Zum Glück ist das Gegentheil der Fall. Die neue Er- klärung des Namens Psychologie enthält nichts, was nicht auch von den Anhängern der älteren Schule angenommen werden müsste. Denn mag es eine Seele geben oder nichts die psychischen Erscheinungen sind ja jedenfalls vorhanden. Und der Anhänger der Seelensubstanz wird nicht leugnen, dass alles, was er in Bezug auf die Seele feststellen könne, auch eine Beziehung zu den psychischen Erscheinungen habe. Es steht also nichts im Wege, wenn wir, statt der Begriffs- bestimmung der Psychologie als Wissenschaft von der Seele, die jüngere uns eigen machen. Vielleicht sind beide richtig. Aber der Unterschied bleibt dann bestehn, dass die eine metaphysische Voraussetzungen enthält, von welchen die andere frei ist, dass diese von entgegengesetzten Schulen anerkannt wird, während die erste schon die besondere Farbe einer Schule an sich trägt, dass also die eine uns allgemeiner Voruntersuchungen enthebt, zu welchen die andere uns ver- pflichten würde. Und indem so die Annahme der jüngeren Fassung uns die Arbeit vereinfacht, gewährt sie noch einen anderen Vortheil als den der Erleichterung der Aufgabe. Jede Ausscheidung einer gleichgültigen Frage ist als Vereinfachung auch Verstärkung. Sie zeigt die Ergebnisse der Forschung von wenigeren Vorbedingungen abhängig und führt so mit grösserer Sicherheit zur Ueberzeugung hin.
*) Vgl. seine First Principles.
«) Exam. of Sir W. Ham, Philos. Ch. XII.
24 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
Wir erklären also in dem oben angegebenen ^inne die Psychologie für die Wissenschaft von den psy- chischen Erscheinungen. Die vorausgegangenen Er- örterungen scheinen geeignet, eine solche Begriffsbestimmung der Hauptsache nach deutlich zu machen. Was in dieser Hinsicht noch fehlt, wird die spätere Untersuchung über den Unterschied der psychischen und physischen Phänomene er- gänzen.
§. 3. Wenn Jemand das Werthverhältniss des hier um- schriebenen Wissensgebietes gegenüber dem der Naturwissen- schaft feststellen und dabei einzig und allein den Maassstab der Theilnahme anlegen wollte, welche die eine und andere Forschung heutzutage zu finden pflegt, so würde die Psy- chologie wohl tief in den Schatten gestellt erscheinen. Anders dagegen, wenn einer die Ziele, welche die eine, und die, welche die andere Wissenschaft verfolgt, vergleichend ins Auge fasst. Wir haben gesehen, von welcher Art die Er- kenntniss ist, welche der Naturforscher zu erringen vermag. Die Phänomene des Lichtes, des Schalles, der Wärme, des Ortes und der örtlichen Bewegung, von welchen er handelt, sind nicht Dinge, die wahrhaft und wirklich bestehen. Sie sind Zeichen von etwas Wirklichem, was durch seine Ein- wirkung ihre Vorstellung erzeugt. Aber sie sind desshalb kein entsprechendes Bild dieses Wirklichen, und geben von ihm nur in sehr unvollkommenem Sinne Kenntniss. Wir können sagen, es sei etwas vorhanden, was unter diesen und jenen Bedingungen Ursache dieser und jener Empfindung werde; wir können auch wohl nachweisen, dass ähnliche Verhält- nisse wie die, welche die räumlichen Erscheinungen, die Grössen und Gestalten zeigen, darin vorkommen müssen. Aber dies ist dann auch Alles. An und für sich tritt das, was wahrhaft ist, nicht in die Erscheinung, und das, was er- scheint, ist nicht wahrhaft. Die Wahrheit der physischen Phänomene ist, wie man sich ausdrückt, eine bloss relative Wahrheit.
Anderes gilt von den Phänomenen der inneren Wahr- nehmung. Diese sind wahr in sich selbst. Wie sie er- Capitel 1. Begriff und Aufgabe. 25 scheinen, — dafür bürgt die Evidenz, mit der sie wahrge- nommen werden — so sind sie auch in Wirklichkeit. Wer könnte also leugnen, dass hierin ein grosser Vorzug der Psychologie vor der Naturwissenschaft zu Tage trete?
