SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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Ferner. In den Vorstellungen findet sich keine Inten- sität ausser der grösseren oder geringeren Schärfe und Leb- haftigkeit der Erscheinung.

Indem Liebe und Hass hinzukommen, kommt eine ganz :& neue Gattung von Intensität hinzu, die grössere oder geringere Energie, die Heftigkeit oder Mässigung in der Gewalt dieser 'X ' Gefühle.

In ganz analoger Weise finden' wir aber auch eine voU- konmien neue Gattung von Intensität in dem zur Vorstellung hinzutretenden Urtheile. Denn das grössere oder geringere Maass von Gewissheit in üeberzeugung oder Meinung ist offenbar nichts, was dem Unterschiede in der Stärke der Vor- stellungen verwandter genannt^ werden könnte als der Unter- schied in der Stärke der Liebe.

Noch mehr. In den Vorstellungen wohnt keine Tu- gend und keine sittliche Schlechtigkeit, keine Erkenntniss und kein Irrthu'm. Das Alles ist ihnen innerlich fremd, und höchstens in homonymer Weise können wir eine Vorstellung sittlich gut oder schlecht, wahr oder falsch nennen; wie z. B. eine Vorstellung schlecht genannt wird, weil wer das Vorgestellte liebte sündigen, und eine andere falsch, weil wer das Vorgestellte anerkennte irren ^ würde; oder auch, weil in der Vorstellung eine Gefahr zu jener Liebe, eine Gefahr zu dieser Anerkennung gegeben ist ^).

Das Gebiet der Liebe und des Hasses zeigt uns also eine ganz neue Gattung von Vollkommenheit und Unvoll- kommenheit, von welcher das Gebiet der Vorstellung nicht die leiseste Spur enthält. Indem Liebe und Hass zu den Vor- stellungsphänomenen sich gesellen, tritt — wenigstens häufig, und da wo es sich um zurechnungsfähige psychische Wesen handelt — das sittlich Gute und Böse in das Reich der Seelen- thätigkeit ein.

^) Vgl., was schon Aristoteles in dieser Hinsicht bemerkt hat, in meiner Abhandlung „Von der Mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles'^ S. 31 f.

L.

Doch auch hier gilt in Bezug auf das Urtheil Aehnliches. Denn die andere eben so neue und wichtige Gattung von VoDkommenheit und ünvoUkommenheit, an der, wie wir sagten, kein blosses Vorstellen Theil hat, ist in ähnlicher Weise das Eigenthum des Gebietes des Urtheils wie die erst- genannte das Eigenthum des Gebietes der Liebe und des Hasses ist. Wie die Liebe und der Hass Tugend oder Schlech- tigkeit sind, so sind die Anerkennung oder Leugnung Erkennt- niss oder Irrthum.

EndUch noch Eines. Obwohl von den Gesetzen des Vor- stellungslaufes nicht unabhängig, unterliegen doch Liebe und Hass, als eine besondere, in der ganzen Weise des Bewusst- seins grundverschiedene Gattung von Phänomenen, noch be- sonderen Gesetzen der Succession undEntwicke- iung, welche vornehmlich die psychologische Grundlage der Ethik ausmachen. Sehr häufig wird ein Gegenstand wegen eines anderen geliebt und gehasst, während er an und für sich in keiner von beiden Weisen» oder vielleicht nur in einer entgegengesetzten uns bewegen würde. Und oft haftet die Liebe, einmal in dieser Weise übertragen, ohne Rücksicht auf den Ursprung bleibend an dem neuen Objecte.

Auch in dieser Hinsicht aber finden wir eine ganz ana- loge Thatsache bei den Urtheilen. Auch bei ihnen kommen zu den allgemeinen Gesetzen des Vorstellungslaufes, deren Einfluss auf dem Gebiete des Urtheils nicht zu verkennen ist, noch besondere Gesetze hinzu, die spedell für die Ur- theile Geltung haben, und in ähnlicher Beziehung zur Logik, wie die Gesetze der Liebe und des Hasses zur Ethik, stehen. Wie eine Liebe aus der anderen nach besonderen Gesetzen entsteht, so wird e i n Urtheil aus dem anderen nach besonderen Gesetzen gefolgert.

