SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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Brentano, Psychologie. I. 10 &■ X46 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

zuschrieb^), und wiederum da, wo man jede Wiederkehr eines Gedankens im Gedächtnisse als Folge unbewusster Pro- cesse begreifen wollte, eben so langwierig und eben so ver- wickelt wie die, welche wir zuweilen durchlaufen, wenn wir uns besinnen und, von einem zum anderen Gedanken fort- schreitend, einem früheren Erlebnisse nachspüren. Hartmann ''^) hat dies gethan und auch Maudsley ^) scheint der Ansicht. Nur der Umstand, dass dieser jeden in uns auftauchenden Gedanken, der nicht die Folge eines absichtlichen und an- gestrengten Suchens ist, ohne Weiteres als ein Product un- bewusster Seelenthätigkeit fasst, lässt ihn zu dem schon erwähnten Schlüsse gelangen, „dass -der wichtigste Theil der Seelenthätigkeit, der wesentliche Process, von dem das Denken abhängt, in einer unbewussten Thätigkeit der Seele besteht*)."

Lewes, Maudsley und Ulrici machen zu Gunsten unbe- wusster Seelenerscheinungen noch eine andere Gruppe von Thatsachen geltend; Ulrici freilich nur, indem er, wie gesagt, einen anderen Begriff mit dem Unbewussten verbindet, Lewes und Maudsley dagegen in eben dem Sinne, in welchem wir davon reden. Und in der That könnte man geneigt sein, um ihretwillen solche Thätigkeiten anzunehmen. Wir haben bei der Untersuchung über die Methode bereits von diesen Erscheinungen gesprochen, wollen aber hier nochmals darauf zurückkommen.

Es geschieht häufig, dass wir, mit irgendwelchem Ge- danken beschäftigt, auf unsere Umgebung nicht Acht haben. Sie scheint in solchem Falle keine Empfindung in uns zu er- wecken, und dennoch zeigen die Folgen, dass wir wirklich Empfindungen gehabt haben. „Jeder, der sorgfältig auf seine Träume Acht gibt'*, sagt Maudsley, „wird finden, dass viele von den scheinbar unbekannten Dingen, mit denen seine Seele im Traume beschäftigt ist, und welche ihm als neue, 5) Physiol. u. Pathol. d. Seele, S. IG ff.

Capitol 2. Vom inneren Bewusstsein. 147 uubekannte Vorstellungen erecheinen, sich auf solche unbe- wusste Assimilationen während des Tages zurückführen lassen. Hieher gehören Geschichten wie die wohlbekannte, welche Coleridge von einem Dienstmädchen erzählt, das im Fieber- delirium lange Stellen in hebräischer Sprache recitirte, die es nicht verstand und in gesunden Tagen nicht wiederholen konnte, die es aber, als es bei einem Geistlichen wohnte, diesen laut vortragen gehört hatte. D4s wunderbare Ge- dächtniss von gewissen Idioten, welche trotz sehr geringer Intelligenz die längsten Geschichten mit der grössten Ge- nauigkeit wiederholten, liefert auch einen Beweis für solche unbewusste Seelenthätigkeit, und die Art und Weise, in wel- cher Erregung durch einen grossen Kummer oder andere Ursachen, wie z. B. das letzte Aufflackern des erlöschenden Lebens, oft bei Idioten Kundgebungen von einem Seelenleben hervorrufen, dessen sie immer unfähig schienen, machen es sicher, dass Vieles von ihnen unbewusst assimilirt wurde. • was sie gar nicht äussern konnten, was aber Spuren in der Seele zurückgelassen hatte ^)."

Ulrici gibt einige andere merkwürdige Beispiele ver- wandter Erscheinungen. „Oft genug", sagt er, „begegnet es uns, dass Jemand mit uns spricht, wir aber zerstreut sind und daher im Augenblick nicht wissen, was er sagt; einen Augen- blick später indess sammeln wir uns, und nun kommt uns zum Bewusstsein, was wir gehört haben. Wir gehen durch eine Strasse, ohne auf die Aushängeschilder, die wir sehen, auf die Namen und Ankündigungen derselben zu achten; wir vermögen unmittelbar nachher keinen dieser Namen anzu- geben; und doch erinnern wir uns, vielleicht einige Tage später, wenn uns einer derselben anderweitig begegnet, dass wir ihn auf einem Aushängeschild gelesen haben. Wiederum also müssen wir die Gesichtsempfindung gehabt haben so vollständig wie jede andere, deren wir uns unmittelbar be- wusst werden; soi>st könnten wir uns ihrer offenbar nicht erinnern. Ebenso erinnern wir uns oft mehrere Tage später, ^) Ebend. S. H.