Noch in einer andern Hinsicht ist der hohe theoretische Werth der psychologischen Erkenntniss einleuchtend. Nicht hloss mit der Weise der Erkennbarkeit, auch mit der Würde des Gegenstandes wächst die Würde der Wissenschaft. Und die Erscheinungen, deren Gesetze der Psychologe erforscht, zeichnen sich nicht allein dadurch vor den physischen aus, dass sie in sich selbst wahr und wirklich sind, auch an Schönheit und Erhabenheit sind sie unvergleichlich ihnen überlegen. Der Farbe und dem Klange, der Ausdehnung und Bewegung steht hier die Empfindung und Phantasie, das Urtheil und der Willen entgegen, mit all der Grossartig- keit, zu welcher sie sich in den Ideen des Künstlers, in der Forschung des grossen Denkers und in der Selbsthingabe des Tugendhaften entfalten. Hier also zeigt sich in neuer Weise, wie die Aufgabe des Psychologen der des Naturforschers ge- genüber die höhere ist.
Audi das ist richtig, dass das uns Eigene mehr als das Fremde auf unsere Theilnahme Anspruch macht. Die Ord- nung und Entstehung unseres Sonnensystems sind wir mehr als die einer fernen Gruppe himmlischer Gestirne zu erkennen begierig. Die Geschichte unseres Landes und unserer Väter Äieht mehr unsere Aufmerksamkeit auf sich als die eines Volkes, zu welchem* engere Beziehungen uns fehlen. Und auch dies ist ein Grund, welcher der Wissenschaft von den psychischen Phänomenen überwiegenden Werth verleiht. Denn sie sind das, was uns am Meisten eigen ist. Manche Philo- sophen haben das Ich geradezu als eine Gruppe psychischer Phänomene, andere als den substantiellen Träger einer solchen Gruppe bezeichnet. Und der gemeine Sprachgebrauch sagt von den physischen Veränderungen, dass sie ausser uns, von den psychischen, dass sie in uns stattfinden.
Das sind sehr einfache Betrachtungen, die Jeden leicht von der hohen theoretischen Bedeutung des psychologischen 26 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
Erkenntnissgebietes überzeugen können. Aber auch an prak- tischer Wichtigkeit — und das ist, was vielleicht mehr ver- wundem dürfte — stehen ihre Fragen den Fragen, welche die Naturwissenschaft beschäftigen, nicht nach. Ja auch in dieser Hinsicht ist schwerlich ein anderer Wissenszweig ihr gleichzustellen, wenn er nicht etwa insofern auf dieselbe Be- achtung Anspruch hat, als er, damit man zu ihr sich er- schwinge, als unentbehrliche Sprosse benützt werden muss.
• Nur ganz flüchtig weise ich darauf hin, wie in der Psy- chologie die Wurzeln der Aesthetik liegen, die unfehlbar bei vollerer Entwickelung das Auge des Künstlers klären und seinen Fortschritt sichern wird. Auch das sei nur mit einem Worte berührt, dass die wichtige Kunst der Logik, von der ein Fortschritt tausend Fortschritte in der Wissenschaft zur Folge hat, in ganz ähnlicher Weise aus der Psychologie ihre Nahrung zieht. Aber die Psychologie hat auch die Aufgabe, die wissenschaftliche Grundlage einer Erziehungslehre, des Einzelnen wie der Gesellschaft, zu werden. Mit Aesthetik und Logik erwachsen auch Ethik und Politik auf ihrem Felde. Und so erscheint sie als Grundbedingung des Fort- schrittes der Menschheit gerade in dem, was vor Allem ihre Würde ausmacht. Ohne Anwendung der Psychologie wird die Fürsorge des Vaters sowohl als die des staatlichen Len- kers ein unbeholfenes Tasten bleiben. Und da bisher noch niemals in einer gründlichen Weise psychologische Lehrsätze auf staatlichem Gebiete zur Anwendung gekommen sind, ja da die Hirten der Völker fast ausnahmslos in voller Un- kenntniss über sie sich befunden haben, so dürfte man wohl mit Piaton und mit manchem Denker auch unserer Tage sagen, dass, so hoher Ruhm auch einzelnen zu Theil wurde, ein eigentlich grosser Staatsmann noch nie in der Geschichte aufgetreten ist. Hat es doch auch vor einer gründlichen Anwendung der Physiologie in der Heilkunst an berühmten Aerzten keineswegs gefehlt, und grosses Vertrauen haben sie errungen, und staunenswerthe Curen werden von ihnen be- richtet. Aber dass es vor mehr als etlichen Decennien einen wirklich grossen Arzt gegeben habe, das wird darum nicht Capitel J. Begriff und Aufgabe. 27 weniger jeder Kenner der Mediein heute als etwas Unmög- liches verneinen. Sie waren alle blinde Empiriker, mehr oder minder geschickt, und mehr oder minder vom Glücke begünstigt. Aber was ein einsichtiger und gebildeter Arzt sein soll, das waren sie nicht, das konnten sie nicht sein. Aehnliches wir* denn auch bis zum heutigen Tage von unseren Staatsmännern gelten müssen. Und wie sehr auch sie blosse blinde Empiriker sind, das zeigt sich jedesmal, wenn ein ausserordentliches Ereigniss plötzlich die politische Sachlage ändert, und deutlicher noch, wenn einer in ein fremdes Land mit fremden Verhältnissen verpflanzt wird. Von ihren em- pirisch erworbenen Maximen verlassen, zeigen sie sich dann völlig unfähig und rathlos.
