Wir sehen demnach, wie Ludwig eben so wenig da glück- lich ist, wo er den Beweis für die Einheit des Bewusstseins entkräften will, als er da, wo er ihr Gegentheil zu be- gründen suchte, erfolgreich war. In ähnlicher Weise, wie die Angriffe von Ludwig und Lange, gelingt es leicht, auch jeden anderen Versuch, der sich gegen diese Thatsache richtet, zurückzuweisen. Da die Fehler im Wesentlichen dieselben sind, wie die, welchen wir bei diesen bedeutenden Forschern begegneten: so wäre es in keiner Weise lohnend, wenn wir uns im Einzelnen bei ihnen aufhalten wollten.
^) Vgl. oben Buch II. Cap. 2. §. 5.
Bueli II- Von den pe^ chischen PhäDomeDen im Allgemeiaen.
Die Thatsache der Einheit des Bewasstseins, wie wir sie erklärten, ist also als etwas unzweifelhaft Gesichertes zu betrachten *).
') Wie TOD einem BewuMtsein, aa Bpficht man auch von einer Kinheic dB» BenuKteeins in mehrfachem Sinne; ja die UnterBchiede der Bedeatnng sind hier noch manuigfaldger, indem nicht bloss die des Nnmaas Benassteein variiit, sondern anch die Einheit zuweilen statt Hilf dai Subject auf das Object bezogen wird. So Terstehen Mancbe darunter die Thatsache, dass man gleichzeitig nur eine 6e- dankcnreihe aulinerksam und coDsequent verfolgen, unr mit einer Sache wahrhaft sich beschäftigen kann. In dieser Bedeutung werden wir epäter von der Einhät des Bewueetseine bandeln, da sie so gefas«t mit den Gesetzen der Ideenassociation in engstem Zusammenhange steht- Fünftes Capitel.
Fünftes Capitel.
Ueberblick über die yorzfigliehsten Yersuelie einer Classification der psychischen Phänomene.
§. 1. Wir kommen zu einer Untersuchung, die nicht bloss an sich, sondern auch für alle folgenden von grosser Wichtigkeit ist. Denn die wissenschaftliche Betrachtung be- darf der Eintheilung und Ordnung, und diese dürfen nicht willkürlich gewählt werden. Sie sollen, so viel als möglich, natürlich sein und sind dieses dann, wenn sie einer möglichst natürlichen Classification ihres Gegenstandes entsprechen.
Wie anderwärts, so werden auch in Bezug auf die psy- chischen Phänomene Haupteintheilungen und Untereintheilun- gen zu treffen sein. Zunächst aber wird es sich um die Bestimmung der allgemeinsten Glassen handeln.
Die ersten Classificationen, wie überhaupt so auch auf psychischem Gebiete, ergaben sich Hand in Hand mit der fortschreitenden Entwickelung der Sprache. Diese enthält allgemeinere wie minder allgemeine Ausdrücke für Phänomene des inneren Gebietes, und die frühesten Erzeugnisse der Dichtkunst beweisen, dass schon vor Beginn der griechischen Philosophie der Hauptsache nach dieselben Unterscheidungen gemacht waren, welche noch jetzt eine im Leben gangbare Bezeichnung finden. Bevor jedoch Sokrates zur Definition anregte, mit welcher die wissenschaftliche Classification aufs Innigste zusammenhängt, wurde von keinem Philosophen ein 234 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
nennenswerther Versuch zu einer Grundeintheilung der psy- chischen Erscheinungen gemacht.
Pia ton gebührt wohl das Verdienst, hier die Bahn ge- brochen zu haben. Er unterschied drei Grundclassen der psychischen Phänomene, oder vielmehr, wie er sich aus- drückte, drei Theile der Seele, von denen jeder besondere Seelenthätigkeiten umschloss; nämlich den begierlichen, den zornmüthigen und den vernünftigen Seelentheil^). Diesen drei Theilen entsprachen, wie wir schon gelegentlich bemerkten^), die drei Stände, welche Piaton als die haupt- sächlichsten im Staate unterschied: der Stand der Erwer- benden, welcher die Hirten, Ackerbauer, Handwerker, Kauf- leute und andere umfasste, der Stand der Wächter oder Krieger und der Stand der Herrscher. Auch sollten sich nach denselben drei Seelentheilen und in Rücksicht auf ihr relatives üebergewicht die drei hauptsächlichen Völkergrup- pen, die der verweichlichten, nach den Genüssen des Reich- thums jagenden Südländer (Phönicier und Aegypter), die der tapferen aber rohen nördlichen Barbaren und die der bil- dungshebenden Hellenen unterscheiden.
