kauf von Persönlichkeitswerten. Darum hat die preußische Ge¬ meinheitsteilung im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts das Auf¬ kommen eines imsteten, wurzellosen Tagelöhnerstandes sehr be¬ günstigt. Die nationalen Wiesen- und Waldrechte waren eine Bei¬ hilfe für die Existenz des ärmeren Bauern, die das in abstracto er¬ mittelte Äquivalent absolut nicht aufwog — in Geld ausbezahlt, war es sehr bald verloren, in Land war es zu klein, um selbständige Be¬ wirtschaftung zu lohnen; so daß auch diese Landentschädigungen möglichst schnell zu Gelde gemacht wurden und den Weg zur Proletarisierung und Lockerung der Lebenssubstanz eher ver¬ breiterten als einengten. — Ganz entsprechend dem Verhalten der griechischen Bäuerinnen berichten die Ethnologen von der außer¬ ordentlichen Schwierigkeit, bei Naturvölkern Gebrauchsgegenstände zu erstehen. Denn jeder derselben trägt — so hat man dies begrün¬ det nach Ursprung und Bestimmung ausgesprochen individuelles Gepräge; die ungeheure Mühe, die auf Herstellung und Aus¬ schmückung des Objekts verwendet wird, und sein Verbleiben im persönlichen Gebrauch läßt es zu einem Bestandstück der Person selbst werden, von dem sich zu trennen, einem der Art nach gleichen Widerstand begegnet, wie von einem Körpergliede; so daß statt der Expansion des Ich — die die unendlichen »Möglichkeiten« des Geld¬ besitzes ebenso lockend wie undeutlich versprechen — eine Kontrak¬ tion desselben eintritt. Die Klarheit hierüber ist nicht ohne Belang für das Verständnis unserer Zeit. Seit es überhaupt Geld gibt, ist, im großen und ganzen, jedermann geneigter zu verkaufen als zu kaufen. Mit steigender Geldwirtschaft wird diese Geneigtheit immer stärker und ergreift immer mehr von denjenigen Objekten, welche gar nicht zum Verkauf hergestellt sind, sondern den Charakter ruhen¬ den Besitzes tragen und vielmehr bestimmt scheinen, die Persönlich¬ keit an sich zu knüpfen, als sich in raschem Wechsel von ihr zu lösen: Geschäfte und Betriebe, Kunstwerke und Sammlungen, Grund¬ besitz, Rechte und Positionen allerhand Art. Indem alles dies immer kürzere Zeit in einer Hand bleibt, die Persönlichkeit immer schneller und öfter aus der spezifischen Bedingtheit solchen Besitzes heraus¬ tritt, wird freilich ein außerordentliches Gesamtmaß von Freiheit verwirklicht; allein weil nur das Geld mit seiner Unbestimmtheit und inneren Direktionslosigkeit die nächste Seite dieser Befreiungs- vorgänge ist, so bleiben sie bei der Tatsache der Entwurzelung stehen und leiten oft genug zu keinem neuen Wurzelschlagen über. Ja, in¬ dem jene Besitze bei sehr rapidem Geldverkehr überhaupt nicht mehr unter der Kategorie eines definitiven Lebensinhaltes angesehen wer¬ den, kommt es von vornherein nicht zu jener innerlichen Bindung, Verschmelzung, Hingabe, die der Persönlichkeit zwar eindeutig determinierende Grenzen, aber zugleich Halt und Inhalt gibt. So erklärt es sich, daß unsere Zeit, die, als ganze betrachtet, sicher mehr Freiheit besitzt als irgendeine frühere, dieser Freiheit doch so wenig froh wird. Das Geld ermöglicht nicht nur, uns von den Bindungen anderen gegenüber, sondern auch von denen, die aus unserem eigenen Besitz quellen, loszukaufen; es befreit uns, indem wir es geben und indem wir es nehmen. So gewinnen fortwährende Befreiungsprozesse einen außerordentlich breiten Raum im modernen Leben, auch an diesem Punkte den tieferen Zusammenhang der Geldwirtschaft mit den Tendenzen des Liberalismus enthüllend, freilich auch einen der Gründe aufweisend, weshalb die Freiheit des Liberalismus so manche Haltlosigkeit, Wirrnis und Unbefriedigung erzeugt hat.
