Ihering hat sie hervorgehoben ^6), aber nicht, wie er zu meinen scheint, als einer der ersten. Vielmehr war die Lehre alther bekannt und wurde schon von Piaton in seiner Republik geltend gemacht 0^). Aristoteles hat sie in der Ethik und mit größtem Nachdruck in der Politik betont ö8)^ Auch die Scholastiker hielten sie fest, und in moderner Zeit haben selbst Männer von so energischen ethischen und politischen Überzeugungen wie Benthamö9) sie nicht geleugnet. Wenn die Fana- tiker der französischen Revolution sie verkannten, so sind doch die Besonnenen unter ihren Mitbürgern auch idamals solchem Wahne nicht verfallen. Laplace z. B. in seinem Essai philosophique sur les probabilites gibt der wahren Lehre gelegentlich Zeugnis und erhebt war- nend seine Stimme ^o).
Und so hat der ausgezeichnete Forscher, der uns den Geist des römischen Rechts erschlossen und dem wir auch als Verfasser des Zweckes im Recht in vieler Be- ziehung gewiß zum Danke verpflichtet sind, genau be- trachtet hier nichts getan, als die Lehre getrübt, indem er sie mit einer wesentlich andern und falschen Relati- vitätslehre konfundierte. Nach dieser:würde kein Satz der Ethik, auch nicht der, daß man das Beste des Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. 31 weitesten Kreises beim Handeln maßgebend machen solle, ausnahmslose Gültigkeit haben. In der Urzeit und auch später, lange Jahrhunderte hindurch, wäre, wie er ausdrücklich behauptet, ein solches Verfahren ebenso unsittlich gewesen wie in spätem das entgegen- gesetzte. Wir müßten, in die Zeiten der Menschen- fresserei zurückblickend, mit den Menschenfressern und nicht mit dem sympathisieren, der etwa, innerlich seiner Zeit vorauseilend, schon damals die allgemeine Nächsten- liebe gepredigt hätte ß^). Das sind Irrtümer, welche nicht bloß durch die philosophische Reflexion auf die Erkenntnisprinzipien der Ethik, sondern auch durch die Erfolge unserer christlichen Missionäre schlagend wider- legt werden.
41. So wäre denn die Bahn zu dem uns vorgesetzten Ziele durchschritten. Zeitweilig führte sie uns durch fremde, wenig betretene Gebiete; zuletzt aber mochten die Resultate, zu welchen wir gelangten, uns wie alte Bekannte anmuten. Indem wir Nächstenliebe und Selbst- aufopferung für Vaterland und Menschheit als Pflicht erklärten, wiederholten wir nur, was rings um uns verkündet wird. Und so würden wir denn auch, wenn wir noch mehr ins einzelne gingen, Lug und Verrat und Mord ^2) u^^ Unzucht ^3) ^^(j so vieles andere, was als ethisch verwerflich gilt, mit dem Maßstab der von uns dargelegten Erkenntnisprinzipien gemessen, das eine als unrecht, das andere als unsittlich verdammens- wert finden.
Das alles dürfte uns gewissermaßen anheimeln, wie einen Seefahrer die vaterländische Küste, wenn er nach glücklich vollbrachter Reise sie auftauchen sieht, und der Rauch aufsteigt aus der altgewohnten Esse.
42. Und gewiß, wir dürfen uns darüber freuen. Die sichere Klarheit, mit der sich alles das ergibt, ist für das Gelingen unseres Unternehmens ein gutes Zeichen. Denn dieses Moment, die Weise, wie es sich ergibt, ist natür- lich dabei das allerwesentlichste. Ohne sie, was hätten wir hier vor anderen voraus? Auch Kant z.B., der ganz anders über die Erkenntnisprinzipien der Ethik lehrte, sehen wir im weiteren Verlauf vielfach zu den bekannten Aufstellungen gelangen. Aber was bei ihm 32 Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis.
vermißt wird, ist der strenge Zusammenhang. Schon Beneke hat gezeigt, wie man mit dem kategorischen Imperativ in der Weise, wie Kant ihn handhabt, für denselben Fall Entgegengesetztes und somit alles und nichts beweisen könne 6*). Wenn Kant nun trotzdem so vielfach glücklich bei richtigen Sätzen ankommt, so müssen wir dies wohl darauf zurückführen, daß er schon vorher solche Meinungen hegte. Wie ja auch Hegel, wenn er nicht andersher gewußt hätte, daß der Himmel blau ist, es gewiß nicht dialektisch a priori deduziert haben würde. Brachte er es doch ebensogut fertig, die damals geltende Siebenzahl der Planeten darzutun, die heutzutage längst von der Wissenschaft überschritten ist.
