SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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Wir erinnern uns der eigenthümlichen Ansicht Hamilton's in Betreff der Gefühle von Lust und Unlust. Bei ihnen, meinte er, bestehe nicht ein ähnliches Verhältniss von Sub- ject und Object wie bei anderen psychischen Phänomenen; beide seien so in Eins verschmolzen, dass von einem Objecte eigentlich gar nicht mehr die Rede sei ^). Einen gewissen Anhalt für seine Lehre musste Hamilton doch wohl in der Erfahrung haben, wenn er ihre Erscheinnngen auch nicht ganz richtig beschrieb. Und es wäre sein Irrthum in der That ganz unbegreiflich, wenn, im vollen Gegensatze zu dem was er von dem Gefühle behauptete, gerade das Gefühl es wäre, das niemals, auch nur in dem Sinne in welchem es von der inneren Vorstellung und Erkerintniss nachgewiesen wurde, mit seinem Objecte verschmölze.

Ferner haben wir gesehen, wie bei manchen Sinnes- empfindungen das begleitende Gefühl von Lust und Unlust nicht bloss mit der Empfindung selbst, sondern sogar mit dem immanenten Gegenstande der Empfindung, mit dem phy- sischen Phänomene verwechselt wurde, auf welches der Em- pfindungsact als auf sein primäres Object gerichtet ist. Dies fanden wir namentlich beim Schmerz und bei der Lust des sogenannten Gefühlssinnes; Philosophen wie Nicht -Philosophen sahen wir hier in den gleichen Fehler fallen. Auch er ist gewiss ein Zeichen, welches auf die Innigkeit der Verbindung des Gefühles mit dem von ihm begleiteten Acte hindeutet.

Aber auch direct gibt die ü]()ereinstimmende Ansicht älterer wie neuerer Psychologen dem von uns dargelegten Verhältnisse Zeugniss. Die bedeutendsten unter den eng- lischen Psychologen, die der empirischen Schule angehören, Capitel 3. Weitere Betrachtangen über das innere Bewusstseia. 191 ■ halten dafür, dass die einen Empfindungsact begleitende Lust oder Unlust in dem Acte selbst enthalten sei. So z. B. James Mill in seiner Analyse der Phänomene- des mensch- lichen Geistes^), und ebenso A. Bain, der nur einen zwei- fachen Theil oder eine zweifache EigenthümUchkeit der Em- pfindung.unterscheidet: ihre, wie er sich ausdrückt, intel- lectuelle und ihre emotionelle EigenthümUchkeit, unter welcher er die daran geknüpfte Lust oder Unlust versteht. Auch der jüngere Mill vertritt dieselbe Anschauung. Indem er für die Mehrzahl der Fälle sie als unzweifelhaft richtig voraussetzt, wirft er in einer Note zu dem genannten Werke seines Va- ters nur die Frage auf, ob nicht etwa in gewissen besonderen Fällen die Lust oder Unlust, die eine Empfindung begleite, vielmehr etwas für sich sei, was zur Empfindung hinzukomme, als eine blosse besondere Seite oder Beschaffenheit der Em- pfindung ^). Nachdem er angeführt, was in Betreff ihrer zu einer abweichenden Ansicht veranlassen könnte, neigt er sich aber trotzdem auch bei ihnen der gleichen Auffassung zu und sucht die Bedenken zu heben ^).

In Deutschland zeigt sich dasselbe. Domrich z. B. in einem allgemein als werthvoU anerkannten psychologischen Werke nennt mit ganz ähnlichem Ausdrucke wie Mill das Fühlen, welches eine Empfindung begleitet, „eine Qualität des Empfindens". Und bei allen von einem Geirihle begleite- ten Vorstellungen fasst er das Verhältniss in dieser Weise, und nennt das Gefühl „die Art, wie das Bewusstsein durch die Perception erregt wird"*). Auch Nahlowsky glaubt die an eine Empfindung geknüpfte Lust oder Unlust in ihr selbst gegeben. Er nennt sie „Ton der Empfindung", weigert sich dagegen, ihr den Namen Gefühl beizulegen, da sie vielmehr *) Anal, of the Phen. of the Human Miud, 2. edit. II. eh. 17.

*) „rather than a particular aspect or qualitj of the Sensation".

