Die Beziehung der Juden zum Geldwesen äußert sich weiterhin in einer soziologischen Konstellation, die jenen Charakter des Geldes ebenso zum Ausdruck bringt. Die Rolle, die der Fremde innerhalb der sozialen Gruppe spielt, weist ihn von vornherein auf die durch Geld vermittelten Beziehungen zu ihr an, zunächst wegen der Trans¬ portfähigkeit und der über die Gruppengrenzen hinausreichenden Verwertbarkeit des Geldes. Die Relation zwischen dem Geldwesen und dem Fremden als solchem kündigt sich schon in einer Er¬ scheinung bei einigen Naturvölkern an. Das Geld besteht dort aus Zeichen, die von auswärts eingeführt werden, so daß es z. B. auf den Salomoinseln wie in Ibo am Niger eine Art Industrie ist, aus Muscheln oder sonst Geldzeichen herzustellen, die nicht am Her¬ stellungsort selbst, sondern in benachbarten Gegenden, wohin sie exportiert werden, als Geld kursieren. Das erinnert an die Mode, die so oft gerade wenn sie von außen importiert ist, besonders ge¬ schätzt und mächtig ist. Geld und Mode sind Ausgestaltungen so¬ zialer Wechselwirkungen, und es scheint, als ob die Sozialelemente manchmal wie die Augenachsen am besten auf einen nicht zu nahe gelegenen Punkt konvergierten. Der Fremde als Person aber ist aus demselben Grunde, der das Geld dem sozial Entrechteten so wertvoll macht, dafür vor allem interessiert: weil es ihm Chancen gewährt, die dem Vollberechtigten, bzw. dem Einheimischen auf spezielleren, sachlichen Wegen und durch persönliche Beziehungen zugängig sind; es wird betont, daß die Fremden es waren, die vor dem babylonischen Tempel den einheimischen Mädchen das Geld in den Schoß warfen, für das diese sich prostituierten. Der Zu¬ sammenhang zwischen der soziologischen Bedeutung des Fremden und der des Geldes hat aber noch eine weitere Vermittlung. Das reine Geldgeschäft ist nämlich ersichtlich etwas Sekundäres; das zentrale Geldinteresse äußert sich vielmehr zunächst und hauptsächlich im Handel. Aus sehr triftigen Gründen ist aber der Händler, am An¬ fang der wirtschaftlichen Bewegungen, ein Fremder. So lange die Wirtschaftskreise noch kleine sind und keine raffinierte Arbeits¬ teilung besitzen, genügt unmittelbarer Tausch oder Kauf zu der er¬ forderlichen Verteilung; des Händlers bedarf es erst für das Herbei¬ schaffen der in der Ferne produzierten Güter. Nun aber zeigt sich die Entschiedenheit dieses Verhältnisses auch sofort an seiner Um- kehrbarkeit: nicht nur der Händler ist ein Fremder, sondern auch der Fremde ist dazu disponiert, ein Händler zu werden. Das tritt hervor, sobald der Fremde nicht nur vorübergehend anwesend ist, sondern sich mederläßt und dauernden Erwerb innerhalb der Gruppe sucht: in Platos »Gesetzen« wird den Bürgern aller Gold- und Silber¬ besitz verboten und aller Handel und Gewerbebetrieb prinzipiell den Fremden Vorbehalten. So lag, daß die Juden ein Handelsvolk wurden, außer an ihrer Unterdrückung, auch an ihrer Zerstreuung durch alle Lander. Erst wahrend des letzten babylonischen Exils wurden die Juden m die Geldgeschäfte eingeweiht, die ihnen bis dahin unbe¬ kannt gewesen waren: und nun wird sogleich hervorgehoben, es seien besonders die Juden der Diaspora gewesen, die sich diesem eruf in größerer Anzahl widmeten. Zersprengte Leute, in mehr oder weniger geschlossene