11 gleichsam die höhere Potenz derjenigen, die den Metallwert über¬ haupt schafft: wenn dieser letztere schon vorausgesetzt ist, so wird er nun durch jenen zweiseitigen Glauben erst für den Geldverkehr praktisch. Es zeigt sich deshalb auch hier, daß die Entwicklung vom Substanzgeld zum Kreditgeld weniger radikal ist, als es scheint, weil das Kreditgeld als Evolution, Verselbständigung, Herauslösung der¬ jenigen Kreditmomente zu deuten ist, die schon in dem Substanzgeld in entscheidender Weise vorhanden sind.
Die Garantie für die Weiterverwertbarkeit des Geldes, in der das Verhältnis der Kontrahenten zu der Gesamtgruppe beschlossen ist, hat indes eine eigenartige Form. Abstrakt angesehen, ist sie näm¬ lich gar nicht vorhanden, da der Geldbesitzer niemanden zwingen kann, ihm für Geld, selbst für das unzweifelhaft gute, etwas zu liefern; was sich denn auch in Fällen von Boykottierung durchaus fühlbar gemacht hat. Nur bei schon bestehenden Verpflichtungen kann der Berechtigte gezwungen werden, die Verpflichtung, welcher Art sie auch sei, durch Geld solideren zu lassen — und auch das nicht ein¬ mal in allen Gesetzgebungen. Diese Möglichkeit, daß der im Geld liegende Anspruch doch auch nicht erfüllt würde, bestätigt den Charakter des Geldes als eines bloßen Kredites; denn das ist doch das Wesen des Kredites daß der Wahrscheinlichkeitsbruch seiner Realisierung niemals gleich eins wird, so sehr er sich dem auch nä ern mag. Tatsächlich ist der einzelne also frei, sein Produkt oder seinen sonstigen Besitz dem Geldbesitzer hinzugeben oder nicht - während die Gesamtheit allerdings diesem gegenüber verpflichtet ist. Diese Verteilung von Freiheit und Gebundenheit, so paradox sie ist, dient doch nicht selten als Erkenntniskategorie. So haben z. B. Ver¬ teidiger der »statistischen Gesetze« behauptet, die Gesellschaft müßte zwar unter bestimmten Bedingungen naturgesetzlich eine bestimmte Anzahl von Morden, Diebstählen, unehelichen Geburten hervor¬ bringen; der einzelne aber sei dadurch nicht zu einem bezüglichen er alten genötigt, er vielmehr sei frei, moralisch oder unmoralisch zu handeln; das statistische Gesetz bestimme nicht, daß gerade dieser Bestimmte derartige Taten zu vollbringen habe, sondern nur, daß das Ganze, dem er angehört, ein prädestiniertes Quantum derselben produzieren müsse. Oder wir hören auch: die Gesamtheit der Gesell - schaft oder der Gattung habe ihre festgesetzte Rolle in dem göttlichen Weltplan, in der Entwicklung des Seins zu den letzten transszenden- ten Zwecken zu spielen; die einzelnen Träger derselben aber seien irrelevant, sie hätten die Freiheit, gleichsam die Gesamtleistung unter sich zu verteilen, und der einzelne könne sich dem auch entziehen ohne daß jener Gesamtleistung Abbruch geschehe. Endlich ist hervorgehoben, daß die Aktionen einer Gruppe immer durch den natur¬ gesetzlichen Zug ihrer Interessen schwankungslos bestimmt seien, wie die Materienmassen durch die Gravitation; das Individuum da¬ gegen sei von Theorien und Konflikten beirrt, es stehe zwischen vielen Möglichkeiten, unter denen es richtig oder irrtümlich wählen könne — im Unterschiede von den jeder Freiheit entbehrenden, weil von schwankungslosen Instinkten und Zweckmäßigkeiten geleiteten Kollektivhandlungen. Wieviel richtiges und falsches an diesen