SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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wie das Kaurigeld, wie das Geld aus der Rinde des Maulbeerbaums, das Marco Polo in China entdeckte, wie die Porzellanstücke mit chinesischen Schriftzeichen, die in Siam galten. Eine gewisse funktio¬ neile Entwicklung über jene wertkonkreten Geldarten hinaus ist dort angebahnt, wo zwar Naturalartikel, aber solche die zugleich besonders Exportartikel sind, zu Tauschmitteln werden: Tabak in Virginia, Reis in Carolina, Klippfisch in Neufundland, Tee in China, Pelze in Massachusetts. Beim Exportartikel ist der Wert einigermaßen aus der Unmittelbarkeit psychologisch herausgerückt, die bei der Binnen- Konsumtion der Geldware stattfindet. Allein die glücklichste Mitte zwischen abstrakten Geldarten, wie die angeführten, und dem Kon¬ sumtivgeld stellt doch das Schmuckgeld, also Gold und Silber, dar, indem es weder so launenhaft und sinnlos wie jene, noch so grob und singulär wie dieses ist. Dies ist offenbar der Träger, der das Geld zugleich am leichtesten und am festesten zu seiner Symbolwerdung leitet; das Stadium dieser Bindung muß es passieren, um zu dem Maximum seiner Leistungsfähigkeit zu gelangen, und es scheint, daß es für absehbare Zeiten nicht gänzlich aus ihm heraustreten kann.

Wenn sekundäre Symbole — wie man sie im Unterschied gegen die naive Symbolistik naiver Geisteszustände nennen kann — immer mehr die unmittelbaren Greifbarkeiten von Dingen und Werten für die Praxis ersetzen, so ist damit die Bedeutung des Intellekts für die Lebensführung außerordentlich gesteigert. Sobald das Leben nicht mehr zwischen sinnlichen Einzelheiten verläuft, sondern sich durch Abstraktionen, Durchschnitte, Zusammenfassungen bestimmen läßt, so wird insbesondere in den Beziehungen der Menschen untereinander der schnellere und genauere Vollzug der Abstraktionsprozesse einen erheblichen Vorsprung verleihen. Wenn da, wo in roheren Zeiten die öffentliche Ordnung nur durch physische Gewalt hergestellt werden konnte, heute das bloße Erscheinen eines Beamten dazu ge¬ hört; wenn die bloße Namensunterschrift uns äußerlich und inner¬ lich bedingungslos bindet; wenn unter feinfühligen Menschen ein leise andeutendes Wort oder eine Miene hinreicht, ihr Verhältnis dauernd festzustellen, das sich unter tieferstehenden erst auf lange Auseinandersetzungen oder praktische Handlungsweisen hin ergibt; wenn man uns durch eine Berechnung auf dem Papiere zu Opfern bringen kann, die dem Unverständigen nur durch die reale Ein¬ wirkung der betreffenden Faktoren abgezwungen werden — so ist diese Bedeutung symbolischer Dinge und Taten offenbar nur bei sehr gesteigerter Intellekt ualität möglich, nur bei dem Vorhandensein einer so selbständigen geistigen Kraft, daß sie des Eintretens un¬ mittelbarer Einzelheiten nicht bedarf.

