Die Analyse dieser und ähnlicher Methodentypen und die vollgiltige Aufklärung ihrer Leistungen bildet vielleicht das schönste und jedenfalls das am Wenigsten angebaute Feld einer Theorie der Wissenschaft, zumal aber der so wichtigen und lehrreichen Theorie der deductiven (der im weitesten Sinne mathematischen) Methodik. Mit bloßen Allgemeinheiten, mit vager Rede von der stellvertretenden Function der Zeichen, von kraftersparenden Mechanismen u. dgl. ist es hiebei natürlich nicht gethan; es bedarf überall tiefgehender Analysen, es muß für jede typisch verschiedene Methode die Untersuchung wirklich ausgeführt und die ökonomische Leistung Vgl. darüber Einiges im Kapitel XI, §§ 69 und 70, S. 247 ff.
und die Logik. 201 der Methode nebst der genauen Erklärung dieser Leistung wirklich nachgewiesen werden.
Hat man den Sinn der hier zu lösenden Aufgabe klar erfaßt, so gewinnen auch die für das vor- und außer- wissenschaftliche Denken zu lösenden denkökonomischen Pro- bleme neues Licht und neue Form. Eine gewisse Anpassung an die äußere Natur erfordert die Selbsterhaltung; sie verlangt, sagten wir, die Fähigkeit, die Dinge in gewissem Maße richtig zu beurtheilen, den Lauf der Ereignisse vorauszusehen, causale Abfolgen richtig abzuschätzen u. dgl. Aber wirkliche Erkenntnis von alldem vollzieht sich erst, wenn überhaupt, in der Wissen- schaft. Wie können wir nun doch practisch richtig urtheilen und schließen ohne Einsicht, die im Ganzen nur die Wissenschaft, die Gabe Weniger, zu bieten vermag? Den practisch en Bedürfnissen des vorwissenschaftlichen Lebens dienen ja manche sehr com- plicirte und leistungsfähige Verfahrungsweisen — man denke nur an das dekadische Zahlensystem. Sind sie nicht ein- sichtig erfunden, sondern natürlich erwachsen, so muß doch die Frage erwogen werden, wie dergleichen möglich ist, wie blindmechanische Operationen im Endwerth mit dem, was Ein- sicht verlangt, zusammentreffen können.
Ueberlegungen der Art, die wir oben angedeutet haben, zeigen den Weg. Um die Teleologie der vor- und außer- wissenschaftlichen Verfahrungsweisen aufzuklären, wird man einerseits durch genaue Analyse der einschlägigen Vor- stellungs- und Urtheilszusammenhänge, sowie der wirksamen Dispositionen zunächst das Factische, den psychologischen Mechanismus des bezüglichen Denkverfahrens herausstellen. Die denkökonomische Leistung desselben tritt nun im Nach- weis hervor, daß dieses Verfahren indirect und logisch ein- sichtig zu begründen ist als ein solches, dessen Ergebnisse — sei es nothwendig, sei es mit einer gewissen, nicht zu kleinen Wahrscheinlichkeit — mit der Wahrheit zusammentreffen müssen. Endlich wird man, um die natürliche Entstehung der denkökonomischen Maschinerie nicht als ein Wunder 202 Das Prinoip der Denkökonomie übrig zu behalten (oder was dasselbe: als Resultat eines eigenen Schöpfungsactes der göttlichen Intelligenz), auf eine sorgsame Analyse der natürlichen und vorherrschenden Vor- stellungsumstände und -motive des Alltagsmenschen (ev. des Wilden, des Thieres u. s. w.) ausgehen und auf Grund der- selben nachweisen müssen, wie sich ein derart erfolgreiches Verfahren „von selbst", aus rein natürlichen Gründen aus- bilden konnte und mußte.1 Auf diese Weise ist also die m. E. wolberechtigte und fruchtbare Idee der Denkökonomik mit einiger Bestimmtheit klargelegt, in allgemeinen Zügen sind die Probleme, die sie zu lösen, und die Hauptrichtungen, die sie einzuschlagen hat, angedeutet. Ihr Verhältnis zur Logik, im practischen Sinne einer Kunstlehre wissenschaftlicher Erkenntnis, ist ohne Weiteres verständlich. Offenbar bildet sie ein wichtiges Fundament dieser Kunstlehre, sie giebt ja wesentliche Behelfe zur Constitution der Idee von technischen Methoden mensch- licher Erkenntnis, zu nützlichen Specialisirungen solcher Methoden, sowie zur Ableitung von Regeln für deren Ab- schätzung und Erfindung.
