SigPhi · Franz Brentano

Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis

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Brentano, Franz Vom Ursprung sittlicher Er- kenntnis. 2. Aufl.

BJ 37 B8 ROBA FRANZ BRENTANO VOM URSPRUNG SITTLICHER ERKENNTNIS ZWEITE AUFLAGE NEBST KLEINEREN ABHANDLUNGEN ZUR ETHISCHEN ERKENNTNISTHEORIE UND LEBENSWEISHEIT HERAUSGEGEBEN UND EINGELEITET VON OSKAR KRAUS DER PHILOSOPHISCHEN BIBLIOTHEK BAND 55 LEIPZIG 1922/ VERLAG VON FELIX MEINER Gegenwartsphilosophie und christh'che Religion Von Hermann Hegenwald .rhrSlZ ^ n^ '^* nicht allein mit dem Verstände, sondern auch mit dem Herzen ^t schrieben. Darum berührt es uns in seiner ehrlichen Überzeugune warm und wnM tuend und laßt uns sobald nicht los. Die Religion soll nicht ein bloßer Srh^ni unser^ Lebens kein Gemußtes und Aufgezwunlenes, sondern ein sehnsüchti/Fr wunschtes, die Befriedgung eines qualvol! empfundenen LebensbSürfn'ssessen Seh als.Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit* äußern. Möchte das int eS^fJl'p?.^5 finden '/^'^''■^"^''^ '° ''^'^^"'^ darstellend! Buch auch in LehrerLeisei"lTe?e' Freunde • „^ Westpreuß. Schulzeitung.

Beiträge zur Religionspsychologie Von Theod. Flournoy Übersetzt von M. Regel. Mit Vorwort von G. Vorbrodt v«r5fl*!f."^-^^^ Methode ist dazu angetan, den unbekannten innerlichen religiösen Spiritismus und Experimentalpsychologie (Die Seherin von Genf) Von Theod. Flournoy Mit Geleitwort von Max Dessoir. Autorisierte Übersetzung XXIII, 556 Seiten. M. 75.—, Halbleinen-Geschenkband M. 95.— «j„oP^^ Werk ist die beste und gründlichste Untersuchung der Bewußtseinszustände lr?f.^u^H"^"R*^K » Jl^'^'^'^s«, die wir bisher überhaupt besitzen, unübertrefflich an Sorgfa t der Beobachtung und Analyse, unermüdlich in der Aufhellung zunächst un- durchsichtiger Tatbestände, vorbildlich objektiv in der Beurteilung der für Sfetheore- tische Erklärung bestehenden Möglichkeiten. Dr. Österreich im Literar. Zentralbktt Der Sinn der gegenwärtigen Kultur Von Jonas Cohn XI, 297 Seiten. M. 30.—, in Geschenkband M. 40.— Inhalt: Der Mensch als einzelnes Ich. Der Mensch in der Gemein- schaft. Der Mensch und die Welt. Der Mensch und Gott. Es gibt wenige, die ganze Weite des geistigen Daseins so lief durchdringende und geistvoll beleuchtende, dabei philosophisch so tief gegründete Werke wie dieses Buch. Es ist ein erlebtes Buch, in dem sich die Bewegungen und Kämpfe der Gegen- wart spiegeln. Der geschichtliche Stoff ist der Anlaß zu einer Kulturphilosophie, die in den Gedanken der kritischen Philosophie ihre Grundlagen hat. Niemand wird dem Buche ohne vielfache Forderung nahetreten. Es ist eine höchst gehaltvolle und bedeutende Leistung. Zeitschrift für den deutschen Unterricht.

VERLAG VON FELIX MEINER IN LEIPZIG FRANZ BRENTANO VOM URSPRUNG SITTLICHER ERKENNTNIS ZWEITE AUFLAGE NEBST KLEINEREN ABHANDLUNGEN ZUR ETHISCHEN ERKENNTNISTHEORIE UND LEBENSWEISHEIT HERAUSGEGEBEN UND EINGELEITET VON OSKAR KRAUS DER PHILOSOPHISCHEN BIBLIOTHEK BAND 55 LEIPZIG 1921 / VERLAG VON FELIX MEINER Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten Buchdruckerei |ulius Klinkhardt in Leipzig.

Inhaltsverzeichnis.

