SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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wenige gesicherte Thatsachen der Physiologie, welche auf die psychischen Erscheinungen Licht zu werfen geeignet sind. Zur Erklärung der Gesetze ihrer Succession wären wir an die luftigsten Hypothesen gewiesen; und würden viele geist- reiche Köpfe sich hier versuchen, so würden wir bald eine solche Fülle seltsam combinirter Systeme und einen solchen Gegensatz divergirender Meinungen sehen, wie sie etwa das Gebiet der Metaphysik heutigen Tages aufzuzeigen hat. Weit entfernt, hiedurch etwas für die Sicherung der psychi- schen Gesetze gewonnen zu haben, würden wir diese dem *) Deduct. u. Induct. Logik, Buch VI. Cap. 4. §. 2. (tJebers. v. Schiel.)

6* 84 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

Verdacht aussetzen, selbst in gleicher Weise hypothetisch zu sein. Aus demselben Grunde, wesshalb es uns gut schien, mög- lichst von allen metaphysischen Theorien Umgang zu nehmen, wird es also zweckmässig sein, auch von den Hypo- thesen zum Behuf physiologischer Erklärung abzusehen. Dass Hartley dies nicht gethan, war, wie J. St. Mill in sei- ner Vorrede zur Analyse der Phänomene des menschlichen Geistes bemerkt, ein wesentlicher Grund, warum sein genialer Versuch lange Zeit nicht die verdiente Berücksichtigung fand.

Viertes Capitel.

Fortsetzung der Untersnchnngen über die Methode der Psychologie. Ungenauer Charakter ihrer höchsten Gesetze. Dednction nnd Yerification.

§. 1. Die höchsten Gesetze, auf welche wir heutigen Tages, und wohl auch lange noch, die Erscheinungen psychi- scher Succession zurückfuhren können, sind, wie wir sahen, bloss empirische Gesetze. Noch mehr! sie sind auch Gesetze von einem gewissen unbestimmten, inexacten Charakter. Und dies hat, wie wir bereits in Kürze gezeigt haben, zum Theil in dem Vorigen seinen Grund; zum Theil aber ist die Unge- nauigkeit Folge eines anderen Umstandes.

Kant hat seiner Zeit der Psychologie die Befähigung abgesprochen, jemals zum Range einer erklärenden Wissen- schaft und einer Wissenschaft im eigentlichen Sinne sich ^u erheben. Der wesentlichste Grund, der ihn dabei bestinunte, war der, dass die Mathematik auf psychische Phänomene nicht anwendbar sei, da diese zwar einen zeitlichen Verlauf, aber keine räumliche Ausdehnung hätten ^).

Wundt in seiner „Physiologischen Psychologie" sucht diesen Einwand zu entkräften. „Es ist", sagt er hier, „nicht richtig, dass das innere Geschehen nur eine Dimension, die ^) Metaph. Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Vorrede.

g(} Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

Zeit, hat. Wäre dies der Fall, so würde allerdings von einer mathematischen Darstellung nicht die Kede sein können, weil eine solche immer mindestens zwei Dimensionen, d. h. zwei Veränderliche, die dem Grössenbegriflf subsumirt werden kön- nen, verlangt. Nun sind aber unsere Empfindungen, Vor- stellungen, Gefühle intensive Grössen, welche sich in der Zeit an einander reihen. Das innere Geschehen hat also jedenfalls zwei Dimensionen, womit die allgemeine Möglich- keit, dasselbe in mathematischer Form darzustellen, gegeben ist^)." Wundt zeigt sich also darin mit Kant einverstanden, dass, wenn die psychischen Erscheinungen keine andere con- tinuirliche Grösse als die zeitliche Ausdehnung hätten, der wissenschaftliche Charakter der Psychologie eine bedeutende Einbusse erfahren würde. Nur der Umstand, dass in der In- tensität der psychischen Phänomene eine zweite Art stetiger Grösse, die Wundt etwas uneigentlich eine zweite Dimen- sion nennt, gefunden wird, macht, wie es scheint, nach ihm die Psychologie als exacte Wissenschaft möglich.