*) Anal, of the Phen. of the Hunnan Mind, 2. edit. IL eh. 17. p. 185, wo auch über Bain's Ansicht berichtet wird.

192 Bnoh II. Von den psychischen Phänomenen im ÄUgemeiaeü.

etwas dem eigentlichen Gefühle völHg Heter<%en^ sei '). Hiezu hat ihn wohl das Streben geflihrt, mit den allgemeinen Prin- cipien derHerbartiscben Gefühlslehre in Einklang zu bleiben; denn Herbart und seine Schule, wenn sie auch die Gefühle als Zustände von Vorstellungen bezeichnen, lassen doch nur aus einem Verhältniss mehrerer Vorstellungen zu einander Gefühle entspringen.. Allein da Nahlowsky nun doch einmal auf dem Wege war, sich in diesem Gebiete von Herbart zu iDcipiien, so hätte er besser gethan, das Princip selbst aufzugeben, als eine Unterscheidung zu machen, die offen- bar unhaltbar ist, und ihn nicht bloss mit allen anderen Psy- chologen, sondern auch mit den hervorragendsten Herbartia- nem, wie Drobisch, Zimmermann u. a., in Widerspruch bringt. Auch Wundt, der mit Recht darauf hinweist, dass aus den Gefühlen, die Nahlowsky nur als „Töne der Empfin- dung" gelten lassen will, häufig zusammengesetztere Ge- müthsbewegungen wie aus ihren elementaren Factoren her- vorgehen *), und darum den Namen „Gefühlston der Empfin- dung" und „sinnliches Gefühl" als gleichbedeutend gebraucht, lehrt zugleich auf das Bestimmteste, dass dieses sinnliche Gefühl „ein Bestandtheil" der Empfindung sei, „eine dritte Bestimmung", die zur Qualität und Intensität hinzutrete, in- sofern jede Empfindung „Bestandtheil eines Bewusstseins" sei ä). So ist auch er, und vielleieht mehr noch als die früher Gienannten, unserer Ansicht günstig.

Aber nicht bloss diese und andere moderne Psycliologen neigen sich ihr zu. Im Alterthume schon hat Aristoteles sie anticipirt. Da, wo er in der Nikomachischen Ethik von der Lust spricht, welche gewisse psychische Thätigkeiten begleite, sagt er, dass sie zur Vollkommenheit des Actes beitrage, aber nicht wie eine vorbereitende Disposition, sondern wie eine formale Ursache; dass sie den Act vollendend zu ihm *) Das GefuhlelebeD, Einleitung. Aehnlich wie Nahlonskj äussern sich Volkmanu, GrnndriBS der Pejchol., S. 5S, und Waitz, Peycholals Natorwigsenschaft, A. 286.

Capitel 3. Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 193 hinzukomme; dass sie zu der von ihr begleiteten Thätigkeit gehöre, wie die Reife zu dem, der in der Blüthe des Lebens steht; dass sie in der Thätigkeit enthalten sei ^); und dass sie. als Vollendung des Actes specifisch verschieden sei je nach der specifischen Verschiedenheit des Actes ^). Das Alles gibt un- zweideutig die Uebereinstimmung auch dieses scharfen psycholo- gischen Beobachters mit unseren Bestimmungen zu erkennen ^).

§. 6. Es fragt sich nun, ob diese dritte Weise begleiten- den Bewusstseins auch darin den früher betrachteten gleicht, dass sie allgemein mit den psychischen Acten verbunden ist.

Die Psychologen sind hier in ihren Ansichten getheilt. James Mill z. B. behauptet, es gebe auch indifferente Em- pfindungen; doch erkennt er an, dass in jeder Gattung von Empfindungen solche, woran Lust und Unlust sich knüpfen, vorkommen*); und dieses geben wohl alle Psychologen zu. Aber Andere gehen weiter. A. Bain^) z. B. und J. St. Mill ^) Eth. Nie. X. c. 4. Unter Anderem heisst es: relsiot ^k rriv yiyvofievov rt räXog, olov lolg axfiaCotg j} wqa. %(og av ovv t6 t€ vo7}t6v iJ aiai^rjTOv y oiov ^ei xal ro xqTvov ocal d-eoiQovVy ^arai' *) Ebend. c. 5.