§ 55. Die Bedeutungslosigkeit der Denkökonomik für die reine Logik und Erkenntnislehre und ihr Verhältnis zur Psychologie.
Soweit diese Gedanken mit denen R. Avenaeius' und E. Mach's zusammengehen, besteht keine Differenz, und ich kann ihnen freudig zustimmen. Wirklich bin ich der Ueber- zeugung,. daß man zumal E. Mach's historisch -methodo- logischen Arbeiten eine Fülle logischer Belehrung verdankt, und dies auch dort, wo man seinen Consequenzen nicht durch- 1 Kein Beispiel ist geeigneter, sich das Wesen der hier zu lösenden und oben kurz angedeuteten Aufgaben klar zu machen, als das der natür- lichen Zahlenreihe. Eben weil es mir so lehrreich erschien, habe ich es im XII. Kapitel meiner Philosophie der Arithmetik (I. 1891) in aller Aus- führlichkeit behandelt, und zwar so, daß es die Art, wie derlei Unter- suchungen nach meiner Ueberzeugung zu führen sind, typisch illu- striren kann.
und die Logik. 203 aus (oder durchaus nicht) nachgeben kann. Leider hat E. Mach gerade jene, wie mir scheinen möchte, fruchtbarsten Probleme der deductiven Denkökonomik nicht in Angriff ge- nommen, die ich oben in etwas kurzer, aber wol hinreichend bestimmter Fassung zu formuliren versuchte. Und daß er dies nicht gethan hat, liegt zum Theil jedenfalls an den er- kenntnistheoretischen Mißdeutungen, die er seinen Untersuchungen glaubte unterlegen zu dürfen. Aber gerade hieran knüpft sich eine besonders starke Wirkung der MACH'schen Schriften. Es ist zugleich die Seite seiner Gedanken, die er mit Avenaeius theilt, und um derentwillen ich gegen ihn an dieser Stelle Opposition machen muß.
Mach's Lehre von der Denkökonomie, sowie die Ave- NAEius'sche vom kleinsten Kraftmaß, bezieht sich, wie wir sahen, auf gewisse biologische Thatsachen, und letztlich handelt es sich dabei um eine Abzweigung der Entwicklungslehre. Demgemäß ist es selbstverständlich, daß von den hieherge- hörigen Forschungen zwar Licht auf die practische Erkenntnis- lehre, auf die Methodologie der wissenschaftlichen Forschung, keineswegs aber auf die reine Erkenntnislehre, speciell auf die idealen Gesetze der reinen Logik geworfen werden kann. Im Gegentheil scheint es aber in den Schriften der Mach-Ave- naeius' sehen Schule auf eine Erkenntnistheorie mit denköko- nomischer Begründung abgesehen zu sein. Gegen eine solche Auffassung, bezw. Verwerthung der Denkökonomik wendet sich natürlich das ganze Arsenal von Einwänden, das wir oben gegen den Psychologismus und Eelativismus angelegt haben. Die denkökonomische Begründung der Erkenntnislehre führt ja schließlich auf die psychologische zurück, und so bedarf es hier weder der Wiederholung noch der speciellen Anpassung der Argumente. Bei Coenelius häufen sich die evidenten Un- zuträglichkeiten dadurch, daß er es unternimmt, aus einem teleologischen Princip der psychischen Anthropologie Elementar- thatsachen der Psychologie herzuleiten, die ihrerseits für die Ableitung dieses Princips selbst schon vorausgesetzt sind, und 204 Das Princip der Denkökonomie daß er weiter mittelst der Psychologie eine erkenntnistheo- retische Begründung der Philosophie überhaupt anstrebt. Ich erinnere daran, daß das sogenannte Princip nichts weniger als ein letzterklärendes rationales Princip, sondern die bloße Zu- sammenfassung eines Complexes von Anpassungsthatsachen ist, der — ideell — einer letzten Eeduction auf Elementarthat- sachen und Elementargesetze harrt, gleichgiltig, ob wir sie werden leisten können oder nicht.