Wie viele Uebelstände könnten nicht, wie beim Einzel- nen so in der Gesellschaft, beseitigt werden bald durch eine richtige psychologische Diagnose bald durch die Erk;enntniss der Gesetze, nach welchen ein psychischer Zustand sich ver- ändern lässt! Was für einen geistigen Kraftzuwachs würde nicht schon dadurch allein die Menschheit erlangen, wenn die letzten psychischen Grundbedingungen der verschiedenen An- lagen, zum Dichter, zum Forscher, zum praktisch tüchtigen Manne, durch psychologische Analyse mit Sicherheit und Vollständigkeit ermittelt wären, so dass man den Baum nicht erst an den Früchten, sondern schon an dem ersten aufkeimenden Blättchen erkennen und sofort in eine Lage, die seiner Natur entspricht, versetzen könnte! Denn jene Leistungen selbst sind sehr zusammengesetzte Erscheinungen und späte Er- gebnisse von Kräften, deren ursprüngliches Wirken in der That von vom herein so wenig das spätere, wie die Gestalt des ersten Keimblättchens die der Frucht des Baumes ahnen lässt. Dabei bleibt aber der Zusammenhang in dem einen wie im andern Falle in gleicher Weise ein gesetz- mässiger, und was dort die Botanik, müsste darum hier eine genügend entwickelte Psychologie in ähnlicher Weise voraus- sagen können. So also und in tausendfach anderer Weise noch würde ihr Einfluss der segensreichste werden. Und sie allein würde vielleicht im Stande sein, die Mittel gegen jenen 28 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
Verfall an die Hand zu geben, durch den wir von Zeit zu Zeit eine sonst stetig aufsteigende Entwickelung der Cultur in trauriger Weise unterbrochen sehen. Man hat längst und mit Recht bemerkt, dass die oft gebrauchten metaphorischen Ausdrücke „gealterte Nation", „gealterte Civilisation" nicht eigentlich treflFend seien, da, während der Organismus sich nur unvollkommen erneuere, die Gesellschaft in jedem folgen- den Geschlechte vollkommen sich verjünge; nur von Krank- heiten der Völker und Zeiten dürfe man reden. Aber es sind dies Krankheiten, die bisher immer periodisch aufge- treten sind und wegen mangelnder Kunst der Aerzte regel- mässig zum Tode führten, so dass, wie auch immer die eigentlich wesentliche Verwandtschaft fehlen mag, die Aehn- lichkeit der äusseren Erscheinung mit der des Alterns un- leugbar ist.
Man sieht, dass ich der psychischen Wissenschaft keine geringen praktischen Aufeaben stelle. Aber ist es denkbar, dass sie wirklich jemals auch nur Annäherndes leisten werde? Der Zweifel daran scheint wohlgegründet. Ja dadurch, dass sie bis heute und durch Jahrtausende hindurch so viel wie nichts dafür geleistet hat, möchte Mancher sich zu dem sichern Schluss berechtigt glauben, dass sie die praktischen Interessen der Menschheit auch in alle Zukunft wenig för- dern werde.
Allein die Antwort auf diesen Einwurf liegt nicht fern. Sie ergibt sich aus einer einfachen Erwägung der Stellung, welche die Psychologie in der Reihe der Wissenschaften ein- nimmt.
