SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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Namen: physisches Phänomen — psychisches Phänomen. Wir wollen in Betreff ihrer Missverständniss und Verwechselung ausschliessen. Und dabei kommt es uns nicht auf die Art der Mittel an, wenn sie nur wirklich der Deutlichkeit dienen.

Zu solchem Zwecke ist nicht allein die Angabe allge- meinerer, übergeordneter Bestimmungen brauchbar. Wie auf dem Gebiete des Beweisverfahrens der Deduction die In- duction, so steht hier der Erklärung durch das Allgemeinere eine Erklärung durch das Besondere, durch das Beispiel, ent- gegen. Und diese wird so oft am Platze sein, als die be- sonderen Namen deutlicher als die allgemeinen sind. So ist es vielleicht ein wirksameres Verfahren, wenn man den Namen Farbe dadurch erklärt, dass man sagt, er bezeichne die Gattung für Roth, Blau, Grün und Gelb, als wenn man umgekehrt Roth als eine besondere Art von Farbe verdeut- lichen will. Doch noch mehr wird bei Namen wie die, um welche es sich in unserem Falle handelt, Namen, welche im Leben gar nicht üblich sind, während die der einzelnen dar- unter befassten Erscheinungen häufig gebraucht werden, die Erläuterung durch die besonderen Bestimmungen gute Dienste leisten. Suchen wir also zunächst durch Beispiele die Be- griffe deutlich zu machen.

Ein Beispiel für die psychischen Phänomene bietet jede Vorstellung durch Empfindung oder Phantasie; und ich verstehe hier unter Vorstellung nicht das, was vorgestellt wird, son- dern den Act des Vorstellens. Also das Hören eines Tones, das Sehen eines farbigen Gegenstandes, das Empfinden von Warm oder Kalt, so wie die ähnlichen Phantasiezustände sind Beispiele, wie ich sie meine; ebenso aber auch das Den- ken eines allgemeinen Begriffes, wenn anders ein solches wirklich vorkommt. Femer jedes ürtheil, jede Erinnerung, jede Erwartung, jede Folgerung, jede Ueberzeugung oder Meinung, jeder Zweifel — ist ein psychisches Phänomen. Und wiederum ist ein solches jede Gemüthsbewegung, Freude, Traurigkeit, Furcht, Hoffnung, Muth, Verzagen, Zorn, Liebe, Hass, Begierde, Willen, Absicht, Staunen, Bewunderung, Ver- achtung u. s. w.

104 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Beispiele von physischen Phänomenen dagegen sind eine Farbe, eine Figur, eine Landschaft, die ich sehe; ein Accord, den ich höre; Wärme, Kälte, Geruch, die ich empfinde; sowie ähnliche Gebilde, welche mir in der Phantasie er- scheinen.

Diese Beispiele mögen hinreichen, den Unterschied der beiden Classen anschaulich zu machen.

§. 3. Doch wir wollen noch in einer anderen und ein- heitlicheren Weise eine Erklärung des psychischen Phänomens zu geben suchen. Hieftir bietet sich uns eine Bestimmung dar, von der wir schon früher Gebrauch machten, indem wir sagten, mit dem Namen der psychischen Phänomene bezeich- neten wir die Vorstellungen, sowie auch alle jene Erschei- nungen, für welche Vorstellungen die Grundlage bilden. Dass wir hier unter Vorstellung wiederum nicht das Vorge- stellte, sondern das Vorstellen verstehen, bedarf kaum der Bemerkung. Dieses Vorstellen bildet die Grundlage des Ur- theilens nicht bloss, sondern ebenso des Begehrens, sowie jedes anderen psychischen Actes. Nichts kann beurtheilt, nichts kann aber auch begehrt, nichts kann gehofft oder ge- fürchtet werden, wenn es nicht vorgestellt wird. So umfasst die gegebene Bestimmung alle eben angeführten Beispiele psychischer Phänomene und überhaupt alle zu diesem Ge- biete gehörigen Erscheinungen.

