SigPhi · Edmund Husserl

Logische Untersuchungen, Band I (Prolegomena zur reinen Logik)

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Auch die Beziehung auf ein ideales Bewußtsein überhaupt1 kann ich nicht recht förderlich finden. In einem idealen Denken würden alle Begriffe (genauer alle Ausdrücke) in ab- solut identischer Bedeutung gebraucht sein, es gäbe keine fließenden Bedeutungen, keine Aequivocationen und Quatter- nionen. Aber in sich haben die logischen Gesetze keine Wesentliche Beziehung auf dieses Ideal, das wir uns um ihret- willen vielmehr erst bilden. Der beständige Recurs auf das Idealbewußtsein erregt das unbehagliche Gefühl, als ob die logischen Gesetze in Strenge eigentlich nur für diese fictiven Idealfälle Geltung besäßen, statt für die empirisch vorkommen- den Einzelfälle. In welchem Sinne rein logische Sätze iden- tische Begriffe „voraussetzen", haben wir eben erörtert. Sind begriffliche Vorstellungen fließend, d. h. ändert sich bei Wieder- kehr, desselben' Ausdrucks,der' begriffliche Gehalt der Vor- stellung, so haben wir im logischen Sinn nicht mehr denselben, sondern einen zweiten Begriff, und so bei jeder weiteren Aende- rung einen neuen. Aber jeder einzelne für sich ist eine über- empirische Einheit und fällt unter die auf seine jeweilige Form der logischen Grundsätze. 101 bezüglichen logischen Wahrheiten. So wie der Fluß der em- pirischen Farbeninhalte und die Unvollkommenheit der quali- tativen Identificirung nicht die Unterschiede der Farben als Qualitäten speci es tangirt, so wie die Eine Species ein ideal Identisches ist gegenüber der Mannigfaltigkeit möglicher Einzel- fälle (die selbst nicht Farben sind, sondern eben Fälle Einer Farbe), so gilt dasselbe von den identischen Bedeutungen oder Begriffen in Beziehung auf die begrifflichen Vorstellungen, deren ^Inhalte' sie sind. Die Fähigkeit, ideirend im Einzelnen das Allgemeine, in der empirischen Vorstellung den Begriff zu er- fassen und uns im wiederholten Vorstellen der Identität der begrifflichen Intention zu versichern, ist die Voraussetzung für die Möglichkeit der Erkenntnis, des Denkens. Und wie wir Ein Begriffliches im Acte der Ideation erfassen — als die Eine Species, deren Einheit gegenüber der Mannigfaltigkeit thatsächlicher oder als thatsächlich vorgestellter Einzelfälle wir einsichtig zu vertreten vermögen — so können wir auch die Evidenz der logischen Gesetze gewinnen, welche sich auf diese, bald so oder so geformten Begriffe beziehen. Zu den,Begriffen< in diesem Sinne von idealen Einheiten, gehören nun auch die ,Sätze', von denen das Principium Contradictionis spricht, und so überhaupt die Bedeutungen der Buchstabenzeichen, die in den formelhaften Ausdrücken der logischen Sätze benutzt werden. Wo immer wir Acte begrifflichen Vorstellens vollziehen, da haben wir auch Begriffe; die Vorstellungen haben ihre In- halte', ihre idealen Bedeutungen, deren wir uns abstractiv, in ideirender Abstraction bemächtigen können; und damit haben wir auch überall die Möglichkeit der Anwendung der logischen Gesetze gegeben. Die Geltung dieser Gesetze ist aber schlecht- hin unbegrenzt, sie hängt nicht davon ab, ob wir und wer immer begriffliche Vorstellungen factisch zu vollziehen und sie mit dem Bewußtsein identischer Intention festzuhalten, bezw. zu wiederholen vermag.

102 Die Syllogistik in psychologistischer Beleuchtung.

Sechstes Kapitel.

Die Syllogistik in psychologistischer Beleuchtung. Schlußformeln und chemische Formeln.