Wie Piaton seine Eintheilung bei der Bestimmung der wesentlichsten Unterschiede von Richtungen des Strebens als Anhalt benützte, so scheint er sie im Hinblicke auf solche Verschiedenheiten auch aufgestellt zu haben. Er fand in dem Menschen einen Kampf von Gegensätzen; einmal zwischen den Forderungen der Vernunft und den sinnlichen Trieben; dann aber auch zwischen den sinnlichen Trieben selbst; und hier schien ihm der Gegensatz von heftig aufbrausender Lei- denschaft, die dem Schmerz und Tod entgegenstürmt, und weichlichem Hang zum Genüsse, der vor jedem Schmerze sich zurückzieht, besonders auffallend und nicht minder gross als der Gegensatz zwischen vernünftigem und unvernünftigem Verlangen selbst. So glaubte er drei, auch ihrem Sitze nach *) Die griechischen Ausdrücke sind rö int&vinrinxov, tö S-vfioe^^ig und t6 loyiOTixov.
Capitel 5. Die vorzüglichsten Classificationsv ersuche. 235 verschiedene, Seelentheile anerkennen zu sollen. Der ver- nünftige Theil sollte im Haupte, der zornmüthige im Herzen, der begierliche im ünterleibe wohnen ^); der erste jedoch so, dass er vom Leibe trennbar imd unsterblich sei, und nur die beiden anderen an ihm haftend und in ihrem Bestehen an ihn gebunden. Auch hinsichtlich ihrer Verbreitung über einen engeren oder weiteren Kreis von lebenden Wesen glaubte Piaton sie verschieden. Der vernünftige Theil sollte unter allem, was auf Erden lebt, nur dem Menschen zukommen, den zornmüthigen sollte der Mensch mit den Thieren, den begierlichen endhch sowohl mit ihnen als auch mit den Pflan- zen gemein haben.
Die Unvollkommenheit dieser Eintheilung ist leicht er- kennbar. Ihre Wurzeln liegen einseitig auf ethischem Ge- biete, und dem widerspricht es nicht, wenn ein Theil als der vernünftige bezeichnet wird, da Piaton wie Sokrates die Tu- gend als ein Wissen betrachtete. Sobald man bestimmen will, welchem Theile diese oder jene einzelne Thätigkeit zu- zuschreiben sei, kommt man in Verlegenheit. Die sinnliche Wahrnehmung z. B. scheint sowohl dem begierUchen als zorn- müthigen zugeschrieben werden zu müssen und an gewissen Stellen scheint Piaton mit anderen Weisen der Erkenntniss auch sie' dem vernünftigen Theile beizulegen 2). Auch die Anwendungen, die Piaton von der Eintheilung macht, und in deren vermeintem Gelingen er eine Bestärkung finden ^) Schon Demokrit hatte geglaubt, das Denken habe im Gehirn, der Zorn im Herzen seinen Sitz. Die Begierde hatte er in die Leber verlegt. Dies wäre ein unbedeutender Unterschied von der späteren Platonischen Lehre. Aber nichts macht wahrscheinlich, dass Demokrit in diesen drei Theilen 'die Gesammtheit der Seelenthätigkeiten begrei- fen wollte; vielmehr verlangte der Zusammenhang seiner Ansichten, dass er jedes Organ mit besonderen Seelenthätigkeiten begabt dachte, und eben darauf scheint eine Stelle Plutarch's hinzudeuten. (Plac. IV. 4. 3.) So können wir denn überhaupt nicht sagen, dass von Demokrit bereits ein Versuch zu einer Grundeintheilung der psychischen Phä- nomene gemacht worden sei.
^) Vgl. Zeller^s Bemerkungen in seiner Philosophie der Griechen, ■l 236 l^uch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
mochte, zeigen vielmehr aufs Neue ihre. Schwäche. Es wird heutzutage kaum Jemand/ geneigt sein, mit Flaton in den drei Ständen der Erwerbenden, Krieger und Herrscher die hauptsächlichen Beruf sthätigkeiten, welche in der Gesell- schaft sich auseinanderzweigen, in erschöpfender Weise dar- ^ gestellt zu sehen. Weder die Kunst findet in ihr die gei^- bührende Stelle, noch die Wissenschaft. Denn die Erfahrung zeigt zu deutlich die Verschiedenheit der Begabung fftr theoretische und praktische Leistungen, als dass wir in der >: "^ Tüchtigkeit des wissenschaftlichen Denkers nicht eine ganz andere Art von Vollkommenheit als in der Tüchtigkeit des Herrschers anerkennen müssten; abgesehen davon, dass durch die Herrschaft eines Philosophen, die Piaton als Ideal vor- schwebte, die Freiheit der Wissenschaft, und somit ihr unlv gehemmter Fortschritt, am Allermeisten gefährdet sein würde.