3) Oone Zweifel liegt darin eine Bestätigung dafür, dass Aristote- les bezüglich der begleitenden inneren Wahrnehmung eine analoge Ansicht gehegt hat.

*) Anal, of the Hum. Mind, 2. edit. II. chapt. 17. p. 185. Der glei- chen Meinung scheint Aristoteles gewesen zu sein. Eth. Nie. X, 4. p. 1174, b, 20 beweist, dass er in jeder Gattung von Empfindungen Gefühle anerkannte; ja er that dies auch bei den übrigen Gattungen von Seelenthätigkeit, wie beim Denken (ebend.) und Begehren (ebend- 5. p. 2176, a, 26). Doch De Anim. III, 7. p. 431, a, 9 scheint zu zei. gen, dass er auch gleichgültige Empfindungen angenommen habe, ob- wohl der Schluss nicht ganz sicher ist.

*) Bain glaubt, dass alle Empfindungen Gefühle genannt werden können, indem sie alle einen gewissen emotionellen Charakter haben. Eigenthümlich ist es bei ihm, dass er ausser angenehmen und unange- men auch völlig neutrale Gemüthsbewegungen annimmt, wie z. B. die Ueberraschung (Mental Science, 3. edit. p. 215. p. 217). Die sogleich erwähnende Auffassung von J. St. Mill ist hier wohl sicher die richtigere.

Brentano, Psychologie. I. 13 [^ 194 ßuoh II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

r t a sind der Ansicht, dass jede Empfindung von einem Gefühle begleitet sei. Von denjenigen, von welchen man dies zu leugnen geneigt ist, sagt der letztere in seiner Schrift über Hamilton: „Ohne schlechthin indifferent zu sein, sind sie doch W* nicht in ausschliesslichem Maasse peinlich oder angenehm ^)."

H. Spencer erklärt, dass, wie jede Gemüthsbewegung eine Er- kenntniss, auch jede Erkenntniss eine Gemüthsbewegung ein- schliesse *). Hamilton, obwohl einer entgegengesetzten Richtung angehörig, ist hier der gleichen Meinung. Jeder psychische Zustand ist nach ihm mit einem Gefühle verbunden^). In Deutschland hat dieselbe Ansicht zahlreiche und bedeutende Vertreter. So sagt Domrich, dass Gefühl upd Gemüth von den anderen Seelenerscheinungen nicht ganz zu trennen seien. Seine Untersuchungen haben ihn zu der üeberzeu- gung geführt, dass jede Empfindung oder Vorstellung gleich- zeitig von einem Gefühle begleitet werde, dessen Intensität aber freilich sehr verschieden gross sein könne *). Und noch deutlicher fast spricht Lotze sich aus. „Man wird vor Allem sich entwöhnen müssen", sagt er in seinem Mikrokosmus, „die Gefühle als Nebenereignisse zu nehmen, die im Verlauf der inneren Zustände zuweilen einträten, während der grössere Theil der letzteren in einer gleichgültigen Reihe leid- und lustloser Veränderungen bestände...Von jeder [Erregung] werden wir einen Eindruck der Lust oder Unlust erwarten müssen, und eine genauere Selbstbeobachtung, soweit sie die verblassten Farben dieser Eindrücke zu erkennen vermag, bestätigt diese Vermuthung, indem sie keine Aeusserung un- serer geistigen Thätigkeit findet, die nicht von irgend einem Gefühle begleitet wäre. Verblasst sind jene Farben aller- dings in dem entwickelten Gemüthe vor dem übermächtigen Interesse, das wir einzelnen Zwecken unserer persönlichen Bestrebungen zuwenden, und nur eine absichtliche Aufmerk- >) Exam. of Hamilt. Philos. chapt. 13.

2) Vgl. Kibot, Psychologie Anglaise Contemporaine, p. 195.

