jene Weise des Bewusstseins allgemein unsere psychischen Thätigkeiten begleite. Ja es wäre eine offenbare Lächer- lichkeit gewesen, danach zu forschen, ob im Kreise unserer inneren Wahrnehmung kein Act, der nicht innerlich wahr- genommen werde, uns begegne. Jetzt aber wissen wir, dass, was von psychischen Thätigkeiten in uns ist, auch in das Bereich unserer W^ahmehmung fällt, und wir können mit allem Fug die Frage aufstellen: zeigt uns die innere Wahr- nehmung nur Thätigkeiten, die mit einem inneren Gefühle ver- knüpft sind, oder zeigt sie uns auch einen Fall der Ausnahme? Ein so ausgezeichneter Psychologe wie Lotze hat keinen gefunden, und mit dem seinigen verbinden sich, wie wir sahen, hier noch andere bedeutende Namen. Ja wenn wir die Aussagen von Wundt beachten, so sehen wir deutüch, dass auch er keine psychische Thätigkeit ohne begleitendes Ge- fühl gefunden hat. Vielmehr ist er nur deductiv zu der Ueberzeugung gelangt, dass es auch Ausnahmen geben müsse. Ist es uns gelungen zu zeigen, dass diese Deduction nichts weniger als auf einer sicheren Grundlage beruht, so dürfen wir erwarten, dass auch von dieser Seite die Annahme der Allgemeinheit begleitender Gefühle statt des Widerspruchs die willkommene Unterstützung durch ein neues und werth- voUes Zeugniss finden werde.
§. 7. Fassen wir, indem wir auf die Untersuchungen dieses so wie des vorigen Capitels zurückblicken, ihr Ergeb- niss in kurzen Worten zusammen.
Jeder psychische Act ist bewusst; ein Bewusstsein von ihm ist in ihm selbst gegeben. Jeder auch noch so einfache psychische Act hat darum ein doppeltes Object, ein pri- märes und ein secundäres. Der einfachste Act, in welchem wir hören, z. B. hat als primäres Object den Ton, als se- cundäres Object aber sich selbst, das psychische Phänomen, in welchem der Ton gehört wird. Von diesem zweiten Ge- genstande ist er in dreifacher Weise ein Bewusstsein. Er stellt ihn vor, er erkennt und fühlt ihn. Und somit hat jeder, auch der einfachste psychische Act eine vierfache Seite, von welcher er betrachtet werden kann. Er kann betrachtet Capitel 3. Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 203 werden als Vorstellung seines primären Objectes, wie z. B. der Act, in welchem ein Ton empfunden wird, als Hören; er kann aber auch betrachtet werden als Vorstellung seiner selbst, als Erkenntniss seiner selbst und als Gefühl seiner selbst. Und in der Gesammtheit dieser vier Beziehungen ist er Gegenstand sowohl seiner Selbstvorstellung, als auch sei- ner Selbsterkenntniss, als auch so zu sagen seines Selbst- gefühles, so dass ohne weitere Verwickelung und Vervielfäl- tigung nicht bloss die Selbstvorstellung vorgestellt, sondern auch die Selbsterkenntniss sowohl vorgestellt als erkannt, und das Selbstgefühl sowohl vorgestellt, als erkannt, als gefühlt ist. Die Intensität der Vorstellung des secundären Objectes ist der Intensität der Vorstellung des primären Objectes in jedem Falle gleich, und dasselbe gilt von der Intensität, die dem begleitenden Urtheile und dem begleitenden Gefühle zukommen, insofern eine Vorstellung ihre Grundlage ist. Die der Erkenntniss des secundären Objectes eigenthümliche Intensität, die Stärke der Ueberzeugung, mit der es wahr- genommen wird, ist unveränderlich, sie ist immer die denk- bar höchste. Die dem begleitenden Gefühle eigenthümliche Intensität dagegen, die Grösse des Gefallens oder Missfallens, zeigt nicht eine ähnliche Regelmässigkeit. Sie ist weder constant, wie die Stärke der Ueberzeugung in der inneren Wahrnehmung, noch auch wächst sie und mindert sich, indem die Intensität der Vorstellung zu- und abnimmt, in einem regelmässigen Verhältnisse zu ihr. Sie hängt von ihr, aber zugleich auch von einer Mannigfaltigkeit anderer Facto- ren ab, die, 'so weit wir von ihrem Einflüsse Rechen- schaft geben können, den Gegenstand einer späteren Unter- suchung bilden werden. Ursprüngliche Verschiedenheit der Anlagen, Unterschiede erworbener Dispositionen, Unter- schiede des Zusammenhanges mit anderen Phänomenen wir- ken hier mit der Intensität und Qualität des primären Objectes, so wie mit der Veirschiedenheit der Beziehungen -zu ihm zusammen, um dieses Gebiet zu einem der vielge- staltigsten und wechselreichsten zu machen.
