711 rirhfon ° y Es bedarf wohl keines besonderen Nachweises, daß diese Vor- daüerung des Endzwecks an keiner Mittelinstanz des Lebens in solchem Umfange und so radikal stattfindet als am Geld. Niemals ist ein Objekt, das seinen Wert ausschließlich seiner Mittlerqualität, seiner Umsetzbarkeit in definitivere Werte verdankt, so gründlich und ruckhaltslos zu einer psychologischen Absolutheit des Wertes einem das praktische Bewußtsein ganz ausfüllenden Endzweck aus¬ gewachsen Auch wird diese abschließende Begehrtheit des Geldes gerade m dem Maße steigen müssen, in dem es immer reineren Mittelscharakter annimmt. Denn dieser bedeutet, daß der Kreis der r, ^arCn Gegenstände sich ^mer weiter ausdehnt, daß die Dinge sich immer widerstandsloser der Macht des Geldes ergeben daß es selbst immer qualitätsloser, aber eben deshalb jeder Quahtat der Dinge gegenüber gleich mächtig wird. Seine wachsende Bedeutung hangt daran, daß alles, was nicht bloß Mittel ist, aus ihm herausgeiautert wird, weil erst so die Reibungen mit den spezifischen Charakteren der Objekte hinwegfallen. Indem sein Wert als Mittel steigt, steigt sein Wert als Mittel, und zwar so hoch, daß es als haltoa^lervtlUn gÜt n n,d?** Zweckbewußtsein an ihm definitiv halünacht. Die innere Polarität im Wesen des Geldes: das absolute MensrLZU ^ k““? ^ dadurch Psychologisch für die meisten , h“.™ absoluten Zweck zu werden, macht es in eigentümomkC WeiSe zn emem Sinnbild, in dem die großen Regulative des praktischen Lebens gleichsam erstarrt sind. Wir sollen das Leben so behandeln, als ob jeder seiner Augenblicke ein Endzweck wäre, jeder soll so wichtig genommen werden, als ob das Leben eigentlich um seinetwillen bis zu ihm gereicht hätte; und zugleich: wir sollen das Leben so führen, als ob überhaupt keiner seiner Augenblicke ein definitiver wäre, an keinem soll unser Wertgefühl stillhalten, sondern jeder hat als ein Durchgang und Mittel zu höheren und immer höheren Stufen zu gelten. Diese scheinbar widerspruchsvolle Doppelforderung an jeden Lebensmoment, ein schlechthin definitiver und ein schlechthin nicht definitiver zu sein, quillt aus den letzten Innerlichkeiten, in denen die Seele ihr Verhältnis zum Leben ge¬ staltet — und findet, wunderlich genug, eine gleichsam ironische Er¬ füllung am Gelde, dem äußerlichsten, weil jenseits aller Qualitäten und Intensitäten stehenden Gebilde des Geistes.
Der Umfang, in dem sich das Geld für das Wertbewußtsein verabsolutiert, hängt von der großen Wendung des wirtschaftlichen Interesses von der Urproduktion zum industriellen Betrieb ab. Die neuere Zeit und etwa das klassische Griechentum nehmen dem Gelde gegenüber hauptsächlich daraufhin so verschiedene Stellungen ein, weil es damals nur der Konsumtion, jetzt aber wesentlich auch der Produktion dient. Dieser Unterschied ist von der äußersten Wichtig¬ keit für die teleologische Rolle des Geldes, das sich auch hier als der treue Index der Wirtschaft überhaupt zeigt: denn auch das all¬ gemeine ökonomische Interesse war damals viel mehr der Konsumtion als der Produktion zugewandt; die letztere war eben hauptsächlich agrarischer Art, und deren einfache und traditionell feststehende Technik fordert keine so erhebliche Aufwendung wirtschaftlichen Bewußtseins wie die fortwährend variierende Industrie, und läßt dieses deshalb sich mehr auf die andere Seite der Wirtschaft, die Konsumtion, richten. Die Entwicklung der Arbeit überhaupt zeigt dies Schema; bei den Naturvölkern ist sie fast nur