SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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20 Wert zu knapp erscheint, es verkennen, daß nicht Seltenheit, sondern ein gewisses Mittleres zwischen Seltenheit und Nichtseltenheit in den meisten Fällen die Bedingung des Wertes bildet. Das Seltenheits¬ moment ist, wie eine leichte Überlegung zeigt, in die Bedeutung der Unterschiedsempfindlichkeit einzurangieren; das Häufigkeitsmoment in die Bedeutung der Gewöhnung. Wie nun das Leben allenthalben durch die Proportion dieser beiden Tatsachen: daß wir ebenso Unterschied und Wechsel seiner Inhalte, wie Gewöhnung an jeden derselben bedürfen — bestimmt wird, so stellt sich diese allgemeine Notwendigkeit hier in der speziellen Form dar, daß der Wert der Dinge einerseits einer Seltenheit, also eines Sichabhebens, einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf, andrerseits aber einer gewissen Breite, Häufigkeit, Dauer, damit die Dinge überhaupt die Schwelle des Wertes überschreiten.

Ich will an einem Beispiel, das den ökonomischen Werten ganz fern liegt und gerade deshalb die prinzipielle Seite auch dieser zu verdeutlichen geeignet ist, die allgemeine Bedeutung der Distan¬ zierung für die als objektiv vorgestellte Wertung darstellen: an der ästhetischen. Was wir jetzt die Freude an der Schönheit der Dinge nennen, ist relativ spät entwickelt. Denn wieviel unmittelbar sinn¬ liches Genießen ihr einzelner Fall auch jetzt noch auf weise, so beruht doch das Spezifische ihrer gerade in dem Bewußtsein, die Sache zu würdigen und zu genießen und nicht nur einen Zustand sinnlichen oder übersinnlichen Angeregtseins, den sie uns etwa bereite. Jeder kultivierte Mann wird prinzipiell mit großer Sicherheit zwischen der ästhetischen und der sinnlichen Freude an Frauenschönheit unter¬ scheiden, so wenig er vielleicht der einzelnen Erscheinung gegenüber diese Komponenten seines Gesamtgefühles mag gegeneinander ab- grenzen können. In der einen Beziehung geben wir uns dem Objekt, in der anderen gibt sich der Gegenstand uns hin. Mag der ästhetische Wert, wie jeder andere, der Beschaffenheit der Dinge selbst fremd und eine Projektion des Gefühles in sie hinein sein, so ist es ihm doch eigentümlich, daß diese Projektion eine vollkommene ist, d. h. daß der Gefühlsinhalt sozusagen völlig in den Gegenstand hineingeht und als eine dem Subjekt mit eigener Norm gegenüberstehende Bedeut¬ samkeit erscheint, als etwas, was der Gegenstand ist. Wie mag es nun historisch -psychologisch zu dieser objektiven, ästhetischen Freude an den Dingen gekommen sein, da doch der primitive Genuß ihrer, von dem jeder höhere ausgegangen sein muß, sich sicher nur an ihre subjektiv -unmittelbare Genießbarkeit und Nützlichkeit geknüpft hat? Vielleicht gibt uns eine ganz einfache Beobachtung den Schlüssel dazu. Wenn ein Objekt irgendwelcher Art uns große Freude oder 2 21 Förderung bereitet hat, so haben wir bei jedem späteren Anblick dieses Objekts ein Freudegefühl, und zwar auch dann, wenn jetzt von einem Benutzen oder Genießen desselben nicht mehr die Rede ist. Diese echoartig anklingende Freude trägt einen ganz eigenen psy¬ chologischen Charakter, der dadurch bestimmt ist, daß wir jetzt nichts mehr von dem Gegenstände wollen; an die Stelle der kon¬ kreten Beziehung, die uns vorher mit ihm verband, tritt jetzt das bloße Anschauen seiner als die Ursache der angenehmen