Viertes Capitel Von der Einheit des Bewnsstseins.
§. 1. Unsere Untersuchung hat ergeben, dass, wo immer eine Seelenthätigkeit besteht, eine gewisse Mannigfaltigkeit und Verwickelung vorhanden ist. Selbst in* dem einfachsten Seelenzustande ist ein doppelter Gegenstand immanent ge- genwärtig, und der eine zum Mindesten ist mehrfach be- wusst; er ist nicht bloss Gegenstand einer Vorstellung, sondern auch eines Urtheils und Gefühles. Aber der Mangel an Einfachheit war nicht ein Mangel an Einheit. Das Be- wusstsein vom primären und das vom secundären Objecte waren nicht jedes ein Phänomen für sich, sondern sie waren Theilphänomene ein und desselben einheitlichen Phänomens; und eben so wenig hob die mehrfache Weise, in welcher das secundäre Object bewusst war, die Einheit des psychischen Actes auf. Wir fassten sie und mussten sie fassen als Theile eines einheitlichen wirklichen Seins.
In Wahrheit kommt ein so wenig zusammengesetzter Zustand wohl niemals vor. Und häufig geschieht es, dass eine nicht unbedeutende Zahl von Gegenständen uns gleich- zeitig vorschwebt, zu welchen wir in sehr mannigfache Be- ziehungen des Bewusstseins treten. Es bleibt die Frage, ob es auch bei einem solchen grösseren Reichthume psychischer Erscheinungen immer noch eine reale Einheit sei, die alle Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 205 umfasse, ob auch sie alle als Theilphänomene zu einem reell einheitlichen Ganzen gehören, oder ob wir es hier mit einer Vielheit von Dingen zu thun haben, so dass die Gesammt- heit des Seelenzustandes als ein CoUectiv, als eine Gruppe von Phänomenen zu betrachten sei, deren jedes ein Ding für sich ist oder einem besonderen Dinge zugehört.
Ich glaube, die Fragestellung ist klar. Dennoch will ich, da Missverständnisse hier sehr gewöhnlich sind, es nicht unterlassen, sie durch einige kurze Bemerkungen zu erläu- tern. Es ist unmöglich, dass etwas zugleich ein wirkliches Ding und eine Vielheit wirklicher Dinge sei. Das hat schon Aristoteles ausgesprochen i), und seit seiner Zeit ist es wie- derholt und mit Recht geltend gemacht worden. Wir können allerdings eine Vielheit von Dingen zusammenfassen, und ihre Summe mit einem Namen bezeichnen, wie wenn wir sagen „Heerde" oder „Pflanzenreich". Aber desshalb sind die zusammengefassten vielen Dinge nicht ein Ding; das, was der Namen bezeichnet, ist kein Ding, sondern ein Col- lectiv. Ein solches Collectiv ist auch eine Stadt, ja jedes einzelne Haus einer Stadt und jedes Zimmer in dem Hause und der Boden eines jeden Zimmers, der aus vielen Dielen zusammengefügt ist. Und vielleicht ist auch die Diele nur ein Collectiv, das aus vielen Dingen gebildet ist, mögen nun diese Dinge Punkte oder unsichtbare Atome, oder mögen sie grössere Einheiten sein; — denn dies zu untersuchen ist hier nicht unsere Sache und nur das ist sicher, dass es ohne irgend welche sachliche Einheiten auch keine Vielheiten, ohne Dinge keine Collective geben würde 2).
