SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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lysen erschlossen zu sehen." Er wolle, sagt er, nicht mehr als andeuten, „wie ungefähr die Theorie beschaft'en sein müsse, welche die Erscheinungen der Keproduction auch physiologisch einigermaassen denk- und begreil'bar mache", er suche sich „nur ein Bild zu machen, eine Vorstellung zu gewinnen, wie die Sache physiologisch sich verhalten könne". Ob er aber auch nur dieses wirklich erreicht habe, dürfte Manchem zweifelhaft bleiben.

§. 6. Wenn nicht mehr, so doch sicher auch nicht we- niger als Horwicz hat Maudsley die Nothwendigkeit hervor- gehoben, die Psychologie auf Physiologie zu gründen. Manchmal Capitel 3. Inductiou der höchsten Gesetze. 09 scheint er, wie wir auch oben schon erwähnten, geneigt, mit Comte das Selbstbewusstsein ganz und gar zu leugnen; wo «r es aber anerkennt, da hebt er mit Nachdruck sein gänz- liches Ungenügen hervor.

In einer Kritik von St. MilPs Werk über Hamilton, die er im „Journal of Mental Science" 1866 veröflfentlichte, macht Maudsley es diesem Denker zum grossen Vorwurfe, dass er auf die physiologische Methode, die sich an Ergebnissen für die Psychologie bereits so fruchtbar erwiesen, keine Kück- sicht nehme, dass er sich einbilde, mit dem alten, auf innere Wahrnehmung gegründeten Verfahren das erreichen zu kön- nen, was Piaton, Descartes, Locke. Berkeley und vielen Andern nicht gelungen sei.,,Wir haben", sagt er, „die feste Ueber- zeugung, dass auch tausend Mill nicht im Stande sein wer- den, etwas, was diese- grossen Männer nicht erreicht haben, mit derselben Methode wie sie zu Stande zu bringen, wäh- rend es keinem Zweifel unterliegt, dass Herr Mill, wenn er sich hätte entschliessen können, sich des neuen Materials und der neuen Methode, die seinen grossen Vorgängern nicht zu (lebote standen, zu bedienen, Erfolge wie kein anderer Sterblicher erzielt haben würde."

In seiner Physiologie und Pathologie der Seele sucht er sehr eingehend die Unmöglichkeit darzuthun, mit jener alten Methode irgend etwas Erkleckliches zu erzielen. Er hat freilich keine ganz entsprechende Vorstellung von ihr, inso- fem er glaubt, die älteren Psychologen hätten immer nur auf die ihnen individuell eigenen Phänomene geachtet, und auf alle anderen keine Rücksicht genommen, wesshalb er ihnen den drastischen Vorwurf macht, sie hätten mit einem Talg- licht das Universum beleuchten w^ollen ^), Schon dass der eine die Untersuchungen des anderen benützte, hätte ihn hier des Irrthums überführen können; und hätte er sich sorg- fältiger umgesehen, so würde er bei James Mill und früher noch bei Locke, ja schon vor zwei Jahrtausenden bei Aristo- teles psychologisch merkwürdige Erscheinungen an anderen ») rhys. u. Path. d. Seele (übers, von Böhm) S. 23.

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Menschen so wie auch an Thieren bemcksichtigt gefunden haben. Aber dies bleibt Nebensache, denn „Physiologie oder Psychologie", das ist die Frage, wie sie Maudsley selbst mit Klarheit formulirt, und er entscheidet sie ganz zu Gunsten der erstgenannten^). Jeder Versuch einer Psychologie gilt ihln von vorn herein als verfehlt, wenn er nicht methodisch auf die Physiologie gegründet wird.

