SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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hole. Freilich, wenn die Betrachtung der Phänomene der menschlichen Gesellschaft auf die psychischen Phänomene des Einzelnen Licht wirft, so ist doch auch das Umgekehrte, und wohl in reicherem Maasse, der Fall, und es wird im Allge- meinen der naturgemässere Weg sein, wenn man aus dem was man beim Einzelnen gefunden für das Verständniss der Gesellschaft und ihrer Entwickelung, als wenn man umgekehrt aus der Betrachtung dieser für die Probleme der individuellen Psychologie Aufschlüsse zu gewinnen sucht.

54 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

Das Gesagte genügt, um zu zeigen, welchem Kreise der Psychologe die Erfahrungen entnimmt, die er seiner Forschung nach den psychischen Gesetzen zu Grunde legt. Wir fanden für sie als erste Quelle die innere Wahrnehmung, welcher der Nachtheil anhaftete, dass sie nie Beobachtung werden kann. Zu ihr kam das Betrachten unserer früheren psychischen Erlebnisse im Gedächtniss, und hier war eine Hinwendung der Aufinerksamkeit und so zu sagen eine Beobachtung mög- lich. Das bis dahin auf die eigenen inneren Phänomene be- schränkte Feld der Erfahrung erweiterte sich dann, indem uns die A e u s s e r u n g e n des psychischen Lebens Anderer in- direct einen Einblick in fremde psychische Phänomene ge- währten. Gewiss wurde hiedurch die Zahl der für die Psy- chologie merkwürdigen Thatsachen tausendfach vermehrt. Aber diese letzte Art von Erfahrungen setzte die Beobachtung im Gedächtniss, so wie diese die innere Wahrnehmung gegen- \<rärtiger psychischer Erscheinungen voraus, welche somit für beide die letzte und unentbehriiche Vorbedingung bildet. Auf der inneren Wahrnehmung also — darin bleibt die ältere Psychologie Comte gegenüber im Rechte — erhebt sich recht eigentlich der Bau dieser Wissenschaft wie auf seiner Grund- lage.

,^ / Drittes Capitel Fortsetzung der Untersnclinngen über die Methode « der Psychologie. Von der Indnction der höchsten psychischen Gesetze.

§. 1. Eine Aufgabe, der sich der Psychologe vor anderen zu unterziehen hat, ist die Feststellung der gemeinsamen Eigenthümlichkeiten aller psychischen Phänomene; vorausge- setzt nämlich, dass es solche gemeinsame Eigenthümlichkeiten gebe, denn Manche stellen dies in Abrede. Die Behaup- tung von Bacon, dass man immer zunächst die mittleren und dann erst, in allmäligem Aufsteigen, die höchsten Ge- setze aufzusuchen habe, hat sich bekanntlich in der Geschichte der Naturwissenschaften nicht bewahrheitet, und kann darum auch für den Psychologen keine Geltung haben. Richtig ist nur so viel, dass man bei der Induction der allgemeinsten Gesetze die gemeinsame Eigenthümlichkeit, wie natürlich zu- nächst an Individuen, so dann an speciellen Gruppen findet, bis sie zuletzt in ihrem vollen Umfange feststeht.

§. 2. Aus der Betrachtung der allgemeinen Eigenthüm- lichkeiten wird sich das Eintheilungsprincip der psychischen Phänomene ergeben, und daran sofort die Bestimmung ihrer Grundclassen knüpfen, wie die natürliche Verwandtschaft sie fordert. Denn ehe dies geschehen, wird es unmöglich sein» 56 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