Vor¬ stellungen ist, steht hier nicht zur Untersuchung, sondern nur darauf ist hinzuweisen, wie auch sonst dieses Schema eines Verhältnisses zwischen Allgemeinheit und Individuum gilt: jene als nezessitiert und dieses als frei vorzustellen, die Gebundenheit jener durch die Freiheit dieses zu mildern, die Freiheit dieses durch die Gebundenheit jener zu begrenzen und in eine Bestimmtheit des Gesamterfolges einzu¬ stellen. Die Garantie für die Weiterverwertbarkeit des Geldes, die der Herrscher oder Vertreter der Gesamtheit durch die Prägung des Metallstücks oder den Aufdruck auf das Papier übernimmt, ist die Eskomptierung der ungeheuren Wahrscheinlichkeit, daß jeder ein¬ zelne, trotz seiner Freiheit das Geld zurückzuweisen, es nehmen wird.
Dies sind die Zusammenhänge, aus denen heraus bemerkt worden ist, daß, je größer ein Kreis ist, in dem ein Geld gelten soll, die Währung um so höherwertig sein muß. Innerhalb einer Gruppe von lokaler Begrenztheit mag ein minderwertiges Geld zirkulieren. So schon in der primitivsten Kultur: in Darfur zirkulieren innerhalb jedes Distrikts lokale Tauschmittel: Hacken, Tabak, Baumwollknäule usw.; die höhere Währung aber ist allen gemeinsam: der Bekleidungs¬ stoff, das Rind, der Sklave. Es kommt vor, daß das Papiergeld eines Staates sogar provinziell beschränkt ist: in der Türkei wurden 1853 Noten ausgegeben, die nur in Konstantinopel gelten sollten. Ganz kleine und eng Inerte Gesellschaften verständigen sich gelegentlich darüber, irgendein beliebiges Symbol — bis zur Spielmarke — als Geld anzusehen. Die Erweiterung der Handelsbeziehungen aber ver¬ langt hochwertiges Geld, schon weil die notwendigen Versendungen desselben auf weite Strecken die Konzentration seines Wertes auf einen möglichst geringen Umfang zweckmäßig machen; so daß ebenso die historischen Weltreiche wie die Handelsstaaten mit weit¬ ausgreifenden Verkehrskreisen immer zu einem Geld von relativ hohem Substanzwert hingedrängt worden sind. Hierfür wird von ge¬ wissen Erscheinungen auch der Beweis aus dem Gegenteil geliefert.
Der wesentliche Vorteil der mittelalterlichen Münzprivilegien bestand darin, daß der Münzherr in seinem Gebiete jederzeit neue Pfennige schlagen und den Umtausch aller alten oder fremden, die zu Handels¬ geschäften in dies Gebiet kamen, gegen die neuen erzwingen konnte; er profitierte also bei jeder Verschlechterung seiner Münze die Diffe¬ renz zwischen ihr und der eingetauschten besseren. Allein wie sich zeigte, war dieser Nutzen dadurch bedingt, daß der Bezirk des Münz¬ herrn ein relativ großer war. Für ganz kleine Bezirke lohnte sich das Münzprivileg nicht, weil der Markt für ihre Münzen ein zu be¬ schrankter war, so daß bei dem unsäglichen Leichtsinn, mit dem man jedem Kloster und jeder kleinen Stadt ein Prägerecht verlieh, das Munzunheil in Deutschland noch viel ärger geworden wäre, wenn nicht der Nutzen der Münzverschlechterung an eine gewisse Größe des Bezirks gebunden wäre. Gerade also, weü der größere Kreis seiner sozialwirtschaftlichen Struktur nach ein gutes Geld verlangt ist der Vorteil an einem aufgezwungenen schlechten eben nur in ihm nennenswert groß. Positiv erwies sich dies nun weiterhin, indem das Anwachsen des europäischen Verkehrs im 14. Jahrhundert die Ein¬ führung des Guldens als allgemeiner Einheit