' ') Viel enger fassen Meyer (Kant's Psychologie), Bergmann (Vom Bewtisstsein), Wundt (Physiologische Psychologie) u. A. den Begriff der Vorstellung, während z. B. Herbart und Lotze den Namen ähnlich wie wir gebrauchen. Es gilt hier, was wir früher in Betreff des Namens Bewnsstsein bemerkten. (Buch II. Cap. 2. §. 1.) Man wird am Besten thun, den Namen so zu gebrauchen, dass er am Meisten eine Lücke in der Terminologie auszufüllen dient. Nun besitzen wir für jene specielleren Classen auch andere Ausdrücke, während für unsere erste Grundclasse kein anderer uns gegeben ist. Somit scheint die Ver- wendung in diesem allgemeinsten Sinne geboten.
Capitel 6. Eintheilung der Seelenthätigkeiten. 263 Auch den Ausdruck Interesse pflegt man vorzugsweise nur für gewisse Acte, die zu dem hier umschriebenen Gebiete gehören, zu gebrauchen; namentlich in Fällen, wo Wissbegier oder Neugier erregt wird. Doch kann man wohl nicht leug- nen, dass jede Lust oder Unlust an etwas, sich nicht ganz unpassend als Interesse bezeichnen lässt, und dass auch jeder Wunsch, jede Hoffnung, jeder Willense^ntschluss ein Act des Interesses ist, welches an etwas genommen wird.
Statt mit dem einfachen Namen Liebe, hätte ich die Classe streng genommen als Lieben oder Hassen bezeichnen müssen; und nuj weil man auch anderwärts, wie z. B. wenn man das Urtheilen als ein für-wahr-Halten bezeichnet, oder von Phänomenen des Begehrens in weiterem Sinne redet ^), den Gegensatz mit eingeschlossen denkt, habe ich der Kürze halber den einen Namen für sich allein das Namenpaar ver- treten lassen. Aber auch abgesehen' davon wird vielleicht Mancher mir vorwerfen, dass ich den Namen zu weit ge- brauche: Und es ist sicher, dass er nicht in jedem Sinne das ganze Gebiet umspannt. In einem anderen Sinne sagt man nämlich, dass man einen Freund, in einem anderen, dass man den Wein liebe; jenen liebe ich indem ich ihm Gutes wünsche, diesen, indem ich ihn selbst als etwas Gutes be- gehre und mit Lust geniesse. In einem Sinne wie dem, welchen das Wort in dem zweiten Falle hat, glaube ich nun, dass in jedem Acte, der zu dieser dritten Classe gehört, etwas geliebt, genauer gesprochen etwas geliebt oder gehasst wird. Wie jedes Urtheil einen Gegenstand für wahr oder falsch nimmt, so ninunt in analoger Weise jedes Phänomen, welches der dritten Classe zugehört, einen Gegenstand für gut oder schlecht. Spätere Erörterungen werden dies näher erklären und hoffentlich vollkommen ausser Zweifel setzen.
§. 4. Vergleichen wir unsere Dreitheilung mit derjenigen, welche seit Kant in der Psychologie vorherrscht, so finden ^) Wie Kant, wenn er das eine seiner drei Grundvermögen Be- gehrangsvermögen nennt, und Aristoteles, indem er c^c$ig als Namen einer Grundclasse verwendet.
Impplfp^'^f Siebentes Capitel.
Vorstellung und ürtheil zwei verschiedene Grundclassen.
§. 1. Wenn wir sagen, Vorstellung und Urtheil seien verschiedene Grundclassen psychischer Phänomene, so meinen wir damit nach dem zuvor Bemerkten, sie seien zwei gänz- lich verschiedene Weisen des Bewusstseins von einem Gegen- stande. Dabei leugnen wir nicht, dass alles Urtheilen ein Vorstellen zur Voraussetzung habe. Wir behaupten viehnehr, dass jeder Gegenstand, der beurtheilt werde, in einer dop- pelten Weise im Bewusstsein aufgenommen sei, als vorgestellt und als anerkannt oder geleugne.t. So wäre denn das Ver- hältniss ähnlich dem, welches mit Recht, wie wir sahen, von der grossen Mehrzahl der Philosophen, und von Kant nicht minder als von Aristoteles, zwischen Vorstellen und Begehren angenommen wird. Nichts wird begehrt, was nicht vorge- stellt wird; aber doch ist das Begehren eine zweite, ganz neue und eigenthümliche Weise der Beziehung zum Objecto, eine zweite, ganz neue Art von Aufnahme desselben in'sBe- * wusstsein. Nichts wird auch beurtheilt, was nicht vorgestellt wird; aber wir behaupten, dass, indem der Gegenstand einer Vorstellung Gegenstand eines anerkennenden oder verwerfen- den Urtheils werde, das Bewusstsein in eine völlig neue Art von Beziehung zu ihm trete. Er ist dann doppelt im Be- wusstsein aufgenommen, als vorgestellt und als für wahr ge- Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei yerschiedene Grundclassen. 267 halten oder geleugnet, wie er, wenn die Begierde auf ihn sich richtet, als vorgestellt zugleich und als begehrt ihm inwohnt.