eine solche, die um des immittelbar folgenden Verbrauches willen geschieht, nicht um des Besitzes willen, der die Staffel zu weiterem Erwerbe abgäbe, wes¬ halb denn auch die als sozialistisch zu bezeichnenden Bestrebungen und Ideale des Altertums wohl auf eine Organisierung der Kon¬ sumtion, aber nicht der produktiven Arbeit gehen; so daß sich hierin Platos Idealstaat ohne weiteres mit der athenischen Demokratie be¬ gegnet, zu deren Bekämpfung er gerade bestimmt war. Eine Stelle bei Aristoteles beleuchtet dies besonders scharf. Sobald für die politi¬ schen Funktionen ein Sold eingeführt wird, so bewirke dies in der Demokratie ein Übergewicht der Armen über die Reichen. Denn jene seien durch Privatgeschäfte weniger in Anspruch genommen als diese und haben deshalb mehr Zeit, ihre öffentlichen Rechte auszuüben, was sie denn auch um des Soldes willen tun. Es ist hier also schlechthin selbstverständlich, daß die Armen die Beschäfti¬ gungsloseren sind. Ist dies aber, im Gegensatz zu späteren Zeiten, nichts Zufälliges, sondern ein prinzipiell in jener Wirtschaftsform Be¬ gründetes, so folgt, daß das Interesse der Massen eben nur darauf gehen konnte, unmittelbar zu leben zu haben: eine soziale Struktur, die die Arbeitslosigkeit der Armen voraussetzt, muß im wesentlichen ein konsumtives statt eines produktiven Interesses haben. Die sitt¬ lichen Vorschriften, die sich bei den Griechen über das ökonomische Gebiet finden, betreffen fast niemals den Erwerb — freilich schon deshalb, weil an die numerisch weit überragenden Urproduzenten, die Sklaven, sich überhaupt kein soziales oder ethisches Interesse knüpfte. Nur die Verwendung, nicht die Beschaffung gebe, wie Aristoteles meint, Gelegenheit zur Entfaltung positiver Sittlichkeit. Das harmoniert völlig mit seiner und Platos Meinung über das Geld, in dem beide nur ein notwendiges Übel erblicken. Denn wo die Wert¬ betonung ausschließlich auf der Konsumtion liegt, enthüllt das Geld seinen indifferenten und leeren Charakter besonders deutlich, weil es mit dem Endzweck der Wirtschaft unmittelbar konfrontiert wird; als Produktionsmittel rückt es von jenem weiter ab, es wird rings von anderen Mitteln umgeben, gegen die gehalten es eine ganz andere relative Bedeutung besitzt. Dieser Unterschied in dem Sinne des Geldes geht auf die letzten Entscheidungen in dem Geiste der Epochen zurück. Das Bewußtseins - Übergewicht des konsumtiven Interesses über das produktive ging, wie eben erwähnt, von dem Vorwiegen agrarischer Produktion aus; der Grundbesitz, die relativ unverlierbare und durch das Gesetz geschützteste Substanz, war der einzige, der dem Griechen das Beharren und die Einheit seines Lebensgefühls gewährleisten konnte. Darin war der Grieche doch noch Orientale, daß er sich die Kontinuität des Lebens nicht anders vorstellen konnte, denn als die Ausfüllung der Zeitreihe mit festen und beharrenden Inhalten: das war das Haften am Substanzbegriff, das die ganze griechische Philosophie charakterisiert. Keineswegs freilich ist damit die Wirklichkeit des griechischen Lebens bezeichnet sondern gerade sein Versagtes, seine Sehnsucht und Erlösung: das ist die ungeheure Spannweite des griechischen Geistes, daß er seine Ideale nicht nur in der Fortsetzung und Komplettierung der Gegeben¬ heit suchte, wie es bei weniger großen und schwungvollen Volks¬ naturellen geschieht; sondern daß ihre leidenschaftliche, gefährdete, durch fortwährende Parteiungen und Kämpfe zerrissene Realität ihre’ Vollendung