des Münzsystems und d!e Verdrängung der Süberwährung durch Goldwährung bewirkte Schillinge und Pfennige waren nun Scheidemünze, die jedes Länd¬ ern und Städtchen für seinen Verkehr und so wertlos, wie es wollte PT^T‘e' Deshalb betraf auch die Verleihung des Münzrechtes im Mittelalter zunächst nur silberne Münzen; das Recht, Goldmünzen zu schlagen, bedurfte besonderer Gestattung, die wohl nur der Re¬ gierung eines größeren Territoriums gegeben wurde. Es ist für diese Korrelation äußerst bezeichnend, daß der letzte Rest der römischen Weltherrschaft, der dem Hofe von Byzanz - bis zum 6. Jahr- ~Tre?Ue^ duS ausschheßliche Recht war, Goldmünzen zu sch agen. Und endlich wird sie dadurch bestätigt, daß unter den Faüen der oben erwähnten lokalen Beschränktheit für die Papier- geldzirkulation innerhalb des ausgebenden Staates selbst, auch dieser vorkommt: in Frankreich gab es einmal Noten, welche überall, nur nt1Cm ^ H^fe”s[adten> also nicht an den Punkten des weitaus¬ strahlenden Verkehrs, gelten sollten. Ganz allgemein muß, sobald r r S1Ch erweitert’ auch dem Fremden und den Bezugsländern die Wahrung annehmbar und verführerisch gemacht werden. Denn mit der Vergrößerung des Wirtschaftskreises geht - ceteris paribus in dirCrhäft deSS6lbe!l Han<Lm Hand: die gegenseitige Einsicht in die Verhältnisse wird unvoUkommner, das Vertrauen bedingter le Vollstreckbarkeit der Ansprüche unsicherer. Unter solchen Um¬ standen wird niemand Ware liefern, wenn das Geld, mit dem er be¬ zahlt wird, nur in dem Kreise des Abnehmers mit Sicherheit verwend¬ bar ist, wahrend dies in anderen zweifelhaft ist. Er wird also ein Geld verlangen, das an sich wertvoll ist, d. h. überall akzeptiert wird. Die Steigerung des Substanzwertes des Geldes bedeutet die Ver¬ größerung des Kreises von Subjekten, in dem seine allgemeine An¬ erkennung gesichert ist, während in einem engeren Kreise seine Weiterverwertbarkeit sich auf besondere soziale, rechtliche, personale Garantien und Verknüpfungen hin ergeben kann. Setzen wir voraus, daß die Weiterverwertbarkeit des Geldes das Motiv seiner Annahme ist, so bildet sein Substanzwert gleichsam das Pfand dafür, das auf Null sinken kann, wenn die Verwertbarkeit durch andere Mittel ge¬ sichert ist, und um so höher steigen muß, je größer das Risiko jener ist. Nun aber bewirkt die wachsende wirtschaftliche Kultur, daß der sehr vergrößerte, schließlich internationale Kreis in dieser Hinsicht die Züge erhält, die ursprünglich nur geschlossene Gruppen charak¬ terisierten: die wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen über¬ winden die räumliche Trennung immer gründlicher und wirken eben¬ so sicher, exakt und berechenbar in die Ferne, wie früher nur in die Nähe. In dem Maße, in dem das geschieht, kann jenes Pfand, d. h. der Eigenwert des Geldes, heruntergehen. Die selbst Anhängern des Bimetallismus geläufige Vorstellung, daß derselbe nur bei inter¬ nationaler Einführung möglich sei, liegt innerhalb dieser Erwägung. Wie weit wir auch von der vollständigen Enge und Zuverlässigkeit des Zusammenhanges — sowohl innerhalb der einzelnen Nationen wie der Nationen untereinander — noch entfernt sein mögen, so geht doch die Entwicklung zweifellos auf ihn zu: die durch Gesetze, Usancen und Interessen immer wachsende Verbindung und Verein¬ heitlichung immer größerer Kreise ist die Grundlage dafür, daß der Substanzwert des Geldes immer geringer werden und immer voll¬ ständiger durch seinen Funktionswert ersetzt werden kann.