Aber wenn es klar und von vom herein einleuchtend ist, dass ein Ding nie eine Vielheit von Dingen sein kann, so ist damit nicht gesagt, dass nicht irgend welche Vielheit an ihm unterschieden werden könne. Einheit und Einfach- ') Metaph. Z, 16.
*) Dass der Umfang, den wir dem Begriffe „Collectiv" geben, ein anderer ist als der, welchen er bei den Grammatikehi hat, bedarf kaum der Bemerkung, und ebenso leuchtet der Grund, wesshalb wir es thun, von selber ein.
1 V ( 206 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
j heit — das hat wiederum schon Aristoteles mit Nachdruck ^' geltend gemacht^) — sind Begriffe, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Wenn ein wirkliches Ding nicht €ine Mehrheit von wirklichen Dingen, so kann es doch eine Mehrheit von Theilen enthalten, und in jenen beziehungs- weise wenig verwickelten Seelenzuständen, von welchen wir im vorigen Capitel handelten, liegt uns ein Beispiel dafür deutlich vor. Das, wozu das primäre und das mehrfache se- cundäre Bewusstsein gemeinsam gehörten, war ein Ding, aber selbstverständlich kein völlig einfaches Ding. Natürlich kön- nen wir eben so, wie wir eine Mehrheit von Dingen zusam- menfassend mit einem Namen belegen, auch von den Theilen eines Dinges jeden wie etwas für sich betrachten und be- nennen. Aber wie dort das Benannte kein Ding, sondern ein blosses Collectiv war, so wird auch hier das Benannte kein Ding sein, und wir können es, in Ermangelung eines gemeinüblichen, unzweideutigen Namens (da der Namen „Theil" auch wirkUchen Dingen in Bezug auf CoUective zukommt), J{. als ein Di vi siv bezeichnen.
Unsere oben gestellte Frage können wir demnach in kür- zeren Worten also wiederholen: Haben wir bei verwickeiteren Seelenzuständen ein Collectiv von Dingen anzunehmen, oder gehört, wie bei den einfachsten, so auch bei den am Meisten zusammengesetzten Zuständen die Gesammtheit der psychi- schen Erscheinungen einem Dinge an, in welchem wir nur Divisive als Theile zu unterscheiden vermögen?
§. 2. Statt des beziehungsweise einfachen Zustandes bei der Vorstellung eines Tones oder einer Farbe ist eine dop- pelte Art von Verwickelung möglich. Einmal kann dasselbe primäre Object mehrfach bewusst sein, wie z. B. wenn wir etwas nicht bloss vorstellen, sondern auch begehren. Und zweitens kann auch dadurch eine grössere Verwickelung ent- stehen, dass unsere Seelenthätigkeit auf mehrere primäre Objecte sich richtet, wiez. B. wenn wir zugleich sehen und >) Metaph. A, 7.
Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 207 \ hören. Die beiden Arten von Verwickelung können auch zu- sammen eintreten, und dann wird ein noch mehr zusammen- gesetzter Seelenzuatand sich ergeben. Es ist aber klar, dass die Entscheidung der Fälle, in welchen je eine Weise der Verwickelung vorkommt, auch über diesen Fall mit entschei- det. Wenn keine der beiden Weisen der Verwickelung die reale Einheit aufhebt, so werden es auch beide zusammen nicht thun, und die psychischen Phänomene, die Jemand gleichzeitig in sich hat, werden immer eine solche Einheit bilden.
Die Annahme hat ihre Schwierigkeiten. Wären unsere gleichzeitigen psychischen Acte nie etwas anderes als Divi- sive ein und derselben einheitlichen Sache, wie könnte die eine der anderen gegenüber selbständig sein? Und doch ist dieses der Fall; weder in ihrem Entstehen noch in ihrem Vergehen zeigen sie sich aneinander gebunden. Von Sehen und Hören tritt bald dieses, bald jenes ohne das andere auf, und wenn sie einmal gleichzeitig. bestanden, so schwindet vielleicht das eine, während das andere fortbesteht. In die- sem Falle der Verwickelung zeigt sich eine gegenseitige, in dem anderen wenigstens eine einseitige Unabhängigkeit. Ich kann etwas nur begehren, wann und so lange ich es vor- stelle; ich kann es aber vorstellen ohne es zugleich zu be- gehren. So hatte ich es vielleicht schon eine Zeit lang vor- gestellt, als ich erst anfing, es zu begehren, und meine Begierde danach kann aufgehört oder auch in ihr Gegentheil sich verwandelt haben, während meine Vorstellung immer noch darauf gerichtet bleibt.
