SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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Macht der Parteien, so ist dies einer der imgeheuersten Fortschritte, die die Menschheit überhaupt machen konnte. Angesichts der bloßen Gradunterschiede, die nach so vielen Seiten hin zwischen den Men¬ schen und den niederen Tieren bestehen, hat man bekanntlich oft versucht, die spezifische Differenz festzustellen, die den Menschen unverkennbar und eindeutig von der übrigen Tierreihe abscheidet: 20 Simmel, Philosophie des Geldes. 305 als das politische Tier, das werkzeugmachende Tier, das zweck¬ setzende Tier, das hierarchische Tier, ja — seitens eines ernsthaften Philosophen — als das vom Größenwahn befallene Tier hat man ihn definiert. Vielleicht kann man dieser Reihe hinzufügen, der Mensch sei das tauschende Tier; und das ist freilich nur eine Seite oder Form der ganz allgemeinen Charakteristik, in der das Spezifi¬ sche des Menschen zu bestehen scheint: der Mensch ist das objektive Tier. Nirgends in der Tierwelt finden wir auch nur Ansätze zu dem¬ jenigen, was man Objektivität nennt, der Betrachtung und Behandlung der Dinge, die sich jenseits des subjektiven Fühlens und Wollens stellt.

Ich habe schon angedeutet, wie dies die Menschheitstragödie der Konkurrenz mindert. Das ist die eigentliche Versittlichung durch den Kulturprozeß, daß immer mehr Lebensinhalte in transindividueller Gestalt objektiviert werden: Bücher, Kunst, ideale Gebilde wie Vater¬ land, allgemeine Kultur, die Formung des Lebens in begrifflichen und ästhetischen Bildern, das Wissen von tausenderlei Interessantem und Bedeutsamem — alles dies kann genossen werden, ohne daß einer es dem anderen wegnimmt. Je mehr die Werte in solche objektive Form übergehen, um so mehr Platz ist in ihnen, wie in Gottes Hause, für jede Seele. Vielleicht wäre die Wüstheit und Erbitterung der modernen Konkurrenz überhaupt nicht erträglich, wenn ihr nicht diese wachsende Objektivierung von Daseinsinhalten, in ihrer Un- berührsamkeit von allem dte-toi que je m’y mette, zur Seite ginge. Es ist wohl von tieferer Bedeutung, daß eben dasselbe, was den Menschen rein tatsächlich-psychologisch von der niederen Tierreihe scheidet: die Fähigkeit der objektiven Betrachtung, des Absehens vom Ich mit seinen Impulsen und Zuständen zugunsten der reinen Sachlichkeit — daß eben dies dem geschichtlichen Prozeß zu seinem vielleicht edelsten, veredelndsten Ergebnis verhilft, zu dem Aufbau einer Welt, die ohne Streit und gegenseitige Verdrängung aneigenbar ist, zu Werten, deren Erwerb und Genuß seitens des einen den anderen nicht ausschließt, sondern tausendmal dem anderen den Weg zu dem gleichen öffnet. Der Lösung dieses Problems, die der Welt des Objektiven gleichsam in substanzieller Form gelingt, nähert sich der Tausch in funktioneller. Gegenüber dem einfachen Wegnehmen oder der Schenkung, in denen sich der rein subjektive Impuls aus¬ lebt, setzt der Tausch, wie wir früher sahen, eine objektive Ab¬ schätzung, Überlegung, gegenseitige Anerkennung, eine Reserve des unmittelbar subjektiven Begehrens voraus. Daß diese ursprüng¬ lich keine freiwillige, sondern durch die Machtgleichheit der anderen Partei erzwungene sein mag, ist dafür ohne Belang; denn das Ent¬ scheidende, spezifisch Menschliche ist eben, daß die Machtgleichn heit nicht zum gegenseitigen Raub und Kampf, sondern zu dem ab- wägenden Tausch führt, in dem das einseitige und persönliche Haben und Habenwollen in eine objektive, aus und über der Wechselwirkung der Subjekte sich erhebende Gesamtaktion eingeht. Der Tausch, der uns als etwas ganz Selbstverständliches erscheint, ist das erste und in seiner Einfachheit wahrhaft wunderbare Mittel, mit dem Besitzwechsel die Gerechtigkeit zu verbinden; indem der Nehmende zugleich Gebender ist, verschwindet die bloße Einseitigkeit des Vor¬ teils, die den Besitzwechsel unter der Herrschaft eines rein impulsiven Egoismus oder Altruismus charakterisiert; welche letztere übrigens keineswegs immer die zeitlich erste Stufe der Entwicklung ausmacht.

