Im ersteren Falle haben wir bei jeder Konjunktur ein rascheres Steigen vor uns als im zweiten, aber jede Krise hat auch schnelleren oder stärkeren Lohndruck zur Folge, als wie ihn das zweite Bild zeigt. Dort haben wir eine jähe Zickzackbewegung, hier eine langsame, zwar gleich- 4i falls Unterbrechungen aufweisende, aber doch mit immer stärkerer Beharrlichkeit sich ausprägende Aufwärtsbewegung.
Entsprechen diese Linien jedoch der Wirklichkeit? Wer die Geschichte der Lohnbewegungen des neunzehnten Jahr- hunderts nachforscht, wird sich überzeugen, daß sie die Tendenz in der Tat richtig wiedergeben. Es gibt in Eng- land wie in Deutschland Gewerbe, die Lohnsteigerungen, wie sie sie Anfangs der siebziger Jahre des vorigen Jahr- hunderts zu verzeichnen hatten, nicht wieder erlebt haben. Aber sie haben auch keinen so jähen Rückgang aufzu- weisen, wie denjenigen, der sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre vollzog, und keinen Tiefstand, wie den der achtziger Jahre. Selbst wenn zeitweilig der im Geldlohn zum Ausdruck kommende Gewinn bei der in der ersten Kurve gekennzeichneten Bewegung größer ist als bei der Bewegung, wie sie die zweite Kurve wiedergiebt, stellt er sich auf die Dauer immer mehr bei dieser heraus.
Es kommt hierbei aber noch ein zweites und wichtigeres Moment in Betracht. Bewegen sich die Löhne wie in der ersten Kurve, so kommt der Arbeiter zu keiner wirklichen Hebung seiner Lebensweise. Er wird zeitweise seinen Kon- sum der Menge nach steigern, aber er wird ihn nicht der Qualität nach entwickeln, an seiner Lebensführung nichts prinzipiell ändern. Das erlaubt eben der aleatorische Charakter der jeweiligen Einkommenssteigerung nicht. Der erhöhte Lohn wird, da die Gewähr der Dauer und mit ihr jedes sichere Maß für seine zweckmäßige Verwendung fehlt, meist für Genüsse des Augenblicks ausgegeben. Anders bei der zweiten Entwicklungslinie. Hier mag zeitweilig ebenfalls Vergeudung stattfinden, aber die Stetigkeit der Bewegung führt schließlich doch zur zweckmäßigeren Verwendung des 42 Einkommens. Mit dem Einkommen hebt sich der Zu- schnitt des Lebens. Es findet zunehmend bessere Ein- teilung der Ausgaben statt, das Budget für grobe Genüsse und Vergnügungen (Alkohol) sinkt, das für bessere, solidere Ge- nüsse steigt. Von welcher Bedeutung dies unter dem Ge- sichtspunkt der Kulturentwicklung ist, braucht nicht erst gesagt zu werden.
Schließlich bedeutet die Kurve A auch kostspieligere Kämpfe und längere Perioden der Arbeitslosigkeit für die Arbeiter. Das erstere wird von vielen für keinen Nachteil gehalten, weil es den Klassengeist, die Klassenkampf- stimmung beim Arbeiter rege erhalte, die unter dem Ein- fluß der langen Tarifverträge zu versumpfen drohe. Sie vergessen aber, daß es sich dabei um Verausgabung von Energie am Unrechten Ort handelt. Nicht auf das Quantum Energie kommt es an, das verausgabt wird, sondern wofür es verausgabt wird. Kann Energie an einer Stelle gespart werden, so wird sie für andere Zwecke frei. Der Lohn- kampf ist nur eine Seite des Arbeiterkampfs, und er ist stets zu einem Teil Sisyphusarbeit, da die Lohnerhöhungen unter dem Einflüsse des Gesetzes der Bodenrente und durch ähn- liche Wirtschaftsfaktoren immer wieder verkürzt werden. Hierhin, sowie auf andere Fragen des öffentlichen Lebens sind die Energien zu lenken, die durch zweckmäßigere Be- handlung der Kämpfe um das Arbeitsverhältnis freigesetzt werden.
Kehren wir nach dieser Betrachtung zur Frage der Häufigkeit der Streiks zurück, so bietet uns für die Zeit vom Jahre 1892 ab die Streikstatistik des britischen Arbeits- amts folgende Zusammenstellung (die fünfte Rubrik rührt von uns her): 43 Jahr Zahl der im Jahr begonnenen Streiks Zahl der betroffenen Arbeiter Gesamtzahl der Arbeitstage, die gestreikt wurden In das Jahr ent- fallende Streiks von besonderer Aus- dehnung u. Dauer.
