Denn diese allerdings werde vom Menschen erzeugt, nämlich durch die Unterhaltungsmittel, die ihrerseits menschlicher Arbeit ent¬ stammen. Daß sie sich dann in wirkliche Arbeit umsetzt, fordert er¬ sichtlich nicht wiederum Arbeit,, bedeutet also selbst keinen Wert; dieser vielmehr haftet nun erst wieder an den von solcher Arbeit bedingten Produkten. Ich halte dies indes für eine im wesentlichen terminologische Angelegenheit. Denn da die Arbeitskraft sicher kein Wert wäre, wenn sie latent bliebe und sich nicht in wirkliches Arbeiten umsetzte, sondern erst in diesem wertbildend wirkt, so kann man für alle Zwecke der Berechnung und des Ausdrucks die Arbeit ein- setzen. Das wird auch nicht durch die Überlegung geändert, daß die als Nahrung konsumierten Werte nicht Arbeit, sondern Arbeits¬ kraft erzeugen und deshalb nur diese, als Trägerin jener aufge- nommenen Werte, selbst ein Wert sein könne. Die Nahrungsmittel können schon deshalb nicht die zulängliche Ursache des vom Men¬ schen verwirklichten Wertes sein, weil dieser letztere den in den ersteren investierten übersteigt, da es andernfalls nie zu einer Wert- vermehrung kommen könnte. Die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeit ist nur für die Zwecke des Sozialismus wichtig, weil sie die Theorie anschaulich macht, daß der Arbeiter nur einen Teil der Werte erhält, die er erzeugt. Seine Arbeit produziert mehr Werte, als in seiner Arbeitskraft, in Form der Unterhaltsmittel, investiert sind; indem der Unternehmer die ganze Arbeitskraft um den Wert der letzteren kauft, profitiert er das ganze Mehr, um welches die schließlichen Arbeitsprodukte diesen Wert überragen. Aber selbst von diesem Standpunkt aus scheint mir, man könnte, statt der Arbeits¬ kraft die Arbeit als Wert bezeichnend, innerhalb der letzteren die Quanten gegeneinander abgrenzen, deren Werte einerseits als Lohn zum Arbeiter zurückkehren, andrerseits den Gewinn des Unter¬ nehmers ausmachen. Ich gehe hierauf also nicht weiter ein, sondern untersuche im folgenden nur die nähere Bestimmung, unter welcher uns die Arbeitstheorie des Wertes so häufig entgegentritt: sie sucht einen Arbeitsbegriff, der für Muskelarbeit und geistige Arbeit gleich¬ mäßig gilt, und mündet dabei tatsächlich auf der Muskelarbeit, als dem primären Werte oder Wertproduzenten, der als Maß jeglicher Arbeit überhaupt zu gelten habe. Es wäre irrig, hierin nur proletari¬ schen Trotz und prinzipielle Entwürdigung geistiger Leistungen zu sehen. Vielmehr wirken dazu tiefere und verwickeltere Ursachen.
Von dem Anteil des Geistes an der Arbeit ist zunächst behauptet worden, daß er kein »Aufwand« sei, er fordere keinen Ersatz wegen Abnutzung und erhöhe deshalb die Kosten des Produktes nicht; so daß als Begründerin des Tauschwertes nur die Muskelarbeit übrig¬ bleibe. Wenn man dem gegenüber hervorgehoben hat, daß auch die geistige Kraft erschöpfbar sei und ganz ebenso wie die körper¬ liche durch Ernährung erhalten und ersetzt werden müßte, so ist dabei das Moment von Wahrheit übersehen, das jener Theorie, wenn auch nur als instinktives Gefühl, zum Grunde liegen mag. Der Anteil des Geistes an einem Arbeitsprodukt bedeutet nämlich zwei scharf zu unterscheidende Seiten desselben. Wenn ein Tischler einen Stuhl nach einem längst bekannten Modell herstellt, so geht das freilich nicht ohne einen Aufwand psychischer Tätigkeit ab, die Hand muß vom Bewußtsein geleitet werden. Allein dies ist keineswegs