Diese Betrachtungen zeigen gewiss aufs Deutlichste, dass die Fähigkeit für eine Farbenwahrnehmung nicht von vorn herein auf die Fähigkeit für eine andere schliessen lässt. Und in der That würden wir, auf das Sehen des Grünen 248 Bach II. Von den psychischen PlSnomenen im Allgemeinen.
beschränkt, nie eine Ahnung vom Gelben bekommen. Auch J. St Mill betrachtet darum die Erscheinung jei^er einzehien Fiiibe als «ine letzte unableitbare Thatsache^).
Nun sieht aber jeder ein, dass es ungereimt wäre, die Vtii-stellungen von Roth und anderen einzelnen Farbenarten, als Phänomene, die auf verschiedenen ursprünglichen, nicht \nii einander ableitbaren Vermögen beruhten, verschiedenen liik'listen Classen zuzuweisen. Und somit sehen wir uns zu (ioiii Schlüsse genöthlgt, dass dieses Eintheilungsprincip für die Bestimmung der höchsten Classen der psychischen Phä- nomene in keiner Weise geeignet ist. Wäre dies aber der Füll, so würden wir offenbar nicht Denken, Fühlen und Streben, sondern eine ungleich grössere Zahl von höchsten Classen der psychischen Phänomene zu unterscheiden haben.
Es ist gewiss etwas Missliches, zu behaupten, dass Kant und die bedeutendeu Männer, welche nach ihm seine Drei- tlii'ilung vertraten, sieh über das Princip, welches sie bei ihrer Chissification bestimmte, selbst nicht genügend Bechenschalt gerieben hätten. Und zudem finden wir, dass auch schon die Vorläufer Kant's, Tetens und Mendelssohn, sich auf die Unableitbarkeit der Vermögen als Bürgschaft für ihre Grundeintheilung beriefen. Dennoch lässt sich, wenn man das Missverhältniss zwischen dem angeblichen Eintheilungs- grunde und der Gliederung der Eintheilung in's Auge fasst, die Annahme nicht umgehen, dass alle diese Denker, sich selbst mehr oder minder unbewusst, durch ganz andere Motive geleitet wurden. Und in ihren Aeusserungen finden sich deutliche Spuren, die darauf hinweisen.
Was Kant in Wahrheit bestimmte, die psychischen Thätigkeiten in seine drei Classen zu scheiden, war, glaube ich, ihre Uebereinstimmung oder Verschiedenheit unter einem ähnhdien Gesichtspunkte wie der, weicher Aristoteles bei seiner Unterscheidung von Denken und Begehren maassgebend gewesen ist. Eine Stelle, welche wir oben seiner Abhand- ■) Deduct. und Induct Log. Buch IIL Cap. 14. §. 2.
Capitel 5. Die Torzüglichsten Classificationsversuche. 249 lung über die Philosophie überhaupt entlehnten, setzt die Verschiedenheit zwischen Erkennen und Begehren deut- lich in einen Unterschied der Beziehung aufs Object, während die Besonderheit des Füblens darin gesucht wird, dass hier jede derartige Beziehung mangele, indem das psychische Phä- nomen bloss aufs Subject Bezug habe ^). Das also war die grosse Differenz, aus welcher sich die gegenseitige Unableit- barkeit allerdings als eine Folgerung ergeben mochte, welche aber in sich selbst eine tiefer einschneidende Kluft als die Unmöglichkeit der Ableitung war; eine Kluft, welche nicht ebenso in jenen anderen Fällen besteht, die zur Annahme be- sonderer ursprünglicher Vermögen nöthigen.