Diese Erscheinung also wäre leicht in ihren Ursachen verständlich.
43. Aber etwas anderes scheint rätselhaft. Wie kommt es, daß die gangbaren öffentlichen Meinungen in bezug auf sittlich und recht selber in so vielen Beziehungen als richtig sich erweisen? Wenn ein Denker wie Kant die Quellen, aus welchen wirkliche ethische Erkenntnis fließt, nicht gefunden hatte: wie können wir glauben, daß das gewöhnliche Volk dahin gelangt sei, um aus ihnen zu schöpfen? Wenn aber dieses nicht, wie konnten sie, der Prämissen entbehrend, die Folgerungen ge- winnen? Hier kann die Erscheinung offenbar nicht daraus, daß die richtige Ansicht schon früher fest- gestanden, begriffen werden.
Doch auch die Schwierigkeit löst sich in sehr ein- facher Weise, wenn wir erwägen, wie gar vieles in unserm Erkenntnisschatze sich findet und in neuen Erkenntnissen fruchtbar erweist, ohne daß wir uns den Prozeß zu deutlichem Bewußtsein bringen.
Sie müssen, wenn ich dies sage, in mir nicht einen Anhänger der famosen Philosophie des Unbewußten ver- muten. Ich spreche hier nur von unleugbaren und alt- bekannten Wahrheiten. So hat man oft bemerkt, daß die Menschen Jahrtausende hindurch schon richtige Schlüsse gezogen hatten, ohne sich durch Reflexion ihr Ver- fahren und die Prinzipien, welche die formelle Gültig- keit der Folgerung bedingen, zur Klarheit zu bringen. Ja Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. 33 als Platon zuerst darauf reflektierte, konnte es ihm begegnen, daß er eine ganz falsche Theorie aufstellte und meinte, man habe es bei jedem Schlüsse mit einem Prozesse der Wiedererinnerung zu tun 6^). Was man auf Erden wahrnehme und erfahre, rufe Erkenntnisse ins Gedächtnis zurück, die man in einem vorirdischen Leben erworben. Heutzutage ist dieser Irrtum verschwunden. Aber immer noch tauchen falsche Theorien über die Er- kenntnisquellen der Syllogistik auf; wie denn z. B. Albert Lange ^<5) sie in Raumanschauungen und synthetischen Sätzen a priori, Alexander Bain") in der Erfahrung sucht, daß die Schlußmodi Barbara, Celarent usw. sich bis jetzt in jedem Fall als richtig bewährt haben: lauter krasse Irrtümer über die bedingenden unmittelbaren Ein- sichten, die aber doch nicht ausschließen, daß Platon und Lange und Bain im allgemeinen nicht anders als andere Menschen argumentieren; trotz ihrer Verkennung der wahren Erkenntnisprinzipien bleiben nämlich doch diese Prinzipien in ihnen selber wirksam.
Ja, was greife ich in die Ferne? Man mache nur die Probe mit dem ersten besten gemeinen Mann, der eben eine richtige Folgerung zieht, und fordere ihn auf, die Prämissen des Schließens anzugeben! Er wird es gewöhnlich nicht vermögen und vielleicht ganz falsche Angaben darüber machen. Wird ja auch derselbe, wenn man ihn einen ihm geläufigen Begriff definieren läßt, meist die gröbsten Fehler begehen und so wiederum zeigen, wie er sein eigenes Denken nicht richtig zu be- schreiben fähig ist.