Allein die bloße Gerechtigkeit, die der Tausch bewirkt, ist doch nur etwas Formales und Relatives: der eine soll nicht mehr und nicht weniger haben als der andere. Darüber hinaus aber bewirkt er eine Vermehrung der absoluten Summe empfundener Werte. Indem jeder nur in den Tausch gibt, was ihm relativ überflüssig ist, und in den Tausch nimmt, was ihm relativ nötig ist, gelingt es durch ihn, die zu jedem gegebenen Zeitpunkt der Natur ab gewonnenen Werte zu immer höherer Verwertung zu bringen. Angenommen, die Welt wäre wirklich »weggegeben« und alles Tun bestünde wirklich in einem bloßen Hin- und Herschieben innerhalb eines objektiv unveränder¬ lichen Wertquantums, so bewirkte dennoch die Form des Tausches gleichsam ein interzellulares Wachstum der Werte. Die objektiv gleiche Wertsumme geht durch die zweckmäßigere Verteilung, die der Tausch bewirkt, in eine subjektiv größere, in ein höheres Maß empfundener Nutzungen über. Das ist die große kulturelle Aufgabe bei jeder Neuverteilung von Rechten und Pflichten, die doch immer einen Austausch enthält; selbst bei scheinbar ganz einseitiger Ver¬ legung des Vorteils wird ein wirklich soziales Verfahren sie nicht vernachlässigen. So war es z. B. bei der Bauernbefreiung des 18. und 19. Jahrhunderts die Aufgabe, die Herrschaften nicht einfach das verlieren zu lassen, was die Bauern gewinnen sollten, sondern einen Verteilungsmodus von Besitz und Rechten zu finden, der zu¬ gleich die Totalsumme der Nutzungen vergrößerte.

Hier sind es mm zwei Eigenschaften des Geldes, die nach dieser Richtung hin den Tausch von Waren oder Leistungen gegen dasselbe als den vollkommensten erscheinen lassen: seine Teilbarkeit und seine unbeschränkte Verwertbarkeit. Die erstere bewirkt, daß über¬ haupt eine objektive Äquivalenz zwischen Leistung und Gegen¬ leistung stattfinden kann. Naturale Objekte lassen sich in ihrem Werte selten so bestimmen und abstufen, daß ihr Austausch von jeder der beiden Parteien als ein völlig gerechter anerkannt werden muß; erst das Geld, weil es selbst nichts anderes ist als die Darstellung des Wertes anderer Objekte und weil es fast unbegrenzt zu teilen und zu summieren ist, gibt die technische Möglichkeit für genaue Gleich¬ heit der Tauschwerte. Allein mit dieser wird, wie ich hervorhob, erst die erste Stufe der von der Einseitigkeit des Besitzwechsels aufwärts führenden Entwicklung erreicht. Die zweite erhebt sich über der Tatsache, daß der Naturaltausch selten beiden Teilen gleichmäßig erwünschte Objekte zuführen bzw. sie von gleichmäßig überflüssigen befreien wird. In der Regel wird der lebhaftere Wunsch auf seiten des Einen sein, und der Andere entweder nur gezwungen oder gegen ein unverhältnismäßig hohes Entgelt auf den Tausch eingehen. Beim Tausch von Leistungen für Geld dagegen erhält der Eine den Gegen¬ stand, den er ganz speziell braucht; der Andere etwas, was jeder ganz allgemein braucht. Vermöge seiner unbeschränkten Verwertbar¬ keit und daraus folgenden jederzeitigen Erwünschtheit kann es wenigstens prinzipiell — jeden Tausch zu einem solchen machen, der beiden Teilen gleichmäßig vorteilhaft ist: der Eine, der das naturale Objekt nimmt, tut es sicher nur, weil er