Der Psychologie teleologische Principien als „Grundgesetze" unterlegen in der Absicht, die verschiedenen psychischen Functionen durch sie zu erklären, das eröffnet nicht die Aus- sicht auf eine Förderung der Psychologie. Sicherlich ist es belehrend, die teleologische Bedeutung der psychischen Func- tionen und der wichtigeren psychischen Gebilde nachzuweisen; also im Einzelnen nachzuweisen, wie und wodurch die that- sächlich sich bildenden Complexionen psychischer Elemente jene Nützlichkeitsbeziehung zur Selbsterhaltung besitzen, die wir a priori erwarten. Aber das descriptiv Gegebene in der Weise als „nothwendige Folgen" solcher Principien hinstellen, daß der Anschein einer wirklichen Erklärung erweckt wird, und überdies im Zusammenhange wissenschaftlicher Dar- stellungen, welche vorwiegend dazu bestimmt sind, die letzten Fundamente der Psychologie bloßzulegen, das kann nur Ver- wirrung stiften.
Ein psychologisches oder erkenntnistheoretisches Gesetz, das von einem Bestreben spricht, in dem oder Jenem mög- lichst viel zu leisten, ist ein Unding. In der reinen Sphäre der Thatsachen giebt es kein Möglichstviel, in der Sphäre der Gesetzlichkeit kein Streben. In psychologischer Hinsicht ge- schieht in jedem Falle ein Bestimmtes, genau so viel und nicht mehr.
Das Thatsächliche des Oekonomieprincips reducirt sich darauf, daß es so etwas wie Vorstellungen, Urtheile und sonstige Denkerlebnisse giebt und in Verknüpfung damit auch Gefühle, die in Form der Lust gewisse Bildungsrichtungen und die Logik. 205 und die Logik. 205 fördern, in Form der Unlust von ihnen zurückschrecken. Es ist dann ein im Allgemeinen, im Groben und Rohen, fortschreitender Proceß der Vorstellungs- und Urtheilsbildung zu constatiren, wonach sich aus den ursprünglich bedeutungslosen Elementen zunächst vereinzelte Erfahrungen bilden und dann weiter die Zusammenbildung der Erfahrungen zu der Einen, mehr oder minder geordneten Erfahrungseinheit erfolgt. Nach psychologischen Gesetzen erwächst, auf Grund der im Rohen übereinstimmenden ersten psychischen Collocationen, die Vor- stellung der Einen, für uns Alle gemeinsamen Welt und der empirisch-blinde Glaube an ihr Dasein. Aber man beachte wol: diese Welt ist nicht für Jeden genau dieselbe, sie ist es nur im Großen und Ganzen, sie ist es nur soweit, daß die Möglichkeit gemeinsamer Vorstellungen und Handlungen prac- tisch zureichend gewährleistet ist. Sie ist nicht dieselbe für den gemeinen Mann und den wissenschaftlichen Forscher; jenem ist sie ein Zusammenhang von bloß ungefährer Regel- mäßigkeit, durchsetzt von tausend Zufällen, diesem ist sie die von absolut strenger Gesetzlichkeit durchherrschte Natur.
Es ist nun sicherlich ein Unternehmen von großer wissen- schaftlicher Bedeutung, die psychologischen Wege und Mittel nachzuweisen, durch welche sich diese für die Bedürfnisse des practischen Lebens (für die der Selbsterhaltung) hinreichende Idee einer Welt als Gegenstand der Erfahrung entwickelt und festsetzt; in weiterer Folge die psychologischen Wege und Mittel nachzuweisen, durch welche sich im Geiste der wissenschaftlichen Forscher und Forschergenerationen die ob- jectiv angemessene Idee einer streng gesetzlichen Erfahrungs- einheit mit ihrem sich immerfort bereichernden wissenschaftlichen Inhalt bildet. Aber erkenntnistheoretisch ist diese ganze Untersuchung gleichgiltig. Höchstens indirect kann sie der Erkenntnistheorie von Nutzen sein, nämlich zu Zwecken der Kritik erkenntnistheoretischer Vorurtheile, bei welchen es auf die psychologischen Motive ja durchaus ankommt. Die Frage ist nicht, wie Erfahrung, die naive oder wissenschaftliche, ent- 206 Bas Princip der Denkökonomie steht, sondern welchen Inhalt sie haben muß, um objectiv giltige Erfahrung zu sein; die Frage ist, welches die idealen Elemente und Gesetze sind, die solche objective Giltigkeit realer Erkenntnis (und allgemeiner von Erkenntnis überhaupt) fundiren, und wie diese Leistung eigentlich zu verstehen ist. Mit anderen Worten: Wir interessiren uns nicht für das Werden und die Veränderung der Weltvor Stellung, sondern für das objective Recht, mit dem sich die Weltvorstellung der Wissenschaft jeder anderen gegenüberstellt, mit dem sie ihre Welt als die objectiv- wahre behauptet. Die Psychologie will einsichtig erklären, wie die Weltvorstellungen sich bilden; die Weltwissenschaft (als Inbegriff der verschiedenen Realwissen- schaften) einsichtig erkennen, was realiter, als wahre und wirk- liche Welt, ist; die Erkenntnistheorie aber einsichtig verstehen, was die Möglichkeit einsichtiger Erkenntnis des Realen, und was die Möglichkeit von Wissenschaft und Erkenntnis über- haupt in objectiv-idealer Hinsicht ausmacht.