Femer, wenn mr das Verhältniss zwischen dem gleich- zeitigen Sehen und Hören mit jenem früher betrachteten Ver- hältnisse zwischen den mehrfachen Formen inneren Bewusst- seins vergleichen, so zeigt sich sofort und unverkennbar, dass das letztere ein ungleich innigeres Verhältniss war. Zwischen Sehen und Hören zeigt sich nichts von einer wechselseitigen Verwebung wie zwischen den drei Momenten des inneren Bewusstseins, von denen jedes auf jedes als seinen Gegen- stand sich bezog. Würden nun wie die drei Arten des inneren \ V.V 208 ßuch II., Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Bewusstseins auch Sehen und Hören von derselben realen Einheit umfasst, so sollte man im Gegentheil glauben, dass ein Unterschied in der Innigkeit der Verbindung nicht mehr möglich wäre. Denn mehr eins als das, was wirklich und der Sache nach eins ist, kann etwas offenbar nicht sein. Demnach scheint die Gesammtheit eines verwickeiteren See- lenzustandes nothwendig als ein Collectiv gedacht werden zu müssen.
Nichtsdestoweniger ist Manches, was dafür spricht, dass auch in diesen Fällen an die Stelle der Einheit der Realität keineswegs eine reale Vielheit trete. Und namentlich scheint es unmöglich, dass die Verwickelung, welche entsteht, wenn ein und dasselbe primäre Object in mehrfacher Weise be- wusst ist, also z. B. wenn etwas zugleich vorgestellt und ge- liebt wird, coUectivisch als eine Zusammensetzung aus meh- reren Dingen begriffen werde. Dass etwas geliebt werde, was nicht vorgestellt wird, erscheint uns unmittelbar absurd; und mit ßecht halten wir es für widersprechend, da, wie wir früher dargethan haben, jeder anderen Weise des Bewusst- seins ein Vorstellen zu Grunde liegt und in ihm beschlossen ist^). Wären dieses Vorstellen und das Lieben jedes ein Act, jedes ein Ding für sich und nur etwa das eine die Ur- sache des anderen, so wäre es denkbar, dass die Ursache durch eine andere ersetzt würde, und dass wir liebten, was uns in keiner Vorstellung erschiene. Es gehört also jeden- falls mit dem Lieben auch ein Vorstellen des geliebten Ge- genstandes zu derselben sachlichen Einheit. Wollten wir nun trotzdem annehmen, dass die Vorstellung, weil sie oft bleibt, •während die Liebe aufhört, ein Ding für sich sein müsse, so bliebe uns nichts übrig, als zu sagen, der Gegenstand sei, als wir ihn liebten, zweimal vorgestellt worden, was inconve- nient und der Erfahrung entgegen ist.