Seite EinJeitung des Herausgebers VII Vorwort zur ersten Auflage 1 Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. Ein Vortrag.

1. Wert der Geschichte und Philosophie für die Jurisprudenz; die neuen Vorschläge zur Reform der juridischen Studien in Österreich 5 2. Unser Thema; Beziehung zu Iherings Vortrag in der Wiener Juristischen Gesellschaft 6 3. Zweifacher Sinn des Ausdrucks;,natürhches Recht"...6 4. Punkte der Übereinstimmung mit Iheiing; Verwerfung des „jus naturae" und.jus gentium"; vorethische politische Satzungen...6 5. Gegensatz zu Ihering. Es gibt ein allgemeingültiges, natürlich erkennbares Sittengesetz. Relative Unabhängigkeit der Frage 7 6. Der Begriff, natürliche Sanktion" 8 7. Vielfache Verkennung desselben durch die Philosophen.. 9 8. Gewöhnlich sich entwickelnder Drang des Gefühls als solcher ist keine Sanktion 9 9. Motive der Hoffnung und Furcht als solche sind noch nicht Sanktion 9 10. Der Gedanke an das Willensgebot einer höheren Macht ist nicht die natürUche Sanktion 10 11. Die ethische Sanktion ist ein Gebot ähnlich der logischen Regel IJ 12. Der ästhetische Standpunkt. So wenig in der Logik, so wenig kann er in der Ethik der richtige sein 11 13. Kants kategorischer Imperativ eine unbrauchbare Fiktion. 12 14;. Notwendigkeit psychologischer Voruntersuchungen...13 15. Kein Wollen ohne letzten Zweck 13 16. Die Frage: welcher Zweck ist richtig? ist die Hauptfrage der Ethik 13 17. Der richtige Zweck ist das Beste unter dem Erreichbaren; Dunkelheit dieser Bestimmung 14 18. Vom Ursprung des Begriffs des Guten; er stammt nicht aus dem Gebiete der sogenannten äußern Wahrnehmung...14 19. Der gemeinsame Charakterzug alles Psychischen...14 20. Die drei Grundklassen der psychischen Phänomene: Vor- stellung, Urteil, Gemütsbewegung 16 21. Die Gegensätze von Glauben und Leugnen, Lieben und Hassen 17 22. Von den entgegengesetzten Verhaltungsweisen ist immer eine richtig, eine unrichtig 17 IV hihaltsverzeichni«.

Seite 23. Der Begriff des Guten 17 24 Scheidung des Guten im engern Sinn von dem um eines andern willen Guten. 17 25. Liebe beweist nicht immer Liebwürdigkeit 18 26. BHndes and einsichtiges Urteil 18 27. Analoger Unterschied auf dem Gebiete des Gefallens und Miß- fallens; Kriterium des Guten 19 28. Vielheit des Guten; Fragen, die sich hieran knüpfen...22 29. Ob unter dem „Besseren das zu verstehen sei, was mit mehr Intensität geliebt zu werden verdiene 22 30. Richtige Bestimmung des Begriffes. 23 31. Wann und wie erkennen wir, daß etwas in sich selbst vor- züglich ist? der Fall des Gegensatzes, des Mangels, der Addition zu Gleichem 23 32. Fälle, wo die Frage unlösbar ist 25 33. Ob der Hedoniker in dieser Beziehung im Vorteil sein würde 26 34. Warum sich die Mängel weniger, als man besorgen sollte, nachteilig erweisen 27 35. Das Bereich des höchsten praktischen Gutes 27 36. Die harmonische Entwickelung 28 37. Die natürliche Sanktion von Rechtsgrenzen 28 38. Die natürliche Sanktion für positive Sittengesetze...29 39. Die Macht der natürlichen Sanktion 29 40. Wahre und falsche Relativität ethischer Regeln 30 41. Ableitung bekannter spezieller Vorschriften 31 42. Warum andere Philosophen auf anderen Wegen zum gleichen Ziele gekommen sind 31 43. Woher die allgemein verbreiteten ethischen Wahrheiten stammen; Unklarheit über Vorgänge im eigenen Bewußtsein 32 44. Spuren des Einflusses der einzelnen hervorgehobenen Momente 33 45. Niedere Strömungen, die einen Einfluß üben 35 46. Man muß sich hüten, den Unterschied ethischer und pseudo» ethischer Entwickelung zu verkennen 37 47. Wert solcher Entwickelungen in der vorethischen Zeit: Her- stellung sozialer Ordnung; Bildung von Dispositionen; Ge- setzesentwürfe für die legislative ethische Gewalt; Verhütung von schabionisierendem Doktrinarismus 37 48. Segensreiche Einwirkungen, die noch fort und fort von dieser Seite geübt werden 39 49. Nochmals von der Reform der juridisch-politischen Studien 39 Verzeichnis wichtigerer Anmerkungen.