in ihrem Anderen suchte, in der festen Begrenztheit und den ruhigen Formen ihres Denkens und Bildens. Völlig entgegengesetzt ist die moderne Anschauung, die die Einheit und den Zu¬ sammenhang des Lebens in dem Kräftespiel und der gesetzlichen Aufeinanderfolge der inhaltlich abwechslungsvollsten Momente er¬ blickt. Die ganze Mannigfaltigkeit und Bewegtheit unseres Lebens hebt uns nicht das Gefühl seiner Einheit auf — wenigstens prinzipiell nicht, sondern nur in Fällen, die wir selbst als Abirrungen oder Unzu¬ länglichkeiten empfinden — ja gerade von jener wird es getragen, zu stärkstem Bewußtsein gebracht. Aber diese dynamische Einheit war den Griechen fremd; derselbe Grundzug, der ihre ästhetischen Ideale in den Formen der Architektur und der Plastik gipfeln ließ, der ihre Weltanschauung zu der Begrenztheit und Abrundung des Kosmos und zur Perhorreszierung der Unendlichkeit führte — eben dieser ließ sie die Kontinuität des Daseins nur als eine substanzielle anerkennen, die sich an den Grundbesitz anlehnt und an ihm ver¬ wirklicht, wie jene moderne am Geld mit seiner fließenden, sich stets aus sich heraussetzenden, die Gleichheit des Wesens an der höchsten und abwechselndsten Mannigfaltigkeit der Äquivalente darstellenden Natur. Dazu kam, um das eigentliche, auf das Geld basierte Handels¬ geschäft bei den Griechen zu diskreditieren, daß dasselbe immer etwas Langsichtiges hat und mit der Berechenbarkeit der Zukunft operiert; ihnen aber erschien die Zukunft prinzipiell als etwas Un¬ berechenbares, die Hoffnung auf sie als etwas äußerst Trügerisches, ja Vermessenes, durch das man den Zorn der Götter herausfordern konnte. All diese inneren und äußeren Momente der Lebens¬ gestaltung sind so wechselwirkende, daß man kaum eines als das zeitlich fundamentale, imbedingt veranlassende bezeichnen kann. Der Charakter einer agrarischen Wirtschaft, mit ihrer Zuverlässig¬ keit, mit ihrer geringen und wenig variabeln Zahl der Mittelglieder, mit ihrem Betonen der Konsumtion gegenüber der Produktion einer¬ seits, die auf die Substanzialität der Dinge gerichtete Sinnesart, die Scheu vor allem Unberechenbaren, bloß Labilen und Dynamischen andrerseits sind doch wohl nur verschiedenartige, durch das Medium differenzierter Interessen gebrochene Strahlen einer einheitlichen historischen Grundbeschaffenheit, die wir freilich mit unserem auf das Zerlegen angelegten Verstände nicht unmittelbar greifen und benennen können — oder sie gehören jenen Bildungen an, zwischen denen die Frage nach der Priorität überhaupt falsch gestellt ist, weil ihr Wesen von vornherein in der Wechselwirkung besteht, eines sich auf das andere und das andere auf das eine und so ins Un¬ endliche aufbaut, in einem Zirkel, der für die Einzelheiten des Er- kennens fehlerhaft, für seine grundlegenden Momente aber wesentlich und unvermeidlich ist. Wie sich das nun aber auch deuten lasse, die Tatsache war, daß bei den Griechen Mittel und Zwecke der Wirt¬ schaft nicht so weit auseinandertraten wie später, daß die ersteren deshalb nicht dasselbe psychologische Eigenleben gewannen wie später, und daß das Geld nicht so selbstverständlich und ohne innere Widerstände zu finden, zu einem selbständigen Werte aufwuchs.