44. Indessen, wie immer der Weg, der zur ethischen Erkenntnis führt, den Laien und auch den Philosophen vielfach im Nebel lag, so müssen wir doch, da der Prozeß ein komplizierter ist, und viele Momente dabei zu- sammenwirken, erwarten, daß Spuren auch von der Wirksamkeit jedes einzelnen von ihnen für sich in der Geschichte sich aufzeigen lassen werden. Und dies wird mehr noch als die Übereinstimmung in den Endergeb- nissen für die richtige Theorie eine Bewährung sein.
Nun wohl, auch diese — wenn die Zeit es nur gestat- tete — in welcher Fülle vermöchte ich sie zu bieten 1 Wer ist z. B., der nicht die Freude (wenn es nicht gerade Brentano, Ursprung sittl. Erkenntnis. 4f Si Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis.
eine Freude an Schlechtem ist), wie wir es taten, für etwas evident Gutes erklären würde? Hat es doch nicht an Ethikern gefehlt, welche die Lust und das Gute schlechtweg für identische Begriffe erklären wollten ^^j^ Aber ihnen gegenüber gaben andere für den inneren Wert auch der Einsicht Zeugnis, und diese werden den Unbefangenen auf ihrer Seite haben. Manche Philo- sophen wollten die Erkenntnis sogar geradezu als vor- nehmstes Gut über alles andere emporheben 69). Doch erkannten diese dabei auch jedem Tugendakte einen gewissen inneren Wert zu; und andere taten dies in dem Maße, daß sie nur in der Betätigung der Tugend das höchste der Güter erblicken wollten "^o).
Nach der einen Seite hätten wir also der Bestätigungen wohl genug.
Doch nun auch, was die Prinzipien des Bevorzugens anlangt: wie oft sehen wir nicht dem Prinzip der Sum- mierung Rechnung getragen, wie wenn gesagt wird, das Maß des Glückes des ganzen Lebens, nicht das des Augenblickes komme in Betracht "^i). Und wieder, die Grenzen des Ichs überschreitend, wenn z. B. Aristoteles sagt, die Glückseligkeit eines Volkes erscheine als ein höherer Zweck als die eigene Glückseligkeit ^2). und so sei auch bei einem Kunstwerke und bei einem Organis- mus, und ähnlich wieder bei einem Hauswesen der Teil immer wegen des Ganzen; alles sei hier geordnet „zum Gemeinsamen" („etg tö xoivöv^)'^^). Ja bei der Gesamt- heit der Schöpfung macht er denselben Grundsatz maß- gebend. „Worin**, fragt er"'*), „haben wir für alles Ge- schaffene das Gute und Beste, das sein Endzweck ist, zu erblicken? — Ist es ihm immanent oder transzen- dent?" Und er antwortet: „beides I" und bezeichnet als transzendenten Zweck den göttlichen Urgrund, dessen Ähnlichkeit alles erstrebt, als immanenten aber das Ganze der Weltordnung. Das gleiche Zeugnis für das Prinzip der Summierung könnten wir dem Mund der Stoiker entnehmen 7^). Ja es kehrt wieder in jedem Versuch einer Theodicee von Piaton bis Leibniz und weiter herab "^6).
Aber auch in den Bestimmungen unserer Volksreligion tritt seine Wirksamkeit deutlich zutage. Wenn sie uns Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. 35 die Weisung gibt, wir sollten den Nächsten lieben wie uns selbst, was lehrt sie anderes, als daß bei der rich- tigen Bevorzugung das Gleiche (sei es eigenes, sei es fremdes) mit gleichem Gewicht in die Wage falle? wor- aus die unterordnende Hingabe des einzelnen an das kollektive Ganze folgt; wie denn der Erlöser, das ethische Ideal des Christentums, für das Heil der Welt sich zum Opfer bringt '^^).
Und wenn gesagt wird: liebe Gott über alles! (wie auch Aristoteles sagt, Gott sei mehr noch das Beste zu nennen als das Ganze der Welt) ^s), so liegt auch da eine besondere Anwendung des Prinzips der Summierung vor. Denn was denkt man unter Gott anderes als den Inbegriff alles Guten in unendlicher, überschwänglicher Steige- rung?