in der Erforschung der psychischen Gesetze, die ja grössten- theils nur für die eine oder andere Gattung von Phänome- nen gelten, weitere Fortschritte zu machen. Was sollte aus den Forschungen des Physikers werden, der mit Wärme,, Licht und Schall experimentirte, wenn ihm nicht diese Phä- nomene durch eine, allerdings sehr naheliegende, Classifica- tion in natürliche Gruppen geschieden wären? So würde sich denn auch der Psychologe, der noch nicht die verschie- denen Grundclassen psychischer Erscheinungen gesondert hätte, vergeblich um die Feststellung der Gesetze für ihre Succession bemühen. Wir haben schon bemerkt, dass die gewöhnliche Sprache durch die allgemeinen Namen, welche sie psychischen Phänomenen gibt, der Untersuchung vor- arbeitet. Aber natürlich bietet sie keine genügende Bürg- schaft und würde den, welcher sich zu sehr auf sie verliesse, ebensogewiss in Irrthümer führen, wie sie dem, der ihre Be- stimmungen mit Vorsicht benützt, die Auffindung der Wahr- heit erleichtert. Es wurde bereits erwähnt, dass wir einen sicheren Beweis dafür haben, dass keine Grundclasse von psychischen Phänomenen, die sich bei anderen Menschen fin- det, in dem Bereiche unseres eigenen individuellen Lebens fehle. Hiedurch wird die Vollständigkeit der Aufzählung er- möglicht. Auch lässt sich leicht erkennen, dass trotz der grossen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen die Zahl ihrer höch- sten Classen eine sehr beschränkte ist, was die Untersuchung wesentlich erleichtert und die Besorgniss ausschliesst, man möge ein Phänomen, welches einer andern Grundclasse als alle bis dahin betrachteten angehöre, gänzlich übersehen haben. Die ganze Schwierigkeit entspringt dem früher be- sprochenen Umstände, dass die innere Wahrnehmung nie innere Beobachtung werden kann. Und hier zeigt sich deut- lich, wie gross unter Umständen dieses Hemmniss ist, denn, heute noch sind die Psychologen über die fundamentale Frage der höchsten Classen nicht einig. Wie die Zahl, so werden wir abei* auch die natürliche Ordnung 'für sie fest- stellen müssen.

Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 57 §. 3. Zu den ersten und allgemein wichtigen Unter- suchungen wird auch die über die letzten psychischen Ele- mente gehören, aus welchen die verwickeiteren Phänomene hervorgehen. Unmittelbar wäre eine Lösung dieser Frage möglich, wenn die Anfänge unseres psychischen Lebens uns in deutlicher Erinnerung gegeben wären. Aber in dieser glücklichen Lage befinden wir uns leider nicht. Und die Beobachtungen an Neugeborenen bieten dafür zwar einigen, aber keineswegs einen hinreichenden Ersatz. Die Zeichen sind oft vieldeutig, und wenn auch unsere Schlüsse sicherer wären, so bliebe der Einwand, man habe es auch hier nicht mit ersten Anfängen eines psychischen Lebens zu thun, da dieses vielmehr bis in die Zeit vor der Geburt zurückreiche. Wir sind also zu einer Analyse genöthigt, die man mit der des Chemikers verglichen hat. Und die Aufgabe ist keines- wegs eine leichte. Denn nicht damit ist die Sache gethan, dass man die verschiedenen Seiten, welche ein Phänomen darbietet, unterscheidet; das wäre, wie wenn ein Chemiker 4ie Farbe und den Geschmack des Zinnobers als elementare Bestandtheile von ihm angeben wollte; ein lächerlicher Fehler, wenn auch viele Psychologen, nicht ohne eine gewisse Schuld von Seiten Locke's, wirklich darein verfielen. Der Chemiker trennt die Bestandtheile des zusammengesetzten Stoffes, und so scheint auch hier eine Herauslösung der elementaren Er- scheinungen aus den zusammengesetzten anzustreben. Wenn sie nur hier eben so vollkommen und sicher wie auf chemischem Gebiete zu erreichen wäre! Aber wie überhaupt das psychische Leben niemals von einem späteren zu einem frü- heren Stadium zurückkehrt, so scheint es insbesondere un- möglich, ein elementares Phänomen später in der Reinheit und Einfachheit, in welcher es ursprünglich auftrat, wieder in sich zu erneuern^). Sollte unter diesen Umständen das ^) Schon Kant klagt, es sei unmöglich, dass die Psychologie „als systematische Zergliederungskunst** der Chemie jemals nahe komme, „weil sich in ihr das Mannigfaltige der inneren Beobachtung nur durch blosse Gedankentheilung von einander absondern, nicht aber 58 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

Zusammenwachsen von Vorstellungen geradezu eine Ver- schmelzung, sollte es, ähnlich der chemischen Mischung, eine Transformation in ganz neue Arten von Erscheinungen sein, so würde dies, wenigstens wenn es allgemein stattfände, nothwendig die Schwierigkeit bis zur Unmöglichkeit steigern. Zum Glück geht kein Psychologe in seinen Behauptungen so weit, und der, welcher es thun wollte, wäre leicht zu wi- derlegen; überhaupt hat die Lehre einer psychischen Chemie von Vorstellungen bis jetzt noch keineswegs widerspruchslose Annahme gefunden.