Es ist ein Zeichen des unreifen Zustandes, in welchem die Psychologie sich befindet, dass man kaum einen Satz über psychische Phänomene aussprechen kann, der nicht von Manchen bestritten würde. Doch in dem, was wir eben sagten, Vorstellungen seien die Grundlage für die anderen psychischen Phänomene, kommt wenigstens die grosse Mehr- zahl mit uns überein. So sagt Herbart ganz richtig: „Jedesmal, indem wir fühlen, wird irgend etwas, wenn auch ein noch so vielfältiges und verwirrtes Mannigfaltiges, als ein Vorgestelltes im Bewusstsein vorhanden sein; so dass dieses bestimmte Vorstellen in diesem bestimmten Fühlen eingeschlossen liegt. Und jedesmal, indem wir begehren,...\ (/ftpitd 1. Vnifim'h'wd Aw pny&h, und phyn, VUüutmmw, lOff ]m\mt [wir] auch rlaMJeniKO In (iodartkon, wa» wir he- Ihirfjart B<iht dann ab«r w(!lt«r. Kr nicht in allen an- deren Phänomenen nidit« aln gewinMe ZuHtIVnde von Vorwtel- liingon, welche aUH VorMtellutiKen ableitbar nind; eine An- nicht, die schon wle<lerholt und innbenondere von Lot/e mit entm'.heidenden (irlUiden beHtritten worden int. Unter Anderen trat in neuenter Zeit auch J. H, Meyer in Heiner l)ar- Ht4)llunK von Kant^K l'^ychologie in Hinterer KWirterung ihr entgegen. Ab(;r dicMer begnügte nU'h ukht <tatrtit /u leugnen, daHX (lie (ieftthle und Degierden auH Vorntetlungen abgeleitet werden k<)nnten; er behauptete, daM» Philnotnene diener Art aucii ohne jede Vorstellung /u bentehen vermochten *). Ja, Meyer glaut^t, dans die niedernten Thiere nur (iefUhle und Uegierden, aber l<eine Vorstellungen haben, und dass dan Leben auch der höheren Thiere und der Menschen mit blossem Kühlen tind Hegehren anfange, während das Vor- stellen erst bei fortschreitender Kntwickelung hinzukomme*;, lliedurch scheint er au<'.h mit unserer Hcthauptung in Con- flict m ktmimen* Docb, wenn ich nicht irre, so Ist der Widerspruch mehr scheinbar als wirklich. Aus mehreren seiner Aeusserungen scheint mir hervorzugehen, dass Meyer den Ihtgritt' der Vor- stellung enger fasst, als wir es gethan liaben, willirend er den Hegriir der (leiühle in demselben Maass<t erw(?ltert. „Vor- stellen**, sagt er, „tritt erst da auf, wo dlo empfundene Vor- iinderuttg des eigenen Zustandes als Folge eines äusseren Itei/es aufgefasst werden kattn, wenn sich dies au<^h zuerst nur in d(nrt unbewusst erfolgenden Umherblicken oder Umhertasten nach einem lUisseren Object ausspricht.** Würde Meyer unter Vorstellung d/isselbe wie wir verstehen, so würde vr unmög- lich so sprechen können. Kr würde einsehen, dass ein Zu- stand, wie iU^r^ welchen er als den Anfang des Vorstellens 106 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen, beschreibt, bereits eine reiche Zahl von Vorstellungen ent- halten würde, Vorstellungen von zeitlichem Nacheinander z. B., Vorstellungen von räumlichem Nebeneinander, und Vor- stellungen von Ursache und Folge. Wenn alles dies der Seele schon gegenwärtig sein niuss, damit eine Vorstellung in J. B. Meyer's Sinne sich bilde, so ist es freilich klar, dass eine solche nicht die Grundlage jeder anderen psy- chischen Erscheinung sein kann. Allein jenes Gegenwär- tig -sein jedes einzelnen der genannten Dinge ist eben schon ein Vorgestellt -sein in unserem Sinne. Und ein solches kommt überall vor, wo etwas im Bewusstsein erscheint: mag es gehasst oder geliebt oder gleichgültig betrachtet; mag es anerkannt oder verworfen oder, bei völliger Zurückhaltung des Urtheils, — ich kann mich nicht besser ausdrücken als — vorgestellt werden. Wie wir das Wort „vor- stellen" gebrauchen, ist „vorgestellt werden" so viel wie „erscheinen".