Allgemeiner Streik in den Spinnereien von Lancashire Ausstand der Bergarbeiter des IOÖI großen Verbands .Generalausstand in ;d. Schuhfabrikation . Großer Ausstand jd. Maschinenbauer . Ausstand der Berg- arbeiter von Wales 87 OOO Soweit diese Tabelle Auskunft gibt, ist eine Tendenz zur Verringerung der Streiks unverkennbar. Hinsichtlich der Zahl der Streiks ist sie ohne weiteres ersichtlich. Würde man aber die Streiks abziehen, die sich auf ganze Industrien erstreckten und deren Ende jedesmal ein Vertragsschluß war, der zur Festsetzung von Mindestlöhnen oder Normaltarifen führte — und unter diese Rubrik fällt auch der große Streik in den Schuhfabriken von Mittelengland, der in den Jahren 1894 und 1895 spielte — so würde sich wahrscheinlich eine korrespondierende Abnahme der Zahl der beteiligten Arbeiter 44 und der verlorenen Arbeitstage ergeben. Ob diese Entwick- lung vorhält, entzieht sich natürlich jeder Vorhersage.
Im übrigen zeigt die Tabelle, wie verhältnismäßig un- bedeutend die Verluste sind, welche die Gesamtwirtschaft des Landes durch die Streiks in der Gestalt von verlorenen Arbeitstagen erleidet. Großbritanniens Arbeiterschaft zählt heute ohne Landarbeiter und Seeleute rund n Millionen Personen. Im Durchschnitt der zwölf Jahre kamen, die Riesenstreiks eingeschlossen, auf das Jahr 265000 bei Streiks beteiligte Arbeiter und 9 Millionen verlorene Arbeitstage. Das ergibt einen Durchschnitt von noch nicht ganz einem ver- lorenen Arbeitstag pro Arbeiter im Jahr. In normalen Jahren aber berechnet es sich auf kaum ein Drittel Arbeits- tagsverlust pro Arbeiter und ist jährlich immer erst der fünfzigste Arbeiter überhaupt an Streiks beteiligt.
Deutschland zeigt kein wesentlich anderes Bild. Die Reichsstatistik beschäftigt sich seit 1899 mit Erhebungen über Streiks; hier ihre Ergebnisse bis heute: Jahr Zahl der im Jahr begonnenen Streiks Höchste Zahl der S gleichzeitig streikenden Arbeiter der während treiks gezwungen feiernden Arbeiter Gesamtzahl der von den Streiks betroffenen Arbeiter Diese Statistik ist, wie die Generalkommission der Ge- werkschaften Deutschlands wiederholt nachgewiesen hat, 45 / nicht fehlerfrei. In ihren Angaben für 1901 fehlen z. B. 316 Streiks mit 6243 beteiligten Personen, 1902 314 Streiks mit 5888 beteiligten Personen. Aber auch die Statistik der Generalkommission ist, wie diese selbst hervorhebt, nicht erschöpfend, denn sie verzeichnet nur Streiks der an die Kommission angeschlossenen Gewerkschaften. Indes sind die Abweichungen der Reichsstatistik nicht bedeutend, zu- mal die Reichskommission ihre Erhebungen immer mehr auf Grund der Angaben in der Arbeiterpresse nachprüft. Bedenken wir, daß nach der Berufszählung von 1895 das Deutsche Reich über 7 Millionen Lohnarbeiter in In- dustrie, Handel und Verkehr zählte und diese Zahl sich mittlerweile wahrscheinlich auf gegen 9 Millionen erhöht hat, so kam, wenn wir als Durchschnittsziffer 8 Millionen annehmen und ihr die Durchschnittszahl der Streikenden in den obigen sechs Jahren — 97300 auf hunderttausend abgerundet — gegenüberstellen, immer erst pro Jahr auf 80 Arbeiter ein Streikenderl Das sieht nicht sonderlich nach Streikwut aus.
Die durch Streiks verlorenen Arbeitstage sind in der Reichsstatistik nicht angegeben, nach den Erhebungen der Generalkommission der Gewerkschaften hatten im Jahre 1903 88 964 an Streiks und Aussperrungen beteiligte Arbeiter zusammen einen Ausfall von 2 622 232 Arbeitstagen und 7 675 937 Mark Lohnverlust. *) Die Zahl ist nicht voll- ständig; erhöhen wir sie aber auf 3 Millionen Arbeitstage und 8 1 / a Millionen Mark Lohnausfall, so erhalten wir einen Durchschnitt von */ 8 verlorenen Arbeitstag und etwas über *) Die Zahlen für 1904 sind: 128 700 Streikende und Ausge- sperrte, 2 120 154 verlorene Arbeitstage, 7825369 Mark Lohnausfall.