Bezeichnenderweise führt jene räumlich weite Erstreckung der Handelsbeziehungen, die, wie oben erwähnt, die Substanzwertigkeit des Tauschmittels steigerte, in der modernen Kultur gerade auf völlige Eliminierung eben derselben: auf die interlokale und inter¬ nationale Ausgleichung durch Giro und durch Wechselversand. Auch innerhalb einzelner Interessenprovinzen des Geldes wird die Ent¬ wicklung von dieser Form beherrscht. Die Steuerleistung z. B. wird jetzt überwiegend nach dem Einkommen, aber nicht nach dem Be¬ sitz gefordert. In Preußen ist ein reicher Bankier, der die letzten Jahre mit Geschäftsverlust gearbeitet hat, steuerfrei bis auf die ge¬ ringe und auch erst kürzlich eingeführte Vermögenssteuer. Also nicht einmal der Geldbesitz, sondern erst das Erträgnis seines Arbeitens, das Geld aus dem Gelde, entscheidet über die Pflichten, und, inso¬ weit die Wahlrechte von der Steuerleistung abhängen, auch über die Rechte gegenüber der Allgemeinheit. In welcher Richtung die all¬ gemeine Entwicklung des Geldes damit festgelegt ist, zeigt ein Blick auf die Rolle des Geldkapitals im alten Rom. Wie dasselbe auf un¬ produktivem Wege erworben war — durch Kriege, Tribute, Wechsel¬ geschäfte — so war es auch für den Borger nicht zur Produktion, sondern nur zur Konsumtion bestimmt. Dabei konnten auch die Zinsen ersichtlich nicht als die natürlichen Früchte des Kapitals gelten, und daher das unklare und unorganische Verhältnis zwischen beiden, das sich in den weit in das Christentum hineinerstreckten Zinsschwierigkeiten zeigte und erst durch Begriff und Tatsache des produktiven Kapitals sachlich reguliert und organisiert wurde. Jenes ist also der äußerste Gegensatz zu dem jetzigen Zustand, in dem das Kapital seine Bedeutung nicht mehr an dem, was es an und für sich ist, besitzt, sondern an dem, was es leistet: seine Entwicklung hat es aus einem starren, der Produktion innerlich fremden Elemente in lebendige Funktion in und an derselben übergeführt. — Sehen wir nun noch einmal auf die Garantierung des Geldes als seinen Lebens¬ nerv zuruck, so verliert sie natürlich in dem Maße an Bündigkeit, in dem das objektive, die Gesamtheit vertretende Gebilde nur be¬ schränkte Abteilungen derselben oder ihre Interessen nur unvoll¬ ständig repräsentiert. So ist z. B. auch eine Privatbank ein relativ objektives uberpersönliches Wesen, das sich zwischen den Verkehr individueller Interessenten schiebt. Dieser soziologische Charakter ihrer befähigt sie allerdings zur Ausgabe von Geld, allein sobald nicht staatliche Aufsicht die Garantie auf das wirklich allgemeine Zentralgebilde ubertragt, wird die bloße Partialität des in ihr objekti- vierten Bezirkes Sich in der Unvollkommenheit des »Geld«charakters ihrer Noten zeigen. Die Mißstände der nordamerikanischen Papier¬ geldwirtschaft entstammten zum Teil der Meinung, die Münze sei zwar Staatssache, die Herstellung von Papiergeld aber komme den Privatbanken zu und der Staat habe sich nicht hineinzumischen. Man ubersah dabei die bloße Relativität des Unterschiedes zwischen Metall- und Papiergeld, daß beide, insofern sie eben Geld sind nur m einer