Die Bedeutung des Geldes, das größte und vollendetste Beispiel für die psychologische Steigerung der Mittel zu Zwecken zu sein — tritt erst in ihr volles Licht, wenn das Verhältnis zwischen Mittel und Endzweck noch näher beleuchtet wird. Ich habe vorhin schon eine Reihe von Veranlassungen erwähnt, die die wirklichen Ziele ^S7,eS.HandeInS V°r 11115 Selbst verber&en> so daß unser Wollen in Wirklichkeit auf ganz andere hingeht, als es uns selbst scheint. Wenn es aber so durchaus legitim ist, über die Zwecke innerhalb unseres Bewußtseins hinaus nach weiteren zu fragen — wo lie°t die Grenze für dieses Hinausfragen? Wenn überhaupt einmal die“eleo- ogische Reihe nicht mit ihrem letzten momentan bewußten Gliede abschheßt, ist dann nicht der Weg für ihren Weiterbau ins Un- en che eröffnet, ist es nicht geradezu erforderlich, uns mit keinem gegebenen Endzweck, auf den unser Handeln führe, zu begnügen sondern für jeoen eine noch weitere Begründung in einem noch dar¬ über gelegenen zu suchen? Es tritt hinzu, daß kein erreichter Ge- winn oder Zustand jene endgültige Befriedigung gewährt, die mit dem Begriff eines Endzweckes logisch verbunden ist, daß vielmehr jeder erreichte Punkt eigentlich nur als Durchgangsstadium zu einem darüber hinaus Hegenden Definitivum empfunden wird - im ebiete des Smnhchen, weü dieses in ununterbrochenem Fluß ist, fmVThifia3 e“ neUCS Bedürfen kontinuieriich ansetzt, Ge.biel d®* Idealen> weü die Forderungen desselben durch keine empirische Wirklichkeit gedeckt werden. Nimmt man dies alles zu¬ sammen, so scheint das, was wir den Endzweck nennen, über den teleologischen Reihen zu schweben, zu diesen sich verhaltend wie aber^hm°nthZUH virdiSChen WegCn’ die bamir auf zugehen, R - h nach de£ ^ngsten Wanderung nicht näher als an ihrem Beginn vor sich haben. Denn nicht das steht in Frage, daß der Endzweck etwa nur unerreichbar, sondern daß er eine überhaupt nicht mit einem Inhalt zu erfüllende Vorstellungsform ist. Die teleorichte^k ReihGn’ STeit S1C S1Ch ÜberhaUpt auf irdisch Realisierbares richten, kommen nicht nur ihrer VerwirkHchung, sondern schon ihrer inneren Struktur nach nicht zum Stehen, und statt des festen Punktes den eine jede derselben in ihrem Endzweck zu besitzen schien bietet sich dieser gerade nur als das heuristische, regulative Prinzip dardaß man kern einzelnes Willensziel für das letzte ansehe, sondern fl jedem die Möglichkeit offen halte, die Stufe zu einem höheren zu werden. Der Endzweck ist sozusagen nur eine Funktion oder eine Forderung; als Begriff angesehen ist er nichts als die Verdichtung der Tatsache, die er zunächst gerade aufzuheben schien: daß der Weg des menschlichen Wollens und Wertens ins Unendliche führt und kein auf ihm erreichter Punkt sich dagegen wehren kann, so sehr er gleichsam von vorn gesehen als Definitivum erschien, von rückwärts gesehen, als bloßes Mittel zu gelten. Damit rückt jenes Auf¬ steigen der Mittel zu der Würde des Endzwecks in eine viel weniger irrationelle Kategorie. Für den einzelnen Fall zwar ist die Ir¬ rationalität nicht wegzuräumen, aber die Gesamtheit der teleologi¬ schen Reihen trägt ein anderes Wesen als die beschränkten Ab¬ schnitte: daß die Mittel zu Zwecken werden, rechtfertigt sich da¬ durch, daß im letzten Grunde auch die Zwecke nur Mittel sind. In den endlosen Reihen möglicher Wollungen, sich entwickelnder Hand¬ lungen und Befriedigungen ergreifen wir fast willkürlich ein Moment, um es zum Endzweck zu designieren, zu dem alles Vorhergehende nur Mittel sei, während ein objektiver Beobachter oder wir selbst später die eigentlich wirksamen und gültigen Zwecke weit darüber hinaus verlegen müssen, ohne daß auch diese gegen das gleiche Schicksal gesichert wären. An diesem Punkt der äußersten Spannung