46 i Mark Lohnausfall pro Arbeiter in einem Jahr, von dem es im Internationalen Bericht der Generalkommission heißt, daß es „ein Kampfesjahr war, wie keins je zuvor“.
Ein Vergleich der deutschen mit den englischen Zahlen zeigt, daß in Deutschland heute bedeutend mehr Streiks Vorkommen als in England — im Jahre 1904 waren es 1876 hier gegen 354 dort — daß aber mit Ausnahme des letzten Jahres die Zahl der beteiligten Arbeiter in England die deutsche Zahl stets erheblich hinter sich ließ. Letzteres ist im wesentlichen dem Umstand zuzuschreiben, daß in England der Bergbau noch immer viele Streiks aufweist, die, wenn sie auch auf bestimmte Grafschaften beschränkt bleiben und sich oft um recht unwesentliche Dinge drehen, doch stets gleich erhebliche Zahlen von Arbeitern um- fassen, in Deutschland aber der Bergbau lange Jahre keinen Streik gekannt hat; die Statistik von 1905 wird in dieser Hinsicht ein andres Bild zeigen.*) Daß Deutschland im ganzen mehr Streiks hat, wie England, ist neben andern Ursachen dem Umstand zuzuschreiben, daß Deutschlands Industrie, einzelne Zweige ausgenommen, örtlich erheblich mehr zer- splittert ist, als die englische, und daß das englische Unter- nehmertum sich eher zum Unterhandeln mit den Arbeiter- organisationen versteht als das deutsche, gewerkschaft- lich besser erzogen ist. Von 627 Abwehrstreiks, welche *) Während der Drucklegung dieser Schrift ist die amtliche Streikstatistik für 1905 erschienen. Nach ihr wies das Jahr 1905 insgesamt 2057 Streiks und 200 Aussperrungen auf, von denen zu- sammen 487087 Arbeiter betroffen wurden, 205895 davon durch den großen Streik im rheinisch -westfälischen Kohlenbergbau (Höchst- stand des Streiks am 3. Februar 1905). Auch ohne diese letztere Zahl sehen wir 1905 mehr als doppelt soviel Arbeiter von 47 der Generalkommissionsbericht für 1904 verzeichnet, hatten zur Ursache: 19 Verlangen des Austritts aus der Organisation, 160 Maßregelungen, 67 Nichtinnehaltung der allgemein üblichen Lohn- und Arbeitsbedingungen, 21 Schlechte Behandlung der Arbeiter.
267 Abwehrstreiks wegen Ursachen, die in England teils gar nicht mehr Vorkommen, teils zu den größten Seltenheiten gehören! Von den 360 Streiks, die der englische Bericht für 1903 aufzählt, hatten 332 mit solchen Ursachen ganz und gar nichts zu tun, höchstens unter den restlichen 28 Streiks, bei denen als Ursache „Gewerkschaftsfragen“ und „andere Ursachen“ angegeben sind, mögen einige unter diese Rubrik fallen. So sehr ist hier bereits der Streik dem Entwicklungsstadium angenähert, wo er wirklich nur noch die ultima ratio des Kampfes um Arbeitsbedingungen und Arbeitsordnung bildet.
Streiks und Aussperrungen betroffen, als in irgend einem der Vor- jahre seit 1899. Hinsichtlich der Betriebe sind folgende Zahlen von Interesse: Im Durchschnitt der Im Jahre Im Jahre Von Streiks etc. wurden betroffen Betriebe.. Von Streiks etc. wurden zu zeitweiligem Still- stand gebracht Betriebe In jeder Hinsicht war danach das Jahr 1905 in Deutschland ein Rekordjahr gewerblicher Kämpfe.
48 Strategie und Taktik des Streiks Streik ist Krieg und hat, wie jeder Krieg, seine Regeln der Vorbereitung und T' a * '■“'■'V TT Führung des Kampfes, die sich allmählich I zu einer ganzen Wissenschaft entwickelt haben. Will man sich davon überzeugen, ■ so braucht man nur die sehr ausgearbei- teten Instruktionen der Gewerkschafts- vorstände an die Leiter der örtlichen Organisationen ihrer Verbände in die Hand zu nehmen. Man findet dort die eingehendsten, auf reiche Erfahrungen sich stützenden Anweisungen über die Methoden und Arten des Streiks. Als typisches Beispiel hierfür ist unter anderem das Kapitel „Anleitung bei Lohnbewegungen“ der auch sonst höchst instruktiven Schrift von August Bring- mann, „Praktische Winke für die deutsche Zimmererbewegung“ (Hamburg 1903, Fr. Schräder) zu bezeichnen.