jetzt gerade dessen bedarf; der Andere, der das Geld nimmt, bedarf dessen ebenso ge¬ rade jetzt, weil er seiner überhaupt in jedem Augenblick bedarf. Damit ermöglicht der Tausch um Geld beiden Parteien eine Er¬ höhung ihres Befriedigungsniveaus, während bei naturalem Tausch sehr häufig nur die eine das spezifische Interesse am Erwerben oder Loswerden des Objekts haben wird. So ist er die bisher vollendetste Form für die Lösung des großen Kulturproblems, das sich über den einseitigen Vorteil des Besitzwechsels hinweg erhebt: das objektiv gegebene Wertquantum durch bloßen Wechsel seiner Träger zu einem höheren Quantum subjektiv empfundener Werte zu gestalten. Dies ist, neben dem ursprünglichen Schaffen der Werte, für die soziale Zweckmäßigkeit offenbar die Aufgabe schlechthin, der von ihr zu lösende Teil der allgemein menschlichen: durch die Form, die man den Lebensinhalten gibt, ein Maximum des in ihnen latenten Wertes zu entbinden. Die Fälle, in denen wir das Geld dieser Aufgabe dienen sehen, zeigen also die technische Rolle, die das Geld daraufhin spielt, daß der Tausch die wesentliche soziale Art ist, jene Aufgabe zu lösen, und daß der Tausch selbst im Gelde Körper geworden ist.

Die Vermehrung des Genußquantums, die der Waren -Geld- Tausch, unter allen seinen eudämonistischen Herabsetzungen durch anderweitige Erfolge, doch prinzipiell immer ermöglicht, ruht nicht allein in den subjektiven Zuständen des einen und des anderen Kon¬ trahenten. Es hängt nämlich ersichtlich auch die objektiv-wirtschaft¬ liche Fruchtbarkeit, das intensive und extensive Wachstum des Güterkreises selbst für die Zukunft davon ab, in welcher Weise jenes ge¬ gebene Güterquantum in einer Gegenwart verteilt ist. Je nach den Händen, in die seine Teilquantitäten gelangen, wird es sich zu äußerst verschiedenen wirtschaftlichen Ergebnissen weiterentfalten. Der bloße Übergang von Gütern aus einer Hand in die andere kann das aus ihnen entwickelte Güterquantum der Folgezeit erheblich nach oben wie nach unten modifizieren. Man kann direkt sagen: das gleiche Güterquantum in verschiedenen Händen bedeutet ein ver¬ schiedenes Güterquantum, wie derselbe Same in verschiedenen Böden. Diese Folge der Verteilungsverschiedenheiten scheint ihre größte Ausdehnung am Gelde zu gewinnen. So wechselnde ökonomische Bedeutungen ein Landgut oder eine Fabrik je nach ihren wechseln¬ den Besitzern haben mögen, so tragen diese Ertragsschwankungen, jenseits ganz geringfügiger Maße, den Charakter der Zufälligkeit und Innormalität. Daß dagegen die gleiche Summe in der Hand des Börsenspekulanten oder des Rentiers, des Staates oder des Gro߬ industriellen außerordentlich differente Ertragsbedeutungen habe — das ist hier das Normale, entsprechend dem unvergleichlichen Ent¬ faltungsspielraum, den gerade der Geldbesitz den objektiven und subjektiven, den guten und schlechten Faktoren seiner Verwertung bietet. Am wenigsten kann man dem Gesamt-Geldbesitz einer Gruppe gegenüber sagen, daß die Ungleichheit und der Wechsel seiner Ver¬ teilung nur ein Form Wechsel, bei gleichbleibender Bedeutung des Ganzen sei; eben dieser Formwechsel entwickelt an diesem Material die wesentlichsten Unterschiedsfolgen