16. Zur Verteidigung meiner Charakteristik von Herbarts ethischem Kriterium 42 17. Über Kants kategorischen Imperativ 43 19. Die Nikomachische Ethik und Iherings „Grundgedanke" in seinem Werke „Der Zweck im Recht" 44 20. Von den Fällen geringerer Chancen beim Streben nach höherem Ziele...^.. 44 Inhaltsverzeichnis. V Seit© 21. Von der Abhängigkeit der Begriffe von konkreten Anschau- 25. Die Grundeinteilung der psychischen Phänomene bei Des- cartes*) 45 26. Windelbands Irrtum hinsichtlich der Grundeinteilung der psychischen Phänomene 45 28. Descartes über die Beziehung von „Liebe" zu ^Freude" und 31. Von der Einlieit des Begriffes des, Guten" 49 32. Von der Evidenz; die „clara et distincta perceplio" bei Des- cartes; Sigwarts Lehre von der Evidenz und seine „Postulate" 50 34. Vom ethischen Subjektivismus. — Das Versehen des Aristoteles in betreff der Erkenntnisquelle des Guten; Parallele zwischen seinem Irrtum hinsichtUch der Gemütstätigkeit und der Lehre Descartes' von der clara et distincta perceptio als Vorbedin- gung des logisch gerechtfertigten Urteils; spätere Anklänge an diese Lehre 54 an diese Lehre 54 35. Von den Ausdrücken „gut gefallen" und „schlecht gefallen* 51) 37. Ausgezeichneter Fall eines konstanlen geometrischen Verr hältnisses psychischer Werte 60 38. Fälle, in welchen etwas zugleich gefällt und mißfällt...60 39. Feststellung allgemeiner Gesetze von Wertschätzung auf Grund einer einzigen Erfahrung 60 40. Gewisse Momente der ethischen Erkenntnistheorie sind für die Theodizee mehr als für die Ethik selbst von Wichtigkeit 61 41. A. d. H., Bevorzugung ist die einzige Quelle für jede Art von „ Vorzüglichkeit " 61 42. Zwei weitere Balle, in welchen uns aus dem Chai'akter der Bevorzugung die Vorzüglichkeit klar wird...61 43. A. d. H., Über das Wertverhältnis von sinnlicher Lust und Erkenntnis 63 47. Gegen übergJoHe Erwartungen von dem sogenannten psycho- physischen Gesetze 63 49. Abwehr des Vorwurfs zu großer ethischer Strenge...64 50. Die Nächstenliebe im Einklang mit der größeren Fürsorge für das Eigene 65 52. Warum die Beschränktheit menschlicher Voraussicht den ethischen Mut nicht lähmen darf 66 53. Zur Kritik von Iherings Auffassung des Rechtsbegriffes und seiner Beurteilung älterer Bestimmungen 66 54. Von der interimistischen ethischen Sanktion verwerflicher Gesetze 69 ^) Anmerkung des Herausgebers (im folgenden abgekürzt: A. d. H.}. Die Anmerkungen historisch-kritischen fnhaltes Nr. 25 u. 26 sind in dieser Ausgalie wesentlich gekürzt.

VI Inhaltsverzeichnis.

Seite 71. Selbstwiderspruch Epikurs 72 75 — 76. Belege für das Gesetz der Addition zu Gleichem; Zeug- nisse dafür in der Lehre der Stoa, bei den theistischen Hedonikern und in dem Verlangen nach Unsterblichkeit; Helmholtz 72 79. Die großen Theologen sind Gegner der Willkür des gott- gegebenen Sittengesetzes 73 80. Die Lehre von dem Unterschied zwischen blindem und evidentem Urteil bei J. St. Mill 73 Anhang.