Das sagen wir ist, was die innere Wahrnehmung und die aufmerksame Betrachtung der Erscheinungen des Urthei- lens im Gedächtnisse klar erkennen lassen.
§. 2. Freilich hat dies nicht verhindert, dass das wahre Verhältniss zwischen Vorstellen und Urtheilen bis jetzt all- gemein verkannt wurde, und ich muss desshalb darauf rech- nen, dass ich, wenn ich auch nichts Anderes sage, als was das Zeugniss der inneren Wahrnehmung unmittelbar bestä- tigt, mit meiner Aufstellung zunächst dem grössten Misstrauen begegne.
Aber wenn man nicht annehmen will, dass im Urtheilen zum blossen Vorstellen eine zweite, grundverschiedene Weise der Beziehung des Bewusstseins zum Gegenstand hinzutrete, so leugnet man doch nicht und kann nicht leugnen, dass irgend ein Unterschied zwischen dem einen und anderen Zu- stande bestehe. Vielleicht wird eine nähere Erwägung dar- über, worin die Verschiedenheit des Urtheilens, wenn sie nicht in unsere!* Weise aufgefasst wird, eigentlich liegen möge, zur Annahme unserer Behauptung geneigter machen, indem sie zeigt, dass keine einigermaassen haltbare Antwort gegeben werden kann.
Käme im Urtheilen nicht eine zweite und eigenthüm- liche Weise der Beziehung zum Vorstellen hinzu; wäre also die Weise, wie der Gegenstand des Urtheils im Bewusstsein ist, wesentlich dieselbe wie die, welche Gegenständen, inso- fern sie vorgestellt werden, zukommt: so könnte ihr Unter- schied wohl nur gefunden werden entweder in einem Unter- schiede des Inhalts, d. h. in einem Unterschiede zwischen den Gegenständen, auf welche sich Vorstellung und Urtheil beziehen, oder in einem Unterschiede der Vollkommenheit, mit welcher derselbe Inhalt beim blossen VorsteUen und beim Urtheilen von uns gedacht wird. Denn zwischen dem Denken» 268 Buch U. Ton den pejchischen PhSnomeneii im AllgemeineD.
welches wir Vorstellen, und demjenigen, welches wir Urthei- len nennen, besteht ja doch ein innerer Unterschied.
A. Bain allerdings hatte den unglUcklichea Gedanken, den Unterschied zwischen VorBteUen und Urtheilen nicht in diesen Denkthätigkeiten seihst, sondern in den daran ge- knüpften Folgen zu suchen. Weil wir dann, wann wir etwas nicht hloEs vorstellen, sondern auch für wahr halten, in be- sonderer Weise bei unserem Wollen und Handeln es maass- gebend werden lassen, so meinte er, der Unterschied des für -wahr- Haltens von dem blossen Vorstellen bestehe in nichts Anderem als in diesem Einflüsse auf den Willen. Das Vorstellen, welches einen solchen Einfluss übe, sei dadurch, dass es ihn übe, ein Glauben (belfef). Ich nannte diese Theorie eine unglücküche. Und in der That, woher kompat es denn, dass das eine Vorstellen- des Gegenstandes jenen Einfluss auf das Handeln hat, das andere aber ihn nicht hat? — Das blosse Aufwerfeo der Frage genügt, um das Versehen, dessen Bain sieh schuldig machte, deutlich zu zeigen. Die besonderen Folgen würden nicht sein, wenn nicht ein besonderer Grund dafür in der Beschaffenlieit des Denkens gegeben wäre. Weit entfernt, dass der Unterschied in den Folgen die Annahme einer inneren Verschiedenheit zwischen der blossen Vorstellung und dem Urtheil entbehr- lich machte, weist er vielmehr nadidrücklich auf eine solche innere Verschiedenheit hin. Von John Stuart Mill be- kämpft ^), hat darum Bain selbst die von ihm in seinem grossen Werke über die Gemüthsbewegungen und den Wil- len*), so wie in den ersten Ausgaben seines Compendiums der Psychologie vertretene Behauptung in einer Schlussbe- merkung zu dessen dritter Auflage als irrig anerkannt und zurückgenommen ").