zwischen der Relativität unserer Bestrebungen und der Absolutheit der End¬ zweckidee tritt das Geld wieder bedeutsam und eine vorherige An¬ deutung weiter entwickelnd hervor. Indem es einerseits Ausdruck und Äquivalent des Wertes der Dinge ist, andrerseits aber doch reines Mittel und indifferentes Durchgangsstadium, symbolisiert es treffend das eben Ausgemachte: daß auch die erstrebten und empfundenen Werte sich schließlich als Mittel und Vorläufigkeiten enthüllen. Und indem das sublimierteste Mittel des Lebens für unendlich viele Men¬ schen der sublimierteste Zweck des Lebens wird, bildet es den un¬ zweideutigsten Beleg dafür, daß es nur auf den Standpunkt an¬ kommt, ob man ein teleologisches Moment als Mittel oder als Zweck gelten lassen will — einen Beleg, dessen extreme Entschiedenheit die These mit der Restlosigkeit eines Schulbeispiels deckt.
Wenngleich es nun keine Zeit gegeben hat, in der die Individuen nicht gierig nach Geld gewesen wären, so kann man doch wohl sagen, daß die maximale Zuspitzung und Ausbreitung dieses Verlangens in die Zeiten fällt, in denen ebenso die anspruchslosere Befriedigung an den einzelnen Lebensinteressen wie die Erhebung zu dem Religiös- Absoluten, als dem Endzweck des Daseins, ihre Kraft verloren hat; denn weit über die innere Verfassung des Einzelnen hinaus ist in der Gegenwart — wie in der Verfallszeit Griechenlands und Roms — der Gesamtaspekt des Lebens, die Beziehungen der Menschen unter¬ einander, die objektive Kultur durch das Geldinteresse gefärbt. Es kann als eine Ironie der historischen Entwicklung erscheinen, daß in dem Augenblick, wo die inhaltlich befriedigenden und abschließenden Lebenszwecke atrophisch werden, gerade derjenige Wert, der aus¬ schließlich ein Mittel und weiter nichts ist, in ihre Stelle hineinwächst und sich mit ihrer Form bekleidet. Allein in Wirklichkeit hat das Geld, als das absolute Mittel und dadurch als der Einheitspunkt un¬ zähliger Zweckreihen, in seiner psychologischen Form bedeutsame Beziehungen gerade zu der Gottes Vorstellung, die freilich die Psycho¬ logie nur aufdecken kann, weü es ihr Privilegium ist, keine Blas¬ phemien begehen zu können. Der Gottesgedanke hat sein tieferes Wesen darin, daß alle Mannigfaltigkeiten und Gegensätze der Welt m ihm zur Einheit gelangen, daß er nach dem schönen Worte des Nikolaus von Kusa die Coincidentia oppositorum ist. Aus dieser Idee, daß aUe Fremdheiten und Unversöhntheiten des Seins in ihm ihre Einheit und Ausgleichung finden, stammt der Friede, die Sicherheit der allumfassende Reichtum des Gefühls, das mit der Vorstellung Gottes und daß wir ihn haben, mitschwebt. Unzweifelhaft haben die Empfindungen, die das Geld erregt, auf ihrem Gebiete eine psycho¬ logische Ähnlichkeit mit diesen. Indem das Geld immer mehr zum absolut zureichenden Ausdruck und Äquivalent aller Werte wird erhebt es sich in abstrakter Höhe über die ganze weite Mannigfaltig¬ keit der Objekte, es wird zu dem Zentrum, in dem die entgegen- gesetztesten, fremdesten, fernsten Dinge ihr Gemeinsames finden und sich berühren; damit gewahrt tatsächlich auch das Geld jene Erhebung über das Einzelne, jenes Zutrauen in seine Allmacht wie in die eines höchsten Prinzips, uns dieses Einzelne und Niedrigere in jedem Augenblick gewähren, sich gleichsam wieder in dieses Um¬ setzen zu können. Hat man doch die besondere Eignung und das Interesse der Juden für das Geldwesen in Beziehung zu ihrer »mono¬ theistischen Schulung« gesetzt; ein Volksnaturell, seit