I. Über den apriorischen Charakter der ethischen Prinzipien.

Aus einem Briefe an den Herausgeber vom 24 März 1904 75 IL Über Gemütsentscheidungen und die Formulierung des obersten Sittengesetzes. Aus einem Briefe an den Heraus- geber vom 9. September 1908. 77 III. Zur Lehre von der Relativität der abgeleiteten Sittengesetze (Das Recht auf den Selbstmord). Vom 2. September 1893 80 IV. Strafmotiv und Strafmaß (vermutlich vor 1903)...83 V. Epikur und der Krieg. 5. Januar 1916 87 VI. Das ethische Attentat des jungen Benjamin Franklin (um 1899) 91 Vn. Über die sittliche Vollkommenheit der ersten Ursache aller nicht durch sich selbst notwendigen Wesen, etwa 1906 96 Vni. Glück und Unglück (vermutlich vor 1903) 101 Zur Einleitung.

Von Oskar Kraus.

Franz Brentanos Schrift „Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis", die nun in zweiter Auflage den Weg zur deutschen Leserwelt sucht und hoffentlich finden wird^), ist nicht mehr und nicht weniger als der Entwurf einer ethischen Erkenntnistheorie oder ethischen Urteilskritik. Die überlieferte Logik weist eine klaffende Lücke auf: in ihrer Axiomatik fehlen die Wertaxiome. Aber die größten Denker zweifelten nicht daran, daß es solche ethische Grundwahrheiten gibt, die nicht minder sicher sind als der Satz des Widerspruchs.

Sokrates war es, der im Kampfe gegen die frivolen Angriffe der Sophisten auf die sittlichen Grundlagen von Recht und Staat die Überzeugung verfocht, daß es ein Wissen in ethischen Dingen gebe, und daß die natürlichen Grundlagen für recht und sittlich in unserem eigenen Innern zu suchen seien. Dementsprechend hat sein Schüler Piaton schon erkannt und gelehrt, daß keinerlei Autorität die Quelle der Moral sein könne, daß etwas nicht darum recht und gut sein könne, weil ein Gott es so will, sondern umgekehrt das vollkom- menste Wesen nur das wollen könne, was in sich gut sei oder zum Guten und Besten führe. Ihm und seinem großen Schüler Aristoteles war die Lehre gemein- sam, daß analog, wie es ein richtiges und umichtiges Urteilen gibt, auch von einem rechten und unrechten Fühlen und Wollen gesprochen werden könne. Franz Brentano endlich zeigte, in welchen seehschen Tätig- keiten der Maßstab für die Richtigkeit unseres Fühlens und Wollens gelegen ist. Das gelang ihm, indem er gleich *) Eine enj^lische Übersetzung ist 1902 unter dem Titel „Tho origin of the knowlegde of right and wrong" von Cecil Hague besorg worden (bei C.onstable & Co.).

VIII Einleitung.

seinen großen Vorgängern den Kampf aufnahm gegen den Geist der Sophistik, der, wie im Altertume, auch in unserer Zeit die Subjektivität und Relativität alles Wissens und alles Wertens mit großer Werbekraft vertritt und verficht.

Zur Zeit Piatons war es der berühmte Sophist Protagoras, der für das logische Gebiet den Satz aussprach, wahr sei für jeden dasjenige, was er glaubt, und daher sei der Mensch das Maß aller Dinge, der Seienden, daß sie sind, und der Nichtseienden, daß sie nicht sind. Andere Sophisten übertrugen dies als- bald auf das Gebiet des Ethischen und nannten „gut'*, was einer liebt, und „schlecht**, was einer haßt, so zwar, daß etwas zugleich in sich gut und schlecht sein könnte: in sich gut für alle, die es lieben, in sich schlecht für alle, die es hassen.

Von diesem Standpunkte aus gäbe es keine Allgemein- gültigkeit der Erkenntnis und gäbe es keine allgemein- gültige Wertung. Der Begriff eines richtigen Urteils wäre ebenso hinfällig und fiktiv, wie der eines berech- tigten Liebens, Werthaltens und Strebens. Es hätte keinen Sinn, von einem in sich gerechtfertigten Ur- teil zu sprechen, das als normgebende Richtschnur für alle Urteilenden und dessen Gegensatz als falsch oder unrichtig anzusehen wäre, und es gäbe kein Interesse und kein Streben, das wir als berechtigt einem unberech- tigten Verlangen imd Wertschätzen gegenüberzustellen hätten. So wäre denn gleichermaßen sowohl Logik als Ethik im Sinne von normativen Disziplinen unmöglich.

