scheinungen, deren Wirksamkeit sich bei regulärer Form und Verlauf in angebbaren Grenzen und determiniertem Umfang hält, während sie bei Ablenkungen und Verschlimmerungen einen unübersehbaren und kaum begrenzten Schaden anrichten. Die Typen dafür sind die Mächte des Wassers und des Feuers. Da das gute Geld nicht mit so vielen Nebenwirkungen belastet ist wie das schlechte und deshalb nicht so viel Erwägungen, Vorsicht und sekundäre Maßregeln bei seiner Benutzung verlangt, so kann es leichter und flüssiger als dieses kursieren. In je präziserer Form es die Dienste des bloßen Geldes leistet, desto geringer braucht sein Quantum zu sein, desto leichter ist es durch seine Bewegung zu ersetzen. Auch kann die Vermehrung der Umsätze statt durch eine Vermehrung der kursierenden Geld¬ substanz durch Verkleinerung der Stücke erzielt werden. Die Ent¬ wicklung der Münze geht im allgemeinen von großen zu kleinen Stücken und ich erwähne aus derselben hier des bezeichenden Falles: in England war lange Zeit der Farthing (gleich 0,12 gr Silber) das geringste Münzstück; erst von 1843 an wurden halbe Farthings ge¬ schlagen. Bis dahin waren also alle Werte, die unter ein Farthing galten, vom Geldverkehr ausgeschlossen, und für alle, die zwischen zwei ganzen Zahlen von Farthings standen, der Verkehr erschwert. Ein Reisender erzählt aus Abessinien (1882), wie außerordentlich es den Handel behindere, daß nur eine ganz bestimmte Münze, der Maria-Theresia-T aler von 1780, anerkannt werde, das Kleingeld aber so gut wie ganz fehle. Wenn jemand also für einen halben Taler Gerste kaufen wolle, so müsse er für den Rest des Geldes irgend sonstige Gegenstände in Kauf nehmen. Wogegen aus Bornu in den sechziger Jahren von einem besonders leichten Verkehr berichtet wird, da der Wert jenes Talers in zirka 4000 Kaurimuscheln zerlegt sei und der. Arme deshalb ein Geld für die kleinsten Warenmengen besitze. Freilich hat die Verkleinerung der Münze die Folge, daß nicht mehr so viel umsonst geleistet wird, das Leihen und Aushelfen, das in primitiven Verhältnissen Regel ist, fällt fort, sobald für den aller- kleinsten Dienst ein Geldäquivalent zur Verfügung steht und eben deshalb auch gefordert wird. Aber jene Hingabe ohne Äquivalent, die zuerst soziale Notwendigkeit, dann moralische Pflicht oder freie Freundlichkeit ist, bedeutet noch keine eigentliche und entwicklungs¬ fähige Wirtschaft, sowenig wie umgekehrt der Raub. Zu dieser wird che Hmgabe erst mit der Objektivation des Verkehrs und seiner Gegenstände. Jenes subjektive Verfahren ist sicher von hohem, auch Ökonomischem Werte — aber es setzt der Wirtschaft sehr enge Grenzen; und diese können erst durch die Maßregeln gesprengt wer¬ den, die freilich jene Werte unmittelbar vernichten und zu denen die Einführung möglichst kleiner Münze gehört. Die Verflüchtigung des Geldstoffes sozusagen in Atome hebt den Verkehr außerordent¬ lich; indem sie das Tempo der Geldumsätze beschleunigt, vermehrt sie ihre Zahl; d. h. also, die bestimmte Art, in der das Geld funktioniert, ist imstande, die quantitativen Mehrungen seiner Substanz zu ersetzen.