Indem so viele Dinge aber, fortwährend durch Geld abgelöst, ihre Richtung gebende Bedeutung für uns verlieren, findet diese Ver¬ änderung unserer Beziehung zu ihnen eine praktische Reaktion. Wenn sich jene geldwirtschaftliche Unsicherheit und Treulosigkeit gegen¬ über den spezifischen Besitzen in dem so sehr modernen Gefühle rächt: daß die Hoffnung der Befriedigung, die sich an ein Erlangtes knüpft, im nächsten Augenblick schon darüber hinauswächst, daß der Kern und Sinn des Lebens uns immer von neuem aus der Hand gleitet — so entspricht dem eine tiefe Sehnsucht, den Dingen eine neue Bedeutsamkeit, einen tieferen Sinn, einen Eigenwert zu ver¬ leihen. Die Leichtigkeit im Gewinn und Verlust der Besitze, die Flüchtigkeit ihres Bestandes, Genossenwerdens und Wechselns, kurz: die Folgen und Korrelationen des Geldes, haben sie ausgehöhlt und vergleichgültigt. Aber die lebhaften Erregungen in der Kunst, das Suchen nach neuen Stilen, nach Stil überhaupt, der Symbolismus, ja, die Theosophie, sind Symptome für das Verlangen nach einer neuen, tiefer empfindbaren Bedeutung der Dinge — sei es, daß jedes für sich wertvollere, seelenvollere Betonung erhalte, sei es, daß es diese durch die Stiftung eines Zusammenhanges, durch die Erlösung aus ihrer Atomisierung gewinne. Wenn der moderne Mensch frei ist — frei, weil er alles verkaufen, und frei, weil er alles kaufen kann —so sucht er nun, oft in problematischen Velleitäten, an den Objekten selber diejenige Kraft, Festigkeit, seelische Einheit, die er selbst durch das vermöge des Geldes veränderte Verhältnis zu ihnen ver¬ loren hat. Wenn wir früher sahen, daß durch das Geld der Mensch sich aus dem Befangensein in den Dingen erlöst, so ist andrerseits der Inhalt seines Ich, Richtung und Bestimmtheit doch mit kon¬ kreten Besitztümern soweit solidarisch, daß das fortwährende Ver¬ kaufen und Wechseln derselben, ja, die bloße Tatsache der Verkaufs- 29 Simmel, Philosophie des Geldes.
möglichkeit oft genug einen Verkauf und eine Entwurzelung per¬ sonaler Werte bedeutet.
Daß der Geldwert der Dinge nicht restlos das ersetzt, was wir an ihnen selbst besitzen, daß sie Seiten haben, die nicht in Geld aus- drückbar sind — darüber will die Geldwirtschaft mehr und mehr hinwegtäuschen. Wo es dennoch nicht zu verkennen ist, daß die in Geld erfolgende Schätzung und Hingabe sie der abschleifenden Banalität des täglichen Verkehrs nicht entziehen kann, da sucht man wenigstens manchmal eine Geldform dafür, die von der alltäglichen weit absteht. Die älteste italische Münze war das Kupferstück ohne bestimmte Form, das deshalb nicht gezählt, sondern gewogen wurde. Und nun wurde bis in die Kaiserzeit hinein, bei einem unvergleichlich verfeinerten Geldwesen, dieses formlose Kupferstück sowohl zu reli¬ giösen Spenden, wie als juristisches Symbol mit Vorliebe verwendet. Daß der neben dem Geldwert liegende Wert der Dinge sich dennoch Anerkennung erzwingt, liegt besonders nahe, wenn nicht eine Sub¬ stanz, sondern eine persönlich ausgeübte Funktion verkauft wird, und wenn diese nicht nur in ihrer äußerlichen Verwirklichung, son¬ dern auch ihrem Inhalte nach individuellen Charakter trägt. Die folgende Erscheinungsreihe mag das klar machen. Wo Geld und Leistungen ausgetauscht werden, da beansprucht zwar der Geldgeber nur das festgestellte Objekt, die sachlich umschriebene Leistung.