Die Untersuchung über die ersten psychischen Elemente dreht sich vorzüglich um die Empfindungen; denn daös diese für andere psychische Phänomene eine Quelle sind, steht fest, und nicht Wenige sagen, sie seien die einzige Quelle für alle- Die Empfindungen sind Folgen physischer Einwirkungen. Ihre Entstehung also ist ein psycho - physischer Process, und daher kommt es, dass die Physiologie, insbesondere die Physiologie der Sinnesorgane, der Psychologie hier wesentliche Hülfe lei- stet. Doch sind auch die rein psychologischen Mittel, welche sich für ihre Lösung bieten, oft nicht genügend benützt wor- den. Man wäre sonst nicht dazu gekommen, Phänomenen, von welchen das eine das andere einschliesst, einen geson- derten Ursprung isuzuweisen. Hier ist es auch, wo, wie schon bemerkt, die Beobachtungen an operirten Blindgeborenen wichtig Werden; und dies nicht bloss für den Gesichtssinn, sondern für das ganze Gebiet, weil bei keinem anderen die Untersuchung so vollkommen wie bei diesem unserem vor- züglichsten Sinne sich fuhren lässt.

§. 4. Die obersten und allgemeinsten Gesetze der Suc- cession psychischer Phänomene, mögen sie nun für alle schlechthin oder nur für die Gesammtheit einer Grundclasse gelten, sind nach den allgemeinen Regeln der Induction direct festzustellen. Sie sind, wie A. Bain^) in seiner inductiven abgesondert aufbehalten und beliebig wiederum verknüpfen^' lasse. (Metaph. Anfangsgi-. d. Naturw. Vorrede.) ^) Logic, II. (Induction) p. 284.

Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 59 Logik mit Recht bemerkt, nicht oberste und letzte Gesetze in dem Sinne, in welchem wir etwa das Gesetz der Gravita- tion und das der Trägheit als solche bezeichnen dürfen. Da- für sind die psychischen Phänomene, auf welche sie sich be- ziehen, zu sehr von einer Mannigfaltigkeit physiologischer Bedingungen abhängig, von welchen wir sehr unvollkommen Kenntniss haben. Sie sind streng genommen empirische Ge- setze, die zu ihrer Erklärung einer genauen Analyse der phy- siologischen Zustände, an welche sie sich knüpfen, bedürfen würden.

Was ich sage, ist nicht so zu verstehen, als ob ich glaubte, man solle es sich als Aufgabe stellen, die höchsten Gesetze psychischer Succession aus Gesetzen physiologischer und in weiterer Folge vielleicht gar chemischer und in engerem Sinne physischer Phänomene abzuleiten. Dies wäre eine Thorheit. Es gibt unüberschreitbare Grenzen der Na- turerklärung, und auf eine solche Grenze stösst man, wie J. St. Mill ganz richtig lehrt ^), wo es sich um den üebergang vom physischen Gebiet in das der psychischen Phänomene han- delt. Auch wenn die Physiker die Ursachen, welche in uns Empfindungen von Farben, Tönen, Gerüchen u. s. f. erzeugen, sämmtlich auf moleculare Schwingungen und auf Druck und Stoss zurückgeführt hätten, blieben doch für die Empfindung der Farbe, ja jeder einzelnen Farbenspecies, und ebenso für die Empfindungen der Töne und Gerüche besondere letzte Ge- setze anzunehmen, und jeder Versuch, die Zahl derselben noch zu verringern, wäre hoffnungslos und unvernünftig. Nicht also eine Ableitung psychischer Gesetze aus phy- sischen ist es, was ich zu ihrer weiteren Erklärung für wün- schenswerth und nöthig erachte; die Erklärung, die ich meine, würde vielmehr in einfacheren Fällen in nichts Anderem als in einer Angabe der nächsten und unmittelbaren physiologi- schen Vor- oder Mitbedingungen, sowie in deren genauester Präcision mit Ausschluss jedes nicht unmittelbar betheiligten Momentes bestehen. Da, wo es sich um den Einfluss früher 60 Bach I. Die Psychologie als Wissenschaft.