Auch haben nun endlich gewisse Leistungen des Geldes von vorn¬ herein einen Sinn, der dem Wesen einer Substanz heterogen ist. Es gehört zu den Funktionen des Geldes, die ökonomische Bedeutung der Dinge in der ihm eigenen Sprache nicht nur überhaupt darzustellen, sondern zu kondensieren. In der Einheit der Geldsumme, mit der ein Gegenstand bezahlt wird, verdichten sich ebenso die Werte aller, vielleicht durch einen langen Zeitraum hin erstreckten Momente seiner Nutznießung, wie die Sonderwerte seiner räumlich auseinander¬ liegenden Teile, wie die Werte aller vorbereitenden und in ihm mün¬ denden Kräfte und Substanzen. Ein Geldpreis, aus wie vielen Münz¬ einheiten er auch bestehe, wirkt doch als eine Einheit; dank der völligen Ununterscheidbarkeit seiner Teile, die seinen Sinn aus¬ schließlich in seiner quantitativen Höhe bestehen läßt, bilden diese Teile eine so völlige Einheit, wie sie auf praktischem Gebiet sonst kaum besteht. Wenn man selbst von einem hochwertigen und viel¬ verzweigten Objekt, etwa einem Landgut, sagt, es gelte eine halbe Million Mark, so wird durch diese Summe, auf wie viele einzelne Voraussetzungen und Erwägungen sie sich auch fundamentiere, doch der Wert des Gutes in einen ganz einheitlichen Begriff zusammen¬ gezogen, nicht anders, als wenn man eine auch in sich einheitliche Sache durch einen in sich einheitlichen Münzbegriff schätzt, also etwa: eine Arbeitsstunde gelte eine Mark. Man könnte dies höch¬ stens mit der Einheit des Begriffes vergleichen, der das Wesentliche einer Anzahl individueller Gestaltungen zusammenschließt; wenn ich z. B. den Allgemeinbegriff Baum bilde, so liegen die Merkmale desselben, die ich aus ihren sehr verschiedenartigen Verwirklichungen an den einzelnen Bäumen heraus abstrahiere, nicht mehr nebenein¬ ander, sondern durchdringen sich zu einer einheitlichen Wesenheit. Wie es der tiefere Sinn des Begriffes ist, nicht ein bloßes Zusammen von Merkmalen zu sein, sondern die ideale Einheit, in der diese Merk¬ male trotz aller ihrer Verschiedenheiten sich begegnen, und in die sie sich einschmelzen — so läßt der Geldpreis alle vielfache und extensiv-ökonomische Bedeutung des Objekts in eine gleichsam un¬ ausgedehnte Einheit konvergieren. Es scheint zwar, als ob jener Charakter reiner Quantität dies gerade verhindern müßte: niemals könne eine Mark mit einer zweiten eine solche Einheit bilden wie die Elemente eines organischen Körpers oder einer sozialen Ver¬ einigung, die Verschlingung ineinander fehle ihnen, sie blieben ewig an die Form des Nebeneinander gebunden. Allein dies gilt tatsächlich nicht für den Fall, daß die Geldsumme den Wert eines Objektes ausdrückt. Eine halbe Million Mark sind an und für sich freilich ein bloßes additionales Konglomerat zusammenhangsloser Einheiten; dagegen als Wert eines Landgutes sind sie das einheitliche Symbol, Ausdruck oder Äquivalent seiner Werthöhe und so wenig ein bloßes Nebeneinander einzelner Markeinheiten, wie, wenn man die Luft¬ temperatur mit 20 0 bezeichnet, damit nicht eine Summe von 20 einzelnen Graden, sondern vielmehr ein in sich völlig einheitlicher Wärmezustand gemeint ist. Dies entspricht der erwähnten Leistung des Geldes, Werte zu kondensieren; mit dieser schließt es sich deD großen Kulturmächten an, deren Wesen es ist, überall in einem kleinsten Punkt die größte Kraft zu sammeln und vermöge der Form der Konzentrierung der Energien die passiven und aktiven Wider¬ stände gegen unsere Zwecke zu überwinden. Hier ist vor allem an die Maschine zu erinnern, und zwar nicht nur nach