Aber auch bei einer gleichzeitigen Hinwendung zu meh- reren primären Objecten, also z. B. bei gleichzeitigem Sehen und Hören fehlt es nicht an Gründen, die man für die Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. ' 209 Zugehörigkeit des einen und anderen Phänomens zu derselben realen Einheit anführen kann. Es geschieht, ^ dass wir eine Farbe, die wir sehen, und einen Ton, den wir hören, mit einander vergleichen, ja wir thun dies so oft, als wir er- kennen, dass sie zwei verschiedene Erscheinungen sind. Wie sollte diese Vorstellung ihrer Verschiedenheit denkbar sein, wenn von den Vostellungen der Farbe und des To- nes jede einem anderen Dinge zugehörte? Sollten wir dem einen oder dem anderen oder beiden zusammen oder einem dritten Dinge die Vorstellung ihres Unterschiedes zu- schreiben? Dfem einen für sich allein offenbar so wenig als dem anderen, da jedem einer der beiden verglichenen Ge- genstände fremd ist; und eben darum auch keinem drit- ten, wenn wir nicht in ihm die Vorstellungen der Farbe und des Tones wiederholt und vereinigt denken wollen. Also beiden zusammen? — Aber wer sähe nicht ein, dass auch dies eine lächerliche Bjöhauptung Wäre? Es wäre in der That, wie wenn Jemand sagte, dass zwar kein Blinder und kein Tauber Farben und Töne mit einander vergleichen könne, dass aber, wenn der eine höre und der andere sehe, beide zusammen ihr Verhältniss zu erkennen vermögen. Und warum erscheint uns dies so absurd? Darum, weil die vergleichende Erkenntniss eine wirkliche sachliche Einheit ist, wir aber, wenn wir Thätigkeiten des Blinden und Tauben zusammenfassen, immer nur ein CoUectiv, niemals ein ein- heitliches wirkliches Ding gewinnen. Ob der Blinde und Taube einander fem oder einander nahe sind, das macht darum offenbar keinen Unterschied; und wenn sie bleibend zusammen Wohnung nähmen, ja wenn sie wie die Siamesischen Zwil- linge, oder noch mehr als diese und wahrhaft untrennbar mit einander verwüchsen, es würde die Annahme nicht mög- licher machen. Nur wenn in ein und derselben Realität Ton und Farbe gemeinsam vorgestellt sind, ist es denkbar, dass beide mit einander verglichen werden. Auch stellen wir nicht bloss Vergleiche zwischen verschiedenen primären Ob- jecten an, sondern wir bringen sie auch sonst in unseren Gedanken und Wünschen in mannigfache Beziehungen. Wir Brent ano, Psychologie. I. 14 ^ / R/Ji^r^ 210 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
ordnen Mittel zu Zwecken und spinnen umfassende Pläne aus. Alle diese Ordnungen und Combinationen würden, wenn wir die einzelnen Glieder unserer Gedanken auf eine Vielheit von Dingen vertheilten, in eine Vielheit oder vielmehr in ein Nichts sich auflösen. Schüesst nicht das Begehren nach dem ji Mittel das Verlangen nach dem Zwecke ein, und enthält darum mit der Vorstellung des Mittels auch die des Zweckes? Enthält nicht der einheitliche Act des Wählens nothwendig die Vorstellungen der Gegenstände der Wahl und der Motive, die für den einen oder anderen sprechen? — Das Alles ist so einleuchtend, dass es überflüssig wäre, auch nur mit einem Worte länger dabei zu verweilen.
Dasselbe ergibt sich, wenn wir auf die innere Seite des Bewusstseins achten. Wenn einer etwas vorstellt und begehrt, oder wenn er zugleich mehrere primäre Objecto vorstellt, so er- f?5> ' kennt er nicht bloss die eine und andere Thätigkeit, sondern \^' auch die Gleichzeitigkeit beider. Wer eine Melodie hört, erkennt, dass er, während er den einen Ton als gegenwärtig, den anderen als vergangen vorstellt; wer erkennt, dass er sieht und hört, erkennt auch, dass er beides zugleich thut. Wenn nun die Wahrnehmung des Sehens in einem, die Wahr- nehmung des Hörens in einem anderen Dinge sich findet, in welchem findet sich die Wahrnehmung ihrer Gleichzeitigkeit? Offenbar in keinem. Vielmehr sieht man deutlich, dass die innere Erkenntniss des einen mit der des anderen zu der- selben realen Einheit gehören muss. Und wenn von der in- neren Erkenntniss der Seelenthätigkeiten, dann gilt auf Grund unserer früheren Untersuchungen dasselbe auch für diese Thätigkeiten selbst. Es scheint also, als ob weder die eine noch die andere Weise der Verwickelung uns jemals abhalten dürfe, die Gesammtheit unserer psychischen Thätig- keiten als eine sachliche Einheit zu betrachten.
Unstreitig ist die letzte Ansicht die richtige, und die dafür erbrachten Gründe können in keiner Weise widerlegt werden. Die entgegenstehenden aber verlieren ihre Kraft, wenn man den eigentlichen Fragepunkt sich klar macht.