§ 56. Fortsetzung. Las vgtsqov TiQÖreoov denkökonomischer Begründung des rein Logischen.
Der Schein, daß wir es beim Sparsamkeitsprincip mit einem, sei es erkenntnistheoretischen, sei es psychologischen Princip zu thun haben, liegt hauptsächlich an der Verwechslung des thatsächlich Gegebenen mit dem logisch Idealen, das ihm unvermerkt supponirt wird. Wir erkennen es einsichtig als höchstes Ziel und als ideal berechtigte Tendenz aller über bloße Beschreibung hinausgehenden Erklärung, daß sie die an sich „blinden" Thatsachen (zunächst die eines begrifflich um- schriebenen Gebietes) unter möglichst allgemeine Gesetze ordnet und in diesem Sinne möglichst rationell zusammenfaßt. Hier ist das „möglichst viel" der „zusammenfassenden" Leistung völlig klar: es ist das Ideal der durchgreifenden und allbe- greifenden Rationalität. Ordnet sich alles Thatsächliche nach Gesetzen, so muß es einen kleinsten Inbegriff möglichst allge- meiner und deductiv von einander unabhängiger Gesetze geben, und die Logik. 207 und die Logik. 207 auf welche sich alle übrigen Gesetze in reiner Deduction zurück- führen lassen. Diese „Grundgesetze" sind dann jene möglichst viel befassenden und leistenden Gesetze, ihre Erkenntnis ver- schafft die absolut größte Einsicht in das Gebiet, sie gestattet, in ihm alles zu erklären, was einer Erklärung überhaupt fähig ist (wobei allerdings, in idealisirender Weise, die schranken- lose Fähigkeit der Deduction und Subsumption vorausgesetzt wird). So erklären oder befassen die geometrischen Axiome als Grundgesetze die Gesammtheit der räumlichen Thatsachen, jede allgemeine Raumwahrheit (m. a. W. jede geometrische) erfährt durch sie eine evidente Reduction auf ihre letzter- klärenden Gründe.
Dieses Ziel, bezw. Princip größtmöglicher Rationalität er- kennen wir also einsichtig als das höchste der rationalen Wissenschaften. Es ist evident, daß die Erkenntnis allge- meinerer Gesetze als jener, die wir jeweils schon besitzen, wirklich das Bessere wäre, sofern sie eben auf tiefere und weiter umfassende Gründe zurückleitete. Aber dieses Princip ist offenbar kein biologisches und bloß denkökonomisches, sondern vielmehr ein rein ideales und zum Ueberfiuß ein normatives Princip. In Thatsachen des psychischen Lebens und des Gemeinschaftslebens der Menschheit kann es also in keiner Weise aufgelöst oder umgedeutet werden. Die Tendenz größtmöglicher Rationalität mit einer biologischen Anpassungstendenz zu identificiren oder aus ihr abzuleiten, ihr dann noch die Function einer psychischen Grundkraft auf- zuladen — das ist eine Summe von Verirrungen, die nur in den psychologistischen Mißdeutungen der logischen Gesetze und in deren Auffassung als Naturgesetze ihre Parallele findet. Zu sagen, unser psychisches Leben werde durch dieses Princip factisch regiert, das widerspricht auch hier der offen- kundigen Wahrheit; unser factisches Denken läuft eben nicht nach Idealen — als ob überhaupt Ideale so etwas wie Natur- kräfte wären.