Substanzüerung der Tauschfunktion durch gemeinsames Ver- haltms der Interessenten zu einem objektiven Organe bestehen, und daß das Geld seine Funktion nur insoweit üben, d. h. nur insoweit dle.U,nif1“elbTaren Werte vertreten kann, als jenes emittierende Organ wirklich den Interessenkreis in sich vertritt oder zum Ausdruck bring! Deshalb suchen die Münzen lokaler Machthaber auch manchmal wenigstens den Anschein der Zugehörigkeit zu einem umfassenden Gebilde zu gewinnen. Noch Jahrhunderte nach dem Tode Phi'ipps und Alexanders wurden an den verschiedensten Plätzen Münzen mit n ihren Namen und Stempeln geprägt — formell königliche, materiell städtische Münzen. Die aufwärts gehende Entwicklung strebt in Wirklichkeit auf eine Vergrößerung — und, was hier unmittelbar dazu gehört, auf eine Zentralisierung — der Organe und Potenzen, die die Geldwerte garantieren. Es ist für diese Richtung sehr be¬ zeichnend, daß die Schatzanweisungen, die die Staaten vor dem 18. Jahrhundert ausgaben, gewöhnlich auf einzelne Einkünfte der Krone basiert und durch sie gewährleistet waren. Erst die engli¬ schen exchequer bills des 18. Jahrhunderts waren Anweisungen auf sämtliche Staatseinnahmen; sie hatten also keine von besonderen Umständen abhängige und besonders zu untersuchende Bonität, sondern diese bestand nur noch in dem allgemeinen Zutrauen in die Zahlungsfähigkeit des Staates überhaupt. Hierin zeigt sich die große zentralisierende Tendenz der Neuzeit, die ihrer gleichzeitig individualisierenden in keiner Weise widerspricht: beides sind viel¬ mehr die Seiten eines Prozesses, einer schärferen Differenzierung, einer neuen Zusammenfassung der der Gesellschaft und der dem eignen Subjekt zugewendeten Seiten der Persönlichkeit. Die Ent¬ wicklung läutert aus dem Wesen des Geldes alle individualistisch vereinzelnden Elemente heraus und macht die zentralisierten Kräfte des weitesten sozialen Kreises zu seinen Trägern. Die abstrakte Ver¬ mögensform des Geldes trägt diese Entwicklung ebenso dem Per¬ sonalkredit wie dem Staatskredit ein. Die Fürsten als Personen be¬ saßen noch im 15. und anfangs des 16. Jahrhunderts im ganzen wenig Kredit; nicht nach ihrer eignen Kreditwürdigkeit, sondern nach dem Wert der Bürgschaften und Pfänder wurde gefragt. Der Personalkredit beruht darauf, daß man annimmt: wie auch die Ob¬ jekte wechseln mögen, die den Besitz des Schuldners bilden, die Wertsumme seines Besitzes wird immer für die bestimmte Schuld gut sein. Erst wenn das Vermögen jemandes als Wert überhaupt, d. h. in Geld taxiert ist, kann er als Person einen dauernden Kredit haben; sonst muß dieser von dem wechselnden Objektbesitze ab- hängen. Es erscheint als ein Übergang von dieser letzteren Stufe zu der heutigen, daß noch im 18. Jahrhundert die meisten Schulden auf bestimmte Summen bestimmter Münzsorten lauteten. Es war also der Begriff des abstrakten, von jeder Spezialform gelösten Wertes noch nicht völlig wirksam geworden — jenes Wertes, hinter dem nicht mehr eine sachliche Bestimmtheit, sondern nur noch der Staat oder die Einzelpersönlichkeit als Garanten stehen.