') Id einer Note zur Aualjeis of the Pfaenomena of the Huniaa Mind von Jame« Hill, 2. edit. I. p. 402.
*) The Emotion« and Üie Will ■) Mental and Moral Science, 3. edit. London 1872. Note on the chapter on Belief, Äppend. p. IQO.
Capitel 7. Vorstellung u-Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 269 In einen ähnlichen Fehler ist der ältere MilP) und in neuester Zeit wieder Herbert Spencer ^) gefallen. Diese bei- den Philosophen sind der Meinung, das Vorstellen einer Ver- einigung von zwei Merkmalen sei dann mit Glauben (belief) verbunden, wenn sich in dem Bewusstsein zwischen den bei- den Merkmalen eine untrennbare Association gebildet habe, d. h. wenn die Gewohnheit zwei Merkmale verbunden vorzu- stellen so stark geworden sei, dass die Vorstellung des einen Merkmals unausbleiblich und unwiderstehlich auch das andere in's Bewusstsein rufe und mit ihm verknüpfe. In nichts An- derem als in einer solchen untrennbaren Association, lehren, sie, bestehe das Glauben. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob wirklich in jedem Falle, in welchem eine gewisse Verbin- bindung von Merkmalen für wahr gehalten wird, eine un- trennbare Association zwischen ihnen bestehe, und ob wirk- lich in jedem Falle, in welchem eine solche Association sich gebildet hat, die Verbindung für wahr gehalten werde. An- genommen vielmehr. Beides sei richtig, so ist es doch leicht erkennbar, dass diese Bestimmung des Unterschiedes zwischen Urtheil und Vorstellung nicht genügen kann, da, wenn der angegebene Unterschied allein zwischen dem Urtheil und der be- treffenden Vorstellung bestände, beide in sich selbst betrach- tet ein völlig gleiches Denken sein würden. Die Gewohnheit zwei Merkmale vereinigt zu denken ist nicht selbst ein Den- ken oder die besondere Beschaffenheit eines Denkens, sondern eine Disposition, die einzig und allein in ihren Folgen sich offenbart. Und die Unmöglichkeit von zwei Merkmalen das eine ohne das andere zu denken, ist eben so wenig selbst ein Denken oder die besondere Beschaffenheit eines Denkens; sie ist vielmehr nach der Ansicht der genannten Philosophen nur ein besonders hoher Grad jener Disposition. Wenn sich diese Disposition nur darin offenbart, dass die Verbindung ^) Anal, of the Phenom. of the Human Mind. Chapt. XL *) Priuciples of Psychology, 2. edit. I. London and Edinburgh, 1870. Sieh darüber J. St. MiU in einer Note zu dem eben citirten Ca pitel der Anal. p. 402.
270 Buch n. ' Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
I von Merkmalen ausnahmslos, aber ganz in derselben Weise wie vor ihrer Erwerbung gedacht wird, so ist es klar, dass, wie wir sagten, zwischen dem Denken vorher, welches ein blosses Vorstellen, und dem Denken nachher, welches ein Glauben sein soll, in sich selbst kein Unterschied besteht. Wenn sich die Disposition aber noch in anderer Weise von Einfluss zeigt, so dass nach ihrer Erwerbung das Denken der Verbindung modificirt ist und eine neue, besondere Be- schaffenheit erlangt hat, so muss man sagen, dass in dieser Beschaffenheit, nicht aber in der inseparabelen Association, aus welcher sie hervorgeht, der eigentliche Unterschied des für - wahr - Haltens vom blossen Vorstellen anzuerkennen sei. Darum sagte ich, der Fehler von James Mill und Herbert Spencer sei demjenigen von Bain verwandt. Denn, wie Bain eine Besonderheit der Folgen mit der inneren Besonderheit des für -wahr -Haltens verwechselte, so haben der ältere Mill imd Spencer etwas als Besonderheit dieser Weise des Den- kens geltend gemacht, was sie nur etwa als Ursache seiner Besonderheit hätten bezeichnen dürfen.