Ich habe dies ausgeführt, um die Einordnung des Geldes auch in diese Strömung der Kultur einleuchtend zu machen. Das immer wirkungsvoller werdende Prinzip der Ersparnis an Kräften und Sub¬ stanzen führt zu immer ausgedehnterem Verfahren mit Vertretungen und Symbolen, welche mit demjenigen, was sie vertreten, gar keine inhaltliche Verwandtschaft haben; so daß es durchaus in derselben Richtung liegt, wenn die Operationen mit Werten sich an einem Sym¬ bol vollziehen, das mehr und mehr die materielle Beziehung zu den definitiven Realitäten seines Gebietes einbüßt und bloß Symbol wird. Diese Lebensform setzt nicht nur eine außerordentliche Vermehrung der psychischen Prozesse voraus — wie komplizierte psychologische Vorbedingungen fordert etwa nur die Deckung von Banknoten durch Barreserve! sondern auch eine Erhöhung derselben, eine prinzi¬ pielle Wendung der Kultur zur Intellektualität. Daß das Leben im wesentlichen auf den Intellekt gestellt ist und dieser als die praktisch wertvollste unter unseren psychischen Energien gilt — das pflegt, wie nachherige Überlegungen noch ausführlich zeigen werden, mit dem Durchdringen der Geldwirtschaft Hand in Hand zu gehen; wie denn auch innerhalb des Handelsgebietes, insbesondere wo reine Geldgeschäfte in Frage stehen, zweifellos der Intellekt im Besitz der Souveränität ist. Die Steigerung der intellektuellen, abstrahierenden Fähigkeiten charakterisiert die Zeit, in der das Geld immer mehr zum reinen Symbol und gegen seinen Eigenwert gleichgültig wird.

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Bei alledem muß festgehalten werden, daß so nur eine Richtung der Entwicklung bestimmt wird, der Entwicklung, die mit einem wirklichen Werte des Geldstoffes, allen anderen Werten koordiniert, begonnen hat. Deshalb müssen einige naheliegende Vorstellungen widerlegt werden, die scheinbar mit der unsrigen von der Wertlosig¬ keit der Geldsubstanz übereinstimmen, indem sie den Unterschied des Geldes gegen alle anderen Werte betonen und mit diesem beweisen wollen, daß das Geld prinzipiell kein Wert derselben Art wie diese sein kann. Es wurde damit, wie so oft, in der Form der Erstarrung und Vorwegnahme festgelegt, was sich nur in unendlicher Annäherung vollziehen kann. Aus der Abwehr des dogmatischen Wertes des Gel¬ des dürfen wir nicht in ein Dogma von seinem Nichtwert verfallen, zu dem die folgenden Vorstellungen verführen könnten. Es scheint, als ob selbst das nutzbarste Objekt, um als Geld zu funktionieren, auf seine Nützlichkeit verzichten müßte. Wenn z. B. in Abessinien be¬ sonders zugeschnittene Stücke Steinsalz als Scheidemünze kursieren, so sind sie doch eben Geld nur dadurch, daß man sie nicht als Salz gebraucht. An der Somaliküste zirkulierten früher Stücke blauen Baumwollstoffes, jedes zwei Ellen groß, als Geld; ein so großer Fort¬ schritt im Sinne des Geldverkehrs dies auch gegenüber dem Zeug¬ geld ist, das man beliebig zerschneidet und zusammensetzt, so deutet diese Form des Gebrauchs doch eben die Tendenz an, auf die Ver¬ wendung des Zeuges als Zeug zu verzichten. Der mögliche Nutzen von Gold und Silber für technische und ästhetische Zwecke kann so lange nicht verwirklicht werden, wie sie als Geld zirkulieren; und so mit allen Geldarten. Von den vielerlei Wirkungen, mit denen die Geld¬ stoffe in unsere Zweckprovinzen hineinstrahlen, müssen alle übrigen schweigen, wenn ihre Wirkung als Geld eintreten soll. In dem Augen¬ blick, in dem sie ihren praktischen, ästhetischen oder sonstigen Wert entfalten, sind sie der Zirkulation entzogen, sind sie nicht mehr Geld. Alle anderen Werte mag man untereinander vergleichen und sie nach dem Maße ihres Nutzbarkeitsquantums austauschen, um sich eben 9 Simmel, Philosophie des Geldes.