Die Hauptsache aber ist, daß die Bedeutung des Metalls für das Geldwesen immer mehr hinter die Sicherung seines funktionellen Wertes durch die Organisation des Gemeinwesens zurücktritt. Denn das Metall ist eben ursprünglich immer Privatbesitz und darum können die öffentlichen Interessen und Kräfte nie absolut Herr dar¬ über werden. Man kann sagen, daß das Geld immer mehr eine öffent¬ liche Einrichtung in immer strengerem Sinne des Wortes wird: es besteht mehr und mehr aus dem, was die öffentliche Macht, die öffent¬ lichen Institutionen, die von der Gesamtheit getragenen Verkehrs¬ arten und Garantien daraus machen und wozu sie es legitimieren. Es ist deshalb bezeichnend, daß in früheren Epochen das Geld gleich¬ sam noch nicht allein, auf seiner abstrakten Funktion, stehen kann; das Geldgeschäft lehnt sich entweder an spezifische Betriebe oder an die technische Herstellung der Münze oder an den Handel mit Edelmetallen an. So waren es in Wien anfangs des 13. Jahrhunderts die flämischen Tuchfärber, die regelmäßige Wechselgeschäfte be¬ sorgten, wie in England und teilweise auch in Deutschland die Gold¬ schmiede. Der Münzwechsel, der im Mittelalter überhaupt erst den Geldverkehr trug (da in jedem Orte prinzipiell nur in seiner Lokal¬ münze gezahlt werden durfte), war ursprünglich das Privüeg der Münze selbst, der »Münzer Hausgenossen«. Erst als später die Städte die Münze erwarben, wurde das Wechselgeschäft und der Edelmetall¬ handel von der Münze getrennt. Die Funktion der Münze ist also zunächst, gleichsam durch Personalunion, an ihren Stoff gebunden; sobald die öffentliche Gewalt für sie garantiert, wird sie von den sonst mit ihr Inerten Beziehungen unabhängig, der Wechsel und der Handel mit ihrem Material steht jedem frei, und zwar gerade in dem Maße, in dem ihre Funktion als Geld überindividuell gesicherter wird Ehe wachsende Entpersonalisierung des Geldes, sein immer engeres Verhältnis zu dem zentralisierten größten Sozialkreise steht in ge¬ nauer und wirksamer Beziehung zu der Akzentuierung seiner Funk¬ tionen in ihrer Selbständigkeit gegenüber dem Metallwert. Es ist die Sicherheit des Geldes, auf der sein Wert ruht und als deren Träger die politische Zentralgewalt allmählich durch die unmittel¬ bare Bedeutung des Metalls, sie verdrängend, hindurchwächst. Hier hegt eine Analogie zu einer wenig beachteten Nuance des Wert¬ empfindens vor. Sobald der Wert eines Objektes darauf beruht, daß es uns ein anderes zugängig macht, so ist sein Wert durch die beiden Koeffizienten bestimmt: den inhaltlichen Wert dessen, was es uns vermittelt, und die Sicherheit, mit der ihm diese Vermittlung gelingt; die Erniedrigung des einen Koeffizienten kann, bis zu einer gewissen Grenze, den Gesamtwert ungeändert lassen, wenn ihr eine Erhöhung des andern entspricht. So ist die Bedeutung einer Er¬ kenntnis für uns gleich dem Produkt aus ihrer Sicherheit und der Wichtigkeit ihres Inhaltes. In den Naturwissenschaften pflegt der erstere, in den Geisteswissenschaften der letztere Koeffizient zu über¬ wiegen, wodurch dann prinzipiell eine Gleichheit ihres Gesamtwertes möglich ist; nur wenn man, wie Aristoteles, an der Sicherheit des Wissens nicht zweifelt, kann man seinen Wert ausschließlich von dem seines Objekts abhängen lassen. So ist der Wert eines Lotterie - loses ein Produkt aus der Wahrscheinlichkeit, daß es gezogen wird, und der Höhe des eventuellen Gewinnes, so der Wert jedes be¬ liebigen Handelns gleich dem Produkt aus der Wahrscheinlichkeit, daß es seinen Zweck