So sagt denn mit Recht J. St. Mill in seiner Logik der Geisteswissenschaften: „In Betreff des Glaubens werden die Psychologen immer durch specifisches Studium nach den Regeln der Induction zu untersuchen haben, welchen Glauben wir durch unmittelbares Bewusstsein haben, und nach welchen Gesetzen ein Glauben den anderen erzeugt; 294 Boch 11. Von den pBycUBchen Phänomenen im Allgemeinen.

welches die Gesetze sind kraft deren ein Ding, mit Recht oder mit Unrecht, von unserem Geiste als Beweis für ein anderes Ding angesehen wird. In Bezug auf das Begehren werden sie ebenso zu untersuchen haben, welche Gegenstände wir ursprünglich begehren, und welche Ursachen uns dazu fahren, Dinge zu begehren, die uns ursprunglich gleichgültig oder sogar unangenehm sind u. s. w."'). Dem entsprechend verwirft er in seinen Noten zur Analyse von James Mill nicht bloss die Ansicht des Verfassers so wie Herbert Spencer's, dass der Glauben in einer untrennbar festen Association von Vorstellungen bestehe, sondern er leugnet auch, dass, wie diese beiden Denker nothwendig annehmen mussten, der Glauben nur nach den Gesetzen der Ideenassociation sich bilde. „Wäre dies der Fall", sagt er, „so würde das för- wahr-Halten eine Sache der Gewohnheit und des Zu- falls und nicht der Vernunft sein. Sicher ist eine Asso- ciation zwischen zwei Vorstellungen, so stark sie auch sem mag, kein hinreichender Grund des für-wahr-Haltens; sie ist kein Beweis dafür, dass die betreffenden Thatsachen in der äusseren Natur verbunden sind. Die Theorie scheint jeden Unterschied autzuheben zwischen dem für-wahr-HaJten des Weisen, welches durch Beweisgründe geleitet wird und den wirklichen Successionen und Coesistenzen der lliatsachen in der Welt entspricht, und dem für-wahr-Halten eines Thoren, welches durch irgendwelche zufällige Association, welche die Vorstellung einer Succession oder Coexistenz in dem Geiste hervorruft, mechanisch hervorgebracht worden ist, einem fiir- wahr-HaJten, das treffend charakterisirt wird durch die ge- meinübliche Bezeichnung, etwas für-wahr-Halten, weil man es sich in den Kopf gesetzt hat" *).

Es wäre überflüssig jetzt länger bei einem Punkte zu verweilen, der genügend klar und, mit geringen Ausnahmen, auch von allen Denkern anerkannt wird. Spätere Erörterun- gen werden das, was hier über die besonderen Gesetze der ') Ded, u. Ind. Logik ß. VI. Cap. 4. §.

Capitel 7. Vorstellung u. ürtheil zwei verschiedene Grundclassen. 295 TJrtheile und der Gemüthsbewegungen gesagt worden ist, noch mehr in's Licht setzen^).

Unser Ergebniss ist also dieses: Aus der Analogie aller begleitenden Verhältnisse ist aufs Neue ersichtlich, dass, wenn zwischen Vorstellung und Liebe, und überhaupt irgend*- wo zwischen zwei verschiedenen psychischen Phänomenen, auch zwischen Vorstellung und Urtheil eine fundamentale Ver- schiedenheit der Beziehung zum Objecte angenommen werden muss.

§. 10. Fassen wir die Beweisgründe für diese Wahrheit kurz zusammen, so sind es folgende: Erstens zeigt die innere Erfahrung unmittelbar die Ver- schiedenheit in der Beziehung auf den Inhalt, die wir für Vorstellung und Urtheü behaupten.

Zweitens würde, wenn nicht ein solcher, überhaupt kein Unterschied zwischen ihnen bestehen. Weder die An- nahme einer verschiedenen Intensität, noch die Annahme eines verschiedenen Inhaltes für die blosse Vorstellung und das Ur- theil ist haltbar.

Drittens endlich findet man, wenn man den Unter- schied von Vorstellung und Urtheil mit anderen Fällen psychi- scher Unterschiede vergleicht, dass von allen Eigenthümlich- keiten, welche sich anderwärts zeigen wo das Bewusstsein in völlig verschiedenen Weisen zu einem Gegenstande in Be- ziehung tritt, auch hier nicht eine einzige mangelt. Also, wenn nicht hier, so dürften wir wohl auch in keinem an- deren Falle einen solchen Unterschied auf psychischem Ge- biete anerkennen.

§.11. Es bleibt uns nun noch eine Aufgabe zu lösen. Ausser dem Irrthum in der gewöhnlichen Ansicht müssen wir auch den Anlass des Irrthums nachweisen.

Die Ursachen der Täuschung waren, wie mir scheint, von doppelter Art. Der eine Grund war ein psychischer, d.h.