Da Maudsley bei seinem Angrifife auf Mill von den fruchtbringenden Ergebnissen gesprochen, welche die phy- siologische Methode bereits für die Psychologie geliefert, und da er erklärt hatte, nur weil Mill sich nicht ihrer bedient habe, sei es ihm hier versagt geblieben, Erfolge wie kein anderer Sterblicher zu erzielen, so durfte ich wohl mit der Erwartung, reiche Belehrung über psychologische Fragen zu gewinnen^ die Blätter seines Buches entfalten. Aber bald musste ich gewahren, dass sie zwar wiederholte Angriffe auf die alte Methode, nichts aber von den Errungenschaften der neuen enthielten. Ja, Angesichts der Aufgabe, an welche er phy- siologisch Hand anlegen soll, schwindet Maudsley in der Art der Muth, dass er sich selbst und sogar unsere ganze Zeit für unfähig erklärt, sie zu lösen. Er bekennt (S. 7) offen,^^ „dass es bei dem gegenwärtigen Stande der physiologischen Wissenschaften unmöglich sei, sich durch Beobachtung und Experimente über die Natur derjenigen organischen Processe zu unterrichten, welche die körperliche Grundlage der See- lenvorgänge sind." Und wiederum sagt er (S. 26): „AUes^ was die Physiologie gegenwärtig thun kann, besteht in der Entkräftung der Sätze einer falschen Psychologie." Unsere Unwissenheit auf dem betreffenden physiologischen Gebiete^ gesteht er, sei so gross, dass sie sehr begreiflicher Weise Zweifel errege, ob die Physiologie jemals im Stande sein werde, eine sichere Grundlage für die Seelenkunde zu legen^ Und er tröstet uns damit, dass ja auch auf anderen Gebieten der Wissenschaft einer späteren Zeit Dinge gelungen seien, die vergangenen Jahrhunderten naturgemäss wie etwas Un- Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 71 mögliches erschienen wären. Dann aber fügt er bei: „Frei- lich ist gegenwärtig noch keine Aussicht auf eine positive Psychologie vorhanden."

Dies scheint in der That auf dem Standpunkte der phy- siologischen Methode eine unbestreitbare Wahrheit, deren offenem Bekenntniss selbst Horwic^ manchmal nicht fem stand. Und vergleicht man seine kühneren und reicheren Ausführungen mit den vorsichtigeren, spärlichen psychologi- schen Aufstellungen, welchen wir in dem Verlaufe des Werkes bei Maudsley begegnen, so dient der Widerspruch der bei- den in den wesentlichsten Punkten wohl kaum dazu, die ver- blichene Hoffnung wieder aufzufrischen. Wir sehen also, nicht sowohl „psychologische oder physiologische Methode", son- dern „Sein oder Nichtsein der Wissenschaft^', das ist, für die Gegenwart wenigstens, die Frage, um die es sich handelt. Und es wird darum unumgänglich nöthig sein, sich über sie volle Klarheit zu verschaffen, damit wir nicht an einem von vorn herein unmöglichen Unternehmen nutzlos unsere Kraft vergeuden.

Wir haben gehört, wie Maudsley die Frage entschied. Hören wir auch die Motive seiner Entscheidung; »denn Maudsley hat in seiner Physiologie der Seele viel eingehen- der, als Horwicz es gethan, die Gründe für die Noth wendig- keit, die Psychologie methodisch auf Physiologie zu basiren, dargelegt.

Sie sind im Wesentlichen die folgenden. Vor Allem lie- gen nach Maudsley dem Seelenleben materielle Bedin- gungen zu Grunde, verschieden bei Verschiedenen und wechselnd bei Ein und Demselben, deren Besonderheiten Besonderheiten des Seelenlebens zur Folge haben. Nur die Physiologie kann über sie Aufschluss geben, das innere Be- wusstsein lehrt darüber offenbar nichts*).

Femer hat das Gehirn, als dessen Function nach Maudsley alles Seelenleben zu betrachten ist, auch ein vegetatives Leben. Es unterliegt einem organischen Stoffwechsel, der 72 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

• zwar gewöhnlich, bei gesundem Zustand,, unbewusst verläuft, jedoch oft, auch in's Bewusstsein sich drängend, ab- norme Erscheinungen in ihm bedingt. Es treten unwillkür- liche Gemüthsbewegungen auf, und ihnen folgt eine Ver- wirrung der Ideen. So führt z. B. die Gegenwart von Alcohol oder einem andern schädlichen Agens im Blute zu Vorstel- lungen, die weit ab vom gewöhnlichen Wege der Ideenasso- ciation liegen. Wie kann man anders als mittels einer phy- siologischen Methode über diese Erscheinungen Aufschluss gewinnen? und wie kann anders als durch sie auch die nor- male psychische Thätigkeit, die ja nicht minder auf dem organischen Leben des Gehirns beruht, erklärt werden? Dieses besteht in der Assimilation verwendbaren Materials aus dem Blute durch die Nervenzellen, und hiedurch wird nach jeder Leistung, und also auch nach dem Verbrauche, der durch die Vorstellungstliätigkeit in den Nervenzellen ge- setzt wurde, das statische Gleichgewicht wieder hergestellt. „Auf diese Weise folgt durch nutritive Attraction eine stän- dige (habituelle?) Vorstellung auf den Stoffverbrauch, der durch die functionelle Abstossung (functional repulsion) der activen Vorstellung bedingt war. Die Elemente der Gang- lienzelle erreichen so allmälig die Entwickelungsstufe, auf der sie zur Entfaltung ihrer Energien fähig sind." Ueber alles dies schweigt das innere Bewusstsein vollständig ^).