Dasselbe zeigt sieht bei Hamilton. Fragen wir ihn, warum er Gefühle und Strebungen als Phänomene besonderer Urvermögen bezeichne, und es für uhmöglich halte, dass sie aus dem einen Grundvermögen erklärbar seien: so gibt er in dem zweiten Bande seiner Vorlesungen über Metaphysik folgende Antworte Darum, sagt er, thue er dies, weil das Bewusstsein uns in diesen Phänomenen, obwohl ihnen wegen der inneren Wahrnehmung allgemein eine Erkenntniss bei- gemischt sei, ausser ihr gewisse Beschaffenheiten (certain qualities) zeige, die weder explicite noch implicite in den Phä- nomenen der Erkenntniss selbst erhalten seien. „Die Eigen- thümlichkeiten, wodurch ^diese drei Classen gegiönseitig sich von einander unterscheiden, sind folgende: Bei den Phäno- menen der Erkenntniss unterscheidet das Bewusstsein ein er- kanntes Object von dem erkennenden Subject...Bei dem Gefiihle, bei den Phänomenen von Lust und Schmerz ist ^ies dagegen nicht der Fall. Das Bewusstsein stellt hier nicht den psychischen Zustand sich selbst gegenüber, sondern ist gleichsam mit ihm in Eins verschmolzen. In dem Gefühle ist daher nichts, als was subjectivisch subjectiv (subjectively subjective) ist'' — ein Ausspruch, dessen wir schon einmal Erwähnung gethan haben. „In den Phänomenen des Stre- bens, den Phänomenen der Begierde und des Willens, endlich L'-r' W fef'/.
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'iii- 250 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
findet sich zwar wie bei denen der Erkenntniss ein Object und zwar ein Object, das auch ein Object der Erkenntniss ist. Aber obwohl beide, Erkenntniss und Strebung, eine Re- lation zu einem Objecte in sich tragen, so sind sie doch unter- schieden durch die Verschiedenheit dieser Rela- tion selbst. Bei der Erkenntniss besteht kein Bedürfniss; und das Object wird weder gesucht noch gemieden; während bei der Strebung ein Mangel und eine Neigung vorausgesetzt wird, welche zu dem Versuche führt, entweder das Object zu erreichen (im Falle nämlich die Erkenntnissfähigkeiten es so geartet darstellen, dass es den Genuss dessen, was man bedarf, zu gewähren verspricht) oder das Object abzuhalten, wenn diese Thätigkeiten es so angethan erscheinen lassen, dass es den Versuch jenem Bedürfnisse zu genügen zu ver- eitehi droht 0-" Diese Stelle aus Hamilton erscheint fast wie eine com- mentirende Paraphrase der zuvor erwähnten Bemerkung Kant's. Im Wesentlichen übereinstimmend, spricht sie nur ausführlicher und klarer. Und offenbar ist nach ihr der Ge- sichtspunkt, von welchem aus Hamilton, wenn man auf den letzten Grund geht, die psychischen Phänomene in verschie- dene höchste Classen zerlegt hat, wie bei Aristoteles jener der intentionalen Inexistenz. Bei einigen psychischen Phäno- menen findet sich, wie Hamilton meint, gar keine intentionale Inexistenz eines Objectes und als solche gelten ihm die Ge- fühle. Aber auch diejenigen, bei welchen sich eine finde, sollen nach ihm hinsichtlich der Weise dieser Inexistenz eineii fundamentalen Unterschied zeigen und so in Gedanken und Strebungen zerfallen.
Was schliesslich L o t z e betrifft, so fehlt es auch bei ihm nicht an Zeichen, dass ein bedeutenderes Moment als die blosse ünableitbarkeit der Vermögen ihn die drei Classen des Vorstellens, Fühlens und Strebens als die verschiedenen Grundclassen der Seelenerscheinungen betrachten liess. Nur der Umstand, dass die Unmöglichkeit der Ableitung von der ^) Lect. on Metaph. II. p. 431.
^' y iX^ Gapitel 5. Die vorzüglichsten Classificationsy ersuche. 251 Herbart'schen Schule geleugnet worden war, fuhrt ihn dazu gerade diesen Punkt mit besonderem Nachdrucke zu betonen* Lotze verkennt so wenig, dass die nicht von einer anderen ableitbaren Fähigkeiten der Seele sich nicht auf eine Dreizahl beschränken: dass er vielmehr ebenso wie wir die Anlagen zum Sehen und Hören als verschiedene ursprüngliche Anlagen be- trachtet; und gerade bei seiner Untersuchung über die drei Grundclassen finden wir diese Wahrheit berührt^). Warum hat er nun die Vorstellungen von Tönen und Farben dennoch derselben Grundclasse zugetheilt, und ebenso andere Unter- schiede, welche man, namentlich innerhalb des Bereiches der Gefühle, leicht als ähnlich unableitbar nachweisen kann, bei seiner Grundeintheilung nicht maassgebend werden lassen? Die Wahrnehmung eines ganz besonders tiefgehenden Unter- schiedes, der, zwischen jenen drei Glasten vorhanden, nicht in gleicher Weise in anderen Fällen unmöglicher Ableitung gefun- den wird, muss hier bestimmend gewesen sein. Nach dem, was wir bei Kant und Hamilton gefunden, ist es aber von vom herein zu vermuthen, dass eine Verschiedenheit der Seelenthätigkeiten in Rücksicht auf die Beziehung zum Objecte, auch Lotze dazu führte, gerade diese drei Classen als die am Meisten ver- schiedenen und als die Grundclassen der psychischen Erschei- nungen anzusehen.