Dass ein Vorstellen in diesem Sinne von jedem, auch dem niedrigsten Gefühle der Lust und Unlust vorausgesetzt werde, das erkennt J. B. Meyer selbst an, obwohl er, in sei- ner Terminologie von uns abweichend, es nicht ein Vorstellen, sondern selbst bereits ein Fühlen nennt. Dies scheint mir wenigstens aus folgenden Worten hervorzugehen: „Zwischen nicht - Empfinden und Empfinden gibt es kein Mittleres...Nun braucht die einfachste Form der Empfindung nicht mehr zu sein als ein blosses Empfinden der zufolge irgend eines Reizes eingetretenen Veränderung des eigenen Leibes oder eines Theiles desselben. Wesen mit solcher Empfin- dung ausgestattet, hätten dann nur ein Gefühl ihrer eigenen Zustände. Mit diesem Lebensgefühl für die Vorgänge unter der eigenen Haut könnte wohl unmittel- bar eine verschiedene Reizbarkeit der Seele für die ihr förderlichen oder schädlichen Veränderungen verbunden sein, wenn auch diese neue Reizbarkeit nicht einfach aus jenem Gefühl abzuleiten wäre, eine solche Seele könnte Ge- fühle der Lust und Unlust neben der Empfindung haben...Eine so ausgestattete Seele besässe noch keine Gapitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 107 Vorstellung...^)." Wir sehen wohl, dass, was nach uns allein den Namen Gefühl verdienen würde, auch nach J. B. Meyer als Zweites nach einem Ersten auftritt, welches unter den Begriff der Vorstellung, wie wir ihn fassen, fällt und für jenes die unentbehrliche Voraussetzung bildet. So scheint es denn, dass, wenn Meyer's Ansicht in unsere Sprache über- setzt wird, der Widerspruch von selbst verschwindet.

Ein Gleiches ist vielleicht auch bei Anderen der Fall, die ähnlich wie Meyer sich äussern. Doch mag es immerhin vorkommen, dass bei einigen Arten von sinnlichen Lust - und Unlustgefühlen Jemand in Wahrheit der Ansicht ist, es liege ihnen auch in unserem Sinne keine Vorstellung zu Grunde. Eine gewisse Versuchung dazu kann wenigstens nicht ge- leugnet werden. Dies gilt z. B. hinsichtlich der Gefühle, welche durch Schneiden oder Brennen entstehen. Wird einer geschnitten, so hat er meist keine Wahrnehmung von Berüh- rung, wird er gebrannt, keine Wahrnehmung von Wärme mehr, sondern nur Schmerz scheint in dem einen und an- deren Falle vorhanden.

Nichtsdestoweniger liegt auch hier ohne Zweifel dem Gefühle eine Vorstellung zu Grunde. Immer haben wir in solchen Fällen die Vorstellung einer örtlichen Bestimmtheit, die wir gewöhnlich in Relation zu dem einen oder anderen sichtbaren und greifbaren Theil unseres Körpers bezeichnen. Wir sagen, es thue der Fuss, es thue die Hand uns weh, es schmerze uns diese oder jene Stelle des Leibes. Und so werden denn vor Allem diejenigen, welche eine solche ört- *) Kant's Psychol. S. 92. J. B. Meyer scheint die Empfindung ebenso wie Ueberw eg in seiner Logik L §. 36 (2. Aufl. S. 64) zu fassen: „Von der blossen Empfindung...unterscheidet sich die Wahrnehmung dadurch, dass das Bewusstsein in jener nur an dem subjectiven Zu- stand haftet, in der Wahrnehmung aber auf ein Element geht, welches wahrgenommen wird und daher...dem Acte des Wahrnehmens als ein Anderes und Objectives gegenüber steht." Wäre diese Ansicht Ueberweg's über die Empfindung fm Unterschiede von der Wahrneh- mung richtig, so würde nichtsdestoweniger das Empfinden ein Vor- stellen in unserem Sinne einschliessen. Warum wir sie nicht für richtig halten, wird sich später zeigen.