Ihrem Charakter nach zerfallen die Streiks zunächst in Angriffsstreiks und Abwehrstreiks, d. h. in Streiks zur Durchsetzung von irgendwelchen Forderungen und Streiks zur Bekämpfung von irgendwelchen Zumutungen. Es liegt auf der Hand, daß die ersteren vorzugsweise in die Zeiten der guten Geschäftskonjunktur entfallen, während für die letzteren sich die meisten Anlässe bei niedergehender Konjunktur einzustellen pflegen. Indes verteilen sie sich nicht streng nach den Bewegungen der Geschäftskonjunktur. Es finden auch in guten Ge- schäftszeiten nicht wenige Abwehrstreiks statt, während selbst bei niedergehender Geschäftslage Angriffsstreiks vor- 49 nr 4 kommen.*) Auch gibt der äußere oder formale Charakter des Streiks nicht immer seine wirkliche Natur wieder. Bei der großen Rolle, die fast mehr noch als bei anderen Kämpfen beim Streik der moralische Faktor spielt, sind Unternehmer wie Arbeiter unter Umständen sehr darauf bedacht, die Gegenpartei als die angreifende erscheinen zu lassen, und wenden demgemäß allerhand taktische Mittel an, dies Ergebnis herbeizuführen. Umgekehrt wird aber auch mancher Angriffsstreik unternommen, der faktisch der Abwehr eines von der anderen Seite vorbereiteten Angriffs gilt, und manchmal mischen sich Angriff und Abwehr in solcher Weise, daß es schwer hält herauszu- finden, welches Moment vorwiegt. Das gleiche ist bei- läufig auch im Verhältnis von Streik und Arbeitssperre (Aussperrung) der Fall. Englische Gewerkschaften haben sogar eine fast abergläubische Vorstellung von dem Unter- schied, den es ausmacht, ob ihre großen Kämpfe als Streiks *) So verzeichnet die Statistik der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands: J ahr Angriffsstreiks Abwehrstreiks Die Jahre 1901 und 1902 waren bekanntlich solche starken Geschäftsdrucks. Während wir demgemäß die Angriffsstreiks in diesen Jahren sehr zurückgehen sehen, steigt die Zahl der Abwehrstreiks ganz bedeutend, nimmt aber auch noch in den zwei nächsten Jahren zu, die wieder besseren Geschäftsgang sahen. Doch ist 1904 die Zahl der Angriffsstreiks wieder wesentlich höher, als die der Ab- wehrstreiks.
50 oder als Abwehr von Aussperrungen geführt werden. Nun ist es unter sonst gleichen Umständen selbstverständlich immer leichter, Sympathien für Arbeiter zu gewinnen, die aus- gesperrt sind, als für solche, die als Angreifer erscheinen. Aber schließlich wird und soll auch das Streitobjekt selbst und nicht die Form der Einleitung des Kampfes die Stellung zum Kampf bestimmen.
Die auf den formalen Anblick hin geleistete Hilfe kann mehr Schaden als Nutzen stiften, weil sie leicht zur Ursache wird, daß ein Kampf zwecklos verlängert wird, der nach Lage der Dinge gar nicht gewonnen werden kann.
Das war zum Beispiel bei dem großen englischen Maschinenbauerkampf von 1897/98 der Fall. Auf seiten der Führer der Arbeiter wurde der größte Wert darauf gelegt, den Kampf als gegen eine Aussperrung gerichtet erscheinen zu lassen, deren Zweck die Zertrümmerung der Gewerkschaft sei. Diese Auffassung fand weite Verbreitung und führte den Kämpfenden sehr bedeutende Unterstützungen zu. Und was war das Endresultat? Daß die Unternehmer bloß Zu- geständnisse in bezug auf gemeinschaftliche Lohn- etc. Komitees machten, eine Sache, bezüglich deren sie von An- fang an sich zum Entgegenkommen bereit erklärt hatten, aber in keinem der Punkte — Achtstundentag, Frage der Besetzung der Maschinen, Recht der Bestimmung der Lohn- form — nachgaben, um die der Kampf tatsächlich ausge- brochen war. Das Gefühlsmoment ist ein wichtiger Faktor auch im Wirtschaftskampf, aber über gewisse, jeweilig durch die Wirtschaftsbedingungen gezogene Grenzen hinaus wird es entweder ohnmächtig bleiben oder anderes bewirken, als wofür es ins Spiel gebracht wurde.