Empfindung; wir lassen ihn jetzt in seinem Sein unberührt, so daß sich unser Gefühl nur an seine Erscheinung, nicht aber an das knüpft, was von ihm in irgendeinem Sinn® konsumierbar ist. Kurz, während uns der Gegen¬ stand früher als Mittel für unsere praktischen oder eudämonistischen Zwecke wertvoll war, ist es jetzt sein bloßes Anschauungsbild, das uns Freude macht, indem wir ihm dabei reservierter, entfernter, ohne ihn zu berühren, gegenüberstehen. Hierin scheinen mir schon die entscheidenden Züge des Ästhetischen präformiert zu sein, wie sich sogleich unverkennbar zeigt, wenn man diese Umsetzung der Emp¬ findungen von dem Individualpsychologischen in die Gattungs¬ entwicklung hineinverfolgt. Man hat die Schönheit schon längst aus der Nützlichkeit ableiten wollen, ist aber in der Regel, weil man beides zu nahe aneinander ließ, in einer banausischen Vergröberung des Schönen stecken geblieben. Diese läßt sich vermeiden, wenn man die äußerlichen Zweckmäßigkeiten und sinnlich-eudämonistischen Unmittelbarkeiten nur weit genug in die Geschichte der Gattung zurückschiebt, derart, daß sich an das Bild dieser Dinge innerhalb unseres Organismus ein instinkt- oder reflexartiges Lustgefühl ge¬ knüpft hat, das nun in dem Einzelnen, auf den diese physisch-psy¬ chische Verbindung vererbt ist, wirksam wird, auch ohne daß eine Nützlichkeit des Gegenstandes für ihn selbst ihm bewußt wäre oder bestünde. Auf die Kontroverse über die Vererbung derartig er¬ worbener Verbindungen brauche ich nicht einzugehen, da es für unseren Zusammenhang genügt, daß die Erscheinungen so verlaufen als ob erworbene Eigenschaften erblich wären. So wäre schön für uns zunächst einmal dasjenige, was sich als der Gattung nützlich er¬ wiesen hat, und dessen Wahrnehmung uns deshalb Lust bereitet, ohne daß wir als Individuen ein konkretes Interesse an diesem Objekt hatten — was natürlich weder Uniformität noch Fesselung des indivi¬ duellen Geschmacks an ein Durchschnitts- oder Gattungsniveau be¬ deutet. Jene Nachklänge der generellen Nützlichkeit werden von den ganzen Mannigfaltigkeiten der individuellen Seelen aufge¬ nommen und zu völlig unpräjudizierten Besonderheiten weiter¬ gebildet — so daß man vielleicht sagen könnte, jene Lösung des Lust 22 gefühles von der Realität seiner ursprünglichen Veranlassung wäre schließlich zu einer Form unseres Bewußtseins geworden, unab¬ hängig von den ersten Inhalten, die ihre Bildung veranlaßten, und bereit, jegliche andere in sich aufzunehmen, die die seelische Kon¬ stellation in sie hineinwachsen läßt. In Fällen, wo wir zu einer realisti¬ schen Lust noch Veranlassung haben, ist unser Gefühl dem Dinge gegenüber nicht das spezifisch ästhetische, sondern ein konkretes, das erst durch eine gewisse Distanzierung, Abstraktion, Sublimierung die Metamorphose zu jenem erfährt. Es ereignet sich hier nur das sehr Häufige, daß, nachdem einmal eine bestimmte Verbindung ge¬ stiftet ist, das verbindende Element in Wegfall kommt, weil seine Dienste nicht länger erforderlich sind. Die Verbindung zwischen ge¬ wissen nützlichen Objekten und Lustgefühlen ist in der Gattung durch einen vererbbaren oder sonst irgendwie tradierten Mechanismus so fest geworden, daß nun schon der bloße Anblick dieser Objekte, auch ohne daß wir ihre Nützlichkeit genössen, für uns zur Lust wird. Dar¬ aus erklärt sich das, was Kant die ästhetische Interesselosigkeit nennt, die Gleichgültigkeit