Der sachlich Leistende dagegen verlangt, wünscht wenigstens, in vielen Fällen noch etwas mehr, außer dem Gelde. Wer in ein Konzert geht, ist zufrieden, wenn er für sein Geld die erwarteten Stücke in erwarteter Vollendung hört; der Künstler ist aber mit dem Gelde nicht zufrieden, er verlangt auch Beifall. Wer sich malen läßt, ist befriedigt, wenn er das hinreichend gelungene Porträt in Händen hat; der Maler -aber nicht, wenn er den verabredeten Preis in Händen hat, sondern erst, wenn ihm noch dazu subjektive Anerkennung und übersubjektiver Ruhm zu teil wird. Der Minister verlangt nicht nur den Gehalt, sondern auch den Dank des Fürsten und der Nation, der Lehrer und der Geistliche nicht nur ihre Bezüge, sondern auch Pietät und Anhänglichkeit, ja, der bessere Kaufmann will nicht nur Geld für seine Ware, sondern auch, daß der Käufer zufrieden sei — und das keineswegs immer nur, damit er wiederkomme. Kurz, sehr viele Leistende beanspruchen außer dem Gelde, das sie objektiv als das zureichende Äquivalent ihrer Leistung anerkennen, doch noch eine persönliche Anerkennung, irgendein subjektives Bezeigen des Be- zahlers, das jenseits seiner verabredeten Geldleistung steht und diese für das Gefühl des Empfangenden erst zur vollen Äquivalenz mit seiner Leistung ergänzt. Hier haben wir das genaue Gegenstück der Erscheinung, die ich im dritten Kapitel als das Superadditum des Geldbesitzes beschrieb. Dort wuchs dem Geldgebenden außer dem präzisen Gegenwert seiner Aufwendung noch ein Mehr aus dem über jeden einzelnen Objektwert hinausgreifenden Charakter des Geldes zu. Aber eben seinem Wesen, das am meisten von allen empirischen Dingen, mit Jakob Böhme zu reden, Wurf und Gegen¬ wurf miteinander verbindet, entspricht diese Ausgleichung: personale Darbietungen, die gerade über ihr Geldäquivalent hinaus noch ein Plus fordern. Und wie dort nach der Seite des Geldes, so drückt sich hier nach der Seite der Leistung der Anspruch über den direkten Austausch hinaus in einer Sphäre aus, die die Persönlichkeit als der geometrische Ort ihrer Ansprüche umgibt und jenseits jedes einzelnen von diesen besteht. Der Saldo, der auf diese Weise bei dem Aus¬ tausch von Geld und personaler Leistung zugunsten der letzteren bleibt, kann so sehr als das Überwiegende empfunden werden, daß die Annahme eines Geldäquivalentes schon die Leistung und damit die Person herabzusetzen scheint: als würde, was man an Geld er¬ hält, jenem idealen Lohne abgeschrieben, von dem man sich doch keinen Abzug gefallen lassen will; so wissen wir von Lord Byron, daß er Verlegerhonorare nur mit den peinlichsten Empfindungen angenommen hat. Wo die gelderwerbende Tätigkeit schon als solche des Ansehens entbehrt, wie im klassischen Griechenland (weil man die soziale Bedeutung und Produktivität des Geldkapitals noch nicht kannte, dieses vielmehr nur der egoistischen Konsumtion dienstbar glaubte) — da steigert sich diese Deklassierung noch besonders an¬ gesichts persönlich -geistiger Leistungen: etwa, für Geld zu lehren und überhaupt geistig zu arbeiten, erschien als Entwürdigung der Person. Gegenüber allen aus dem Kern der Persönlichkeit quellen¬ den Betätigungen ist es eine oberflächliche, die wirkliche Gefühls¬ weise gar nicht treffende Vorstellung, daß man »seinen Lohn dahin haben« könne. Kann man etwa die Aufopferungen der Liebe durch