für die Totalität von Wirt¬ schaft und Reichtum. Auch handelt es sich hier nicht nur um quan¬ titative Differenzen, sondern — für unser Problem höchst wesentlich und andrerseits auch wieder in die Quantitätsfrage zurückführend — um qualitative. Das gleiche Sachgut in verschiedenen Händen be¬ deutet wirtschaftlich im allgemeinen nur eine quantitative Ver¬ schiedenheit des Geldertrages; dasselbe Geldgut aber in ver¬ schiedenen Händen bedeutet zunächst eine qualitative Verschieden¬ heit seiner sachlichen Bewirkungen. Die zweifellos hier eingreifende soziale Zweckmäßigkeit macht es erklärlich, weshalb moderner Reich¬ tum so viel kürzer in einer und derselben Familie zu verbleiben pflegt, als früherer, der nicht geldwirtschaftlicher Natur war. Das Geld sucht sozusagen die fruchtbarere Hand, und das ist um so auffallen¬ der und muß um so tieferen Notwendigkeiten entsprießen, als man scheinbar auf dem Geldbesitz ruhiger, sicherer, passiver sitzen kann, als auf irgendeinem anderen. Da das Geld durch seine bloße Ver¬ teilung in einem gegebenen Augenblicke ein Minimum wie ein Maxi¬ mum wirtschaftlicher Fruchtbarkeit entfaltet, und zudem sein Besitz - 20 Wechsel nicht soviel Reibungs- und Interregnums Verluste mit sich zu bringen pflegt, wie der anderer Objekte, so hat die ökonomische Zweckmäßigkeit ihm gegenüber ein besonders reiches Feld für ihre Aufgabe, durch die Verteilungsart des Besitzes ein Maximum seiner Gesamtbedeutung zu erreichen.

Es handelt sich nun hier im speziellen um die Wiederaufnahme der unterbrochenen Untersuchung, inwieweit die Geldwirtschaft im¬ stande ist, das Gut der individuellen Freiheit seiner Gesamtsumme nach zu erhöhen, d. h. es aus jener primären Form der sozialen Werte zu erlösen, in der dem einen genommen werden muß, was dem anderen gegeben werden soll. Es zeigen zunächst ganz an der Ober¬ fläche liegende Erscheinungen der Geldwirtschaft diese Doppelseitig- keit ihrer Vorteile. Der gewöhnliche Warentausch, bei dem die Ware unmittelbar besichtigt und übergeben wird, verpflichtet den Käufer in seinem Interesse zu einer sehr genauen und sachkundigen Prüfung derselben, weil der Verkäufer, sobald er zu solcher die Gelegenheit gegeben hat, jede spätere Reklamation abweisen kann. Entwickelt sich der Handel dahin weiter, daß nach Proben gekauft wird, so geht die Last auf den Verkäufer über; er ist nicht nur für die genaue Übereinstimmung der Lieferung mit der Probe verantwortlich, son¬ dern von jedem Irrtum, der ihm etwa zu seinen Ungunsten in der Qualität der Probe begegnet ist, wird natürlich der Käufer rücksichts¬ los profitieren. Das Geschäft an unseren heutigen Produktenbörsen hat nun eine Form, die beide Teile von diesen Verantwortlichkeiten entlastet, indem es nicht nach Probe, sondern nach einem ein für alle¬ mal festgestellten, allgemein gültigen Standard erfolgt. Nun ist der Käufer nicht mehr an vorherige Prüfung des Ganzen oder der Probe mit all ihren Irrtumschancen gebunden, während auch der Verkäufer nicht mehr nach der individuellen, relativ zufälligen und allerhand Gefahren für ihn einschließenden Probe zu liefern hat; beide wissen jetzt vielmehr genau, wenn sie über eine bestimmt benannte