dieses zu eigen zu machen; aus dieser Reihe aber tritt das Geld völlig heraus. Denn sobald man es in demselben Sinne verwendete wie den erhaltenen Gegenwert, würde es eben nicht mehr Geld sein. Zu der besonderen Eignung der Edelmetalle als Geldstoffe mag es bei¬ tragen, daß sie besonders leicht aus jeder Formung zu anderweitigem Zwecke in die Geldform zurückverwandelt werden können; darum aber stehen sie doch in jedem gegebenen Augenblick nicht weniger vor der Alternative, entweder Geld oder Schmuckstück zu sein, anders ausgedrückt: entweder als Geld oder als Gebrauchswert zu funk¬ tionieren. Scheinbar freilich wird gerade dadurch das Geld in die anderen Wertkategorien wieder eingestellt. Denn wenn ich einen Meter Brennholz kaufe, so werte ich doch auch seine Substanz nur nach dem, was sie mir als Heizmaterial leistet, nicht aber nach einer anderen, etwa außerdem noch möglichen Verwendung. In Wirklich¬ keit aber liegt es ganz anders. Wenn man behauptet, der Wert des Geldes bestehe in dem Werte seiner Substanz, so heißt das, er liegt in denjenigen Seiten oder Kräften dieser Substanz, nach denen oder mit denen sie gerade nicht Geld ist. Der Widersinn, den dies zu ent¬ halten scheint, weist darauf hin, daß das Geld nicht notwendig von Substanzen, die »an sich«, d. h. in anderweitigen Beziehungen, wert¬ voll sind, getragen zu werden braucht, sondern daß es genügt, wenn gerade nur die Fähigkeit, als Geld zu funktionieren, auf irgendeine sonst irrelevante Substanz übertragen wird. Ob solcher Verzicht auf alle diejenigen Wertfunktionen, auf die man den notwendigen Wert der Geldsubstanz begründet hat, mit Recht auf die Möglichkeit eines Geldes schließen läßt, das von vornherein nur Geld und weiter nichts sei — gilt es zu prüfen.

Es handelt sich hier um die äußerst wichtige Erscheinung des Objekts mit mehreren Funktionsmöglichkeiten, von denen nur die eine, unter Ausschluß der anderen, verwirklicht werden kann, und um die Frage, wie eben diese verwirklichte in ihrer Bedeutung und ihrem Werte durch das Zurücktreten der übrigen modifiziert wird. Um der gesuchten Einsicht willen, die auf das Nebeneinander ver¬ schiedener Möglichkeiten geht, darf man wohl hervorheben, wie das Nacheinander mannigfaltiger Funktionen auf die schließlich die anderen überlebende wirkt. Wenn der reuige Sünder einen höheren Wert für die sittliche Weltordnung haben soll als der Gerechte, der niemals gestrauchelt ist, so zieht die sittliche Höhe jenes solche Be¬ wertung doch nicht aus dem Momente, in dem sie nun wirklich vor¬ handen ist denn der ethische Inhalt eben dieses Momentes ist ja vorausgesetztermaßen von der Verfassung des von vornherein Gerechten nicht unterschieden — sondern aus den vorangegangenen, sittlich anders gerichteten, und der Tatsache, daß diese jetzt nicht mehr bestehen. Oder wenn nach starken Hemmungen unserer Tätig¬ keit, äußerlicher Erzwungenheit ihrer Richtung wieder Freiheit und Selbstbestimmung eintritt, so knüpft sich nun an unser Tun ein spezi¬ fisches Wohl- und Wertgefühl, das gar nicht aus den einzelnen In¬ halten desselben oder ihrem Erfolge quillt, sondern ausschließlich dar¬ aus, daß die Form der Abhängigkeit beseitigt ist: genau dasselbe Tun würde, an eine ununterbrochene Reihe unabhängiger Handlungen sich anschließend, eben dieses Reizes entbehren, der aus dem bloßen Vor¬ beisein jener früheren Lebensform quillt. Solcher Erfolg des Nicht¬ seienden für das Seiende erscheint etwas modifiziert und unserer speziellen Frage — bei aller inhaltlichen