§. 3. So viel also steht fest, dass der Unterschied zwischen Vorstellen und Urtheilen ein innerer Unterschied des einen Denkens vom anderen sein muss. Und wenn dies, so gilt, was wir oben gesagt haben, dass nämlich, wer unsere Anschauung über das Urtheilen bestreitet, die Verschieden- heit, die zwischen ihm und dem blossen Vorstellen besteht, nur in einem von Beidem, entweder in einem Unterschiede der gedachten Gegenstände, oder in einem Unterschiede der Vollkommenheit, mit welcher sie gedacht werden, suchen kann. Ziehen wir von diesen zwei Annahmen zunächst die letztere in Erwägung.
Wo es sich um einen Unterschied der Vollkommenheit zweier psychischer Thätigkeiten handelt, die sowohl hinsicht- lich der Weise ihrer Beziehung auf das Object als auch hin- sichtlich des Inhalts, auf welchen sie sich beziehen, überein- stimmen, da kann wohl von nichts Anderem als von einem Unterschiede der Stärke des einen und anderen Actes die \ Capitel 7. Vorstellung u. UrtheÜ zwei verschiedene Grundclassen. 271 Rede sein. Die Frage, die wir zu untersuchen haben, ist also keine andere als die, ob etwa darin die Besonderheit des Urtheüens gegenüber dem Vorstellen bestehe, dass beim Urtheilen der Inhalt mit grösserer Intensität gedacht, also das Vorstellen eines Objectes durch eine Zunahme seiner In- tensität zum jfttr- wahr -Halten gesteigert werde. Es leuchtet ein, dass eine solche Auffassung nicht richtig sein kann. Nach ihr wäre das Urtheil eine stärkere Vorstellung, die Vorstel- \ lung ein schwächeres Urtheil. Aber ein Vorgestellt - sein, wenn auch noch so klar und deutlich und lebendig, ist nicht ein Beurtheilt-sein, und ein mit noch so geringer Zuversicht gefälltes Urtheil ist nicht eine blosse Vorstellung. Allerdings mag es geschehen, dass einer etwas, was ihm mit fieberhafter Lebhaftigkeit in der Phantasie erscheint wie etwas, was er sieht, für wirklich nimmt, was er nicht thun würde, wenn fes ihm in schwächerem Eindrucke erschiene; aber wenn mit der grösseren Stärke einer Vorstellung in gewissen Fällen ein für -wahr -Halten gegeben ist, so ist sie desshaJb nicht selbst das für - wahr - Halten. Die Illusion kann darum schwinden, während die Lebendigkeit der Vorstellung beharrt. Und in anderen Fällen hält man mit aller Zuversicht etwas für wahr, obwohl der Inhalt des Urtheils nichts weniger als lebendig vorgestellt wird. Wie endlich sollte, wenn die An- erkennung eines Gegenstandes ein starkes Vorstellen wäre, die verneinende Verwerfung desselben gefasst werden?
Gewiss wäre es unnütz, wollten wir uns länger mit der Bekämpfung einer Hypothese aufhalten, bei welcher schon von vom herein nur Wenige geneigt sein werden, sie zu ver- treten. Sehen wir vielmehr, ob es uns ebenso gelingen wird, den anderen Weg, auf welchem man mit grösserem Scheine unsere Annahme für vermeidlich halten könnte, als einen unmöglichen nachzuweisen.
§. 4. In der That geht eine sehr gewöhnliche Meinung dahin, dass das Urtheilen in einem Verbinden oder Trennen bestehe, welches in dem Bereiche unseres Vorstellens sich vollziehe, und das bejahende Urtheil und, in etwas modificirter 272 Buch II. Von den psyehisclien Phänomenen im Allgemeinen.
Art, auch das verneinende werden darum im Gegensatze zur blossen Vorstellung sehr gewöhnlich als ein zusammengesetz- tes oder auch beziehendes Denken bezeichnet. So gefasst würde das, was den Unterschied des Urtheilens yom blossen Vorstellen ausmachte, wirklich nichts Anderes sein als ein Unterschied des Urtheilsinhaltes vom Inhalte des bloss vor- stellenden Denkens. Würde eine gewisse Art von Verbin- dung oder Beziehung zweier Merkmale gedacht, so wäre der Gedanken ein Urtheil, während jeder Gedanken, der nicht eine solche Beziehung zum Inhalte hätte, eine blosse Vor- stellung genannt werden müsste.
Aber auch diese Ansicht ist unhaltbar.