Kulturkreise hineindringend, können schwer Wurzel schlagen, eine freie Stelle in der Produktion finden und sind deshalb zunächst auf den Zwischenhandel angewiesen, der viel elasti¬ scher ist als die Urproduktion selbst, dessen Spielraum durch bloß formale Kombinationen fast unbegrenzt zu erweitern ist und der des¬ halb von außen kommende, nicht von der Wurzel her in die Gruppe hineingewachsene Elemente am ehesten aufnehmen kann. Der tiefe Zug der jüdischen Geistigkeit: sich viel mehr in logisch-formalen Kombinationen als in inhaltlich schöpferischer Produktion zu bewegen, muß mit dieser wirtschaftsgeschichtlichen Situation in Wechselwirkung stehen. Daß der Jude ein Fremder war, ohne organische Verbindung mit seiner Wirtschaftsgruppe, das wies ihn auf den Handel und dessen Sublimierung im reinen Geldgeschäft hin. Mit einer sehr merkwürdigen Einsicht in die Lage der Juden gestattete ihnen ein Statut von Osnabrück um 1300 ausnahmsweise wöchentlich einen Pfennig von der Mark Zinsen zu nehmen, also jährlich 36V9 °/o, während sonst höchstens 10 o/0 genommen wurden. Spezifisch wichtig wurde es, daß der Jude nicht nur der Stamm¬ fremde, sondern auch der Religionsfremde war. Weil für ihn des¬ halb das mittelalterliche Verbot des Zinsennehmens nicht galt, war er die indizierte Persönlichkeit für die Geldleihe. Es ist eben die Gelöstheit vom Boden, die die hohen Zinsen für die Juden begründete: denn Grundschulden waren ihnen nie sicher und ferner mußten sie immer fürchten, daß eine höhere Gewalt ihre Forderungen für auf¬ gehoben erklärte (so König Wenzel für das Land Franken 1390, Karl IV. 1347 für den Burggrafen von Nürnberg, Herzog Heinrich von Bayern 1338 für die Bürger von Straubing usw.). Der Fremde braucht für seine Unternehmungen und Ausleihen eine höhere Risiko¬ prämie. — Dieser Zusammenhang gilt aber nicht nur für die Juden, sondern er ist so tief im Wesen des Handels und des Geldes be¬ gründet, daß er eine Reihe anderer Erscheinungen nicht weniger be¬ herrscht. Ich erwähne hier nur einige neuzeitliche. Die Weltbörsen des 16. Jahrhunderts, Lyon und Antwerpen, erhielten ihr Gepräge durch die Fremden, und zwar auf Grund der fast unbeschränkten Handelsfreiheit, die der fremde Kaufmann gerade an diesen Plätzen genoß. Und das steht wieder mit dem Geldverkehrscharakter dieser Plätze in Zusammenhang: Geldwirtschaft und Handelsfreiheit haben tiefe innere Beziehungen, wie oft diese auch durch historische Zu¬ fälligkeiten und irrige Regierungsmaximen verdunkelt sein mögen. Die geldgeschäftliche Rolle des Fremden zeigt so recht ihre Ver¬ knüpfung. Die finanzielle Bedeutung mancher Florentiner Familien, in der Mediceerepoche, beruhte gerade darauf, daß sie von den Me¬ diceern verbannt oder ihrer politischen Macht beraubt und infolge¬ dessen darauf angewiesen waren, durch Geldgeschäfte in der Fremde — da sie in der Fremde eben keine anderen treiben konnten — von neuem zu Kraft und Bedeutung zu gelangen. Es ist der Betrachtung nicht unwert, wie danebenherlaufende, scheinbar entgegengesetzte Erscheinungen, genau angesehen, eben dasselbe Verhältnis erweisen. Als Antwerpen im 16. Jahrhundert der unbestrittene Welthandels¬ platz war, ruhte seine Bedeutung auf den Fremden, den Italienern, 15 Simmel, Die Philosophie des Geldes.