Fremdheit — näher liegend in der Bedeutung, die das unmittelbare Gefühlsleben für das lyrische oder musikalische Kunstwerk besitzt. Denn so sehr Lyrik und Musik auf der Stärke der subjektiven inneren Bewegungen aufgebaut sind, so verlangt ihr Charakter als Kunst doch, daß deren Unmittelbarkeit überwunden werde. Der Rohstoff des Gefühls mit seiner Impulsivität, seiner personalen Beschränktheit, seiner unausgeglichenen Zufällig¬ keit bildet zwar die Voraussetzung des Kunstwerkes, aber die Rein¬ heit desselben verlangt eine Distanz gegen jenen, eine Erlöstheit von ihm. Das ist ja der ganze Sinn der Kirnst, für den Schaffenden wie für den Genießenden, daß sie uns über die Unmittelbarkeit des Ver¬ hältnisses zu uns selbst und zur Welt hinaushebe, und ihr Wert hängt daran, daß wir dies hinter uns gelassen haben, daß es als etwas wirkt, was nicht mehr da ist. Und wenn man sagt, es sei doch eben das Nachhallen jenes autochthonen Gefühles, jener ursprünglichsten Er¬ regtheit der Seele, von dem der Reiz des Kunstwerkes lebe, so wird damit gerade zugegeben, daß das Spezifische desselben nicht in demjenigen liegt, was der unmittelbaren und der ästhetischen Form des Gefühlsinhalts gemeinsam ist, sondern in dem neuen Ton, den die letztere insoweit erhält, als die erste re verklungen ist. Und endlich der entschiedenste und allgemeinste Fall dieses Typus, der wegen seiner tiefen Eingebettetheit in unsere fundamentalen Wertungen wenig beachtet wird. Es scheint mir nämlich, als ob eine ungeheure Anzahl von Lebensinhalten, deren Reiz wir genießen, die Höhe des¬ selben dem Umstande verdankt, daß wir um ihretwillen unzählige Chancen anderen Genießens und Uns-Bewährens unausgeschöpft lassen. Nicht nur in dem Aneinander-Vorübergehen der Menschen, ihrem Auseinandergehen nach kurzer Berührung, ja in der völligen Fremdheit gegen unzählige, denen wir und die uns ein Höchstes zu geben hätten — nicht nur an und für sich liegt darin eine königliche Verschwendung, eine lässige Großartigkeit des Daseins, sondern jen¬ seits dieses Eigenwertes des Nichtgenießens strahlt von ihm auch auf das, was wir nun wirklich besitzen, ein neuer, erhöhender, kon¬ zentrierender Reiz hinüber. Daß von den unzähligen Möglichkeiten des Lebens gerade diese zur Wirklichkeit geworden ist, verleiht ihr einen sieghaften Ton, die Schatten der unerlösten, ungenossenen Fülle des Lebens bilden ihr Triumphgeleit. Auch das, was man den Men¬ schen gibt, zieht oft seinen Wert für sie aus dem, was man zurück¬ behält, ja ihnen mit Entschiedenheit vorenthält. Das freundliche Sich-Hingeben insbesondere an etwas Tieferstehend© verliert für diese seinen Wert, wenn es allzu weitgehend ist, wenn man allzuwenig reserviert ist. Je mehr der Beschenkte empfindet, daß man noch etwas für sich ist, was man ihm nicht gibt — um so bedeutsamer ist es für ihn, daß man sich, einen Teil von sich, ihm überhaupt gibt. Und so endlich in der Bedeutung unseres Handelns und Schaffens für uns selbst. Plötzliche, zwingende Anforderungen belehren uns oft, daß wir Begabungen und Kräfte für bisher fernliegendste Auf¬ gaben besitzen, Energien, die für immer latent geblieben wären, wenn nicht irgendeine zufällige Not sie herausgelockt hätte. Das weist darauf hin, daß in jedem Menschen außer den Kräften, die er be- wahrt, noch eine unbestimmte Menge anderer Potenzen schlummern, daß schließlich aus jedem vieles andere hätte werden können, als tatsächlich geworden ist. Wenn nun das Leben von diesen vielen Möglichkeiten nur eine sehr begrenzte