^) Buch IV und V.

296 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

eine psychische Thatsache, welche die Täuschung begünstigte; der andere ein sprachlicher.

Der psychische Grund scheint mir vorzüglich darin zu liegen, dass in jedem Acte des Bewusstseins, so einfach er auch sein mag, wie z. B. in dem, worin. ich einen Ton vor- stelle, nicht bloss eine Vorstellung, sondern zugleich auch ein Urtheil, eine Erkenntniss beschlostsen ist. Es ist dies die Erkenntniss des psychischen Phänomens im inneren Bewusst- sein, deren Allgemeinheit wir früher nachwiesen^). Dieser Umstand, der manche Denker dazu veranlasst hat, alle psy- chischen Phänomene unter den BegriflF des Erkennens als unter eine einheitliche Gattung zu subsumiren, hat andere bestimmt, wenigstens Vorstellung und Urtheil, weil sie nie ge- trennt erscheinen, in Eins zu fassen, ind6m sie hur für die Phänomene, die, wie Gefühle und Bestrebungen, in besonderen Fällen hinzukommen, besondere neue Classen aufstellten.

Ich brauche, um diese Bemerkung zu bestätigen, nur eine schon früher einmal angezogene Stelle aus Hamilton's Vorlesungen in Erinnerung zu bringen. „Es ist offenbar", sagte er, „dass jedes psychische Phänomen entweder ein Act der Erkenntniss oder einzig und allein durch einen Act der Er- kenntniss möglich ist, denn das innere Bewusstsein ist eine Erkenntniss; und dies ist der Grund, wess- halb viele Philosophen — wie Descartes, Leibnitz, Spinoza, Wolff, Platner u. A. — dazu geführt wurden, die vorsteDende Fähigkeit, wie sie sie nannten, die Fähigkeit der Erkennt- niss, als das Grundvermögen der Seele zu betrachten, von dem alle anderen sich ableiteten. Die Antwort darauf ist leicht. Jene Philosophen beachteten nicht, dass obwohl Lust und Unlust, Begierde und Willen bloss sind, insofern sie als seiend erkannt werden, dennoch in diesen Modifica- tionen ein absolut neues Phänomen hinzugekom- men ist, welches nie in der blossen Fähigkeit der Er- kenntniss enthalten war, und daher auch nie daraus ent- wickelt werden konnte. Die Fähigkeit der Erkennt- ') Buch II. Cap. 3.

CapitelT. Vorstellung u. ürtheil zwei verschiedene Crrandclasseu. 297 niss ist sicher die erste der Ordnung nach und insofern die conditio sine qua non der übrigen u. s. w." ^) Wir sehen, weil kein psychisches Phänomen möglich ist, ausser insofern es von ii^nerer Erkenntniss begleitet ist, so glaubt Hamilton, ein Erkennen sei der Ordnung nach das Erste in uns, und unterscheidet, indem er das Vorstellen mit ihm in Eines fasst, nur noch für Gefühl imd Streben beson- dere Classen. In der That ist es aber nicht richtig, dass eiiji Erkennen der Ordnung nach das Erste ist, da ein solches zwar, in jedem und darum auch in dem ersten psychischen Acte auftritt, aber nur secundär. Das primäre Object des Actes ist nicht immer erkannt (sonst könnten wir nie etwas falsch beurtheilen) und auch nicht immer beurtheüt (sonst würden die Frage und Untersuchung darüber wegfallen), son- dern oft und in den einfachsten Acten nur vorgestellt. Und auch hinsichtlich des secundären Objects bildet die Erkennt- niss in gewisser Weise nur das zweite Moment, indem sie wie jedes Urtheil die Vorstellung des Beurtheilten zur Vorbedin- gung hat, also diese (wenn auch nicht zeitlich, doch der Natur nach) das Frühere ist.

Auf dieselbe Weise, ^ wie Hamilton für die Erkenntniss, könnte man auch für das Gefühl den ersten Platz in der Ordnung der Phänomene in Anspruch nehmen und in Folge davon auch dieses mit Vorstellung und Urtheil con- fundiren. Denn, wie wir gesehen haben, kommt auch ein Gefühl als secundäres Phänomen in jedem psychischen Acte vor 2). Wenn dieses nicht oder doch nicht so häufig wie die Allgemeinheit der begleitenden inneren Wahrnehmung zu einem ähnlichen Missgriflfe veranlasste: so erklärte sich dies nur daraus, dass einerseits die Allgegenwart der Gefühle nicht so allgemein erkannt wurde; und andererseits gewisse Vor- stellungen uns wenigstens relativ gleichgültig lassen, und die- selbe Vorstellung zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen, ja entgegengesetzten Gefühlen begleitet ist^). Die innere ^) Lectures on Metaphysics 1. p. 187. •) Vgl. ebend.