Ferner. Das Seelenleben involvirt nach Maudsley nicht nothwendig seine Bethätigung. Descartes behauptete allerdings, dass die Seele immer denke, und dass ihr nicht -Denken ihr nicht -Sein bedeuten würde. Aber das Gegentheil ist richtig. Was mit einer gewissen Vollstän- digkeit einmal im Bewusstsein vorhanden war, lässt, wenn es daraus verschwunden, eine Spur, eine potentielle oder latente Vorstellung zurück. Weit entfernt also, dass die Seele fortwährend thätig wäre, ist es vielmehr Thatsache, dass in jedem Moment der grösste Theil des Seelenlebens unthätig ist. „Die Kraft der Seele besteht eben so gut in der Auf- Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze., 73 rechthaltung des Gleichgewichts, wie in der Kundgebung von Energie Kein Mensch kann in einem Moment auch nur den tausendsten Theil seines Wissens sich in's Bewusstsein rufen. Wie ungemein geringe Rechenschaft kann uns also das Bewusstsein von dem statischen Zustand unserer Seele geben! Aber, da das Gleichgewicht der Seele in Wirklich- keit eben nur der Gleichgewichtszustand der organischen Elemente ist, welche ihren Aeusserungen zu Grunde liegen, 90 ist es klar, dass, wenn wir irgend etwas von dem un- thätigen Zustand der Seele wissen wollen, wir die Fort- schritte der Physiologie zu unserer Belehrung in's Auge fassen müssen ^)."

Noch mehr! Nicht bloss schliesst das Seelenleben nicht noth wendig Seelenthätigkeit, auch die Seelenthätigkeit schliesst nicht nothwendig Bewusstsein ein. Maudsley beruft sich hier auf Leibnitz und auf seinen Lands- mann Sir W. Hamilton, welcher nach dessen Vorgang eben- falls die Lehre von unbewussten Vorstellungen vertrat. Auch glaubt Maudsle}, es sei nachweisbar, dass das Organ der Seele sich oft, ja gewöhnlich, unbewusst mittels der Sinne die Einflüsse seiner Umgebung aneigne, nämlich im Zustande völliger Unachtsamkeit. Obwohl der Eindruck dann keine bewusste Vorstellung hervorbringe, so bleibe er nichts- destoweniger und beeinflusse fortwährend das Seelenleben*). Ebenso erfahre das Gehirn als Centralorgan unbewusst ver- schiedene innere ßeize von andern Organen, auf welche es seinerseits reagire. Der Einfluss der Sexualorgane auf das Gehirnleben sei dafür ein deutliches Beispiel •'). Auch ver- arbeite es unbewusst das Material und rufe ohne Bewusst- sein die latenten Residua wieder wach. „Des Schriftstellers Bewusstsein", sagt er, „ist hauptsächlich mit seiner Feder und mit der (lestaltung der Sätze beschäftigt, während die Früchte der unbewussten Seelenthätigkeit, unbewusst heran- ») Ebend. S. li) f.

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gereift aus unbekannten Tiefen, in das Bewusst&ein empor- steigen und mit seiner Hülfe in passende Worte eingekleidet werden 1)." Er citirt das Wort Goethe's: „Ich habe nie an Denken gedacht", welches ihn auf die Vermuthung bringt, dass der Mensch in seiner höchsten Entwickelung zu einer ähnlichen Unbewusstheit seines Ich wie das Kind gelangt sei und mit kindlicher Unbewusstheit in seiner organischen Entwickelung fortfahre^). So kommt er denn zu der Be- hauptung, dass nicht bloss das Seelenleben nicht nothwendig Seelenthätigkeit imd die Thätigkeit der Seele Bewusstsein einschliesse, sondern „dass der wichtigste Theil der Seelenthätigkeit, der wesentlichste Process, von dem das Denken abhängt, in einer unbewussten Thätig- keit der Seele bestehe". Er wiederholt demnach die Frage: „Wie kann das Bewusstsein hinreichen, uns die That- Sachen für eine wahre Kenntniss der Seele zu liefern?"^) Zu dem Allem kommt schliesslich, wenn anders ich Maudsley recht verstehe, noch ein Hinweis auf das Princip der Vererbung von Geschlecht zu Geschlechte ^). Wie in dem Einzelnen Residua des früheren Seelenlebens fortbe- stehen, so erhalten sie sich auch in der Art. Das Genie unterscheidet sich von der gemeinen Menge der Sterblichen, wie der Schmetterling, der- fliegt und von Honig sich nährt, von der Raupe, welche kriecht und von Blättern lebt. Aber doch ist das Kriechen der Raupe die Vorbedingung für den Flug des Schmetterlings; und das mühsehge bewusste Wir- ken der gewöhnlichen Arbeitskraft liefert die Vorbedingungen zu den unbewussten Schöpfimgen des reichgebomen Geistes. Es ist klar, dass dieser Einfluss der Vererbung wiederum dem Gebiete des Bewusstseins entzogen ist.