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beim Schreiben oder Sprechen^ einen Fehler gemacht zu haben, dessen wir uns während des Schreibens selbst nicht bewusst wurden. Auch hier muss ich das falsch geschriebene Wort gesehen, die Gesichtsempfindung vollständig gehabt haben; aber weil ich während des Schreibens nur auf die niederzuschreibenden Gedanken und die Verknüpfung der sie ausdrückenden Worte geachtet hatte, so bemerkte ich den Schreibfehler, d. h. die falschen Schriftzeichen, nicht. Gleich- wohl war die Sinnesempfindung zum Momente meiner Seele geworden, und als ich daher hinterdrein nicht mehr auf die niederzuschreibe*nden Gedanken, sondern auf die wirklich niedergeschriebenen Worte reflectirte, kam mir die gehabte Sinnesänderung des falschgeschriebenen Wortes zuni Be- wusstsein ^)."

Es ist leicht zu erkennen, dass diese und ähnliche Ar- gumente unkräftig sind, wenn man eine in unserem Sinne unbewusste Seelenthätigkeit dadurch begründen will. Die Annahme unbewusster psychischer Phänomene ist nicht die einzige Hypothese, aus welcher sich die Erscheinungen er- klären lassen. Für das erste und dritte Beispiel, die ich Ulrici entnommen, genügt die Annahme, dass etwas mit Be- wusstsein empfunden und später in dem Gedächtniss erneuert wurde, und dass bei diesem zweiten Auftreten gewisse Asso- ciationen und andere Seelenthätigkeiten an die Erscheinung sich knüpften, die das erste Mal in Folge besonderer hin- dernder Umstände unterblieben waren. In dem einen Bei- spiele war mit den gehörten Worten nicht ihre Bedeutung verbunden worden, in einem anderen hatte man das unrich- tig geschriebene Wort gesehen, aber keine Reflexion über seine Uebereinstimmung mit den Regeln der Orthographie daran geknüpft 2). Der Fall mit den Aushängeschildern ist noch einfacherer Art Er beruht einzig darauf, dass nicht ^) Gott und der Mensch, I. S. 286.

*) Es ist etwas Anderes „den Schreibfehler'*, und etwas Anderes „die falschen Schriftzeichen'* nicht bemerken. Ulrici hat mit Unrecht beides identificirt.

I Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 149 bloss die Aufnahme eines Eindruckes ini Gedächtnisse, son- dern auch seine wirkliche Erneuerung an gewisse Bedingungen geknüpft ist, welche das eine Mal 'fehlen, das andere Mal aber vorhanden sind. Die spätere ähnliche Erscheinung rief die frühere nach einem bekannten Gesetze der Ideenassocia- tion hervor, welches sich, so lange die Vorbedingung fehlte, natürlich nicht.wirksam erwiesen hatte.

Etwas ganz Aehnliches gilt hinsichtlich des ersten von Maudsley erbrachten Beispiels. Dem Dienstmädchen, von dem er erzählt, kamen Worte, ^ deren es sich zu einer Zeit nicht erinnern konnte, zu einer anderen von selbst in's Gedächt- niss zurück, offenbar unter Umständen, welche Vorbedingun- gen der Association enthielten, die im ersten Falle gefehlt hatten; Umständen, die unserer Analyse nicht unterworfen sein mögen, von denen wir aber annehmen müssen, dass sie der betreffenden Association so günstig waren, dass sie den Nachtheil einer verhältnissmässig schwachen Vorbereitung aufwogen. Dass das Dienstmädchen gehört habe, ohne sich seines Hörens bewusst zu sein, folgt sicher nicht daraus, dass es den Sinn der gehörten Worte nicht verstand. In der- selben Weise zeigt es sich, dass die Erscheinungen von star- kem Gedächtnisse, welche bei Idioten, sei es während sei es nach ihrem geisteskranken Zustande, hervortreten, keinen Schluss auf unbewusste Seelenerscheinungen gestatten ^).