Die allgemeinen theoretischen Wissenschaften bilden eine Art Scala, bei welcher jede höhere Stufe auf der Grundlage der niederen sich erhebt. Die höherstehende Wissenschaft betrachtet mehr verwickelte, die niedere einfachere Phäno- mene, und diese gehen mit in jene Verwickelung ein. So hat der Fortschritt der höherstehenden natürlich den der niederen Wissenschaft zur Voraussetzung, und jene wird da- her selbstverständlich, abgesehen von gewissen schwachen empirischen Vorbereitungen, später als diese zur Entwickelung ; Capitei 1. Begriff und Aufgabe. 2^ gelangen. In jenen Zustand der Reife insbesondere, in wel- chem sie sich, für die Bedtirfiiisse des Lebens fruchtbar er-* weisen kann, wird sie nicht gleichzeitig mit ihr treten können. So sah man die Mathematik schon lange in praktischer An- wendung verwerthet, während die Physik noch immer schlum- mernd in der Wiege lag und nicht das geringste Zeichen von der später so glänzend bewährten Befähigung gab, den Bedürfnissen und Wünschen des Lebens dienstbar zu werden. Und wiederum war die Physik schon lange zu Ansehen und mannigfacher Verwendung gelangt, als die Chemie durch Lavoisier den ersten festen Punkt entdeckte, auf den sie nach wenigen Decennien sich stützte, um, wenn nicht die Erde, doch den Anbau der Erde und mit ihm so manche andere Sphäre praktischer Thätigkeit aus den Angeln zu heben. Wiederum hatte die Chemie schon manches schöne Ergebniss erzielt, während die Physiologie noch nicht zum Leben erwacht war. Und man braucht nicht viele Jahre rückwärts zu zählen, um für sie die Anfänge einer erfreu- licheren Entwickelung zu finden, an die sich dann ebenfalls sofort Versuche für eine praktische Verwerthung knüpften; unvollkommen vielleicht, aber immerhin bereits genügend um zu zeigen, dass nur von ihr eine Wiedergeburt der Heilkunst zu erwarten ist. Dass die Physiologie so spät sich entwickelte, erklärt sich leicht. Sind doch ihre Phänomene viel zusammengesetzter als die der früheren Wissenschaften und stehen in Abhängigkeit von ihnen, wie die der Chemie zu denen der Physik und die der Physik zu denen der Ma- thematik selbst wieder im Abhängigkeitsverhältnisse stehen. Aber eben so leicht wird es sich dann begreifen lassen, warum die Psychologie bisher keine reicheren Früchte trug. Wie die physicalischen Phänomene unter dem Einflüsse der mathe- matischen Gesetze, die chemischen unter dem Einflüsse der physicahschen, und die der Physiologie unter dem Einflüsse von ihnen allen stehen: so sind wieder die psychologischen Phänomene von den Gesetzen der Kräfte beeinflusst, welche ihnen die Organe bilden und erneuern. W^er also auch gar nichts von dem Zustande der bisherigen Psychologie durch 30 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
unmittelbare Erfahrung wüsste und nur die Geschichte der anderen theoretischen Wissenschaften und das jugendliche Alter der Physiologie, ja selbst der chemischen Wissenschaft kennte, der würde, ohne in psychologischen Dingen Skeptiker zu sein, mit Sicherheit behaupten können, dass die Psycho- logie noch nichts oder doch nur äusserst Weniges geleistet und höchstens erst in neuester Zeit einen Ansatz zu kräftigerer Entwickelung gezeigt haben werde. Dass die wesentlichsten Früchte, die sie etwa für das praktische Leben tragen kann, alle erst einer späteren Zeit angehörten, wäre hierin mit aus- gesprochen. So würde er denn, wenn er dann die Augen auf die Geschichte der Psychologie richtete, in ihrer bisherigen Unfruchtbarkeit nichts Anderes sehen, als was er erwartet hätte, und in keiner Weise zu einem ungünstigeren Urtheil über ihre künftigen Erfolge sich veranlasst finden.
Wir sehen, der bisherige zurückgebliebene Zustand der Wissenschaft erscheint als Nothwendigkeit, auch wenn die Möglichkeit einer späteren reichen Entwickelung nicht be- zweifelt wird. Und dass diese Möghchkeit besteht, beweist der glückliche, wenn auch schwache Anfang; den sie bereits wirklich genommen hat. Wird einmal ein gewisses Maass möglicher Entwickelung erreicht sein, so werden aber auch praktische Folgen nicht ausbleiben. Beim Einzelnen und mehr noch bei Massen, bei welchen unberechenbare hemmende und fördernde Umstände ihre Ausgleichung finden, werden die psychologischen Gesetze eine sichere Grundlage des Handelns bilden.