Das hinsichtlich der Arbeiter Gesagte gilt übrigens 5i in noch stärkerer Betonung von den Unternehmern. Mehr als die Arbeiter haben sie es in der Hand, den äußeren Charakter des Kampfes zu bestimmen. Zu Anfang des vor- erwähnten Kampfes im englischen Maschinenbau-Gewerbe beantwortete der Unternehmerverband einen Streik bei drei Londoner Verbandsfirmen mit der Aussperrung von 25 Pro- zent der Gewerkschaftsmitglieder in allen Verbandswerk- stätten, worauf die Gewerkschaft auch die übrigen Arbeiter aus jenen Werkstätten herausrief. Was war der Kampf nun wirklich? 25 Prozent der Ausständigen waren ausge- sperrt, 75 Prozent auf Veranlassung ihrer Gewerkschaft frei- willig in Ausstand getreten. Kann man auf Grund des Prozentualverhältnisses sagen, der Kampf habe überwiegend Streikcharakter getragen? Sicherlich nicht. Denn im Mo- ment, wo die Unternehmer die Arbeitssperre aufhoben, hätte auch die Gewerkschaft wahrscheinlich die Werkstatt- sperre — in Deutschland auch Platzsperre genannt — auf- gehoben. Also war es im Wesen doch eine Aussperrung, wird der Leser vielleicht sagen. Aber dann würde der Unternehmerverband antworten können, er habe doch erst ausgesperrt, als die Gewerkschaft entgegen einer von ihm ihr zugesandten Warnung den Partialstreik bei drei seiner Firmen in London eintreten ließ. Worauf die Gewerkschaft zurückgeben wird, der Streik in London habe sich um einen rein örtlichen Differenzpunkt gehandelt, den der Unter- nehmerverband ganz willkürlich zu einer nationalen Ange- legenheit erweitert habe.
In der Tat war in London die Forderung der Arbeiter, um deren Willen diese in Streik getreten waren — der Achtstundentag — als örtliche, durch die weiten Ent- fernungen der Hauptstadt bedingte Maßregel aufgestellt 52 worden. Indes konnten hierauf die Unternehmer einwenden und sich dabei auf Aussprüche anerkannter Arbeiterführer berufen, daß, was erst in London erkämpft sei, sich sehr bald auch in der Provinz aufdränge. Kurz, die Frage „Streik oder Aussperrung“ wird hier zur reinen Vexierfrage, die keine unbedingte Antwort zuläßt.
Der bezeichnete Kampf im englischen Maschinenbau kann überhaupt als ein Schulbeispiel für die Probleme der Taktik und Strategie des Gewerkschaftskampfs, bezw. Streiks gelten. Selbst die Achtstundenbewegung in London, die zuerst großer Sympathie begegnete — wer mußte nicht ohne weiteres zugeben, daß bei gleicher Länge des Arbeits- tags der Arbeiter in der Riesenstadt in der Regel über viel weniger Muße verfügt, als der Arbeiter anderer Städte? — selbst diese Bewegung war nur ein Zwischenfall, wenn nicht eine Seitenschwenkung in einer Agitation gewesen, die das englische Maschinengewerbe schon längere Zeit bewegte, und bei der es sich namentlich um das Bestimmungsrecht über die Einführung von Lohnmethoden und Verteilung der Arbeiten zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern handelte. Es übersteigt den Rahmen der vorliegenden Arbeit, auf die Einzelheiten dieses Kampfes einzugehen, über den in Form von Berichten der beteiligten Organi- sationen, stenographischen Protokollen über die kombinierten Sitzungen von Unternehmern und Arbeitern, Zuschriften von Sachverständigen an die „Times“ während der Streikdauer usw. ein überaus interessantes Material der wissenschaft- lichen Bearbeitung harrt. Eine im kritischen Geist ge- haltene Monographie dieses Kampfes würde für die Wissen- schaft des Gewerkschaftswesens und der Probleme der Arbeitsorganisation in der modernen Industrie von größtem 53 Wert sein.*) Für unser spezielles Thema ist dem oben mit- geteilten noch folgendes hinzuzufügen. Der Streik in Lon- don war von den Arbeitern mit außerordentlichem taktischen Geschick eingeleitet worden. Nachdem sie Ende April 1897 ein Komitee für die Erlangung des Achtstundentages gebildet hatten, waren sie mit dieser Forderung vornehmlich an eine Reihe von Firmen herangetreten, bei denen aus irgend welchen Gründen auf besondere Nachgiebigkeit zu rechnen war. Auf diese Weise hatten sie im Laufe von zwei Monaten über 150 Bewilligungen erlangt, und nun erst stellten sie „aus Gründen der Billigkeit gegenüber den Firmen, die bewilligt haben“, die Forderung kategorisch an die großen Verbandsfirmen und beantworteten deren Weige- rung damit, daß sie über drei Firmen Platzsperre prokla- mierten. Soweit war das sehr geschickt, und der Führer der Maschinenbauer, George Barnes, durfte mit Fug und Recht in einem Brief schreiben: „Wir haben Oberst Dyer — der Leiter des Unternehmerverbandes — insoweit strategisch geschlagen, als wir den Kampf um eine unpopuläre Sache vermieden und ihn auf eine Frage geschoben haben, in der wir die Unterstützung unserer Kollegen erhalten sollten und, wie ich glaube, auch erhalten werden.