der auf der Hand . liegenden Seite, daß sie die Naturkräfte in konzentrierter Weise in die Bahnen uns erwünschter Betätigung lenkt; sondern auch nach der hin, daß jede Verbesserung der Maschine und Erhöhung ihrer Geschwindigkeit den Arbeiter zu erhöhter Intensifikation seines Kraft¬ einsatzes zwingt. Das eben ist der Grund, weshalb Fortschritt der maschinellen Technik und Verkürzung der Arbeitszeit so oft Hand in Hand gehen kann und muß: weil die verbesserte Maschinerie nicht nur die Naturkräfte, sondern auch die Menschenkräfte in zu¬ sammengedrängterer, gleichsam porenloserer Form in den Dienst unserer Zwecke stellt. Ich sehe die gleiche Kulturtendenz sich an der Herrschaft des Naturgesetzes innerhalb unseres Weltbildes ver¬ wirklichen: gegenüber dem Haften an der einzelnen Erscheinung, der Zufälligkeit und der Isoliertheit primärer Empirie, ist das Natur¬ gesetz eine ungeheure Kondensierung des Erkennens; es faßt in eine kurze Formel die Erscheinungsart und Bewegung endloser Einzelfälle zusammen, der Geist komprimiert mit ihm die räumliche und zeit¬ liche Extensität des Geschehens in eine überschaubare Systematik, in der sozusagen die ganze Welt latent enthalten ist. An einem ganz anderen Pol der Erscheinungen zeigt die Ablösung der Handwaffen durch die Feuerwaffen dieselbe Entwicklungsform. Im Pulver hegt die enorme Kraftverdichtung, die mit einem Minimum von Muskel¬ leistung eine unmittelbar gar nicht erzielbare Extensität der Wirkung entfesselt. Ja vielleicht ist die Wichtigkeit und die Differenzierung der Persönlichkeit innerhalb der historischen Bewegung, die an die Stelle der Gentil-, Familien-, Genossenschaftsorganisationen tritt, dem gleichen Prinzip untertan. Indem die bewegenden Kräfte von immer individualisierteren, äußerlich enger begrenzten Trägern aus¬ strahlen, erscheinen sie komprimierter als vorher, die Schicksals - faktoren, die bei enger Einschmelzung des einzelnen in seine Gruppe durch diese hin verteilt sind, konzentrieren sich jetzt in ihm selbst; das Selbstbestimmungsrecht des modernen Menschen hätte zweck¬ mäßigerweise nicht aufkommen können, wenn nicht in der engen Form personaler Existenz ein sehr gestiegenes Quantum von Wir¬ kungsmöglichkeiten zusammengebunden wäre. Und dem widerstreitet es durchaus nicht, daß zugleich die Funktionen jener engen Gemein¬ schaften zum großen Teil an den so viel extensiveren Großstaat über- gegangen sind. Denn auf die wirklichen Leistungen angesehen, ist die Lebensform des modernen Staates mit seiner Beamtenorgani¬ sation, seinen Machtmitteln, seiner Zentralisierung, eine unendlich viel intensivere, als die der kleinen und primitiven Gemeinwesen. Der moderne Staat beruht auf einem ungeheuren Zusammennehmen, Ineinanderflechten und Vereinheitlichen aller politischen Kräfte; so daß man direkt sagen kann: gegenüber den Kraftverschwendungen, die die Zerfällung einer Nation in jene selbständigen, in sich zentrali¬ sierten Gemeinwesen von geringster Extensität bewirkt, stellt sowohl die freie und differenzierte Persönlichkeit, wie andrerseits der moderne Großstaat ein unvergleichliches Zusammennehmen der Kräfte dar; die sozialen Spannkräfte sind hiermit in eine derartig kompendiöse Form gebracht, daß jeder einzelnen Anforderung gegenüber mit einem Minimum von neuem Energieaufwand ein Maximum von Leistung erzielt werden kann. Es ist nun interessant zu ersehen, wie das Geld sich nicht nur diesen Beispielen der historischen Tendenz auf Kraftverdichtung anschließt, indem es die Werte der Dinge auf die kürzeste und