So bleibt denn nur noch zu untersuchen, ob man wirk- lich gut gethan habe, diesen Gesichtspunkt bei einer Haupt- eintheilung der Seelenthätigkeiten geltend zu machen; so wie, ob die Dreitheilung in Denken, Fühlen, Streben mit den fun- damentalen Unterschieden, welche die psychischen Phänomene in dieser Beziehung zeigen, in Wahrheit coincidire und sie erschöpfe. Wenn wir am Ende dieses Ueberblickes über die bisher versuchten Classificationen uns selbst über die Frage zu entscheiden haben, werden wir auch diesen Punkt behandeln.
§. 5. Wie schon bemerkt, ist die eben besprochene 252 Bucb IL Von den psychischea Phinomenea im Allgemeiaen.
Eiiitheilung des Bewusstseins iü Vorstellung, Gefühl und WillcE in neuerer Zeit sehr allgemein geworden. Auch Herliart und seine Schale haben sie angenommöi; und bei den Darstellungen der empirischen Psychologie pflegen die Herbartianer in derselben Weise wie Ändere sie der Ordnung des Stoffes zu Grunde] zu legen. Das Unterscheidende bei ihnen ist nur dies, dass sie die beiden letzten Ciassen nicht auf besondere Urvermögen zuriickfilhren, sondern aus der ersten ableiten wollen; ein, wie schon wiederholt bemerkt, offenbar vergebliches Bemühen.
§, 6. Unter den Vertretern der empirischen Schule in England, die in einem gewissen Gegensatze zur Schule Hamilton's steht, hat Alexander Bain ebenfalls seine Drei- theilung unter ähnlichen Namen aufgestellt. Er unter- scheidet: erstens Gedanken, Verstand oder Erkenntniss ^Thought, lotellect or Cognition); zweitens Gefllhl (Feehng); und endlich drittens Streben oder Willen (Volition or the Will), Auch hier scheint also dieselbe Grundeintheilung uns zu begegnen, und Bain selbst beruft sich auf diese Ueberein- stimmung als auf eine Bestätigung.
Wenn man indessen auf die Erklärungen achtet, die Bain von den drei Gliedern seiner Classification gibt, so zeigt sich, dass die Gleichheit der Ausdrücke eine grosse Verschiedenheit der Gedanken verdeckt. Unter der dritten Classe, dem Streben oder Willen, versteht Bain etwas ganz Anderes, als was die deutschen Psychologen so wie auch Hamilton mit dem Worte zu bezeichnen pflegen nämlich das von psychischen Phänomenen ausgehende Wirken. So erklärt er im Anfang seines umfangreichen Werkes über die Sinne und den Verstand, das Streben oder der Willen umfasse das Ganze unserer Activität, so weit sie von unseren Geiilhlen geleitet werde'). Und weiter unten erläutert er den Begriff also: „Alle Wesen", sagt er, „die wir als mit Bewusst- seiii begabt kennen, haben nicht bloss die Fähigkeit zu I The Senses and the lutellect p. 2.
Capitel 5. Die vorzüglichaten Classificationsversuche. 253 fühlen, sondern auch zu handeln (act). Die Anwendung einer Kraft zur Erreichung eines Zweckes ist das Zeichen einer psychischen Natur. Essen, Gehen, Fliegen, Bauen, Sprechen, — sind Bethätigungen, die aus psychi- schen Bewegungen hervorgehen. Sie entspringen alle aus gewissen Gefühlen, die befriedigt werden sollen, und dieses gibt ihnen den Charakter eigenthtimlicher psy- chischer Thätigkeiten. Wenn ein Thier seine Nahrung zerreisst, kaut und verschlingt, auf Beute Jagd macht oder vor einer Gefahr flieht, so siftd es Empfindungen oder Gefühle, die seine Thätigkeit anregen und erhalten. Dieser dem Gefühle entstammten Activität geben wir den Namen Streben (Voli- tion)"^.