Dieses sind im Wesentlichen die Gründe, durch welche Maudsley es für erwiesen hält, dass kein psychologischer Versuch, ausser ein solcher, der die Seelenerscheinungen von Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 75 der physiologischen Seite erforsche, der Aufgabe genügen könne.

Dass nun dieses in einer gewissen Weise wahr ist, würde ich wenigstens auch vor seinen Argumenten ihm zu- gestanden haben; ob es aber in dem Sinne und in dem Maasse wahr sei, in welchem er selbst glaubt, muss untersucht werden, und wir wollen zu dem Zwecke seine Gründe in etwas nähere Erwägung ziehen.

Vor Allem ist es bemerkenswerth, dass von den That- sachen, auf welchen Maudsley fusst, um die Unfähigkeit der psychischen und die Nothwendigkeit der physiologischen Me- thode darzuthun, ein guter Theil selbst nur durch psychische, der Rest aber jedenfalls ohne tiefergehende physiologische Betrachtungen gewonnen wurde, da er vielmehr, noch ehe man von Gehirnphysiologie eine Ahnung hatte, bekannt war. Auf psychischem Wege kam man zu den Annahmen angeborener Kenntnisse und einer Genialität, die leicht und durch unmittel- bare Intuition das erfasse, welchem Andere nur mühsam durch langwierige Erörterung sich nähern. Ebenso waren es psy- chische Erscheinungen, die zuerst Leibnitz dahin führten, an unbewusste Vorstellungen zu glauben, und die später Hamilton und Andere bestimmten, seiner Lehre beizupflichten. Und wiederum geschah es auf Grund von inneren Erfahrungen, wenn schon im Alterthum Aristoteles jene unbewussten Ha- bitus und Dispositionen lehrte, die Maudsley als statischen Zustand des Seelenlebens bezeichnet. Der Einfluss der vege- tativen Processe und die psychischen Störungen in Folge des Genusses berauschender Getränke, sowie der Zusammenhang physischer mit psychischen Eigenthümlichkeiten überhaupt sind aber Thatsachen, deren Kenntniss sich bis in eine graue Vorzeit zurückverfolgen lässt. Es hätte also diese Erkennt- niss des eigenen Unvermögens wenigstens die psychische Me- thode nicht eigentlich der physiologischen, sondern der Hauptsache nach sich selbst zu danken.

Dann aber ist zu beachten, dass Einiges von dem, was Maudsley zum Stützpunkt seiner Angriffe macht, keineswegs so vollkommen, wie er zu glauben scheint, gesichert ist. Dies 76 Buch 1. Die Psychologie als Wissenschaft.

gilt z. B. hinsichtlich der Vererbung, wenn anders Maudsley wirklich eine Vererbung von Kenntnissen meint. Und wir werden hierauf, wenn wir von den angeborenen Ideen han- deln, zu sprechen kommen. Sollte dagegen Maudsley nur eine Vererbung von besonderen Anlagen behaupten wollen, welche einen grossen psychischen Unterschied zwischen ver- schiedenen Individuen begründe, so wäre die Schwierigkeit, welche hieraus der psychologischen Erforschung erwüchse, keine, die niclit schon in den früher hervorgehobenen ent- halten wäre, und mit ihnen zugleich würde dann auch sie sich erledigen.