§ 30. Versuche zur psychologischen Interpretation der syllo- gistischen Sätze, Wir haben in den Ausführungen des letzten Kapitels vor- zugsweise den Satz des Widerspruchs zu Grunde gelegt, weil gerade bei diesem, wie bei den Grundsätzen überhaupt, die Versuchung zur psychologistischen Auffassung sehr groß ist. Die Gedankenmotive, die zu ihr hindrängen, haben in der That einen starken Anstrich von Selbstverständlichkeit. Ueber- dies läßt man sich auf die specielle Durchführung der empiristischen Doctrin bei den' Schlußgesetzen seltener ein; vermöge ihrer Reductibilität auf die Grundsätze glaubt man bei ihnen jeder weiteren Bemühung enthoben zu sein. Sind diese Axiome psychologische Gesetze, und sind die syllo- gistischen Gesetze rein deductive Consequenzen der Axiome, dann müssen auch die syllogistischen Gesetze als psychologische gelten. Man sollte nun meinen, daß jeder Fehlschluß eine entscheidende Gegeninstanz abgeben müsse, und daß also aus dieser Deduction vielmehr ein Argument gegen die Möglichkeit jeder psychologischen Deutung der Axiome zu entnehmen sei. Man sollte ferner meinen, daß die nöthige Sorgsamkeit in der gedanklichen und sprachlichen Fixirung des prätendirten psycho- logischen Gehalts der Axiome den Empiristen überzeugen müßte, daß sie in solcher Interpretation auch nicht den kleinsten Beitrag zum Beweise der Schlußformeln leisten können, und daß, wo immer solch ein Beweis statthat, die Aus^ gangspunkte ebenso wie die Endpunkte den Charakter von Gesetzen haben, die von dem, was in der Psychologie Gesetz Schlußformeln und chemische Formeln. 103 heißt, toto coelo verschieden sind. Aber selbst die klarsten Widerlegungen scheitern an der Ueberzeugungsfreudigkeit der psychologistischen Lehre. G. Heymans, welcher diese Lehre neuerdings ausführlich entwickelt hat, nimmt an der Existenz von Fehlschlüssen so wenig Anstoß, daß er in der Möglichkeit, einen Fehlschluß nachzuweisen, sogar eine Bestätigung der psychologischen Auffassung sieht; denn dieser Nachweis bestehe nicht darin, denjenigen, der noch nicht nach dem Satze des Widerspruchs denke, eines Besseren zu belehren, sondern darin, den im Fehlschluß unvermerkt begangenen Widerspruch aufzu- zeigen. Man möchte hier fragen, ob unbemerkte Widersprüche nicht auch Widersprüche sind, und ob das logische Princip nur die Unvereinbarkeit bemerkter Widersprüche aussage, während es bei unbemerkten zulasse, daß sie zusammen wahr seien. Es ist wieder klar — man denke nur an den Unter- schied der psychologischen und logischen Unvereinbarkeit — daß wir uns in der trüben Sphäre der schon besprochenen Aequivocationen herumtreiben.

Wollte man noch sagen, die Rede von „unvermerkten" Widersprüchen, die der Fehlschluß enthalte, sei eine un- eigentliche; erst im Verlaufe des widerlegenden Gedanken- ganges trete der Widerspruch als Neues auf, er stelle sich als Folge der irrigen Schlußweise ein und daran knüpfe sich (immer psychologisch verstanden) die weitere Folge, daß wir uns nun auch genöthigt sehen, diese Schlußweise als irrig zu verwerfen — so wäre uns wenig gedient. Die eine Gedanken- bewegung hat diesen, eine andere wieder einen anderen Erfolg. Kein psychologisches Gesetz bindet die,Widerlegung' an den Fehlschluß. Jedenfalls tritt er in unzähligen Fällen ohne sie auf und behauptet sich in der Ueberzeugung. Wie kommt also gerade die eine Gedankenbewegung, die sich nur unter gewissen psychischen Umständen an den Trugschluß anknüpft, zu dem Eechte, ihm einen Widerspruch schlechthin zuzuschieben und ihm nicht bloß die,Giltigkeit' unter diesen Umständen, sondern die objective, absolute Giltigkeit abzustreiten? Genau ebenso 104 Die Syllogistik in psychologistischer Beleuchtung.