Hienach dürfen wir mit aller Zuversicht holfen, dass CS an Beidem, sowohl an der inneren Ausbildung als an der segensreichen Anwendung der Psychologie, nicht immer fehlen werde. Sind doch die Bedürfnisse, welchen sie ge- nügen soll, nachgerade drängend geworden. Die zerrütteten socialen Zustände schreien mehr als UnvoUkommenheiten in Schiflffahrt und Bahnverkehr, in Ackerbau und Gesundheits- pflege mit lauter Stimme nach Abhülfe. Die Fragen, denen sich ein freies Interesse vielleicht in geringerem Maasse zu- gewandt haben würde, erzwingen sich die allgemeine Theil- Capitel 1. Begriff und Aufgabe. 31 nähme. Viele hÄben bereits hier die wesentlichste Aidfeabe unserer Zeit erkannt. Und mancher bedeutende Forscher ist zu nennen, der zu diesem Zwecke mit der Erforschung der psychischen Gesetze und mit Untersuchungen über die Methode der Ableitung und Sicherung praktisch zu verwer- thender Folgerungen sich beschäftigt.
Es kann unmöglich die Aufgabe der Nationalökonomie sein, die eingetretene Verwirrung zu schlichten und den mehr und mehr im Wechselkampfe der Interessen verlorenen Frieden in die Gesellschaft zurückzuführen. Sie ist mit dabei bethei- ligt, aber ihr fällt nicht das Ganze noch auch der vorzüg- liche Theil der Aufgabe zu. Aber doch kann auch die wach- sende Theilnahme, welche dieser praktischen Disciplin ge- schenkt wird, mit Zeugniss geben für das Gesagte. J. St. Mill hat in der Einleitung zu seinen Grundsätzen der Natio- nalökonomie ihr Verhältniss zur Psychologie berührt. Die Unterschiede hinsichtlich der Hervorbringung und Verthei- lung des Vermögens bei verschiedenen Völkern und zu ver- schiedenen Zeiten, sagt er, hätten theils in Unterschieden physicalischer Kenntniss ihren Grund, theils aber hätten sie psychologische Ursachen. „Insoweit die wirthschaftliche Lage der Nationen auf den Zustand physicalischer Kenntnisse sich bezieht", fährt er fort, „ist sie Gegenstand der Natur- wissenschaften und der darauf begründeten Künste. Insoweit aber die Ursachen moralischer öder psychologischer Art sind, von Maassregeln und ges^Uschafthchen Verhältnissen oder von Principien der menschlichen Natur abhängen, gehört ihre Untersuchung nicht der Naturwissenschaft, sondern der Ethik und Gesellschaftswissenschaft an und ist Gegenstand der po- litischen Oekonomie oder der Volkswirthschaft."
So scheint es denn unzweifelhaft, dass die Zukunft, und bis zu einem gewissen Grade vielleicht eine nicht allzuferne Zukunft, der Psychologie einen bedeutenden Einfluss auf das praktische Leben gestatten werde. Wir könnten sie, wie auch Andere es gethan, in diesem Sinne als die Wissen- schaft der Zukunft bezeichnen, als diejenige nämlich, der vor allen anderen theoretischen Wissenschaften die Zukunft 32 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
gehört, die mehr als alle die Zukunft gestalten^ und der alle in ihrer praktischen Verwendung sich in Zukunft uiÄer- ordnen und dienen werden. Denn dieses wird die Stellung der Psychologie sein, wenn sie einmal erwachsen und zum thätigen Eingreifen befähigt ist. Aristoteles nannte die Po- litik die baumeisterliche Kunst, der alle anderen handlangend dienen. Die Staatskunst aber, um das zu sein, was sie sein soll, muss, wir haben es gesehen, ebenso den Lehren der Psychologie, wie geringere Künste den Naturwissenschaften, ihr Ohr leihen. Ihre Lehre wird, ich möchte sagen, nur eine veränderte Zusammenordnung und weitere Fortent- wickelung psychologischer Sätze zur Erzielung eines prak- tischen Zweckes sein.