Jahrtausenden daran gewohnt, zu einem einheitlichen höchsten Wesen aufzublicken an ihm insbesondere, da es nur eine sehr relative Transzendenz be¬ saß - den Ziel- und Schnittpunkt aüer einzelnen Interessen zu haben müsse auch auf dem wirtschaftlichen Gebiete sich vorzugsweise dem Wert hingeben, der sich als die zusammenfassende Einheit und der unkt gemeinsamer Zuspitzung aller Zweckreihen darbietet. Auch widerspricht die wilde Jagd nach dem Gelde, die Leidenschaftlich¬ keit, die es im Unterschied gegen andere zentrale Werte, z B den Grundbesitz, dem wirtschaftlichen, ja dem Leben überhaupt mitteüt durchaus nicht der abschließenden Beruhigung, in der die Wirkung des Geldes sich der religiösen Stimmung nähert. Denn nicht nur, daß die ganze Aufregung und Anspannung im Kampfe um das Geld die Bedingung für die selige Ruhe im Besitz des Erkämpften bildet; sondern jene Meeresstille der Seele, die die religiösen Güter ge¬ währen, jenes Gefühl, im Einheitspunkte des Daseins zu stehen, er¬ reicht doch seinen höchsten Bewußtseinswert erst als Preis des Suchens und Ringens nach Gott. Und wenn Augustin vom Geschäfts - leben sagt: Merito dictum negotium, quia negat otium, quod malum est neque quaerit veram quietem quae est Deus — so gilt dies mit Recht von der Geschäftigkeit, die, Erwerbsmittel an Erwerbsmittel knüpfend, zu dem Endziel des Geldgewinnes auf steigt; es gilt aber nicht von diesem Endziel selbst, das eben nicht mehr negotium, sondern die Mündung desselben ist. Die Feindseligkeit, mit der die religiöse und kirchliche Gesinnung oft dem Geldwesen gegenüber¬ steht, mag auch auf den Instinkt für diese psychologische Form- ähnlichkeit zwischen der höchsten wirtschaftlichen und der höchsten kosmischen Einheit zurückgehen und auf die erfahrene Gefährlich¬ keit der Konkurrenz, die gerade das Geldinteresse dem religiösen Interesse bereitet — eine Gefährlichkeit, die sich nicht nur, wo die Substanz des Lebens eine ökonomische, sondern auch wo sie eine religiöse ist, gezeigt hat. In der kanonistischen Verwerfung des Zinses spricht sich die Perhorreszierung des Geldes überhaupt aus, denn der Zins macht das Geldgeschäft in seiner abstrakten Reinheit aus. Das Zinsprinzip als solches enthält für sich noch nicht das volle Maß der Sündhaftigkeit — hat man diese doch im Mittelalter vielfach zu vermeiden geglaubt, wenn man den Zins in Waren statt in Geld abstatten ließ —, sondern daß es der Zins des Geldes und in Geld war, so daß man mit der Abschaffung jenes das Geldwesen überhaupt an seiner Wurzel zu treffen meinte. Das Geld tut sich eben gar zu leicht als Endzweck auf, es schließt bei gar zu vielen die teleo¬ logischen Reihen endgültig ab und leistet ihnen ein Maß von ein¬ heitlichem Zusammenschluß der Interessen, von abstrakter Höhe, von Souveränität über den Einzelheiten des Lebens, das ihnen das Bedürfnis abschwächt, die Steigerung eben dieser Genugtuungen in der religiösen Instanz zu suchen. Aus all diesen Zusammenhängen heraus sind also doch mehr als die auf der Hand liegenden Ver¬ gleichungspunkte wirksam, wenn Hans Sachs schon einen Vertreter der allgemeinen Meinung den Schluß ziehen läßt: Gelt ist auff erden der irdisch got. Der ganze Umfang derselben geht auf das Grund¬ motiv für die Stellung des Geldes zurück: daß es das absolute Mittel ist, das eben dadurch zu der psychologischen Bedeutung eines ab¬ soluten Zweckes aufsteigt. Man hat, mit einer freilich nicht völlig 16 Simmel, Philosophie des Geldes.