komprimierteste Weise ausdrückt, sondern dies auch noch so bestätigt, daß es zu vielen jener gleich gerichteten, aber ganz anderen Gebieten zugehörigen Beispiele ein direktes Verhältnis hat. In der Epoche der aufkommenden Feuerwaffen wurde pecunia nervus belli, das Pulver entwand dem Ritter und dem Bürger die Waffe und drückte sie dem Söldner in die Hand, machte ihren Besitz und ihre Benutzung also zum Privileg der Geldbesitzer. Wie eng das Auf¬ kommen und die Fortschritte der Maschinentechnik mit dem Geld¬ wesen verbunden sind, bedarf keines Nachweises. Dagegen werde ich später einen solchen dafür zu führen haben, daß jene Entwicklung der primären Gruppenbildung zur Befreiung der Individualität einer¬ seits und die Erweiterung zum Großstaat andrerseits die innigste innere Beziehung zu dem Aufkommen der Geldwirtschaft hat. So sehen wir die Kulturtendenz der Kondensierung der Kräfte in vieler¬ lei direkten und vermittelten Zusammenhängen mit der Geldform der Werte. Alle jene indirekten Bedeutungen seiner für die ander¬ weitigen Seiten des Kulturprozesses hängen an seiner wesentlichen Leistung, daß der ökonomische Wert der Dinge mit ihm den ge¬ drängtesten Ausdruck und eine Vertretung von absoluter Intensität gewonnen hat. Wenn man hergebrachterweise unter die Hauptdienste des Geldes rechnet, daß es Wertaufbewahrungs- und Werttransport¬ mittel ist, so sind dies nur die groben und sekundären Erscheinungen jener grundlegenden Funktion. Sie aber hat ersichtlich gar keine innere Beziehung zu dem Gebundensein des Geldes an eine Substanz, ja an ihr tritt am empfindbarsten hervor, daß das Wesentliche des Geldes Vorstellungen sind, die, weit über die eigene Bedeutung seines Trägers hinaus, in ihm investiert sind. Je größer die Rolle des Geldes als Wertkondensator wird — und das wird sie nicht durch Wertsteigerung seines einzelnen Quantums, sondern durch die Erstreckung dieser seiner Funktion auf immer mehr Objekte, durch die Verdichtung immer verschiedenartigerer Werte in seiner Form — desto weiter wird es von der notwendigen Bindung an eine Substanz fortrücken; denn in ihrer mechanischen Immergleichheit und Starrheit muß diese der Fülle, dem Wechsel, der Mannigfaltig¬ keit der Werte immer inadäquater werden, die auf ihre Vorstellung projiziert und in ihr kondensiert werden.
Man könnte dies als eine steigende Vergeistigung des Geldes bezeichnen. Denn das Wesen des Geistes ist, der Vielheit die Form der Einheit zu gewähren. In der sinnlichen Wirklichkeit ist alles nebeneinander, im Geist allein gibt es ein Ineinander. Vermittels des Begriffes gehen dessen Merkmale, vermittels des Urteils gehen Subjekt und Prädikat in eine Einheit ein, zu der es in der Unmittelbar¬ keit des Anschaulichen gar keine Analogie gibt. Der Organismus, als die Brücke von der Materie zum Geist, ist freilich ein Ansatz dazu, die Wechselwirkung schlingt seine Elemente ineinander, er ist ein fortwährendes Streben nach einer ihm unerreichbaren vollkommenen Einheit. Erst im Geiste wird die Wechselwirkung der Elemente ein wirkliches Sichdurchdringen. Den Werten bereitet die Wechsel¬ wirkung im Tausche diese geistige Einheit. Darum kann das Geld, die Abstraktion der Wechselwirkung, an allem Räumlich-Substan¬ ziellen nur ein Symbol finden, denn das sinnliche Außereinander desselben widerstrebt seinem Wesen. Erst in dem Maß, in dem die Substanz zurücktritt, wird das Geld wirklich Geld, d. h. wird es zu jenem wirklichen Ineinander und Einheitspunkte wechselwirkender Wertelemente, der nur die Tat des Geistes sein kann.