*) Was Maudsley ebend. S. 19 f. über den unbewussten Einfluss von inneren Stimulis sagt, d. h. über die unbewusste Seelenthätigkeit in Folge der Einwirkung innerer Organe, z. B. der Sexualorgane, auf das Gehirn, erledigt sich in analoger Weise, wie die im Texte ange- führten, auf einen unbewussten Einfluss äusserer Stimuli abzielenden Bemerkungen. Die Einwirkungen rufen bewusste Empfindungen her- vor, an welche sich in dem speciell erwähnten FaUe lebhafte Affecte knüpfen, die dann das ganze psychische Leben mächtig beeinflussen.

Lewes führt die nicht gerade seltenen Fälle an, in welchen einer während der Predigt einschläft und bei ihrer plötzlichen Beendigung erwacht; was beweise, dass er die Schallempfindungen gehabt habe, aber unbewusst, denn sonst hätte er wissen müssen, was gesprochen worden. Durch unsere Antwort auf die von Ulrici und Maudsley er- brachten Beispiele sind auch diese Fälle erledigt. Dass die Empfin- 150 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Auch von Gefühlen der Zuneigung und Liebe sagt man Avohl manchmal, dass man, nachdem man sie lange schon ge- hegt, sich ihrer plötzlich bewusst werde ^). Die Wahrheit ist, dass man sich jedes einzelnen Actes bew\jsst war, als man ihn übte, dass man aber nicht in einer Weise darüber reflectirte, welche die Gleichartigkeit der Seelenerscheinung mit denjenigen, welche man gemeinsam mit diesem Namen zu bezeichnen pflegt, erkennen liess.

Man sagt auch oft, es wisse einer selbst nicht was er wolle; denn nachdem er lange nach etwas verlangt, sei er verdriesslich wenn es ihm zu Theil werde *). Man übersieht aber, dass diese Erscheinung sich leicht daraus erklärt, dass dem Verlangen nur die Licht-, nicht auch die Schattenseite des verlangten ^Gegenstandes vorgeschwebt hatte, so dass die Wirklichkeit der Erwartung nicht entsprach, oder daraus, dass dieselbe Veränderungslust das Ferne herbeiwünschen und das Gegenwärtige von sich stossen lässt, und dass so auch noch andere Hypothesen der Thatsache genügen können.

Häufig haben blosse Vorstellungen oder Gefühle, die von keinem bewussten Willen begleitet sind, körperliche Be- wegungen zur Folge. Man glaubte daraus auf ein unbewusstes düng vorhanden war, ist erwiesen; dass sie unbewusst vorhanden war, ist nicht erwiesen. — Lewes erzählt auch, wie er einmal in einer Re- stauration einen Kellner mitten im Lärm eingeschlafen gefunden und ihn vergebens beim Namen und Vornamen gerufen habe. Sobalfl er jedoch das Wort „Kellner** ausgesprochen, sei derselbe erwacht! Darauf, dass der Kellner auch das frühere Rufen gehört habe, lässt sich mit Recht schliessen, nicht aber darauf, dass es unbewusst geblieben sei. Der Grund, wesshalb der eine Ruf weckte, während die anderen es nicht thaten, war, dass sich an ihn durch die Gewohnheit sehr stark begründete Associationen und zwar nicht bloss von Vorstellungen, sondern auch von Gefühlen, knüpften, die trotz der Hindernisse, welche im Zustande des Schlafes gegeben waren, zu einer mächtigen £rregung der Seelenthätigkeiten führten. Dem gleichen Umstände ist es zuzuschreiben, wenn Admiral Codrington als Seedienst - Aspirant nur durch das Wort „Signal'* aus tiefem Schlafe erweckt werden konnte. (Lewes, Physiol. of com. life, tom II.)

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein, 151 Wollen schliessen zu dürfen, welches auf dieselben gerichtet sei; denn das Wollen sei es, welches nach Aussen wirke ^). Es ist aber nicht im Geringsteh unwahrscheinlich, dass auch an andere Phänomene eine solche Wirkung sich knüpft 2). Es würde ermüdend sein*, wollte ich noch weitere Bei- spiele häufen. Nur eine Bemerkung sei darum beigefügt. Selbst wenn man in gewissen Fällen zugestehen müsste, dass wir ohne die Annahme der Einwirkung unbewusster psychi- scher Phänomene unfähig seien eine Erscheinung zu begrei- fen: würde der Beweis keine Kraft haben, so lange diese Unfähigkeit aus der Mangelhaftigkeit unserer Kenntniss des betrejQfenden Gebietes sich unschwer erklären lässt. Es ist ein allzukühnes Wort, wenn Hartmann behauptet ^), die Ver- mittelung zwischen dem Willen und der dem Willen gehor- chenden Bewegung könne unmöglich eine mechanische sein; sie setze also unbewusste geistige Zwischenglieder, insbeson- dere die unbewusste VorsteUung der Lage der entsprechen- den motorischen Nervenendigungen im Gehirne voraus. Kein besonnener Physiologe wird ihm hier Zeugniss geben. Einen Theil der Vermittelung können wir als mechanisch nachwei- sen, und erst da endet die Möglichkeit des Nachweises, wo das bis jetzt so wenig zugängjiche Gebiet der Gehirnphysio- logie beginnt. Auch die Psychologie selbst ist, wie wir schon wiederholt bekennen mussten, noch in einem sehr zurückge- bliebenen Zustande; und es ist darum recht wohl denkbar^ dass, was man als Folge unbewusster Thätigkeit betrachten zu müssen glaubt, bei vollkommenerer Erkenntniss der psy- chischen Gesetze auf die bewussten Phänomene allein als ge- nügende Ursache zurückgeführt werden könne.