Auch die Existenz unbewusster Vorstellungen ist weit davon entfenit, als eine gesicherte Thatsache gelten zu können. Die Mehrzahl der Psychologen verwirft sie. Und was mich betrifft, so scheinen mir nicht bloss die für ihre Annahme erbrachten Gründe nicht schlagend, sondern ich hoffe später in einer Weise, die kaum einem Zweifel Raum lassen dürfte, die Wahrheit des Gegentheils darzuthun^). Maudsley beruft sich auf Thatsachen, wie die bekannte Ge- schichte, „welche Goleridge von einem Dienstmädchen er- zählt, das im Fieberdelirium lange Stellen in hebräischer Sprache recitirte, die es nicht verötand und in gesunden Ta- gen nicht wiederholen konnte, die es aber, als es bei einem Geistlichen wohnte, diesen laut vortragen gehört hatte", ebenso auf das starke Gedächtniss, welche gewisse Idioten zeigen, und dergleichen mehr. Diese Erscheinungen, meint er, lieferten einen klaren Beweis für unbewusste Seelenthätigkeit. Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde. Sowohl beim Hören hatte jenes Dienstmädciien vom Hören, als auch bei der Wieder- kehr des früher Gehörten in der Phantasie von den in ähn- hcher Weise erneuerten Ei'scheinungen ein Bewusstsein. Wenn aber Goethe sagt, er habe nie an Denken gedacht, während es bei ihm doch gewiss nicht an Denken fehlte, so will er wohl nichts Anderes sagen, als dass er sich nie bei ^) Vgl. das II. Buch, 2. Capitel, welches in den §§. 4 und 5 auch auf Maudley's Argumente zurüekkommt.

i Cftpitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 77 seinem Denken beobachtet habe, was nach unserer früheren Erörterung noch keineswegs bedeutet, dass sein Denken ein unbewusstes gewesen sei. Denn sonst könnte man ihn fra- gen, auf welchem Wege er zu dem Begriffe des Denkens selbst gekommen sei, von dem er redet.

Das Alles scheint also \Yeder gesichert, noch auch wahr. Unzweifelhaft dagegen ist der Bestand jener habituellen Dispositionen in Folge früherer Acte. Und dass ihre Existenz nicht geleugnet werden kann, ist ein Zeichen, dass die psychische Methode nicht so ganz machtlos ist, wie Maudsley glaubt; denn, wie gesagt, nur auf psychischem Wege kam man zu ihrer Erkenntniss. Freilich zeigt es auf der anderen Seite unleugbar auch eine Schranke, welche mit psy- chologischen Mitteln nicht zu übersteigen ist. Denn wollen wir überhaupt es als sicher zugeben, dass diese erworbenen Fähig- keiten und Dispositionen an Wirklichkeiten geknüpft sind (und ich wenigstens nehme keinen Anstand, es zu thun, ob- wohl mancher andere Metaphysiker, wie z. B. J. St. Mill, Bedenken tragen würde), so müssen wir eingestehen, dass dieselben keine psychischen Phänomene sind, da sie sonst, wie wir darthun werden, bewusst sein würden. Die psychi- sche Betrachtung lehrt sie nur als in sich unbekannte Ur- sachen, welche das Entstehen von späteren psychischen Phä- nomenen beeinflussen, sowie als in sich unbekannte Wirkungen von früheren psychischen Erscheinungen kennen. Auf dem einen sowohl als auf dem andern Wege kann sie in einem einzelnen Falle nachweisen, dass sie sind; ein Wissen von dem, was sie sind, kann sie uns dagegen niemals und in kei- ner Weise geben.

Allein wird unsere Erkenntniss der „statischen Zustände des Seelenlebens'', die wir auf psychischem Wege in so be- schränkter Weise gewinnen, desshalb als werthlos zu be- trachten sein? — Wenn dies, was für einen Werth sollten wir dann der Naturwissenschaft beilegen, die viel früher auf solche Schranken stösst? Denn, wie schon gesagt, geben uns die physischen Phänomene der Farbe, des Tones und der Temperatur, sowie auch das der örtlichen Bestimmtheit von 78 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

den Wirklichkeiten, durch deren Einfluss sie in uns zur Er- scheinung kommen, keine Vorstellung. Wir können sagen, dass es solche Wirklichkeiten gibt, wir können gewisse re- lative Bestimmungen von ihnen aussagen: was aber und wie sie an und für sich sind, bleibt uns völlig undenkbar. Und wenn darum die Physiologie des Gehirns sogar eine voll- endete Ausbildung erlangt hätte, so würde sie über das, was die Wirklichkeiten, an die sich jene erworbenen Dispositionen knüpfen, in Wahrheit sind, nicht mehr als die rein psy- chische Betrachtung uns belehren können. Sie würde nichts als gewisse physische Erscheinungen angeben, denen dasselbe unbekannte x als Ursache zu Grunde läge.