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Capitel 3. Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 195 samkeit findet sie wieder auf, ebenso wie unsere mikrosko- pische Beobachtung die regelmässige Bildung unscheinbarer Gegenstände, über die unser Blick gewöhnlich unachtsam hinwegsieht. Jeder einfachen sinnlichen Empfindung, jeder Farbe, jedem Tone entspricht ursprünglich ein eigener Grad der Lust oder Unlust; aber gewöhnt, diese Eindrücke nur in ihrer Bedeutung als Merkmale der Gegenstände aufzu- fassen, deren Silin und Begriff uns wichtig ist, bemerken wir den Werth des Einfachen nur dann noch, wenn wir mit ge- sammelter Aufmerksamheit in seinen Inhalt uns vertiefen. Jede Form der Zusammensetzung des Mannigfaltigen erregt neben ihrer Wahrnehmung in uns einen leisen Eindruck ihres Uebereinstimmens mit den Gewohnheiten unserer eigenen Entwickelung, und diese oft unklaren Gefühle sind es, welche für jedes einzelne Gemüth jedem Gegenstand eine besondere Färbung geben...Aber selbst die einfachsten und schein- bar trockensten Begriöe des Denkens sind nie von diesem nebenhergehenden Gefühle ganz entblösst; wir fassen den Begriff der Einheit nicht, ohne zugleich ein Glück der Be- friedigung zu geniessen, das sein Inhalt einschliesst, den des Gegeiisatzes nicht, ohne zugleich die Unlust der Feindselig- keit mit zu empfinden; Ruhe, Bewegung und Gleichgewicht beobachten wir weder an den Dingen, noch entwickeln wir uns ihre Vorstellungen, ohne uns mit unserer ganzen Lebendig- keit in sie hineinzuversetzen und den Grad und die Art der Förderung oder der Hemmung mitzufühlen, die für uns aus ihnen hervorgehen könnte." „Auf dieser Allgegenwart der Gefühle beruht ein guter Theil unserer höheren mensch- lichen Ausbildung^)." Wie gesagt, sind noch viele Andere derselben Ueberzeugung, so dass es wenigstens der Wahrheit nahe kommt, wenn Horwicz sagt: „Dass übrigens alle Em- pfindungen mehr oder weniger betont (d. h. angenehm oder unangenehm) und keine ganz tonlos sind, wird heutzutage wohl von allen Psjxhologen anerkannt 2)."

13 'J^U" m t-f'" r--;f 196 II- Buch Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Indessen zeigen sich auch hier Schwierigkeiten. Vor Allem könnte gegen die Annahme, dass jede psychische Tha- tigkeit von einer darauf bezüglichen Lust oder Unlust be- gleitet sei, wieder geltend gemacht werden, dass sie, da auch die Lust und Unlust selbst zu den Seelenthätigkeiten ge- hören, zu einer unendlichen ^'ervielfältigung gleichzeitiger Acte führen müsste. Doch diesem Einwurfe hat eine frühere Betrachtung vorgebeugt. Dagegen bleibt ein anderer Ein- wand zu berücksichtigen.