Nehmen wir an, es sei richtig, dass immer nur eine ge- wisse Art von Verbindung mehrerer Merkmale den Inhalt eines Urtheils bilde, so wird dies die Urtheile zwar von einigen, keineswegs aber von allen Vorstellungen unterschei- den. Denn offenbar kommt es vor, dass ein Denkact, wel- cher nichts als ein blosses Vorstellen ist, eine vollkommen ähnliche, ja eine völlig gleiche Zusammensetzung ipehrerer Merkmale zum Inhalte hat, wie diejenige, welche in einem anderen Falle den Gegenstand eines Urtheils bildet. Wenn ich sage: irgend ein Baum ist grün, so bildet das Grün als Eigenthümlichkeit mit einem Baume verbunden den Inhalt meines Urtheils. Es könnte mich aber einer fragen: ist irgend ein Baum roth? und ich, in der Pflanzenwelt nicht genugsam erfahren und uneingedenk der herbstlichen Farbe der Blätter, könnte mich jedes Urtheils über die Frage ent- halten. Aber dennoch würde ich die Frage verstehen und mir in Folge dessen einen rothen Baum vorstellen. Das Roth, ganz ähnlich wie zuvor das Grün als Eigenthümlichkeit mit einem Baume verbunden, würde dann den Inhalt einer Vor- stellung bilden, mit welcher kein Urtheil gegeben wäre. Und hätte Jemand nur Bäume mit rothen und niemals einen mit grünen Blättern gesehen, so würde er vielleicht bei einer Frage über grüne Bäume nicht bloss eine ähnliche, sondern sogar dieselbe Verbindung von Merkmalen, die der Inhalt meines Urtheils war, in blosser Vorstellung erfassen.
CapitelT. Vorstellung,u,Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 273 Offenbar hatten James Mill und Herbert Spencer dies erkannt, da sie bei der Bestimmung der Eigenthümlichkeit des ürtheils nicht wie die meisten Anderen dabei stehen blieben, dass der Inhalt des Ürtheils eine gewisse Art von Verbindung yorgestellter Merkmale sei, sondern als eine wei- tere Bedingung hinzufügten, *dass eine inseparabele Asso- ciation zwischen denselben bestehen müsse. Und auch A. Bain hatte darum für nöthig gehalten, noch eine besondere Bestimmung hinzuzufügen, nämlich den Einfluss des Denkens auf das Handeln. Der Fehler, den sie begingen, war nur der, dass sie nicht in der Angabe einer inneren Besonderheit des urtheilenden Denkens, sondern in einem Unterschiede von Dispositionen oder Folgen die Ergänzung suchten. Glück- licher war hier John Stuart Mill, der den besprochenen Punkt mit grossem Nachdrucke hervorhob und überhaupt mehr als irgend ein anderer Philosoph einer richtigen Würdigung des Unterschiedes zwischen Vorstellung und Urtheil nahe gekommen ist.
„Es ist", sagt er in seiner Logik, „ganz richtig, dass wir, wenn wir urtheilen „Gold ist gelb", die Idee von Gold und die Idee von gelb haben, und dass beide Ideen in un- serem Geiste zusammengebracht werden müssen. Es ist aber klar, dass dies nur ein Theil von dem ist, was vorgeht; denn wir können zwei Ideen zusammenstellen, ohne dass ein Glau- ben stattfindet, wie wenn wir etwas, z. B. einen goldenen Berg, nur erdichten, oder wenn wir geradezu nicht glau- ben; denn sogar um nicht zu glauben, dass Muhammed ein Apostel Gottes war, müssen wir die Idee von Muhammed und die eines Apostels Gottes zusammenstellen. Zu be- stimmen, was im Falle von Zustimmung oder Leugnung ausser dem ZusammensteDen zweier Ideen noch weiter vor- geht, ist eines der verwickeltsten metaphysischen Probleme ^).'^ In seinen kritischen Noten zu James Mill's Analyse der Phänomene des menschlichen Geistes geht er tiefer in die Sache ein. Er bekämpft in dem Capitel über die Aussage Brentano, Psychologie. I. 18 274 Bach II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