verhält es sich natürlich bei den »richtigen* Schlußformen in Be- ziehung auf ihre rechtfertigende Begründung durch die logischen Axiome. Wie kommt der begründende Gedankengang, der nur unter gewissen psychischen Umständen eintritt, zu dem Anspruch, die bezügliche Schlußform als schlechthin giltige auszuzeichnen? Für derartige Fragen hat die psychologistische Lehre keine an- nehmbare Antwort; es fehlt ihr hier wie überall die Möglichkeit, den objectiven Giltigkeitsanspruch der logischen Wahrheiten, und damit auch ihre Function als absolute Normen des richtigen und falschen Urtheilens, zum Verständnis zu bringen. Wie oft ist dieser Einwand erhoben, wie oft ist bemerkt worden, daß die Identification von logischem und psychologischem Gesetz auch jeden Unterschied zwischen richtigem und irrigem Denken aufhöbe, da die irrigen Urtheilsweisen nicht minder nach psychologischen Gesetzen erfolgen als die richtigen. Oder sollten wir, etwa auf Grund einer willkürlichen Convention, die Ergebnisse gewisser Gesetzlichkeiten als richtig, diejenigen anderer als irrig bezeichnen? Was antwortet der Empirist auf solche Einwände? „Allerdings strebt das auf Wahrheit ge- richtete Denken darnach, widerspruchslose Gedankenverbin- dungen zu erzeugen; aber der Werth dieser widerspruchslosen Gedankenverbindungen liegt doch eben wieder in dem Umstände, daß thatsächlich nur das Widerspruchslose bejaht werden kann, daß also der Satz des Widerspruchs ein Natur- gesetz des Denkens ist."1 Ein sonderbares Streben, wird man sagen, das dem Denken hier zugemuthet wird, ein Streben nach widerspruchslosen Gedankenverbindungen, während es andere als widerspruchslose Verbindungen überhaupt nicht giebt und nicht geben kann — so zum Mindesten, wenn das „Naturgesetz" wirklich besteht, von dem hier die Rede ist. Oder ist es ein besseres Argument, wenn man sagt: „Wir haben keinen einzigen letzten Absatz des längeren Citates aus den log. Studien, oben S. 95), die that sächliche Aufhebung des Widersprechenden in unseren Ur- theilen sei der letzte Grund der logischen Regeln.

Schlußformeln und chemische Formeln. 105 Grund, die Verbindung zweier sich widersprechender Urtheile als „unrichtig" zu verurth eilen, wenn nicht eben diesen, daß wir instinctiv und unmittelbar die Unmöglichkeit empfinden, die beiderseitigen Urtheile gleichzeitig zu bejahen. Man versuche es nun, unabhängig von dieser Thatsache zu beweisen, daß nur das Widerspruchslose bejaht werden darf: man wird immer wieder, um den Beweis führen zu können, das zu Beweisende voraussetzen müssen" (a. a. 0. S. 69). Man erkennt ohne Weiteres die Wirksamkeit der oben analysirten Aequivocationen: Die Einsicht in das logische Gesetz, daß contradictorische Sätze nicht zusammen wahr sind, wird identificirt mit der instinctiven und. vermeintlich unmittelbaren „Empfindung" der psychologischen Unfähigkeit, contradictorische Urtheilsacte gleichzeitig zu voll- ziehen. Evidenz und blinde Ueberzeugung, exacte und em- pirische Allgemeinheit, logische Unverträglichkeit der Sachver- halte und psychologische Unverträglichkeit der Glaubensacte, also Nicht-zusammen-wahrsein-können und Nicht-zugleich-glauben- können — fließen in Eins zusammen.

§ 31. Schlußformeln und chemische Formeln.

Die Lehre, daß die Schlußformeln „empirische Gesetze des Denkens" ausdrücken, versuchte Heymans durch den Vergleich mit den chemischen Formeln plausibler zu machen. „Genau so wie in der chemischen Formel 2ff2 + 02 = 2ff20 nur die allgemeine Thatsache zum Ausdruck kommt, daß zwei Volumen Wasserstoff mit einem Volumen Sauerstoff sich unter geeigneten Umständen zu zwei Volumen Wasserstoff verbinden, — genau so sagt die logische Formel MaX+MaY= YiX+XiY nur aus, daß zwei allgemein bejahende Urtheile mit gemein- schaftlichem Subjectbegriff unter geeigneten Umständen im Be- wußtsein zwei neue particulär bejahende Urtheile erzeugen, in denen die Prädicatbegriffe der ursprünglichen Urtheile als Prädicat- und Subjectbegriff auftreten. Warum in diesem Falle 106 Die Syllogistik in psychologistischer Beleuchtung.