Wundt, obwohl er Gefühle der Lust oder Unlust in sehr weitem Umfange den Empfindungen zugesellt, hält es doch für unmöglich, dass jede Empfindung von einem Gefühle be- gleitet sei, und sein Grund ist folgender. „Wir bezeichnen", sagt er, „das sinnliche Gefühl als angenehm oder unangenehm^ als ein Lust- oder Unlustgefühl. Lust und Unlust sind aber gegensätzliche Zustände, welche durch einen Indifferenzpunkt in einander übergehen.. Darin liegt ausgesprochen, dass es Empfindungen geben muss, welche unbetont, nicht von sinnlichen Gefühlen begleitet sind." — Angenommen, die Prämissen seien richtig, so würde wohl die absolute Möglich- keit einer Empfindung ohne Gefühl sich aus ihnen ergeben^ es würde aber noch keineswegs folgen, dass irgend einmal auch nur die kürzeste Zeit hindurch eine solche wirklich be- stände. Dies ist, was V\rundt selbst zugesteht, indem er fort- fährt: „Aber da die Beziehung der Empfindungen zum Be- wusstsein fortwährenden Schwankungen unterworfen ist, so entspricht jener Indifferenzpunkt im Allgemeinen immer nur einer vorübergehenden Gemüthslage, von welcher aus leicht ein Uebergang zu Lust- oder Unlustgefühlen stattfindet. Ebendesshalb muss jede Empfindung als verbunden mit einem gewissen Grade von Gefühl betrachtet werden i)." Es ist mir indessen mehr als zweifelhaft, ob auch nur die Voraus- setzungen des Schlusses selbst zugestanden werden können^ und ob nicht vielmehr die Empfindungen, welche zwischen den entschieden angenehmen und den entschieden unange- Capitel 3. Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 197 nehmen als indifferente eingeschaltet werden, mit J. St. Mill als solche zu bezeichnen sind, bei welchen eine Mischung von Lust und Unlust stattfindet, so dass keine von beiden ent- schieden überwiegt. Das, was Wundt für seine Auffassung anführen kann, ist insbesondere die Abhängigkeit des beglei- tenden Gefühles von der Intensität. Wenn wir den Einiluss eliminiren, den der. Zusammenhang unserer Vorstellungen auf die den einzelnen Empfindungen beigesellten Gefühle hat, €0 soll nach Wundt die Erfahrung lehren, dass jede Art von Empfindung bei massiger Stärke von einem Lustgefühle, bei sehr grosser Intensität von einem Schmerzgefühle begleitet sei. Allerdings, sagt er, sei bei einer sehr schwachen Em- pfindung das Lustgefühl gering und wachse zunächst, indem die Empfindung zunehme. Aber dann komme es zu einem Höhe- und Wendepunkte, üeber ihn hinaus nehme das Lustgefühl rasch ab und verwandle, durch einen Indifferenz- punkt hindurchgehend, sich in Unlust, die in Folge weiterer, stetiger Steigerung bei dem Reize, welcher der Empfindungs- höhe entspreche, eine unendliche Grösse erreiche. Ist diese Theorie richtig, so muss sie bei den höchsten Sinnen, bei welchen jede Untersuchung am Vollkommensten zu führen ist, am Meisten sich erproben. Wirklich lässt es sich nicht leugnen, dass an eine schwache Lichterscheinung an und für sich ein gewisses, schwaches Lustgefühl sich knüpft, dass, in- dem das Licht in lebendigerer Farbe strahlt, das Lustgefühl in erheblichem Maasse zunimmt, dass aber, wenn die Hellig- keit einen gewissen Grad überschreitet, eine Unlust entsteht, die bei directem Blick in die Sonne zu einem unerträglichen Schmerze sich steigert. Bei der ersten Betrachtung scheint also Alles die Auffassung von Wundt zu bestätigen. Aber der Schein schwindet sofort, wenn man den Thatbestand sorgfältiger untersucht. Ist es wirklich Lichtemptindung, an welche jener höchste Schmerz sich knüpft, den Wundt als einen unendlichen bezeichnen zu dürfen glaubt? Wundt selbst muss dies verneinen. Vielmehr hat diese Empfindung eine Qualität,.die sich von den Qualitäten in gleicher Weise schmerzlicher Empfindungen, die mittels anderer Sinnesnerven ■ 1 #i fc> ^ > VI ki.- 198 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

erregt werden, in nichts unterscheidet^). Wie nun? Ist in allmäligem Uebergange bei der Steigerung der Empfindung aus einer Farbe eine ganz heterogene Qualität geworden? Das- scheint in der That nicht minder undenkbar, als von Farben zu Tönen 'durch allmälig variirende Zwischenglieder den Uebergang zu vermitteln. In Wahrheit lehrt auch die Er- fahrung etwas ganz Anderes. Wenn ftie Lichteiüpfindung jene Stärke erreicht, bei welcher ein ünlustgefühl erregt wird, so finden wir die Lichterscheinung selbst nicht minder schön. Der Anblick der Sonne oder eines electrischen Lich- tes entzückt uns, obwohl ein Schmerz daonit verbunden ist. Es entsteht ein Widerstreit von Begierden in uns, insofern Wir den Schmerz vermeiden, und doch von solcher Schönheit das Auge nicht abwenden möchten. Wir haben "also hier ein gemischtes, oder vielmehr wir haben zwei verschiedene Ge- fühle, die sich an zwei gleichzeitig durch denselben Nerven vermittelte, aber darum nicht minder verschiedene, ja hetero- gene Empfindungen knüpfen. Darum erscheint auch die Un- lust ähnhch den Schmerzen, die sonst von sogenannten Ge- fühlsnerven hervorgerufen werden; sie hat keine Verwandt- schaft mit der Unlust, wie sie z. B. ein fahles Grau, sei e& an sich, sei es im Zusammenhange der Erscheinungen, i zu geben pflegt, und nur die Lust zeigt sich als eine gesteigerte Freude, wie der Anblick von Farben sie gewährt. Bei jedem ferneren Wachsthum deö Reizes scheinen mir beide, sowohl ^)^bebd. S. 433. Wundt drückt sich so aus, dass er sagt, das höchste ünlustgefühl zeige „keine qualitativen Differenzen mehr", und erklärt dies diaraus, dass die Empfindungen vollständig in dem Unlust- gefühle aufgegangen seien. Diese Bemerkung ist schwer verstS,ndlich;. denn es ist nach seiner ganzen Theorie vom Gefühle (vgl. S. 426 und 427) nicht wohl glaublich, dass er damit sagen wollte, es seien die Be- standtheile, aus welchen „die Empfindung an und für sich besteht^' ganz weggefallen. Wäre dies dennoch seine Meinung, so würde er hier denselben Fehler begangen haben, den wir früher an Anderen rügten, indem wir an der Nothwendigkeit einer Vorstellung als Grund- lage für das Gefühl festhielten; und unsere damaligen Vermuthungen über die Gründe, welche den Irrthum veranlassten,' würden sich be~ stätigt finden. (S. oben Buch II. Cap. 1. §. 3.).