Essen, Gehen, Sprechen und dergleichen würden wir nicht als Wollen, sondern nur etwa als Wirkungen eines Wollens bezeichnen. Kant allerdings spricht manchmal von dem Begehren, als verstehe er darunter ein Hervorbringen der begehrten Objecto. Er definirt in seiner Kritik der praktischen Vernunft das Begehrungsvermögen als „das Ver- mögen, durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklich- keit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein"*). Aber nimmermehr glaube ich, dass er sich dazu verstanden hätte, das Essen oder Gehen als ein Begehren zu bezeich- nen; sondfern Alles weist darauf hin, dass er nur in ungeeig- neter Weise seinen Gedanken erklärte*). Anders ist es bei Bain. Seine oben betrachteten Aussprüche nöthigen uns anzunehmen, dass er mit dem Namen „Willen" in Wahrheit ') The Senses and the Indellect p. 4. Vgl. Mental and Moral Science p. 2.
*) Kritik der praktischen Vernunft, Vorrede. Vgl. Kritik der Urtheilskraft, Einleitung III. Anm. und die oben angezogene Stelle aus der Abhandlung über die Philosophie überhaupt (p. 241 Anm. 1).
*) Er würde sonst nicht jeden Wunsch und jede Sehnsucht zum Begehren rechnen (was Bain nicht thut), noch auch die Freiheit in das Begehrungsvermögen verlegen.
Khv 'A-v r IH 254 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
einen abweichenden Sinn verband, und auch das unmittelbar Folgende bestätigt diese Auffassung, indem Bain den Unter- schied von seinem Wollen gegenüber den Naturkräften des Windes, Wassers, der Schwere, des Pulvers u. s. f. und dann ebenso gegenüber unbewussten physiologischen Functionen, wie z. B. dem Blutumlaufe, festzustellen sucht — was alles er offenbar nicht nöthig hätte, wenn er nicht unter dem Wollen nicht sowohl ein innerliches, psychisches Phänomen als eine von psychischen Phänomenen ausgehende (physische) Wirkling, also ein physiologisches oder, wenn man will, psycho- physisches Phänomen verstände.
So stimmt Bain's Eintheilung der Seelenerscheinungen der Sache nach mehr mit der Aristotelischen Zweitheilung in Denken und Begehren (an welches letztere unter Umständen eine willkürliche Bewegung sich knüpft) als mit der späteren Dreitheilung in Vorstellen, Fühlen und Begehren zusammen. Was wir Begehren und Wollen nennen, gehört bei Bain zu dem Gefühl. Und es erscheint Gefühl und Begehren bei ihm wiederum zu einer Glasse verbunden. Ausserdem hat er das Gebiet der Gefühle auch nach einer anderen Seite erwei- tert, indem er die Sinnesempfindungen, welche nach den meisten Neueren, und auch nach Aristoteles der ersten Classe zuzurechnen wären, mit in ihr Bereich zieht.
Ausser dieser Eintheilung gibt Bain noch eine andere, die sich mit der vorerwähnten kreuzt. Er scheidet die psy- chischen Phänomene in primitive und in solche, welche sich aus diesen in weiterer Entwicklung ergeben. Zu den erste- ren rechnet er die Empfindungen, die aus den Bedürfhissen des Organismus hervorgehenden Begierden und die Instincte, worunter er die Bewegungen versteht, die man, ohne sie erlernt oder sich angeübt zu haben, ausführt. Diese Zweitheilung hat er in den späteren Ausgaben seines grossen psycholo- gischen Werkes, so wie in seinem Compendium vor allen anderen bei der Anordnung des Stoffes zu Grunde gelegt. Die Anregung zu ihr scheint Bain durch Herbert Spencer erhalten zu haben, bei welchem sich eine ähnliche Scheidung in primitive und entwickeltere psychische Phänomene erken- Capitel 5. Die vorzüglichsten Classificationsversuchc. 255 nen lässt, wie überhaupt die Idee der Evolution in seinen „Principien der Psychologie" jede. andere beherrscht. Die entwickelteren Seelenthätigkeiten scheidet Spencer in cognitive (Gedächtniss, Vernunft) und affective (Gefühl, Willen) und denkt die Anfänge der einen wie der anderen Classe in den primitiven Erscheinungen vorhanden, so dass man vielleicht sagen könnte, er lasse mit der ersten eine zweite Eintheilung sich kreuzen, welche in ihrer Gliederung an die Aristotelische, Scheidung von vovg und oge^ig erinnert^).