§. 5. Der zweite Weg, auf welchem sich, wie wir sagten^ ein Nachweis unbewusster psychischer Acte versuchen liess, *) Hartmann*s Gründe für das Gegentheil (a. a. 0. S. 93) sind eip Muster von willkürlicher aprioristischer Speculation, in grellem Ge- gensatze zu den im Eingange gemachten Verheissungen naturwissen- schaftlicher Methode.

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war der Schluss von der Ursache auf die Wirkung. Wepn eine gegebene Thatsache eine Seelenerscheinung nothwendig als Wirkung nach sich zieht, so ist man, wenn dennoch keine im Bewusstsein auftritt, zur Annahme eines unbewussten Phä- nomens berechtigt.

Auch hier gibt es aber gewisse Bedingungen, die nicht ausser Acht gelassen werden dürfen. Einmal muss fest- stehen, dass das zu erwartende psychische Phänomen nicht im Bewusstsein aufgetreten und dann sofort vergessen wor- den ist. Ferner muss nachgewiesen sein, dass in dem be- treffenden Falle eine den anderen Fällen völlig gleiche Ur- sache vorlag. Und endlich ist, obwohl eigentlich in dem vorigen Punl^te mitenthalten, insbesondere noch die Fordenmg des Nachweises geltend zu machen, dass die Ursachen, welche hier das begleitende Bewusstsein verhinderten, und welche offenbar in /den anderen Fällen nicht vorhanden waren, nicht auch dem psychischen Phänomene, dessen Existenz erschlossen werden soll, entgegenwirkten, und dass überhaupt für dieses keine besonderen Hindemisse bestanden.

Legen wir diesen Maassstab an die wenigen hieherge- hörigen Beweisversuche, so ergibt sich, dass auch von ihnen nicht ein einziger gelungen ist. Wir wollen auch dies im Einzelnen zeigen.

Wenn die Meeres woge an das Ufer schlägt, so hören wir das Getöse ihrer Brandung, und sind uns des Hörens be- wusst. Wenn aber nur ein Tropfen bewegt wird, glauben wir kein Geräusch zu hören. Und dennoch, sagt man, müssen wir annehmen, dass wir auch in diesem Fall eine Schall- empfindung haben; denn die Bewegung der Woge ist eine gleichzeitige Bewegung ihrer einzelnen Tropfen, und nur aus den Schallempfindungen, welche die Tropfen hervorbringen, kann sich die Empfindung der rauschenden Woge zusammen- setzen. Wir hören also, aber wir hören unbewusst^).

^) Dieses Argument geht bis auf Leibnitz zurück; ja, wenn man wiU, so kann man sagen, dass schon Zeno der Eleate daran gerührt habe, nur benützte dieser die Schwierigkeit in anderem Sinne. (Sim- plicius zu Arist. Phys. VII. 5.)

'V Capitel 2. Vota inaereu Bewusstsein. ' 153 I Der Fehler dieses Arguments ist handgreiflich. Es ver- stösst gegen die zweite der von uns aufgestellten Bedingungen. Eine Summe von Kräften unterscheidet sich in ihrer Wirkung nicht bloss quantitativ, sondern sehr oft auch qualitativ von den einzelnen Summanden. Eine geringere Abkühlung als Null Grad verwandelt das Wasser nicht theilweise oder in einem geringeren Maasse in Eis; eine geringere Erwärmung als achtzig Grad führt nicht zu einem bloss quantitativ ver- schiedenen Gaszustande. So nmss auch, wenn der grössere physische Reiz eine Schallempfindung erzeugt, der kleinere nicht nothwendig die Erscheinung eines Geräusches zur Folge haben, das nur seiner Intensität nach geringer ist.