gegen die reale Existenz des Gegenstandes, wenn nur seine »Form«, d. h. seine Sichtbarkeit gegeben ist; daher jene Verklärung und Überirdischkeit des Schönen — diese ist durch die zeitliche Ferne der realen Motive bewirkt, aus denen wir jetzt ästhetisch empfinden; daher die Vorstellung, das Schöne sei etwas Typisches, Überindividuelles, Allgemeingültiges — denn die gattungsmäßige Entwicklung hat alles Spezifische, bloß Individuelle der einzelnen Motive und Erfahrungen längst aus diesen inneren Bewegungen hinweggeläutert; daher die häufige Unmöglichkeit, das ästhetische Urteil verstandesmäßig zu begründen, und der Gegensatz, in den es sich manchmal gerade zu dem setzt, was uns als Individuen nützlich oder angenehm ist. Diese ganze Entwicklung der Dinge nun von ihrem Nützlichkeitswert zu ihrem Schönheitswert ist ein Objektivationsprozeß. Indem ich das Ding schön nenne, ist seine Qualität und Bedeutung in ganz anderer Weise von den Dispositionen und Bedürfnissen des Subjekts unabhängig, als wenn es bloß nützlich ist. Solange die Dinge nur dies sind, sind sie fungibel, d. h. jedes andere, das denselben Erfolg hat, kann jedes ersetzen. Sobald sie schön sind, bekommen sie individuelles Fürsichsein, so daß der Wert, den eines für uns hat, durchaus nicht durch ein anderes zu ersetzen ist, das etwa in seiner Art ebenso schön ist. Wir brauchen die Genesis des Ästhetischen nicht aus diesen dürftigen Andeutungen in die Fülle ihrer Ausgestaltungen zu verfolgen, um zu erkennen: die Objekti¬ vierung des Wertes entsteht in dem Verhältnis der Distanz, die sich zwischen dem subjektiv-unmittelbaren Ursprung der Wertung des 23 Objekts und unserem momentanen Empfinden seiner bildet. Je weiter die Nützlichkeit für die Gattung, die zuerst an den Gegenstand ein Interesse und einen Wert knüpfen ließ, zeitlich zurückliegt und als solche vergessen ist, desto reiner ist die ästhetische Freude an der bloßen Form und Anschauung des Objekts, d. h. desto mehr steht es uns mit eigener Würde gegenüber, desto mehr geben wir ihm eine Bedeutung, die nicht in seinem zufälligen subjektiven Genossen¬ werden aufgeht, desto mehr macht die Beziehung, in der wir die Dinge nur als Mittel für uns werten, dem Gefühle ihres selbständigen Wertes Platz.

Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil die objektivierende Wir¬ kung dessen, was ich die Distanzierung nenne, an einem zeitlichen Abstand besonders anschaulich wird. Der Vorgang ist natürlich ein intensiver und qualitativer, so daß die quantitative Bezeichnung durch eine Distanz eine bloß symbolische ist. Es kann deshalb der gleiche Effekt durch eine Reihe anderer Momente hervorgerufen werden, wie es sich tatsächlich schon gezeigt hat: durch die Seltenheit des Objekts, durch die Schwierigkeit der Erlangung, durch die Not¬ wendigkeit des Verzichtes. Mag nun in diesen, für die Wirtschaft wesentlichen Fällen die Bedeutsamkeit der Dinge immer eine Be¬ deutsamkeit für uns und deshalb von unserer Anerkennung ab¬ hängig bleiben — die entscheidende Wendung ist doch, daß sie uns nach diesen Entwicklungen wie Macht zu Macht gegenüberstehen, eine Welt von Substanzen und Kräften, die durch ihre Eigenschaften bestimmen, ob und inwieweit sie unsere Begehrungen befriedigen, und die Kampf und Mühsal von uns fordern, ehe sie sich uns er¬ geben. Erst wenn die Frage des Verzichtes auftaucht — des Ver¬ zichtes auf eine Empfindung, auf