So zeigen sich die beiden Sätze der Nächstenliebe wie sich selbst und der Liebe Gottes über alles so innig ver- wandt, daß wir nicht mehr überrascht sind, die Worte beigefügt zu finden, das eine Gebot sei dem andern gleich. Das Gebot der Nächstenliebe — man beachte wohl — wird nicht dem der Gottesliebe untergeordnet und aus ihm abgeleitet; sie ist nach der christlichen An- schauung nicht darum richtig, weil Gott sie fordert, er fordert sie vielmehr darum, weil sie natürlich richtig ist 79); und diese Richtigkeit wird in derselben Weise und in derselben Klarheit, sozusagen durch denselben Licht- strahl der natürlichen Erkenntnis offenbar.
Da hätten wir denn schon genugsam Zeichen von der bildenden Wirksamkeit der einzelnen von uns hervor- gehobenen Falctoren und hierin einerseits eine Bekräf- tigung unserer Theorie und andererseits im wesent- lichen die Erklärung jener paradoxen Antizipation philo- sophischer Resultate.
45. Doch wir dürfen nicht glauben, hiemit alles gesagt zu hahen. Nicht jede Meinung über sittlich und recht, die heutzutage in der Gesellschaft gilt, und die, wenn man die Ethik fragt, auch durch sie als richtig sanktioniert wird, ist jenen lauteren und edeln Quellen, die auch im verborgnen strömend ergiebig waren, entflossen. Viele solche Ansichten sind auf logisch ganz unberechtigtem 36 Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis.
Wege zustande gekommen und nahmen, wenn man die Geschichte ihrer Entstehung untersucht, ihren Ursprung aus niederen Trieben, aus selbstischen Gelüsten durch Umbildungen, welche diese nicht etwa durch höhere Einflüsse, sondern einfach durch den instinktiven Drang der Gewohnheit erfuhren. Es ist wirklich wahr, was so viele Utilitarier hervorheben, daß der Egoismus es emp- fiehlt sich anderen gefällig zu erweisen, und daß ein solches Verhalten, fort und fort geübt, schließlich zu einer für die ursprünglichen Zwecke blinden Gewohnheit wird. Es geschieht dies vornehmlich infolge unserer geistigen Beschränktheit, der sogenannten Enge des Be- wußtseins, welche es uns nicht gestattet neben dem, was zunächst in Frage kommt, die ferneren und letzten Zwecke immer deutlich vor Augen zu haben. So mag denn mancher wirklich dazu geführt werden, in blindem, gewohnheitsmäßigem Drange mit einer gewissen Selbst- losigkeit auch das Wohl anderer zu lieben. Es ist weiter wahr, was einige im besondern geltend machten, daß es in der Geschichte oft vorkommen mußte, daß ein Übermächtiger einen Schwachen egoistisch sich unter- warf und diesen unter dem Einflüsse der Gewohnheit mehr und mehr zum willigen Knechte sich erzog. Und in dessen Sklavenseele wirkte dann zuletzt ein ^amog s(pa^ mit blindem, aber nicht minder mächtigem Drang, wie ein treibendes „du sollst", als wäre es eine Offen- barung der Natur über gut und böse. Bei jeder Ver- letzung eines Befehls fühlte er sich, wie ein wohldres- sierter Hund, heunruhigt und innerlich gequält. Hatte ein solcher Gewaltiger sich viele unterworfen, so mochte sein wohlberatener Egoismus ihn dazu bestimmen, Ge- bote zu geben, die dem Bestände seiner Horde förderlich waren. Sie wurden ebenso sklavisch seinen Leuten zur Gewohnheit und sozusagen zur Natur wie andere. Und so mochte die Rücksicht auf das Ganze dieser Gesell- schaft nach und nach jedem Untertan etwas werden, wozu er sich mit dem eben beschriebenen Gefühle ge- drängt fand. Zugleich erkennen wir leicht, wie bei seiner steten Fürsorge für die Seinigen in dem Tyrannen selbst Gewohnheiten sich bilden mußten, welche der Berücksichtigung der Wohlfahrt dieses Kollektivs günstig Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis^ 37 waren. Ja er mochte schließlich ebenso wie der Geizige, der sich für die Erhaltung seines Schatzes hinopferte, dahin kommen, für die Erhaltung seiner Bande bereit- willig zu sterben. — Bei dem ganzen beschriebenen Prozeß, wenn er sich so vollzieht, haben die ethischen Erkenntnisprinzipien den geringsten Einfluß. Der Drang, welcher auf solche Weise entsteht, und die Meinungen, welche infolgedavon für oder gegen ein gewisses Ver- halten sich aussprechen, haben nicht das mindeste mit der natürlichen Sanktion zu tun und entbehren jeder ethischen Würde. Aber man begreift sehr wohl — und namentlich wenn man nun auch noch den Fall erwägt, wo Horde mit Horde in Beziehung tritt und freundliche Rücksichten auch hier sich als vorteilhaft zu erweisen beginnen —, wie der Weg dieser niederen Dressur zu Meinungen führen kann, ja vielfach früher oder später, man darf wohl sagen, führen muß, die mit Lehrsätzen, welche aus der wahren Schätzung des Guten fließen, zusammenstimmen.