Eine fortgeschrittene Psychologie konnte den logischen Subjektivismus des Protagoras an der Wurzel fassen, indem sie den Weg bahnte zu einer vollkommeneren Be- trachtung unserer urteilenden und erkennenden Funk- tionen: zu einer Erkenntnistheorie, die in den eviden- ten oder einsichtigen Urteilen den letzten Maßstab für das logisch Richtige und Unrichtige feststellte.

Leibniz sonderte die zwei großen Gruppen unmittel- bar sicherer Wahrheiten scharf voneinander: die Tat- sacheuAvahrheiten, das sind jene unmittelbar siche- ren Erkenntnisse, in denen wir unsere gegenwärtige Einleitung. IX psychische Tätigkeit mit untrüglicher Sicherheit erfassen, wie wenn wir uns z. B. in diesem Augenblicke als Vor- stellende, Urteilende oder Interessenehmende wahrneh- men, und die sogenannten Vernunft Wahrheiten, das sind jene axiomatischen Einsichten a priori, die uns die Objekte gewisser Begriffskombinationen apodiktisch, d. h. als unmöglich verwerfen lassen. Wer z. B. ein Rundes- Eckiges vorstellend zu seinem Objekte macht, erkennt wohl unmittelbar, daß ein solches Ding schlechterdings nicht sein kann. Ebenso wird es jedem unmittelbar aus der Betrachtung der Begriffe einleuchtend werden, daß zwei Urteile, die dasselbe Ding widersprechend beurteilen, unmöglich evident, d.h. in sich selbst gerechtfertigt sein oder mit einem evidenten überein- stimmen, d.h. richtig sein können. (Satz des Wider- spruchs.) Denn als „richtig" erkennen wir ein Urteil eben dann, wenn wir es als mit einem evidenten übereinstimmend erkennen. Das evi- dente Urteil ist das logische Maß, die Norm, das Ideal für alle anderen Urteile, die nicht selbst mit unmittelbarer Einsicht gefällt werden. Ohne ein solches Kriterium wäre eine Logik unmöglich. Brentano hat mit einer Klarheit, die vor ihm nicht erreicht worden war, gezeigt, daß auch die Ethik eines solchen unmittelbaren Maß- stabes des rechten Fühlens und Wollens nicht entbehrt, und in welchen Akten wir die Norm des Richtigen oder Rechten auf dem Gebiete des Gemütslebens zu suchen haben.

Das Eigentümliche der Leistung Brentanos besteht also darin, daß er die psychologische Analyse des in uns allen lebendigen sittlichen Bewußtseins bis zu den letzten.Erfahrungen fortführte, aus denen die Begriffe der in sich gerechtfertigten Gemütstätigkeiten (Wertungen und Bevorzugungen) und dai'an anknüpfend unsere apriorischen Wert- und Vorzugsaxiome entspringen. Die innere Erfahrung liefert uns z. B. die Begriffe des Er- kennenden und des Irrenden, dos sich Freuenden und des peinvoll Affizierten, und diese Begriffe motivieren ihrerseits eine als richtig charakterisierte J.iebe des einen und einen als gerechtfertigt sich kundgebenden Haß des anderen sowie eine richtige Bevorzugung des X Einleitung.

X Einleitung.

einen vor dem anderen. Hierbei wendet sich das Lieben, Hassen und Bevorzugen jenen begrifflich erfaßten see- lischen Tätigkeiten als solchen zu, d. i. z. B. der Erkennt- nis, dem Irrtum, der Freude, dem Schmerz als solchen, ganz abgesehen von dem sie individualisierenden Mo- mente, insbesondere, abgesehen von der eigenen Indi- vidualität des Liebenden oder Hassenden, so daß von einem egoistischen oder egozentrischen Ausgangspunkt der Ethik ebensowenig die Rede sein kann, wie von einem hedonistischen. Natürlich bestimmt uns der Ge- danke des richtigen Fühlens und Bevorzugens selbst seinerseits wiederum zu einer in sich gerechtfertigten Liebe, d. h. die richtige Gemütstätigkeit ist selbst „wert- voll" oder „gut". Geht Kant darin zu weit, daß er nichts als gut gelten lassen möchte als den guten Willen allein, so bleibt doch wahr, daß der im Einklang mit der richtigen Bevorzugung sich entscheidende Wille selbst Gegenstand einer richtigen Wertung und Bevor- zugung wird.