die es doch schließlich an¬ kommt — ist Veranlassung, das Bewußtsein auf den Gegenstand der¬ selben zu richten. Der Zustand, den die Vorstellung des Paradieses stilisiert, und in dem Subjekt und Objekt, Begehrung und Erfüllung noch nicht auseinandergewachsen sind — ein Zustand nicht etwa einer historisch abgegrenzten Epoche, sondern ein allenthalben und in sehr mannigfachen Graden auftretender —, ist freilich zur Auflösung be¬ stimmt, aber eben damit auch wieder zur Versöhnung: der Sinn jener Distanzierung ist, daß sie überwunden werde. Die Sehnsucht, Be¬ mühung, Aufopferung, die sich zwischen uns und die Dinge schieben, sind es doch, die sie uns zuführen sollen. Distanzierung und An¬ näherung sind auch im Praktischen Wechselbegriffe, jedes das andere voraussetzend und beide die Seiten der Beziehung zu den Dingen bildend, die wir, subjektiv, unser Begehren, objektiv, ihren Wert nennen. Den genossenen Gegenstand freilich müssen wir von uns 24 entfernen, um ihn wieder zu begehren; dem fernen gegenüber aber ist dies Begehren die erste Stufe der Annäherung, die erste ideelle Beziehung zu ihm. Diese Doppelbedeutung des Begehrens: daß es nur bei einer Distanz gegen die Dinge entstehen kann, die es eben zu überwinden strebt, daß es aber doch irgendein Nahesein zwischen den Dingen und uns schon voraussetzt, damit die vorhandene Distanz überhaupt empfunden werde - hat Plato in dem schönen Worte ausgesprochen, daß die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nichthaben sei. Die Notwendigkeit des Opfers, die Erfahrung, daß das Begehren nicht umsonst gestillt wird, ist nur die Verschärfung oder Potenzierung dieses Verhältnisses: sie bringt uns die Entfernung zwischen unserem gegenwärtigen Ich und dem Genuß der Dinge zum eindringlichsten Bewußtsein; aber eben dadurch, daß sie uns auf den Weg zu ihrer Überwindung führt. Diese innere Entwicklung zu dem gleichzeitigen Wachstum von Distanz und Annäherung tritt deutlich auch als historischer Differenzierungsprozeß auf. Die Kultur bewirkt eine Vergrößerung des Interessenkreises, d. h., daß die Peri¬ pherie, in der die Gegenstände des Interesses sich befinden, immer weiter von dem Zentrum, d. h. dem Ich, abrückt. Diese Entfernung ist aber nur durch eine gleichzeitige Annäherung möglich. Wenn für den modernen Menschen Objekte, Personen und Vorgänge, die hundert oder tausend Meilen von ihm entfernt sind, vitale Bedeutung besitzen, so müssen sie ihm zunächst näher gebracht sein als dem Naturmenschen, für den dergleichen überhaupt nicht existiert; daher stehen sie für diesen überhaupt noch jenseits der positiven Bestim¬ mungen: Nähe und Entfernung. Beides pflegt sich erst in Wechsel¬ wirkung aus jenem Indifferenzzustand heraus zu entwickeln. Der moderne Mensch muß ganz anders arbeiten, ganz andere Bemühungs¬ intensitäten hingeben als der Naturmensch, d. h. der Abstand zwischen ihm und den Gegenständen seines Wollens ist außerordent¬ lich viel weiter, viel härtere Bedingungen stehen zwischen beiden; aber dafür ist das Quantum dessen, was er sich ideell, durch sein Be¬ gehren, und real, durch seine Arbeitsopfer, nahe bringt, ein unendlich viel größeres. Der Kulturprozeß — eben der, der die subjektiven Zustände des Triebes und Genießens in die Wertung der Objekte überführt — treibt die Elemente unseres Doppelverhältnisses von Nähe und Entfernung den Dingen gegenüber immer schärfer aus¬ einander.