Leider fürchte ich, dass das Gegentheil der Fall ist. Jener Einwand von Kant würde mir wenig Bedenken machen. Denn einmal scheint mir immer noch Gelegenheit zur An- wendung der Mathematik zu bleiben, so lange nur etwas da ist, was gezählt werdeti kann. Wenn gar keine Unterschiede der Intensität und des Grades stattfänden, so wäre es eine Sache der Mathematik, zu entscheiden, ob eine Idee durch Association hervorgerufen würde, wenn drei Umstände dafür, zwei dagegen wirkten. Und dann scheint mir die Mathema- tik zur exacten Behandlung aller Wissenschaft nur darum nöthig, weil wir nun einmal thatsächlich in jedem Gebiet auf Grössen stossen. Würde es ein Gebiet geben, worin nichts der Art vorkäme, so wären dafür exacte Feststellungen möglich auch ohne Mathematik. Beständen auf dem Gebiete der psychischen Erscheinungen keine Intensitäten, so wäre der Fall ähnlich, wie wenn allen Erscheinungen eine gleiche und invariabele Intensität zukäme, von der man füglich I Capitel 4. Ungenauigkeit der höchsten Gesetze. 87 gänzlich absehen könnte. Offenbar wären alle Bestimmun- gen der Psychologie dann nicht weniger exact als jetzt, und nur ihre Aufgabe wäre wesentlich vereinfacht und er- leichtert. Nun aber bestehen thatsächlich jene Unterschiede der Intensität in Vorstellungen und Aflfecten; und an sie knüpft sich die Nothwendigkeit mathematischer Messung: wenn anders die Gesetze der Psychologie jene Bestimmtheit und Genauigkeit wieder erlangen sollen, die ihnen, wenn keine Intensität, oder wenigstens kein Unterschied der In- tensität ihrer Phänomene bestände, zukommen würden.

§.2. Herbart war es, der zuerst das Bedürfniss sol- cher Messungen betonte; und das Verdienst, welches er ) sich dadurch erwarb, ist ebenso allgemein anerkannt, als das gänzliche Misslingen seines Versuches, wirklich Maassbestim- mungen zu finden. Die Willkürlichkeit der letzten Prin- cipien, die er seiner mathematischen Psychologie zu Grunde legt, kann durch das consequente sich-Binden an die strengen Gesetze der Mathematik bei der Ableitung der Folgerungen nicht wieder gut gemacht werden. Und so zeigt es sich denn, dass für die Erklärung der psychischen Phänomene, wie die Erfahrung sie zeigt, auf diesem Wege nicht das Ge- ringste gewonnen wird. Keinerlei Voraussagung lässt sich auf sie gründen; ja dem, was man nach ihnen am Sichersten erwarten müsste, widerspricht das, was man thatsächlich ein- treten sieht.

Später hat, nach dem Vorgange von E. H. Weber,> Fechner in seiner „Psychophysik" einen neuen Versuch ge- macht, der auf die Messung der Intensität psychischer Phä- nomene abzielte. Fechner vermied den Fehler Herbart's. Er wollte nicht anders als an der Hand der Erfahrung ein grundlegendes Gesetz für die Messung finden. Und ähnlich wie man den zeitlichen Verlauf psychischer Phänomene schon lange an physischen Phänomenen, an regelmässigen örtlichen Veränderungen gemessen hatte, suchte er auch für ihre In- tensität nach einem physischen Maasse. Als ein solches bot sich ihm für die Stärke der Empfindung die Stärke n w ff > 1 88 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

des äusseren, die Empfindung verursachenden Eindruckes; und das von ihm so genannte „Weber'sche oder psychophy- sische Grundgesetz" bestimmte für alle Sinne, wenigstens in- nerhalb gewisser Grenzen, die eine von beiden als Function der anderen.