Die ideale Tendenz des logischen Denkens als solchen 208 Das Princip der Denkökonomie geht auf Rationalität. Der Denkökonome (sit venia verbo) macht daraus eine durchgreifende reale Tendenz des mensch- lichen Denkens, begründet sie durch das vage Princip der Kraftersparung und letztlich durch Anpassung; und nun meint er die Norm, daß wir rational denken sollen, und meint er überhaupt den objectiven Werth und Sinn rationaler Wissenschaft aufgeklärt zu haben. Gewiß ist die Rede von der Oekonomie im Denken, von denkökonomischer „Zusammen- fassung" von Thatsachen durch allgemeine Sätze, von niederen Allgemeinheiten durch höhere u. dgl. eine wolberechtigte. Aber sie gewinnt ihre Berechtigung nur durch Vergleich des thatsächlichen Denkens mit der einsichtig erkannten idealen Norm, die sonach das tiqötzqov ttj cpvou ist. Die ideale Geltung der Norm ist die Voraussetzung jeder sinnvollen Rede von Denkökonomie, also ist sie kein mögliches Er- klärungsergebnis der Lehre von dieser Oekonomie. Wir messen das empirische Denken am idealen und constatiren, daß ersteres in einigem Umfange factisch so verläuft, als ob es von den idealen Principien einsichtig geleitet wäre. Dem- gemäß sprechen wir mit Recht von einer natürlichen Teleologie unserer geistigen Organisation als von einer Einrichtung der- selben, der zufolge unser Vorstellen und Urtheilen im Großen und Ganzen (nämlich für die durchschnittliche Lebensförderung genügend) so verläuft, als ob es logisch geregelt wäre. Die wenigen Fälle wirklich einsichtigen Denkens ausgenommen, trägt es in sich selbst nicht die Gewähr logischer Giltigkeit, es ist nicht in sich einsichtig oder indirect von vorgängiger Einsicht zweckvoll geordnet. Aber es ist factisch von einer gewissen scheinbaren Rationalität, es ist so, daß wir Denk- ökonomen, über die Wege des empirischen Denkens reflec- tirend, einsichtig nachweisen können, daß solche Denkwege überhaupt Ergebnisse liefern müssen, die mit den streng logischen — im rohen Durchschnitt — zusammentreffen; wie wir dies oben erörtert haben.
Man erkennt also das vgtsoov tiootzoov. Vor aller und die Logik. 209 Denkökonomik müssen wir das Ideal schon kennen, wir müssen wissen, was die Wissenschaft idealiter erstrebt, was gesetzliche Zusammenhänge, was Grundgesetze und abgeleitete Gesetze u. dgl. idealiter sind und leisten, ehe wir die denkökonomische Function ihrer Erkenntnis erörtern und abschätzen können. Allerdings haben wir gewisse vage Begriffe von diesen Ideen schon vor ihrer wissenschaftlichen Erforschung, und so mag denn auch von Denkökonomie die Rede sein vor dem Ausbau einer Wissenschaft der reinen Logik. Aber die wesentliche Sachlage wird dadurch nicht geändert, an sich geht die reine Logik aller Denkökonomik vorher, und es bleibt Widersinn, jene auf diese zu gründen.
Noch Eins. Selbstverständlich verläuft auch alles wissen- schaftliche Erklären und Begreifen nach psychologischen Ge- setzen und im Sinne der Denkökonomie. Aber es ist ein Irrthum, wenn man darum glaubt, den Unterschied zwischen logischem und natürlichem Denken nivelliren, die wissen- schaftliche Thätigkeit als eine bloße „Fortsetzung" der natür- lichen und blinden darstellen zu können. Man mag immer- hin, obschon dies nicht ganz unbedenklich ist, von „natür- lichen" wie von logischen Theorien sprechen. Dann darf man aber nicht übersehen, daß die logische Theorie im wahren Sinn keineswegs dasselbe thut, nur in einiger Steige- rung thut, wie die natürliche. Sie hat nicht dasselbe Ziel — oder vielmehr: sie hat ein Ziel, und in die „natürliche Theorie" tragen wir es erst hinein. An den logischen und eigentlich so zu nennenden Theorien messen wir, wie oben gezeigt, gewisse natürliche (und das heißt hier uneinsichtige) Denkprocesse, die wir natürliche Theorien nur darum nennen, weil sie psychologische Ergebnisse zeitigen, die so sind, als ob sie logisch einsichtigem Denken entsprossen, als ob sie wirklich Theorien wären. Unwillkürlich verfallen wir mit dieser Benennung aber in den Fehler, die wesentlichen Eigenheiten wirklicher Theorien, solchen „natürlichen" zu unterschieben, das eigentlich Theoretische s. z. s. in sie hineinzuschauen. Als Husserl, Log. Unters. I.