Qualität von Weizen oder Petroleum abschließen, daß sie an eine objektiv fixierte, jenseits aller persönlichen Unsicherheiten und Unzulänglich¬ keiten stehende Norm der Ware gebunden sind. So ist also auf dem Gipfel der Geldwirtschaft ein Handelsmodus möglich geworden, der, durch die Überführung des subjektiven Fundamentes des Geschäfts in ein objektives, beiden Parteien ihre Verantwortlichkeiten erleichtert und dem Vorteil der einen keinerlei Nachteil der anderen gegenüber¬ stellt. Eine genaue Paralelle dazu zeigt das Kreditgeschäft. Im Mittelalter war es sehr schwierig, die Kreditwürdigkeit des einzelnen Kaufmanns zu ermitteln, wodurch dieser selbst ebenso wie der Geld¬ geber in ihren Aktionen gehemmt und herabgesetzt wurden. Erst an den Börsen des 16. Jahrhunderts, besonders Lyons und Antwer¬ pens, kam es dahin, daß die Wechsel gewisser Häuser von vorn¬ herein als »gut« galten, es entstand der Begriff einer nicht abgestuften Kreditwürdigkeit schlechthin, die die Obligation zu einem objektiven, fungibeln, von der persönlichen Abwägung der Kreditwürdigkeit un¬ abhängigen Werte machte; die Häuser mochten sonst noch recht verschieden qualifiziert sein, für ihre Verpflichtungen aber waren sie gut, und damit wurden diese, für den sachlichen Zweck genügend, von den sonstigen individuellen Bestimmtheiten gelöst. Wie allent¬ halben die Börse das Geldwesen zu seiner reinsten Form steigert, so hat sie hier durch Kreierung des allgemeinen und sachlichen Be¬ griffes des »Gutseins« in typischer Weise eine Entlastung nach einer Seite hin geschaffen, der keine Belastung nach der anderen gegen¬ übersteht, sondern durch Überführung individuell schwankender Taxierungen in eine objektiv gültige Qualität sowohl dem Kredit¬ geber wie dem Kreditnehmer gleichmäßige Erleichterungen ge¬ währt.

Die Bedeutung der Geldwirtschaft für die individuelle Freiheit vertieft sich nun, wenn wir nach der Form fragen, welche die bei ihr noch fortbestehenden Abhängigkeitsverhältnisse eigentlich haben; sie ermöglicht nicht nur, wie nach dem bisherigen, eine Lösung, sondern eine besondere Art der gegenseitigen Abhängigkeit, die einem gleichzeitigen Maximum von Freiheit Raum gibt. Zunächst stiftet sie, äußerlich angesehen, eine Reihe sonst ungekannter Bindungen. Seit in den Boden, um ihm das erforderliche Früchtequantum ab¬ zugewinnen, ein erhebliches Betriebskapital versenkt werden muß, das meistens nur durch hypothekarische Beleihung aufkommt; seit die Geräte nicht mehr immittelbar aus den Rohstoffen, sondern auf dem Wege über soundso viele Vorbearbeitungen hergestellt werden; seit der Arbeiter im wesentlichen mit Produktionsmitteln arbeitet, die ihm selbst nicht gehören — hat die Abhängigkeit von dritten Personen ganz neue Gebiete ergriffen. Von je mehr sachlichen Be¬ dingungen vermöge der komplizierteren Technik das Tun und Sein der Menschen abhängig wird, von desto mehr Personen muß es not¬ wendig abhängig werden. Allein diese Personen erhalten ihre Be¬ deutung für das Subjekt ausschließlich als Träger jener Funktionen, Besitzer jener Kapitalien, Vermittler jener Arbeitsbedingungen; was sie außerdem als Personen sind, steht in dieser Hinsicht gar nicht in Frage.