Nicht darum handelt es sich, ob die gleichzeitigen tri* Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins.: 211 psychischen Thätigkeiten alle real identisch seien. Real iden- tisch nennt man das, wovon das eine das andere ist, im Ge- gensatze zur begriflflichen Identität. So ist Jeder mit sich selbst real identisch. Verschiedene Menschen- dagegen sind zwar als Menschen begrifflich identisch, real aber sind sie nicht identisch. Dabei ist es gleichgültig, ob das, was mit etwas real identisch genannt wird, ein Ding oder ein Divisiv oder ein Collectiv oder eine Privation ist oder dergleichen, wie z, B. wenn wir sagen, die Blindheit sei ein Mangel, eine Heerde sei eine Schaar gleichartiger Thiere. Um eine solche reale Identität handelt es sich, wie gesagt, in unserem Falle nicht, und es ist offenbar, dass sie nicht durchgehends zwischen unseren gleichzeitigen Seelenthätigkeiten besteht, ja dass sie nicht einmal zwischen jenen früher unterschiede- nen mehrfachen Seiten der einfachsten psychischen Acte ge- funden wird. Die Wahrnehmung des Hörens ist nicht das Gefühl des Hörens. Sie sind Divisive derselben Realität, aber sie sind desswegen nicht mit ihr und darum mit ein- ander real identisch. So wenig ein wirkliches Ding, das mit anderen in einem Collective zusammengefasst wird, mit die- sem CoUective oder mit einem anderen Dinge, das zu ihm gehört, identisch ist — denn Niemand wird es einfallen zu sagen, das Heer sei ein Soldat, oder der eine Soldat sei der andere —: so wenig ist ein Divisiv, das ich als Theil an einem wirklichen Dinge unterscheide, mit diesem Dinge und in Folge dessen mit den anderen Divisiven, die man an ihm unterscheiden kann, identisch zu nennen. Es ist nie ein Di- visiv mit einem davon verschiedenen real identisch, sonst wäre es nicht ein anderes, sondern dasselbe Divisiv; aber es gehört mit ihm gemeinsam zu e i n e r Realität. Und diese gemeinsame Zugehörigkeit zu einem wirklichen Dinge ist die Einheit, von welcher in unserem Falle die Rede ist.
Haben wir durch diese Betrachtung die Gefahr einer Verwechselung beseitigt, zu welcher ein von der Scholastik überkommener Sprachgebrauch sonst leicht veranlassen könnte, so ergibt sich uns sofort die Lösung der Gegenargumente.
Mehr eins als das, was real eins ist, wurde gesagt, könne 212 Buch II. Von den pBjcbiachen Phänomenen im Allgeineineit.
etwas nicht sein; wenn also alle gleichzeitigen psychischen Thätigkeiten eine reale Einheit unifasste, so könnte es nicht geschehen, dass die Innigkeit der Verbindung zwischen einigen unter ihnen von der Innigkeit der Verbindung, die zwischen anderen und namentlich zwischen den verschiedenen Weisen inneren Bewusstseins besteht, übertroffen würde. Hier liegt uns deutlich ein Beispiel jener Verwechselung, vor der wir warnten, vor Augen. Das Verhältniss der realen Identität ist nothwendig immer dasselbe, wo immer es in Wahrheit vorhanden ist, sei es dass ein Ding, sei es dass ein Collec- tiv oder ein Divisiv oder irgend etwas Anderes mit sich iden- tisch genannt werde. Das eine ist nicht mehr mit sich selber identisch als das andere. Nicht so das Verhältniss der Theile, die zu einer realen Einheit gehören. Wenn es wirk- lich kleine einheitliche Dinge gibt, wie die, welche man Atome genannt hat, so besteht ein anderes Verhältniss zwischen den verschiedenen Eigenschaften dieser Atome und zwischen den verschiedenen quantitativen Theilen, die auch das un- sichtbar kleine Körperchen noch als Divisive umfasst. Seine quantitativen Theile sollen von ihm nicht abgetrennt werden können, und auch manche seiner Eigenschafl^en sollen unver- lierbar sein. Aber von anderen gilt offenbar nicht dasselbe, obwohl auch sie nicht als Dinge für sich zu betrachten sind. Es geht z. B, von der Ruhe zur Bewegung und von der Bew^ung zur Kühe über. Nichtsdestoweniger ist die Bewegung, wenn sie an ihm besteht, nicht ein Ding für sich, sonst wäre es denkbar, dass sie getrennt vom Atom fortbe- stände. Hiemit will ich in keiner Wefee die Richtigkeit der atomistischen Theorie als gesichert voraussetzen und auf die Verhältnisse bei den Atomen als auf ein der Wirklichkeit entnommenes Beispiel mich berufen. Vielmehr ist nichts An- deres meine Absicht, als an einer behebten Hypothese zu veranschauhchen, wie sich da,. wo es sich um Theile handelt, die zu einem einzigen vrirklichen Dinge gehören, ganz wohl eine mehrfache und bald innigere, bald minder innige Weise ihrer Verbindung denken lässt. So mag denn auch zwischen den verschiedenen Theilen, die wir an der Gesammtheit Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 213 unseres Seelenzustandes unterscheiden, die Weise der Ver- einigung sehr verschieden sein, obwohl alle als Divisive dem- selben einheitlichen Dinge zugehören.