aufgetretener psychischer Erscheinungen auf ein Phänomeü späterer Zeit handelt, nachdem vielleicht ein längeres Inter- vall alle psychische Lebensthätigkeit gänzlich unterbrochen hat, würde es nöthig sein, die rein physiologischen Pro- cesse, die sich inzwischen vollzogen, so weit sie das Verhält- niss zwischen der früheren psychischen Ursache und ihrer späteren psychischen Wirkung beeinflussen, in Rechnung zu bringen. Wäre dies erreicht, so würden wir höchste psy- chische Gesetze von einer Fassung erhalten, welche zwar nicht dieselbe durchsichtige Klarheit, wohl aber dieselbe Schärfe und Genauigkeit wie die Axiome der Mathematik besässen, höchste psychische Gesetze, welche als Grundgesetze im vollen Sinne des Wortes zu betrachten wären. Unsere jetzigen höchsten Gesetze aber würden in etwas veränderter Form als derivative Gesetze wiederkehren, und der grösste Theil, wenn nicht das Ganze der Psychologie einen halb und halb psychophysischen Charakter erhalten.

§. 5. Die unverkennbare Abhängigkeit der psychischen von den physiologischen Processen hat wiederholt zu dem Gedanken geführt, die Psychologie geradezu auf die Physio- logie zu gründen. Wir hörten, wie Comte die Phrenologie als W^erkzeug psychologischer Forschung benützen wollte, ob- v^ohl in einer Gestalt, die mit der von Gall entwickelten keine nähere Aehnlichkeit zeigt. In Deutschland hat Hor- wicz neuerdings durch seine interessanten „Psychologischen Analysen auf physiologischer Grundlage" einen verwandten Versuch zur Neubegründung der Seelenlehre gemacht, nach- dem er sich über die Methode, welche er auf psychologischem Gebiete als die richtige betrachtet, in der Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik in längerer Erörterung ausgesprochen hatte.

Horwicz fällt nicht in den Fehler von Comte, welcher das Selbstbewusstsein bei Seite wirft. Im Gegentheil würde ich.; ihm zum Vorwurfe machen, dass er dasselbe „zur wissenschaft- lichen Selbstbeobachtung" sich steigern lässt, und nur mit den anderen selbstbeobachtenden Psychologen zugibt, dass Capitel S. Induction der höchsten Gesetze. Q1 „eine gute psychologische Beobachtung nicht Jedermanns Sache und überhaupt nicht jederzeit ausführbar" sei ^). Aber trotzdem ist es nicht das Selbstbewusstsein, auf welches er eigentlich baut. Er will sich seiner nur vorbereitend be- dienen. Es soll ihm bloss einen vorläufigen rohen Ueberblick über das Ganze der Seelenthätigkeit gewähren *). Alles Wei- tere erwartet er von der Physiologie. Daraus, dass diese „uns die speciellen Bedingungen des Vorkommens der Seele im Organismus, sowie des Wechselverkehrs beider liefert", schöpft er „die methodologische Ueberzeugung, dass die Organisation der Seele — in ihren allgemeinsten und frühe- sten Umrissen — der Organisation des Leibes entsprechen...müsse ^)." Wir können nach ihm auf die Frage „nach der allgemeinsten Organisation und Gliederung des Seelen- lebens" eine Antwort nur dann erhalten, „wenn wir zuvor die Organisation und Gliederung des leiblichen Lebens stu- diren". Und so haben wir zunächst eine Rundschau über die Physiologie des Leibes zu halten, und dann zu versuchen, ob diese uns einen gesicherten Ueberblick über die Gesammt- organisation der Seele gestattet. Für die Vollständigkeit der Auf- zählung der verschiedenen Seelenprocesse bürgt ihm „die physio- logische Grundlage, wenn es irgend richtig ist, dass kein see- lischer Process ohne stoffliches Substrat sich vollziehen kann ^)." Aehnlich ist ihm bei allen folgenden Untersuchungen die Physio- logie, wie er anderwärts sich ausdrückt, „nicht bloss ein nützliches Beiwerk, sondern das methodologische Vehikel der For- schung^)", und er hofft namentlich, durch die physiologische Vergleichung aller Lebensprocesse „den Leitfaden zu finden, *) Methodologie der Seelenlehre. Zeitschr. f. Phil. u. philos. Kr. 1872, LX. S. 170. Wie er damit die Behauptung: „wir sind unfähig, zu gleicher Zeit mehr als eine Vorstellung zu haben" (Psych. Anal. I* S. 262), vereinigen will, ist schwer einzusehen. Doch später (ebend. S. 326) scheint er selbst an ihrer Bichtigkeit stark zu zweifeln.