46. So trifft ja auch die blinde, rein gewohnheits- mäßige Erwartung des Ähnlichen in ähnlichen Fällen, wie sie die Tiere und auch wir selbst tausendfach üben, nicht selten mit dem Ergebnisse" zusammen, welches eine nach den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung vollzogene Induktion in gleicher Lage liefern würde; ja die Ähnlichkeit der Resultate hat selbst Leute von psy- chologischer Bildung 80) öfter dahin geführt, den einen und andern Prozeß, obwohl sie himmelweit voneinander abstehen und der eine ganz blind sich vollzieht, wäh- rend der andere von der Evidenz der Mathematik durch- leuchtet ist, geradezu für identisch zu nehmen. So müssen denn auch wir uns wohl davor hüten, in solchen pseudo-ethischen Entwicklungen ein verborgenes Wirken der wahren ethischen Sanktion zu vermuten. "^ 47. Wie mächtig aber auch dieser Abstand ist, so haben doch auch jene niederen Prozesse ihren Wert. Die Natur — man hat es oft hervorgehoben si) — hat sehr wohl daran getan, vielfach durch instinktive Triebe, wie Hunger und Durst, für uns zu sorgen und nicht alles "unserer Vernunft zu überlassen. Dies bewährt sich auch in unserem Falle.
38 Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis.
In jenen ältesten Zeiten, bei welchen ich — Sie be- greifen vielleicht jetzt besser, mit welchem Rechte — Ihering zugab, daß sie schier jeden Anflug von ethischem Denken und Fühlen vermissen ließen, geschah doch Großes für die Vorbereitung wahrer Tugend. Die öffent- liche Ordnung, wie auch immer zunächst durch den An- trieb niederer Beweggründe hergestellt, wurde die Vor- bedingung für die freie Entfaltung unserer edelsten An- lagen.
Auch konnte es nicht gleichgültig sein, wenn unter dem Einflüsse jener Dressur gewisse Leidenschaften ge- mäßigt und gewisse Dispositionen anerzogen wurden, welche es leichter machten, dem wahren sittlichen Gebot in derselben Richtung Folge zu leisten. Catilinas Tapfer- keit war gewiß nicht die wahre Tugend der Tapferkeit, wenn Aristoteles mit Recht sagt, diese habe nur der, welcher in Gefahr und Tod gehe, „tou xaXov ivsxa^, „wegen des Sittlichschönen" 82), Auf seinen Fall hätte Augustinus hinweisen können, wenn er sagte: „virtutes ethnicorum splendida vitia!*' Aber wer möchte ver- kennen, daß es einem solchen Catilina, nach der Be- kehrung, infolge seiner früher erworbenen Disposi- tionen leichter geworden wäre, auch im Dienste des Guten das Äußerste zu wagen? So war der Boden für die Aufnahme wahrhaft ethischer Anregungen empfänglich gemacht, und es lag darin eine mächtige Ermutigung für diejenigen, welche zuerst zu ethischen Erkenntnissen durchdrangen und die Stimme der natürlichen Sanktion in sich hörten, für die Wahrheit Propaganda zu machen. Aristoteles schon bemerkt in diesem Sinne, man könne nicht jeden zum Hörer der Ethik brauchen. Durch Ge- wohnheiten gut geführt müsse derjenige sein, welcher über Recht und Sittlichkeit hören solle. Bei anderen, meint er, sei alle Mühe verschwendet ^s).