Inniger ist gewiss das Hören mit dem dreifachen Be- wusstsein des Hörens als mit dem gleichzeitigen Sehen ver- bunden. Ja insofern die Vorstellung und Wahrnehmung des Hörens nur in Abhängigkeit vom Hören, das begleitende Ge- fühl aber q,uch aus anderen Gründen Veränderungen erleidet, könnte man sagen, dass selbst hier noch ein Unterschied von Innigkeit der Vereinigung bestehe. Ebenso könnte man be- haupten, dass die Verbindung von zwei auf dasselbe primäre Object gerichteten Thätigkeitoji, von denen die eine auf der anderen basirt, wie das Begehren auf dem entsprechenden Vorstellen, eine innigere als die Verbindung von Thätigkei- teii sei, die auf verschiedene primäre Objecte gehen. Wie- derum scheinen die gleichzeitigen Vorstellungen der Worte eines Satzes, den ich eben aussprechen hörte, inniger ver- bunden als die gleichMtigen Empfindungen verschiedener Sinne, und ähnlich Hessen sich noch mancherlei Unterschiede der Innigkeit der Vereinigung gleichzeitiger Seelenthätigkeiten bezeichnen. Dass es solche Unterschiede gibt, ist in der That bemerkenswerth, und mag in vieler Hinsicht, wie namentlich in Bezug auf die Gesetze der Ideenassociation wichtig wer- den; einen triftigen Einwand dagegen, dass sie alle zu ein und derselben realen Einheit gehören, kann man aber, wie wir sehen, nicht daraus entnehmen.
Das zweite unter den Argumenten gegen die reale Ein- heit verwickelterer Seelenzustände ist somit erledigt.
Aber auch das erste, welches sich auf das unabhängige Auftreten und Fortbestehen gewisser Seelenthätigkeiten stützt, ist einschliesslich bereits abgethan. Was real identisch ist, kann allerdings keine Lostrennung erfahren; denn das hiesse, dass etwas von sich selbst getrennt werde. Was aber als unterschiedener Theil mit anderen zu einem realen Ganzen gehört, das mag vielleicht ohne Widerspruch aufhören, wäh- rend die anderen fortbestehen.
^.
,i s Sil»' ^ fe.-5HV 214 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
§. 3. Das Ergebniss unserer Untersuchung ist, dass die Gesammtheit unseres psychischen Zustandes, wie verwickelt er auch sein möge, immer eine reale Einheit bildet. Dieses ■ ist die berühmte Thatsache der Einheit des Bewusst- Seins, welche man mit Recht als einen der wichtigsten Punkte der Psychologie zu betrachten pflegt.
Häufig jedoch ist dieser Punkt missverstanden worden, sowohl von solchen, welche für ihn eintraten, ajs auch von solchen, die ihn bestritten. Ihnen gegenüber wollen wir in scharfen Bestimmungen sowohl nochmals aussprechen, was die Einheit des Bewusstseins ist, als auch erklären, was sie i^ nicht ist.