2) Methodol. d. Seelenl. S. 187. Vgl. Psych. Anal S. 155 ff.

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der uns zu den gesuchten einfachsten Seelenelementen führt, von welchen aus dann die Entwickelung genetisch erfolgt ^)."

Das sind verlockende Aussichten, namentlich in einer Zeit, wo die Naturwissenschaft alles, die Philosophie so gut wie kein Vertrauen besitzt. Die psychologische Wahrneh- mung, die mehr als Sache der Philosophen gilt, soll mit allem, was ihr entnommen wird, nur eine einleitende Vor- untersuchung bleiben. Dann nimmt der Naturforscher die Aufgabe in die Hand. Er bestimmt auf physiologischem Wege sogar die Zahl der Classen der psychischen Phänomene und ihren relativen Charakter. Er stellt ebenso fest, welches das primitive Seelenelement sei, entdeckt die Gesetze der Complication und leitet die höchsten psychischen Erschei- nungen ab.

Doch wir dürfen uns durch das, was uns vielleicht wün- schenswerth erscheint, nicht unbedacht zu Illusionen fort- reissen lassen. Und es scheint nicht schwer zu zeigen, dass Horwicz die Dienste, welche die Physiologie der Psychologie leisten kann, in ganz ähnlicher Weise wie Comte überschätzt. Er gründet seine Ueberzeugung auf das Verhältniss der Psy- chologie zur Physiologie, welche, da sie von dem nächsthöhe- ren Begriffe, dem des Lebens nämlich, handle, in einer ähn- lichen Beziehimg zu ihr, wie „die Mathematik zur Physik, und die Astronomie zur Geographie" stehe ^). Aber wie auch immer die Mathematik dem Physiker förderlich und unent- behrlich sein mag, wer sieht nicht ein, dass diese, wenn er in der Art sich an sie halten und sie zum Vehikel der For- schung machen wollte, wie Horwicz es vom Psychologen der Physiologie gegenüber verlangt, nicht das geringste Resultat erzielen würde? Was sollte, um nur auf Eines hinzuweisen, die Mathematik über die Zahl der Grundclassen der Phäno- mene lehren, von welchen der Physiker handelt?

Vielleicht wird Horwicz erwidern, der Vergleich mit dem Verhältniss zwischen Mathematik und Physik sei, wie jeder Vergleich, nicht ganz genügend. Die Physiologie habe eine Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 63 ganz besonders innige Beziehung zu dem psychologischen Gebiete, indem, wie er auch hervorgehoben habe, die Phänomene, welche sie betrachte, die Bedingungen für das Vorkommen der psychischen seien und in innigstem Wechsel- verkehr mit ihnen stehen. Aber angenommen, dies sei bei der Mathematik gegenüber der Physik nicht ebenso der Fall, so können wir dafür um so sicherer auf das Verhältniss zwischen der Chemie und Physik der unorganischen Phäno- mene einerseits und der Physiologie andererseits hinweisen. Das Unorganische enthält die Bedingungen für die Organis- men, und diese bestehen nur in dem steten und innigsten Wechselverkehr mit ihm. Allein wie gross auch die Hülfe sein möge, welche unorganische Chenüe und Physik dem Phy- siologen gewähren, würde dieser jemals von ihnen genügen- den Aufschluss über die Gliederung der Organismen erwarten dürfen? Wird er nicht vielmehr sowohl das Ganze dieser Gliederung als die Functionen der einzelnen Theile an den physiologischen Phänomenen selbst zu erforschen haben? In dieser Hinsicht kann woM kein Zweifel bestehen.