Diese allgemeine Tatsache, deren Bedeutung das Folgende dar¬ stellen wird, hat die Entwicklung zur Voraussetzung, durch die die Person überhaupt zur bestimmten Persönlichkeit wird. Dies geschieht offenbar erst dadurch, daß eine Mehrzahl von Qualitäten, Charakter¬ zügen, Kräften sich in ihr zusammenfinden. Sie ist freilich relative Einheit, aber diese Einheit wird doch nur wirklich und wirksam, in¬ dem sie verschiedene Bestimmungen vereinheitlicht. Wie der phy¬ sische Organismus darin sein Wesen hat, daß er aus einer Vielheit materieller Teile die Einheit des Lebensprozesses bildet, so beruht auch die innere persönliche Einheit des Menschen auf der Wechsel¬ wirkung und dem Zusammenhang vielfacher Elemente und Be¬ stimmungen. Jedes einzelne derselben, isoliert betrachtet, trägt ob¬ jektiven Charakter, d. h. es ist an und für sich noch nichts eigentlich Persönliches. Weder Schönheit noch Häßlichkeit, weder das phy¬ sische noch das intellektuelle Kraftmaß, weder Berufstätigkeit noch Neigungen, noch all die anderen unzähligen Züge des Menschlichen legen als vereinzelte eine Persönlichkeit unzweideutig fest; denn jede von ihnen kann mit beliebigen anderen, einander ganz entgegen¬ gesetzten Eigenschaften verbunden sein und sich als die immer gleiche in dem Bilde unbegrenzt vieler Persönlichkeiten finden. Erst indem mehrere von ihnen sich gleichsam in einem Brennpunkt treffen und aneinander haften, bilden sie eine Persönlichkeit, welche nun ihrer¬ seits zurückwirkend jeden einzelnen Zug als einen persönlich -sub¬ jektiven charakterisiert. Nicht daß er dieses oder jenes ist, macht den Menschen zu der unverwechselbaren Persönlichkeit, sondern daß er dieses und jenes ist. Die rätselhafte Einheit der Seele ist unserem Vorstellen nicht immittelbar zugängig, sondern nur, wenn sie sich in eine Vielheit von Strahlen gebrochen hat, durch deren Synthese sie dann erst wieder als diese eine und bestimmte bezeichenbar wird.

Die so bedingte Personalität nun wird in den geldwirtschaftlichen Verhältnissen fast gänzlich aufgelöst. Der Lieferant, der Geldgeber, der Arbeiter, von denen man abhängig ist, wirken gar nicht als Per¬ sönlichkeiten, weil sie in das Verhältnis nur nach der je einen Seite eint re ten, daß sie Waren liefern, Geld geben, Arbeit leisten, und anderweitige Bestimmtheiten ihrer gar nicht in Betracht kommen, deren Hinzutreten zu jenen doch allein ihnen die persönliche Färbung verleihen würde; womit natürlich nur der absolute Endpunkt der sich jetzt vollziehenden, aber an vielen Punkten noch unvollendeten Entwicklung bezeichnet wird — denn die Abhängigkeiten der Men¬ schen voneinander sind tatsächlich heute noch nicht völlig objekti¬ viert, die» persönlichen Momente noch nicht vollkommen aus¬ geschlossen. Die allgemeine Tendenz aber geht zweifellos dahin, das Subjekt zwar von den Leistungen immer mehrer Menschen abhängig, von den dahinterstehenden Persönlichkeiten als solchen aber immer unabhängiger zu machen. Beide Erscheinungen hängen in der Wurzel zusammen, bilden die sich gegenseitig bedingenden Seiten eines und desselben Vorgangs: die moderne Arbeitsteilung läßt ebenso die Zahl der Abhängigkeiten wachsen, wie sie die Persönlichkeiten hinter ihren Funktionen zum Verschwinden bringt, weil sie eben nur eine Seite derselben wirken läßt, unter Zurücktreten aller anderen, deren Zusammen erst eine Persönlichkeit ergäbe. Die soziale Gestaltung, die sich bei restloser Ausführung dieser Tendenz einstellen müßte, würde eine entschiedene formale Beziehung zum Sozialismus, minde¬ stens zu einem extremen Staatssozialismus aufweisen. Denn für diesen handelt es sich zu äußerst darum, jedes sozial zu berücksichtigende Tun in eine objektive Funktion