Die Einheit des Bewusstseins, so wie sie mit Evidenz aus dem, was wir innerlich wahrnehmen, zu erkennen ist, ^:; besteht darin, dass alle psychischen Phänomene, welche sich gleichzeitig in uns finden, mögjBn sie noch so verschieden sein, ^. wie Sehen und Hören, Vorstellen, Urtheilen und Schliessen, Lieben und Hassen, Begehren und Fliehen u. s. f., wenn sie nur als zusammenbestehend innerlich wahrgenommen werden, sämmtlich zu einer einheitlichen Reahtät gehören; dass sie als Theilphänomene ein psychisches Phänomen ausmachen, wovon die Bestandtheile nicht verschiedene Dinge oder Theile verschiedener Dinge sind, sondern zu einer realen Ein- heit gehören. Dies ist, was zur Einheit des Bewusstseins nothwendig ist; ein Weiteres aber verlangt sie nicht., Vor Allem ist demnach, wenn wir die Einheit des Be- wusstseins lehren, nicht das unsere Behauptung, dass niemals mit ein und derselben zusammenhängenden Körpermasse ver- schiedene Gruppen von psychischen Phänomenen verbunden sein können, welche nicht zu ein und derselben realen Ein- heit gehörig sind. Wir finden ein solches Verhältniss bei den Korallen, bei welchen zahllose Thierchen ein und dem- selben Stamme einverleibt erscheinen. Die gleichzeitigen psychischen Phänomene des einen und anderen Thierchens bilden keine reale Einheit. Aber es besteht auch keine in- nere Wahrnehmung, welche ihr 'gleichzeitiges Bestehen er- fasst. So würde es denn auch keineswegs unseren Bestim- Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 215 mungen zuwiderlaufen, wenn innerhalb meines Leibes ausser mir noch ein anderes Ich gegenwärtig wäre, wie etwa, wenn er von einem jener bösen Geister besessen wäre, von deren Exörcismen die Schrift so Vieles berichtet. Eine reale Ein- heit zwischen dem Bewusstsein dißses Geistes und meinem Be- wusstsein würde nicht bestehen; aber ich würde auch nicht seine psychischen Phänomene mit den meinigen direct in innerer Wahrnehmung erfassen. Dasselbe würde gelten, wenn mein Leib, ähnlich wie Leibnitz es sich dachte, in Wahrheit nichts anderes als eine Unzahl von Monaden, von reell ver- schiedenen Substanzen wäre, deren jeder ein gewisses psy- chisches Leben zukäme. Ueber mein Ich, die herrschende Monade, hinaus, würde meine innere Wahrnehmung nicht reichen. Mag eine solche Theorie also wahr oder falsch sein, jedenfalls streitet sie nicht gegen die Einheit des Bewusst- seins, wie sie aus der inneren Wahrnehmung erkennbar ist. Ferner besagt die Einheit des Bewusstseins nicht, dass es, wie es in Wirklichkeit besteht, jede Vielheit von Theilen irgend welcher Art ausschliesst. Im Gegentheile haben wir schon gesehen, dass, was die innere Wahrnehmung uns zeigt, eine Mannigfaltigkeit von Thätigkeiten unterscheiden lässt; und die innere Wahrnehmung ist untrüglich. Herbart aller- dings war der Meinung, dass jedes Ding einfach sein müsse. Nur ein CoUectiv von Dingen könne ein^ Mehrheit von Thei- len haben. Ein nicht- einfaches Ding sei ein Widerspruch, und an dem Gesetze des Widerspruches müsse unter allen Bedingungen festgehalten werden. Das Letzte ist sicher richtig, und wer das Gesetz des Widerspruches irgendwo und irgendwie in Zweifel ziehen wollte, der würde gegen das- jenige seine Argumente kehren, was, sicherer als jeder Be- weis, durch unmittelbare Evidenz erkennbar ist. Aber ganz dasselbe gilt auch bezüglich der Thatsachen unserer inneren Wahrnehmung; und das war der grosse Fehler Herbart's und vor ihm Kant's, dass sie die Phänomene der inneren Wahrnehmung in derselben Weise wie die Erscheinungen, auf welche die sogenannte äussere Wahrnehmung sich richtete, als einen blossen Schein, der auf ein Sein hin-