Anzahl zur Bewährung zuläßt so erscheinen diese um so bedeutsamer und kostbarer, je deutlicher wir empfinden, aus wie vielen sie die Auswahl darstellen, wie viele Betatigungsformen unentwickelt bleiben und ihr Kraftquantum jenen u erfassen müssen, damit sie zur Entfaltung gelangen. Indem so eine Fülle an sich möglicher Bewährungen geopfert wird, damit es zu imer bestimmten komme, stellt diese gleichsam den Extrakt eines se r viel weiteren Umfangs von Lebensenergien dar und zieht aus der Versagtheit der Entwicklung dieser eine Bedeutung und Pointiert - heit, einen Ton von Erlesenheit und gesammelter Kraft, die sie über d,e von ihr d rek, erfüllte Provinr unseres Wesens hin.u^Br«“ punkt und Vertreter seines Gesamtumfanges macht In diesen allgemeinen Typus der Wertbildung mag sich das Geld zunächst einreihen. Es ist sicher richtig, daß die sonstigen Werte des Geldstoffes außer Funktion treten müssen, damit dieser eben Geld werde; allein der Wert, den er als solches besitzt, und der ihn als solches funktionieren läßt, kann von denjenigen Verwertungsmög- ichkeiten bestimmt werden, auf die er verzichten muß. Wie in allen n eben behandelten Fällen setzt sich der empfundene Wert der ver¬ wirklichten Funktion aus ihrem positiven Inhalt und der mitwirken¬ den Verneintheit jeder anderen, über deren Opfer sie sich erhebt, zu¬ sammen. Nicht daß diese anderen Funktionen wirken, sondern daß sie nicht wirken, ist hier das Wirksame. Wenn dies den Wert eines Objektes bestimmt, daß um seinetwillen ein Opfer gebracht wird, so liegt der Wert der Geldsubstanz als solcher darin, daß ihre gesamten Verwendungsmöglichkeiten aufgeopfert werden müssen, damit sie Geld sei. Diese Wertungsart muß natürlich zweiseitig wirksam sein, d. h. der Geldstoff muß auch eine Werterhöhung seiner sonstigen Nutzbarkeiten durch den Verzicht auf seine Verwertung als Geld er¬ fahren. Wenn der Wampum der Indianer aus Muschelschalen be¬ stand, die als Geld dienten, aber auch als Gürtel zum Schmuck ge¬ tragen wurden, so finden sich diese Funktionen offenbar in reiner Wechselwirkung: auch die Bedeutung der Muscheln als Schmuck hat ganz sicher einen besonderen Oberton von Vornehmheit dadurch er¬ halten, daß man um ihretwillen auf die unmittelbar mögliche Verwen¬ dung als Geld verzichtete. Man kann diesen ganzen Typus als einen Fall des Seltenheitswertes ansehen. Gewöhnlich wird derselbe nur so dargestellt, daß ein Objekt einem gewissen Bedürfnis entspricht, das an mehr Individuen oder in stärkerer Intensität vorhanden ist, als das gegebene Quantum des Objekts zu decken vermag. Wenn hier nun die verschiedenen Bedürfnisse, denen das gleiche Objekt dienen kann, um dasselbe konkurrieren — sei es innerhalb desselben Individuums, sei es zwischen mehreren Individuen — so gründet sich doch auch dieses natürlich auf die Beschränktheit des Vorrats, die nicht gestattet, daß jedes dieser Bedürfnisse sein Genüge finde. Wenn der Verkehrswert etwa des Getreides darauf zurückgeht, daß nicht genug Getreide da ist, um jeden Hunger ohne weiteres zu stillen, so der des Geldstoffes darauf, daß nicht genug davon vorhanden ist, um damit außer dem Bedürfnis nach Geld noch alle anderen auf ihn gerichteten zu befriedigen. So weit entfernt also, daß der Ver¬ zicht auf anderweitige Verwertung das Metall als Geld auf eine Wert¬ stufe mit sonst völlig unverwertbaren Stoffen herabsetzte, sehen wir jetzt gerade, daß die möglichen, aber imverwirklichten Ver¬ wertungen zu dem Wert, den es als Geld hat, aufs erheb¬ lichste mitwirken.