“ Aber die Führer der Arbeiter fanden in Oberst Dyer und seinen Kollegen ihre Meister, die dadurch, daß sie den Londoner Ausstand mit einer Partialaussperrung im ganzen Verbandsgebiet be- antworteten, es erreichten, daß die „unpopuläre Sache“ — nämlich das Verlangen der Arbeiter, keinerlei Arbeit an der Drehbank ungelernten Arbeitern zu übertragen, und an ver- ') Einiges Material dazu findet man in den Artikeln über den Maschinenbauerkampf, die der Verfasser seinerzeit in der „Neuen Zeit“ veröffentlicht hat (Jahrgang 16, I, S. 18, 454 u. 644).
54 besserten Maschinen genau so viel gelernte Arbeiter zu be- schäftigen, wie an den von jenen ersetzten Maschinen beschäftigt waren — wieder in den Vordergrund trat. Die nicht gerade sehr kluge Veröffentlichung des Barnes’schen Briefes und ähnliche Indiskretionen von Parteigängern der Arbeiter erleichterten diesen Schachzug, zu dem die Be- treffenden indes auch sonst gegriffen hätten. Es ist das allgemeine Urteil aller derjenigen, die jenen Kampf aus der Nähe beobachtet haben, daß, wie es das Ehepaar Webb in der Einleitung zur Neuauflage seiner „History of Trade- Unionism“ bezeichnet, „die Unternehmer sich als besser organisiert, geschickter geführt und hartnäckiger in ihren Forderungen erwiesen, als bei irgend einer früheren Gelegen- heit“, während „die Arbeiter sich bei der öffentlichen Meinung dadurch bedenklich ins Unrecht gesetzt hatten, daß sie die Notwendigkeit der Hochhaltung der Produktivität nicht anerkannten und keinerlei eigne Vorschläge in dieser Richtung machten.“ Trotzdem die den Arbeitern nahe- stehende Presse alles mögliche aufbot, das ganze Gewerk- schaftsprinzip als durch die Unternehmer an der Lebens- wurzel bedroht hinzustellen, bewegte sich die Hilfe, die den Arbeitern aus englischen Gewerkschaftskreisen zuging, in im ganzen mäßigen Grenzen, und einige dem Maschinenbau verwandte Gewerbe der Eisenverarbeitung, wie namentlich die Kesselschmiede, ließen sich nicht dazu bewegen, mit in den Ausstand zu treten. Während auf die Arbeiterkundschaft angewiesene bürgerlich radikale Blätter fulminante Artikel gegen den Unternehmerverband losließen, legte eine im Januar 1898 in London abgehaltene Versammlung von Delegierten aller Gewerbe, wenn sie auch Unterstützung der Streikenden beschloß, außerordentlich geringe Lebhaftigkeit 55 des Empfindens nach der einen oder andern Seite an den Tag. Dies im Gegensatz zu der geradezu beispiellosen Be- geisterung und Opferwilligkeit, mit der damals die deutsche Arbeiterschaft den englischen Maschinenbauern zu Hilfe kam. Für eine solche Verlängerung des Ausstandes, welche die Unternehmer zur Nachgiebigkeit gezwungen hätte, waren indes auch diese Unterstützungen viel zu gering, und die Arbeiter mußten sich den Bedingungen der Unternehmer unterwerfen. Sie umfaßten u. a. das Recht, Nichtgewerk- schaftler anzustellen, nach Gutbefinden Stückarbeit einzu- führen und selbst zu bestimmen, welche Arbeiten von be- rufsmäßig geschulten und welche von bloßen Handlangern auszuführen seien, sowie die Preisgabe der Achtstundenforde- rung von seiten der Arbeiter. Den Arbeitern wurde dafür Aufrechterhaltung der Lohnsätze, Fortdauer der Anerkennung der Gewerkschaften als berufene Sachwalter ihrer Interessen, sowie das Versprechen zugestanden, Nichtgewerkschaftler in keiner Weise zu bevorzugen. Diese Versprechungen sind auch loyal gehalten und bald hinterher um einige weitere Zugeständ- nisse an die Organisationen vermehrt worden. Indes waren alles in allem doch zunächst die Arbeiter die Geschlagenen, und die ihnen befreundete Presse erklärte nunmehr als dringendstes Bedürfnis der Zeit „eine der Unternehmerdiplo- matie in jeder Hinsicht gewachsene Arbeiterdiplomatie“.