Capitel 3. Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 199 Lust als Schmerz, gemeinsam zu wachsen, aber offenbar in sehr ungleichen Verhältnissen. Im Anfange mag darum die Schönheit des Anblickes das Unangenehme der zweiten Em- pfindung missachten lassen; aber bald wird der Schmerz so gross, dass die Schönheit nicht mehr lockt, und die Begierde den Schmerz zu vermeiden allein uns beherrscht. Dann wird es geschehen, dass wir die Empfindung auch einfach als eine unangenehme bezeichnen, obwohl wir, so lange überhaupt eine Farbenerscheinung bleibt, dieselbe nie eine hässliche nennen werden. So dient das, was Wundt's Ansicht am Meisten zu bestätigen schien, näher untersucht, am Meisten dazu, sie zu widerlegen. Aehnlich wie bei den Gefühlen der Gesichtsempfindungen verhält es sich bei denen der anderen Sinne. Hier ist es noch schwerer, die eine Empfindung von der anderen zu isoliren. Die Empfindungen beim Riechen z. B. sind nicht bloss eigentliche Gerüche; andere sind Fol- gen der Erregung von Gefühlsnerven, und wieder andere haben eine Beziehung zu den Lungen oder zum Magen, die z. B. bei den Erscheinungen, die wir als frische oder dumpfe, und wiederum bei denen, die wir als ekelhafte Gerüche zu bezeichnen pflegen, in Betracht kommen. Eine Mischung von angenehmen und unangenehmen Gefühlen wird also auch hier, das müssen wir schon von vorn herein mit der grössten Wahrscheinlichkeit vermuthen, statt eines wahrhaft indiffe- renten Empfindungszustandes zwischen Lust- und Unlustge- fühlen in der Mitte stehen.

Dass es von vorn herein nothwendig sei, ausser den von Gefühl begleiteten auch indifferente psychische Thätigkeiten anzunehmen, ist also nicht richtig. Sind wir aber auch im Stande den positiven Nachweis dafür zu erbringen, dass diese dritte Art inneren Bewusstseins den früher betrachteten an Allgemeinheit nicht nachsteht?

Natürlich werden wir hier eines früher eingeschlagenen Weges uns erinnern. Wir haben die Allgemeinheit beglei- tender Vorstellungen aus dem functionellen Verhältnisse zwischen ihrer Intensität und der Intensität der begleiteten Erscheinung dargethan. Können wir vielleicht auf ähnliche 200 ^ucb II. Von den psychiachen Phänomenen im ÄllgemeineD.