Spaniern, Portugiesen, Engländern, Oberdeutschen, die sich dort niedergelassen hatten und ihre Waren umsetzten. Die eingeborenen Antwerpener spielten bei dem Warenhandel eine sehr geringe Rolle und waren hauptsächlich als Kommissionäre und im Geldgeschäft als Bankiers tätig. In dieser internationalen und durch die Interessen des Welthandels vereinheitlichten Gesellschaft spielte eben der Ein¬ geborene die Rolle, die sonst vielfach der Fremde spielt: das Ent¬ scheidende ist hier das soziologische Verhältnis zwischen einer großen Gruppe und einzelnen, ihr fremd gegenüberstehenden Individuen; diese werden eben durch die Beziehungslosigkeit zu den konkreteren Interessen auf das Geldgeschäft mit jenen hingewiesen. Gewiß wird in den meisten Fällen dieses Verhältnis sich zwischen Eingeborenen und Fremden herstellen; aber schon als die Angelsachsen die bri¬ tische Bevölkerung, soweit sie nicht verjagt war, in sich aufgenommen hatten, nannten sie sie »die Fremden«; und wo, wie es in Antwerpen stattfand, die Fremden die große zusammenhängende Gruppe und die Eingeborenen die dazwischen versprengte Minorität bilden, da zeigt sich an dem Ergebnis, daß die gleiche soziologische Ursache die gleiche Folge hat, während die Frage, welches der Elemente gerade an der Lokalität eingeboren und welches fremd ist, an sich hierfür bedeutungslos ist. Weit über die sozusagen privaten Gründe hinaus, aus denen der einzelne Fremde innerhalb einer Gruppe zum Handel und zuhöchst zum Geldhandel designiert scheint, begegnen uns die ersten großen Transaktionen der neuzeitlichen Bankiers, im 16. Jahr¬ hundert, als durchaus im Ausland sich abspielend. Das Geld ist von der lokalen Beschränktheit der meisten teleologischen Reihen emanzi¬ piert, weil es das Mittelglied von jedem beliebigen Ausgangspunkt zu jedem beliebigen Endpunkt ist; und wenn, so möchte man fast sagen, jedes Element des historischen Seins diejenige Wirkungsform sucht, in der es sein Spezifisches, die gerade ihm eigentümliche Stärke am reinsten ausdrücken kann, so drängt dieses früheste moderne Großkapital, wie in dem Expansionsstreben jugendlichen Übermutes, zu einer Verwendung, in der ihm seine raumüberspringende Macht,' seine Überall-Verwendbarkeit, seine Parteilosigkeit zum stärksten Bewußtsein kam. Der Haß des Volkes auf die großen Finanzhäuser hing wesentlich damit zusammen, daß ihre Besitzer und meistens auch ihre Vertreter Fremde zu sein pflegten: es war der Haß des nationalen Empfindens gegen das Internationale, der Einseitigkeit, die sich ihres spezifischen Wertes bewußt ist, und sich dabei von einer indiffe¬ renten, charakterlosen Macht vergewaltigt fühlt, deren Wesen ihr im F remden als solchem personifiziert wurde; es entspricht dies ganz der Aversion der konservativen athenischen Volksmasse gegen den Intellektualismus der Sophisten und des Sokrates, gegen dieses neue, unheimliche Machtmittel des Geistes, das, neutral und herzlos wie das Geld, seine