108 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

liehe Vorstellung als etwas ursprünglich durch die Reizung der Nerven selbst Gegebenes betrachten, eine Vorstellung als Grundlage dieser Gefühle nicht leugnen können. Aber auch Andere können derselben Annahme nicht entgehen. Denn nicht bloss die Vorstellung einer örtUchen Bestimmt- heit, auch die einer besonderen sinnlichen Beschaffenheit, analog der Farbe, dem Schall und anderen sogenannten sinn- lichen Qualitäten, ist in uns vorhanden, einer Beschaffenheit, die zu den physischen Phänomenen gehört und von dem be- gleitenden Gefühle wohl zu unterscheiden ist. Wenn wir einen angenehm milden oder einen schrillen Ton, einen harmo- nischen Klang oder eine Disharmonie hören, so wird es Nie- mand einfallen, den Ton mit dem begleitenden Lust- oder Schmerzgefühle zu identificiren. Aber auch da, wo durch Schneiden, Brennen oder Kitzeln ein Gefühl von Schmerz oder Lust in uns erweckt wird, müssen wir in gleicher Weise ein physisches Phänomen, das als Gegenstand der äusseren Wahrnehmung auftritt, und ein psychisches Phänomen des Gefühles, welches sein Erscheinen begleitet, auseinanderhalten, obwohl der oberflächliche Betrachter hier eher zur Verwech- selung geneigt ist.

Der hauptsächliche Grund, der die Täuschung veranlasst, ist wohl folgender. Unsere Empfindungen werden bekannt- lich durch die sogenannten sensibeln Nerven vermittelt. Früher glaubte man, dass jeder Gattung von sinnlichen Qualitäten, wie Farbe, Schall u. s. f., besondere Nerven als ausschliess- liche Leiter dienen. In neuester Zeit neigt sich dagegen die Physiologie mehr und mehr der entgegengesetzten An- sicht zu^). Namentlich lehrt sie fast allgemein, dass die Nerven für die Berührungsempfindungen, in einer anderen Weise gereizt, die Empfindungen der Wärme und Kälte und, wieder in einer anderen Weise erregt, die sogenannten Lust- und Schmerzempfindungen in uns hervorbringen. In Wahrheit gilt aber etwas Aehnliches für alle Nerven, inso- fern ein sinnliches Phänomen der zuletzt erwähnten Gattung *) Vgl. insbesondere Wundt, Physiol. Psychol. S. 345 ff.

Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 109 durch jeden Nerven in uns hervorgeinifen werden kann. Wenn sie sehr stark gereizt werden, bringen alle Nerven schmerzliche Phänomene hervor, die sich der Art nach nicht von einander unterscheiden ^). Vermittelt ein Nerv verschie- dene Gattungen von Empfindungen, so geschieht es oft, dass er mehrere zugleich vermittelt, wie z. B. der Blick in ein elektrisches Licht zugleich eine „schöne", d. h. uns angenehme Farbenerscheinung und zugleich eine uns schmerzliche Er- scheinung anderer Gattung zur Folge hat. Die Nerven des Tastsinnes vermitteln häufig zugleich eine sogenannte Empfin- dung der Berührung, eine Empfindung von Wärme oder Kälte und eine sogenannte Lust- oder Schmerzempfindung. Nun zeigt es sich, dass, wenn mehrere Empfindungsphähomene zugleich erscheinen, sie nicht selten als eines betrachtet werden. In einer auffallenden Weise hat man dies in Be- treff der Geruchs- und Geschmacksempfindungen nachgewie- sen. Es steht fest, dass fast alle Unterschiede, die man als Unterschiede des Geschmacks anzusehen pflegt, in Wahrheit nur Unterschiede gleichzeitig entstehender Geruchsphänomene sind. Aehnlich ist es, wenn wir eine Speise kalt oder warm gemessen: wir glauben oft Unterschiede des Geschmacks zu haben, welche in Wahrheit nur Unterschiede der Temperatur- erscheinungen sind. Da ist es denn nicht zu verwundern, wenn wir das, was ein Phänomen der Temperaturempfindung, und das, was ein Phänomen der Bertihrungsempfindung ist, nicht immer genau auseinanderhalten. Ja wir würden sie vielleicht gar nicht scheiden, wenn sie nicht gewöhnlich un- abhängig von einander aufträten. Betrachten wir nun die Gefühlsempfindungen, so finden war im Gegentheil, dass mit ihren Phänomenen meistens Empfindungen aus einer anderen Glasse verbunden sind, welche höchstens im Falle einer sehr starken Erregung neben ilmen verschwinden. Und so er- klärt es sich recht wohl, wenn man sich über das Auftreten einer besonderen Gattung von sinnlichen Qualitäten täuschte, und statt zweier eine einzige Empfindung zu haben glaubte.