Noch unmittelbarer als die so widerlegte Meinung von der Wert¬ losigkeit des Geldstoffes will auch die folgende uns glauben machen, daß das Geld kein Wert sein kann. Denkt man sich eine absolut mächtige Persönlichkeit, der innerhalb eines bestimmten Kreises des¬ potisches Verfügungsrecht über alles zustünde, worauf ihr Wunsch 9 sich richtet — wie man von Häuptlingen in der Südsee sagt, daß sie »nicht stehlen können«, weil ihnen von vornherein alles gehört _, so würde ein solches Wesen niemals Veranlassung haben, sich auch das Geld dieses Kreises anzueignen, da es ja alles dessen, was es für Geld haben könnte, sich auch ohnedies unmittelbar bemächtigen darf. Wäre das Geld ein Wert, der zu den sonst vorhandenen Werten hinzukäme, so würde sich sein Wunsch darauf so gut wie auf diese anderen richten können. Geschieht das nun in dem hier fingierten Fall einleuchtenderweise nicht, so scheint zu folgen, daß das Geld wirklich nur eine reine Vertretung realer Werte ist, deren es deshalb nicht mehr bedarf, sobald uns eben diese auch ohne jenes zugängig sind. Dieser einfache Gedanke setzt indes voraus, was er beweisen will: daß das Geldsubstrat keinen eigenen, neben seiner Geldfunktion noch gültigen Wert habe. Denn hätte es einen solchen, so könnte es auch von jenem Machthaber begehrt werden, freilich nicht um seiner Bedeutung als Geld, sondern um seines anderweitigen, nämlich sub¬ stanziellen Wertes willen. Fehlt dagegen dieser Wert von vornherein, so braucht sein Fehlen nicht nochmals bewiesen zu werden. Über diese logische Unzulänglichkeit hinaus macht aber der Fall aller¬ dings die eigentümliche Wertart des Geldes klar. Den Wert, den das Geld als solches besitzt, hat es als Tauschmittel erworben; wo es also nichts zu tauschen gibt, hat es auch keinen Wert. Denn ersicht¬ lich steht seine Bedeutung als Aufbewahrungs- und Transportmittel nicht in derselben Linie, sondern ist ein Derivat seiner Tausch¬ funktion, ohne welche es jene anderen Funktionen niemals üben könnte, während sie selbst von diesen unabhängig ist. Sowenig für denjenigen, dem aus irgendeinem Grunde die für Geld erlangbaren Güter wertlos sind, das Geld noch einen Wert hat, so wenig für den¬ jenigen, der kein Geld braucht, um jene zu erlangen. Kurz, das Geld ist Ausdruck und Mittel der Beziehung, des Aufeinanderangewiesen- sems der Menschen, ihrer Relativität, die die Befriedigung der Wunsche des einen immer vom anderen wechselseitig abhängen läßt; es findet also da keinen Platz, wo gar keine Relativität stattfindet — sei es, weil man von den Menschen überhaupt nichts mehr begehrt sei es, weil man in absoluter Höhe über ihnen — also gleichsam in keiner Relation zu ihnen — steht und die Befriedigung jedes Be¬ gehrens ohne Gegenleistung erlangen kann. So angesehen verhielte sich die Welt des Geldes zu der der konkreten Werte wie Denken und Ausdehnung bei Spinoza: eine kann überhaupt nicht in die andere emgreifen, weil jede schon für sich und in ihrer Sprache die ganze Welt ausdrückt; d. h. die Summe der Werte überhaupt besteht nicht aus der Summe der Werte der Dinge plus der Summe des Wertes des Geldes, sondern es besteht ein gewisses Wertquantum, das einer¬ seits in jener Form, andrerseits in dieser realisiert ist.