Aehnlich ist der folgende Beweisversuch. „Wir ver- mögen", sagt Ulrici, „sehr kleine Objecte, deren Grösse noch nicht den zwanzigsten Theil einer Linie beträgt, nicht wahr- zunehmen...Gleichwohl muss auch von solchen Objecten nothwendig eine Reizung des Nervus opticus und somit ein Sinneseindruck ausgehen. Denn auch grössere Gegenstände werden ja nur dadurch sichtbar, dass jeder kleinste (für sich allein unsichtbare) Punkt einer leuchtenden, gefärbten Fläche einen Lichtstrahl in das Auge sendet, und dieser den über die Retina ausgebreiteten Nerven afficirt, — dass also die stärkere, merkbare, zum Bewusstsein kommende Gesichts- empfindung sich gleichsam zusammensetzt aus einer Menge schwacher, unmerklicher Sinneseindrücke ^)." So gefasst, ist der Schluss auf unbewusste Empfindungen aus dem oben be- sprochenen Grunde ungültig. Man könnte ihm aber eine etwas andere Wendung geben. Man könnte sagen, die In- tensität des Reizes ist häufig in solchen Fällen nachweisbar gross genug, um eine Empfindung zu erzeugen. Denn im Mikroskope betrachtet werde oft das Unsichtbare sichtbar, und doch werde der Lichtreiz beim Durchgange durch die brechende Linse nicht verstärkt, im Gegentheile geschwächt, und auch durch die Vertheilung des Reizes auf eine grössere Fläche müsse die Reizung jeder einzelnen Stelle vermindert .f \tk ■ 154 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

f-jf-i if / werden. So sei es denn sicher, dass ohne Peihalfe des Instruments ebenfalls eine Farbenerscheinung, ja eine lebhaf- tere und nur etwa minder ausgedehnte Farbenerscheinung, , empfunden werden müsse, die aber nicht zum Bewusstsein komme.

Allein auch in dieser Gestalt kann das Argument nicht der zweiten Bedingung entsprechend genannt werden. Durch das Mikroskop ist die einwirkende Ursache, wenn nicht in ihrer Intensität verstärkt, doch jedenfalls irgendwie ge- ändert. Es liegen also nicht wahrhaft gleiche Ursachen vor. Wir haben kein Recht zu sagen, dass, weil in dencir einen Falle die Intensität der Reizung nicht geringer war als in dem anderen, ebenfalls eine Empfindung eingetreten sein müsse; denn eben so gut lässt sich denken, dass durch die Reizung der Retina in einer grösseren Ausdehnung eine noth- wendige und zuvor nicht vorhandene Vorbedingung der Em- pfindung realisirt worden sei. Vielleicht wird der Mangel der Beweiskraft noch deutlicher, wenn man insbesondere die dritte Bedingung in Betracht zieht. Vi'^as soll der Grund sein, warum die angeblich nur dem Räume nach beschränk- tere, aber nicht minder starke, ja stärkere Empfindung nicht zum Bewusstsein kommen konnte? — Wir wissen keinen an- zugeben, und es scheint vielleicht weniger begreiflich, wie die beschränkte Reizung der Netzhaut das Entstehen des Be- wusstseins unter Voraussetzung der Empfindung, als wie sie die Empfindung selbst verhindert haben sollte.

Von grösserem Gewichte scheint die folgende Thatsache. Helmholtz ^) berichtet, dass er nicht selten an den sogenann- ten Nachbildern Einzelheiten bemerkte, die er beim Sehen des Gegenstandes nicht wahrgenommen hatte. Auch mir ist oft dasselbe begegnet, und ein Jeder kann leicht die Thatsache durch eigene Erfahrung bestätigen. Hier war der Reiz offen- bar sehr intensiv, sonst hätte er kein Nachbild erzeugt; und ebenso kann man nicht sagen, die Netzhaut sei nicht in ge- nügender Ausdehnung gereizt worden, denn auch dann hätte Capitel 2. Vom inneren Bewussteein. 155 derselbe Umstand die Erscheinung im Nachbilde verhindert. Es scheint also sicher, dass eine Empfindung des betreffenden besonderen Zuges eintreten musste. Wenn er nun nichts- destoweniger unbemerkt blieb, so scheint nur die Annahme übrig zu bleiben, dass er unbewusst von uns vorgestellt wor- den sei.