210 Das Princip der Denkökonomie und die Logik.
psychische Verläufe mögen diese Analoga von Theorien mit den wirklichen Theorien noch so viel Aehnlichkeit haben, sie bleiben doch grundverschieden. Die logische Theorie ist Theorie durch den idealen Nothwendigkeitszusammenhang, der in ihr waltet; während, was hier natürliche Theorie heißt, ein Verlauf zu- fälliger Vorstellungen oder Ueberzeugungen ist, ohne einsichtigen Zusammenhang, ohne bindende Kraft, aber practisch von einer durchschnittlichen Nützlichkeit, als ob so etwas wie Theorie zu Grunde läge.
Die Irrthümer dieser denkökonomischen Richtung ent- springen schließlich daraus, daß das Erkenntnisinteresse ihrer Vertreter — wie der Psychologisten überhaupt — an der empirischen Seite der Wissenschaft hängen bleibt. Sie sehen gewissermaßen vor lauter Bäumen den Wald nicht. Sie mühen sich mit der Wissenschaft als biologischer Erscheinung und merken nicht, daß sie das erkenntnistheoretische Problem der Wissenschaft als einer idealen Einheit objectiver Wahrheit gar nicht berühren. Die vergangene Erkenntnistheorie, die im Idealen noch ein Problem sah, gilt ihnen als Verirrung, die nur noch in Einer Weise ein würdiger Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung sein könne: nämlich für den Nachweis ihrer relativ denkökonomischen Function auf einer tieferen Ent- wicklungsstufe der Philosophie. Aber je mehr eine solche Schätzung der erkenntnistheoretischen Hauptprobleme und Hauptrichtungen zur philosophischen Mode zu werden droht, um so mehr muß die nüchterne Forschung gegen sie Einspruch erheben, und um so mehr thut es zugleich noth, durch eine möglichst vielseitige Erörterung der principiellen Streitfragen, und zumal durch eine möglichst tiefgehende Analyse der grund- verschiedenen Denkrichtungen in den Sphären des Realen und Idealen, jene einsichtige Klärung anzubahnen, welche die Voraussetzung für eine endgiltige Fundamentirung der Philosophie ist. Und dazu hofft auch die vorliegende Schrift ein Kleines beizu- tragen.
Schluß der kritischen Betrachtungen. 211 Zehntes Kapitel. Schluß der kritischen Betrachtungen.
§ 57. Bedenken mit Rücksicht auf naheliegende Mißdeutungen unserer logischen Bestrebungen.