Nichtsdestoweniger lagen in der Platonischen Eintheilung die Keime für die Bestimmungen, welche bei Aristoteles ihre Stelle einnahmen, und welche, ungleich bedeutender als die Platon's selbst, für Jahrtausende maassgebend geworden sind.
§. 2. Wir finden bei Aristoteles drei Grundeinthei- lungen der psychischen Phänomene, von welchen jedoch zwei, in ihrer Gliederung vollkommen sich deckend, als eine be- trachtet werden können.
Einmal unterschied er die Seelenerscheinungen, insofern er die einen für Thätigkeiten des Centralorgans, die anderen für immateriell hielt, also in Phänomene eines sterblichen und unsterblichen Seelentheiles.
Dann unterschied er sie nach ihrer grösseren oder ge- ringeren Verbreitung in allgemein animalische imd eigenthtimlich menschliche. Diese Eintheilung er- scheint bei ihm dreigliederig, indem Aristoteles vermöge sei- nes weiteren Begriffes des Seelischen, wie wir schon früher hörten, auch die Pflanzen für beseelt erklärte. Er zählt darum einen vegetativen, sensitiven und intellectiven Theil der Seele auf. Der erste, der die Phänomene der Ernährung, des Wachsthums und der Erzeugung in sich schliesst, soll Capitel 5. Die vorzäglichsten Classificationsyersuche. 237 allen irdischen leüenden Wesen, auch den Pflanzen, gemein- sam zukommen. Der zweite, der Sinn und Phantasie und andere verwandte Erscheinungen und mit ihnen die Affecte enthält, gilt ihm als der specifisch animalische. Den dritten endlich, welcher das höhere Denken und Wollen in sich be- greift, glaubt er unter den irdischen lebenden Wesen dem Menschen ausschliesshch eigenthtimlich. Aber in Folge der Beschränkung, welche der Begriff der psychischen Thätigkeit später erfuhr, fällt das erste der drei Glieder gänzlich ausser- halb ihres Bereiches. Die Seelenthätigkeiten im neueren Sinne des Wortes hat also Aristoteles vermöge dieser Ein- theilung nur in die zwei Gruppen der allgemein animalischen und eigenthümüch menschlichen zerlegt. Diese Glieder fallen mit den Gliedern der ersten zusammen. Ihre Ordnung aber bestimmt der Grad der Allgemeinheit ihres Bestehens.
Eine andere Haupteintheilung, die Aristoteles gibt, schei- det die psychischen Phänomene, — das Wort in unserem Sinne genommen^), — in Denken und Begehren, vovg und oQe^ig, im weitesten Sinne. Diese Eintheilung kreuzt sich bei ihm mit der vorigen, so weit sie für uns in Betracht kommt. Denn in der Classe des Denkens fasst Aristoteles mit den höchsten Verstandesbethätigungen, wie Abstraction, Bildung allgemeiner Urtheile und wissenschaftlicher Schluss- folgerung, auch Sinneswahrnehmung und Phantasie, Gedächt- niss und erfahrungsmässige Erwartung zusammen. In der des Begehrens aber sind ebenso das höhere Verlangen und Streben wie der niedrigste Trieb, und mit ihnen alle Gefühle und Aflecte, kurzum alles, was von psychischen Phänomenen der ersten Classe nicht einzuordnen ist, begriffen.
Wenn wir untersuchen, was Aristoteles dazu geführt habe, vermöge dieser Eintheilung zu verbinden, was die frühere Eintheilung geschieden hatte: so erkennen wir leicht, dass ihn dabei eine gewisse Aehnlichkeit bestimmte, welche das sinnliche Vorstellen und Scheinen mit dem intellectuellen, begrifflichen Vorstellen und für - wahr - Halten imd ebenso das *) Vgl. De Anim. III, 9. Anf. 10. Anf.
