteht trotz alledem. Denn wir können unser Denken nur hin- nehmen, wie es ist. Wir sind nicht in der Lage, seine zukünf- tige Beschaffenheit durch die gegenwärtige in Fesseln zu schlagen. Wir sind insbesondere unvermögend, das Wesen unserer geistigen Vorgänge, kurz unserer Seele so zu fassen, daß wir aus ihr die Unveränderlichkeit des uns gegebenen Denkens deduciren könnten."1 Und so können wir nach Eedmann „nicht umhin einzuge- stehen, daß alle jene Sätze, deren widersprechende Gedanken von uns unvollziehbar sind, nur unter der Voraussetzung der Beschaffenheit unseres Denkens nothwendig sind, die wir als diese bestimmte erleben, nicht aber absolut, unter jeder mög- lichen Bedingung. Unseren logischen Grundsätzen also bleibt auch hiernach ihre Denknothwendigkeit; nur daß sie nicht als absolute, sondern als hypothetische [in unserer Rede- weise: relative] angesehen wird. Wir können nicht anders, als ihnen zustimmen — nach der Natur unseres Vorstellens und Denkens. Sie gelten allgemein, vorausgesetzt daß unser Denken dasselbe bleibt. Sie sind nothwendig, weil wir nur unter ihrer Voraussetzung denken können, so lange sie das Wesen unseres Denkens ausdrücken."2 Nach den bisherigen Ausführungen brauche ich nicht zu 1 Vgl. a. a. 0. Nr. 369 sub e. S. 377—78. — Hatte man sich mit der Möglichkeit einer Veränderung des logischen Denkens einmal ver- traut gemacht, so lag der Gedanke einer Entwicklung desselben nicht mehr fern. Nach G. Feruero, les lois psychologiques du Symbolisme, Paris 1895, „soll die Logik" — so lese ich in einem Eeferat A. Lasson's in der Zeitschrift f. Philos. Bd. 113, S. 85 — „positiv werden und die Gesetze des Schließens je nach dem Alter und der Entwicklungsstufe der Cultur darstellen; denn auch die Logik ändere sich mit der Entwicklung des Gehirns.. Daß man früher die reine Logik und die deductive Methode vorgezogen habe, sei Denkfaulheit gewesen, und die Metaphysik sei das kolossale Denkmal dieser Denkfaulheit bis zum heutigen Tage geblieben, glücklicherweise nur noch bei einigen Zurückgebliebenen nach- wirkend".
148 Der Psychologismus sagen, daß meines Erachtens diese Consequenzen zu Recht nicht bestehen können. Gewiß gilt die Möglichkeit, daß ein von dem unsrigen wesensverschiedenes Seelenleben stattfinde. Gewiß können wir unser Denken nur hinnehmen, wie es ist, gewiß wäre jeder Versuch thöricht, aus „dem Wesen unserer geistigen Vorgänge, kurz unserer Seele" ihre Unveränderlichkeit deduciren zu wollen. Aber daraus folgt mit Nichten jene toto coelo ver- schiedene Möglichkeit, daß Veränderungen unserer specifischen Constitution, sei es alle oder einige Grundsätze träfen, und daß somit die Denknoth wendigkeit dieser Sätze eine bloß hypo- thetische sei. Vielmehr ist all das widersinnig, widersinnig in dem prägnanten Sinne, in dem wir das Wort (natürlich ohne jede Färbung, als rein wissenschaftlichen Terminus) hier all- zeit gebraucht haben. Es ist der Unsegen unserer vieldeutigen logischen Terminologie, daß dergleichen Lehren noch auftreten und selbst ernste Forscher täuschen können. Wären die primi- tiven begrifflichen Unterscheidungen der Elementarlogik voll- zogen und auf Grund derselben die Terminologie geklärt, würden wir uns nicht mit so elenden Aequivocationen herum- schleppen, wie sie allen logischen Terminis — Denkgesetz, Denkform, reale und formale Wahrheit, Vorstellung, Urtheil, Satz, Begriff, Merkmal, Eigenschaft, Grund, Notwendigkeit u. s. w. — anhaften, wie könnten so viele Widersinnigkeiten, darunter die des Relativismus, in Logik und Erkenntnislehre theo- retisch vertreten werden und in der That einen Schein für sich haben, der selbst bedeutende Denker blendet?
Die Möglichkeit von variablen „Denkgesetzen" als psycho- logischen Gesetzen des Vorstellens und Urtheilens, welche für verschiedene Species psychischer Wesen mannigfach diffe- riren, ja in einer und derselben von Zeit zu Zeit wechseln, das giebt einen guten Sinn. Denn unter psychologischen be- setzen' pflegen wir,empirische Gesetze' zu verstehen, ungefähre Allgemeinheiten der Coexistenz und Succession, auf Thatsäch- keiten bezüglich, die in einem Falle so, im anderen anders sein können. Auch die Möglichkeit von variablen Denkgesetzen als skeptischer Relativismus. 149 als normativen Gesetzen des Vorstellens und Urtheilens ge- stehen wir gerne zu. Gewiß können normative Gesetze der specifischen Constitution der urtheilenden Wesen angepaßt und daher mit ihnen veränderlich sein. Offenbar trifft dies die Regeln der practischen Logik als Methodenlehre, so wie es auch die methodischen Vorschriften der Einzelwissenschaften trifft. Die mathematisirenden Engel mögen andere Rechen- methoden haben als wir — aber auch andere Grundsätze und Lehrsätze? Diese Frage führt uns denn auch weiter: Wider- sinnig wird die Rede von variablen Denkgesetzen erst dann, wenn wir darunter die rein-logischen Gesetze verstehen (an welche wir auch die reinen Gesetze der Anzahlenlehre, der Ordinalzahlenlehre, der reinen Mengenlehre u. s. w. angliedern dürfen). Der vage Ausdruck „normative Gesetze des Denkens'', mit dem man auch sie bezeichnet, verführt allgemein dazu, sie mit jenen psychologisch fundirten Denkregeln zusammenzu- werfen. Sie aber sind rein theoretische Wahrheiten idealer Art, rein in ihrem Bedeutungsgehalt wurzelnd und nie über ihn hinausgehend. Sie können also durch keine wirkliche oder fictive Aenderung in der Welt des matter of faet berührt werden.
Im Grande hätten wir hier eigentlich einen dreifachen Gegensatz zu berücksichtigen: nicht bloß den zwischen pr acti- scher Regel und theoretischem Gesetz, und wieder den zwi- schen Idealgesetz und Realgesetz, sondern auch den Gegen- satz zwischen exactem Gesetz und „empirischem Gesetz" (sc. als Durchschnittsallgemeinheit, von der es heißt: „keine Regel ohne Ausnahme"). Hätten wir Einsicht in die exacten Gesetze des psychischen Geschehens, dann wären auch sie ewig und unwandelbar, sie wären es, wie die Grundgesetze der theore- tischen Naturwissenschaften, sie würden also gelten, auch wenn es kein psychisches Geschehen gäbe. Würden alle gravitirenden Massen vernichtet, so wäre damit nicht das Gravitationsgesetz aufgehoben, es bliebe nur ohne Möglichkeit factischer Anwen- dung. Es sagt ja nichts über die Existenz gravierende r 150 Der Psychologismus