Doch auch hier wird der Vergleich vielleicht als unzu- länglich beanstandet werden. Die unorganischen Phänomene, wird man sagen, sind zwar in stetem Wechselverkehr mit denen des Organismus, aber sie sind doch nicht in gleicher Weise, wie die physiologischen für die psychischen, ihr „stoff- liches Substrat". Nun ist es aber einmal schon nach Horwicz selbst nicht ganz leicht, die Besonderheit dieses Verhältnisses zu erklären, und noch schwieriger dürfte sein, dasselbe als universell für die Gesammtheit der psychischen Phänomene in gleicher Weise nachzuweisen. Nur das Eine allerdings leuchtet sofort ein, dass die Beziehungen zwischen den psy- chischen und den sie begleitenden physiologischen Phänome- nen von denen zwischen den unorganischen Phänomenen, die der Chemiker, und den Organismen, die der Physiologe be- handelt, jedenfalls sehr verschieden sind. Aber das Ergeb- niss eines sorgsameren Vergleichs und einer Berücksichtigung aller Umstände scheint uns mit Sicherheit vielmehr dahin zu führen, dass bei weitem mehr Aufschluss von den chemischen 64 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

über die physiologischen, als von diesen über die psychischen Erscheinungen zu erwarten ist. Die physiologischen Processe erscheinen den chemischen und physischen gegenüber in Wahrheit nur wie eine höhere Complication. Die Lebens- kraft, adeligeren Geschlechtes, ist seit Lotze eine mehr und mehr abgethane Sache. Der umfassendere BegriflF des chemi- schen Phänomens ist als ein einheitlicher für die Umwand- lungen des Unorganischen wie für das Leben im physiologi- schen Sinne nachgewiesen. Es fehlt viel daran, dass von dem Begriffe des Lebens, wenn er auf physiologischem und psy- chischem Gebiete angewandt wird, das Gleiche gesagt werden könnte. Im Gegentheil sieht man sich, wenn man den Blick von Aussen nach Innen wendet, wie in eine neue Welt ver- setzt. Die Erscheinungen sind völlig heterogen, und selbst die Analogien verlassen uns gänzlich oder nehmen einen sehr vagen und künstlichen Charakter an^). Das war ja auch der Grund, wesshalb wir vorher bei der fundamentalen Ein- theilung des empirischen Wissensgebietes die psychische und die physische Wissenschaft als Hauptzweige von einander schieden.

Der unglückliche Erfolg, den man hienach dem Versuche von Horwicz von vorn herein verkünden konnte, bewährt sich auch thatsächlich. Eine tiefer und sicherer begründete Seelenlehre hoffte er zu geben, aber er hält sich an ober- flächUche Aehnlichkeiten und baut Hypothesen auf Hypothe- sen. Ein Beispiel für viele sind die zwei „wichtigen Analo- gieen des seelischen Lebens mit dem leiblichen", welche er in seinen psychologischen Analysen am „Ariadnefaden de& Nervensystems" findet ^), Die eine ist die zwischen der Ver- dauung im gewöhnlichen Sinne des Wortes, die aus den von Aussen aufgenommenen Rohstoffen durch allmälige Umwand- lung und stufenweise Erhebung das arterielle Blut und aus ihm unsere Muskeln, Sehnen, Knochen, Nerven u. s. w. bildet, und der tropisch sogenannten Verdauung auf dem Gebiete des See- lenlebens. Der Assimilationsprocess, meint er, sei hier ganz.