») Vgl unten Buch II. Capitel 3 §. 6.

110 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Da die hinzukommende Vorstellung von einem verhältniss- mässig sehr starken Gefühle begleitet war, ungleich stärker, als dasjenige, welches der ersten Art von Qualität folgte, so betrachtete man diese psychische Erscheinung als das Einzige, was man neu empfangen habe. Und fiel dann die erste Art von Qualität ganz weg, so glaubte man nichts als ein Ge- fühl ohne zu Grunde liegende Vorstellung eines physischen Phänomens zu besitzen.

Ein weiterer Grund, der die Täuschung begünstigt, ist der, dass die Qualität, welcher das Gefiihl folgt, und dieses selbst nicht zwei besondere Namen tragen. Man nennt das physische Phänomen, welches mit dem Schmerzgefühle auf- tritt, in diesem Falle selbst Schmerz. Man sagt nicht so- wohl, dass man diese oder jene Erscheinung im Fusse mit Schmerz empfinde, sondern man sagt, man empfinde Schmerz im Fusse. Dies ist eine Aequivocation, wie wir sie allerdings auch anderwärts häufig finden, wo Dinge in enger Beziehung zu einander stehen. Gesund nennen wir den Leib und, in Bezug auf ihn, die Luft, die Speise, die Gesichtsfarbe u. dgl. mehr, aber offenbar in einem anderen Sinne. In unserem Falle nennt man nach dem Gefühle der Lust oder des Schmerzes, welches das Erscheinen eines physischen Phäno- mens begleitet, dieses selbst Lust und Schmerz, und auch hier ist der Sinn ein modificirter. Es ist, wie wenn wir von einem Wohlklang sagen würden, er sei uns eine Lust, weil wir bei seiner Erscheinung ein Gefühl der Lust empfinden; oder auch, der Verlust eines Freundes sei uns ein grosser Kummer, j Die Erfahrung zeigt, dass die Aequivocation eines der vorzüglichsten Hindernisse ist, Unterschiede zu erken- nen. Am Meisten musste sie es hier werden, wo an und für sich eine Gefahr der Täuschung gegeben, und die IJeber- tragung des Namens vielleicht selbst Folge einer Gonfusion war. Daher wurden viele Psychologen getäuscht, und weitere Irrthümer hingen mit diesem zusammen. Manche kamen zu dem falschen Schlüsse, das empfindende Subject müsse an der Stelle des verletzten Gliedes, in welchem ein schmerz- liches Phänomen in der Wahrnehmung localisirt wird, gegen- Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. Hl wärtig sein. Denn indem sie das Phänomen mit dem beglei- tenden Schmerzgefühle identificirten, betrachteten sie es als ein psychisches, nicht als ein physisches Phänomen. Und eben darum glaubten sie, seine Wahrnehmung in dem Gliede sei eine innere, also evidente und untrügliche Wahrnehmung '). Allein ihrer Ansicht widersprach die Thatsache, dass die gleichen Phänomene in der gleichen Weise oft nach der Am- putation des Gliedes erscheinen. Andere argumentirten da- her vielmehr umgekehrt skeptisch gegen die Evidenz der inneren Wahrnehmung. Alles löst sich, wenn man zwischen dem Schmerze in dem Sinne, in welchem der Namen die scheinbare Beschaffenheit eines Theiles unseres Leibes be- zeichnet, und zwischen dem Gefühle des Schmerzes, das sich an seine Empfindung knüpft, zu unterscheiden gelernt hat. Hat man aber dieses gethan, so wird man nicht mehr geneigt sein zu behaupten, dass dem Gefühle des sinnlichen Schmer- zes, den man bei einer Verletzung empfindet, keine Vor- stellung zu Grunde liege.