Unsere bisherigen Untersuchungen waren vorwiegend kritisch. Die Unhaltbarkeit einer jeden, wie immer gearteten Form von empiristischer oder psychologistischer Logik glauben wir durch sie dargethan zu haben. Die Logik im Sinne einer wissen- schaftlichen Methodologie hat ihre vornehmsten Fundamente außerhalb der Psychologie. Die Idee einer „reinen Logik" als einer theoretischen, von aller Empirie, also auch Psychologie, unabhängigen Wissenschaft, welche eine Technologie des wissen- schaftlichen Erkennens (die Logik im gemeinen theoretisch- practischen Sinne) allererst ermöglicht, muß als triftig zuge- standen, die unabweisbare Aufgabe, sie in ihrer Selbständigkeit aufzubauen, muß ernstlich in Angriff genommen werden. — Dürfen wir uns mit diesen Ergebnissen begnügen, ja dürfen wir hoffen, daß sie als Ergebnisse anerkannt werden? Also die Logik unserer Zeit hätte sich in untriftigen Bahnen vergeblich abgemüht — diese ihrer Erfolge gewisse, von so bedeutenden Forschern bearbeitete und durch weitverbreitete Anerkennung ausgezeichnete Wissenschaft? 1 Das wird man kaum zugestehen 1 Wenn 0. Külpe (Einleitung in die Philosophie. 1897. S. 44) von der Logik sagt, sie sei „zweifellos nicht nur eine der bestentwickelten philosophischen Disciplinen, sondern auch eine der sichersten und abge- schlossensten", so mag dies ja richtig sein; aber bei der Schätzung der wissenschaftlichen Sicherheit und Geschlossenheit der Logik, welche sich mir ergeben hat, müßte ich dies zugleich als Anzeige für den tiefen Stand der wissenschaftlichen Philosophie unserer Tage auffassen. Und darauf hin würde ich die Frage anknüpfen: Sollte es nicht doch möglich sein, dieser traurigen Sachlage allmählich ein Ende zu bereiten, wenn sich alle wissenschaftliche Denkenergie darauf richtete, die schart 212 Schluß der kritü-chen wollen. Die idealistische Kritik mag bei der Erwägung der Principienfragen Unbehagen erregen; aber der bloße Hinblick auf die stolze Reihe bedeutender Werke von Mill bis Erdmann formulirbaren und zu allernächst sicher lösbaren Probleme zu erledigen, mögen sie, an und für sich betrachtet, auch noch so eingeschränkt, nüchtern und vielleicht gar interesselos erscheinen? Dies betrifft aber, wie ohne Weiteres ersichtlich, in erster Linie die reine Logik und Er- kenntnislehre. An exacter, sicher anzufassender, ein für alle Mal zu er- ledigender Arbeit ist hier Ueberfluß. Man braucht nur zuzugreifen. Verdanken doch auch die „exacten Wissenschaften" (wozu man die ge- nannten Disciplinen sicherlich dereinst rechnen wird) ihre ganze Größe dieser Bescheidenheit, die mit dem Geringsten fürlieb nimmt und, um ein bekanntes Wort anzuwenden, „im kleinsten Punkte ihre ganze Kraft sammelt". Die vom Standpunkt des Ganzen geringfügigen, wenn nur sicheren Anfänge bewähren sich ihnen immer wieder als Grundlagen für mächtige Fortschritte. Gewiß bethätigt sich diese Gesinnung schon jetzt überall in der Philosophie; aber, wie ich einzusehen gelernt habe, zumeist in verfehlter Richtung, nämlich so, daß die beste wissenschaftliche Energie der Psychologie zugewendet wird — der Psychologie als einer erklären- den Naturwissenschaft, an welcher die Philosophie nicht mehr und nicht anders interessirt ist, als an den Wissenschaften von den physischen Vorgängen. Eben dies freilich will man nicht gelten lassen, ja man spricht gerade mit Beziehung auf die psychologische Fundirung der philo- sophischen Disciplinen von errungenen großen Fortschritten. Und nicht zum Mindesten thut man dies in der Logik. Es ist, wenn ich recht sehe, eine sehr verbreitete Auffassung der Dinge, welcher Elsenhans neuerdings Ausdruck verleiht mit den Worten:,,Wenn die Logik der Gegenwart mit wachsendem Erfolg die logischen Probleme bearbeitet, so verdankt sie dies vor Allem der psychologischen Vertiefung in ihren Gegenstand" (Zeitschrift für Philosophie, Bd. 109 [1896] S. 203.) Vermutlich hätte ich vor Beginn der vorliegenden Untersuchungen, bezw. vor Erkenntnis der unlösbaren Schwierigkeiten, in welche mich die psychologistische Auf- fassung in der Philosophie der Mathematik verwickelte, genau ebenso ge- sprochen. Aber nun, wo ich die Irrigkeit dieser Auffassung aus klarsten Gründen einzusehen vermag, kann ich mich an der sonst vielversprechen- den Entwicklung der wissenschaftlichen Psychologie zwar freuen und an ihr das lebhafteste Interesse nehmen, aber nicht als Jemand, der von ihr eigentlich philosophische Aufklärungen erhofft. Doch muß ich, um nicht gänzlich mißverstanden zu werden, gleich hinzufügen, daß ich die descriptive Phänomenologie der inneren Erfahrung, welche der empirischen Psychologie und, in ganz anderer Weise, zugleich der Erkenntniskritik zu Grunde liegt, ausnehme. Dies wird im II. Theile dieser Arbeit klar hervortreten.