29o Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Wahrnehmung dagegen besteht immer und wechseDos mit derselben Fülle der Ueberzeugung, und wenn sie einem Unter- schiede der Intensität unterliegt, so ist es ein solcher der mit einer Intensität des von ihr begleiteten Phänomens in glei- chem Grade steigt und fällt ^).

Dies also ist, was ich den psychischen Grund des Irr- thums nannte.

§. 12. Zu ihm kommt, wie gesagt, auch ein sprach- licher.

Wir können nicht erwarten, dass Verhältnisse, die sogar scharfsinnigen Denkern der Anlass einer Täuschung wurden, nicht auch auf die gewöhnlichen Ansichten einen Einfluss gewonnen haben sollten. Aus diesen aber erwächst die Sprache des Volkes. Und so müssen wir von vorn herein vermuthen, dass unter den Namen, mit welchen das gemeine Leben die psy- chischen Thätigkeiten zu bezeichnen pflegt, sich einer finde, welcher auf Vorstellungen wie Urtheile, aber auf kein anderes Phänomen anwendbar, beide wie zu einer einheitlicheti, wei- teren Classe gehörig zusammenfasst. Dies zeigt sich in der That. Wir nennen Vorstellen und Urtheilen mit gleicher Un- gezwungenheit ein Denken; auf ein Fühlen oder Wollen da- gegen können wir den Ausdruck nicht wohl anwenden, ohne der Sprache Gewalt anzuthun. Auch finden wir in fremden Sprachen, antiken wie modernen, Bezeichnungen, die in dem- selben Umfange gebräuchlich sind.

Wer die Geschichte der wissenschaftlichen Bestrebungen kennt, wird mir nicht widersprechen, wenn ich diesem Um- stände einen hindernden Einfluss zuschreibe. Wenn sehr be- rühmte Philosophen der Neuzeit, ein um das andere Mal, so- gar dem Paralogismus der Aequivocation erlegen sind: wie soHte nicht eine Gleichheit der Benennung bei der Classifica- tion eines Erscheinungsgebietes verführerisch für sie gewesen sein? Whewell in seiner Geschichte der inductiven Wissen- schaften zeigt solche Versehen und andere ihnen verwandte Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Crrundclassen. 299 Fehler in reichen Beispielen; denn wie zu einem. Verbinden, wo keine Gleichheit, so führte die Sprache oft zu einem Unterscheiden, wo keine Verschiedenheit vorlag, und die Scho- lastiker waren nicht die einzigen, die Distinctionen auf blosse Worte gründeten. Es ist also sehr natürlich, wenn die Homonymie des Namens „Denken" in unserem Falle nach- theilig gewirkt hat.

§. 13. Aber weit mehr ohne Zweifel hat eine andere Eigenheit des sprachlichen Ausdrucks die Erkenntniss des richtigen Verhältnisses erschwert.

Die Aussage eines Urtheils ist, man kann sagen, durch- gehends ein Satz, eine Verbindung mehrerer Worte, was sich auch von unserem Standpunkte leicht begreifen lässt. Es hängt damit zusammen, dass eine Vorstellung die Grundlage eines jeden Urtheiles ist, und dass bejahende und verneinende Ur- theile hinsichtlich des Inhalts auf den sie sich beziehen über- einstimmen, indem das negative Urtheil nur den Gegenstand leugnet^ den das entsprechende affirmative anerkennt. Ob- wohl der Ausdruck des Urtheils der vorzügliche Zweck sprach- licher Mittheilung war, so war es daher sehr nahe gelegt, den einfachsten sprachlichen Ausdruck, das einzelne Wort, nicht für sich allein dazu zu verwenden. Benützte man es für sich als den Ausdruck der einem Urtheilspaare gemein- sam zu Grunde liegenden Vorstellung, und fügte man, um Ausdrücke für die Urtheile selbst zu erhalten, eine doppelte Art von Flection oder auch eine doppelte Art von stereotypen Wörtchen (wie „sein" und „nicht sein") hinzu: so ersparte man durch diesen einfachen Kunstgriff dem Gedächtniss die Hälfte der Leistung, indem dieselben Namen in den affirmativen und in den entsprechenden negativen Urtheilen Verwendung fan- den. Ausserdem hatte man den Vortheil, bei der Weglassung jener Ergänzungszeichen den Ausdruck einer anderen Glasse von Phänomenen, der Vorstellungen, rein für sich zu be- sitzen, welcher, da die Vorstellungen auch für Begehren und Fühlen die Grundlage sind, in Fragen, in Ausrufungen, in 300 Buch II. Von den psTcliiechen Phäu^enen im Allgemein en.