Dennoch würde sie in einer andern Beziehung wenigstens uns mehr bieten. Wenn ein psychisches Phänomen eine Disposition zurücklässt, aus welcher später einmal wieder ein ihrer Ursache ähnliches Phänomen erzeugt wird, so zeigt uns die innere Erfahrung zwar den früheren und den spä- teren psychischen Zustand und lässt uns einen gesetzmässigen Zusammenhang zwischen ihnen erkennen, aber über Alles, was etwa zwischen beiden vermittelt, gibt sie uns keine Andeu- tung. Anders würde es sein, wenn wir die physischen Phäno- mene kennten, welche man unter geeigneten Bedingungen in der Zwischenzeit im Gehirn auf einander folgen sähe. Wir hätten dann eine Reihe von Zeichen, welche in ihrer Aufeinanderfolge der Aufeinanderfolge des unbekannten wirklichen Seins ent- sprechen würden, und könnten in Relation zu diesen Zeichen verschiedene vermittelnde Glieder zwischen den beiden in- nerlich bewussten Phänomenen einschalten. So würden wir das psychisch gefundene Gesetz in einer ähnlichen Weise er- klären, wie anderwärts ein Naturgesetz, wenn wir bei einem mittelbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung Zwi- schenglieder entdecken. Und da es sich zeigt, dass jene vermittelnden physischen Phänomene nicht immer gleichför- mig verlaufen, und dass an die Verschiedenheit ihres Ver- laufs eine Verschiedenheit der späteren psychischen Erschei- nung sich knüpft, so würde die Vermehrung unserer Kennt- nisse von noch grösserer Wichtigkeit sein. Wenn in jedem Capitel 3. Inductioa der höchsten Gesetze. 79 Falle das empirische Gesetz für den Zusammenhang der bei- den psychischen Phänomene durch die physiologischen Ent- deckungen eine Erklärung und vollkommenere Sicherung gefun- den hätte, so würde ihm nun zugleich eine genauere Präcisioa gegeben werden. Denn die Abweichungen von einer strengen Regelmässigkeit offenbaren sich allerdings auch dem bloss psychisch Betrachtenden, aber er kann ihnen nicht anders Rechnung tragen, als indem er sein Gesetz durch ein „gewöhn- lich" und „ungefähr" abschwächt. Der durch die Physiologie unterstützte Psychologe dagegen wird mit der Erklärung des Gesetzes auch die genauere Angabe der Fälle von Ausnahme und Modification zu verbinden im Stande sein.

So hat Maudsley hier allerdings mit Recht auf eine Schwäche jeder nicht physiologischen Psychologie hingewie- sen. Aber Unrecht hatte er, wenn er ihrer Leistung statt eines beschränkten Werthes gar keinen Werth zuerkannte. — Wir geben zu, das auf psychischem Wege gefundene Gesetz der Succession ist empirisch und weiterer Erklärung bedürf- tig. — Aber hat die Naturwissenschaft nicht auch manches empirische und weiterer Erklärung bedürftige Gesetz, wel- chem sie dennoch einen hohen Werth beilegt? Oder waren die von Kepler entdeckten Gesetze etwa werthlos, ehe Newton die Erklärung für sie gegeben hatte? — Wir geben ferner 2u, das auf psychischem Wege gefundene Gesetz der Succes- sion entbehrt der vollkommenen Genauigkeit und Schärfe. — Aber hat nicht auch die Naturwissenschaft Gesetze, von wel- <;hen dasselbe gilt? Waren nicht, um zu demselben grossen Beispiel zu greifen, die Gesetze Kepler's selbst von mangel- hafter Genauigkeit? und um wie viel mehr erst diejenigen, welche Kopemikus den Lauf der Planeten beherrschend dachte? Und doch war die von ihm gelehrte Kreisdrehung der Erde um die Sonne bereits eine werthvolle, epoche- machende Annäherung. Es folgt also, wie gesagt, aus der vor- angegangenen Betrachtung zwar eine Einschränkung, keines- wegs aber eine Vernichtung des Werthes der Forschungen auf psychischem Wege.