zu verwandeln; wie heute schon der Beamte eine »Stellung« einnimmt, die objektiv präformiert ist und nur ganz bestimmte einzelne Seiten oder Energien der Persönlich¬ keit in sich aufnimmt, so würde sich in einem absolut durchgeführten Staatssozialismus über der Welt der Persönlichkeiten gleichsam eine Welt objektiver Formen des sozial wirksamen Tuns erheben, welche den Kräften jener nur ganz genau und sachlich bestimmte Äußerungen gestattet und vorschreibt; diese Welt verhielte sich 2U der ersteren etwa wie die geometrische Figur zu den empirischen Körpern. Die subjektiven Tendenzen und das Ganze der Persönlichkeiten könnten sich dann nicht anders in äußeres Tun umsetzen, als in der Be¬ schränkung auf eine der einseitigen Funktionsweisen, in welche die notwendige gesellschaftliche Gesamtaktion zerlegt, fixiert, objekti¬ viert ist. Die Qualifizierung des Tuns der Persönlichkeit wäre damit von dieser als dem terminus a quo völlig auf die sachliche Zweck¬ mäßigkeit, den terminus ad quem, übergegangen; und die Formen des menschlichen Tuns stünden dann über der vollen psychologischen Wirklichkeit des Menschen, wie das Reich der platonischen Ideen über der realen Welt. Ansätze zu einer solchen Gestaltung sind, wie gesagt, vielfach vorhanden, oft genug hat sich die arbeitsteilige Funk¬ tion als ein selbständiges ideelles Gebilde ihren Trägem gegenüber¬ gestellt, so daß diese, nicht mehr voneinander individuell unter¬ schieden, nun gleichsam nur durch sie hindurch passieren, ohne in dieser fest umschriebenen Einzelforderung das Ganze ihrer Persön¬ lichkeit unterbringen zu können oder zu dürfen; die Persönlichkeit ist vielmehr als bloßer Träger einer Funktion oder einer Stellung so gleichgültig, wie die des Gastes in einem Hotelzimmer. In einer nach dieser Richtung hin ganz vollendeten Gesellschaftsverfassung würde der Einzelne unendlich abhängig sein; die einseitige Bestimmt¬ heit der ihm zugewiesenen Leistung würde ihn auf die Ergänzung durch den Komplex aller anderen anweisen, und die Befriedigung der Bedürfnisse würde nur sehr unvollkommen aus dem eigensten Können des Individuums, sondern würde aus einer ihm gleichsam gegenüberstehenden, rein sachlichen Gesichtspunkten folgenden Arbeitsorganisation hervorgehen. Wenn es je einen seiner Grundidee adäquaten Staatssozialismus geben könnte, so würde er diese Differen¬ zierung der Lebensform ausprägen.

Die Geldwirtschaft aber zeichnet die Skizze derselben auf dem Gebiet der privaten Interessen, indem das Geld einerseits durch seine unendliche Biegsamkeit und Teilbarkeit jene Vielheit ökonomischer Abhängigkeiten ermöglicht, andrerseits durch sein indifferentes und objektives Wesen die Entfernung des personalen Elementes aus den Beziehungen zwischen Menschen begünstigt. Mit dem modernen Kulturmenschen verglichen ist der Angehörige irgendeiner alten oder primitiven Wirtschaft nur von einem Minimum von Menschen ab¬ hängig; nicht nur ist der Kreis unserer Bedürfnisse ein sehr erheb¬ lich weiterer, sondern selbst die elementaren Notwendigkeiten, die uns mit jenen gemeinsam sind (Nahrung, Kleidung, Obdach), können wir nur mit Hilfe eines viel größeren Apparates und durch vielmehr Hände hindurch befriedigen; und nicht nur verlangt die Spezialisie¬ rung unserer Tätigkeit einen unendlich ausgedehnteren Kreis anderer Produzenten, mit denen wir die Produkte austauschen, sondern die unmittelbare Tätigkeit selbst ist auf eine wachsende Zahl von Vor¬ arbeiten, Hilfskräften, Halbprodukten angewiesen. Nun aber war der relativ ganz enge Kreis, von dem der Mensch einer wenig oder gar nicht entwickelten Geldwirtschaft abhängig war, dafür viel mehr personal festgelegt. Es waren diese bestimmten, persönlich be¬