Brentanos Analysen verdeutlichen demnach, was in uns vorgeht, wenn wir uns der Redeweise bedienen, dies oder jenes, z. B. Erkenntnis oder edle Liebe, sei in sich selbst ein Gut, sei ein primärer Wert, ein Eigen- wert, oder es sei Pflicht, Norm, sie zu lieben und andererseits, es sei Irrtum, oder sinnlicher Schmerz ein Übel. Es bedeutet dies nichts anderes, als daß wir erkennen, es sei ein auf jene Objekte gerich- tetes Lieben (bezw. Hassen) in sich gerechtfer- tig t, oder daß wir es a "priori als schlechthin unmöglich erkennen, daß ein darauf gerichtetes Lieben bzw. Hassen ungerechtfertigt sei.

Ohne weiteres fließt hieraus die wichtige Erkenntnis, daß der „Wert" oder die „Güte" ebensowenig Eigen- schaften von Dingen sein können, als etwa die „Exi- stenz".

Und ebensowenig als von dem Sein ewiger Wahr- heiten gesprochen werden muß, um die Allgemeingültig- keit apodiktischer Erkenntnisse zu retten, ebensowenig bedürfen wir eines fiktiven „Reiches ewiger Werte", um die Objektivität unserer Wertaxiome gegen allen Subjektivismus und Relativismus zu sichern. Relativ Einleitung XI Einleitung XI sind, wie Brentano zeigt, nur die abgeleiteten prak- tischen Regeln des Rechtes und der Moral. Soll aber v'on Gehorsamspflichten gegen diese sekundären Normen die Rede sein können, sollen uns diese Forderungen nicht gegenübertreten als bloße erpresserische Drohun- gen, so muß eben jene B-eziehung zum ethisch Richtigen bestehen, die in der vorliegenden Schrift aufgewiesen wird.

Alle Macht kann die der Macht Unterworfenen nur insoweit verpflichten als die Macht selbst als Pflicht, d.i. ethisch-richtig ausgeübt wird; und andererseits ist klar, daß Forderungen auch dann gerechtfertigt sein können, wenn keine Macht ihre Verwirklichung zu sichern imstande ist. So die Forderungen des sog. Völkerrechtes als Gebote der Völkergerechtigkeit. Wie die Jurisprudenz, losgelöst von dem Nährquell des emo- tionell Richtigen und Rechten, zugleich ihre ethische und wissenschaftliche W^eihe einbüßt, so auch die Wirt- schaftslehre als praktische Disziplin. Alle,, Werttheorie" ist wertlos, solange sie nicht von einer Theorie des rich- tigen Wertens und Bevorzugens ausgeht. Alle Volks- wirtschaftspolitik und alle Politik überhaupt wäre eitler Wahn, wenn es wahr wäre, was manche „Politiker" als letzte Weisheit verkünden, daß Werturteile jenseits aller Wissenschaft liegen. Diese Irrlehren, die traurigen Folgen einer verkommenen philosophischen Spekulation und einer von römisch-rechtlichem Imperialismus ge- nährten rein historisch und positivistisch gestalteten Wissenschaft müssen vor allem ausgetilgt werden; denn ein gemeinsames ethisches Bewußtsein, ein einheitliches Wissen um die höchsten Menschheitsziele ist die erste Vorbedingung zu einer einverständlichen und ver- ständigen Regelung des sozialen und internationalen I.ebens.

Mag auch der intellektualistische Determinismus eines Sokrates und Piaton insofern nicht richtig sein, als das Wissen vom sittlich Richtigen allein noch nicht genügt, um uns zu rechtem Wollen zu determinieren, so bildet es doch einen mitbestimmenden Faktor und ist eine conditio sine qua non.

XII Einleitung.

XII Einleitung.