Ich habe schon früher (Gapitel 1 §. 1) auf ein nicht un- wichtiges Versehen hingewiesen, welches bei dieser Bestim- mung untergelaufen sein möchte. Man hatte gefunden, dass der Zuwachs des physischen Reizes, der einen eben merk- lichen Zuwachs in der Stärke der Empfindung hervorbringt, zu der Grösse des Reizes, zu welchem er hinzukommt, immer im gleichen Verhältnisse steht. Nun nahm man als ein- leuchtend an, dass jeder eben merkliche Zuwachs der Em- pfindung als gleich zu betrachten sei. Und so kam man zu dem Gesetze, dass die Intensität der Empfindung um gleiche Grössen zunehme, wenn der relative Zuwachs des physischen Reizes der gleiche sei. In Wahrheit ist es aber keineswegs von vorn herein einleuchtend, dass jeder eben merkliche Zuwachs der Empfindung gleich, sondern nur, dass er gleich merklich ist: und es bleibt zu untersuchen, welches Grössenverhältniss zwischen gleich merklichen Zuwächsen der Empfindung bestehe. Diese Untersuchung führt zu dem Ergebnisse, dass jeder Zuwachs der Empfindung gleich merk- lich ist, welcher zu der Intensität der Empfindung, zu wel- cher er hinzukommt, in gleichem Verhältnisse steht. Denn auch bei anderen Veränderungen der Phänomene gilt dieses Gesetz. So ist z. B. die Zunahme eines Zolles um eine Linie ungleich merklicher als die Zunahme eines Fusses um die- selbe Grösse, wenn man nicht etwa beim Vergleiche beide Strecken aufeinanderlegt; denn dann allerdings macht die Länge der Strecke, welche den Zusatz erfährt, keinen Unterschied, indem nur noch die beiden Ueberschüsse in Betracht kommen. In anderen Fällen dagegen findet die Verglei- chung vermöge des Gedächtnisses statt, das die Erscheinun- gen um so leichter miteinander verwechselt, je mehr sie einander ähnlich sind. Leichter- Verwechseln besagt aber nichts Anderes ala schwerer - Unterscheiden, d. h. den Unter- Capitel 4. Ungenauigkeit der höchsten Gesetze. 89 schied der einen von der anderen weniger leicht bemerken. Nun ist offenbar der um eine Linie verlängerte Fuss dem Fuss ähnlicher, als der um eine Linie verlängerte Zoll dem Zoll, und nur bei einem verhältnissmässig gleichen Zuwachs des Fusses, also bei einem Zoll Zuwachs, würde die sjiätere der früheren Erscheinung in demselben Grade unähnlich, nur dann also der Unterschied zwischen beiden gleich merklich sein. Ganz dasselbe muss aber jederzeit bei der Vergleichung zweier aufeinanderfolgender Erscheinungen statthaben, die, im Uebrigen gleich, der Intensität nach von einander ver- schieden sind. Das Gedächtniss vermittelt ja auch hier. Nur wenn die beiden Erscheinungen in gleichem Grade ein- ander unähnlich sind, wird also ihre Verschiedenheit in glei- cher Weise auffallen. Mit anderen Worten: Ihr Unterschied wird nur dann gleich merklich sein, wenn das Verhältniss des Zuwachses zu der zuvor gegebenen Intensität das- selbe ist.

Wir haben also die beiden Gesetze: 1) Wenn der relative Zuwachs des physischen Eeizes der gleiche ist, so nimmt die Empfindung um gleich merkliche Grössen zu.

2) Wenn die Empfindung um gleich merkliche Grössen zunimmt, so ist der relative Zuwachs der Empfin- dung der gleiche.

Hieraus folgt: 3) Wenn der relative Zuwachs des physischen Reizes der gleiche ist, so ist der relative Zuwachs der Empfin- dung der gleiche. Mit andern Worten: W e n n d i e die Stärke des physischen Reizes um ein Gleichvielfaches wächst, so wächst auch die Intensität der Empfindung um ein Gleichvielfaches.

Dies widerspricht nicht mehr dem, was der gemeine Menschenverstand und mit ihm auch Herbart von vom herein angenommen hatte: „In der Region, wo die Fundamente der Psychologie liegen,...wird man ganz einfach sagen, dass zwei Lichter doppelt so stark leuchten als eines; dass drei 90 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

Saiten auf einer Taste dreimal so stark tönen als eine; " u. s. w. (V, S. 358.) Aber andererseits ist diese Behauptung auch noch nicht bewiesen. Unser Gesetz verlangt nicht, dass, so oft der Reiz um ein Gleichvielfaches wächst, die Empfindung um dasselbe Gleichvielfache wächst; es würde ihm ge- ntigen, wenn, so oft der Reiz um die Hälfte, die Empfindung um ein Dritttheil sich steigerte. Auch kann es sich bei ihm, wie bei dem Weber'schen, nur um eine Gültigkeit innerhalb gewisser Grenzen handeln. Darum bleibt es ein unbestreit- bar grosses Verdienst, wenn Weber und Fechner das Ur- theil des gemeinen Verstandes als Vorurtheil verwarfen und uns zu einem sicheren Nachweis den Weg zeigten: obwohl, wenn ich nicht irre, sie sich zu früh am Ziele glaubten, und so in ihrer Correctur der ursprünglichen Vermuthung zu- nächst nur eine unrichtige Bestimmung an die Stelle einer möglicher Weise richtigen setzten. Die Ergänzung, die ich der Untersuchung beifügte, auch wenn sie allgemeine Zu- stimmung finden sollte, ändert nichts daran, dass das aus- schliessliche Verdienst der Arbeit den beiden grossen For- schern zugehört. Und ich brauche auch kaum zu bemerken, dass die Feststellung des Verhältnisses zwischen dem Wachs- thum der Reize und einem fortwährend gleich merklichen Wachsthum der Empfindungen in sich selbst von hoher Be- deutung ist.