238 Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
m *u niedere Begehren mit dem höheren Streben zeigt. Er fand hier und dort, um es mit einem Ausdrucke, den wir schon früher einmal den Scholastikern entlehnten, zu bezeichnen, die gleiche Weise der intentionalen Inexistenz^ Und aus demselben Principe ergab sich dann auch die Trennung von Thätigkeiten, welche die frühere Einthellung verbunden hatte, ä«; in verschiedene Classen. Denn die Beziehung auf den Gegenstand ist bei Denken und Begehren verschieden. Und darein eben setzte Aristoteles den Unterschied der beiden Classen. , Nicht auf verschiedene Objecte glaubte er sie gerichtet, son- dern auf dieselben Objecte in verschiedener Wjeise. Deutlich sagt er, sowohl in seinen Büchern von der Seele als in sei- ner Metaphysik, dass dasselbe Gegenstand des Denkens und Begehrens sei und, zuerst im Denkvermögen aufgenommen, dann das Begehren bewege^). Wie also bei der früheren 1^; Eintheilung die Verschiedenheit des Trägers der psychischen ^ Phänomene so wie die Verbreitung über einen weiteren oder %:' engeren Kreis psychisch begabter Wesen den Eintheilungsgrund bildete, so bildet ihn bei dieser der Unterschied in ihrer Beziehung auf den immanenten Gegenstand. Die Ord- nung der Aufeinanderfolge der Glieder ist durch die relative Unabhängigkeit der Phänomene bestimmt 2). Die Vorstel- lungen gehören zur ersten Classe; ein Vorstellen aber ist die nothwendige Vorbedingung eines jeden Begehrens.
§.3. Im Mittelalter blieben die Aristotelischen Ein- theilungen wesentlich in Kraft; ja bis in die neue Zeit hin- ein reicht ihr Einfluss.
Wenn Wolff die Seelenvermögen einmal in höhere und niedere und dann in Erkenntniss- und Begeh- rungsvermögen scheidet und diese zwei Eintheilungen sich kreuzen lässt, so erkennen wir hierin leicht ein der doppelten Aristotelischen Gliederung wesentlich entsprechen- des Schema.
*) De Anim. III, 10. Metaph. ^, 7 *) Vgl. die oben citirten Stellen.
Capitel 5. Die yorzüglichsten ClassificationBversuche. 239 Auch in England hat wenigstens die letzte Eintheilung sehr lange nachgewirkt. Den Untersuchungen von Hume liegt sie zu Grunde; und Reid sowohl als Brown brachten nur unbedeutende und keineswegs glückliche Aenderungen an, wenn jener intellective und a c t i v e ^) Seelenvermögen unterschied, und dieser, nachdem er zunächst die Empfin- dungen als äussere Affectionen allen übrigen als inneren Affectionen gegenübergestellt hatte, die letzteren dann in intellectuelle Geisteszustände und Gemüthsbe- wegungen sonderte^). Alles, was Aristoteles unter seiner oQc^ig, begreift Brown unter der letztgenannten Classe.
§. 4. Eine Eintheilung, die* in ihrer Abweichung be- deutender und in ihrem Einflüsse nachhaltiger war, und die gemeiniglich noch heute als ein Fortschritt in der Classifica- tion der psychischen Erscheinungen betrachtet wird, wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Teten s und Mendelssohn aufgestellt. Sie schieden die Seelenthä- tigkeiten in drei coordinirte Classen und nahmen für jede von ihnen ein besonderes Seelenvermögen an. Tetens nannte seine drei Grundvermögen Gefühl, Verstand und Thätigkeitskraft^) (Willen); Mendelssohn bezeichnete sie als Erkenntnissvermögen, als Empfindungs- oder Billigung s vermögen („vermöge dessen wir an einer Sache Lust oder Unlust empfinden") und als Begehrungs- vermögen*). Kant, ihr Zeitgenosse, machte die neue ^) Aristoteles hatte das Begehren zugleich für das Princip der will- kürlichen Bewegung erklärt (De Anim. III, 10.)
*) Extemal — internal affections; inteUectual states of mind — emotions.
^) In einer Bemerkung üher das Erkenntniss -, Empfindungs- und Begehrungsvermögen, die, obwohl erst in den gesammelten Schriften (IV. S. 122 ff.) gedruckt, aus dem Jahre 1776 stammt, und in den 1785 erschienenen Morgenstunden, Vorles. VII. (ges. Schriften II, S. 295).
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y5k 240 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Classification in seiner Weise ^) sich eigen; er nannte die > drei Seelenvermögen das Erkenntnissvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungs- vermögen und legte sie der Eintheilung seiner kritischen Philosophie zu Grunde. Seine „Kritik der reinen Vernunft'^ bezieht sich auf das Erkenntniss vermögen, insofern es die 1^; Principien des Erkennens selbst, seine „Kritik der Urtheilskraft" auf das Erkenntnissvermögen, insofern es die Principien des Fühlens, seine „Kritik der praktischen Vernunft" end- ' lieh auf das Erkenntnissvermögen, insofern es die Principien ^. des Begehrens enthält. Hiedurch vorzüglich gewann die Classification Einfluss und Verbreitung, so dass sie noch heute ^.u: ziemlich allgemein herrschend ist.