Mit der Erkenntnis, daß es auf emotionellem Gebiete ein „richtig" und „unrichtig" gibt, gewinnen wir die Möglichkeit, in der Determinismusfrage klar zu sehen. Das Problem der universellen Notwendigkeit bleibt von den ethischen Prinzipienfragen unberührt und diese -von jenem. Niemand fragt bei einem Urteile, ob es notwendig xmd verursacht ist, um zu erkennen, daß es wahr oder falsch ist. Ebensowenig ist die Richtig- keit oder Unrichtigkeit eines Willensaktes abhängig von dem Umstände, ob er verursacht ist oder nicht. — Lob, Lohn, Tadel und Strafe aber sind gesellschaftliche In- stitutionen, deren Rechtfertigung einzig und allein in ihrer sozialen Nützlichkeit, d. i. in ihrer determinie- renden Tendenz, besteht. Leicht begreift sich, was manche als Einwand gegen Brentanos Lehre vom emo- tionell Richtigen vorgebracht haben, daß nicht jede rich- tige Willensents'cheidung gelobt und gerühmt wird, sondern nur jene, die in den meisten Fällen mit inneren Widerständen zu kämpfen hat und daher eines An- spornes bedarf. — Doch ich kann in dieser Einleitung weder die Tiefe der vorliegenden Schrift ausschöpfen, noch alle Folge- rungen ziehen und allen Einwendungen begegnen. Die Herausgabe der Vorlesungen über praktische Philo- sophie wird die Lücken ausfüllen.

An dem Texte des Vortrages habe ich nichts ge- ändert, obgleich die häufige Verwendung grammatika- lischer Abstrakta und entia rationis, „Wert", „Güte", „Zweck", „Schlechtigkeit" und anderer sprachlicher Fik- tionen („Existenz", „Nichtexistenz", „Unmöglichkeit", „Notwendigkeit") dem späteren Stande der Forschung Brentanos nicht ganz entspricht. Doch behält man ja auch die ptolomäische Redeweise bei, ohne damit die kopernikanische verleugnen zu wollen. Einige pole- mische Anmerkungen habe ich gekürzt bezw. weg- gelassen; teils sind sie überholt, teils sprengen sie den Rahmen der Probleme, teils sind sie durch Martys ge- sammelte Schriften, der manchen Strauß für die Ur- teilslehre Brentanos ausfocht, überflüssig geworden. Das- selbe gilt von dem Anhange der 1. Ausgabe über „die subjektlosen Sätze" von Miklosich. Dagegen habe ich Einleitung. XIIl einige kleine Abhandlungen beigefügt, die den Fort- schritten späterer Jahre Rechnung tragen und andere, die sich auf wichtige l^ebens- und Weltanschauungs- fragen beziehen.

Die ethische Erkenntnistheorie, wie sie von Brentano entwickelt wird, ist vöUig souverän, kein Willensgebot, weder ein eigenes, noch ein fremdes, weder ein mensch- liches, noch ein übermenschliches ist der Verpflich- tungsgrund, sondern das seiner selbst sichere Bewußt- sein der Richtigkeit der Liebe und des Hasses; die Moral ist daher weder heteronom, noch eigentlich auto- nom, sondern orthonom. Die Unabhängigkeit der ethi- schen Prinzipien von der Metaphysik ist außer Frage.

Mag uns aber die natürliche Offenbarung unseres Be- wußtseins noch so deutlich sagen, was „gut" und was „besser" ist, und mag sie uns „das Beste unter dem Erreichbaren" noch so klar als selbstverständliche Norm vor Augen stellen, die Frage, ob uns ein über- wiegendes Maß von Gütern oder von Übeln erreichbar ist, die Entscheidung zwischen Optimismus und Pessi- mismus kann nur die Metaphysik liefern.

Ob die Notwendigkeit, welche alles beherrscht; eine blinde oder eine mit Einsicht schaffende ist, das ist das Problem, von dem in letzter Linie Sein oder Nicht- sein, Lebensbejahung oder Lebens Verneinung abhängig zu machen ist.

Wir erschließen mit Sicherheit eine erste, in sich selbst notwendige, vollkommene Ursache als determi- nierendes Prinzip der Weite ntwioklung, und sie verbürgt uns einen 'unendlichen Aufstieg der gesamten Schöpfung zu immer höherer Vollkommenheit als einzige jener Ursache angemessene Wirkung.