Wenn Diplomatie die Unterscheidung zwischen zeit- gemäßen und volkswirtschaftswidrigen Forderungen ein- schließt, so wird man diesem Satz nur zustimmen können. An dem Versuch, Forderungen zu erzwingen, die den Be- dingungen der modernen Produktionsentwicklung bezw. dem Fortschritt der Technik widersprechen, würde selbst die ge- schickteste Diplomatie schließlich Schiffbruch leiden. Als 56 der Maschinenbauerkampf vorüber war, stellte sich heraus, daß eine starke Unterströmung in der englischen Arbeiter- schaft ihm durchaus feindlich gesinnt gewesen war, weil man ihn als in der Hauptsache gegen die nicht berufsmäßig Angelernten gerichtet betrachtete.
Aber auch vom Standpunkt mehr formaler Taktik und Strategie war der Streik nicht auf der Höhe der Zeit, son- dern ein Zeichen, daß die berufliche Organisation im eng- lischen Maschinenbau bei seinem Ausbruch noch ziemlich rückständig war.
Wie vorher erwähnt, fingen die Arbeiter den Kampf damit an, daß sie über drei Londoner Firmen Platzsperre verhängten. Mit anderen Worten, der Streik begann als ein sogenannter Werkstattstreik. Ein solcher entspricht aber einer Entwicklung, wo, um mit Bringmann zu reden, „die Organisationen der Arbeiter und Arbeitgeber noch tief im Argen liegen“. (A. a. O. S. 145.) „Sie hat“, schreibt der Redakteur des Organes der deutschen Zimmerleute, „früher manchmal Erfolg gehabt; nachdem die beiderseitigen Organisationen erstarkt sind, kann sie nur mit großer Vorsicht angewendet werden“. Seien die Unternehmerorganisationen stark genug, so beantworteten sie solche Angriffe mit Heraus- gabe schwarzer Listen, systematischer Organisation des Zu- zugs, partieller oder allgemeiner Aussperrung. „Genug, solche Kämpfe sind langwierig und enden nur selten mit befriedigen- den, oft genug mit recht ärgerlichen Resultaten.“ (Ebendaselbst. ) Die vorgeführten Tatsachen beweisen die Richtigkeit dieser Bemerkungen. Der englische Maschinenbauerverband umfaßte, als die geschilderte Agitation anfing, kaum ein Drittel seiner Berufsangehörigen, und nicht besser, ja eher noch viel schlechter stand es mit dem Verband der Unter- 57 nehmer. So mochte dem ersteren der partielle Streik als die geeignete Kampfform erscheinen. Indes hatte das Be- kanntwerden der Absichten der Arbeiter einen wahren Massen- eintritt vorher nicht organisierter Unternehmer in den Unter- nehmerverband zur Folge, so daß dieser der Sperre die nötige Ausdehnung geben konnte. Erst in und durch diesen Kampf hat der Verband der britischen Maschinenbaufabrikanten diejenige Stärke und Festigkeit erlangt, welche deutsche Unternehmerverbände schon seit langem aufweisen, während der Verband der Maschinenbauarbeiter zwar der Zahl nach nicht sehr bedeutend gewachsen ist — er zählt heute rund ioo ooo Mitglieder gegen 91000 am Vorabend des Streiks — aber eine sehr bedeutsame innere Wandlung vollzogen hat. Er hält zwar noch immer, und nicht unberechtigterweise, an der Unterscheidung zwischen ausgelernten und ungelern- ten Arbeitern fest, hat aber jede, den Fortschritt der Technik hemmende Tendenz fallen gelassen, und desgleichen kann die Idee als aufgegeben betrachtet werden, die Unternehmer einzeln zu größeren Konzessionen zu zwingen. Die Einrich- tungen, die bei Abschluß des Kampfes für die Beilegung auftauchender Streitigkeiten geschaffen wurden, haben viel- mehr die Gewerkschaft daran gewöhnt, gegen die Wider- setzlichkeit einzelner Unternehmer oder örtlicher Unter- nehmervereine die Zentralinstanz anzurufen, die zu gleichen Teilen aus Vertretern der Zentralvorstände des Arbeiter- und des Unternehmerverbandes zusammengesetzt ist.*) Es ist +) Eine Statistik hierüber fehlt. Dagegen sei bei dieser Gelegen- heit erwähnt, daß das Tarifamt der deutschen Buchdrucker innerhalb der ersten fünfjährigen Tarifperiode von Prinzipalen in 5600, von Gehilfen in 13 500 Fällen angerufen wurde. Wieviel Anlässe zu Streiks konnten so schiedlich erledigt werden!