Befehlen u. s. f. noch weitere treffliche Dienste leisten konnte.

So konnte es nicht fehlen, dass längst vor den Anfänge» eigentlich wissenschaftlicher Forschung der Ausdruck des Ur- theils eine Zusammensetzung aus mehreren unterscheidbaren Bestandtheilen geworden war.

Danach bildete man sich die Ansicht, das TJrtheil selbst müsse ebenfalls eine Zusammensetzung, und zwar — da die Mehrzahl der Worte Namen, Ausdrücke von Vorstellungen, sind — eine Zusammensetzung von Vorstellungen sein ^). Und stand einmal dieses fest, so schien ein unterscheidendes Merk- mal des Urtheils von der Vorstellung gegeben, und man fohlte sich nicht au^efordert näher zu untersuchen, ob dies der ganze Unterschied zwischen Vorstellung und Urtheil sein könne, ja ob ihre Verschiedenheit nur irgendwie in dieser Weise sich begreifen lasse.

Nach allem dem vermögen wir es uns recht wohl zu er- klären, wesshalb das wahre Verhältniss zwischen zwei funda- mental verschiedenen Classen psychischer Erscheinungen so lange Zeit verborgen blieb.

§. 14. Inzwischen hat natürlich die falsche Wurzel man- nigfache Schösshnge des Irrthums hervoi^etrieben, welche in weiter Verzweigung nicht bloss über das Gebiet der Psycho- logie, sondern auch Über das der Metaphysik und Logik sich aus- breiteten. Das ontologische Argument fiir das Dasein Gottes ist nur eine ihrer Früchte, Die gewaltigen Kampfe, welche die mittelalterlichen Schulen über essentia und esse, ja über esse essentiae und esse existentiae führten, geben von den convulsivischen Anstrengungen einer energi- schen Denkkraft Zeugniss, welche sich müht des unverdau- lichen Elementes Herr zu werden. Thomas, Scotus, Occani, Suarez — aDe betheiligen sich lebhaft an dem Kampfe; jeder hat in der Polemik, keiner in seinen positiven Aufetelluiigen ') Man Tergleicbe zum Beleg daB erste Capitel der Arütotelüchen Schrift De Interpretetione.

Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grrandclassen. 301 Eecht, Immer dreht sich die Frage nur darum, ob die Exi- stenz des Wesens eine andere, oder ob sie dieselbe Realität wie das Wesen sei. Scotus, Occam, Suarez leugnen mit Eecht, dass sie eine andere Realität sei (was besonders Scotus sehr hoch anzurechnen und schier bei ihm wie ein Wunder zu betrachten ist); aber sie fällen in Folge dessen in den Irrthum, die Existenz eines jeden Dinges gehöre zum Wesen des Dinges selbst, sie betrachten dieselbe als seinen allge- meinsten Begriff. Hier war nun der Widerspruch der Tho- misten im Rechte, obwohl ihre Kritik den eigentlich schwachen Punkt nicht traf und sich vornehmlich auf die Grundlage ge- meinsamer irriger Annahmen stützte. Wie, riefen sie, die Existenz eines jeden Dinges sein allgemeinster Begriff? — Das ist unmöglich! — Würde doch seine Existenz sich dann aus seiner Definition ergeben, und folglich die Existenz des Geschöpfes so selbstevident und von vom herein nothwendig wie die des Schöpfers selber sein. Aus der Definition eines creatürlichen Seins ergibt sich nicht mehr, als dass es ohne Widerspruch, also möglich ist. Das Wesen einer Creatur ist demnach ihre blosse Möglichkeit, und jede wirkliche Creatur ist aus zwei Bestandtheilen, aus einer realen Möglichkeit und einer realen Wirklichkeit zusammengesetzt, deren eine von der anderen im Existentialsatz ausgesagt wird, und die sich ähnlich wie nach Aristoteles Materie und Form in den Körpern zueinander verhalten. Die Grenzen der Möglichkeit sind natürlich auch die der in ihr aufgenommenen Wirklichkeit. Und so ist die Existenz, die an sich etwas Schrankenloses und Allum- fassendes wäre, in der Creatur eine beschränkte. Anders ist es bei Gott. Er ist das in sich selbst nothwendig Seiende, auf welches alles Zufällige zurückweist. Er ist also nicht aus Möglichkeit und Wirklichkeit zusammengesetzt. Sein Wesen ist seine Existenz; die Behauptung, dass er nicht sei, ein Widerspruch. Und eben darum ist er unendlich. In keiner Möglichkeit aufgenommen, ist die Existenz bei ihm un- beschränkt; und so ist er der Inbegriff aller Realität und Vollkommenheit.