konsequenten Formulierung, gesagt, das einzig Absolute sei die Re¬ lativität der Dinge; und dafür allerdings ist das Geld das stärkste und unmittelbarste Symbol. Denn es ist die Relativität der Wirt¬ schaftswerte in Substanz, es ist die Bedeutung jedes einzelnen, die es als Mittel für den Erwerb eines anderen hat — aber wirklich diese bloße Bedeutung als Mittel, losgelöst von ihrem singulären kon¬ kreten Träger. Aber eben deshalb kann es psychologisch zu einem absoluten Werte werden, weil es nicht die Auflösung in Relatives zu furchten hat, derentwegen so viele, von vornherein substanzielle erte den Anspruch auf Absolutheit nicht aufrechterhalten konnten. In dem Maße, in dem das Absolute des Daseins (von dem ideellen Sinn der Dinge rede ich hier nicht) sich in Bewegung, Beziehung, Entwicklung auflöst, treten auch für unsere Wertbedürfnisse diese an die Stelle jenes. Das Gebiet der Wirtschaft hat in dem psycho¬ logisch absoluten Wertcharakter des Geldes diesen geschichtlichen iypus restlos exemplifiziert — wobei, wie populären Mißverständ¬ nissen gegenüber bemerkt werden mag, mit der formalen Gleichheit eser Entwicklung auf allen Gebieten durchaus nicht die Gleichheit ihrer Erfreulichkeit behauptet werden soll. — Wenn der Endzweckcharakter des Geldes für ein Individuum diejenige Intensität übersteigt, in der er der angemessene Ausdruck für die Wirtschaftskultur seines Kreises ist, so entstehen die Er¬ scheinungen^ der Geldgier und des Geizes. Ich betone ausdrücklich ie Abhängigkeit dieser Begriffe von den jeweiligen Wirtschafts¬ verhaltnissen weil eben dasselbe absolute Maß von Leidenschaft im Erwerben und im Festhalten des Geldes bei einer gewissen Bedeutung des Geldes durchaus normal und adäquat sein, bei einer andern aber jenen hypertrophischen Kategorien angehören mag. Im allgemeinen ird die Grenze für den Beginn der eigentlichen Geldgier bei sehr entwickelter und lebhafter Geldwirtschaft sehr hoch liegen, auf primi¬ tiveren Stufen aber verhältnismäßig tief, während es sich mit dem Geiz umgekehrt verhalt: wer in engen und wenig geldwirtschaftlich bewegten Verhältnissen als sparsam und rationell in Geldausgaben gilt wird m den großen Verhältnissen des schnellen Umsatzes, des leichten Verdiener und Ausgebens bereits als geizig erscheinen. Schon daran zeigt sich, was später noch deutlicher werden wird, daß Geldgier und Geiz keineswegs zusammenfallende Erscheinungen sind wenn sie auch die gleiche Grundlage, die Wertung des Geldes als absoluten Zweckes, teilen. Beide stellen, wie alle vom Geld ressortierenden Erscheinungen, nur besondere Ausbildungsstufen von Ten¬ denzen dar, deren niedere oder höhere Staffeln auch an anderweitigen Inhalten sichtbar werden. Beide zeigen sich konkreten Objekten gegenüber und ohne Beziehung auf deren Geldwert an der psycho¬ logisch sehr merkwürdigen Sammelsucht jener Persönlichkeiten, die das Volk den Hamstern vergleicht: Menschen, die kostbare Sammlungen jeglicher Art aufspeichern, ohne von den Gegenständen selbst einen Genuß zu ziehen, ja oft sogar, ohne sich überhaupt noch weiter um sie zu kümmern. Nicht der subjektive Reflex des Habens, um dessentwillen sonst erworben und besessen wird, trägt hier den Wert, sondern die ganz objektive, von keinen persönlichen Konse¬ quenzen begleitete Tatsache, daß diese Dinge eben in ihrem Besitze sind, ist für solche Persönlichkeiten wertvoll. Diese Erscheinung, die in eingeschränkter und weniger extremer Form sehr häufig ist, pflegt einfach als Egoismus behandelt zu werden, mit dessen gewöhnlichen Formen sie allerdings die negative Seite teilt, den Ausschluß aller anderen von dem eigenen Besitz; dennoch unterscheidet sie sich von diesen durch eine Nüance, die auf folgendem Umweg darzustellen ist.