58 unter diesen Umständen sehr unwahrscheinlich, daß sie noch einmal einen Kampf um wichtige Forderungen als Werkstatt- oder partiellen Streik ins Werk setzen wird.
Auf einem andern Kapitel, als die Platzsperren, stehen die lokalisierten, auf bestimmte Orte beschränkten Streiks. Auch diese können nicht als dem Höhepunkt der Gewerkschafts- entwicklung entsprechende Kampferscheinung bezeichnet werden. Hoch entwickelte Industrien mit beiderseitig aus- gebildeten Organisationen, wie z. B. die Baumwollspinnerei, die Kesselfabrikation in England, das Buchdruckgewerbe in Deutschland und ähnliche Gewerbe haben nur noch sehr selten örtlich beschränkte Arbeitseinstellungen zu ver- zeichnen. Die örtlichen Besonderheiten werden in den Ab- machungen der beiderseitigen Zentralverbände nach Bedürf- nis berücksichtigt. Indes sind solche, das ganze betreffende Gewerbe des Landes umfassende Abmachungen heute doch nur erst Ausnahmen. In den meisten Industrien bescheidet man sich mit Abmachungen für den Ort oder etwa noch den Distrikt, und somit überwiegen auch die örtlich oder distriktsweise beschränkten Streiks. Ohne zwingenden Anlaß wird überhaupt keine Arbeiterorganisation das geographische Gebiet des Streiks ausdehnen. Jede solche Ausdehnung er- höht nicht nur die Summe der zu bringenden Opfer, und dies obendrein in unverhältnismäßig steigender Progression, da in dem Maße, ah die Zahl der Ausständigen zunimmt, die der zu Unterstützungsleistungen Verpflichteten und Be- fähigten abnimmt; sie erschwert auch die Übersicht über die Streiklage und kompliziert die taktischen Aufgaben der Streikleitung, die alsdann mit sehr verschiedenen Stimmungen, Abhängigkeitsverhältnissen und jeweilig auch recht ver- schiedenen Elementen der beteiligten Arbeiterschaft selbst 59 zu rechnen hat, womit der Streik auch in steigendem Maße von Zufallswirkungen beeinflußt wird. Aber die innige Ver- flechtung des Wirtschaftslebens der Gegenwart entzieht in immer höherem Grade der Gewerkschaft die Möglichkeit, dem Streik von vornherein örtliche Grenzen zu setzen, über die unter keinen Umständen hinausgegriffen werden dürfe. Wird Streikarbeit außerhalb des Ortes angefertigt oder werden Erzeugnisse von Streikbrechern anderwärts vervollkommnet oder weiter verarbeitet, dann kann es für die erfolgreiche Weiterführung des Streiks unerläßliche Notwendigkeit werden, daß die dafür erforderte Arbeit ebenfalls verweigert wird. Damit ist die geographische und je nachdem auch beruf- liche Ausdehnung des Streiks gegeben. Ein solcher Schritt will aber stets sehr sorgfältig überdacht sein, weil die für ihn zu bringenden Opfer größer sein können, als die durch ihn zu erzielenden Vorteile. Diese scheinen oft größer, als sie in Wirklichkeit sind. Der Gedanke, dem Gegner jede Zufuhr oder jeden Absatz abzuschneiden, ist gewiß sehr verführerisch, und wo er durchführbar ist, mag das Mittel ganz sicher zum Sieg führen. Aber es gehört eine sehr eingehende Übersicht über die Marktlage und die Verzwei- gungen der eigenen und der verwandten Industrien dazu, um mit einiger Sicherheit abmessen zu können, wie weit hier die eigenen Kräfte gehen und welches der Wirkungs- grad dieser Maßregel sein wird. Die Ausbreitung des Streik- feldes bedeutet keineswegs immer die Steigerung der Druck-