Erst diese Gewißheit gibt dem denkenden, sich über den blinden Lebensinstinkt erhebenden Menschen Lebensmut und Zuversicht: wir dürfen das Leben getrost bejahen und sicher sein, daß auch unsere Seele in die Unendlichkeit einer Schöpfung, die für Mannigfaltig- keiten höherer Ordnung Raum und Überraum genug läßt, unverlierbar eingegliedert ist. Man kann die Ethik ohne XIV Einleitung.

Metaphysik begründen, aber nicht ohne Metaphysik zu Ende führen.

Einige kleine, diesen Zusammenhang berülirende Ab- handlungen Brentanos habe ich daher aus dem Reich- tum seines literarischen Nachlasses beigefügt und glaube dadurch manchem Gottsucher eine willkommene Gabe zu bringen. Mit dem Atheisten verbindet uns dennoch die gemeinsame Überzeugung von der alles durchwalten- den Notwendigkeit und von der autoritätsfreien Ein- sicht in das ethisch Richtige und Unrichtige.

Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis, Ein Vortrag.

Vorwort zur ersten Auflage.

Was ich hier vor ein größeres Publikum bringe, ist ein Vortrag, den ich am 23. Januar 1889 in der Wiener Juri- stischen Gesellschaft hielt. Er führte den Titel „Von der natürlichen Sanktion für recht und sittlich*'. Diesen habe ich, um den Inhalt deutlicher hervortreten zu lassen, ver- tauscht, sonst aber kaum eine Änderung getroffen. Nur zahlreiche Anmerkungen wurden hinzugefügt, und ein früher schon veröffentlichter Aufsatz „Miklosich über subjektlose Sätze" beigegeben. In welcher Weise er sich mit scheinbar so fern abliegenden Untersuchungen berührt, wird man in ihrem Verlauf von selbst er- kennen i).

Den Anlaß zu dem Vortrag gab eine Einladung, die Baron von Hye als Obmann der Gesellschaft an mich gerichtet hatte. Es war sein Wunsch, daß, was Ihering in seiner Rede „Über die Entstehung des Rechtsgefühls" vor wenigen Jahren hier besprochen, im selben Kreise auch von anderem Standpunkt beleuchtet werden möge. Man würde irren, wenn man um des zufälligen An- stoßes willen den Vortrag für ein flüchtiges Werk der Gelegenheit hielte. Er bietet Früchte von jahrelangem Nachdenken. Unter allem, was ich bisher veröffent- licht, sind seine Erörterungen wohl das gereif teste Er- zeugnis.

Sie gehören zum Gedankenkreise einer „Deskriptiven Psychologie", den ich, wie ich nunmehr zu hoffen wage, in nicht ferner Zeit seinem ganzen Umfange nach der Öffentlichkeit erschließen kann. Man wird dann an weiten Abständen von allem Hergebrachten und ins- besondere auch an wesentlichen Fortbildungen eigener, in der „Psychologie vom empirischen Standpunkt" ver- tretener Anschauungen genugsam erkennen, daß ich in meinerlangen literarischen Zurückgezogenheit nicht eben müßig gewesen bin 2).

Auch in diesem Vortrage wird dem Philosophen von Fach manches sofort als neu auffällig sein. Dem Laien Brentano, Ursprung sittl. KrktMintnis. 2 2 Vorwort.

mag sich bei der Raschheit, mit der ich ihn von Frage zu Frage führe, manche Klippe, die umschifft, mancher Abgrund, der umgangen werden mußte, zunächst ganz und gar verbergen; wenn irgendwer, mußte ich, bei so gedrängter Kürze, eines Wortes von Leibniz gedenken und wenig auf widerlegen, viel auf darlegen bedacht sein. Bei einem Blick in die Anmerkungen — obwohl sie, hierfür alles zu leisten, einer hundertfältigen Ver- mehrung bedürften — wird dann auch ihm etwas mehr von den Abwegen offenbar, die so viele verlockten und den Ausgang aus dem Labyrinth nicht finden ließen. Bis dahin wäre es mir nur willkommen — ja ich würde darin die Krone meines Strebens sehen —, wenn ihm alles Gesagte so selbstverständlich erschiene, daß er mir dafür nicht einmal zum Danke sich verpflichtet glaubte.