eine Erzeugung neuer Urtheile stattfindet, dagegen etwa bei der Combination Me X -f- Me Y nicht, davon wissen wir zur Zeit noch nichts. Von der unerschütterlichen Notwendigkeit aber, welche diese Verhältnisse beherrscht, und welche, wenn die Prämissen zugegeben sind, uns zwingt, auch die Schlußfolgerung für wahr zu halten, möge man sich durch Wiederholung der...Experimente überzeugen."1 Diese Experimente sind natürlich „unter Ausschließung aller störenden Einflüsse" anzustellen und bestehen darin, „daß man die betreffenden Prämissenurtheile möglichst klar sich vergegenwärtigen, dann den Mechanismus des Denkens wirken lassen und die Erzeugung oder Nicht- erzeugung eines neuen Urtheils abwarten muß". Kommt aber ein neues Urtheil wirklich zustande, dann muß man scharf zusehen, ob vielleicht außer Anfangs- und Endpunkt des Pro- cesses noch einzelne Zwischenstadien ins Bewußtsein treten und diese in möglichster Genauigkeit und Vollständigkeit no- tiren. 2 Was uns bei dieser Auffassung überrascht, ist die Be- hauptung, daß bei den von Logikern ausgeschlossenen Com- binationen keine Erzeugung neuer Urtheile statthabe. In Be- ziehung auf jeden Fehlschluß, z. B. der Form XeM + MeY = XeY wird man doch sagen müssen, daß allgemein zwei Ur- theile der Formen XeM und MeY „unter geeigneten Um- ständen" im Bewußtsein ein neues Urtheil ergeben. Die Ana- logie mit den chemischen Formeln paßt hier genau so recht und schlecht wie in den anderen Fällen. Natürlich ist darauf nicht die Entgegnung zulässig, daß die „Umstände" in dem einen und anderen Falle ungleich seien. Psychologisch sind sie alle von gleichem Interesse und die zugehörigen empirischen Sätze von gleichem Werth. Warum machen wir also diesen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Klassen von Schlußformelm und chemische Formeln. 107 Formeln? Würde man uns diese Frage vorlegen, so würden wir natürlich antworten: Weil wir in Beziehung auf die einen zur Einsicht gekommen sind, daß, was sie ausdrücken, Wahrheiten, und in Beziehung auf die anderen, daß es Falsch- heiten sind. Diese Antwort kann aber der Empirist nicht geben. Unter Voraussetzung der von ihm angenommenen Inter- pretationen sind ja die den Fehlschlüssen entsprechenden em- pirischen Sätze in gleicher Weise giltig, wie die den übrigen Schlüssen entsprechenden.

Der Empirist beruft sich auf die Erfahrung der „uner- schütterlichen Notwendigkeit", welche, „wenn die Prämissen gegeben sind, uns zwingt auch die Schlußfolgerung für wahr zu halten". Aber alle Schlüsse, ob logisch gerechtfertigt oder nicht, vollziehen sich mit psychologischer Notwendigkeit und auch der (allerdings nur unter Umständen) fühlbare Zwang ist überall derselbe. Wer einen begangenen Fehlschluß allen kritischen Einwänden zu Trotze immerfort aufrecht hält, fühlt die „unerschütterliche Notwendigkeit", den Zwang des Nicht- anderskönnens — er fühlt ihn genau so wie derjenige, der richtig schließt und auf der erkannten Richtigkeit bestehen bleibt. Wie alles Urtheilen, so ist eben auch das Schließen nicht Sache der Willkür. Diese gefühlte Unerschütterlichkeit ist so wenig ein Zeugnis für wahrhafte Unerschütterlichkeit, daß sie vermöge neuer Urtheilsmotive, und zwar selbst im Falle richtiger und als richtig erkannter Schlüsse, weichen mag. Sie darf man also nicht vermengen mit der echten, logischen Not- wendigkeit, die zu jedem richtigen Schlüsse gehört, und die nichts anderes besagt und besagen darf als wie die einsichtig zu erkennende (obschon nicht von jedem Urtheilenden wirklich erkannte) ideal-gesetzliche Geltung des Schlusses. Die Gesetz- lichkeit der Geltung als solche tritt allerdings erst hervor in der einsichtigen Erfassung des Schlußgesetzes; im Vergleich mit ihr erscheint die Einsichtigkeit des hie et nunc vollzogenen Schlusses als Einsicht in die nothwendige Geltung des Einzel- falles, d. i. in die Geltung desselben auf Grund des Gesetzes.