aller überlieferten Schranken spottende Macht zuerst so oft im Niederreißen zeigte. Dazu kam, diese Tendenz des Geldes gleichsam objektivierend, daß die ungeheure Ausdehnung der Geld¬ geschäfte damals den unendlichen Kriegen entstammte, zwischen dem Kaiser und dem französischen König, den Religionskriegen in den Niederlanden, Deutschland und Frankreich usw. Der Krieg, der unmittelbar nur reine unproduktive Bewegung ist, bemächtigte sich der Geldmittel vollständig und bewirkte eine völlige Überwucherung des soliden Warenhandels — der stets mehr lokal gebunden ist — durch den Geldhandel. Ja, der Weg des Großkapitals ins Ausland wurde auf diesem Umwege direkt landesverräterisch. Die französi¬ schen Könige haben lange mit Hilfe von Florentiner Bankiers Krieg gegen Italien geführt, sie haben Lothringen und später Elsaß unter dem Beistand deutschen Geldes vom Deutschen Reich losreißen können, die Spanier haben sich der italienischen Geldmächte bedienen dürfen, um Italien zu beherrschen. Erst das 17. Jahrhundert hat in Frankreich, England, Spanien diesem Umherflattern des Geldkapitals, in dem es die Losgebundenheit seines reinen Mittels - Charakters offenbarte, ein Ende zu machen und das Kapitalbedürfnis der Regierungen im eigenen Lande zu decken gestrebt. Und wenn die Finanz der modernsten Zeit wieder in vieler Hinsicht international geworden ist, so hat dies doch ganz andere Bedeutung: »Fremde« in jenem alten Sinne gibt es eben heute nicht mehr, die Handels¬ verbindungen, ihre Usancen und ihr Recht haben aus ganz entfernten Ländern einen immer mehr sich vereinheitlichenden Organismus ge¬ bildet. Das Geld hat den Charakter, der es ehemals zur Domäne des Fremden machte, nicht verloren, sondern sogar durch die Vermehrung und Variierung der in ihm gekreuzten teleologischen Reihen immer mehr ins Abstrakte und Farblose gesteigert. Der Gegensatz, der in dieser Hinsicht zwischen den Einheimischen und den Fremden be¬ stand, ist nur deshalb fortgefallen, weil die einst von ihm getragene Geldform des Verkehrs die Gesamtheit des Wirtschaftskreises er¬ griffen hat. Wie in einem Miniaturbild zusammengedrängt erscheint mir die Bedeutung des Fremden für das Geldwesen in dem Rate, den ich einmal geben hörte: man solle mit zwei Menschen niemals Geldgeschäfte machen, mit dem Freunde und mit dem Feinde. Die indifferente Objektivität des Geldgeschäftes tritt in dem einen Fall in einen fast niemals ganz zu glättenden Konflikt mit der Personalität des Verhältnisses, in dem anderen gibt eben derselbe Umstand feind¬ seligen Absichten weiten Spielraum, in tiefem Zusammenhänge damit-, daß unsere geldwirtschaftlichen Rechtsformen nirgends präzise genug sind, um böswillige Schädigung mit Sicherheit auszuschließen. Der indizierte Partner für das Geldgeschäft — in dem, wie man mit Recht gesagt hat, die Gemütlichkeit aufhört — ist die uns innerlich völlig indifferente, weder für noch gegen uns engagierte Persönlichkeit.
II.