Wir haben ein Vierfaches hervorgehoben, was geeignet schien, die vorzügliche Bedeutung der psychischen Wissen- schaft darzuthun: die innere Wahrheit, so wie die Erhaben- heit ihrer Phänomene, die besondere Beziehung dieser Phä- nomene zu uns, und endlich die praktische Wichtigkeit der sie beherrschenden Gesetze. Hiezu kommt aber noch da& besondere und unvergleichliche Interesse, welches ihr eigen ist, insofern sie uns über unsere Unsterblichkeit belehrt und hiedurch in einem neuen Sinne die Wissenschaft der Zukunft wird. Der Psychologie fällt die Frage über die HoflEnung auf ein Jenseits und auf die Theilnahme an einem vollen- deteren Weltzustande zu. Sie hat, wie bemerkt, früh schon Versuche gemacht, die dahin zielten, und nicht alles, was sie in dieser Richtung unternahm, scheint ohne Erfolg ge- blieben. Sollte dieses wirklich der Fall sein, so hätten wir hier ohne Zweifel ihre höchste theoretische Leistung, die so- wohl selbst wieder von den grössten praktischen Folgen wäre, als auch ihren übrigen theoretischen Leistungen neuen Werth verleihen würde. Von allem dem, wofür die Gesetze der Naturwissenschaft gelten, scheiden wir, wenn wir das Dies- seits verlassen. Die Gesetze der Gravitation, die Gesetze des Schalles, des Lichtes und der Electricität schwinden uns mit den Erscheinungen, für welche die Erfahrung sie 11 1 Capitel 1. Begriff und Aufgabe.
33 festgestellt hat. Die psychischen Gesetze dagegen gelten dort wie hier für unser Leben, so weit dasselbe unsterblich fortbesteht.
Wohl mit Recht hat darum schon Aristoteles im Anfange seiner Schrift über die Seele die Psychologie über die andern Wissenschaften erhoben, obwohl er dabei ausschliesslich auf ihre theoretischen Vorzüge Acht hatte. „Wenn wir", sagt er, „zu dem, was edel und ehrwürdig ist, das Wissen rechnen; mehr aber das eine als das andere, sei es, weil seine Schärfe grösser, sei es, weil sein Gegenstand erhabener und wunder- barer ist: so möchten wir wohl aus beiden Gründen die Er- kenntniss der Seele mit Fug zu den vorzüglichsten Gütern zählen." Dass hier Aristoteles auch der Schärfe nach die Psychologie andern Wissenschaften überlegen nennt, mag freilich Wunder nehmen. Ihm hängt die Schärfe der Er- kenntniss mit der Unvergänglichkeit des Gegenstandes zu- sammen. Das stetig und allseitig Wechselnde entzieht sich nach ihm der wissenschaftlichen Forschung; das, was am Meisten bleibt, hat am Meisten bleibende Wahrheit. Wie dem aber auch sei, eine bleibender bedeutende Wahrheit wenigstens haben den Gesetzen, die der Psychologe feststellt, auch wir nicht absprechen können.
Brentano, Psychologie. I.
Zweites ('apitel.
lieber die Methode der Psychologie, insbesondere die Erfahrung, welche für sie die Grundlage bildet.
§. 1. Die Methode der Psychologie ist der Gegenstand einer ganz vorzüglichen Aufmerksamkeit geworden. Und in der That darf man sagen, dass in dieser Hinsicht keine an- dere unter den allgemeinen theoretischen Wissenschaften so merkwürdig und lehrreich sei als sie auf der einen und die Mathematik auf der andern Seite.
Beide verhalten sich zu einander wie entgegengesetzte Pole. Die Mathematik betrachtet die einfachsten, unabhän- gigsten, die Psychologie die abhängigsten und verwickeltsten Phänomene. Die Mathematik zeigt darum in fasshcher Klar- heit die Grundcharaktere jedes wahrhaft wissenschaftlichen Forschens. Nirgends kann man besser die erste deutliche Anschauung von Gesetz, Ableitung, Hypothese und vielen andern wichtigen logischen BegrüBfen gewinnen als bei ihr. Und es war ein Zug des Genies, wenn Pascal zur Mathe- matik sich wandte, um bessere Einsicht in gewisse Grund- begriffe der Logik sich zu verschaffen und, Wesentliches von Unwesentlichem scheidend, die hier entstandene Verwirrung zu lösen. Die Psychologie auf der andern Seite zeigt allein den ganzen ßeichthum, zu welchem die wissenschaftliche Methode sich entfaltet, indem sie den mehr und mehr ver- wickelten Erscheinungen der Reihe nach sich anzupassen Capitel 2. Die Erfahrungsgrundlage der Psychologie. 35 sucht. Beide zusammen werfen ein helles Licht auf alle Weisen der Forschung, die in den vermittelnden Wissensge- bieten zur Anwendung kommen. Der Unterschied, den jede folgende gegen die vorangegangene zeigt, und der Grund ihrer abweichenden Eigenthümlichkeit, das Wachsen der Schwierig- keit im Verhältniss zur grösseren Verwicklung der Phänomene, aber auch das gleichzeitige Wachsen der Hülfsmittel, welches in gewissem Maasse wenigstens der Zunahme der Schwierigkeit das Gleichgewicht hält, — das alles tritt natürlich am Deut- lichsten dann hervor, wenn man das erste und letzte Glied der fortlaufenden Kette vergleichend einander gegenüber- stellt.