die ganze in dem Stuhl investierte Geistigkeit. Er wäre auch nicht herstellbar ohne die geistige Tätigkeit desjenigen, der, vielleicht vor Gene¬ rationen, das Modell dazu ersonnen hat; auch die hiermit verbrauchte psychische Kraft bildet eine praktische Bedingung dieses Stuhles. Nun aber besteht der Inhalt dieses zweiten geistigen Prozesses in einer Form weiter, in der er keinen psychischen Kraftaufwand mehr involviert: als Tradition, objektiv gewordener Gedanke, den jeder aufnehmen und nachdenken kann. In dieser Form wirkt er im Pro¬ duktionsprozeß des jetzigen Tischlers, bildet den Inhalt der aktuellen geistigen Funktion, die freilich von dessen subjektiver Kraft getragen und vollzogen werden muß, und geht vermöge dieser letzteren in das Produkt, als dessen Form, ein. Die zweierlei psychischen Be¬ tätigungen, von denen ich erst sprach, sind ganz sicher der Abnutzung und der Notwendigkeit eines physiologischen Ersatzes unterworfen: sowohl die des Tischlers wie die des Erfinders des Stuhles. Aber das dritte geistige Moment, das offenbar für das jetzige Zustandekommen des Stuhles entscheidend wichtig ist, ist allerdings dem Verbraucht - werden enthoben, und nach der Idee dieses Stuhles mögen Tausende von Exemplaren gearbeitet werden, sie selbst leidet dadurch keine Abnutzung, fordert keine Restaurierung und vermehrt also allerdings, obgleich sie den formgebenden, sachlich -geistigen Gehalt jedes ein¬ zelnen Stuhles dieser Art bildet, die Kosten desselben nicht. Unter¬ scheidet man also mit der erforderlichen Schärfe zwischen dem ob¬ jektiv-geistigen Inhalt in einem Produkt und der subjektiven geistigen Funktion, die nach der Norm jenes Inhaltes das Produkt herstellt, so sieht man das relative Recht jener Behauptung, daß der Geist nichts koste; freilich auch ihr relatives Unrecht, weil diese unentgeltliche und unvemutzbare Idee des Dinges sich nicht von selbst in Produkten verwirklicht, sondern nur vermittels eines Intellekts, dessen jetziges, jener Idee gemäßes Funktionieren organische Kraft fordert und zu dem Kostenwert des Produktes aus denselben Gründen beiträgt, wie die Muskelleistung es tut — wenngleich der durch einen so präfor- mierten Inhalt gelenkte psychische Aufwand natürlich ein viel ge¬ ringerer ist, als wenn er zugleich den Inhalt originell aufzubringen hat. Die Differenz zwischen beiden ist die Gratisleistung des Geistes. Und dieses ideell -inhaltliche Moment ist es, das den geistigen Besitz nach zwei Seiten hin so völlig von dem ökonomischen unterscheidet: er kann einem einerseits viel gründlicher, andrerseits viel weniger genommen werden, als dieser. Der einmal ausgesprochene Gedanke ist durch keine Macht der Welt wieder einzufangen, sein Inhalt ist unwiderruflich öffentliches Eigentum aller, die die psychische Kraft, ihn nachzudenken, aufwenden. Deshalb aber kann er einem auch, wenn dies einmal geschehen ist, durch keine Macht der Welt wieder geraubt werden, der einmal gedachte Gedanke bleibt, als immer wieder reproduzierbarer Inhalt, der Persönlichkeit so unentreißbar verbunden, wie es im ökonomischen gar keine Analogie findet. In¬ dem sich der geistige Prozeß aus seinem Inhalt, der diese über¬ ökonomische Bedeutung hat, und dem psychologischen Prozeß als solchem zusammensetzt, handelt es sich hier ersichtlich nur um den letzteren, um die Frage, welche Rolle der seelische Kraftverbrauch in der Wertbildung noch neben der Muskelarbeit spiele.