Dennoch fehlt viel daran, dass diese Beweisführung ge- sichert wäre. Nicht einmal der ersten der drei von uns ver- zeichneten Bedingungen wird genügt; denn wer bürgt dafür, dass das betreffende Phänomen nicht wirklich von Bewusst- sein begleitet war und nur sofort vergessen worden ist? Was wir später von dem Einflüsse der Aufmerksamkeit auf die Begründung der Association hören werden, wird dies als voll- kommen denkbar zeigen. Aber auch die zweite und dritte Bedingung sind nicht erfüllt. Der äussere Reiz allerdings war an und für sich stark und ausgedehnt genug, um eine Empfindung hervorzurufen. Aber waren auch die nöthigen psychischen Vorbedingungen gegeben? — Warum ist denn, die Thatsache als sicher vorausgesetzt, keine bewusste Empfindung entstanden? Man antwortet: weil die Aufmerk- samkeit auf etwas Anderes völlig concentrirt war. Aber kann diese gänzUche Absorption durch andere Gegenstände nicht eben so gut die Empfindung selbst als das blosse Be- wusstwerden der Empfindung verhindert haben? Ulrici ent- gegnet hierauf: Das Nachbild, weil es nur „Nachbild eines bestimmten Urbildes ist, kohnte unmöglich mehr oder An- deres enthalten, als was bereits im Urbilde, d. h. in der ur- sprünglichen Sinnesempfindung, enthalten war. Die Einzel- heiten, die wir am Nachbilde bemerken, müssen mithin nothwendig auch im Urbilde vorhanden gewesen sein in der- selben, ja in grösserer Stärke und DeutUchkeit als am Nach- bilde O'*' Allein wer sähe nicht, dass er sich hier auf einen Strohhalm stützt? Sein ganzer Halt ist der Namen „Nach- bild", der aber hier durchaus nicht eine Nachbildung in dem Sinne einer im HinbUcke auf ein Vorbild ausgeführten Copie 156 Buch II. Von den paychischen Phänomenen im Allgemeinen.

bedeuten solH), sondern wahrscheinlich in Rücksicht auf die zeitliche Succession gewählt wurde. Das Nachbild erscheint merklich später als der Lichtstrahl die Netzhaut afficirte. Thatsache ist es, dass nicht die frühere Empfindung, sondern der Fortbestand des früheren physischen Reizes oder ein an- derer physischer Process, der auf ihn folgt*), als Ursache des sogenannten Nachbildes zu betrachten ist. Nehmen wir nun an, der anfängliche physische Reiz habe wegen eines psychischen Hindernisses nicht zur Empfindung geführt, so wird er darum vielleicht doch riicht weniger lang fortbestan- den und nicht minder starke physische Folgen gehabt haben. Somit ist es keineswegs eine Unmöglichkeit, dass Nachbilder oder Theile von Nachbildern von uns empfunden werden, ohne dass eine dem eindringenden Strahl gleichzeitige Em- pfindung derselben vorangegangen ist.

§. 6. Wir kommen zur dritten Classe möglicher Beweis- versuche. Auch dann, sagten wir, werde man die Existenz unbewusster psychischer Acte als gesichert betrachten dür- fen, wenn es sich zeige, dass bei den bewussten psychischen ' Acten die Stärke des darauf bezüglichen Bewusstseins eine Function ihrer eigenen Stärke sei, und dass aus diesem Ver- hältnisse hervorgehe, wie in gewissen Fällen, in welchen die letztere eine positive Grösse ist, die erstere jedes positiven Werthes entbehren müsse.

Dass die Stärke des Bewusstseins vom psychischen Phä- nomene eine derartige Function seiner Stärke sei, ist ein Ge- danken, dem wir z. B. bei Beneke^) begegnen. Mit einem gewissen Höhegrade der Intensität einer Vorstellung stellt sich darum nach ihm das Bewusstsein ein und wächst und vermindert sich in Abhängigkeit von ihm. Allein dass er ^) In dem Falle, in welchem nach dem Blicke auf eine rothe Fläche ein grüner Schein auftritt, dürfte diese Copie nicht sehr getreu ge- nannt werden.