Das sind hochfliegende Speculationen, die aber Niemanden ■^ / I 302 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Aligemeinen.

mehr mit sich über die Wolken erheben werden. Be- zeichnend ist es aber, dass ein eminenter Denker, wie Tho- mas von Aquin sicher einer war, wirklich mittels eines sol- chen Beweises die unendliche Vollkommenheit des Urgrundes der Welt dargethan zu haben glaubte. Ich brauche hienach nicht mehr auf die allbekannten Beispiele der neueren Meta- physik zu verweisen, welche den nachtheiligen Einfluss irriger Anschauungen über die Urtheile und das, was damit in näch- stem Zusammenhange steht, nicht minder anschaulich machen können *).

§. 15. Auch in der Logik hat die Verkennung des We- sens der Urtheile mit Nothwendigkeit weitere Irrthtimer er- zeugt. Ich habe den Gedanken nach dieser Seite in seine Consequenzen verfolgt und gefunden, dass er zu nichts Ge- ringerem als zu einem völligen Umsturz aber auch zu einem Wiederaufbau der elementaren Logik führt. Und Alles wird dann einfacher, durchsichtiger und exacter. Nur in einigen Beispielen will ich den Contrast zwischen den Regeln dieser reformirten Logik und der althergebrachten nachweisen, in- dem uns hier die vollständige Durchführung und Begründung natürlich zu lange aufhalten und zu weit von unserem Thema abführen würde 2).

^) Einwirkungen auf Kantus Transcendentalphilosophie wurden im Vorausgehenden berührt.

*) Zum Behuf meiner Vorlesungen über Logik, die ich im Winter 1870/71 an der Würzburger Hochschule hielt, habe ich eine auf die neue Basis gegründete logische Elementarlehre vollständig und syste- matisch ausgearbeitet. Da sie nicht bloss bei meinen Zuhörern, son- dern auch bei Fachmännern in der Philosophie, denen ich davon Mit- theilung machte, Interesse erregte, so ist es meine Absicht, sie nach voll- endeter Herausgabe meiner Psychologie nochmals zu revidiren und zu veröffentlichen. Die Regeln, die ich hier im Texte beispielsweise folgen lasse, werden, mit den übrigen, in dieser Schrift jene sorgfältige Be gründung ünden, die man bei einem Widerspruch gegen die gesammt Tradition seit Aristoteles gewiss zu verlangen berechtigt ist. UebrigenK werden Viele vielleicht von selbst die nothwendige Verkettung mit dei dargelegten Ansicht von der Natur des Urtheils erkennen.

Capitei 7. Vorstellung u. Urthfdl zwei verschiedene Grundciassen. 303 An die Stelle der früheren Regeln von den kategorischen Schlüssen treten als Hauptregeln, die eine unmittelbare An- wendung auf jede Figur gestatten, und für sich allein zur Prüfung eines jeden Syllogismus vollkommen ausreichend sind, folgende drei: 1. Jeder kategorische Syllogismus enthält vierTermini, von denen zwei einander entgegen- gesetzt sind und die beiden andern zweimal zu stehen kommen.

2. Ist der Schlusssatz negativ, so hat jede der Prämissen die Qualität und einen Terminus mit ihm gemein.

3. Ist der Schlusssatz affirmativ, so hat die eine Prämisse die gleiche Qualität und einen gleichen Terminus, d^ie andere die entgegenge- setzte Qualität und einen entgegengesetzten Terminus.