Daß die Bedeutung der geistigen Arbeit auf die der physischen reduziert werde, ist schließlich nur eine Seite der ganz allgemeinen Tendenz, eine Einheit des Arbeitsbegriffes herzustellen. Das Gemein¬ same aller mannigfaltigen Arten der Arbeit — einer viel weiteren und abgestufteren Mannigfaltigkeit, als der bloße Gegensatz zwischen physischer und psychischer Arbeit zeigt — gilt es aufzufinden. Da¬ mit wäre theoretisch wie praktisch außerordentlich viel gewonnen, soviel wie entsprechend mit der Tatsache des Geldes; man hätte nun die generelle, qualitative Einheit, auf Grund deren alle Wert¬ verhältnisse zwischen den Ergebnissen menschlicher Tätigkeit rein quantitativ, durch ein bloßes Mehr oder Weniger, auszudrücken wären. Auf allen Gebieten hat dies den wesentlichen Fortschritt der Erkenntnis bedeutet: daß die qualitative Abwägung der Objekte gegeneinander, die immer eine relativ unsichere und unexakte bleibt, in die allein unzweideutige quantitative übergeführt wird, indem eine’ durchgängige innere Einheit an ihnen festgestellt wird und diese nun, als überall dieselbe und selbstverständliche, in der Berechnung der relativen Bedeutungen der Einzelheiten keine Berücksichtigung mehr verlangt. Auf sozialistischer Seite ist dies offenbar eine bloße Fortsetzung und Konsequenz der Bestrebung, alle Werte überhaupt auf ökonomische, als ihren Ausgangspunkt und ihre Substanz zurück¬ zuführen. Und auf dieser Bestrebung mußte sie unvermeidlich mün¬ den, wenn sie ihre Nivellierungstendenz zu Ende dachte. Denn auf dem Gebiete des ökonomischen kann man allenfalls eine Gleichheit der Individuen als möglich denken; auf allen anderen: intellek¬ tuellen, gefühlsmäßigen, charakterologischen, ästhetischen, ethischen usw. würde das Nivellement, selbst nur das der »Arbeitsmittel«, von vornherein aussichtslos sein. Will man es dennoch unternehmen, so bleibt nichts übrig, als diese Interessen und Qualitäten irgendwie auf jene, die allein eine annähernde Gleichmäßigkeit der Verteilung gestatten, zu reduzieren. Ich weiß wohl, daß der heutige wissen¬ schaftliche Sozialismus die mechanisch - kommunistische Gleich¬ macherei von sich weist und nur eine Gleichheit der Arbeits¬ bedingungen herstellen will, von der aus die Verschiedenheit der Begabung, Kraft und Bemühung auch zu einer Verschiedenheit der Stellung und des Genusses führen soll. Allein dem heutigen Zustand gegenüber, in dem Erbrecht, Klassenunterschiede, Akkumulation des Kapitals und alle möglichen Chancen der Konjunktur weit größere als den individuellen Betätigungsunterschieden entsprechende Ab¬ stände erzeugen — würde jenes nicht nur tatsächlich eine wesentliche Ausgleichung in jeder Hinsicht bedeuten, sondern die Ausgleichung auch der Besitz- und Genußmomente scheint mir auch heute noch für die Massen das eigentlich wirksame Agitationsmittel zu sein. Wenn der historische Materialismus zum wissenschaftlichen Beweisgrund der sozialistischen Lehre gemacht worden ist, so geht hier, wie so oft, der systematische Aufbau den umgekehrten Weg wie der schöpfe¬ rische Gedankengang, und man hat nicht aus dem unabhängig fest¬ gestellten historischen Materialismus die sozialistische Theorie lo¬ gisch gefolgert, sondern die praktisch feststehende sozialistisch - kommunistische Tendenz hat sich erst nachträglich den für sie allein möglichen Unterbau geschaffen, die ökonomischen Interessen als den Quellpunkt und Generalnenner aller anderen zu deklarieren. Ist dies aber einmal geschehen, so muß sich die gleiche Tendenz in das Ge¬ biet des ökonomischen selbst fortsetzen und die Mannigfaltigkeit seiner Inhalte auf eine Einheit bringen, die über alles individuelle Leisten die Möglichkeit einer Gleichheit und äußerlich nachweisbaren Gerechtigkeit stellt.