In dem Vorhergehenden ist eine Tatsache des Wertgefühls vorausgesetzt worden, deren Selbstverständlichkeit für uns leicht über ihre Bedeutsamkeit hinwegtäuschen kann. Das Geld ist uns wertvoll, weil es das Mittel zur Erlangung von Werten ist; aber ebenso gut könnte man doch sagen: obgleich es nur das Mittel dazu ist. Denn logisch notwendig erscheint es keineswegs, daß der Ton des Wertes, der auf den Endzwecken unseres Handelns ruht, sich auch auf die Mittel übertrage, die an sich und ohne Einstellung in die teleologische Reihe völlig wertfremd wären. Daß diese Wertübertragung, auf Grund rein äußerer Zusammenhänge, stattfindet, ordnet sich in eine sehr ^allgemeine Form unserer geistigen Bewegungen ein, die man die psychologische Expansion der Qualitäten benennen könnte. Wenn nämlich eine sachliche Reihe von Gegenständen, Kräften, Gescheh¬ nissen ein Glied enthält, das bestimmte subjektive Reaktionen in uns auslöst: Lust oder Unlust, Liebe oder Haß, positive oder negative Wertgefühle — so scheint uns dieser Wert nicht nur auf seinem un¬ mittelbaren Träger zu haften, sondern wir lassen auch die anderen, an sich nicht ebenso ausgezeichneten Glieder der Reihe an ihm teil¬ haben: dies ist keineswegs nur bei teleologischen Reihen der Fall, deren Endglied seine Bedeutung auf alle Ursachen seiner Verwirk¬ lichung ausstrahlt, sondern auch bei anders laufenden Verknüpfungen der Elemente: alle Mitglieder einer Familie partizipieren an der Ehrung oder Degradierung eines einzelnen von ihnen; die un¬ bedeutendsten Produkte eines großen Dichters genießen, weil andere bedeutend sind, eine ihnen an sich nicht zukommende Schätzung; Neigung oder Haß des Einzelnen, aus politischer Parteistellung ent¬ sprungen, erstreckt sich auf diejenigen Punkte der Parteiprogramme, denen an und für sich er gleichgültig oder mit entgegengesetzten Gefühlen gegenüberstehen würde; die Liebe zu einem Menschen, von dem sympathischen Gefühl für eine seiner Wesensseiten aus¬ gehend, umfaßt schließlich seine Gesamtpersönlichkeit und damit vielerlei Eigenschaften und Äußerungen mit der gleichen Leiden¬ schaft, auf die diese ohne solchen Zusammenhang keinen Anspruch erheben würden. Kurz, wo nur immer Mehrheiten von Menschen 15 und Dingen sich durch irgendwelche Verknüpfung als Einheiten dar¬ bieten, fließt das Wertgefühl, das ein einzelnes Element hervorruft, gleichsam durch die zusammenhaltende Wurzel des Systems hindurch auch auf die anderen über, die an sich jenem Gefühle fremd sind. Gerade weil die Wertgefühle nichts mit der Struktur der Dinge selbst zu tun, sondern ihr unüberschreitbares Gebiet jenseits dieser haben, halten sie sich nicht streng an ihre logischen Begrenzungen, sondern entfalten sich mit einer gewissen Freiheit über die objektiv gerecht¬ fertigten Beziehungen zu den Dingen hinaus. Wenn es an sich etwas irrationales hat, daß die relativen Höhepunkte des Seelenlebens ihre benachbarten, an sich aber nicht in jene Qualitäten hinaufreichenden Momente färben, so offenbart dies dennoch den ganzen beglücken¬ den Reichtum der Seele, ihr von innen her bestimmtes Bedürfnis die einmal empfundenen Bedeutsamkeiten und Werte auch nach dem vollen Maße ihrer inneren Resonanz an den Dingen auszuleben, ohne ängstlich nach dem Rechtsgrund zu fragen, nach dem jedes seinen Anteil beanspruchen könnte.
Die rationellste und einleuchtendste von allen Formen solcher Expansion der Qualitäten ist sicher die der Zweckreihe. Sachlich allerdings erscheint auch diese nicht unbedingt notwendig; denn die Bedeutung, die das an sich gleichgültige Mittel dadurch erhält, daß es einen wertvollen Zweck verwirklicht, brauchte keineswegs in einem darauf übertragenen Werte zu bestehen, sondern könnte eine eigen- artige Kategorie sem, die auf die außerordentliche Häufigkeit und Wichtigkeit dieser Konfiguration hin wohl hätte entstehen können.