§. 7. Hiemit können wir unsere Uebersicht über die vorzüglichsten Classificationsversuche abschliessen. Achten wir auf die Principien, welche wir bei ihnen angewandt fanden, so erkennen wir, dass sie von vier verschiedenen Gesichts- punkten aus gemacht wurden. Drei davon waren uns schoii bei Aristoteles begegnet. Er hatte die psychischen Thätig- keiten geschieden: einmal, insofern er sie theils an dem Leibe haftend, theils nicht an ihn gebunden glaubte; dann, insofern er sie theils dem Menschen mit den Thieren gemein, theils ihm ausschliesslich eigenthümlich dachte, und endlich nach dem Unterschiede der Weise der intentionalen Inexistenz oder, wie wir sagen könnten, nach dem ünterscliiede der Weise des Bewusstseins. Das letzte Eintheilungsprincip sehen wir besonders häufig und zu allen Zeiten angewandt. Hiezu kommt dann noch das Princip der zweiten Eintheilung von Bain, welche die psychischen Erscheinungen in primitive und in solche zerlegt, welche sich aus primitiven entwickeln.
Wir werden nun in den folgenden^Untersuchungen sowohl hinsichtlich des Principes als hinsichtlich der Gliederung der Grundeintheilung unsererseits eine Entscheidung zu treffen haben.
^) Vgl. Ribot, Psychologie Anglaise Contemporainei Paris 1870, (p. 191), eine Schrift, in welcher insbesondere über Herbert Spencer^s psychologische Ansichten ein sehr hübscher Ueberblick gegeben wird« ^H f' t I Sechstes Capitel.
Eintheilnng der Seelenthätigkeiten in Yorstellnngen, Urtheile und Phänomene der Liebe nnd des Hasses.
§. 1. An welche Grundsätze haben wir uns bei der Grundeintheilung der psychischen Phänomene zu halten? — Offenbar an diejenigen, welche auch anderwärts bei der Classi- fication in Betracht kommen, und von deren Anwendung uns die Naturwissenschaft mehr als ein ausgezeichnetes Beispiel bietet.
Eine wissenschaftliche Classification soll von der Art sein, dass sie in einer der Forschung dienlichen Weise die Gegen- stände ordnet. Zu diesem Zwecke muss sie natürlich sein; d. h. sie muss das zu einer Classe vereinigen, was seiner Natur nach enger zusammengehört, und sie muss das in ver- schiedene Classen trennen, was seiner Natur nach sich relativ fem steht. Daher wird sie erst bei einem gewissen Maasse von KenntniöS der Objecte möglich; und es ist die Grund- regel der Classification, dass sie aus dem Studium der zu classificirenden Gegenstände, nicht aber aus apriorischer Con- struction hervorgehen soll. Krug fiel in diesen Fehler,, wenn er von vorn herein argumentirte, dass die Seelenthätigkeiten von zweifacher Gattung sein müssten: solche die von aussen nach innen, und solche die von innen nach aussen gerichtet seien. Und auch Horwicz verstiess gegen das Princip, wenn er, wie wir früher sahen *), statt duich ein genaueres Studium N N Capitel b. Eintheilung der Seelenthätigkeiten.
der SeelenerscheiBungen selbst eine Sicherung oder Berich- tigung der üblichen Grundeintheilung anzustreben, auf dem Grunde physiologischer Betrachtungen, die ihm den Gegensatz von Empfindungs- und Bewegungsnerven zeigten, zur Annahme eines ähnlichen, das ganze Seelengebiet durchdringenden Gegensatzes von Denken und Begehren sich verstieg. Aller- dings begreift es sich bei.dem zurückgebliebenen Zustande der Psychologie sehr wohl, dass man gerne auf andere Unter- suchungen als die der psychischen Phänomene gestützt eine entsprechende Classification gewinnen möchte. Allein wenn der naturgemässe Weg noch wenig gangbar ist^ so knüpft sich doch an keinen anderen eine Hoffnung dem Ziele näher zu kommen. Derjenige aber, welcher die bis jetzt erlangten Kenntnisse der psychischen Erscheinungen miassgebend wer- den lässt, wird selbst dann, wenn es ihm heute noch unmög- lich wäre, eine endgültig beste Grundeintheilung festzustellen, eine solche wenigstens vorbereitenr^ indem wie anderwärts auch hier Classification und Kenntniss der Eigenthümlichkeiten und Gesetze sich in der weiteren Entwickelung der Wissen- schaft dann gegenseitig vervollkommnen werden.