Das sind Regeln, die ein Logiker der alten Schule zu- nächst nicht ohne Grauen hören wird. Vier Termini soll jeder Syllogismus haben: — und er hat die Quatemio ter- minorum immer als Paralogismus verdammt^). Negative Schlusssätze sollen lauter negative Prämissen haben: — und er hat immer gelehrt, dass aus zwei negativen Prämissen nichts gefolgert werden kann. Auch unter den Prämissen des affirmativen Schlusssatzes soll sich ein negatives Urtheil finden: — und er hätte darauf geschworen, dass er unum- ^) In der ailemeuesten Zeit hat auch ein englischer Logiker, B oole, richtig erkannt, dass manche kategorische Syllogismen vier Termini haben, Yon denen zwei einander contradictorisch entgegengesetzt seien. Andere haben ihm beigepflichtet, und auch A. Bain, der in seiner Logik ausfuhrlich über Boole's Zusätze zur Syllogistik berichtet, gibt seine Zustimmung unzweideutig zu erkennen (I. p, 205). Obwohl Boole diese Syllogismen mit vier Terminis nur neben Syllogismen mit drei Terminis stellt, statt dieQuaternio terminorum als allgemeine Regel anzuerkennen, und ob- wohl die ganze Weise seiner Ableitung mit der meinigen keine Aehn- lichkeithat: so war sie mir doch interessant als ein Zeichen, dass man auch jenseits des Canals an dem Gesetze der Dreiheit der Termini zu zweifein anfängt.

n 304 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

gänglich zwei affirmative Prämissen verlange. Ja, für einen kategorischen Schluss aus affirmativen Prämissen ist gar kein Raum gelassen: — und er hatte dodrt, dass die affirmativen Prämissen die vorzüglichsten seien, indem er, wo eine nega- tive sich dazu gesellte, diese als die „pejor pars'' bezeichnete. Von „allgemein" und „particulär" endlich hört man in den neuen Regeln gar nichts: — und ihm waren diese so zu sagen nicht aus dem Munde gekommen. Und haben nicht seine alten Regeln sich bei der Prüfung der Syllogismen so geeig- net erwiesen, dass nun umgekehrt wieder die tausend an ihrem Maassstabe gemessenen Schlüsse für sie selbst Probe und Bewährung sind? Sollen wir den berühmten Schluss r „Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, also ist Cajus sterblich", und alle seine Begleiter nicht mehr als bün- dig anerkennen? — Das scheint ejne unmögliche Zumuthung.

Doch so schlimm steht die Sache auch nicht. Da die Fehler, aus welchen die früheren Regeln der Syllogistik ent- sprangen, in der Verkennung der Natur der Urtheile nach Inhalt und Form bestanden, so glichen sie, bei der Anwen- dung derselben consequent festgehalten, meistens ihre nach- theilige Wirkung selber äus^). Von allen Schlüssen, die man nach den bisherigen Regeln für richtig erklärte, waren nur die nach vier Modis gefolgerten ungültig, wogegen auf der an- deren Seite freilich auch eine nicht unbedeutende Zahl rieh- tiger Modi übersehen wurde ^).

Schädlicher waren die Folgen in der Lehre von den so genannten unmittelbaren Schlüssen. Nicht bloss ist z. B. die richtige Regel für die Conversion, dass jeder kategorische Satz simpliciter convertibel ist (man muss nur über das wahre ^) Sagte man z. B. in Folg« des Missverständnisses der Sätze: zum richtigen kategorischen Schlüsse gehören drei Termini, so bewirkte dasselbe Missverständniss, dass man im einzelnen Schlüsse drei Termini sah, wo in Wahrheit vier gegeben waren.

') Letzteres wurde auch von den vorerwähnten englischen Logi- kern bereits erkannt. Die vier ungültigen Modi, von denen ich spreche, sind in der dritten Figur Darapti und Felapton und in der vierten Ba- malip und Fesapo.

Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 305 Subject und über das wahre Prädicat im Klaren sein), son- dern man erklärte nach den alten Begeln auch viele Con- versionen für gültig, die in Wahrheit ungültig sind, und umgekehrt. Bei den so genannten Schlüssen durch Subal- temation und Opposition ergibt sich dasselbe ^). Auch stellt sich, wenn man kritisch die alten Regeln mit einander ver- gleicht, seltsam genug heraus, dass sie zuweilen miteinander im Widerspruch stehen, so dass, was nach der einen als gültig nach der anderen als ungültig zu bezeichnen wäre.