^) Hierin sind alle Physiologen einig, obwohl sonst noch manche Meinungsverschiedenheit hier besteht.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. I57 oder ein Anderer einen einigermassen genügenden Beweis für das Bestehen eines entsprechenden Abhängigkeitsverhält- nisses zwischen der einen und anderen Intensität erbracht habe, wird Niemand behaupten^). Auch sollte man meinen, dass die Ungenauigkeit unserer psychischen Maassbestimmun- gen, von welcher wir in der Untersuchung über die Methode gesprochen 2), der exacten Bestimmung eines solchen functio- nellen Verhältnisses untibersteigliche Hindernisse in den Weg lege. Die grosse Mehrzahl der Menschen aber wird geneigt sein, die Stärke der bewussten Vorstellungen und die Stärke der Vorstellungen, die sich auf sie beziehen, einfach einander gleichzusetzen.

Doch ein besonderer Umstand scheint in diesem Falle wirklich einen genauen und sicheren Nachweis des Intensi- tätsverhältnisses zu gestatten.

Die Intensität des VorsteUens ist immer gleich der In- tensität, mit welcher das Vorgestellte erscheint; d. h. sie ist gleich der Intensität der Erscheinung, welche den Inhalt des VorsteUens bildet. Dies darf als selbstverständlich gelten und wird darum fast ausnahmslos von den Psychologen und Phy- siologen entweder ausdrücklich behauptet oder stillschweigend vorausgesetzt. So fanden wir oben % dass E. H. Weber und Fechner voraussetzten, die Intensität des Empfindens sei gleich der Intensität, mit welcher das physische Phänomen in der Empfindung auftrete, und nur unter dieser Bedingung war das von ihnen begründete Gesetz ein psychophysisches.

^) Um ein etwaiges Missverständniss auszuschliessen, mache ich hier nochmals darauf aufmerksam, dass, was Fechner eine unbewusste Vorstellung nennt, nichts Anderes als die mehr oder minder ungenü- gende Disposition zu einer Vorstellung ist, die an einen gewissen physischen Process sich knüpft, insofern dieser bei grösserer Stärke von einer Vorstellung im eigentlichen Sinne begleitet sein würde. Die Schwelle, unter welche Fechner das Bewusstsein der Empfindung zu negativen Werthen hinabsinken Jässt, ist zugleich die Schwelle der Empfindung selbst als eines wirklichen psychischen Actes.

2) Vgl. oben I. Buch, Capitel 4, S. 85 ff.

158 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Ist nun dieses richtig, ist die Intensität des Vorstellens allgemein gleich der Intensität der Erscheinung, welche sei- nen Inhalt bildet: so ist klar, dass auch die Intensität des Vorstellens von einem Vorstellen gleich sein muss der Inten- sität, mit welcher dieses Vorstellen erscheint. Es fragt sich also nur, wie die Intensität, welche die eigenen bewussten Vorstellungen in der Erscheinung haben, sich zu ihrer wirk- lichen Intensität verhalte.

Doch in dieser Hinsicht kann kein Zweifel bestehen. Beide müssen einander gleich sein, wenn anders die innere Wahrnehmung untrüglich ist. Wie ihr statt des Hörens kein Sehen, so kann ihr auch statt eines schwachen kein starkes, und statt eines starken kein schwaches Hören erscheinen. So kommen wir denn zu dem Schlüsse, dass bei jeder be- wussten Vorstellung die Stärke der auf sie bezüghchen Vor- stellung ihrer eigenen Stärke gleich ist.

Hiemit ist nun in der That ein mathematisches Ver- hältniss zwischen der einen und anderen Intensität gefunden, und zwar das einfache Verhältniss völüger Gleichheit. Aber wenn dieses einfachste aller denkbaren functionellen Verhält- nisse es ist, welches eine Veränderung der Intensität der begleitenden Vorstellung als nothwendige Folge jeder Zu- und Abnahme der Intensität des begleiteten psychischen Phänomens erkennen lässt: so ist dies so weit entfernt, einen Beweis für die Existenz unbewusster psychischer Acte zu liefern, dass wir vielmehr das Gegentheil daraus werden fol- gern müssen. Es gibt keinen unbewussten psychischen Act; denn wo immer er in einer grösseren oder geringeren Stärke" besteht, wird die gleiche Stärke einer mit ihm gegebenen Vorstellung zukommen, deren Object er ist. Dies scheint denn auch die Ansicht der grossen Mehrzahl, und selbst unter denjenigen Psychologen, welche den Worten nach das Gegentheil lehren, sind einige, deren Widerspruch sich löst und in volle Zustimmung übergeht, sobald man nur ihre Aus- sprüche in unsere Sprachweise übersetzt.