W^m, l v>hllCh-iat nUI! emmal ^ Psychologische Expansion die Wertqualitat ergriffen und nur den Unterschied bestehen lassen, nach em man den Wert des Endzwecks als absoluten, den der Mittel als relativen bezeichnen kann. Absolut - in dem hier fraglichen, praktidrfStfTniT d^.Wert der Din&e> 311 denen ein Willensprozeß definitiv haltmacht. Dieses Haltmachen braucht natürlich keine zeit¬ lich ausgedehnte Fermate zu sein, sondern nur der Abschluß einer Wrvaüonsreihe, so daß, wenn diese sich in dem Befriedigungs- gefuhl ausgelebt hat, das Weiterleben des Wollens sich in neuen Innervationen kundgeben muß. Relativ wertvoll dagegen ist ein Objekt wenn das Fuhlen seiner als eines Wertes dadurch bedingt ist, daß seine Verwirklichung die eines absoluten Wertes bedingt • es zeigt seine Relativität darin, daß es seinen Wert in dem Augen¬ blick einbußt, in dem ein anderes Mittel zu demselben Zweck als das wirksamere oder erreichbarere erkannt wird. Mit dem oben be¬ handelten Gegensatz des objektiven und des subjektiven Wertes fällt der des absoluten und relativen so wenig zusammen, daß sowohl innerhalb der subjektiven wie der objektiven Wertsetzungen der letztere Gegensatz sich entfalten kann. — Ich habe hier die Begriffe des Wertes und des Zweckes ziemlich ungeschieden gebraucht; tat¬ sächlich sind beide in diesem Zusammenhänge nur verschiedene Seiten einer und derselben Erscheinung: die Sachvorstellung, die nach ihrer theoretisch-gefühlsmäßigen Bedeutung ein Wert ist, ist nach ihrer praktisch-willensmäßigen ein Zweck.
Die seelischen Energien nun, die die eine und die andere Art der Werte und Zwecke setzen, sind sehr verschiedener Natur. Die Kreierung eines Endzwecks ist unter allen Umständen nur durch eine spontane Willenstat möglich, während einem Mittel sein relativer Wert ebenso imbedingt nur vermittels theoretischer Erkenntnis zu¬ erkannt werden kann. Die Setzung des Zieles erfolgt aus dem Cha¬ rakter, der Stimmung, dem Interesse; den Weg aber schreibt uns die Natur der Dinge vor; die Formel, die über so viele Lebens¬ verhältnisse mächtig ist: daß das Erste uns freisteht und wir beim Zweiten Knechte sind, gilt deshalb nirgends ausgedehnter als auf dem teleologischen Gebiet. Allein diese Entgegengesetztheit, in der sich das sehr mannigfaltige Verhältnis unserer inneren Kräfte zum objektiven Sein offenbart, verhindert keineswegs, daß einer und der¬ selbe Inhalt aus der einen Kategorie in die andere übertrete. Gerade die Spontaneität der Endzwecksetzung, zusammen mit der Tatsache, daß die Mittel psychologisch an dem Werte ihres Zieles teilhaben, ermöglicht die Erscheinung, daß das Mittel für unser Bewußtsein völlig den Charakter eines definitiven, für sich befriedigenden Wertes annehmen kann. Obgleich dies nur durch die Unabhängigkeit der letzten Willensinstanz in uns von aller verstandesmäßigen logischen Begründung möglich ist, so kann die Tatsache selbst, so sehr sie der Zweckmäßigkeit zuwiderzulaufen scheint, derselben dennoch dienen. Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, kann vielmehr nur bei ganz flüchtigem Hinsehen gelten, daß wir unsere Zwecke am besten erreichen, wenn sie uns am klarsten als solche bewußt sind. So schwierig und unvollkommen nämlich der Begriff des »unbewußten Zweckes« auch sei — die damit ausgedrückte Tatsache: daß unser Handeln in der genauesten Anpassung an gewisse Endziele verläuft und ohne irgendwelche Wirksamkeit derselben völlig imverständlich ist, während in unserem Bewußtsein von ihrer Wirksamkeit nichts zu finden ist — diese Tatsache wiederholt sich so unendlich oft und so unsere ganze Daseinsart bestimmend, daß wir eine besondere Be¬ zeichnung für sie gar nicht entbehren können. Wir müßten sie nur mit dem Ausdruck des unbewußten Zweckes nicht erklärt, sondern nur benannt haben wollen. Das Problem wird durchsichtiger, wenn wir uns das Selbstverständliche immer vor Augen halten, daß unser Handeln nie durch einen Zweck als durch etwas, was sein wird, ver¬ ursacht ist, sondern immer nur durch ihn als eine physisch-psychische Energie, die vor dem Handeln besteht. Daraufhin läßt sich nun der folgende Sachverhalt vermuten. Unsere gesamten Betätigungen werden einerseits durch zentrale, aus unserem innerlichsten Ich ent¬ springende Kräfte, andrerseits durch die Zufälligkeiten von Sinnes¬ eindrücken, Launen, äußeren Anregungen und Bedingtheiten gelenkt, und zwar in sehr mannigfaltigen Mischungen beider. Unser Handeln ist in demselben Maß zweckmäßiger, in dem der erstere Faktor überwiegt, in dem die aus dem geistigen Ich im engeren Sinne stammenden Energien alles mannigfaltig Gegebene in ihre eigene Richtung lenken. Wenn ein erhebliches Quantum gespannter Ener¬ gie in uns einheitlich gesammelt ist, derart, daß ihre allmähliche Entladung eben jene unentwegte, alles Äußerliche von dem Aus¬ gangspunkt her beherrschende Richtung einhält — eine Konstel¬ lation, die sich formal identisch auch an nebensächlichen und ver¬ werflichen Interessen verwirklicht — so heißt diese reale, physisch¬ psychische Potentialität, wenn sie sich im begrifflichen Bewußtsein spiegelt, eben Zweck. Ist dieser nun als Bewußtseinsvorgang der seelische Reflex der so bezeichneten Energiespannung, so ist klar, wieso er, bei der tatsächlichen weiteren Entwicklung derselben, als bewußter fortfallen kann: denn eben sein reales Fundament ist ja m der Auflösung begriffen, es setzt sich allmählich in wirkliche Aktionen um und lebt nur noch in seinen Wirkungen fort. Und ob¬ gleich, nach der Struktur unseres Gedächtnisses, die einmal ent¬ standene Zweckvorstellung, jene reale Grundlage überlebend, im Bewußtsein weiterbestehen kann, so ist dies doch für die Aktionen, die von ihr durchdrungen und gelenkt erscheinen, nicht erforderlich! Vielmehr, wenn diese Konstruktion richtig ist, so bedarf es, damit wir in teleologischen Reihen handeln, nur des Vorhanden-Gewesenseins jener Energieeinheit, also der einmaligen Existenz des Zweckes über¬ haupt. Was an ihm wirkliche Kraft war, lebt sich in dem daraufhin eintretenden Handeln aus, dieses bleibt von seinem Ausgangspunkt, dem Zwecke, gelenkt, gleichviel ob dieser als fortbestehender Bewußt! semsmhalt die praktische Reihe noch länger begleitet oder nicht.