§. 2. Die in dem vorigen Capitel betrachteten Einthei- lungsversuche sind sämmtlich in so weit zu billigen, als sie aus dem Studium der psychischen Phänomene selbst hervor- gegangen sind. Auch waren ihre Urheber darauf bedacht, dass die Gliederung naturgemäss sei, indem sie die Unab- hängigkeit der einen Erscheinungen von den anderen oder eine tiefgreifende Unähnlichkeit maassgebend werden Hessen. Freilich ist damit nicht gesagt, dass nicht vielleicht die Un- voUkommenheit ihrer Kenntniss des psychologischen Gebietes sie bei diesem Streben missleitet habe. Und jedenfalls sind einige von den Eintheilungsversuchen nicht in gleichem Maasse wie andere verwerthbar; sowohl weil ihre Grundlage noch strittig ist, als auch weil die Vortheile, welche sie der For- schung zu gewähren versprechen, in Folge besonderer Hinder- nisse verloren gehen.
Machen wir dies im Einzelnen klar.
258 Bach n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Aristoteles schied die psychischen Phänomene in solche, welche dem Menschen mit den Thieren gemein, und solche, welche ihm eigenthtimlich seien. Stellen wir uns auf den Standpunkt der Aristotelischen Lehre, so wird diese Einthei- lung in vieler Hinsicht vorzüglich scheinen. Denn Aristoteles glaubte gewisse Seelenvermögen dem Menschen ausschliess- lich eigen, und hielt diese für immateriell, die allgemein ani- malischen dagegen für Vermögen eines körperlichen Organes. Es sondert also, wenn wir die Richtigkeit seiner Anschau- ungen voraussetzen, jene Eintheilung in dem ersten GUede Erscheinungen für sich ab, welche auch in der Natur von den anderen isolirt auftreten; und der Umstand, dass die einen Functionen eines Organs sind, die anderen nicht, lässt erwarten, dass jede der beiden Classen wichtige gemeinsame Eigen- thümlichkeiten und Gesetze zeigen werde. Aber die Aristo- teUschen Ansichten, auf Grund deren die Eintheilung sich empfehlen würde, enthalten gar Manches, was bestritten wer- den kann. Viele stellen in Abrede, dass dem Menschen im Gegensatze zum Thiere geistige Kräfte eigen seien; ja über- haupt ist man schon darüber nicht einig, welche psychischen Erscheinungen dem Menschen mit dem Thiere gemein seien und welche nicht. Während Descartes den Thieren alle psy- chische Thätigkeit abspricht, lassen andere und nicht unbe- deutende Forscher die höheren Thierclassen an allen Arten unserer einfacheren psychischen Phänomene Theil haben. Nur graduell glauben sie ihre Thätigkeiten von den unsrigen ver- schieden und sind der Meinung, dass der gesammte Unter- schied ihrer Leistungen sich genugsam daraus erklären lasse. Wenn insbesondere Aristoteles der Ansicht ist, dass den Thie- ren das Vermögen für allgemeine, abstracto Begriffe fehle, so stimmt zwar Locke ihm bei, aber von anderen und entgegen- gesetzten Seiten streitet man dagegen, dass hierin eine fun- damentale Verschiedenheit zwischen der psychischen Begabung von Mensch und Thier zu finden sei: die Einen wollen all- gemeine Begriffe mit Bestinuntheit auch bei Thieren nach- gewiesen haben; die Anderen, Berkeley an der Spitze, Oapitel 6. Eintheilung der Seelenthätigkeiten. 259 leugnen, dass sie auch nur dem Menschen in Wirklichkeit zu- kommen.