Die subjektiven Vorgänge des Triebes und des Genießens ob¬ jektivieren sich im Werte, d. h. aus den objektiven Verhältnissen er¬ wachsen uns Hemmnisse, Entbehrungen, Forderungen irgendwelcher »Preise«, durch die überhaupt erst die Ursache oder der Sachgehalt 25 von Trieb und Genuß von uns ab rückt und damit in ein und dem¬ selben Akt uns zum eigentlichen »Objekt« und zum Wert wird. So ist die begrifflich-radikale Frage nach Subjektivität oder Objektivität des Wertes überhaupt falsch gestellt. Insbesondere wird ihre Ent¬ scheidung im Sinne der Subjektivität höchst mißverständlich darauf gegründet, daß kein Gegenstand es zu durchgängiger Allgemeinheit des Wertmaßes bringen kann, sondern dieses von Ort zu Ort, von Person zu Person, ja von Stunde zu Stunde wechselt. Hier liegt die Verwechslung zwischen Subjektivität und Individualität des Wertes vor. Daß ich zu genießen begehre oder genieße, ist freilich insofern etwas bloß Subjektives, als darin an und für sich keinerlei Bewußt¬ seins- oder Interessenakzent für den Gegenstand als solchen enthalten ist. Nun aber tritt als ein ganz neuer Prozeß, der der Wertung ein: der Willens- und Gefühlsinhalt erhält die Form des Objekts. Dieses steht nun dem Subjekt mit einem Maße von Selbständigkeit gegen¬ über, sich ihm gewährend oder versagend, an seinen Gewinn Forde¬ rungen knüpfend, durch die ursprüngliche Willkür seiner Wahl in eine gesetzliche Ordnung gehoben, in der es durchaus notwendige Schicksale und Bedingtheiten erfährt. Daß die Inhalte, die diese Objektivitätsform annehmen, nicht für alle Subjekte dieselben sind, ist hierfür ganz irrelevant. Angenommen, die ganze Menschheit voll¬ zöge die genau gleiche Wertung, so würde dieser damit keinerlei Maß von »Objektivität« über dasjenige hinaus Zuwachsen, das sie auch schon in einem ganz individuellen Falle besitzt; denn indem ein Inhalt überhaupt gewertet wird, statt bloß als Triebbefriedigung, als Genuß zu funktionieren, steht er in einer objektiven Distanz von uns, die durch die sachlichen Bestimmtheiten von Hemmnissen und not¬ wendigen Kämpfen, von Gewinn und Verlust, von Abwägungen und Preisen festgelegt ist. Der Grund, aus dem immer wieder die schiefe Frage nach Objektivität oder Subjektivität des Wertes gestellt wird, ist der: daß wir in dem ausgebildeten empirischen Zustande eine un- absehliche Zahl von Objekten vorfinden, die aus rein vorstellungs¬ mäßigen Ursachen zu solchen geworden sind. Steht aber erst einmal ein fertiges Objekt in unserem Bewußtsein, so scheint freilich der ihm zuwachsende Wert ausschließlich auf der Seite des Subjektes zu liegen; der erste Aspekt, von dem ich ausging, die Einstellung der Inhalte in die Reihen des Seins und des Wertes, scheint mit ihrer Aufteilung in Objektivität und Subjektivität einfach synonym zu sein. Allem man bedenkt dabei nicht, daß das Objekt des Willens als ein solches etwas anderes ist als das Objekt des Vorstellens. Mögen beide noch so sehr an der gleichen Stelle der Raum-, Zeit- und Qualitäts- reihen stehen: der begehrte Gegenstand steht uns ganz anders gegen- 26 über, bedeutet uns etwas ganz anderes als der vorgestellte. Ich er¬ innere an die Analogie der Liebe. Der Mensch, den wir lieben, ist gar nicht dasselbe Gebilde wie derjenige, den wir erkenntnismäßig vorstellen. Damit meine ich nicht Verschiebungen oder Fälschungen die etwa der Affekt in das Erkenntnisbild bringt. Denn dies verbleibt och immer auf dem Gebiet der Vorstellung und innerhalb der intel¬ lektuellen Kategorien, wie sich auch ihr Inhalt modifiziere. Es ist aber eine vom Grund her andere Art, in der der geliebte Mensch für uns Objekt ist, als der intellektuell vorgestellte, er bedeutet, trotz aller logischen Identität für uns etwas anderes, ungefähr, wie der Marmor der Venus von Milo für den Kristallographen etwas anderes bedeutet als für den Ästhetiker. So kann ein Seinselement, gewissen Bestimmt¬ heiten nach als »eines und dasselbe« rekognosziert, uns auf die ganz verschiedenen Weisen: des Vorstellens und des Begehrens, zum Objekt werden. Innerhalb jeder dieser Kategorien hat die Gegenüber¬ stellung von Subjekt und Objekt andere Veranlassungen und andere Wirkungen, so daß es nur zu Verwirrungen führt, wenn man die prak¬ tische Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Objekten vor diejenige Art der Alternative zwischen Subjektivität und Objektivität stellt, die nur auf dem Gebiet der intellektuellen Vorstellung gelten kann. Denn wenn der Wert eines Gegenstandes auch nicht in dem¬ selben Sinne objektiv ist wie seine Farbe oder seine Schwere, so ist er darum noch keineswegs in dem dieser Objektivität entsprechen¬ den Sinne subjektiv; eine solche Subjektivität kommt vielmehr etwa einer Färbung zu, die durch Sinnestäuschung entspringt, oder irgend¬ einer Qualität des Dinges, die ein fehlerhafter Schluß ihm beilegt, oder einem Sein, dessen Realität uns ein Aberglaube suggeriert. Das praktische Verhältnis zu den Dingen dagegen erzeugt eine ganz andere Art von Objektivität: dadurch, daß die Umstände der Wirk¬ lichkeit den Inhalt des Begehrens und Genießens von diesem sub¬ jektiven Geschehen selbst abdrängen und damit für sie die eigen¬ tümliche Kategorie erzeugen, die wir ihren Wert nennen.