erreicht und der Wichtigkeit dieses Zweckes, so der Wert eines Rentenpapiers zusammengesetzt aus der Sicher¬ heit für das Kapital und der Höhe der Verzinsung. Nun verhält sich das Geld zwar nicht genau ebenso, denn seiner steigenden Sicherheit entspricht keine Wertminderung der Objekte, deren Erlangung es sichert; aber die Analogie gilt doch so weit, daß mit der steigenden Sicherung seiner Verwertbarkeit sein anderer Wertkoeffizient, der innere Metall wert, unbestimmt weit sinken kann, ohne seinen Ge¬ samtwert zu alterieren. Andrerseits ergibt sich unmittelbar als Ur¬ sache wie als Wirkung der soziologischen Stellung des Geldes, daß es die Beziehungen zwischen der Zentralgewalt der Gruppe und ihren einzelnen Elementen zahlreicher, stärker und enger machen muß, weil eben jetzt die Beziehungen dieser Elemente untereinander gleichsam durch jenes hindurchgeleitet werden. So haben schon die Karolinger ein deutliches Bestreben, den Natural- oder Viehtausch durch Geldwirtschaft zu verdrängen. Sie verordnen oft, die Münzen dürften nicht zurückgewiesen werden und bestrafen ihre Nicht¬ annahme hart. Das Münzrecht war ausschließlich Königsrecht, und so bedeutete das Durchsetzen des Verkehrs in Münze die Erstreckung der königlichen Macht dahin, wo früher rein privater, persönlicher Verkehrsmodus bestand. Es ist ganz in dem gleichen Sinne, wenn die römischen Gold- und Silbermünzen seit Augustus ausschließlich im Namen und Auftrag des Kaisers geprägt wurden, wogegen das Recht, Scheidemünze auszugeben, einerseits dem Senat, andrerseits den Kommunalverbänden verblieb; und es verallgemeinert diesen Zusammenhang nur, daß große Fürsten so oft auch gewaltige Münz¬ systeme geschaffen haben: Darius I., Alexander d. Gr., Augustus, Diokletian, bis zu Napoleon I. Die ganze Technik, durch die in naturalwirtschaftlichen Zeiten eine große soziale Macht bestehen kann, weist sie darauf hin, sich selbst zu genügen, sich — wie es z. B. von den Großgrundherrschaften seit den Merovingern gilt — zum Staat im Staate zu machen; wogegen entsprechende Macht¬ gebilde in der Geldwirtschaft gerade im Anschluß an die Staats¬ organisation erwachsen sind und sich erhalten haben. Der moderne zentralistische Staat wurde deshalb auch an dem ungeheuren Auf¬ schwung der Geldwirtschaft groß, den die beginnende Neuzeit aus der Erschließung der amerikanischen Metallvorräte gewann. Die Selbstgenügsamkeit feudaler Verhältnisse wurde zerstört, indem sich in jede Transaktion die auf die Zentralgewalt hinweisende, die Be¬ ziehungen der Kontrahenten über sich hinausweisende Münze schob: so daß man diese Macht des Geldes, die einzelnen mehr an die Krone zu drängen, enger an sie zu binden, als den tieferen Sinn des Mer¬ kantilsystems angesprochen hat. Andrerseits gilt die Tatsache, daß die deutschen Kaiser sich dieses Zentralisierungsmittel von den rerritorialherren entreißen ließen, als einer der wesentlichen Gründe für die Zersplitterung des Reiches — während die französischen und englischen Könige des 13. und 14. Jahrhunderts die Einheit ihrer Reiche mit Hilfe der geldwirtschaftlichen Bewegung gründeten. Als das russische Reich im ganzen schon als ein unteilbares galt, stattete Iwan III. doch seine jüngeren Söhne noch mit Landesteilen aus in denen sie souverän schalten konnten, und für die