>i L'H • i\v fj-v « >ry (Prädication) die Ansicht, welche in ihr in ähnlicher Weise den Ausdruck fllr eine gewisse Ordnung yon Ideen wie in dem Namen den Ausdruck für eine einzelne Idee sehen wollte. Der charakteristische Unterschied zwischen einer Aussage und einer anderen Form des Sprechens, behauptet er seiner- seits, sei vielmehr der, dass sie nicht bloss ein gewisses Ob- ject vor den Geist bringe, sondern dass sie etwas darüber behaupte, dass sie nicht bloss zur Vorstellung einer ge- wissen Ordnung von Ideen, sondern zum Glauben an sie an- rege, indem sie anzeige, dass diese Ordnung eine wirkliche Thatsache sei^). Wiederholt kommt er darauf zurück, so- wohl bei demselben*) als bei späteren Capiteln, wie beim Capitel über das Gedächtniss, wo ausser der Idee von dem Dinge und der Idee davon, dass ich es gesehen, nebst An- ' derem auch noch der Glauben, dass ich es gesehen habe, hinzukommen müsse ^). Besonders ausführlich handelt er aber in einer langen Anmerkung zum Capitel „Belief von der eigenthümlichen Natur des Urtheils gegenüber der blossen Vorstellung. Er zeigt wiederum deutlich, dass es sich nicht in blosse Vorstellungen auflösen und durch blosse Zusammen- setzung von Vorstellungen bilden lasse. Vielmehr, sagt er, müsse man jeden Versuch einer Ableitung der einen aus der anderen Erscheinung als etwas Unmögliches anerkennen und den Unterschied zwischen Vorstellung und Urtheil als eine I) The characteristic difference between a predication and any otber form of speech, is that it does not merelj bring to mind a cer* tain object...; it asserts something respecting it...Whatever view we adopt of the psychological nature of Belief, it is necessary to distinguish between the mere Suggestion to the mind of a certain order among sensations or ideas — such as takes place when we think of the aiphabet, or the numeration table — and the indication that this Order is an. actual fact, which is occurring, or which has occurred once or oftener, or which, in certain definite circumstances, always occurs; which are the things indicated as true by an affirmative predication, and as false by a negative one. (Anal, of the Phenom. of the Human Mmd 2. edit. Ch. IV. Sect. 4. Note 48. I. p. 162 s.)
Capitel 7. Vorstellung u.Urtheil zwei verschiedene Grundclasaen. 275 letzte und urspriHigliche Thatsache betrachten. „Kurzum", ftjagt er am Schlüsse einer längeren Erörterung, „was ist für unseren Geist der Unterschied zwischen den^ Gedanken, es sei etwas wirklich, und der Vprstellung eines von der Ein- bildungskraft entworfenen Gemäldes? Ich gestehe, dass ich keinen Ausweg finde, auf dem man sieh der Ansicht ent- ziehen könnte, dass der Unterschied ein letzter und ursprüng- licher ist 0." Wir sehen, J. St. Mill erkennt hier einen Un- terschied an, ähnlich dem welchen Kant und Andere zwischen Denken und Gefühl geltend gemacht haben. In ihrer Sprache ausgedrückt, würde die Behauptung von Mill diese sein, dass für Vorstellen imd Glauben oder, wie w i r sagen würden, für Vorstellen und Urtheilen zwei verschiedene Urvermögen an- genommen werden müssen. Nach unserer Ausdrucksweise aber ist seine Lehre die, dass Vorstellen und Urtheilen zwei völlig verschiedene Arten der Beziehung auf einen Inhalt, zwei grundverschiedene Weisen des Bewusstseins von einem Gegenstande seien.
Also, wie gesagt, angenommen sogar es finde wirkUch bei jedem Urtheilen ein Verbinden oder Trennen vorgestell- ter Merkmale statt — und John Stuart Mill war in der That dieser Ansicht^) —: so besteht hierin doch nicht die wesentliche Eigenthümlichkeit des urtheilenden im Gegen- satze zu dem bloss vorstellenden Denken. Eine solche Eigen- thümlichkeit des Inhaltes würde die Urtheile zwar von einigen, nicht aber schlechthin von allen Vorstellungen unterscheiden. Und sie würde darum die Annahme einer anderen und mehr ^) „that the distinction is ultimate and primordial^'. (Ebend. I.
^) Sowohl in seiner Logik gibt sie sich zu erkennen, wo Mill von dem Inhalte der Urtheile handelt (Buch I. Cap. 5) als auch in seinen Noten zu dem genannten Werke seines Vaters« So z. B. in folgender Stelle:,J think it is true, that every assertion, every object of Belief, — everythitog that can be true or false — that can be an object of assent or dissent — is some order of sensations or of ideas: some co- existence or succession of sensations or ideas actually experienced^ or Bupposed capable of being experienced/^ (a. a. 0. Ch. IV. Note 48.
."Tl 276 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
charakteristischen Besonderheit ^ wie die, welche wir in dem Unterschiede der Weise des Bewusstseins anerkennen, nicht entbehrlich machen.