Innerhalb der Wirtschaft nun verläuft dieser Prozeß so, daß der Inhalt des Opfers oder Verzichtes, der sich zwischen den Menschen und den Gegenstand seines Begehrens stellt, zugleich der Gegenstand des Begehrens eines anderen ist: der erste muß auf einen Besitz oder Genuß verzichten, den der andere begehrt, tun diesen zum Ver¬ zicht auf das von ihm Besessene, aber von jenem Begehrte zu bewegen. Ich werde zeigen, daß auch die Wirtschaft des isolierten Eigen¬ produzenten sich auf dieselbe Formel reduzieren läßt. Es ver¬ schlingen sich also zwei Wertbildungen ineinander, es muß ein Wert eingesetzt werden, um einen Wert zu gewinnen. Dadurch verläuft die 27 Erscheinung so, als ob die Dinge sich ihren Wert gegenseitig be¬ stimmten. Denn indem sie gegeneinander ausgetauscht werden, ge¬ winnt jeder die praktische Verwirklichung und das Maß seines Wertes an dem anderen. Dies ist die entschiedenste Folge und Ausdruck der Distanzierung der Gegenstände vom Subjekt. Solange sie diesem unmittelbar nahe sind, solange nicht Differenziertheit der Be¬ gehrungen, Seltenheit des Vorkommens, Schwierigkeiten und Wider¬ stände der Erlangung sie von dem Subjekte fortschieben, sind sie ihm sozusagen Begehrung und Genuß, aber noch nicht Gegenstand von beidem. Der angedeutete Prozeß, mit dem sie dies werden, vollendet sich dadurch, daß der distanzierende und zugleich die Distanz über¬ windende Gegenstand eigens zu diesem Zwecke hergestellt wird. Damit wird die reinste wirtschaftliche Objektivität, die Lösung des Gegenstandes aus der subjektiven Beziehung zur Persönlichkeit ge¬ wonnen; und indem diese Herstellung für einen anderen geschieht, der die entsprechende für jenen vornimmt, treten die Gegenstände in gegenseitige objektive Relation. Die Form, die der Wert im Tausch annimmt, reiht ihn in jene beschriebene Kategorie jenseits des strengen Sinnes von Subjektivität und Objektivität ein; im Tausch wird der Wert übersubjektiv, überindividuell, ohne doch eine sach¬ liche Qualität und Wirklichkeit an dem Dinge selbst zu werden i er tritt als die, gleichsam über die immanente Sachlichkeit des Dinges hinausreichende Forderung desselben auf, nur gegen einen ent¬ sprechenden Gegenwert fortgegeben, nur für einen solchen erworben zu werden. Das Ich, wenngleich die allgemeine Quelle der Werte überhaupt, tritt so weit von seinen Geschöpfen zurück, daß sie nun ihre Bedeutungen aneinander, ohne jedesmaliges Zurückbeziehen auf das Ich, messen können. Dieses rein sachliche Verhältnis der Werte untereinander, das sich im Tausche vollzieht und von ihm getragen wird, hat aber seinen Zweck ersichtlich in dem schließlichen sub¬ jektiven Genuß derselben, d. h. darin, daß eine größere Anzahl und Intensität derselben uns nahe gebracht wird, als es ohne diese Hin¬ gabe und objektive Ausgleichung des Tauschverkehrs möglich wäre Wie man von dem göttlichen Prinzip gesagt hat, daß es, nachdem es die Elemente der Welt mit ihren Kräften versehen habe, zurück - getreten sei und sie dem gegenseitigen Spiele dieser Kräfte über¬ lassen habe, so daß wir