Capitel 3. luduction der höchsten Gesetsie. 65 ähnlich. „Von Aussen treten die Einwirkungen der Dinge als Reize an die Perceptionsorgane der sensiblen Nerven. Aus ihnen als dem Rohmaterial nimmt die Seele (was wir nun einmal so nennen) ihre Nahrung in Form von Empfin- dungen auf. Wir sagen mit Recht, wenn uns eine Menge ganz fremder Eindrücke auf einmal trifft, wir müssten das erst verdauen. Die Seele aber verdaut, indem sie das ihr durch die Nerven zugeführte Rohmaterial zu Empfindungen und zu seelischen Producten immer höherer Art als Vor- stellungen, Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Gefühlsrichtungen, Entschlüsse, Pläne, Maximen u. s. w. verarbeitet." Die an- dere Analogie soll die zwischen dem Gegensätze sensibler und motorischer Nerventhätigkeit, welcher das ganze Nerven- system beherrsche, während das sogenannte Centralorgan nur in Einschaltungsstücken zwischen diesen polarisch entgegen- gesetzten Strömen bestehe, und dem „eben so polarisch feind- lichen, eben so tief und eben so allgemein durchgreifenden", in verschiedenen Formen sich offenbarenden Gegensatze der seelischen Processe sein. Es ist dies der Gegensatz zwischen theoretischer und praktischer Grundrichtung, welcher, wie Horwicz glaubt, das ganze Gebiet des Seelenlebens durchsetzt. Auf diese beiden Analogieen gestützt, kommt er nach phy- siologischer Methode zu seiner Grundeintheilung der psychi- schen Phänomene, von der er selbst sagt, dass sie mit dem „eigentlich ganz richtigen Skelett des Seelenlebens, das Wolff aufstellte," wesentlich zusammentreffe. Die psychischen Phä- nomene zerfallen einerseits in niedere und höhere, anderer- seits in Phänomene des Erkennens und Begehrens, und beide Eintheilungen kreuzen einander. Nur gibt es, wie zwischen den niederen und höheren Phänomenen, so auch zwischen denen des Erkennens und Begehrens Uebergangsstufen, und hier findet die Classe der Gefühle, welche neuere Psycholo- gen zu unterscheiden pflegen, ihre Stelle. Auf sie weisen jene Einschaltungsstttcke des Centralorgans hin. Und so gelangen wir denn auf Grund physiologischer Betrachtung ziemlich zu den gemeinüblichen Grundeintheilungen, nur Brentano, Psychologie. I. 5 QQ ßuch I. Die Psychologie ak Wissenschaft.

vermöge eines exacteren Verfahrens, das, was es lehrt, auch sichert und erklärt.

Es ist in der That schwer begreiflich, wie, trotz aller Voreingenommenheit für die Untersuchung auf dem Wege physischer Betrachtung, ein so urtheilsfähiger Kopf wie Hor- wicz sich darüber täuschen konnte, dass mit diesen rohen Analogieen (von welchen die eine nicht einmal auf das „Ner- vensubstrat des Seelenlebens" mehr als auf andere Bestand- theile des Organismus sich bezieht) für das, was man etwa auf dem Wege psychischer Beobachtung gefunden, auch nicht die geringste Bekräftigung, geschweige ein Ersatz zu gewin- nen war. Wenn jene psychischen Classificationen nicht sicher waren, so ist es die Hypothese, wonach die sensiblen Nerven für das Erkennen, die motorischen für das Begehren als Substrat zu betrachten wären, noch viel weniger. Andere Physiologen haben diese Phänomene in Nervencentren und zwar Denken und Wollen in dieselben NerVencentren verlegt. Und in der That, warum sollten nicht, wie viele und verschie- dene Gattungen von physischen, so auch viele und verschie- dene Gattungen von psychischeü Eigenschaften ein und dem- selben Stoffe zugeschrieben werden können? Es wird sich also schlechterdings auf diesem Wege über die Zahl der Seelen- vermögen nichts ermitteln lassen ^).

Wie nun hier schon die angestrebte Begründung und Sicherung vielmehr nur die Beigabe einer ganzen Zahl ge- wagter Hypothesen war, so finden wir etwas Aehnliches fast ^) Horwicz selbst sagt: Wir müssen,, bestimmt anDehmen, dass alle seelische Action an die Centralorgane des Nervensystems geknüpft sei. Wir konnten es...nicht wahrscheinlich finden, dass die verschiedenen Eigenschaften, Kräfte, Vermögen (oder wie man sich ausdrücken will) der Seele sich, wie die Phrenologen wollen, in bestimmte Partieen der Nervenmasse getheilt haben, sahen uns vielmehr zu der Annahme ge- nöthigt, dass die verschiedenen Organe und Gruppen und Systeme von Organen fm Wesentlichen dieselben Functionen verrichteten, dass den einzelnen Centralorganen, resp. Theilen derselben, nicht verschiedene Seelenkräfte entsprechen u. s. w/' (Psych. Anal. I. S. 223.) Was für ein Werth soll aber dann der von ihm durchgeführten Analogie zu- kommen?

Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 67 bei jedem weiteren Schritte. Und da mit jeder neuen Hy- pothese die Wahrscheinlichkeit in geometrischem Verhältnisse abnimmt, so dürfen wir längst die moralische Ueberzeugung haben, von devä Wege der Wahrheit abgekommen zu sein, wenn wir, von dem Verfasser unerschrocken weitergeführt, 2Ü dem Satze gelangen, „dass die innige und nothwendige Verbindung von Empfindung und Bewegung das einfache Element bildet, aus dem sich alle seelischen Processe bloss durch Wiederholung und Complication aufbauen".

Dass das Wort Newton's „hypotheses non fingo" auf ihn als physiologischen Analytiker psychischer Erscheinungen nicht anzuwenden sei, dessen ist Horwicz selbst sich wohl bewusst, und er scheint sich zuweilen über die Unmöglich- keit seines Unternehmens völlig klar zu werden. So sagt er einmal (S. 156), die Physiologie vermöge „nicht in das fei- nere Detail der Seelenprocesse einzudringen" (wie helles Licht sie auf die höchsten Classificationen geworfen, haben wir gesehen). Und wieder (S, 175) bekennt er, dass es zur erklärenden Zurückführung eines seelischen Gebildes auf seine physiologische Grundlage „vorläufig immer noch an sehr we- sentlichen Bindegliedern fehlt". Er stellt (S. 183) der Phy- siologie zwar die „grosse Aufgabe", die ganze Mannigfaltig- keit der Empfindungen und Bewegungen aus einem einzigen Erregungszustand der Nerven abzuleiten, aber er gibt zu- gleich zu, dass wir von diesem Ziele „noch weit entfernt" sind. Und wiederum sagt er (S. 224), es sei „höchst miss- lich, die physiologischen Erfahrungen zu Schlüssen über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Bewusstsein zu verwerthen". Er erkennt (S. 235) an, dass „die physiologi- schen Bedingungen des Schlafes unbekannt" seien, worin ent- halten ist, dass wir auf physiologischem Wege nicht ein- mal von der Existenz eines so merkwürdigen Phänomens eine Ahnung haben würden. Alles, was der Physiologe hier bieten kann, sind auch nach ihm (S. 250) „für jetzt nur fromme Wünsche und Phantasieen". Sehr offen und um- fassend endlich ist das Geständniss, das er (S. 288) gelegent- lich der Phänomene der Erinnerung ablegt: „Wir erinnern ^S Bach I. Die Psychologie als Wissenschait.

wiederholt, dass es sich bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft nur um Hypothesen und denkbare Möglichkei- ten handeln kann. Es kann bei einer Materie, bei welcher Messer und Nadel so vollständig im Stiche lassen, selbstver- ständlich nicht daraul' ankommen, zu sagen, wie die Dinge wirklich sein müssen; was man eben nicht weiss." Also auf Grund der Physiologie können wir, meint er, zwar Einiges als irrig bezeichnen, aber was die Wahrheit sei, keineswegs bestimmen. Es bleibt für mannigfache Hypothesen ein Spiel- raum. Liegt aber die Sache so, dann mögen wir der Phy- siologie.zwar manchmal für einen warnenden Wink dankbar sein, aber sie im eigentlichen Sinne zur Ftihrerin nehmen, wie Horwicz es thun will, das können wir sicher nicht. Nicht einmal eine Erklärung schon festgestellter psychischer That- Sachen wird sie uns geben können, oder diese wird von der Art sein, wie z. B. die, welche Horwicz (S. 325 ff.) für die von ihm anerkannte Einheit des Bewusstseins gibt. Auch hier sagt er selbst wiederholt und in aller Bescheidenheit, die Sache liege „noch zu sehr im Dunkeln". Das einzige zur Zeit En-eichbare sei, „anzugeben, auf welche physiologisch denkbare Weise es sich verhalten könnte, was in dieser Hinsicht wenigstens physiologisch möglich wäre". „Wel- cher Besonnene", ruft er aus, „macht sich auch an psycholo- gische Untersuchungen in der Erwartung, das letzte Räthsel des physisch -psychischen Zusammenhanges durch seine Ana-