Wir dürfen es demnach als eine unzweifelhaft richtige Bestimmung der psychischen Phänomene betrachten, dass sie entweder Vorstellungen sind, oder (in dem erläuterten Sinne) auf Vorstellungen als ihrer Grundlage beruhen. Hierin hätten wir also eine zweite, in wenigere Glieder zerfallende Erklä- rung ihres Begriffes gegeben. Immerhin ist sie nicht ganz einheitlich, da sie vielmehr die psychischen Phänomene in zwei Gruppen geschieden uns vorführt.

§. 4. Eine vollkommen einheitliche Bestimmung, die alle psychischen Phänomene gegenüber den physischen kennzeich- net, hat man negativ zu geben gesucht. Alle physischen Phänomene, sagte man, zeigen Ausdehnung und örtliche Be- stimmtheit: seien sie nun Erscheinungen des Gesichts oder eines anderen Sinnes; oder seien sie Gebilde der Phantasie, die ähnliche Objecto uns vorstellt. Das Gegentheil aber gilt *) So noch der Jesuit Tongiorgi in seinem vielverbreiteten Lehr- buche der Philosophie.

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von den psychischen Phänomenen; Denken, Wollen u. s. f. er- scheinen ausdehnungßlos und ohne räumliche Lage.

Hienach wären wir im Stande, die physischen Phänomene leicht und genau gegenüber den psychischen zu charakteri- siren, indem wir sagten, sie seien diejenigen, welche ausge- dehnt und räumlich erscheinen. Und auch die psychischen wären dann den physischen gegenüber mit derselben Exactheit als diejenigen Phänomene zu bestimmen, welche keine Aus- dehnung und örtliche Bestimmtheit zeigen. Descartes und Spinoza könnte man zu Gunsten einer solchen Unterschei- dung anrufen; besonders aber Kant, der den Raum für die Form der Anschauung des äusseren Sinnes erklärt.

Dieselbe Bestimmung gibt neuerdings A. Bain: „Das Ge- biet des Objects oder die objective (äussere) Welt," sagt er, „ist genau umschrieben durch eine Eigenthümlichkeit, die Ausdehnung. Die Welt der subjectiven Erfahrung (die innere Welt) entbehrt dieser Eigenthümlichkeit. Von einem Baume oder von einem Bache sagt man, er besitze eine ausgedehnte Grösse. Ein Vergnügen hat nicht Länge, Breite oder Dicke; es ist in keiner Hinsicht ein ausgedehntes Ding, Ein Ge- danken oder eine Idee mag sich auf ausgedehnte Grössen beziehen, aber man kann nicht von ihnen sagen, sie hätten eine Ausdehnung in sich selbst. Und ebensowenig können wir sagen, dass ein Willensact, eine Begierde, ein Glauben einen Raum nach gewissen Richtungen erfülle. Daher spricht man von Allem, was in das Bereich des Subjects fällt, als von dem Unausgedehnten. Gebraucht man also, wie es ge- meiniglich geschieht, den Namen Geist für die Gesammtheit der inneren Erfahrungen, so können wir ihn negativ durch eine einzige Thatsache definiren, — durch den Mangel der Ausdehnung i)."

So, scheint es, haben wir wenigstens negativ eine ein- helthche Bestimmung für die Gesammtheit der psychischen Phänomene gefunden.

^) Mental Science, Introd. eh. 1.

Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 113 Allein auch hier herrscht nicht Einstimmigkeit unter den Psychologen; und aus entgegengesetzten Gründen hört man oft die Ausdehnung und den Mangel an Ausdehnung als unterscheidende Merkmale zwischen physischen und psychi- schen Phänomenen verwerfen.