irgendein Tun, selbst ein gleich wertvolles, aus gleich starkem Ge¬ fühle fließendes, völlig vergelten? Es bleibt immer ein Verpflich¬ tungsverhältnis des Ganzen der Persönlichkeiten bestehen, das viel¬ leicht gegenseitig ist, aber sich der Aufrechnung auch durch die Gegenseitigkeit prinzipiell entzieht. Ebensowenig kann ein Vergehen, soweit es innerlicher Natur ist, durch die Strafe so gesühnt werden, als ob es nun ungeschehen wäre, wie etwa der äußerlich angerichtete Schaden es kann. Wenn der Schuldige nach erduldeter Strafe eine völlige Entsündigung fühlt, so entsteht dies nicht aus einem Quittsein mit der Sünde durch die gezahlte Strafe, sondern aus einer durch diese bewirkten innerlichen Umwandlung, die die Wurzel der Sünde zerstört. Die bloße Strafe aber zeigt ihre Un¬ fähigkeit, die Missetat wirklich zu begleichen, in dem weiterwirken¬ den Mißtrauen und der Deklassierung, die der Sünder trotz ihrer noch erfährt. Was ich früher ausführte: daß es zwischen qualitativ verschiedenen Elementen keine unmittelbare Äquivalenz wie zwischen Aktiven und Passiven eines Kontokorrents geben könne — das ge¬ winnt seine gründlichste Bewährung an den Werten, in denen sich die individuelle Persönlichkeit verkörpert, und wird in dem Maße ungültiger, in dem die Werte, von dieser Wurzel gelöst, selbständig¬ dinglichen Charakter annehmen, sich so ins Unendliche dem Geld nähernd, das der schlechthin inkommensurablen Persönlichkeit gegenüber das schlechthin Kommensurable, weil das absolut Sach¬ liche ist. Es hat einerseits etwas Grauenhaftes, sich die tiefe gegen¬ seitige Unangemessenheit der Dinge, Leistungen, psychischen Werte vorzustellen, die wir immerfort wie wirkliche Äquivalente gegenein¬ ander einsetzen; andrerseits gibt gerade diese Unvergleichbarkeit von Lebenselementen, ihr Recht, von keinem angebbaren Äquivalent genau gedeckt zu werden, dem Leben doch einen unersetzlichen Reiz und Reichtum. Daß die personalen Werte durch das Geld, für das sie dargeboten werden, gar nicht ausgeglichen werden, mag einer¬ seits der Grund von unzähligen Ungerechtigkeiten und tragischen Situationen sein; aber andrerseits erhebt sich doch gerade daran das Bewußtsein von dem Werte des Persönlichen, der Stolz des indi¬ viduellen Lebensinhaltes, sich durch keine Steigerung bloß quanti¬ tativer Werte aufgewogen zu wissen. Diese Inadäquatheit wird, wie wir es schon so oft als typisch erkannten, bei sehr hohen Summen als Gegenwerten gemildert, weil diese ihrerseits von jenem Super- additum umschwebt werden, von phantastischen, über die Zahl¬ bestimmtheit hinausgreifenden Möglichkeiten, die, in ihrer Art, der in die Einzelleistung hineingegebenen und doch über jede Einzel¬ leistung hinausreichenden Persönlichkeit korrespondieren. Deshalb mag man gewisse Objekte oder Leistungen für sehr vieles Geld wohl hingeben; aber wenn dies nicht erlangbar ist, so verschenkt man sie lieber, als daß man wenig Geld dafür nehme. Denn nur dies, aber nicht jenes deklassiert sie. Aus diesem Gefühlszusammenhang her¬ aus müssen unter feiner empfindlichen Menschen Geschenke, die den Charakter persönlicher Huldigung haben, ihren Geldwert gleichsam unsichtbar machen: bei Blumen und Näschereien, die man einer fernerstehenden Dame allein zu schenken wagen darf, wirkt die rasche Vergänglichkeit wie eine Aufhebung jedes substanziellen Wertes.