§. 5. Aber noch mehr. Es ist nicht einmal richtig, dass bei allem ürtheilen eine Verbindung oder Trennung vorge- stellter Merkmale statt hat. So wenig als das Begehren oder Verabscheuen, so wenig ist auch das Anerkennen oder Ver- werfen ausschliesslich auf Zusammensetzungen oder Beziehun- gen gerichtet. Auch ein einzelnes Merkmal, das wir vor- stellen, kann anerkannt oder verworfen werden.
Wenn wir sagen ^ „A ist", so ist dieser Satz nicht, wie Viele geglaubt haben und noch jetzt glauben, eine Prädica- tion, in welcher die Existenz als Prädicat mit A als Subject verbunden wird. Nicht die Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", sondern „A" selbst ist der Gegenstand, den wir anerkennen* Ebenso wenn wir sagen, „A ist nicht", so ist dies keine Prädication der Existenz von A in entge- gengesetztem Sinne, keine Leugnung der Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", sondern „A" ist der Gegen- stand, den wir leugnen.
Damit dies recht deutlich werde, mache ich darauf auf- merksam, dass, wer ein Ganzes anerkennt, jeden einzelnen Theil des Ganzen einschliesslich anerkennt. Wer immer da- her eine Verbindung von Merkmalen anerkennt, erkennt einschliesslich jedes einzelne Element der Verbindung an. Wer anerkennt, dass ein gelehrter Mann, d. h. die Verbin- dung eines Mannes mit dem Merkmale „Gelehrsamkeit" sei, erjj:ennt einschliesslich an, dass ein Mann sei. Wenden wir dies an auf das Urtheil „A ist". Wäre dieses ürtheil die Anerkennung der Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", so würde darin einscUiesslich die Anerkennung jedes einzelnen Elementes der Verbindung, also auch die Anerken- nung von A liegen. Wir kämen also an der Annahme einer einschliesslichen einfachen Anerkennung von A nicht vorbei. Aber wodurch würde sich diese einfache Anerkennung von A von der Anerkennung der Verbindung von. A mit dem Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 277 Merkmale „Existenz", welche in dem Satze „A ist" ausge- sprochen sein soll, unterscheiden? Offenbar in gar keiner Weise. Somit sehen wir, dass vielmehr die Anerkennung von A der wahre und volle Sinn des Satzes, also nichts anderes als A Gegenstand des Urtheils ist.
Erwägen wir in derselben Weise den Satz „A ist nicht"; vielleicht wird seine Betrachtung die Wahrheit unserer Auf- fassung noch einleuchtender machen. Wenn derjenige, wel- cher ein Ganzes anerkennt, jeden Theil des Ganzen ein- schliesslich anerkennt, so gilt doch nicht ebenso, dass der- jenige, welcher ein Ganzes leugnet, jeden Theil des Ganzen einschliesslich leugnet. Wer leugnet, dass es weisse und blaue Schwäne gibt, leugnet darum nicht einschliesslich, dass es weisse Schwäne gibt. Und natürlich; da, wenn auch nur ein Theil falsch ist, das Ganze nicht wahr sein kann. Wer daher eine Verbindung von Merkmalen verwirft, verwirft da- durch keineswegs einschliesslich jedes einzelne Merkmal, wel- ches Element der Verbindung ist. Wer z. B. leugnet, dass es einen gelehrten Vogel, d. h. die Verbindung eines Vogels mit dem Merkmale „Gelehrsamkeit" gebe, leugnet damit nicht einschliesslich, dass ein Vogel, oder dass Gelehrsamkeit in WirkUchkeit bestehe. Machen wir auch hievon auf unseren Fall Anwendung. Wäre das Urtheil „A ist nicht" die Leug- nung der Verbindung eines Merkmals „Existenz" mit „A", so würde damit keineswegs A selbst geleugnet sein. Das aber wird unmöglich Jemand behaupten. Vielmehr ist klar, dass nichts Anderes als eben dies der Sinn des Satzes ist. Somit ist auch nichts Anderes als A der Gegenstand dieses verwerfenden Urtheils.
§. 6. Dass die Prädication nicht zum Wesen eines jeden Urtheils gehört, geht auch daraus recht deutlich hervor, dass jede Wahrnehmung zu den Urtheilen zählt; ist sie ja eine Erkenntniss oder doch ein, wenn auch irrthümliches, für- wahr - Nehmen. Wir haben dies, da wir von den verschie- denen Momenten des inneren Bewusstseins sprachen, schon, u f'f 'fi 278 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
M W.