§. 16. Doch wir überlassen es einer künftigen Revision der Logik, dies im Einzelnen auszuführen und zu bewähren. Uns gehen hier weniger die nachtheiligen Folgen an, welche die Verkennung der Natur des Urtheils für Logik oder Meta- physik hatte, als diejenigen, welche für die Psychologie sich ergaben und, wegen des Verhältnisses der Psychologie zur Logik,: allerdings auch für diese ßin neues Hinderniss frucht- barer Entwickelung wurden. Die bisherige Psychologie hat, man kann sagen, durchwegs die Erforschung der Gesetze der Entstehung der ürtheile in ungebührlicher Weise vernach- lässigt; und dies kam daher, weil man immer Vorstellen und Urtheilen als „Denken" zu einer Classe zusammenrechnete, und mit der Erforschung der Gesetze der Aufeinanderfolge der Vorstellungen auch für die ürtheile das Wesentliche ge- than glaubte. So sagt selbst ein so eminenter Psychologe wie Hermann Lotze: „In Bezug auf die ürtheilskraft und Einbildungskraft werden wir ohne Bedenken zugeben, dass diese beiden nicht zu dem angeborenen Besitze der Seele gehören, sondern Fertigkeiten sind, die sich durch die Bildung des Lebens, die eine langsam, die andere schnell entwickeln. Wir werden zugleich zugestehen, dass zur Erklärung ihrer Entstehung nichts als die Gesetze des Vorstellungs- *) Unzulässig ist die Conversion eines so genannten allgemein be- jahenden in einen particulär bejahenden Satz. die gewöhnlichen Schlüsse durch Subaltemation sind sämmtlich ungültig, und von denen durch Opposition die Schlüsse auf die Unwahrheit der s. g. conträren so wie die auf die Wahrheit der s. g. subconträren Ürtheile.

Brentano, Psychologie. I. 20 306 Buch II. Von den psychischen Phäoomeaeii im AUgemeinen.

laufes nöthig sind"*). Hier zeigt sich der Grund des grossen Versäumnisses unverhullt. £r lag in der mangelhaften Classification, die Lotze von Kant überkommen hatte.

Bichtiger hat hier J. St. Mill geurtheilt. In den früher von uns citlrten Stellen sahen wir ihn mit Nachdruck eine specifische Erforschung der Gesetze des für-wahr-Haltens als unumgängliches Bedürfoiss betonen. Eine blosse Ableitung aus den Gesetzen des Vorstellungslaufes schien ihm in keiner Weise genügend. Aber die Vorstellungsverbindung, die Zu- sammensetzung von Subject und Prädicat, die er bei sonst sehr richtigen Ansichten über die Natur des Urtheils inamer noch für wesentUch hielt, liess den Charakter desselben als einer besonderen, den andern ebenbtlrtigen Grundclasse nicht hinreichend hervortreten. Und so ist es gekommen, dass nicht einmal Bain, der Mill so nahe stand, die von ihm gegebenen Winke zur Ausfüllung einer weitklaffenden Lücke der Psycho- logie benützt hat.

Das Wort, welches die Scholastik von Aristoteles ererbt hatte, „parvus error in principio maximus in fine" hat also in unserem Falle nach jeder Seite hin sich bewährt.

.( Achtes Capitel.

Einheit der Grnndclasse für Gefähl und Willen.

§. 1. Nachdem Vorstellung und Urtheil als verschiedene Grundclassen psychischer Phänomene festgestellt sind, haben wir uns noch in Betreff unserer zweiten Abweichung von der herrschenden Classification zu rechtfertigen. Wie wir Vor- stellung und ürtheil trennen, so vereinigen wir Gefühl und Willen.

Hier sind wir nicht so sehr wie im früheren Punkte Neuerer: denn von Aristoteles bis herab auf Tetens, Mendels- sohn und Kant hat man allgemein bloss eine Grundclasse für Fühlen und Streben angenommen; und unter den psy- chologischen Autoritäten der Gegenwart sahen wir Herbert Spencer nur zwei Seiten des Seelenlebens, eine cognitive und eine affective, unterscheiden. Doch dies soll uns bei der Wichtigkeit der Frage nicht abhalten, mit der gleichen Sorgfalt und unter Benützung der sämmthchen uns zu Gebote stehenden Hülfsmittel unsere Lehre zu begründen und zu sichern.

Wir halten hier denselben Gang wie bei der Unter- suchung über das Verhältniss von Vorstellung und Urtheil ein; wir berufen uns daher vor Allem auf das Zeugniss unmittelbarer Erfahrung. Die innere Wahrnehmung, sagen wir, zeigt deutUch hier den Mangel, wie dort das Vorhanden- sein eines fundamentalen Unterschiedes; und hier eine weseat- 303 Buch II. Von den pejchiBctiea Phänomenen im ÄUgemeinen.

liehe Uebereinstimmung, wie dort eine völlige Verschiedenheit in der Weise der Beziehung zum Object.