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Etwas ganz Aehnliches gilt hinsichtlich des vorhergehen- den Arguments. Maudsley sagt nicht mit Unrecht, dass die psychische Thätigkeit auf dem organischen Le- ben des Gehirns beruhe. Welcher der etwa noch mög- lichen Ansichten man auch huldigen möge, das Eine kann Nie- mand leugnen, dass die Processe des Gehirns, welche in der Succession von physischen Phänomenen ihre Zeichen haben, von wesentlichem Einfluss auf die psychischen Phänomene sind und dieselben mitbedingen. Somit ist es klar, dass, wenn sogar der vegetative Verlauf der Processe im Gehirn, abgesehen von Unterschieden in Folge des Einflusses psy- chischer Phänomene selbst, immer in vollkommen gleicher Weise statthätte, die bloss psychische Betrachtung, indem sie von so wichtigen Mitursachen keine Kenntniss nähme, in den Gesetzen der Succession, die sie aulstellte, nur empirische, weiterer Erklärung bedürftige Gesetze geben würde. Im Uebrigen erlitte wenigstens die AllgemeingiUtigkeit ihrer Ge- setze in diesem Falle keine Beschränkung. Aber auch dies tritt ein, wenn das vegetative Leben des Gehirns in Folge verschiedener physischer Einflüsse variiren kann, und mächtigen krankhaften Störungen, die anomale psychische Erscheinungen nach sich ziehen, unterworfen ist. In diesem- Falle, der thatsächlich vorliegt, ist es ofl'enbar, dass die auf psychischem Wege gefundenen empirischen Gesetze nur in- nerhalb gewisser Schranken gültig sind. p]s wird darum nöthig sein, nach sicheren Zeichen dafür zu suchen, ob man auf eine solche Sehranke gestossen. Doch dies hat man mit nicht unbedeutendem Erfolge bereits gethan; und die Trunkenheit z. B. verräth sich auch dem nicht -Psychologen in nicht leicht misszuverstehenden Aeusserungen. Nur innerhalb solcher Gren- zen, hier aber mit Recht, werden wir den Gesetzen vertrauen.

Es sei noch bemerkt, dass, wenn die Psychologie in die- ser Weise für gewisse empirische Gesetze eine Schranke der Anwendbarkeit findet, diese Schranke nicht nothwendig zu- gleich Schranke ihrer Forschung ist. Sie kann eine Charak- teristik der anomalen Zustände geben und kann für sie wie- der ebenso die besonderen Gesetze des Verlaufs, wie für die Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze* 81 normalen Zustände feststellen. Es ist von vorn herein nicht unwahrscheinlich, und die Erfahrung bestätigt es deutlich, dass diese besonderen Gesetze von complicirter Art sind, und dass in ihre Complication die gewöhnlichen Gesetze mitein- gehen. Darauf, dass man auch die Gesetze psychischer Suc- cession bei anomalen Zuständen bis zu einem gewissen Maasse kennt, gründet sich der vielleicht wesentlichste Theil der ärztlichen Behandlung geistesgestörter Personen, nämlich die sogenannte moralische Behandlung der Irren.

Das Ergebniss der Prüfung dieses Einwandes, der sich auf die ünzugänglichkeit von Mitbedingungen psychischer Erscheinungen bezog, ist also ganz ähnlich demjenigen, zu welchem die Prüfung des vorigen Einwandes führte, der die Unzugänglichkeit von Vorbedingungen psychischer Erschei- nungen für die psychische Untersuchung geltend machte.

Hienach sieht Jeder, was auch auf das erste Argument zu antworten ist, das einzige, auf welches uns noch zu ent- gegnen erübrigt. Wenn dem psychischen Leben, wie Maudsley sagt, materielle Bedingungen zu Grunde liegen: so beweist dies nur, dass die auf psychischem Wege allein zu findenden Gesetze der Succession keine eigentüch letzten Grundgesetze sind und eine Erklärung zu wünschen übrig lassen, die nur mittels physiologischer P'orschung erreichbar ist. Mehr beweist es nicht. Und wenn die Unterschiede dieser physischen Bedingungen bei verschiedenen Personen Unterschiede ihres Seelenlebens zur Folge haben: so beweist dies nur, dass in demselben Maasse, als dies der Fall ist, die in unterschiedsloser Allgemeinheit aufgestellten Gesetze an Präcision verlieren; und dass es, um diesem Mangel abzuhel- fen, wünschenswerth ist, dass eine specielle Psychologie (wie z. B. eine Psychologie der Frauen einerseits, der Männer an- dererseits), um nicht zu sagen eine individuelle Psychologie, wie Bacon sie wollte, und wie Mancher sie sich bis zu einem gewissen Grade für einzelne Bekannte bildet, zur allgemeinen hinzukomme. Im Uebrigen zeigt es sich an den aUgemeinen Beschreibungen der Zoologen wie Botaniker, die doch auch mit Arten zu thun haben, in welchen kein Individuum dem Brent an 0, Psychologie. I. 6 82 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