% sr.: berührt*). Und es wird auch von solchen Denkern nicht geleugnet, welche dafür halten, dass jedes Urtheilen in einem Verbinden von Subject und Prädicat bestehe. So erkennt z. B. J. St. Mill es ausdrücklich an sowohl anderwärts als auch an der zuletzt von uns citirten Stelle, Es hege, fügt er hier bei, keine grössere Schwierigkeit darin, so, wie er es gethan, den Unterschied zwischen dem Anerkennen einer Realität und dem Vorstellen eines imaginären Gebildes für einen letzten imd ursprünglichen zu halten, als darin, den Unterschied zwischen einer Sensation und einer Idee*) für einen ursprünglichen zu erklären. Es scheine dieser kaum etwas Anderes als dieselbe Differenz unter verändertem Ge- sichtspunkte betrachtet^). Nun dürfte es aber nicht leicht etwas geben, was offenbarer und unverkennbarer wäre, als dass eine Wahrnehmung nicht in der Verbindung eines Sub- ject- und Prädicatbegriffes bestehe, oder sich auf eine solche beziehe, dass viehnehr der Gegenstand einer inneren Wahr- nehmung nichts Anderes als ein psychisches Phänomen, der Gegenstand einer äusseren nichts Anderes als ein physi- sches Phänomen, Ton, Geruch oder dergleichen «ei. Also haben wir hier einen recht augenscheinlichen Beleg für die Wahrheit unserer Behauptung.
Oder sollte einer auch hier noch Bedenken hegen? Sollte er, weil man nicht bloss sagt, man nehme eine Farbe, einen Ton, man nehme ein Sehen, ein Hören wahr, sondern auch, man nehme wahr, dass ein Sehen, Hören existire, sich zu dem Glauben verleiten lassen, auch die Wahrnehmung be- stehe in der Anerkennung der Verbindung eines Merkmals M Buch IL Cap. 3. §. I ff.
*) Er fährt fort: There is no more difficulty in so, than in holding the difference between a Sensation be primordial. It seems almost another aspect of the Ebenso sagt er im Verlaufe derselben Abhandlung: [between recognising something as a reality in nature it as a mere thought of our own] presents itself in its form in the distinction between a Sensation and an holding it to be and an idea to same difference.
The difference , and regarding most elementary idea. (a. a. O.
Capitel 7. Vorstellung u, Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 279 „Existenz" mit dem betreflfenden Phänomene? Mir scheint eine solche Verkennung offen liegender Thatsachen fast un- denkbar. Doch aufs Neue und mit einer vorzüglichen Klar- heit wird sich die Unhaltbarkeit einer solchen Meinung aus der Erörterung des Begriffes der Existenz ergeben. Manche waren der Ansicht, dass dieser Begriff nicht der Erfahrung entnommen sein könne. Wir werden darum bei der Unter- suchung über die sogenannten angeborenen Ideen ihn in die- ser Hinsicht zu prüfen haben. Und wir werden dann finden, dass er allerdings der Erfahrung, aber der inneren Erfah- rung entstammt und nur im Hinblicke auf das Urtheil ge- wonnen wurde. So wenig daher der Begriff des ürtheils in dem ersten Urtheile Prädicat sein konnte, so wenig der Begriff der Existenz, Und darum erkennt man auch auf die- sem Wege, dass wenigstens die erste Wahrnehmung, die- jenige, welche in dem ersten psychischen Phänomene gegeben war, unmöglich in einer solchen Prädication bestanden haben kann.
J. St. Mill definirt in der letzten (achten) Ausgabe sei- ner Logik den Begriff Existenz in folgender Weise. Sein, sagt er, heisse so viel als irgendwelche (gleichviel- w eiche) Sinnesempfindungen oder sonstige Bewusstseinszu- stände erregen oder erregen können^). Obwohl ich diese Bestimmung nicht vollkommen billige, so würde doch auch sie genügen, um die Unmöglichkeit, dass bei der ersten Em- pfindung der Begriff* Existenz als Prädicat des Ürtheils be- nützt werden konnte, recht anschaulich zu machen. Denn darin stimmt sie mit derjenigen, welche wir als die richtige darzuthun hoffen, überein, dass sie erst im Hinblick auf psy- chische Thätigkeiten gewonnen werden konnte, die in jenem Falle umgekehrt ihrerseits ihn voraussetzen und als einen schon gegebenen verwenden würden.
§. 7. Dass nicht jedes Urtheil auf eine Verbindung vor- gestellter Merkmale sich beziehe, und die Prädication eines *) üebersetzung von Gomperz, Anhang, III. S. 373.
280 Buch II. Von den psychisclien Phänomenen im Allgemeinen«