;P Kant hält die Eintheilung der Seelenthätigkeiten in Er- 1^ kennen. Fühlen und Wollen darum für fundamental, weil er I' glaubt, dass keine der drei Classen aus der anderen ableitbar sei, oder mit ihr auf eine dritte als ihre gemeinschaft- liche Wurzel zurückgeführt werden könne *). Die Unter- schiede zwischen dem Ei-kennen und Fühlen seien zu gross, als dass etwas Derartiges denkbar scheine. Wie auch immer Lust und Unlust ein Erkennen voraussetzen, so sei doch eine Erkenntniss schlechterdings kein Gefühl, und ein Gefühl schlechterdings keine Erkenntniss. Und ebenso zeige das Begehren sich der einen und dem anderen völlig heterogen. Denn jedes Begehren, und nicht bloss das ausgesprochene Wollen, sondern auch der ohnmächtige Wunsch, ja selbst die Sehnsucht nach dem anerkannt Unmöglichen *), sei ein Stre- ben nach der Verwirklichung eines Objectes, während die Erkenntniss das Object nur erfasse und beurtheile, das Ge- fühl der Lust aber gar nicht auf das Object, sondern bloss ») Vgl. darüber J. B. Meyer, Kanfs Psychologie S. 41 ff.
*) „Alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaft- lichen Gründe ableiten lassen: das Erkenntnissvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen.^^ (Kritik der Ur- theilskraft, Einleit., III.)
^) Ebend. Anm.
/* ^) Ebend. Anm.
/* Capitel 5. Die vorzüglichsten ClassificatiQnsversuche. 241 auf das Subject sich beziehe, indem es für sich selbst Grund sei, seine eigene Existenz im Subjecte zu erhalten^).
Die Bemerkungen Kant's zur Begründung und Rechtfer- tigung seiner Eintheilung sind spärlich. Da aber später manche Philosophen, wie Carus, Weiss, Krug und andere, die wieder auf die Zweitheilung von Vorstelluögs - und Be- strebungsvermögen zurückgingen, ^ie nicht bloss angriffen, sondern sie als von vorn herein unmöglich hinstellen wollten, übernahmen Andere, und namentlich W. Hamilton, ihre Ver- theidigung und führtendie Gedanken, die Kant bloss angedeu- tet hatte, weiter aus.
Die Angriffe waren freilich sonderbar. So argumentirte Krug, nur darum seien Vorstellungs - und Bestrebungsver- mögen als zwei anzusehen, weil die Thätigkeit des Geistes eine doppelte Richtung, eine Richtung einwärts und eine Rich- tung auswärts, habe. Daher seien die Bethätigungen des Geistes in immanente oder theoretische und in transeunte oder praktische zu scheiden. Unmöglich aber sei ös, zwischen ihnen eine dritte Classe einzuschieben; denn diese müsste >) In dem Abschnitte der Abbandlang über die Philosophie über- haupt, in welchem Kant „Von dem System aller Vermögen des mensch*- liehen Gemüths*^ handelt und ausführlicher als anderwärts seine Lehre vorträgt und begründet, sagt er, man habe von Seiten gewisser Philo- sophen sich bemüht, die Verschiedenheit des ErkenntuissvermÖgens^ des Gefühles für Lust und Unlust und des Begehrungsvermögens „nur für scheinbar zu erklären und alle Vermögen aufs blosse Erkenntnisse vermögen zu bringen". Aber vergeblich. „Denn es ist immer ein grosser Unterschied zwischen Yorstellungen, so ferne sie, bloss auf» Object und die Einheit des Bewusstseins desselben bezogen, zum Er- kenntniss gehören, ingleichen zwischen derjenigen objectiven Be- ziehung, da sie, zugleich als Ursache der Wirklichkeit dieses Objecta betrachtet, zum Begehrungsvermögen gezählt werden, und ihrer Beziehung bloss aufs Subject, da sie für sich selbst Gründe sind, ihre eigene Existenz in demselben bloss zu erhalten, und so ferne im Ver- hältnisse zum Gefühle derLust betrachtet werden, welches letztere schlechterdings kein Erkenntniss ist noch verschafft, ob es zwar der- gleichen zum Bestimmungsgrunde voraussetzen mag.^' (Kant's Werke, Ausgabe v. Bosenkranz 1. S. 586 ff.)
Brentano, Psychologie. I. 16 I Cr 242 Buch IL Voa den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
eine Richtung haben, die weder einwärts noch auswärtg ging, was undenkbar sei.