108 Die Syllogistik in psychologistischer Beleuchtung.

Der Empirist meint, wir wüßten „zur Zeit noch Nichts" darüber, warum die in der Logik verworfenen Prämissen combi- nationen „kein Ergebnis lieferten". Also von einem künftigen Fortschritt der Erkenntnis erhofft er reichere Belehrung? Man sollte denken, hier wüßten wir alles, was sich überhaupt wissen läßt; haben wir doch die Einsicht, daß jede überhaupt mög- liche (d. h. in den Rahmen der syllogistischen Combinationen fallende) Form von Schlußsätzen in Verknüpfung mit den frag- lichen Prämissencombinationen ein falsches Schlußgesetz liefern würde; man sollte denken, daß in diesen Fällen auch für einen unendlich vollkommenen Intellect ein Mehr an Wissen schlechter- dings nicht möglich wäre.

An diese und ähnliche Einwände würde sich noch ein andersartiger knüpfen lassen, der, obschon nicht minder kräftig, für unsere Zwecke minder wichtig erscheint. Es ist nämlich unzweifelhaft, daß die Analogie mit den chemischen Formeln nicht eben weit reicht, ich meine nicht so weit, daß wir Anlaß fänden, neben den logischen Gesetzen die mit ihnen ver- wechselten psychologischen pathetisch zu nehmen. Im Falle der Chemie kennen wir die „Umstände", unter denen die formel- haft ausgedrückten Synthesen erfolgen, sie sind in erheblichem Maße exact bestimmbar, und eben darum rechnen wir die chemischen Formeln zu den werthvollsten Inductionen der Naturwissenschaft. Im Falle der Psychologie hingegen bedeutet die uns erreichbare Kenntnis der Umstände so wenig, daß wir schließlich nicht weiter kommen als zu sagen: daß es eben öfter vorkommt, daß Menschen den logischen Gesetzen conform schließen, wobei gewisse exact nicht zu umgrenzende Umstände, eine gewisse „Anspannung der Aufmerksamkeit" eine gewisse „geistige Frische", eine gewisse „Vorbildung" u. dgl. begünstigende Bedingungen für das Zustandekommen eines logischen Schluß- actes sind. Die Umstände oder Bedingungen im strengen Sinne, unter denen der schließende Urtheilsact mit Notwendigkeit hervorgeht, sind uns ganz verborgen. Bei der gegebenen Sachlage ist es auch wol begreiflich, warum es bisher keinem Psy- Schlußformeln und chemische Formeln. 109 chologen eingefallen ist, die den mannigfaltigen Schlußformeln zuzuordnenden und durch jene vagen Umstände charakterisirten Allgemeinheiten in der Psychologie einzelweise aufzuführen und mit dem Titel „Denkgesetze" zu ehren.

Nach alledem werden wir wol auch Heymans' interessanten und in vielen hier nicht berührten Einzelheiten anregenden) ersuch einer „Erkenntnistheorie, die man auch Chemie der frtheile nennen könnte"1 und die „nichts weiter sei, als eine 'sychologie des Denkens"2 zu den im KANT'schen Sinne hoff- nungslosen rechnen dürfen. In der Ablehnung der psychö- logistischen Interpretationen werden wir jedenfalls nicht schwanken können. Die Schlußformeln haben nicht den ihnen unterlegten empirischen Gehalt; ihre wahre Bedeutung tritt am klarsten hervor, wenn wir sie in äquivalenten idealen Unver- träglichkeiten aussprechen. Z. B.: Es gilt allgemein, daß nicht zwei Sätze der Formen „alle M sind X(i und „kein P ist M" wahr sind, ohne daß auch ein Satz der Form „einige X sind nicht P" wahr wäre. Und so in jedem Falle. Von einem Bewußtsein, von Urtheilsacten und Umständen des Urtheilens u. dgl. ist hier keine Rede. Hält man sich den wahren Gehalt der Schlußgesetze vor Augen, dann verschwindet auch der irrige Schein, als ob die experimentelle Erzeugung des ein- sichtigen Urtheils, in dem wir das Schlußgesetz anerkennen, eine experimentelle Begründung des Schlußgesetzes selbst be- deuten oder einleiten könnte.