Mag man nun aber den Versuch von Weber und Fech- ner in der von mir angegebenen Weise berichtigen, oder auch ohne dies für richtig und abgeschlossen halten: jeden- falls kann auch er nicht zu dem von uns gewünschten Ziele führen.

Einmal beschränkt sich die Möglichkeit der Messung von Intensitäten nach der von ihnen angegebenen Methode gänzlich auf solche Phänomene, welche durch äussere Rei- zung der Sinnesorgane hervorgebracht sind. Für alle psy- chischen Phänomene, welche in physischen Vorgängen im In- neren des Organismus ihren Grund haben, oder durch andere psychische Phänomene hervorgerufen werden, fehlt uns also nach wie vor ein Maass der Intensität. Dazu gehören aber Capitel 4. Ungenau igkeit der höchsten Gesetze. 91 die allermeisten und allerwichtigsten Erscheinungen. So die ganze Classe der Begierden und der Bewegungen des Willens; ferner Ueberzeugungen und Meinungen der mannigfachsten Art, und ein weites Reich von Phantasievorstellungen. Es bleiben unter allen psychischen Phänomenen einzig und allein die Empfindungen, und diese nicht alle, als mess- bar übrig.

Aber noch mehr! Die Empfindungen selbst hängen nicht allein von der Stärke des äusseren Reizes, sie hängen auch von psychischen Bedingungen, wie z. B. von dem Grade der Aufin erksamkeit, ab. Es wird also nothwendig sein, die- sen Einfluss zu eliminiren, meinethalben indem man den Fall der höchsten und vollsten Aufmerksamkeit voraussetzt. Dann aber ergibt sich, wenn nicht anderes Inconvenientes, zum Mindesten eine neue und bedeutende Beschränkung.

Endlich könnte einer sagen, dass, wenn man sich recht klar mache, was denn eigentlich nach Fechner's Methode gemessen werde, nicht sowohl ein psychisches als ein physi- sches Phänomen als Gegenstand der Messung sich heraus- stelle. Oder was ist denn dasjenige, was wir physische Phä- nomene nennen, wenn dazu nicht die Farben, die Töne, die Wärme und Kälte u. s. f. gehören, die uns in unserer Em- pfindung erscheinen? — Misst man also, wie Fechner es gethan, die Intensitäten von Farben, Tönen u. s. f., so misst man die Intensitäten physischer Phänomene. Die Farbe ist nicht das Sehen, der Ton ist nicht das Hören, die Wärme ist nicht das Empfinden der Wärme. — Man wird liierauf erwidern, das Sehen, wenn es nicht die Farbe sei, entspreche doch in sei- ner Intensität der Intensität der Farbe, die dem Sehenden erscheine; und in ähnlicher Weise seien die anderen Empfin- dungen den physischen Phänomenen, welche in ihnen vorge- stellt werden, der Intensität nach gleichzusetzen. So sei denn mit der Stärke des physischen die des psychischen Phäno- mens zugleich bestimmt. Ich will nicht leugnen, dass sich dieses so verhalte, obgleich es, wie wir später hören werden, Psychologen gibt, die zwischen der Intensität des Vorgestell- ten und der Intensität des Vorstellens unterscheiden; ich gebe 92 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

darum meinestheils zu, dass, wenn für das physische, auch für das psychische Phänomen, worin das physische vorgestellt wird, nach Fechner's Methode eine Maassbestimmung gefunden wer- den kann: doch scheint es mir nöthig, die neue Beschränkung hinzuzufügen, dass das psychische Phänomen nur nach einer Seite hin, nämlich in seiner Beziehung zum primären Ob- ject, seiner Intensität nach gemessen wird; denn wir wer- den sehen, dass es noch andere Seiten hat und nicht in dieser Beziehung sich erschöpft.