Ja noch mehr kann ich jener nicht prähistorischen, aber doch prämoralischen Zeit von Verdiensten für die Erkenntnis von natürlichem Recht und natürlicher Sitt- lichkeit nachrühmen. Die gesetzlichen Ordnungen und Sitten, welche damals sich bildeten, haben aus früher entwickelten Gründen dem, was die Ethik fordert, so vielfach sich angenähert, daß dieser eigentümliche Fall Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis. 39 von Mimikry viele über den Mangel tiefeigehender Ver- wandtschaft täuschte. Was dort ein blinder Drang, hier die Erkenntnis des Guten zum Gebot erheben läßt, trifft oft inhaltlich vollständig zusammen. Die legislative ethische Gewalt fand darum in jenen auch schon kodifi- zierten Gesetzen und Sitten sozusagen Gesetzesentwürfe vor sich, die sie mit etlichen Abänderungen ohne wei- teres sanktionieren konnte. Sie waren um so wertvoller, als sie — was unter utilitarischem Gesichtspunkte ge- fordert erscheint — den besonderen Verhältnissen der Völker angepaßt waren. Und der Vergleich der einen Verfassung mit der andern mußte dies hervortreten lassen und hat frühzeitig dazu beigetragen, zu jener wichtigen Erkenntnis der wahren Relativität auch des natürlichen Rechtes und der natürlichen Sittlichkeit zu führen. Wer weiß, ob es sonst selbst einem Aristoteles hätte gelingen können, sich in dem Grade, wie er es tat, von jedem schabionisierenden Doktrinarismus freizu- halten!
Soviel also von jenen vorethischen Zeiten, um auch ihnen die schuldige Anerkennung nicht zu versagen.
48. Immerhin, es war damals Nacht, wenn auch eine Nacht, in welcher der kommende Tag sich vorbereitete; und der Anbruch des Morgens, er ist sicher der herr- lichste Sonnenaufgang, der sich in der Weltgeschichte vollzieht. Ich saige, sich vollzieht; nicht, sich vollzogen hat; denn noch sehen wir das Licht mit den Finster- nissen ringen. Die wahrhaft ethischen Motive sind, wie im Privatleben, so in der Politik, nach außen und nach innen, bei weitem nicht überall maßgebend. Diese Kräfte erweisen sich — um mit dem Dichter zu sprechen — noch immer nicht genug entwickelt, um den Bau der Welt zusammenzuhalten. Und so erhält denn, und wir dürfen ihr dafür dankbar sein, die Natur das Getriebe durch Hunger und durch Liebe und, müssen wir hinzu- setzen, durch jene anderen dunkeln Strebungen, von welchen wir sahen, wie sie sich aus selbstsüchtigen Ge- lüsten entwickeln können.
49. Von ihnen und ihren psychologischen Gesetzen muß darum der Jurist, wenn er wahrhaft seine Zeit be- greifen und förderlich auf sie einwirken will, ebenso wie h 40 Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis.
von den Lehren des natürlichen Rechtes und der natür- lichen Sittlichkeit Kenntnis nehmen, die, wie unsere Be- trachtung zeigte, nicht das erste gewesen sind, sondern — soweit man überhaupt auf eine Realisierung des vollen Ideales hoffen darf — das letzte in der Geschichte sittlicher und rechtlicher Entwicklung sein werden.
So zeigen sich die innigen Beziehungen der Jurispru- denz und Politik zur Philosophie, von welchen Leibniz sprach, in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit.