Wäre das Geld völlig auf diesen Wert reduziert, und hätte es jede Koordination mit den Dingen, die an und für sich wertvoll sind, ab- gestreift, so würde es damit im ökonomischen jene höchst merk¬ würdige Vorstellung verwirklichen, die der platonischen Ideenlehre zum Grunde liegt. Die tiefe Unbefriedigung an der erfahrbaren Welt, an die wir dennoch gefesselt sind, bewog Plato, ein überempirisches, über Raum und Zeit erhabenes Reich der Ideen anzunehmen, das das eigentliche, in sich befriedigte, absolute Wesen der Dinge in sich enthielte. Zu dessen Gunsten wurde die irdische Wirklichkeit einer¬ seits von allem wahrhaften Sein und aller Bedeutung entleert; andrer¬ seits aber strahlte doch von diesen etwas auf sie zurück, wenigstens als blasser Schatten jenes leuchtenden Reiches des Absoluten hatte sie teil an ihm und gewann auf diesem Umwege schließlich doch noch eine Bedeutsamkeit, die ihr an und für sich versagt war. Dieses Ver¬ hältnis findet nun tatsächlich eine Wiederholung oder Bestätigung im Gebiete der Werte. Die Wirklichkeit der Dinge, wie sie vor dem bloß erkennenden Geiste steht, weiß — so stellten wir am Anfang dieser Untersuchungen fest — nichts von Werten; sie rollt in jener gleichgültigen Gesetzmäßigkeit ab, die so oft das Edelste zerstört und das Niedrigste schont, weil sie eben nicht nach Rangordnungen, Interessen und Werten verfährt. Dieses natürliche objektive Sein unterstellen wir nun einer Hierarchie der Werte, wir schaffen eine Gliederung innerhalb seiner nach gut und schlecht, edel und gering, kostbar und wertlos — eine Gliederung, von der jenes Sein selbst in seiner greifbaren Wirklichkeit gar nicht berührt wird, von der ihm aber doch alle Bedeutung kommt, die es für uns haben kann, und die wir, bei aller Klarheit über ihren menschlichen Ursprung, doch in vollem Gegensatz zu aller bloßen Laune und subjektivem Belieben empfinden. Der Wert der Dinge — der ethische wie der eudämo- nistische, der religiöse wie der ästhetische — schwebt über ihnen wie die platonischen Ideen über der Welt: wesensfremd und eigentlich unberührbar, ein nach eigenen inneren Normen verwaltetes Reich, das aber doch jenem anderen sein Relief und seine Farben zuteilt. Der ökonomische Wert entsteht nun in Ableitung von jenen primären, unmittelbar empfundenen Werten, indem die Gegenstände derselben, insoweit sie austauschbar sind, gegeneinander abgewogen werden.

Innerhalb dieses Gebietes aber, gleichviel, wie es sich konstituiert hat, nimmt der ökonomische Wert dieselbe eigenartige Stellung zu den einzelnen Objekten ein, die dem Wert überhaupt zukommt: es ist eine Welt für sich, die die Konkretheit der Objekte nach eigenen, in diesen selbst nicht gelegenen Nonnen gliedert und rangiert; die Dinge, nach ihrem ökonomischen Werte geordnet und verzweigt, bil¬ den einen ganz anderen Kosmos, als ihre naturgesetzliche, unmittel¬ bare Realität es tut. Wenn das Geld nun wirklich nichts wäre, als der Ausdruck für den Wert der Dinge außer ihm, so würde es sich zu diesen verhalten wie die Idee, die sich Plato ja auch substanziell, als metaphysisches Wesen vorstellt, zu der empirischen Wirklichkeit. Seine Bewegungen: Ausgleichungen, Häufungen, Abflüsse — würden unmittelbar die Wertverhältnisse der Dinge darstellen. Die Welt der Werte, die über der wirklichen Welt, scheinbar zusammenhangslos und doch unbedingt beherrschend, schwebt, würde im Geld die »reine Form« ihrer Darstellung gefunden haben. Und wie Plato die Wirk¬ lichkeit, aus deren Beobachtung und Sublimierung die Ideen zustande gekommen sind, dann doch als eine bloße Abspiegelung eben dieser deutet, so erscheinen die wirtschaftlichen Verhältnisse, Abstufungen und Fluktuationen der konkreten Dinge als Derivat ihres eigenen Derivates: nämlich als Vertretungen und Schatten der Bedeutung, die ihren Geldäquivalenten zukommt. Keine andere Gattung von Werten befindet sich in dieser Hinsicht in einer günstigeren Lage, als es die ökonomischen Werte tun. Wenn sich der religiöse Wert