Die Ansicht von Descartes, wenn auch Manche im Hin- blick auf die Reflexerscheinungen sich neuerdings ihr zunei- gen, wird uns wohl weniger beirren: für die entgegengesetzte treten aber auch jetzt noch angesehene Denker von sonst ver- schiedenen Richtungen ein; und insbesondere sind die Berkeley- aner in England zahlreich geworden und fangen auch auf dem Continent sich auszubreiten an. Fände sich nun wirklich zwischen der psychischen Begabung von Menschen und Thieren kein, wie man sich ausdrückt, qualitativer Unterschied: so würde offenbar die Eintheilung der psychischen Phänomene in allgemein animalische und eigenthümlich menschliche viel von ihrer Bedeutung verlieren. Und jedenfalls erlaubt es uns schon der Streit der Ansichten und die Schwierigkeit ihn zu entscheiden nicht, diese Eintheilung bei der Anordnung unseres Stoffes als Grundeintheilung zu benützen.
Zudem wird der vorzüglichste Vortheil, welchen die Classi- fication im besten Falle der Forschung bieten könnte, näm- lich das isolirte Studium eines Theiles unserer psychischen Phänomene, dadurch wesentlich beeinträchtigt, dass wir in das psychische Leben der Thiere nur indirect einen Einblick besitzen. Und dieser Umstand sowohl als auch der Wunsch keine unerwiesenen Voraussetzungen zu machen, hat selbst Aristoteles abgehalten, sie bei der systematisch geordneten Darlegung seiner Seelenlehre als Grundeintheilung zu ver- wenden.
Bain, wie wir hörten, hat die Seelenerscheinungen in ele- mentare und in solche geschieden, welche aus diesen in wei- terer Entwickelung sich ergeben. Auch hier umfasst die erste Classe Erscheinungen, welche in der Natur von den anderen unabhängig auftreten. Aber auch hier gilt Aehnliches wie das, was wir eben bemerkten, dass sie nämlich da, wo sie unabhängig auftreten, nicht direct von uns zu beobachten sind. Auch hat es keine geringen Schwierigkeiten, sich über den Charakter der ersten Anfänge des Seelenlebens ein sicheres Urtheil zu bilden. Wenn in späteren Jahren ein.
260 Buch II. Von den psycliiaobeii Phäoomenen im AUgemeinea.
physischer Reiz eise Empfindung hervorruft, so können er- worbene Dispositionen einen mächtig umgestaltenden Einfluss auf die Erscheinung üben. Und so finden wir thatsächlich, dasB dieses Feld heutzutage ein vorzügliches Gebiet des Streites ist. Wie wir daher auch immer den Bain'schen Ge- sichtspunkt bei der Anordnung unserer Untersuchungen zu berücksichtigen haben werden, für die Gmndeintheilung wer- den wir besser thun einen anderen Maassstab zu wählen.
Es bleiben von den betrachteten Ciassiäcationen noch diejen^en übrig, welche die verschiedene Beziehung zum im- manenten G^enstande der psychischen Thätigkeit oder die verschiedene Welse seiner intentionaleu Existenz zum Ein- theilungsgrunde haben. Dieser Gesichtspunkt war es, den Aristoteles bei der Anordnung des StofTes vor allen Übrigen bevorzugte, und den häufiger als irgend einen anderen auch die verschiedensten Denker späterer Zeit, mehr oder minder bewusst, bei der Gmndeintheilung der psychischen Phänomene einnahmen. Die psychischen Phänomene unterscheiden sich von allen physischen durch nicbte so sehr als dadurch, dass ihnen etwas gegenständlich inwohnt. Und darum ist es sehr begreiflich, wenn die am Tiefeten greifenden Unterschiede in der Weise, in welcher ihnen etwas gegenständlich ist, zwi- schen ihnen selbst wieder die vorzüglichsten Classenunter- schiede bilden. Je mehr die Psychologie sich entwickelte, um so mehr hat sie auch gefunden, dass an die fundamentalen Unterschiede in der Weise der Beziehung zum Objeet sich mehr als an irgendwelche andere gemeinsame EigenthUmlich- keiten und Gesetze knüpfen. Und wenn die zuvor bespro- chenen Classificationen dem Bedenken unterlagen, dass ihr Nutzen grossentheils durch die Stellung des Beobachters ver- loren geht, so ist dagegen diese frei von einer solchen Be- einträchtigung ihrfö Werthes. Somit werden wir durch die mann^achsten Erwägungen dazu geführt, das gleiche Princip auch bei unserer Grundeintheilui^ zu benutzen.