Hamilton musste es leicht werden, ein solches Baison- nement als nichtig darzuthun. Warum, fragt er mit Biunde, sollten wir nicht vielmehr sagen, dass. drei Gattungen von Thätigkeiten in der Seele zu denken seien, von welchen die einen ineunt, die anderen immanent, die dritten transeunt wären 1)? — Und wirklich käme man auf diesem, allerdings etwas abenteuerlichen, Wege zu einer Classification, die in ihren drei Gliedern mit dem, was Kant in der oben citirten Stelle von Erkenntniss, Gefühl und Begehren sagte, ziemlich ^', gut stimmen würde.
Aber Hamilton weist nicht bloss diesen Angriff zurück; ^^^- er versucht auch eine positive Begründung der Nothwendigkeit der Annahme der Gefiihle als einer besonderen Grund- classe. Zu diesem Zwecke zeigt er, dass es gewisse Zustände des Bewusstseins gebe, die weder als ein Denken noch auch als ein Bestreben classificirt werden können. Solche seien S; die Gemüthsbewegungen, die in Jemand erregt werden, wenn ^/ er den Bericht vom Tode des Leonidas bei den Thermopylen lese, oder wenn er die folgende schöne Strophe aus einer bekannten alten Ballade höre: „Um Widdrington hüllt Gram mein Haupt, Weil ihn der Tod rafft' hin, Der, als die Ftisse ihm geraubt, Noch focht auf seinen Knien."
Solche Gemüthsbewegungen seien kein blosses Denken; und auch als Wollen oder Begehren lassen sie sich nicht bezeich- nen. Aber doch gehören auch. sie zu den psychischen Phä- nomenen, und somit sei es nothwendig, den beiden Classen eine dritte zu coordiniren, die man mit Kant als die der Gefühle bezeichnen könne ^).
Dass dieses Argument ungenügend sei, ist leicht erkenn- bar. Es könnte sein, dass die Ausdrücke Wollen und Be- gehren nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche zu eng *) Sir W. Hamilton, Lectures on Metaphysics II. p. 423.
Capitel 5. Die vorzüglichsten Classificationsversuche. 243 wären, um alle psychischen Phänomene ausser den Phänome- nen des Denkens zu umfassen, und dass überhaupt ein hiezu geeigneter Namen in der gewöhnlichen Sprache, fehlte, dass aber nichtsdestoweniger die Erscheinungen, die wir Begierden und die, welche wir Gefühle nennen, zusammen eine einheit- liche, weitere und den Phänomenen des Denkens naturgemäss coordinirte Classe psychischer Phänomene bildeten. Eine wahre Rechtfertigung der Eintheilung ist nicht möglich ohne Darlegung des Eintheilungsprincips. Und Hamilton versäumt nicht, an einer anderen Stelle eine solche zu geben, indem er mit Kant die drei Classen für Phänomene verschiedener Vermögen der Seele erklärt, von welchen keines einer Ab- leitung fähig sei.
Descartes, Leibnitz, Spinoza, Wolflf, Platner und andere Philosophen, sagt er, haben, weil die Erkenntniss des inneren Bewusstseins alle Phänomene begleitet, das Vorstellungsver- mögen als das Grundvermögen des Geistes betrachten zu müssen geglaubt, von dem die anderen nur abgeleitet seien. Allein mit Unrecht. „Diese Philosophen bemerkten nicht, dass obwohl Lust und Schmerz und ebenso Begehren und Wollen nur sind, insofern sie als seiend erkannt werden, den- noch in diesen Modificationen eine absolut neue Qualität, ein absolut neues Geistesphänomen hinzugekommen ist, welches niemals in der Fähigkeit der Erkenntniss inbegriffen war und daher auch nie aus ihr entwickelt werden konnte. Die Fähigkeit des Erkennens ist unstreitig die erste der Ordnung nach und so die couditio sine qua non der anderen, und wir sind fähig ein Wesen zu denken, das etwas als seiend zu erkennen fähig ist und doch gänzlich aller Gefühle von Lust und Schmerz, aller Fähigkeiten zum Begehren und Wollen ermangelt. Auf der anderen Seite sind wir völlig unfähig ein Wesen zu denken, welches, im Besitze von Gefühl und Begehren, — zugleich ohne Erkenntniss irgend welchen Ob- jectes, auf welches seine Aflfecte sich richteten und ohne ein Bewusstsein von diesen Aflfectionen selbst wäre.