Aus allen diesen Gründen scheint es mir demnach offen- bar, dass durch Fechner's bewunderungswürdigen Versuch der Messung psychischer Intensitäten, nicht oder doch nur zu einem verschwindend kleinen Theile dem besprochenen Mangel abgeholfen werden kann.

Man wird jetzt erkennen, mit welchem Rechte ich zu- vor erklärte, dass ich leider, im Gegensatze zu Wundt, in dem Bestehen der von ihm sogenannten zweiten Dimension der psychischen Erscheinungen keineswegs etwas erblicken könne, was die wissenschaftliche Exactheit der Psycholo- gie ermögliche, sondeni etwas, was sie stark benachthei- lige und vor der Hand gänzlich unmögüch mache. Denn, wo Fechner's Mittel uns verlässt, da verlässt uns, bis jetzt wenigstens, jede Möglichkeit, die Intensität psychischer Er- scheinungen anders als nach einem vagen Mehr oder Minder vergleichend zu bestimmen.

Das also sind die zwei Gründe, welche eine präcise Fassung der ^iöchsten Gesetze psychischer Succession hin- dern: einmal, dass sie nur empirische Gesetze sind, abhängig von dem veränderlichen Einflüsse unerforschter physiolo- gischer Processe; dann, dass die Intensität der psychischen Erscheinungen, welche wesentlich mit maassgebend ist, bis jetzt einer genauen Messung nicht unterworfen werden kann. Für Anwendung der Mathematik wird dabei immer Raum blei- ben; Uefert uns doch auch die Statistik Zahlenangaben, und ein statistisches Verfahren wird in dem Maasse an Ausdeh- nung gewinnen, als die Gesetze an Bestimmtheit verhören, und nur aus durchschnittlichen Verhältnissen die constante Capitel 4 Deduction und Verification, 93 Mitbetheiligung einer Ursache zu entnehmen ist. So be- währt sich die Mathematik als die unentbehrliche Gehülfin aller Wissenschaften auf allen Stufen der Exactheit und in allen Unterschieden der Verhältnisse.

§. 3. Obwohl unsere psychische Induction nicht bis zu den eigentlichen Grundgesetzen vordringen kann, so erreicht sie doch Gesetze von einer sehr umfassenden Allgemeinheit, Es wird darum möglich sein, aus ihnen wieder speciellere Gesetze abzuleiten. So können wir am Besten für compli- cirtere psychische Phänomene Gesetze gewinnen, indem wir das Verhalten, welches der Naturforscher in verwickeiteren Fällen, und darum namentlich auch der Physiologe einzu- halten pflegt, uns zum Vorbilde nehmen. Wie aber dieser sich nicht damit begnügt, das Gesetz für die complicirte Er- scheinung aus höheren Gesetzen abgeleitet zu haben, sondern auch Sorge trägt, das abgeleitete durch directe Induction aus der Erfahrung zu verificiren: so wird auch der Psycho- loge für das Gesetz, welches er deductiv gefunden, auf in- ductivem Wege eine Bestätigung suchen müssen. Ja bei ihm erscheint eine solche Verification ganz besonders geboten, weil, wie wir sahen, die höheren Gesetze, aus welchen er deducirt, in Bezug auf Präcision oft Vieles zu wünschen übrig lassen. Schon der Hinweis auf einzelne hervorragende Fälle ist bei solcher Lage der Dinge eine willkommene Be- kräftigung, namentlich da, wo keine anderen entgegenstehen, welche zu widersprechen scheinen. Ist dies der Fall, so wird ein Nachweis durch überwiegende Zahlen die verlangte Probe liefern. So wird denn die Psychologie reich an Beispielen sein, die der deductiven Methode auf empirischem Gebiete und den drei Stadien, welche die Logiker für sie unterschie- den haben, zu einer vorzüglichen Erläuterung dienen: In- duction der allgemeineren Gesetze; Deduction des besonderen; und Verification desselben durch Erfahrungsthatsachen.