Viele erklären die Bestimmung darum für falsch, weil nicht allein die psychischen, sondern auch manche ton den physischen Phänomenen ohne Ausdehnung erscheinen. So lehrt eine grosse Zahl nicht unbedeutender Psychologen, dass die Phänomene gewisser oder auch sämmtlicher Sinne ursprünglich von aller Ausdehnung und räumlichen Be- stimmtheit sich frei zeigen. Besonders von den Tönen und von den Phänomenen des Geruches glaubt man dies sehr allgemein. Nach Berkeley gilt von den Farben, nach Platner von den Erscheinungen des Tastsinnes, nach Her- bart und Lotze, sowie nach Hartley, Brown, den bei- den Mill, H. Spencer und Anderen von den Erscheinungen aller äusseren Sinne dasselbe. Allerdings kommt es uns so vor, als seiön die Erscheinungen, welche die äusseren Sinne, namentlich das Gesicht und der Tastsinn uns zeigen, alle räumlich ausgedehnt. Aber dies, sagt man, komme daher, dass wir die allmälig entwickelten räumlichen Vorstellungen auf Grund früherer Erfahrung damit verbinden; ursprüng- lich ohne örtliche Bestimmtheit, werden sie später von uns localisirt. Sollte wirklich nur dieses die Weise sein, in wel- cher die physischen Phänomene örtliche Bestimmtheit er- langen, so könnten wir offenbar nicht mehr in Rücksicht auf diese Eigenthümlichkeit die beiden Gebiete scheiden; um so weniger, als auch psychische Phänomene in solcher Weise von uns localisirt werden, wie z. B. wenn wir ein Phä- nomen des Zornes in den gereizten Löwen, und unsere eigenen Gedanken in den von uns erfüllten Raum verlegen.

Das also wäre die eine Weise, in welcher auf dem Standpunkte einer grossen Zahl bedeutender Psychologen die gegebene Bestimmung beanstandet werden muss. Im Grunde genommen ist auch Bain, der sie zu vertreten schien, diesen Denkern beizuzählen; denn er folgt ganz der Hartley'schen 114: Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Kichtung. Nur darum konnte er sprechen, wie er gesprochen hat, weil er (obwohl nicht mit durchgängiger Consequenz) die Phänomene der äusseren Sinne an und für sich nicht za!

den physischen Phänomenen rechnet^). | Andere, wie gesagt, werden aus einem entgegengesetzten Grunde die Bestimmung verwerfen. Nicht sowohl die Be- | hauptung, dass alle physischen Phänomene ausgedehnt er- scheinen, erregt ihnen Anstoss, als vielmehr die, dass alle psychischen der Ausdehnung entbehren; auch gewisse psy- chische Phänomene zeigen sich nach ihnen ausgedehnt. Ari-r stoteles scheint dieser Ansicht gewesen zu sein, wenn er im ersten Capitel seiner Abhandlung über Sinn und Sinnes- object es als unmittelbar und ohne vorgängigen Beweis ein- leuchtend betrachtet, dass die sinnliche Wahrnehmung Act eines körperlichen Organes sei*). Neuere Psychologen und Physiologen äussern sich zuweilen ähnlich hinsichtlich gewisser Affecte. Sie sprechen von einem Lust- und Schmerzgefühl^ das in den äusseren Organen auftrete, manchmal sogar noch nach der Amputation des Gliedes; und doch ist Gefühl wie Wahrnehmung ein psychisches Phänomen. Auch von sinn- lichen Begierden behaupten Manche, dass sie localisirt er- scheinen; und damit stimmt es recht wohl, wenn die Dichter^ nicht zwar von einem Denken, wohl aber von einer Wonne und einem Sehnen sprechen, die Herz und alle Glieder durch- dringen.

So sehen wir, dass sowohl hinsichtlich der physischen als auch hinsichtlich der psychischen Phänomene die gege- bene Unterscheidung angefochten wird. Vielleicht ist der eine wie der andere Widerspruch in gleicher Weise unbe- gründet^). Aber dennoch ist jedenfalls noch eine weitere *) De sens. et sens. 1. p. 436, b, 7. Vgl. auch, was er De Anim. I. 1. p. 403, a, 16 von den Affecten, insbesondere von denen der Furcht,, sagt.

*) Die Behauptung, auch psychische Phänomene erschienen ausge- dehnt, beruht offenbar auf einer Verwechselung physischer und psy- chischer Phänomene, ähnlich derjenigen, von welcher wir oben una Capitel I. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 115 gemeinsame Bestimmung für die psychischen Phänomene wün- schenswerth: denn einmal zeigt der Streit darüber, ob ge* wisse psychische und physische Phänomene ausgedehnt er* scheinen oder nicht, dass das angegebene Merkmal zur deutlichen Scheidung nicht hinreicht; und dann ist es für die psychischen Phänomene nur negativ.