Nun ist aber weiterhin klar, daß, wenn das Bewußtsein des Zweckes lebendig bleibt, es nichts rein ideelles, sondern auch seiner¬ seits ein Prozeß ist, der organische Kraft und Bewußtseinsintensität verbraucht. Die allgemeine Lebenszweckmäßigkeit wird also dahin streben, ihn auszuschalten, da er ja zu der teleologischen Lenkung unseres Handelns prinzipiell (von allen Komplikationen und Ablenkungen abgesehen) nicht mehr nötig ist. Und dies scheint nun endlich die Erfahrungstatsache durchsichtig zu machen: daß das Endglied unserer praktischen Reihen, nur durch die Mittel realisier¬ bar, um so sicherer von diesen hervorgebracht wird, je vollständiger unsere Kräfte auf die Hervorbringung der Mittel gerichtet und kon¬ zentriert sind. Eben diese Herstellung der Mittel ist die eigentlich praktische Aufgabe; je gründlicher sie gelöst ist, desto mehr wird der Endzweck der Willensbemühung entraten können und sich als der mechanische Erfolg des Mittels einstellen. Dadurch, daß der Endzweck immerzu im Bewußtsein ist, wird eine bestimmte Summe von Kraft verbraucht, die der Arbeit an den Mitteln entzogen wird. Das praktisch Zweckmäßigste ist also die volle Konzentrierung unserer Energien auf die nächst zu verwirklichende Stufe der Zweck - reihe; d. h., man kann für den Endzweck nichts Besseres tun, als das Mittel zu ihm so zu behandeln, als wäre es er selbst. Die Verteilung der psychologischen Akzente, deren es mangels unbeschränkt ver¬ fügbarer Kräfte bedarf, folgt also durchaus nicht der logischen Gliederung: während für diese das Mittel etwas völlig Gleichgültiges ist und alle Betonung auf dem Zweck liegt, verlangt die praktische Zweckmäßigkeit die direkte psychologische Umkehrung dieses Ver¬ hältnisses. Was die Menschheit dieser scheinbar so irrationellen Tatsache verdankt, ist nicht auszusagen. Wir würden wahrscheinlich über die primitivsten Zwecksetzungen nie hinausgekommen sein, wenn unser Bewußtsein immer an diesen hängen und so für den Bau mannigfaltigerer Mittel nur unvollkommen frei sein würde; oder wir würden eine unerträgliche und lähmende Zersplitterung erfahren, wenn wir bei der Arbeit an jedem untergeordneten Mittel die ganze Reihe darüber gebauter weiterer Mittel mit dem schließlichen End¬ zweck fortwährend im Bewußtsein haben müßten; wir würden endlich für die Aufgabe des Augenblicks oft überhaupt weder Kraft noch Lust haben, wenn wir uns ihre Minimität gegenüber den letzten Zielen immer mit logischer Gerechtigkeit vor Augen hielten und nicht alle Kräfte, die dem Bewußtsein überhaupt entsprechen, gesammelt in den Dienst des vorläufig Notwendigen stellten. — Es liegt auf der Hand, daß diese Metempsychose des Endzwecks um so häufiger und gründlicher stattfinden muß, je komplizierter die Technik des Lebens wird. Mit steigendem Wettbewerbe und steigender Arbeitsleistung werden die Zwecke des Lebens immer schwerer zu erreichen, d. h. es bedarf für sie eines immer höheren Unterbaues von Mitteln. Ein ungeheurer Prozentsatz der Kulturmenschen bleibt ihr Leben lang in dem Interesse an der Technik, in jedem Sinne des Wortes, be¬ fangen; die Bedingungen, die die Verwirklichung ihrer Endabsichten tragen, beanspruchen ihre Aufmerksamkeit, konzentrieren ihre Kräfte derart auf sich, daß jene wirklichen Ziele dem Bewußtsein völlig entschwinden, ja, oft genug schließlich in Abrede gestellt werden. Das wird durch den Umstand begünstigt, daß in kulturell aus¬ gebildeten Verhältnissen das Individuum schon in ein sehr viel- gliedriges teleologisches System hineingeboren wird (z. B. in Hin¬ sicht äußerer Sitten, nach deren Ursprung als Bedingungen sozialer Zwecke niemand mehr fragt, die vielmehr als kategorische Imperative gelten), daß er in die Mitarbeit an längst feststehenden Zwecken hineinwächst, daß sogar seine individuellen Ziele ihm vielfach als selbstverständliche aus der umgebenden Atmosphäre entgegen- kommen und mehr in seinem tatsächlichen Sein und Sich -Entwickeln als in deutlichem Bewußtsein zur Geltung gelangen. Alle diese Um¬ stande helfen dazu, die Endziele nicht nur des Lebens überhaupt sondern auch innerhalb des Lebens nur unvollständig über die Schwelle des Bewußtseins steigen zu lassen und die ganze Zuspitzung desselben auf die praktische Aufgabe, die Realisierung der Mittel 711 rirhfon ° y