Freilich würde die Fülle des Lichtes eine grössere sein, wenn die Methode der Psychologie in sich selbst klarer er- kannt und voUkommner ausgebildet wäre. Und in dieser Hinsicht bleibt noch Vieles zu thun übrig, da mit dem Fort- schreiten der Wissenschaft auch das wahre Verständniss ihrer Methode sich erst mehr und mehr entwickelt.
§. 2. Die Grundlage der Psychologie wie der Natur- wissenschaft bilden Wahrnehmung und Erfahrung. Und zwar ist es vor Allem die innere Wahrnehmung der eigenen | psychischen Phänomene, welche für sie eine Quelle wird. Was eine Vorstellung, was ein Urtheil, was Freude und Leid, Begierde und Abneigung, Hoffnung und Furcht, Muth und Verzagen, was ein Entschluss und eine Absicht des Willens sei, davon würden wir niemals eine Kenntniss gewinnen, wenn nicht di^ innere Wahrnehmung in den eignen Phäno- menen es uns vorführte.
Man merke aber wohl, wir sagten innere Wahrneh- mung, nicht innere Beobachtung sei diese erste und un- entbehrliche Quelle. Beides ist wohl zu unterscheiden. Ja die innere Wahrnehmung hat das Eigenthümliche, dass sie nie innere Beobachtung werden kann. Gegenstände, die man, wie man zu sagen pflegt, äusserlich wahrnimmt, kann man beobachten; man wendet, um die Erscheinung genau aufzu- fassen, ihr seine volle Aufmerksamkeit zu. Bei Gegenständen, 36 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
die man innerlich wahrnimmt, ist dies aber vollständig un- möglich. Dies ist insbesondere bei gewissen psychischen Phänomenen, wie z. B. beim Zorne unverkennbar. Denn wer den Zorn, der in ihm glüht, beobachten wollte, bei dem wäre er offenbar bereits gekühlt, und der Gegenstand der Beobach- tung verschwunden. Dieselbe Unmöglichkeit besteht aber •auch in allen andern Fällen. Es ist ein allgemein gültiges psychologisches Gesetz, dass wir niemals dem Gegenstande i der innern Wahrnehmung unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden j j i vermögen. Wir werden später uns eingehend damit zu be- schäftigen haben; für jetzt gentige der Hinweis auf die Er- fahrung, die jeder Unbefangene an sich selber macht. Auch die Psychologen, welche eine innere Beobachtung für möglich halten, heben sämmtlich wenigstens ihre ausserordentliche Schwierigkeit hervor. Und hierin liegt wohl das Zugeständ- niss, dass eine solche auch ihnen in den meisten Fällen nicht gelungen ist. In den Fällen aber, in welchen sie ausnahms- weise sie gelungen glaubten, sind sie ohne Zweifel einer Selbsttäuschung verfallen. Nur während man mit seiner Aufmerksamkeit einem anderen Gegenstande zugewandt ist, geschieht es, dass auch die auf ihn bezüglichen psychischen Vorgänge nebenbei zur Wahrnehmung gelangen. So kann die Beobachtung der physischen Phänomene in der äusseren Wahrnehmung, indem sie für die Erkenntniss der Natur uns Anhaltspunkte gibt, zugleich ein Mittel psychischer Erkennt- niss werden. Und die Hinwendung der Aufinerksamkeit auf die physischen Phänomene in der Phantasie ist sogar, wenn nicht ausschliesslich, doch jedenfalls zunächst und hauptsäch- lich für psychische Gesetze die Erkenntnissquelle.