§. 5, Welches positive Merkmal werden wir nun anzu- geben vermögen? Oder gibt es vielleicht gar keine positive Bestimmung, die von allen psychischen Phänomenen gemein- sam gilt? A. Bain meint in der That, es gebe keine 0» Nichtsdestoweniger haben schon Psychologen älterer Zeit auf eine besondere Verwandtschaft und Analogie aufmerksam ge- macht, die zwischen allen psychischen Phänomenen bestehe» während die physischen nicht an ihr Theil haben.

Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisirt,. was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) ^) Inexlstenz eines Gegenstandes genannt haben^ und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Aus- drücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Object (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist)^ oder die immanente Gegenständlichkeif nennen würden. Jedes enthält etwas als Object in sich, obwohl nicht jedes in glei- cher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urtheile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt u. s. w.^) überzeugten, da wir eine Vorstellung als noth wendige Grundlage auch der sinnlichen Gefühle nachwiesen.

^) The Senses and the Intellect, Introd.

*) Sie gebrauchen auch den Ausdruck „gegenständlich (objective) in etwas sein**, der, wenn man sich jetzt seiner bedienen wollte, umge- kehrt als Bezeichnung einer wirklichen Existenz ausserhalb des Geistes genommen werden dürfte. Doch erinnert daran der Ausdruck „imma- nent gegenständlich sein'*, den man zuweilen in ähnlichem Sinne ge* braucht, und bei welchem offenbar das „immanent** das zu fürchtende Missverständniss ausschliessen soll.

*) Schon Aristoteles hat von dieser psychischen Einwohnung ge- sprochen. In seinen Büchern von der Seele sagt er, das Empfundene 8* 116 Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phäno- menen ausschliesslich eigenthümlich. Kein physisches Phä- nomen zeigt etwas Aehnliches. Und somit können wir die psychischen Phänomene definiren, indem wir sagen, sie seien rsolche Phänomene, welche intentional einen Gegenstand in sich enthalten.

Aber auch hier stossen wir auf Streit und Widerspruch. Und insbesondere ist es Hamilton, der für eine ganze weite €lasse von psychischen Erscheinungen, nämlich für alle die- jenigen, die er als Gefühle (feelings) bezeichnet, für Lust und Schmerz in ihren mannigfachsten Arten und Abstufungen, die angegebene Eigenthümlichkeit leugnet. Hinsichtlich der Phänomene des Denkens und Begehrens ist er mit uns einig. Offenbar gebe es kein Denken ohne ein Object, das gedacht, kein Begehren ohne einen Gegenstand, der begehrt werde. „In den Phänomenen des Gefühles dagegen," sagt er, „(den Phänomenen von Lust und Schmerz) stellt das Bewusstsein den psychischen Eindruck oder Zustand nicht vor sich hin, €S betrachtet ihn nicht für sich (apart), sondern ist so zu :sagen in Eins mit ihm verschmolzen. Die Eigenais Empfundenes sei in dem Empfindenden, der Sinn nehme das Em- pfundene ohne die Materie auf, das Gedachte sei in dem denkendea Verstände. Bei Philo finden wir ebenfalls die Lehre von der mentalen Existenz und Inexistenz. Indem er aber diese mit der Existenz im •eigentlichen Sinne confundirt, kommt er zu seiner widerspruchsvollen -Logos- und Ideenlfthre. Aehnliches gilt von den Neuplatonikern. Augustinus in seiner Lehre vom Verbum mentis und dessen inner- .lichem Ausgange berührt dieselbe Thatsache. Anseimus thut es iu meinem berühmten ontologischen Argumente; und dass er die mentale ^ie eine wirkliche Existenz betrachtete, wurde von Manchen als Grund- lage seines Paralogismus hervorgehoben (vergl. üeberweg, Gesch. der Phil. II.). Thomas von Aquin lehrt, das Gedachte sei intentional in dem Denkenden, der Gegenstand der Liebe in dem Liebenden, das Begehrte in dem Begehrenden, und benützt dies zu theologischen Zwecken. Wenn die Schrift von einer Einwohnung des hl. Geistes spricht, so erklärt er diese als eine intentionale Einwohnung durch die Liebe. Und in der intentionalen Inexistenz beim Denken nnd Lieben ^ucht er auch für das Geheimniss der Trinität und den Hervorgang -des Wortes und Geistes ad intra eine gewisse Analogie zu finden.

Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene, 117