er der Zentral¬ gewalt außer der höheren Gerichtsbarkeit nur das Münzrecht vor¬ behielt. Ja, die lockere Sphäre, die, aus den Handelsbeziehungen eines Landes bestehend, es jenseits seiner politischen Grenzen um¬ gibt, gewinnt außerordentlich an Ausdehnung und Konsistenz, sobald das Landesgeld durch seine Solidität allenthalben gültig wird und so a e Punkte dieses Kreises mit dem Ursprungsland verbindet und immer wieder auf dasselbe zurückweist. So verlieh der Kurs des englischen Sovereigns in Portugal und Brasilien dem englischen Handel ein großes Prestige und hielt die in diese Länder ausstrahlen¬ den Handelsbeziehungen einheitlich zusammen. In Deutschland war der Gang der, daß bald nach der Karolingerzeit der König einzelnen Personen und Stiften das Prägerecht verlieh, wobei er indes noch selbst Schrot, Korn und Form der Münzen bestimmte. Aher ihre relative Unzerstörbarkeit, in deren Konsequenz ihr Gesamt¬ quantum lange Perioden hindurch fast stetig bleibt, weil jedes durch Schürfung hinzukommende Quantum im Verhältnis zu dem bereits vorhandenen nur minimal ist. Während die Mehrzahl aller anderen Objekte verbraucht wird, in ewigem Flusse verschwindet und sich wieder ersetzt, bleibt das Geld in seiner fast unbegrenzten Dauer¬ haftigkeit von diesem Wechsel der individuellen Dinge unberührt. Damit aber erhebt es sich über diese, wie die objektive Gruppen¬ einheit über die Fluktuation der Persönlichkeiten. Denn das eben ist ja die charakteristische Lebensform jener konkret gewordenen Ab¬ straktionen der Gruppenfunktionen, daß sie jenseits der einzelnen Verwirklichungen dieser stehen, ruhende Gebilde in der Flucht der individuellen vorüberfließenden Erscheinungen, die gleichsam in sie aufgenommen, von ihnen geformt und wieder entlassen werden: das ist die Unsterblichkeit des Königs, die jenseits seiner zufälligen Per¬ sönlichkeit, seiner einzelnen Maßregeln, der wechselnden Schicksale seiner Gruppe steht und für die die relative Ewigkeit der Münze, die sein Bild trägt, sowohl als Symbol wie als Beweis wirkt. Die Geschäfte mit Fürsten waren es, die im 16. Jahrhundert überhaupt erst das reine Geldgeschäft großen Stiles schufen; der Verkehr mit dem Fürsten, den es bewirkte, ließ den bis dahin damit verbundenen Warenhandel als etwas Plebejisches erscheinen, über das sich der Geldkaufmann in einer Analogie zu königlicher Würde erhob. So mag auch der Haß der Sozialisten gegen das Geldwesen nicht nur der diesem zugeschriebenen privatwirtschaftlichen Übermacht des Kapitalisten über den Arbeiter gelten, sondern auch ihren anti¬ monarchischen Instinkten entspringen; denn so wenig die Objekti¬ vierung der Gruppengesamtheit, deren das Geld bedarf, in monarchi¬ scher Form geschehen muß, so hat doch in der neueren Geschichte gerade diese Form aufs kräftigste der Einschiebung der Zentral¬ gewalt in die wirtschaftlichen Funktionen der Gruppe gedient. Auch die festen Residenzen der Fürsten, die die Zentralisation so sehr fördern, sind erst bei Geldsteuern möglich; den nicht transportabeln Naturalsteuern entspricht das Herumziehen des Hofes, der sie über¬ all in natura verzehrt. Es ist durchaus in diesem Sinn, wenn moderne Steuerpolitik vielfach dahin strebt, den Kommunen die Realsteuem zu überlassen, den Staat aber auf Einkommensteuer zu stellen. Indem