Nun ist weder das Hinausragen der Leistung über ihr Geldäquivalent immer von merkbarer Größe, noch, wenn es dies ist, immer so zum Ausdruck zu bringen, wie in den angeführten Fällen des Künstlers und des Arztes, des Beamten und des Gelehrten. Wenn die Leistung sehr unindividuell ist und die Persönlichkeit sich mit ihr nicht aus dem Durchschnitt heraushebt, wie etwa bei dem ungelernten Arbeiter, so fehlt der Punkt der Inkommensurabilität, das Hinein¬ wachsen der mit nichts vergleichbaren Persönlichkeit in das Werk, die sich immer nur in einer irgendwie singulären Qualität zu er¬ kennen geben kann. Andrerseits, ob der Leistende eine Begleichung jenes Saldo auf die angegebenen Arten erlangt, hängt im Prinzip davon ab, ob seine soziale Stellung ihm überhaupt derartige ideale Anerkennungen zugänglich macht; wo sie wegen seiner allgemeinen Untergeordnetheit ausbleiben, erscheint er natürlich um so herab¬ gewürdigter, je persönlicheres er für Geld und nur für Geld zu geben gezwungen ist. So wurden die mittelalterlichen Spielleute verachtet, mit der gelegentlichen Begründung, daß sie auf Bestellung Lustiges wie Trauriges sängen, ihre persönlichen Empfindungen damit pro¬ stituierten, daß sie »Geld für Ehre nahmen«. Um die Ausschließung jenes idealen Lohnes aufrechtzuerhalten, war es deshalb durchaus konsequent, daß man sie wenigstens in bezug auf den ökonomischen Lohn auch streng gewissenhaft behandelte: obgleich die Spielleute allenthalben schlechtes Recht hatten, so wurde ihnen doch, wie ich schon erwähnte, gerade in bezug auf Hab und Gut unparteilich Recht gemessen. Wo der eigentlich personale Wert schlechthin gegen Geld, ohne eine darüber hinausgehende ideelle Entschädigung, fortgegeben werden muß, da findet deshalb eine Lockerung, gleichsam ein Sub¬ stanzverlust des individuellen Lebens statt. Das Gefühl der Tatsache, daß im Geldverkehr personale Werte für einen inadäquaten Gegen* wert ausgetauscht werden, ist sicher einer der Gründe, aus denen in Kreisen von wirklich vornehmer und stolzer Gesinnung der Geld* verkehr so oft perhorresziert und sein Gegenpol, die Landwirtschaft, als das allein Geziemende gepriesen worden ist. So war es zum Bei¬ spiel bei den Adligen der schottischen Hochlande, die bis zum acht¬ zehnten Jahrhundert ein ganz isoliertes und rein autochthones Da¬ sein führten, das aber ganz unter dem Ideal der denkbar höchsten persönlichen Freiheit stand. Denn so sehr das Geld diese fördern kann, wenn erst einmal ein eng gesponnener Verkehr die Menschen in sich verwebt und eingeschlungen hat, so stark muß man doch vom Standpunkt einer freien, auf sich gestellten und sich selbst ge¬ nügenden Existenz aus empfinden, daß der Austausch von Besitz und Leistungen gegen Geld das Leben entpersonalisiert. Wenn die subjektiven und die objektiven Seiten des Lebens sich erst gesondert 29 haben, so kann freilich die Entpersonalisierung, die letzteren immer entschiedener ergreifend, der reinen Herausarbeitung der ersteren dienen; bei einer primitiveren und einheitlicheren Existenz muß es umgekehrt als eine Unverhältnismäßigkeit und ein Verlust gelten, wenn Besitz und Leistung, bisher nur persönlich genossen oder per¬ sönlich gewährt, bloß zum Element eines Geldverkehrs und zum Gegenstand seiner objektiven Gesetzmäßigkeiten werden. Bei dem Übergange der mittelalterlichen Grundherrschaft des Ritters zu der modernen Landwirtschaft ist zu konstatieren, daß seine Standes¬ begriffe sich zwar dahin erweitern: außer der Kriegstätigkeit sei doch auch Erwerbstätigkeit für ihn zulässig — aber dies sei eben nur der Betrieb der