Es muß immer wieder hervorgehoben werden, daß der Gegen¬ satz von Egoismus und Altruismus die Motivierungen unseres Han¬ delns keineswegs vollständig umfaßt. Wir haben tatsächlich auch ein objektives Interesse daran, daß gewisse Ereignisse oder Dinge wirklich oder nicht wirklich werden, und zwar völlig ohne Rücksicht auf irgendwelche, ein Subjekt treffenden Folgen derselben. Es ist uns wichtig, daß in der Welt eine Harmonie, eine Ordnung nach Ideen, eine Bedeutsamkeit — die keineswegs in die üblichen Schemata des Ethischen oder Ästhetischen hineinzupassen braucht — herrsche, und wir fühlen uns zur Mitwirkung dazu aufgefordert, ohne doch immer danach zu fragen, ob dies irgendeiner Persönlichkeit, dem Ich oder einem Du, zur Freude oder Förderung gereicht. Auf dem religiösen Gebiet kommen die drei Motivierungen in einer Weise zu¬ sammen, die die Stellung der hier fraglichen besonders durchsichtig macht. Die Erfüllung religiöser Gebote kann aus rein egoistischen Gründen geschehen, sei es in ganz grober Weise aus Furcht oder Hoffnung, sei es, etwas feiner, um des guten Gewissens oder des inneren Befriedigungsgefühles willen, das diese Erfüllung mit sich bringt. Sie kann ferner altruistischen Wesens sein: die Liebe zu Gott, die Hingabe des Herzens an ihn läßt uns seinen Geboten gehorchen, wie wir die Wünsche eines geliebten Menschen erfüllen, weil seine Freude und Genugtuung unser höchster Lebenswert ist. Endlich aber kann uns dazu ein Gefühl für den objektiven Wert einer Weltordnung bewegen, in der der Wille des höchsten Prinzips sich widerstandslos in dem Willen aller einzelnen Elemente fortsetzt, das sachliche Ver¬ hältnis zwischen Gott und uns kann diesen Gehorsam als seinen adäquaten Ausdruck oder seine innerlich notwendige Folge von uns fordern, ohne daß irgendein Erfolg für uns selbst, oder eine Freude und Zufriedenheit Gottes in diese Motivation einträte. So macht in vielerlei Fällen das Zweckbewußtsein an einer objektiven Wirklich¬ keit halt und entlehnt deren Wert nicht erst aus ihren subjektiven Reflexen. Ich lasse jede psychologische oder erkenntnistheoretische Deutung dieser, jenseits des Persönlichen stehenden Motivierung hier a ingestellt; jedenfalls ist sie eine psychologische Tatsache, die nun mit den Zweckreihen persönlicher Färbung die mannigfaltigsten Kombinationen eingeht. Der Sammler, der seine Kostbarkeiten anderen verschließt und sie selbst gar nicht genießt, aber ihren Be¬ sitz dennoch auf das eifersüchtigste hütet und wertet, färbt all seinen Egoismus durch einen Beisatz jener übersubjektiven Wertungsweise Im ganzen ist es doch der Sinn des Besitzes, genossen zu werden, und wir stellen ihm mcht nur die Objekte gegenüber, an denen man, wie an den Sternen, Freude hat, ohne sie zu begehren, sondern auch diejenigen, deren Wert man von aller subjektiven Freude prinzipiell unabhängig macht, wie die Schönheit, Ordnung und Bedeutsamkeit des Kosmos als etwas des Genossenwerdens Unbedürftiges und den¬ noch in seinem Werte Beharrendes erscheint. In dem Fall jener Besuzsuchtigen liegt nun eine mittlere oder Mischerscheinung vor: es bedarf hier schon des Besitzes, aber dieser schreitet nicht zu seinem regulären subjektrven Erfolge vor, sondern wird auch ohne diesen