110 Der Psychologismus Siebentes Kapitel. Der Psychologismus als skeptischer Relativismus.

§ 32. Die idealen Bedingungen für die Möglichkeit einer Theorie überhaupt. Der strenge Begriff des Skepticismus.

Der schwerste Vorwurf, den man gegen eine Theorie, und zumal gegen eine Theorie der Logik, erheben kann, besteht darin, daß sie gegen die evidenten Bedingungen der Möglich- keit einer Theorie überhaupt verstoße. Eine Theorie auf- stellen und in ihrem Inhalt, sei es ausdrücklich oder einschließ- lich, den Sätzen widerstreiten, welche den Sinn und Rechts- anspruch aller Theorie überhaupt begründen — das ist nicht bloß falsch, sondern von Grund aus verkehrt.

In doppelter Hinsicht kann man hier von evidenten „Bedin- gungen der Möglichkeit" jeder Theorie überhaupt sprechen. Fürs Erste in subjectiver Hinsicht. Hier handelt es sich um die apriorischen Bedingungen, von denen die Möglichkeit der unmittel- baren und mittelbaren Erkenntnis1 und somit die Möglichkeit der vernünftigen Rechtfertigung jeder Theorie abhängig ist. Die Theorie als Erkenntnisbegründung ist selbst eine Er- kenntnis und hängt ihrer Möglichkeit nach von gewissen Be- dingungen ab, die rein begrifflich in der Erkenntnis und ihrem Verhältnis zum erkennenden Subject gründen. Z. B.: Im Be- griff der Erkenntnis im strengen Sinne liegt es, ein Urtheil zu sein, das nicht bloß den Anspruch erhebt, die Wahrheit zu treffen, sondern auch der Berechtigung dieses Anspruches ge- wiß ist und diese Berechtigung auch wirklich besitzt. Wäre 1 Ich bitte zu beachten, daß der Terminus Erkenntnis in diesem Werke nicht in der viel gebräuchlichen Einschränkung auf Reales ver- standen wird.

als skeptischer Relativismus. 111 der Urtheilende aber nie und nirgends in der Lage, diejenige Auszeichnung, welche die Rechtfertigung des Urtheils ausmacht, in sich zu erleben und als solche zu erfassen, fehlte ihm bei allen Urtheilen die Evidenz, die sie von blinden Vorurtheilen unterscheidet, und die ihm die lichtvolle Gewißheit giebt, nicht bloß für wahr zu halten, sondern die Wahrheit selbst zu halten — so wäre bei ihm von einer vernünftigen Aufstellung und Begründung der Erkenntnis, es wäre von Theorie und Wissenschaft keine Rede. Also verstößt eine Theorie gegen die subjectiven Bedingungen ihrer Möglichkeit als Theorie über- haupt, wenn sie, diesem Beispiel gemäß, jeden Vorzug des evi- denten gegenüber dem blinden Urtheil leugnet; sie hebt dadurch das auf, was sie selbst von einer willkürlichen, rechtlosen Be- hauptung unterscheidet.

Man sieht, daß unter subjectiven Bedingungen der Mög- lichkeit hier nicht etwa zu verstehen sind reale Bedingungen, die im einzelnen Urtheilssubject oder in der wechselnden Species urtheilender Wesen (z. B. der menschlichen) wurzeln, sondern ideale Bedingungen, die in der Form der Subjectivität überhaupt und in deren Beziehung zur Erkenntnis wurzeln. Zur Unter- scheidung wollen wir von ihnen als von noeti sehen Be- dingungen sprechen.

In objeetiver Hinsicht betrifft die Rede von Bedingungen der Möglichkeit jeder Theorie nicht die Theorie als subjeetive Einheit von Erkenntnissen, sondern Theorie als eine objee- tive, durch Verhältnisse von Grund und Folge verknüpfte Ein- heit von Wahrheiten, bezw. Sätzen. Die Bedingungen sind hier all die Gesetze, welche rein im Begriffe der Theorie gründen — specieller gesprochen, die rein im Begriffe der Wahrheit, des Satzes, des Gegenstandes, der Beschaffenheit, der Beziehung u. dgl., kurz in den Begriffen gründen, welche den Begriff der theoretischen Einheit wesentlich con- stituiren. Die Leugnung dieser Gesetze ist also gleichbedeu- tend (äquivalent) mit der Behauptung, all die fraglichen Termini: Theorie, Wahrheit, Gegenstand, Beschaffenheit u. s. w. entbehrten 112 Der Psychologismus eines consistenten Sinnes. Eine Theorie hebt sich in dieser objectiv-logischen Hinsicht auf, wenn sie in ihrem Inhalt gegen die Gesetze verstößt, ohne welche Theorie überhaupt keinen „vernünftigen" (consistenten) Sinn hätte.