Nicht ohne Grund heben wir diesen Unterschied zwischen innerer Wahrnehmung und innerer Beobachtung hervor und betonen mit Nachdruck, dass die eine, nicht aber ebenso die andere bei den in uns bestehenden psychischen Phänomenen statthaben könne. Denn bis jetzt hat dies, meines Wissens, noch kein Psychologe gethan, und die nachtheiligen Folgen, welche sich an eine solche Vermischung und Verwechslung knüpften, waren beträchtlich. Ich weiss Beispiele von jungen Capitel 2. Die Erfabrungsgrandlage der Psychologie. 37 Leuten, die, im Begriflfe mit dem Studium der Psychologie sich zu beschäftigen, an der Schwelle der Wissenschaft an der eigenen Befähigung verzweifeln wollten. Man hatte sie auf die innere Beobachtung als die vorzüglichste Quelle psychologischer Erkenntniss hingewiesen. Sie hatten sie ver- sucht, sie hatten angestrengt sich darum gemüht und waren wiederholt dazu zurückgekehrt; aber ganz vergeblich hatten sie sich gequält, ein Taumel verworrener Ideen und ein müder Kopf waren das Einzige, was sie davontrugen. So kamen sie denn zu dem allerdings richtigen Schlüsse, dass sie zur Selbstbeobachtung keine Fähigkeit besässen, und hieran knüpfte sich ihnen, vermöge der ihnen beigebrachten Meinung, der Glauben, dass es ihnen für psychologische Forschung an Begabung fehle.
Andere, die nicht in dieser Weise, wie durch einen Po- panz zurückgeschreckt, im Weiterschreiten aufgehalten wurden, kamen zu anderen Irrthümem. Viele fingen an, physische Phänomene, wie namentlich alle diejenigen, welche uns in der Phantasie erscheinen, für psychische zu nehmen und so das Heterogenste bunt durcheinander zu werfen. Die vorausgehenden Bemerkungen über den Vortheil, welchen die Psychologie aus der aufmerksamen Betrachtung der Phan- tasiegebilde zieht, lassen diesen Missgriflf begreiflich erschei- nen. Aber so lange er ohne Berichtigung blieb, konnte natürlich weder die Classification der psychischen Phänomene gelingen, noch der Versuch einer Feststellung der Eigen- thümlichkeiten und Gesetze für die einzelnen Classen einen befriedigenden Erfolg haben. Mit der Verwirrung hinsichtUch der Phänomene hingen dann nothwendig weitere Unordnungen zusammen, und so konnte es geschehen, dass das angebliche Feld der Beobachtungen oft zum Tummelplatze willkürlicher Einfälle wurde. Fortlage in seinem „System der Psychologie alse mpirischer Wissenschaft aus der Beobachtung des inneren Sinnes", aber keineswegs er allein, liefert hiefür reiche Be- lege. Und ganz richtig ist, was Lange in seiner Geschichte des MateriaUsmus über ihn bemerkt: „Zuerst macht er sich den Innern Sinn zurecht, dem er eine Reihe von Functionen 38 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.
zuschreibt, die sonst dem äusseren Sinn zugeschrie- ben wurden; dann steckt er sich sein Beobachtungsfeld ab" (indem er sagt, das Beobachtungsfeld der Psychologie sei der Mensch, [insofern er mit dem inneren Sinn wahrge- nommen werde) „und beginnt zu beobachten." Und die Kritik wird scharf, bleibt aber nicht ohne Wahrheit, wenn Lange fortfährt: „Man würde vergeblich einen Preis darauf setzen, wenn Jemand in den beiden dicken Bänden eine ein- zige wirkliche Beobachtung auftriebe. Das ganze Buch be- wegt sich in allgemeinen Sätzen mit einer Terminologie von eigener Erfindung, ohne dass je eine einzelne bestimmte Erschei- nung mitgetheilt wird, von welcher Fortlage angeben könnte, wann und wo er sie gehabt hätte, oder wie man es etwa machen müsste, um sie auch zu haben. Es wird uns ganz schön beschiieben, wie z. B. bei der Betrachtung eines Blattes, sobald man die Gestalt desselben auffallend findet, diese Gestalt zum Focus der Aufmerksamkeit wird, „wovon die nothwendige Folge ist, dass die der Gestalt des Blattes nach dem Gesetz der Aehnlichkeit angeschmolzene Ge- staltscala dem Bewusstsein hell wird". Es wird uns ge- sagt, dass das Blatt nun „im Einbildungsraum in der Scala der Gestalten zergeht", aber wann, wie und wo dies einmal so begegnet ist, und auf welche Erfahrung, sich eigentlich diese „empirische" Erkenntniss begründet, bleibt ebenso un- klar, als die Art und Weise, wie der Beobachter den „in- neren Sinn" anwendet, und die Beweise dafür, dass er sich eines solchen Sinnes bedient, und nicht etwa seine Einfälle und Erfindungen aufs Gerathewohl zum System krystallisiren lässt 1)."