„Wir können femer ein Wesen denken, welches mit Er- kenntniss und Gefühl allein ausgestattet wäre, ein Wesen, :V t^y I W\ "AH fr 244 Buch II. Von den phsychischen Phänomenen im Allgemeinen.
begabt mit einer Fähigkeit, Objecte zu erkennen und sich freuend in der Ausübung, sich betilibend bei der Hemmung seiner Thätigkeit, — und dennoch beraubt jener Fähigkeit zur Willensenergie, jenes Bestrebens, welches wir im Menschen finden. Solch einem Wesen würden Gefühle von Schmerz und Lust, nicht aber Begehren und Willen im eigentlichen Sinne zukommen.
„Auf der anderen Seite jedoch können wir unmöglich denken, dass eine Willensthätigkeit unabhängig von allem Gefühle bestehe; denn die Willensbestrebung ist eine Fähig- keit, welche nur durch einen Schmerz oder eine Lust zur Bethätigung bestimmt werden kann, — nämlich durch eine Schätzung des relativen Werthes der Objecte 0."
Diese Rechtfertigung der Classification in Bezug auf Princip, Zahl, Art und Ordnung der Glieder darf wohl als eine weitere Ausführung der Bemerkungen Kant's im gleichen Sinne betrachtet werden.
Hören wir auch noch Lotze, der gegenüber Herbart's neuem Versuche, jede Mehrheit von Vermögen zu beseitigen, in seiner Medicinischen Psychologie und mehr noch in seinem Mikrokosmus der Kant'schen Dreitheilung eine eingehende Vertheidigung widmet.
„Die frühere Psychologie", sagt Lotze, „hat geglaubt, dass Gefühl und Wille eigenthümliche Elemente enthalten, welche weder aus der Natur des Vorstellens fliessen, noch aus dem allgemeinen Charakter des Bewusstseins, an dem beide mit diesem zugleich Theil haben; dem Vermögen des Vorstellens wurden sie desshalb als zwei ebenso ursprüngliche Fähigkeiten zugesellt, und neuere Auffassungen scheinen nicht glücklich ip der Widerlegung der Gründe, die zu dieser Dreiheit der ürvermögen veranlassten. Zwar nicht das können wir behaupten wollen, dass Vorstellen, Gefühl und WUle als drei unabhängige Entwickelungsreihen mit geschiedenen Wurzeln entspringend sich in den Boden der Seele theilen, und jede für sich fortwachsend, nur mit ihren letzten Verzweigungen Capitel 5- Die vorzüglichsten Classificationsversuche. 245 sich ZU mannigfachen Wechselwirkungen berühren. Zu deut-^ lieh zeigt die Beobachtung, dass meistens Ereignisse des Vor- stellungslaufes die Anknüpfungspunkte der Gefühle. sind und dass aus diesen, aus Lust und Unlust, sich begehrende und abstossende Strebungen entwickeln. Aber diese offen vor- liegende Abhängigkeit entscheidet doch nicht darüber, ob hier das vorangehende Ereigniss in der That als die volle und hinreichend bewirkende Ursache ^us eigener Kraft das nach- folgende erzeugt, oder ob es nur als veranlassende Gelegen- heit dieses nach sich zieht, indem es zum Theil mit der frem- den Kraft einer unserer Beobachtung entgehenden, im Stillen mithelfenden Bedingung wirksam ist...
„Die Vergleichung jener geistigen Erscheinungen nöthigt uns, wenn wir nicht irren, zu dieser letzteren Annahme. Betrachten wir die Seele nur als vorstellendes Wesen, so werden wir in keiner noch so eigenthümlichen Lage, in welche sie durch die Ausübung dieser Thätigkeit geriethe, einen hin- länglichen Grund entdecken, der sie nöthigte, nun aus dieser Weise ihres Aeusserns hinauszugehen und Gefühle der Lust und Unlust in sich zu entwickeln. Allerdings kann es scheinen, als verstände im Gegentheil nichts so sehr sich von selbst, als dass unversöhnte Gegensätze zwischen mannig- fachen Vorstellungen, deren Widerstreit der Seele Gewalt anthut, ihr Unlust erregen, und dass aus dieser ein Streben nach heilender Verbesserung entspringen müsse. Aber nur uns scheint dies so, die wir eben mehr als vorstellende Wesen sind; nicht von selbst versteht sich die Nothwendigkeit jener Aufeinanderfolge, sondern sie versteht sich aus dem allgemei- nen Herkommen unserer inneren Erfahrung, die uns längst an ihre thatsächliche Unvermeidlichkeit gewöhnt hat und uns darüber hinwegsehen lässt, dass in Wahrheit hier zwischen jedem vorangehenden und dem folgenden Gliede der Reihe eine Lücke ist, die wir nur durch Hinzunahme einer noch unbeobachteten Bedingung ausfüllen können. Sehen wir ab von dieser Erfahrung, so würde die bloss vorstellende Seele keinen Grund in sich finden, eine innere Veränderung, wäre sie selbst gefahrdrohend für die Fortdauer ihres Daseins, m tc/^ Lti M rC fe ■I M" •V 1 246 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