So wenig hienach die Psychologie bei der Feststellung der Gesetze für complicirtere Phänomene des Nachweises durch directe Erfahrung entbehren kann: so wenig wird sie auch 94 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

andererseits einen solchen als genügend betrachten dürfen. Nicht bloss das wissenschaftliche Interesse, die Vielheit der Thatsachen möglichst aus einer Einheit zu begreifen, verlangt, das Zurückgehen auf die höchsten für uns erreichbaren Prin- cipien: die Ableitung, wie sie eine vollere Einsicht gibt, gewährt auch eine grössere Sicherheit; denn wie anderwärts, so sind auch hier die allgemeineren Gesetze die zuverlässi- geren. Fehlt den allgemeineren Gesetzen die letzte Schärfe und Genauigkeit, so wird dies bei den besonderen. noch viel mehr der Fall sein. Kann man die allgemeineren nur in der Art fassen, dass man angibt, was gewöhnlich eintrete, indem man für Ausnahmen eine Stelle freilässt: so werden bei den besonderen die Ausnahmen sich mehren. Und natürlich; denn was bei jenen der wesentlichste Grund mangelnder Prä- cision ist, das ist derselbe Umstand, der bei den beson- deren in noch vorzüglicherem Maasse sich gegeben findet; sie haben ja noch weniger Anspruch darauf als Grundgesetze betrachtet zu werden. Gleichwie die Entdeckung der höch- sten Grundgesetze sowohl von unseren jetzigen höchsten psy- chischen Gesetzen als auch von ihren Ausnahmen und Schran- ken ßechenschajft geben würde: so wird oft die Ableitung der specielleren Gesetze aus ihnen zugleich die Gesetze selbst und ihre Ausnahmen erklären und die Fälle der Ausnahme genauer bestimmen.

Doch Eines wenigstens ist zulässig: wir können das Verhältniss zwischen Ableitung und bestätigender Induction verkehren; denn es macht offenbar keinen Unterschied, weder in Rücksicht auf den Einblick, noch auf die Sicherheit, die wir gewinnen: ob wir ein Gesetz, nachdem wir es deducirt haben, durch Induction verificiren; oder ob wir es durch Induction finden und es dann im Hinblicke auf die allgemeineren Gesetze erklären. Wir vertauschen dann die sogenannte deductive Methode des Naturforschers mit derjenigen, welche man die umgekehrte deductive Methode genannt hat. Auch den Namen der historischen Methode hat man ihr beigelegt^), weil sie sich vorzügUch zur Auffindung >) Vgl. J. St. MiU, Ded. u. Induct. Logik, Buch VI. Cap. 10.

Capitel 4. Deduction und Verification. 95 der Gesetze der Geschichte eignet. Comte fand auf diesem Wege die Gesetze, die er seinem merkwürdigen Versuche einer Philosophie der Geschichte zu Grunde gelegt hat.

Diese sogenannte historische Methode ist auch ausser- halb der Geschichte auf psychischem Gebiete oft mit grösse- rem Vortheile als die gewöhnhche deductive Methode an- wendbar. Die vorbereitende directe Induction zeigt der Ableitung Weg und Richtung. Die Erfahrung des gemeinen Lebens hat sich bereits oft zu solchen niederen empirischen Gesetzen erhoben und sie selbst in die Form von Sprüch- wörtem gekleidet. „Jung gewohnt, alt gethan", „aller An- fang ist schwer", „neue Besen kehren gut", „Abwechselung gefällt*' und dergleichen mehr — sind Ausdrücke für solche empirische Generalisationen. Und so bleibt denn nur noch die Erklärung, Verification und schärfere Begrenzung durch Un- terordnung unter die allgemeineren und einfacheren Gesetze, von denen das Volk nichts weiss, als Aufgabe des Psycho- logen übrig. Einen etwas verwandten Versuch hat bekannt- lich Pascal in einer seiner Pensees gemacht.

§. 4. Auch bei der Untersuchung über die Unsterblich- keit wird das Verfahren ein deductives sein, und die Deduc- tion auf allgemeine Thatsachen sich stützen, die in früheren Erörterungen inductiv festgestellt wurden. Die Forschung, die hier sich um die Frage bewegt, welche zu allen Zeiten das lebhafteste Interesse hervorgerufen hat, wird oiBfenbar einen in mancher Beziehung neuen Charakter annehmen müssen. Sie wird einerseits nicht umhin können, auf einige Gesetze der Metaphysik, mehr als es sonst eine phänomenale Psychologie thut, Rücksicht zu nehmen; und andererseits wird auch von den Ergebnissen der Physiologie hier mehr noch als in den früheren Untersuchungen Anwendung zu machen sein. Denn die Frage nach der Möglichkeit eines Fortbestandes des psychischen Lebens bei der Auflösung des leiblichen Organismus, ist eigentlich eine psychophysische Frage; nur eine von denen, die nach unserer früheren Aus- einandersetzung, wegen des Uebergewichts psychischer Be- 96 Buch I. Die Psychologie als Wissenschaft.