Piaton hat das Wort gesprochen, es werde nicht gut werden im Staate, bis der wahre Philosoph König werde oder die Könige in rechter Weise philosophierten. In unserer konstitutionellen Zeit werden wir uns besser so ausdrücken, daß wir sagen, mit den vielen Mißständen unseres staatlichen Lebens könne es nicht zum Besseren sich wenden, wenn man nicht, statt den Juristen das Wenige zu nehmen, was sie bei den bestehenden Ein- richtungen zu philosophischer Bildung anregt, vielmehr endlich einmal kräftig dafür sorge, daß sie wirklich eine ihrem erhabenen Berufe genügende philosophische Bil- dung empfangen.
Anmerkungen.
Anmerkungen.
Anmerkungen des Herausgebers zum Vorwort.
1. Die vorliegende Ausgabe hat den, Wiederabdruck unterlassen. Vgl. die Einleitung und unten Anm. 27.
2. Diese „deskriptive Psychologie" („Psychognosie") ist bisher nicht erschienen, über die Scheidung von deskriptiver und gene- tischer Psychologie, deren Wichtigkeit heute allgemein anerkannt ist, vgl. Franz Brentano „Meine letzten Wünsche für Österreich'*, Stuttgart 1895, S. 34 u. f. Auch Husserls „Phänomenologie" geht auf sie zurück. Veröffentlicht hat Brentano nach 1874 nur Einzel- untersuchungen; insbesondere „Untersuchungen zur Sinnespsycho- logie", Leipzig 1907. Niedergelegt ist die deskriptive Psychologie Brentanos in seinen Kollegien und nachgelassenen Abhandlungen.
3. Geraeint sind: Piaton und Aristoteles. (Hierüber: Alfred Kastil: Die Frage nach der Erkenntnis des Guten bei Aristoteles und Thomas von Aquin, Wien 1900); ferner Hutcheson (system of moralphilo- sophy). Später hat Brentano auch Martineaus Arbeiten kennen ge- lernt und eine umfangreiche (noch unveröffentlichte) kritische Unter- suchung darüber geschrieben.
4. Ich möchte nicht unterlassen, die Wichtigkeit dieser Anmer- kungen hervorzuheben. Vgl. Inhaltsverzeichnis.
Anmerkungen zum Text.*) 1. (S. 5.) A. d. H. Unter diesen Verirrungen verstand Brentano die spekulative sog. idealistische Philosophie, die er entgegen der in Deutschland herrschenden Auffassung nicht als einen Höhepunkt, son- dern als das letzte Stadium des Verfalles der neuzeitlichen Philosophie ansah (vgl. seine Schrift: Die vier Phasen der Philosophie und ihr augenblicklicher Stand, Stuttgart 1895. Vergriffen. Neuausgabe vor- gesehen. Vgl. auch Carl Stumpf: Die Wiedergeburt der Philosophie, Berlin 1907). Die Gegenwart hielt B. für ein Übergangsstadiura, in dem gesunde Ansätze einer methodisch, richtigen Forschungsweise von dekadenten Bildungen überwuchert werden. Spenglers „Unter- gang des Abendlandes", dessen Phasentheorie an B. anklingt, wäre ihm nichtsdestoweniger in ihrer willkürlichen Konstruktionssucht selbst als spekulative Verirrung erschienen.
2. (S. 6.) Vgl. Über die Entstehung des Rechtsgefühles. Vor- trag von Dr. Rudolf von Ihering. — Gehalten in der Wiener juristi- schen Gesellschaft am 12. März 1884. (Allgem. Juristenzeitung, 7. Jahrg. Nr. 11 ff. Wien 16. März — 13. April 1884.) Ferner ist zu vergleichen v. Ihering, Der Zweck im Recht, 2 Bde. Leipzig 3. (S. 6.) Für den ersten Punkt vgl. Allgem. Juristenzeitung, *) Die Anmerkungen des Herausgebers sind als A. d. H. bezeichnet.
42 Anmerkungen.
7. Jahrg. S. 122 ff., Zweck im Recht IL S. 109 ff.;,für den zweiten Punkt Allgem. Juristenzeitimg, 7. Jahrg. S. 171, Zweck im Recht II. S. 118 — 123. Verworfen wird hier, daß es irgendeine ethische Regel von absoluter Gültigkeit gebe (S. 118, 122 f.); bekämpft wird jede, wie Ihering sie nennt, „psychologische" Behandlungsweise der Ethik (S. 121), wonach sich die Ethik „als Zwillingsschwester der Logik" darstellen würde (S. 123).