anderen vollkommen gleicht, dass auch in solchen Fällen die allgemeinen und durchschnittlichen Bestimmungen nicht ohne hohen Werth bleiben. Ein solcher wird denn auch den auf rein psychologischem Wege gefundenen Gesetzen nicht abge- sprochen werden können.

§. 7. Wir haben die Ansicht derjenigen geprüft, welche sagen, die Psychologie könne allein auf physiologischer Grund- lage ihre Aufgabe lösen; jeder Versuch dagegen, der sich nur auf die Betrachtung psychischer Erscheinungen stütze, müsse erfolglos bleiben. Indem wir die Behauptung auf ihr richtiges Maass zurückführten, kamen wir zu einem Ergebniss, das mit früheren Bestimmungen im Einklang war. Es er- wies sich als unrichtig, dass auf psychischem Wege nichts erreichbar sei: als richtig, dass auf ihm nicht Alles erreicht werden könne. Es erwies sich als unrichtig, wenn man glau- ben machen wollte, es Hessen sich auf Grund psychischer Erfahrungen keine Gesetze feststellen: als richtig, wenn man sich darauf beschränkte, zu sagen, es sei nur auf Grund phy- siologischer Thatsachen ein Vordringen zu eigentlichen Grund- gesetzen für die Succession psychischer Erscheinungen möglich. Die höchsten Gener alisationen auf Grund ausschhesslicher Betrachtung der Aufeinanderfolge psychischer Erscheinungen konnten nichts anderes als empirische Gesetze sein, behaftet mit Mängeln und UnvoUkommenheiten, wie sie auch sonst secundären Gesetzen, für welche die Ableitung fehlt, eigen zu sein pflegen.

Wirft man nun die Frage auf, ob die Psychologie wohl thun werde, auf Grund physiologischer Data jene letzte Kück- führung Ihrer höchsten Gesetze auf eigentUche Grundgesetze anzustreben: so ist es wohl klar, dass die Entscheidung ähn- lich derjenigen sein muss, welche A. Bain^) hinsichtlich der Vortheile einer Einmischung physiologischer in psychologische Untersuchungen in allgemeinerer Weise gegeben hat. Auf einer Stufe der Erkenntniss mag der Versuch dienlich sein, Capitel 3. Induction der höchsten Gesetze. 83 lifährend er auf einer andern nachtheilig ist. Obwohl wir nun hoffen und sehnlichst wünschen, dass die Physiologie des Oehirns einmal jene Ausbildung erreichen werde, die sie zu einer Erklärung der höchsten Gesetze psychischer Succes- sion anwendbar macht: so glauben wir doch, dass die Geständ- nisse derjenigen selbst, welche am Eifrigsten eine Benützung der Physiologie befürworteten, mit zweifelloser Klarheit zei- gen, dass die Stunde dafür noch nicht gekommen ist. Und so sagt denn J. St. Mill mit vollem Rechte: „Die Hülfs- mittel der psychologischen Analyse zu verwerfen und die Psychologie auf Data zu gründen, wie sie die Physiologie bis jetzt darbietet, scheint mir ein sehr grosser Irrthum im Prin- cipe zu sein und ein sehr ernstlicher Irrthum in der Praxis. Wie unvollkommen auch die psychische Wissenschaft sein mag, so stehe ich doch nicht an zu behaupten, dass sie be- deutend weiter vorgeschritten ist, als der ihrentsprechende Theil der Physiologie: und die erstere für die letztere hinwegzugeben, scheint mir eine Verletzung der wahren Kegeln der inductiven Philosophie, eine Verletzung, welche in einigen sehr wichtigen Zweigen der Wissenschaft von der menschlichen Natur irrige Schlüsse nach sich zieht und ziehen muss^)." Wir können noch mehr sagen. Nicht bloss das Hinweggeben der psycho- logischen Untersuchung für die physiologische, auch die Bei- mischung der letzteren in bedeutendem Umfange scheint wenig räthlich. Es gibt bis zur Stunde überhaupt nur