§. 3. Aber wie viele und welche höchste Classen wer- den wir zu unterscheiden haben? — Wir sahen, dass in Capitel 6. Eintheilung der Seeleuthätigkeiten.
dieser Hinsicht zwischen den Psychologen keine Einigkeit be- steht. Aristoteles hat zwei verschiedene Grundclassen unter- schieden, Denken und Begehren. Unter den Modernen aber ist eine Dreitheilung in Vorstellung, Gefühl und Streben (oder wie man sonst die drei Gattungen zu benennen liebt) anstatt j6ner Zweitheilung üblich geworden.
Um sogleich unsere Ansicht auszusprechen, so halten auch wir dafür, dass hinsichtlich der verschiedenen Weise ihrer Beziehung zum Inhalte drei Hauptclassen von Seeleu- thätigkeiten zu unterscheiden sind. Aber diese drei Gattun- gen sind nicht dieselben wie die, \<relche man gemeiniglich aufstellt, und wir bezeichnen in Ermangelung passenderer , Ausdrücke die erste mit dem Namen Vorstellung, die zweite mit dem Namen Urtheil, die dritte mit dem Namen Gemüthsbewegung, Interesse oder Liebe.
Keine dieser Benennungen ist von der Art, dass sie nicht missverständlich wäre; vielmehr wird jede häufig in einem engeren Sinne angewandt. Aber unser Wortvorrath bietet uns keine einheitlichen Ausdrücke, welche sich besser mit den Begriffen decken. Und obwohl es etwas Missliches hat. Aus- drücke von schwankender Bedeutung als Termini bei so wich- tigen Bestimmungen zu benützen, und mehr noch, sie in einem vielleicht ungewöhnlich erweiterten Sinne anzuwenden: so scheint mir dies in unserem Falle doch besser als die Ein- führung völlig neuer und unbekannter Benennungen.
Darüber, was wir Vorstellen nennen, haben wir uns auch frühe?- schon erklärt. Wir reden von einem Vorstellen, wo immer uns etwas erscheint. Wenn wir etwas sehen, stellen wir uns eine Farbe; wenn wir etwas hören, einen Schall; wenn wir etwas phantasiren, ein Phantasiegebilde vor. Vermöge der Allgemeinheit, in der wir das Wort gebrauchen, konnten wir sagen, es sei unmöglich, dass die Seelenthätig- keit in irgend einer Weise sich auf etwas beziehe, was nicht vorgestellt werde 0- Höre und verstehe ich einen Namen, so stelle ich mir das, was er bezeichnet, vor; und im Allgemeinen AT Ml 262 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
ist dieses der Zweck der Namen, Vorstellungen hervorzu- rufen ^).
Unter dem Urth eilen verstehen wir, in Uebereinstim- mung mit dem gewöhnlichen philosophischen Gebrauche, ein (als wahr) Annehmen oder (als falsch) Verwerfen. Dass aber ein solches Annehmen oder Verwerfen auch da vorkommt^ wo Viele den Ausdruck Urtheil nicht gebrauchen, wie z. B* bei der Wahrnehmung psychischer Acte und bei der Erinne- rung, haben wir schon berührt. Und natürlich werden wir uns nicht abhalten lassen, auch diese Fälle der Classe des. Urtheils unterzuordnen.
Für die dritte Hauptclasse, deren Phänomene wir als Gemüthsbewegungen, als Phänomene des Interesses oder als Phänomene der Liebe bezeichneten, fehlt am Mei- sten ein recht geeigneter einheitlicher Ausdruck. Diese Classe soll nach uns alle psychischen Erscheinungen begreifen, die nicht in den beiden ersten Classen enthalten sind. Aber unter den Gemüthsbewegungen begreift man gemeiniglich nur Affecte^ die mit einer merklichen physischen Aufregung verbunden sind. Zorn, Angst, heftige Begierde wird Jeder als Gemüths- bewegungen bezeichnen; in der Allgemeinheit, in der wir das Wort gebrauchen, soll es dagegen auch auf jeden Wunsch,, jeden Entschluss und jede Absicht in gleicher Weise Anwen- dung finden. Doch bediente sich Kant wenigstens des Wortes Gemüth in noch weiterem Sinne als wir, indem er jedes psychische Vermögen, sogar das der Erkenntniss, als ein Ver- mögen des Gemüthes bezeichnete.