Aber noch ein vierter Weg bleibt zu berücksichtigen, auf welchem Manche hicht bloss die Falschheit, sondern so- ■^ Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 159 gar die Absurdidät der Annahme, dass jede Seelenthäiigkeit eine bewusste sei, erweisbar glaubten. Blicken wir, ehe wir endgültig unsere Schlüsse ziehen, auch auf diese Art von Beweisversuchen.

§.7. Das Hören ist als Vorstellung eines Tones ein psy- chisches Phänomen und sicher eines der einfachsten Beispiele. Nichtsdestoweniger scheint es, wenn alle psychischen Phäno- mene bewusst sind, nicht ohne eine unendliche Verwickelung des Seelenzustandes möglich zu sein.

Vor Allem, wenn kein psychisches Phänomen ohne ein darauf bezügliches Bewusstsein möglich ist, so hat man mit der Vorstellung eines Tones zugleich eine Vorstellung von der Vorstellung des Tones. Man hat also zwei Vorstellungen, und zwar zwei Vorstellungen sehr verschiedener Art. Nennen wir die Vorstellung des Tones „Hören", so hat man ausser der Vorstellung des Tones eine Vorstellung des Hörens, die von diesem selbst so verschieden ist wie das Hören vom Tone.

Aber hiebei wird es nicht sein Bewenden hab^n. Denn wenn jedes psychische Phänomen, so muss auch die Vorstel- lung des Hörens ebenso wie die des Tones in bewusster Weise gegenwärtig, also auch von ihr eine Vorstellung vor- handen sein. Wir haben demnach in dem Hörenden drei Vorstellungen: die des Tones, die des Hörens und' die der Vorstellung des Hörens. Aber diese dritte Vorstellung kann nicht die letzte sein. Auch sie ist bewusst, also vorgestellt, und die auf sie bezügliche Vorstellung ist wiederum vorge- stellt, kurzum die Reihe wird entweder unendlich sein oder mit einer unbewussten Vorstellung abschliessen. Wer also leugnet, dass es unbewusste psychische Phänomene gebe, der wird bei dem einfachsten Act des Hörens eine unendliche Menge von Seelenthätigkeiten anerkennen müssen.

Auch das scheint einleuchtend, dass der Ton nicht bloss im Hören, sondern auch in der gleichzeitigen Vorstellung des Hörens als vorgestellt enthalten sein muss. Und auch in der Vorstellung von der Vorstellung des Hörens wird er nochmals, also zum dritten Male, das Hören aber zum zweiten 160 Buch U. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Male vorgestellt werden. Ist dies richtig, so liegt darin ein neuer Grund zu unendlicher Verwickelung, insofern wir nicht eine unendliche Reihe von Phänomenen von gleicher Einfach- heit, sondern eine unendliche Reihe von Phänomenen erhal- ten, in der die einzelne^ Glieder selbst mehr und mehr und in's Unendliche sich verwickeln.

Das scheint nun aber eine sehr missliche Annahme; ja die Annahme ist offenbar absurd i), und Niemand wird sich zu ihr bekennen wollen. Wie also soll es möglich sein, auf der Leugnung unbewusster psychischer Acte zu be- haiTen?

Nur eine Annahme scheint, weim es kein unbewusstes Bewusstsein geben soll, der Folgerung einer unendlichen Verwickelung entgehen zu können; diejenige nämlich, welche Hören und Gehörtes für ein und dasselbe Phänomen er- klärt, indem sie das Hören auf sich selbst als sein Object gerichtet denkt. Ton und Hören wären dann entweder nur zwei Nansen für ein und dasselbe Phänomen, oder der Un- terschied ihrer Bedeutung bestände etwa darin, dass man mit dem Namen Ton die äussere Ursache bezeichnete, die man früher gemeiniglich dem Phänomene im Hörenden ähnlich dachte, und von der man darum sagte, dass sie im Hören erscheine, während sie in Wahrheit unserer Vorstellung sich entzieht.

Es gibt unter den englischen Psychologen mehrere, welche eine solche Ansicht vertreten. Im vorigen Capitel besprachen wir eine Stelle von A. Bain, worin dieser Philosoph die Ge- fühlsempfindung im Sinne des Empfindens und des Empfun- denen völlig identificirt und für alle übrigen Gattungen von Sinneseindrücken dasselbe Verhältniss der Identität zwischen Act und Object des Actes andeutet. Auch bei J. St. MiU fehlt es nicht an Aeusserungen, welche die gleiche Anschauung