Denn die Behauptung, der Wert aller wertvollen Objekte bestehe in der Arbeit, die sie gekostet haben, genügt für diesen Zweck noch nicht. Damit könnte sich nämlich noch immer die qualitative Ver¬ schiedenheit der Arbeit vereinigen, derart, daß ein geringeres Quan¬ tum höherer Arbeit einen gleichen oder höheren Wert bildete, wie ein erhebliches von niederer Arbeit. Hierdurch aber wäre eine ganz andere als die beabsichtigte Wertskala eingeführt. Die entscheiden¬ den Eigenschaften der Feinheit, Geistigkeit, Schwierigkeit würden zwar auch dann immer noch mit und an der Arbeit produziert, reali¬ sierten sich nur als Attribute ihrer; allein das Wertmoment ruhte nun doch nicht mehr auf der Arbeit als Arbeit, sondern auf der nach einem ganz selbständigen Prinzip aufgebauten Ordnung der Quali¬ täten, für die die Arbeit als solche, die das Allgemeine aller Arbeits¬ qualitäten ist, nur der für sich noch irrelevante Träger wäre. Damit wäre die Arbeitstheorie in dasselbe Dilemma gebracht, dem die moral¬ philosophische Lehre unterlegen ist, daß die Produktion von Glücks¬ gefühlen der alsolute ethische Wert sei. Ist nämlich die Handlung wirklich in dem Maße sittlich, in dem sie Glück zur Folge hat, so bedeutet es eine Durchbrechung des Prinzips und die Einführung neuer definitiver Wertmomente, wenn das reinere, geistigere, vor¬ nehmere Glück als das wertvollere gepriesen wird. Denn dann wäre der Fall möglich, daß ein solches Glück, wenngleich quantitativ, d. h. als bloßes Glück, geringer als ein niedriges, sinnliches, selbsti¬ sches, dennoch diesem gegenüber das sittlich erstrebenswertere wäre. Die ethische Glückseligkeitstheorie ist deshalb nur dann konsequent, wenn alle ethischen Unterschiede sinnlichen und geistigen, epi¬ kureischen und asketischen, egoistischen und mitfühlenden Glückes im letzten Grunde, alle Begleit- und Folgeerscheinungen eingerechnet, bloße Maßunterschiede einer und derselben, qualitativ immer gleichen Glücksart sind. Ebenso muß die konsequente Arbeitstheorie es durchführen können, daß alle die unzweideutig empfundenen und nicht wegzudisputierenden Wertunterschiede zwischen zwei Leistun¬ gen, die als Arbeit extensiv und intensiv gleich erscheinen, im letzten Grunde nur bedeuten, daß in der einen mehr Arbeit verdichtet ist, als in der anderen, daß nur der erste und flüchtige Blick sie für gleiche Arbeitsquanten hält, der tiefer dringende aber ein tatsächliches Mehr oder Weniger von Arbeit als den Grund ihres Mehr oder Weniger von Wert entdeckt.
Tatsächlich ist diese Deutung nicht so unzulänglich, wie sie zu¬ erst scheint. Man muß nur den Begriff der Arbeit weit genug fassen. Betrachtet man die Arbeit zunächst in der Beschränkung auf ihren individuellen Träger, so liegt auf der Hand, daß in jedem irgend »höheren« Arbeitsprodukt keineswegs nur diejenige Arbeitssumme investiert ist, die unmittelbar auf eben diese Leistung verwendet worden ist. Die ganzen vorhergegangenen Mühen vielmehr, ohne die die jetzige, relativ leichtere Herstellung unmöglich wäre, müssen in sie, als für sie erforderliche Arbeit, pro rata eingerechnet werden. Gewiß ist die »Arbeit« des Musikvirtuosen an einem Konzertabend oft im Verhältnis zu ihrer ökonomischen und idealen Einschätzung eine geringe; ganz anders aber steht es, wenn man die Mühen und die Dauer der Vorbereitung als Bedingung der unmittelbaren Leistung dem Arbeitsquantum derselben hinzurechnet. Und so be¬ deutet auch in unzähligen anderen Fällen höhere Arbeit eine Form von mehr Arbeit; nur daß diese nicht in der sinnlichen Wahrnehm¬ barkeit momentaner Anstrengung, sondern in der Kondensation und Aufspeicherung vorangegangener und die jetzige Leistung bedingen¬ der Anstrengungen gelegen ist: in der spielenden Leichtigkeit, mit der der Meister seine Aufgaben