eigenen Güter; ein Erwerb, dessen Eigenart ihn nun den Kaufmann, den Händler womöglich noch mehr verachten ließ, als es vor seiner Wendung zum Ökonomischen der Fall war. Das spe¬ zifische Gefühl der Würdelosigkeit des Geld Verkehrs tritt hier ge¬ rade deshalb so schroff hervor, weil die beiden Wirtschaftsarten jetzt nahe aneinander gerückt sind. Es ist eine der durchgehendsten sozio¬ logischen Erscheinungen, daß der Gegensatz zwischen zwei Elementen nie stärker hervortritt, als wenn derselbe sich von einem gemeinsamen Boden aus entwickelt: Sekten der gleichen Religion pflegen sich intensiver zu hassen als ganz verschiedene Religionsgemeinschaften, die Feindschaften kleiner benachbarter Stadtstaaten waren, die ganze bekannte Geschichte hindurch, leidenschaftlicher als die großer Staaten mit ihren räumlich und sachlich getrennten Interessen¬ gebieten, ja, man hat behauptet, daß der glühendste Haß, den es gibt, der zwischen Blutsverwandten wäre. Diese Steigerung des Anta¬ gonismus, der sich gleichsam von dem Hintergrund einer Gemein¬ samkeit abhebt, scheint in manchen Fällen dann ein Maximum zu erreichen, wenn die Gemeinsamkeit oder Ähnlichkeit in der Zunahme begriffen ist und damit die Gefahr droht, daß der Unterschied und Gegensatz überhaupt verwischt werde, an dessen Bestand wenigstens eine der Parteien lebhaft interessiert ist. Je mehr ein tiefer- und ein höherstehendes Element sich einander nähern, desto energischer wird das letztere die noch bestehenden Differenzpunkte betonen, desto höher sie werten. So entsteht der leidenschaftliche und aggressive Klassenhaß nicht dann, wenn die Klassen noch durch unüberbrück¬ bare Klüfte geschieden sind, sondern erst in dem Augenblick, wo die niedere Klasse sich schon etwas erhoben hat, die höhere einen Teil ihres Prestige verloren hat und ein Nivellement beider disku¬ tiert werden kann. So empfand der Grundherr in seinem Umwand¬ lungsprozeß in den wirtschaftstreibenden Gutsbesitzer eine gestei¬ gerte Notwendigkeit, sich von dem geldwirtschaftenden Kaufmann C\ abzuscheiden. Er trieb Wirtschaft, aber zunächst doch nur für den eigenen Bedarf, er gab doch nicht sein Eigen für Geld hin; und wenn er das tat, so war es doch schließlich nur das Produkt, er stellte sich doch nicht, wie der Kaufmann, mit der Unmittelbarkeit persönlicher Leistung in den Dienst des Geldgebers; wie es von einem ähnlichen Motiv aus — wenngleich unter dem wesentlichen Mitwirken anderer — dem spartanischen Vollbürger zwar gestattet war, Land zu besitzen, aber nicht, es selbst zu bebauen. Jenen Unter¬ schied gegen andere Verkäufer zu betonen, war im Interesse der aristokratischen Stellung deshalb so wichtig, weil das Geldgeschäft demokratisch nivellierend wirkt; insbesondere wenn der sozial Höher¬ stehende der Geldnehmer, der Tieferstehende der Empfänger der sachlichen Leistung ist, macht es die Parteien leicht miteinander »gemein«. Deshalb empfindet der Aristokrat das Geldgeschäft als deklassierend, während der Bauer, wenn er statt seiner Natural¬ leistungen dem Herrn in Geld zinst, dadurch ein Aufsteigen erfährt.
Das zeigt sich also auch an dem Geldverkauf personaler Werte als das Unvergleichliche des Geldes, daß es allen Entgegengesetzt¬ heiten historisch-psychologischer Möglichkeiten sich leihend, mit seiner eigenen Unentschiedenheit und Inhaltlosigkeit doch alle jene zu äußerster Entschiedenheit ausbildet. In der so gesteigerten prak¬ tischen Welt erscheint das Geld, die verkörperte Relativität der Dinge, gleichsam als das Absolute, das alles Relative mit seinen Gegensätzen umschließt und trägt.