nun von einer objektiven, ihren eigenen Re¬ lationen und Gesetzen folgenden Welt sprechen können; wie aber die göttliche Macht dieses Aus-sich-heraussetzen des Weltprozesses als das geeignetste Mittel erwählt hat, ihre Zwecke mit der Welt am vollständigsten zu erreichen: so bekleiden wir innerhalb der Wirt¬ schaft die Dinge mit einem Wertquantum wie mit einer eigenen 28 Qualität ihrer und überlassen sie dann den Austauschbewegungen, einem durch jene Quanten objektiv bestimmten Mechanismus, einer Gegenseitigkeit unpersönlicher Wertwirkungen — aus der sie ver¬ mehrt und intensiver genießbar in ihren Endzweck, der ihr Aus¬ gangspunkt war: das Fühlen der Subjekte, zurückkehren. Hiermit ist die Richtung der Wertbildung begründet und begonnen, in der sich die Wirtschaft vollzieht, und deren Konsequenzen den Sinn des Geldes tragen. Ihrer Ausführung haben wir uns nun zuzuwenden.

29 II.

Die technische Form für den wirtschaftlichen Verkehr schafft ein Reich von Werten, das mehr oder weniger vollständig von seinem subjektiv-personalen Unterbau gelöst ist. So sehr der Einzelne kauft, weil e r den Gegenstand schätzt und zu konsumieren wünscht, so druckt er dieses Begehren wirksam doch nur mit und an einem Gegenstände aus, den er für jenen in den Tausch gibt; damit wächst der subjektive Vorgang, in dessen Differenzierung und aufwachsender Spannung zwischen Funktion und Inhalt dieser zu einem »Wert« wird, zu einem sachlichen, überpersönlichen Verhältnis zwischen Gegen¬ ständen aus. Die Personen, die durch ihre Wünsche und Schätzungen zu dem Vollzüge bald dieses, bald jenes Tausches angeregt werden, realisieren damit für ihr Bewußtsein nur Wertverhältnisse, deren In¬ halt schon in den Dingen selbst liegt: das Quantum des einen Objekts entspricht an Wert dem bestimmten Quantum des anderen Objekts und diese Proportion steht als etwas objektiv Angemessenes und gleichsam Gesetzliches jenen persönlichen Motiven — von denen sie ausgeht, und in denen sie endet — ebenso gegenüber, wie wir es ent¬ sprechend an den objektiven Werten sittlicher und anderer Gebiete wahrnehmen. So würde sich wenigstens die Erscheinung einer voll¬ kommen ausgebildeten Wirtschaft darbieten. In dieser zirkulieren die Gegenstände nach Normen und Maßen, die in jedem gegebenen Augenblick festgestellt sind, und mit denen sie dem Einzelnen als em objektives Reich gegenüberstehen; er kann an diesem teilhaben oder nicht teilhaben, wenn er es aber will, so kann er es nur als Träger oder Ausführender dieser ihm jenseitigen Bestimmtheiten. Die Wirtschaft strebt einer - nirgends völlig unwirklichen und nir¬ gends völlig verwirklichten - Ausbildungsstufe zu, in der sich die Dinge ihre Wertmaße wie durch einen selbsttätigen Mechanismus gegenseitig bestimmen - unbeschadet der Frage, wieviel subjektives uhlen dieser Mechanismus als seine Vorbedingung oder als sein Material in sich aufgenommen hat. Aber eben dadurch, daß für den Gegenstand ein anderer hingegeben wird, gewinnt sein Wert all die Sichtbarkeit und Greifbarkeit, der er überhaupt zugängig ist Die 30