Ihre logischen Verstöße können in den Voraussetzungen, in den Formen der theoretischen Verbindung, endlich auch in der erwiesenen These selbst liegen. Am schroffsten ist die Verletzung der logischen Bedingungen offenbar dann, wenn es zum Sinne der theoretischen These gehört, diese Ge- setze zu leugnen, von welchen die vernünftige Möglichkeit jeder These und jeder Begründung einer These überhaupt abhängig ist. Und Aehnliches gilt auch für die noetischen Bedingungen und die gegen sie verstoßenden Theorien. Wir unterscheiden also (natürlich nicht in klassificatorischer Absicht): falsche, ab- surde, logisch und noetisch absurde und endlich skeptische Theorien; unter dem letzteren Titel alle Theorien befassend, deren Thesen entweder ausdrücklich besagen oder analytisch in sich schließen, daß die logischen oder noetischen Bedingungen für die Möglichkeit einer Theorie überhaupt falsch sind.

Hiermit ist für den Terminus Skepticismus ein scharfer Begriff und zugleich eine klare Sonderung in logischen und noetischen Skepticismus gewonnen. Ihm entsprechen bei- spielsweise die antiken Formen des Skepticismus mit Thesen der Art wie: Es giebt keine Wahrheit, es giebt keine Er- kenntnis und Erkenntnisbegründung u. dgl. Auch der Empiris- mus, der gemäßigte nicht minder als der extreme, ist nach unseren frühereD Ausführungen1 ein Beispiel, das unserem prägnanten Begriffe entspricht. Daß es zum Begriff der skep- tischen Theorie gehört, widersinnig zu sein, ist aus der Definition ohne weiteres klar.

§ 33. Skepticismus in metaphysischem Sinne.

Gewöhnlich wird der Terminus Skepticismus einiger- maßen vage gebraucht. Sehen wir von seinem populären Sinn 1 Vgl. Kapitel V, Anhang zu den §§ 25 und 26. S. 84 ff.

als skeptischer Relativismus. 113 ab, so nennt man skeptisch jedwede philosophischen Theorien, welche aus principiellen Gründen eine erhebliche Einschrän- kung der menschlichen Erkenntnis darthun wollen, zumal wenn durch sie umfassende Sphären des realen Seins oder besonders werthgehaltene Wissenschaften (z. B. Metaphysik, Naturwissen- schaft, Ethik als rationale Disciplinen) aus dem Gebiete mög- licher Erkenntnis verbannt werden.

Unter diesen unechten Formen des Skepticismus pflegt hauptsächlich die Eine mit dem hier definirten, eigentlich erkennt- nistheoretischen Skepticismus vermengt zu werden, bei welcher es sich um die Beschränkung der Erkenntnis auf psychisches Dasein und die Leugnung der Existenz oder Erkennbarkeit von „Dingen an sich" handelt. Derartige Theorien sind aber offen- bar metaphysische; sie haben an sich mit dem eigent- lichen Skepticismus nichts zu thun, ihre These ist von allem logischen und noetischen Widersinn frei, ihr Rechts- anspruch ist nur eine Frage der Argumente und Beweise. Ver- mengungen und echt skeptische Wendungen erwuchsen erst unter dem paralogistischen Einfluß naheliegender Aequivoca- tionen oder anderweitig geförderter skeptischer Grundüber- zeugungen. Faßt z. B. ein metaphysischer Skeptiker seine Ueberzeugung in die Form: „Es giebt keine objective Erkennt- nis" (sc. keine Erkenntnis von Dingen an sich); oder: „Alle Erkenntnis ist subjectiv" (sc. alle Thatsachen-Erkenntnis ist bloße Erkenntnis von Bewußtseinsthatsachen), so ist die Ver- lockung groß, der Zweideutigkeit der Ausdrucksweise Subjectiv- Objectiv nachzugeben und für den ursprünglichen, dem einge- nommenen Standpunkte angemessenen Sinn, einen noetisch- skeptischen unterzulegen. Aus dem Satze: „Alle Erkenntnis ist