löst, kann unendlich viel mehr Arbeitsmühe verkörpert sein, als in dem Schweiß, den der Stümper schon um eines sehr viel niederen Ergebnisses willen vergießen muß. Nun aber kann diese Deutung der Qualitätsunterschiede der Arbeit als quantitativer sich über die bloß persönlichen Vorbedingungen hinauserstrecken. Denn diese reichen offenbar nicht aus, um die¬ jenigen Eigenschaften der Arbeit in der angegebenen Weise zu redu¬ zieren, die ihre Höhe durch eine angeborene Begabung oder durch die Gunst dargebotener objektiver Vorbedingungen gewinnen. Hier muß man sich einer Vererbungshypothese bedienen, die freilich hier wie überall, wo sie insbesondere erworbene Eigenschaften einbezieht, nur eine ganz allgemeine Denkmöglichkeit darbietet. Wollen wir die verbreitete Erklärung des Instinkts akzeptieren, daß er aus den aufgehäuften Erfahrungen der Vorfahren besteht, die zu bestimmten zweckmäßigen Nerven- und Muskelkoordinationen geführt haben und in dieser Form den Nachkommen vererbt sind, derart, daß bei diesen die zweckmäßige Bewegung auf den entsprechenden Nerven¬ reiz hin rein mechanisch und ohne eigener Erfahrung und Einübung zu bedürfen, erfolgt — wenn wir dies akzeptieren wollen, so kann man die angeborene spezielle Begabung als einen besonders günsti¬ gen Fall des Instinkts betrachten. Nämlich als denjenigen, in dem die Summierung solcher physisch verdichteten Erfahrungen ganz be¬ sonders entschieden nach einer Richtung hin und in einer solchen Lagerung der Elemente erfolgt ist, daß schon der leisesten Anregung ein fruchtbares Spiel bedeutsamer und zweckmäßiger Funktionen antwortet. Daß das Genie so viel weniger zu lernen braucht, wie der gewöhnliche Mensch zu der gleichartigen Leistung, daß es Dinge weiß, die es nicht erfahren hat — dieses Wunder scheint auf eine ausnahmsweise reiche und leicht ansprechende Koordination ver¬ erbter Energien hinzuweisen. Wenn man die hiermit angedeutete Vererbungsreihe weit genug zurückgliedert und sich klar macht, daß alle Erfahrungen und Fertigkeiten innerhalb derselben nur durch wirkliches Arbeiten und Ausüben gewonnen und weitergebildet werden konnten, so erscheint auch die individuelle Besonderheit der genialen Leistung als das kondensierte Resultat der Arbeit von Generationen. Der besonders »begabte« Mensch wäre demnach der¬ jenige, in dem ein Maximum von Arbeit seiner Vorfahren in latenter und zur Weiterverwertung disponierter Form aufgehäuft ist; so daß der höhere Wert, den die Arbeit eines solchen durch ihre Qualität besitzt, im letzten Grunde auch auf ein quantitatives Mehr von Arbeit zurückgeht, das er freilich nicht persönlich zu leisten brauchte, sondern dem er nur durch die Eigenart seiner Organisation das Weiterwirken ermöglicht. Die Leistung wäre dann, die gleiche aktuelle Arbeitsmühe der Subjekte vorausgesetzt, in dem Maße eine verschieden hohe, in dem die Struktur ihres psychisch -physischen Systems eine verschieden große und mit verschiedener Leichtigkeit wirkende Summe erarbeiteter Erfahrungen und Geschicklichkeiten der Vorfahren in sich birgt. Und wenn man die Wertgröße der Leistungen, statt durch das Quantum der erforderlichen Arbeit, in der gleichen Tendenz durch die zu ihrer Herstellung »gesellschaft¬ lich notwendige Arbeitszeit« ausgedrückt hat, so entzieht sich auch dies nicht der gleichen Deutung: der höhere Wert der durch be¬ sondere Begabung getragenen Leistungen bedeutete dann, daß die Gesellschaft immer eine gewisse längere Zeit hindurch leben und wirken muß, ehe sie wieder ein Genie hervorbringt; sie braucht den längeren Zeitraum, der den Wert der Leistung bedingt, in diesem Falle nicht zu deren unmittelbarer Produktion, sondern zur Pro¬ duktion der — eben nur in relativ längeren Zwischenräumen auf- tretenden — Produzenten solcher Leistungen.