trachtungen, der Psychologie, nicht der Physiologie zuzu- weisen sind. Ob es uns freilich möglich sein wird, durch Induction auf psychischem Gebiete allgemeine Thatsachen zu finden, welqhe für eine Deduction zur Entscheidung der Un- sterblichkeitsfrage die Prämissen liefern; ob wir nicht ge- nöthigt sein werden, so tief in die Metaphysik einzugehen, dass der sichere Pfad in unbestimmten, haltlosen Träume- reien sich verliert; ob nicht auch die Thatsachen, welche wir der Physiologie zu entlehnen haben, bei dem jetzigen Zu- stande dieser, Wissenschaft, auf allzuwenig Vertrauen An- spruch machen können: — das sind Fragen, die wohl nicht mit Unrecht aufgeworfen werden dürften, über die aber hier zu entscheiden nicht des Ortes ist. Auch im Uebrigen wollen wir auf die Methode, die bei der Untersuchung dieses Punktes zu befolgen sein wird, hier nicht weiter eingehen. Wie jede frühere Wissenschaft in ihrer Entwickelung für die Methode der späteren Winke gibt: so kann auch oft bei ein und derselben Wissenschaft die Entwickelung des früheren Theiles über die Weise der Behandlung des späteren Auf- schlüsse gewähren. Und diese Untersuchung ist ja der Natur der Sache nach diejenige, der in der Reihe der psy- chologischen Erörterungen jedenfalls am Besten die letzte Stelle angewiesen wird.

Nur Eines sei, da es von vom herein offenbar ist, auch jetzt schon bemerkt; nämlich, dass eine Verification durch directe Erfahrung bei der Unsterblichkeitsfrage jedenfalls nicht stattfinden kann. Hier scheint also eine gefährliche Lücke zu bleiben. Doch an die Stelle der directen Erfah- mng kann vielleicht eine indirecte treten, insofern zahlreiche Erfahrungserscheinungen unter Voraussetzung der Unsterb- lichkeit besser als ohne sie begreiflich werden. In ähnlicher Weise sind es ja auch nur indirecte Fingerzeige, welche die Erscheinungen an fallenden Körpern für die Drehung der Erde um ihre Axe geben.

Indem wir unsere Erörteiimgen über die Methode der Psychologie abschliessen, fügen wir eine letzte, allgemeinere Bemerkung bei. Sie bezieht sich auf ein Mittel, welches Capitel 4. Deduction und Verification.

97 zwar auch anderwärts, insbesondere aber auf psychologischem Gebiete, häufig die Forschung vorbereitet und erleichtert. Ich meine das Mittel, das Aristoteles so gerne anzuwenden pflegte, die Zusammenstellung der „Aporien". Sie zeigt die verschiedenen denkbaren Annahmen sowie für jede von ihnen die ihr eigenthümlichen Schwierigkeiten und gibt insbeson- dere über die widerstreitenden Ansichten, sei es einzelner bedeutender Männer, sei es der Massen eine dialektisch kri- tische Uebersicht. Auch J. St. Mill hat noch in seinem letzten Aufsatze über Grote's Aristotle, den er wenige Mo- nate vor seinem Tode in der „Fortnightly Review" veröffent- lichte, die Vorzüge dieser Voruntersuchung in einsichtsvoller Weise gewürdigt. Ich glaube, es ist einleuchtend, warum gerade der Psychologe aus den sich bekämpfenden Meinungen Anderer mehr noch als ein Forscher auf anderem Gebiete Gewinn ziehen kann. Jeder dieser Meinungen liegt, wenn auch vielleicht einseitig * berücksichtigt oder irrig beurtheilt, irgend welche Wahrheit, irgend welche Erfahrung als Anhalt zu Grunde. Und wo es sich um psychische Erscheinungen handelt, hat jeder Einzelne seine besonderen Wahrnehmun- gen, die keinem Anderen in gleicher Weise zugänglich sind.

Brentano, Psychologie. I.