III, Die Bedeutung des Geldäquivalents der Arbeit ist auf diesen Seiten so oft direkt und indirekt berührt, daß ich hier nur noch eine darauf bezügliche Prinzipienfrage abhandeln möchte: ob die Arbeit selbst etwa der Wert schlechthin ist, der also das Wertmoment in allen ökonomischen Einzelheiten ebenso in concreto bildet, wie das¬ selbe in abstracto durch das Geld ausgedrückt wird. Die Be¬ mühungen, die Gesamtheit der wirtschaftlichen Werte aus einer ein¬ zigen Quelle abzuleiten und auf einen einzigen Ausdruck zu redu¬ zieren auf die Arbeit, die Kosten, den Nutzen usw. — wären sicher nicht aufgetreten, wenn nicht die Umsetzbarkeit aller jener Werte in Geld auf eine Einheit ihres Wesens hingedeutet und als Pfand für die Erkennbarkeit eben dieser Einheit gedient hätte. Der Begriff des »Arbeitsgeldes«, der in sozialistischen Plänen auftaucht, drückt diesen Zusammenhang aus. Geleistete Arbeit als der allein wert¬ bildende Faktor gibt danach allein das Recht, die Arbeitsprodukte Anderer zu beanspruchen, und dafür weiß man eben keine andere Form, als daß man die Symbole und Anerkenntnisse eines bestimmten Arbeitsquantums als Geld bezeichnet. Das Geld muß also selbst da als Einheitsform der Werte konserviert werden, wo seine augen¬ blickliche Beschaffenheit verworfen wird, weil deren Eigenleben es hindere, der adäquate Ausdruck der fundamentalen Wertpotenz zu sein. Wenn man selbst neben der Arbeit noch die Natur als Wert¬ bildner zuläßt, da doch auch das aus ihr entnommene Material der Arbeit Wert besitzt, und so, wie man sagte, die Arbeit zwar der Vater, die Erde aber die Mutter des Reichtums ist — so muß der sozialistische Gedankengang dennoch am Arbeitsgeld münden; denn da die Schätze der Natur nicht mehr Privateigentum, sondern die gemeinsame, jedem a priori in gleicher Weise zugängige Grundlage des "Wirtschaftens überhaupt sein sollen, so ist dasjenige, was jeder in den Tausch zu geben hat, schließlich doch nur seine Arbeit. Er kann freilich, wenn er mit Hilfe dieser ein wertvolles Naturprodukt eingetauscht hat und dieses weiter vertauscht, dessen Stoffwert mit in Rechnung stellen; aber die Werthöhe desselben ist doch nur genau gleich dem Werte seiner Arbeit, für die er es erworben hat, und diese bildet also für das fragliche Naturprodukt das Maß seines Tausch¬ wertes. Wenn die Arbeit so die letzte Instanz ist, auf die alle Wert¬ bestimmung der Objekte zurückzugehen hat, so ist es eine Unan¬ gemessenheit und ein Umweg, sie ihrerseits erst an einem Objekte von fremder Provenienz, wie das jetzige Geld es ist, zu messen; vielmehr müßte man dann allerdings eine Möglichkeit suchen, die Arbeitseinheit ganz rein und unmittelbar in einem Symbol auszu- drücken, das als Tausch- und Meßmittel, als Geld fungierte.
Ohne von den angedeuteten Vereinheitlichungen des Wertes eine als die allein legitime zu verkünden, möchte ich die Arbeitstheorie wenigstens für die philosophisch interessanteste halten. In der Arbeit gewinnen die Körperlichkeit und die Geistigkeit des Menschen, sein Intellekt und sein Wille, eine Einheitlichkeit, die diesen Potenzen versagt bleibt, solange man sie gleichsam in ruhendem Nebeneinander betrachtet; die Arbeit ist der einheitliche Strom, in dem sie sich wie Quellflüsse mischen, die Geschiedenheit ihres Wesens in der Un- geschiedenheit des Produktes auslöschend. Wäre sie wirklich der alleinige Träger des Wertes, so würde der letztere damit in den definitiven Einheitspunkt unserer praktischen Natur eingesenkt, und dieser würde sich den adäquatesten Ausdruck, den er in der äußeren Realität finden kann, erwählt haben. Im Hinblick auf diese Be¬ deutung der Arbeit erscheint es mir eine untergeordnete Frage, ob man nicht der Arbeit daraufhin den Wert abzusprechen habe, daß sie doch vielmehr die Werte erst erzeuge — wie die Maschine, die einen Stoff bearbeitet, doch die Form nicht selbst besitzt, die sie diesem erteilt. Gerade wenn man nur den Produkten menschlicher Arbeit Wert zuspreche, könne nicht sie selbst — die eine physiolo¬ gische Funktion ist —, sondern nur die Arbeitskraft Wert haben.