Die gleiche Reduktion kann auch in objektiver Wendung er¬ folgen. Die Höherwertung des Arbeitsergebnisses bei gleicher sub¬ jektiver Anstrengung findet nicht nur als Erfolg eines persönlichen Talentes statt; sondern es gibt bestimmte Kategorien von Arbeiten, die von vornherein einen höheren Wert als andere repräsentieren, so daß die einzelne Leistung innerhalb jener weder größere Mühe noch größere Begabung als die innerhalb anderer zu enthalten braucht, um dennoch einen höheren Rang einzunehmen. Wir wissen sehr wohl, daß unzählige Arbeiten in den »höheren Berufen« an das Subjekt keinerlei höhere Ansprüche stellen, als solche in den »niederen«; daß die Arbeiter in Bergwerken und Fabriken oft eine Umsicht, Entsagungsfähigkeit, Todesverachtung besitzen müssen, die den subjektiven Wert ihrer Leistung weit über den vieler Be¬ amten- oder Gelehrtenberufe erhebt; daß die Leistung eines Akro¬ baten oder Jongleurs genau dieselbe Geduld, Geschicklichkeit und Begabung fordert, wie die manches Klaviervirtuosen, der seine manu¬ elle F ertigkeit durch keinen Beisatz seelischer Vertiefung adelt. Und doch pflegt nicht nur die eine Kategorie von Arbeiten der anderen gegenüber tatsächlich viel höher entlohnt zu werden, sondern auch ein sozial vorurteilsloses Schätzungsgefühl wird in vielen Fällen den¬ selben Weg gehen. Bei vollem Bewußtsein der gleichen oder höheren subjektiven Arbeit, die das eine Produkt erfordert, wird man dem anderen dennoch einen höheren Rang und Wert zusprechen, so daß es hier wenigstens scheint, als ob andere Momente als die des Arbeits¬ maßes seine Schätzung bestimmten. Doch ist dieser Schein nicht unüberwindlich. Man kann nämlich die Arbeitsleistungen höherer Kulturen in eine Stufenreihe von dem Gesichtspunkt aus einstellen, welches Quantum Arbeit bereits in den objektiven, technischen Vor¬ bedingungen aufgehäuft ist, auf Grund deren die einzelne Arbeit überhaupt möglich ist. Damit es überhaupt höhere Stellungen in einer Beamtenhierarchie gebe, muß erstens eine unübersehbare Arbeit in der Verwaltung und der allgemeinen Kultur bereits geleistet sein, deren Geist und Ergebnis sich zu der Möglichkeit und Notwendig- keit solcher Stellungen verdichtet; und zweitens setzt jede einzelne Tätigkeit höherer Funktionäre die Vorarbeit vieler subalterner vor¬ aus, die sich in ihr konzentrieren; so daß die Qualität solcher Arbeit wirklich nur durch ein sehr hohes Quantum schon vollbrachter und in sic eingehender Arbeit zustande kommt. Ja, gegenüber der »un- qualifizierten« beruht alle qualifizierte Arbeit als solche keineswegs nur auf der höheren Ausbildung des Arbeiters, sondern ebenso auch auf der höheren und komplizierteren Struktur der objektiven Ar* beitsbedingungen, des Materials und der historisch-technischen Or¬ ganisation. Damit auch der mittelmäßigste Klavierspieler möglich sei, bedarf es einer so alten und breiten Tradition, eines so unüber¬ sehbaren überindividuellen Bestandes technischer und artistischer Arbeitsprodukte, daß allerdings diese in ihr gesammelten Schätze seine Arbeit weit über die vielleicht subjektiv viel erheblichere des Seiltänzers oder Taschenspielers erheben. Und so im allgemeinen: was wir als die höheren Leistungen schätzen, nur nach der Kategorie des Berufes und ohne daß personale Momente ihre Höhe bewirkten, das sind diejenigen, die in dem Aufbau der Kultur die relativ ab¬ schließenden, am meisten von langer Hand vorbereiteten sind, die ein Maximum von Arbeit Vor- und Mitlebender als ihre technische Bedingung in sich aufnehmen — so ungerecht es auch sei, aus diesem, durch ganz überpersönliche Ursachen entstandenen Wert der ob¬ jektiven Arbeitsleistung eine besonders hohe Entlohnung oder Schätzung für den zufälligen Träger derselben herzuleiten. Auch wird dieser Maßstab selbstverständlich nicht genau innegehalten. Wertungen von Leistungen und Produkten, die durch ihn begründet sind, werden auf andere, dieses Rechtsgrundes entbehrende, über¬ tragen: sei es wegen äußerlich -formeller Ähnlichkeit, sei es wegen historischer Verknüpfung mit jenen, sei es, weil die Inhaber der be¬ treffenden Berufe eine aus anderer Quelle fließende, soziale Macht zur Steigerung ihrer Schätzung benutzen. Ohne solche, aus der Kom¬ plikation des historischen Lebens folgende Zufälligkeiten abzu¬ rechnen, läßt sich aber überhaupt kein einziger prinzipieller Zu¬ sammenhang in sozialen Dingen behaupten. Im großen und ganzen kann, wie mir scheint, die Deutung aufrechterhalten werden: daß die verschiedene Wertung der Leistungsqualitäten, bei Gleichheit der subjektiven Arbeitsmühe, dennoch der Verschiedenheit der Arbeits¬ quanten entspricht, die in vermittelter Form in den betreffenden 30 Simmel, Philosophie des Geldes.