VON DEN PSYCHISCHEN PHAENOMENEN IM ALLGEMEINEN.

Von dem Unterschiede der psychischen nnd physischen Phänomene.

§. 1. Die gesammte Welt unserer Erscheinungen zer- fällt in zwei grosse Classen, in die Classe der physischen und in die der psychischen Phänomene. Wir haben von diesem Unterschiede schon früher gesprochen, da wir den Begriff der Psychologie feststellten, und wiederum sind wir bei der Untersuchung über die Methode darauf zurückge- kommen. Aber dennoch ist das Gesagte nicht genügend; was damals nur flüchtig angedeutet wurde, müssen wir jetzt fester und genauer bestimmen.

Dies scheint um so mehr geboten, als hinsichtlich der Abgrenzung beider Gebiete weder Einigkeit noch volle Klar- heit erzielt sind. Wir sahen bereits gelegentlich, wie phy- sische Phänomene, welche in der Phantasie erscheinen, für psychische gehalten wurden. Es gibt aber noch viele andere Fälle von Vermengung. Und selbst bedeutende Psychologen dürften schwer gegen den Vorwurf, dass sie sich selbst widersprechen, zu rechtfertigen sein ^). Manchmal stösst man ') So gelingt es mir wenigstens nicht, die verschiedenen Bestim- mungen mit einander in Einklang zu bringen, die A. Bain in einem seiner neuesten psychologischen Werke, Mental Science, Lond. 3. edit- 1872, in dieser Hinsicht gegeben hat. S. 120 No. 59 sagt er, die psy- chische Wissenschaft (Science of Mind, die er auch Subject Science 102 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

auf Aeusserungen wie die, dass Empfindung und Phantasie sich dadurch unterscheiden, dass die eine in Folge eines phy- sischen Phänomens entstehe, während die andere, nach den Gesetzen der Association, durch ein psychisches Phänomen hervorgerufen werde. Dabei geben dieselben Psychologen aber zu, dass dasjenige, was in der Empfindung erscheine, der einwirkenden Ursache nicht entsprechend sei. Und so- mit stellt sich heraus, dass, was sie physische Erscheinungen nennen, uns in Wahrheit nicht erscheint, ja dass wir gar keine Vorstellung davon haben; gewiss eine merkwürdige Art, den Namen Phänomen zu missbrauchen! Bei solcher Lage der Dinge können wir nicht umhin, uns noch etwas eingehender mit der Frage zu beschäftigen.- §. 2. Die Erklärung, die wir anstreben, ist nicht eine Definition nach den herkömmlichen Kegeln der Logiker. Diese haben in letzter Zeit mehrfach eine vorurtheilslose Kritik erfahren, und dem, was ihnen zum Vorwurfe gesagt wurde, wäre noch manches weitere Wort beizufügen. Das, worauf wir ausgehen, ist die Verdeutlichung der beiden nennt) sei auf Selbstbewusstsein oder introspective Aufmerksamkeit gegründet; das Auge, das Ohr, das Tastorgan seien Media zur Beob- achtung der physischen Welt, des „object world", wie er sich ausdrückt. S. 198 No. 4, I. heisst es dagegen: „Die Wahrnehmung von Materie oder das objective Bewusstsein (object consciousness) ist verknüpft mit der Aeusserung von Muskelthätigkeit im Gegensatz zu passivem Gre- fühl." Und in der Erläuterung fügt er hinzu: „Bei rein passivem Gre- fühle, wie bei denjenigen Empfindungen, bei welchen unsere Muskel- thätigkeit nicht betheiligt ist, nehmen wir nicht Materie wahr, wir sind in einem Zustande subjectiven Bewusstseins (subject consciousness).*' Er erläutert dies an dem Beispiele der Empfindung von Wärme, wenn man ein warmes Bad nimmt, und an jenen Fällen sanfter Berührung^ in welchen keine Muskelthätigkeit stattfindet, und erklärt, unter den- selben Bedingungen könnten Töne, ja möglicherweise auch Licht und Farbe, eine rein subjective Erfahrung (subject experience) sein. Er entnimmt also Beispiele für das Subject - Bewusstsein gerade den Em- pfindungen durch Auge, Ohr und Tastorgan, welche er an der anderen Stelle im Gegensatz zum Subject: Bewusstsein als Vermittler des Ob- ject- Bewusstseins bezeichnet hatte.

^- Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 103