4. (S. 7.) Allgem. Juristenzeitimg, 7. Jahrg. S. 147; vgl. Zweck im Recht II. S. 124 ff.
9. (S. 9.) (A.d.H.) B. hat, in einer juristischen. Gesellschaft sprechend, an den dort geläufigen Begriff der „Sanktion" angeknüpft, um seinen Gedanken durch ein Gleichnis zu erläutern; er hat später den ursprünglichen Titel des Vortrages „Von der natürlichen Sanktion für recht und sittlich" fallen gelassen, das Gleichnis aber beibehalten. Das tertium comparationis ist etwas Negatives: Was bewirkt, daß ein staatliches Gesetz als solches existent wird? Nicht die Sanktion im Sinne der Straf Sanktion, sondern die Genehmigung durch die gesetzgeberische Autorität. Was macht, daß eine ethische Regel als verpflichtend anzusehen ist? Nicht ein blinder Drang des Gefühls (§ 8), nicht Motive der Hoffnung und Furcht (§ 9), aber auch nicht der Gedanke an das Willensgebot einer höheren Macht oder Autorität (§10), wohl aber etwas wie eine innere Richtigkeit.
10. (S. 9.) Zu den zahlreichen Anhängern dieser Meinung ge- hört als einer der vorzüglichsten. Vertreter J. St. Mill in seinem „Utili- tarianism", Chapt. 3. Deutsch v. Th. Gomperz, Leipzig 69.
11. (S. 9.) Auch hier ist unter anderen J. St. Mill zu nennen. Diese Motive der Furcht und Hoffnung wären nach ihm die äußeren; jene früher beschriebenen, durch Gewohnheit herausgebildeten Ge- fühle die innere Sanktion (ebend. Chapt. 3).
12. (S. 10.) Vgl. hiefür insbesondere eine Erörterung in James Mills Fragment on Mackintosh, die J. St. Mill in der 2. Auflage der Analysis'of the phen. of the hum. mind II p. 309 ff. abdruckt, und die geistvollen Abhandlungen ivon Grote, die A. Bain unter dem Titel: Fragments on Ethical Subjects by the late George Grote F. R. S., being a selection from bis posthumous papers, London 1876, ver- öffentlicht hat; namentlich Ess. I: On the origine and nature of ethi- cal Sentiment.
13. (S. 11.) (A.d.H.) Ähnlich argumentiert von Neuern der Jurist Sigmund Schloßman in seinem methodisch bedeutsamen Buche „der Vertrag", Leipzig 1876, § 23 und Leonhard Nelson in einer „Kritik der praktischen Vernunft", Leipzig 1917; über die letztere vergl. meine ausführliche Besprechung in „Naturwissenschaften", VI. Jahrg.
14. (S. 11.) D. Hume, An Enquiry concerning the Principles of Moral (zuerst London 1751). Deutsch: Phil. Bibl. Vol. 8.
15. (S. 12.) Herbart, Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie §81 ff. Gesamtäusga.be I S. 124 ff. Phil. Bibl. Bd. 146.
Anmerkungen. 43 16. (S. 12.) Dieser Vergleich mit der Logik dürfte mich am besten gegen den Vorwurf schützen, als ob ich hier die Herbartische Lehre in falschem Lichte erscheinen lasse. Würde das logische Kriterium in Geschmacksurteilen bei der Erscheinung regelgemäßen und regel- widrigen Denkverfahrens liegen, so würde es, verglichen mit dem, was es tatsächlich ist (der innern Evidenz des regelgemäßen Ver- fahrens), äußerlich zu nennen sein. Ähnlich ist darum auch das Kriterium der Herbartischen Ethik treffend als ein äußerliches zu be- zeichnen, wie energisch auch die Herbartianer betonen mögen, daß in dem Geschmacksurteil, welches bei dem Anblick gewisser Willens- verhältnisse von selbst entstehe, ein innerer Vorzug dieser Verhält- nisse sich offenbare.