Wenn so die Leistungen des Geldes sich teils neben seiner Sub¬ stanz, teils unabhängig von ihrem Quantum vollziehen können, und wenn deshalb sein Wert sinken muß — so bedeutet dies durchaus nicht, daß der Wert des Geldes überhaupt, sondern nur, daß der des einzelnen konkreten Geldquantums herabgesetzt ist. Beides fällt so wenig zusammen, daß man geradezu sagen kann: je weniger das einzelne Geldquantum wert ist, desto wertvoller ist das Geld über¬ haupt. Denn nur dadurch, daß das Geld so billig, jede bestimmte Summe seiner so viel wertloser geworden ist, kann es diejenige all¬ gemeine Verbreitung, rasche Zirkulation, überall hindringende Verr» wendbarkeit gewinnen, die ihm seine jetzige Rolle sichert. Innerhalb des Individuums spielt sich dasselbe Verhältnis zwischen den einzelnen Geldquanten und ihrer Totalität ab. Gerade diejenigen Personen, die sich vom Geld, wenn es eine einzelne Ausgabe betrifft, am leichtesten und verschwenderischsten trennen, pflegen vom Gelde überhaupt am abhängigsten zu sein. Auch dies ist eine der Bedeu¬ tungen der Redensart, daß man das Geld nur verachten könne, wenn man sehr viel hätte. In ruhigen Zeiten und Orten, mit öko¬ nomisch langsamerem Lebenstempo, wo das Geld viel länger an einer Stelle liegt, wird sein einzelnes Quantum viel höher gewertet als in der ökonomischen Jagd der großstädtischen Gegenwart. Die schnelle Zirkulation erzeugt eine Gewohnheit des Weggebens und Wiedereinbekommens, macht jedes einzelne Quantum psychologisch gleichgültiger und wertloser, während es als Geld überhaupt — da das Geldgeschäft den Einzelnen hier viel intensiver und extensiver berührt als in jenem unbewegteren Dasein — immer größere Be¬ deutung gewinnt. Es handelt sich hier um den sehr weit erstreckten Typus: daß der Wert eines Ganzen sich in demselben Verhältnis hebt, in dem der seiner individuellen Teile sinkt. Ich erinnere daran, daß Maß und Bedeutung einer sozialen Gruppe oft um so höher steigt, je geringer das Leben und die Interessen ihrer Mitglieder als Individuen eingeschätzt werden; daß die objektive Kultur, die Viel¬ seitigkeit und Lebendigkeit ihrer sachlichen Inhalte ihren höchsten Grad durch eine Arbeitsteilung erreichen, die den einzelnen Träger und Anteilhaber dieser Kultur oft in eintöniges Spezialistentum, Be¬ schränktheit und Verkümmerung bannt: das Ganze ist um so voll¬ kommener und harmonischer, je weniger der Einzelne noch ein har¬ monisches Ganzes ist. Dieselbe Form stellt sich auch sachlich dar. Der besondere Reiz und die Vollendung gewisser Gedichte besteht darin, daß die einzelnen Worte durchaus keinen selbständigen Sinn, außer dem, der dem beherrschenden Gefühl oder dem Kunstzweck des Ganzen dient, psychologisch mitanklingen lassen, daß der Ge- samtkreis der Assoziationen, der die eigene Bedeutung des Wortes ausmacht, ganz zurücktritt, und nur die dem Zentrum des Gedichtes zugewandten für das Bewußtsein beleuchtet sind; so daß das Ganze in demselben Maße kunstvollendeter ist, in dem seine Elemente ihre individuelle, für sich seiende Bedeutung einbüßen. Und endlich ein ganz äußerlicher Fall. Der Herstellungs- wie der Kunstwert eines Mosaikbildes ist um so höher, je kleiner seine einzelnen Steinchen sind; die Farben des Ganzen sind die treffendsten und nuanciertesten, wenn der einzelne Bestandteil eine möglichst geringfügige, einfache und für sich bedeutungslose Farbenfläche darbietet. Es ist also ein im Gebiete der Wertungen keineswegs unerhörter Fall, daß die Werte des Ganzen und die seiner Teile sich in umgekehrter Proportionalität zueinander entwickeln, und zwar nicht durch ein zufälliges Zu¬ sammentreffen von Umständen, sondern durch direkte Verursachung: daß jede einzelne angebbare Geldsumme jetzt weniger wert ist als vor Jahrhunderten, ist die unmittelbare Bedingung für die ungeheuer gesteigerte Bedeutung des Geldes. Und diese Bedingung hängt ihrerseits wieder von dem Steigen des Funktionswertes des Geldes auf Kosten seines Substanzwertes ab. Das zeigt sich nicht nur am Geld im allgemeinen, sondern auch an den einzelnen davon ab¬ zweigenden Erscheinungen: der Zinsfuß stand außerordentlich hoch, so lange es teils wegen der kirchlichen Wucherlehre, teils wegen der naturalwirtschaftlichen Verhältnisse überhaupt wenig verzinsliche Darlehen gab; eine je größere Bedeutung der Zins im wirtschaft¬ lichen Leben erhielt, desto geringer wurde er.