anders als mit der gleichgültigen Schärfe der Beobachtung aufzufassen, mit der sie jeden anderen Widerstreit von Kräften betrachten würde; entstände femer aus anderen Quellen doch neben der Wahrnehmung noch ein Gefühl, so würde doch die bloss fühlende Seele selbst in dem tödtenden Schmerze weder Grund noch Befähigung in sich finden, zu einem Streben nach Veränderung überzugehen; sie würde leiden, chne zum Wollen aufgeregt zu werden. Da dies nun nicht so ist, und damit es anders sein könne, muss die Fähigkeit, Lust und Unluöt zu fühlen, ursprünglich in der Seele liegen, und die Ereignisse des Vorstellungslaufes, zurück- wirkend auf die Natur der Seele, wecken sie zur Aeusserung, ohne sie erst aus sich zu erzeugen; welche Gefühle femer das Gemüth beherrschen mögen, sie bringen nicht ein Streben hervor, sondern sie werden nur zu Beweggründen für ein vorhandenes Vermögen des Wollens, das sie in der Seele vorfinden, ohne es ihr jemals geben zu können, wenn es ihr fehlte...„So würden nun diese drei Urvermögen sich als stufen- weise höhere Anlagen darstellen, und die Aeussemng der einen die Thätigkeit der folgenden auslösen^)."
Lotze führt seine Erläutemng und vertheidigende Begrün- dung der Kant'schen Classification noch weiter fort. Doch genügt die angezogene Stelle, um uns zu zeigen, dass er ihr Princip eben so fasst wie Hamilton, und dass er auch in einer ganz ähnlichen Weise sowohl die Dreiheit der Vermögen, als auch ihre Ordnung feststellt. Beide thun eben nichts Ande- res, als dass sie den Gedanken Kant's weiter ausfuhren.
Indessen scheint das Princip, welches Kant bei seiner Grundeintheilung der psychischen Phänomene anwandte, und welches Hamilton sowohl als Lotze und mit ihnen viele Andere sich eigen machten, zur Bestimmung der höchsten Classen wenig geeignet; und dies nicht etwa, weil Herbart's Meinung Capitel 5. Die vorzüglichsten ClaBsificationsversuche. 247 sich aufrecht erhalten Hesse, sondern, ich möchte sagen, aus einem entgegengesetzten Grunde.
Wenn zwei psychische Phänomene, schon desshalb, weil aus der Fähigkeit zu ^em einen auf die Fähigkeit zu dem anderen nicht von vom herein geschlossen werden kann, verschiedenen Grundclassen zuzurechnen wären, so müsste man nicht bloss, wie Kant, Hamilton und Lotze wollen, das Vorstellen vom Fühlen und Begehren, sondern auch das Sehen vom Schmecken, ja das Eoth-Sehen vom Blau-Sehen als von einem Phänomene scheiden, das zu einer anderen höchsten Classe gehörte.
In Betreff des Sehens und Schmeckeris ist, was ich sagte, einleuchtend; gibt es ja zahlreiche Gattungen von niederen Thieren, die am Geschmacke, nicht aber am Gesichte Theil haben. Aber auch für Roth-Sehen und Blau-Sehen gilt, wie gesagt, dasselbe; und ein handgreiflicher Beweis liegt in der Thatsache der ßothblindheit, dem sogenannten Daltonismus, vor. Der Rothblinde sieht nur die mittleren Farben des Spectrums, während die stärker oder schwächer gebrochenen Licht- strahlen wie Roth und Violett ihm entgehen. Auch gibt es bekanntlich Lichtarten, welche selbst das normale Auge nicht zu sehen fähig ist; jene nämlich, die stärker als Roth und schwächer als Violett gebrochen werden, und von denen wir nur durch ihre chemischen Wirkungen und durch ihren Ein- fluss auf die Temperatur, so wie durch solche Experimente Kenntniss gewinnen, durch welche es gelingt, eine prisma- tische Farbe in eine andere von stärkerer oder schwächerer Brechung zu verwandeln. Auf diese Weise verwandeln wir auch uns unsichtbare Lichtstrahlen in sichtbare. Es steht offenbar nichts im Wege anzunehmen, dass bei anderen Augen oder bei einem anderen Gesichtssinne als dem unsrigen, eine ausgedehntere Farbenscala möglich sein würde, welche auch die uns unempfindlichen Lichtarten in sich begriffe und so sich zu der unsrigen, wie diese zu der des Rothblinden, verhielte.