"Weise die Allgemeinheit begleitender Gefühle darthun"? Es ist nicht schwer zu erkennen, dass dieses unmöghch ist. Wie bei einem Urtheile, so finden wir auch bei einem Gefühle eine zweifache Art von Stärke, von welchen die eine ihm mit der zu Grunde liegenden Vorstellung gemein, die andere aber eigenthümlich ist. Bei der inneren Wahr- nehmung fanden wir, dass nur die erste Art von Intensität Function einer Intensität des wahrgenommenen Actes war; iliü iiir eigenthümliche Starke, die Stärke der üeberzeugung, war dieses nicht und zeigte sich überhaupt unveränderlich. Bei dem inneren Gefühle ist es anders. Es ist sicher, — und in den vorausgegangenen Erörterungen wurde es bereits berührt, — dass auch die dem Gefühl eigenthümhche Stärke, der Grad des Gefallens und Missfallens, abhängig ist von der Stärke des angenehmen oder unangenehmen Phänomens. Aber während die Intensität, welche dem inneren Gefühle mit der ihm zu Grunde liegenden Vorstellung gemein ist, ganz in derselben Weise wie die entsprechende Intensität der in- neren Wahrnehmung mit einer Intensität des gefühlten Actes immer auf gleicher Höhe steht, gilt von der dem inneren Gefühle eigenthumlichen Stärke nicht dasselbe; ja es zeigt sich, dass dieselbe psychische Erscheinung, z. B. dieselbe Eiiii}tiTidttng, unter verschiedenen Umständen ganz verschie- ilfii acfilhlt wird, dass sie bald mehr, bald minder gefallt, und:^(jgar bald Lust, bald Unlust erregt. Wenn wir die Toiik'iter aufwärts oder abwärts spielen, so hören wir diesel- ben Töne, aber mit anderen Gefühlen, und noch deutlicher und iiiaonigfaltiger werden die Unterschiede bei anderen Anordnungen der Töne. Passt der Ton in den Zusammen- hang der Melodie, so erscheint er angenehmer; passt er nicht, so wird er, wie sonor er sonst sein möge, von einem unan- genehmen Gefühle begleitet sein. Wird eine Melodie in einer anderen Tonart gespielt, so gibt jeder Ton ein ganz ähnliches Gefühl, wie derjenige, den er zu ersetzen dient, und ein ganz anderes Gefühl als dasjenige, welches an ihn, als er damals erachien, geknüpft war. Auf dem Gebiete der Farben zeigt sich dasselbe. Es gibt solche, von denen wir sagen, dass sie Capitei 3* Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 201 wohl zusammen stimmen, und es gibt andere, bei denen das Gegentheil der Fall ist. Während die ersteren, nach- oder nebeneinander gesehen, ganz besonders angenehm werden, beleidigen die letzteren, in gleicher Weise in Verbindung gebracht, unser Auge. Wir werden später von den Er- scheinungen des simultanen Contrastes sprechen, bei welchen eine Farbe, obwohl in ihrer Erscheinung ganz unverändert, für eine andere gehalten wird. In diesem Falle ist auch das merkwürdig, dass das Gefühl, welches die Empfindung der Farbe begleitet, verändert ist. Aehnlich wie bei der üeber- tragung einer Melodie in eine andere Tonart mit jedem ein- zelnen Ton ein dem Gefühle des Tones, der früher die be- treffende Stelle einnahm, verwandtes Gefühl verknüpft wird, finden wir hier, dass die Farbe, welche man mit einer an- deren Farbe verwechselt, ein dem Gefühl, welches diese ge- wöhnlich erweckt, verwandtes Gefühl mit sich führt. Hält man z. B. grau für rosenroth oder grün, so erscheint es ausser- ordentlich verschönert und erhält ganz den besonderen Reiz, welcher die betreffende Farbenerscheinung auszeichnet. So viel ist also einleuchtend, dass, wie auch immer eine Ab- hängigkeit der Intensität des begleitenden Gefühles von der Intensität der begleiteten psychischen Erscheinung nicht geleugnet werden kann, diese Intensität doch nicht der ein- zige Factor ist, von dem sie abhängt. Es kommen noch viele andere Mitbedingungen in Betracht, von welchen einige noch ganz unbekannt sein mögen, andejre hinsichtlich der Grösse ihres Einflusses noch nicht genau bemessen werden können. Wir sehen also wohl, dass auf diesem Weg ein Beweis für die Aligemeinheit begleitender Gefühle unmöglich zu erbringen ist.

Somit sehen wir uns auf die einfache Erfahrung hin- gewiesen; denn dieser Weg, der, als es sich um die innere Vorstellung und innere Wahrnehmung handelte, uns nicht oflfen war, ist durch die damaligen Erörterungen uns gebahnt. Als es noch nicht fest stand, dass jeder psychische Act von ims wahrgenommen werde, konnten wir durch einfache In- duction keine Sicherheit darüber gewinnen, ob diese oder WX' 202 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.