Und auch von dem allerprinzipiellsten Standpunkte aus wäre es das schwerste Mißverständnis der Entwicklung von der Substanz zur Leistung, wenn man sie auf ein »Wertlos«-Werden des Geldes deutete, und als sei ihm damit ungefähr so viel genommen wie einem Menschen mit der Seele — nämlich alles. Diese Auffassung geht schon deshalb an der Hauptsache vorbei, weil die Funktionen, in die das Geld sich auflöst, selbst wertvolle sind, wodurch ihm ein Wert zuwächst, der beim Metallgeld ein additioneller, beim Zeichengeld dei einzige ist; so sicher aber ist er ein reeller Wert, wie die Loko¬ motive durch das Ausüben ihrer Transportfunktionen einen Wert hat, der mehr ist als der Wert ihres Materials. Freilich kann es zunächst die Geldfunktionen ausüben, weil es ein Wert ist; dann aber wird es ein Wert, weil es sie übt. Den Wert des Geldes in seinen Substanz- wert setzen, heißt den Wert der Lokomotive in den ihres Eisen¬ gewichts, etwa noch um den darin steckenden Arbeitswert erhöht, setzen. Aber gerade diese Analogie scheint die Annahme eines be¬ sonderen, aus der Funktion erwachsenden Wertes zu widerlegen. Der Preis einer Lokomotive — wir brauchen in diesem Zusammenhänge nicht zwischen Wert und Preis zu unterscheiden — besteht allerdings aus Materialwert -j- Formwert, d. h. -f- Wert der darin investierten Arbeitskraft. Daß die Lokomotive wie das Geld den Austausch von Objekten bewirkt, das sei zwar die Veranlassung, sie überhaupt zu werten, davon hänge aber das Maß dieser Wertung keineswegs ab — wie auch sonst die Nützlichkeit unzähliger Objekte bewirke, daß sie überhaupt einen Marktpreis haben, die Höhe dieses aber von ganz anderen Momenten bestimmt werde; die Nützlichkeit gebe bei solchen Objekten allenfalls eine Grenze an, über die der Preis nicht steigen darf, aber sie könne hier dessen positive Größe nicht er¬ zeugen. Gilt dieser Vergleich, so scheint der Wert des Geldes doch wieder von seinen Funktionen auf seine Substanz zurückgewiesen zu werden. Allein an einem entscheidenden Punkte gilt er eben nicht. Daß eine Lokomotive nur nach ihrem Materialwert und Formungs¬ wert bezahlt wird, hängt ausschließlich daran, daß jeder Beliebige Lokomotiven bauen darf, und deshalb die Idee, ohne die Material -+- Arbeitskraft niemals eine Lokomotive ergeben würden, keinen Ein¬ fluß auf die Preisbildung besitzt. Sobald es ein Patent auf Loko¬ motiven gäbe, würde sich in dem erhöhten Preise, den man für sie bewilligte, der Wert zeigen, den sie über die Summe von Material¬ wert und Arbeitswert hinaus besitzen; sobald die Idee Gemeingut ist, haben ihre Verwirklichungen insoweit keine »Seltenheit«, und erst diese würde ihrer Funktionsbedeutung einen besonderen Ausdruck im Preise verschaffen. Nun aber besteht am Gelde etwas, was dem Patente entspricht: das Prägerecht der Regierungen, das jeden Un- legitimierten die Idee des Geldes zu verwirklichen hindert; auf diesem Monopol der Regierung ruht die »Seltenheit« des Geldes entweder teilweise, wenn es aus Edelmetall besteht, oder völlig, wenn es Papier oder Scheidemünze ist. Ein chinesisches Gesetz drückt im ersteren Falle das Monopol der Regierung dadurch mit charakte¬ ristischer Schärfe aus, daß es den Falschmünzer, der aus echtem Metall münzt, schwerer bestraft als den, der es aus minderwertigem tut: weil, so wird dies begründet, er gerade damit in unziemlichere Konkurrenz mit der Regierung träte und in ihre Prärogative tiefer eingriffe, als im letzteren Fall! Wenn jeder Beliebige Geld prägen könnte, so würde sein Wert allerdings auf Materialwert -f~ Formwert sinken, — womit denn jenes Monopol mit seinen Vorteilen hinweg¬ fiele. Deshalb ist von ethnologischer Seite bemerkt worden, daß, wo jeder selbst Geld beliebig herstellen kann, wie beim Muschelgeld, die Machtstellung der Reichen und der Häuptlinge sehr leicht er¬ schüttert wird. Umgekehrt hat an dem Privileg des Staates für die Herstellung des Geldes jeder Geldbesitzer pro rata teil — wie der Käufer eines patentierten Gegenstandes an dem Patent des Erfinders. Vermöge des der Zentralgewalt vorbehaltenen Prägerechts, das dem Geld die stete Möglichkeit, wirklich als Geld zu funktionieren, garan¬ tiert — gewinnen diese Funktionen nun ihrerseits die Möglichkeit, dem Material- und Formwert des Geldes ein weiteres wirksames Wertquantum hinzuzufügen, oder, wo jene fortfallen, ihm überhaupt einen Wert zu verschaffen. Sehr bezeichnend ist hierfür eine Norm des römischen Rechts, schon aus der republikanischen Zeit. Seit der Einführung der geprägten Münze statt des gewogenen Kupfer- 13 Simmel, Philosophie des Geldes.
geldes haben die Römer darauf gehalten, daß dieselbe rechtlich für ihren konventionellen Wert akzeptiert werde, gleichviel, ob ihr Effek¬ tivwert damit stimmte oder nicht. Diese Unabhängigkeit vom Metall aber fordert sogleich die Zusatzbestimmung: Geld sei überhaupt nur eben diese Münze, jede andere sei bloße Ware; nur bei Forderung auf jene kann man mit der strengen Geldschuldklage Vorgehen, alle sonstigen Geldschulden sind, wie Warenschulden, nur auf den wirk¬ lichen, also durch ihr Nominal als Geld nicht beeinflußten Wert (quanti ea res est) einzuklagen. Das heißt also, der Wert des anderen Geldes war nicht Geldwert, sondern Stoffwert, weil man der legalen Münze die Funktion des Geldes vorbehielt. Eben dadurch erhielt sie den Wert, den die anderen Münzen nur durch ihren Gehalt er¬ reichen konnten, und rechtfertigte es, daß sie unabhängig von ihrem inneren Werte galt. Wie ein Litermaß wirtschaftlichen Wert hat, nicht weil es Material und Form enthält — denn wenn es nicht durch diese zu einem außerhalb ihrer liegenden Zwecke verwendbar wäre, so würde kein Mensch ihm nachfragen — sondern weil es die Funk¬ tion des Messens zweckmäßig erfüllt, so hat auch das Geld seinen Wert im Dienst des Messens und den anderen, die es leistet. Nur daß man diesen auch wieder nur in Geld mit hinreichender Allgemeinheit ausdrücken kann, verhindert, dies so ohne weiteres zu erkennen wie bei dem Litermaß, dessen Wert man in etwas anderem, als es selbst ist, ausdrückt. Die Dienste des Geldes büden seinen »Gebrauchs¬ wert«, der doch in seinem »Tauschwert« irgendwie zum Ausdruck kommen muß; es ist eines der Objekte, in deren »Gebrauchswert«, da er an die Prägung durch die Regierung gebunden ist, der »Selten¬ heitswert«, den diese Prägung, wie ich zeigte, involviert, zugleich ent¬ halten ist. Die Substanztheorie des Geldes wehrt sich gegen die doch unvermeidliche Erkenntnistendenz, die Bedeutung der Dinge aus ihrem terminus a quo in ihren terminus ad quem zu verlegen: nicht was das Geld ist, sondern wozu es ist, verleiht ihm seinen Wert, so daß, wenn auch ein ursprünglicher Wert des Geldes es zu seinen Funktionen disponiert hat, es seinen Wert dann durch die Ausübung dieser Funktionen erhält und damit auf höherer Stufe zurückgewinnt was es auf niederer aufgegeben hat.
Wenn nun in den oben geschilderten Entwicklungen das Geld einem Punkte zustrebt, wo es, zum reinen Symbol geworden, ganz m seinen Tausch- und Meßzweck aufginge, so zeigen mannigfache Parallelen die allgemeine geistesgeschichtliche Tendenz, die es in jene Richtung führt. Das Interesse, das wir primärer und unbe¬ fangener Weise an den Erscheinungen nehmen, pflegt dieselben als ungeschiedene Ganze zu umfassen: wie sie uns als Einheit von Form