Leistungen enthalten sind. So erst wäre der Gewinn für die theo¬ retische Vereinheitlichung der ökonomischen Werte, auf den die Arbeitstheorie ausging, in vorläufige Sicherheit gebracht.
Damit ist aber nur der allgemeine Begriff der Arbeit maßgebend geworden und die Theorie beruht insoweit auf einer sehr künstlichen Abstraktion. Man könnte ihr vorwerfen, sie baue sich auf dem typi¬ schen Irrtum auf, daß die Arbeit zunächst und fundamental Arbeit überhaupt wäre, und dann erst, gewissermaßen als Bestimmungen zweiten Grades, ihre spezifischen Eigenschaften dazu träten, um sie zu dieser bestimmten zu machen. Als ob diejenigen Eigenschaften, auf die hin wir ein Handeln als Arbeit überhaupt bezeichnen, nicht mit seinen übrigen Bestimmungen eine vollkommene Einheit bildeten, als ob jene Scheidung und Rangordnung nicht auf einem ganz will¬ kürlich gesetzten Grenzstrich beruhte! Gerade als ob der Mensch erst Mensch überhaupt wäre, und dann, in realer Scheidung davon, erst das bestimmte Individuum! Freilich ist auch dieser Irrtum be¬ gangen und zur Grundlage sozialer Theorien gemacht worden. Der Arbeitsbegriff, mit dem die ganze vorhergehende Erörterung rechnet, ist eigentlich nur negativ bestimmt: als dasjenige, was übrigbleibt, wenn man von allen Arten des Arbeitens alles wegläßt, was sie von¬ einander unterscheidet. Allein, was hier tatsächlich übrigbleibt, ent¬ spricht keineswegs, wie eine verlockende Analogie nahelegen könnte, dem physikalischen Begriff der Energie, die, in quantitativer Un¬ veränderlichkeit, bald als Wärme, bald als Elektrizität, bald als mechanische Bewegung auftreten kann; hier ist allerdings ein mathe¬ matischer Ausdruck möglich, der das Gemeinsame aller dieser spezi¬ fischen Erscheinungen und sie als Äußerungen dieser einen Grund¬ tatsache darstellt. Menschliche Arbeit aber, ganz im allgemeinen, gestattet keine derartig abstrakte, aber doch bestimmte Formulierung. Die Behauptung, daß alle Arbeit schlechthin Arbeit und nichts anderes wäre, bedeutet, als Grundlage für die Gleichwertigkeit der¬ selben, etwas genau so Ungreifbares, abstrakt Leeres, wie jene Theorie: jeder Mensch sei eben Mensch und deshalb seien alle gleich¬ wertig und zu den gleichen Rechten und Pflichten qualifiziert. Soll der Begriff der Arbeit also, dem in seiner bisher angenommenen Allgemeinheit mehr ein dunkles Gefühl als ein fester Inhalt seine Bedeutung geben konnte, eine solche wirklich erhalten, so bedarf es einer näheren Präzision des realen Vorganges, den man unter ihm verstehen kann.
Als dieses letzte, konkrete Element ist, worauf ich jetzt zurück¬ komme, die Muskelarbeit behauptet worden; und wir fragen nach dem Rechte dieser Behauptung, nachdem wir ihren Beweis aus der Kostenlos! gkeit der geistigen Arbeit oben in seiner Gültigkeit be¬ schränkt haben. Ich will nun von vornherein gestehen: ich halte es nicht für schlechthin ausgeschlossen, daß einmal das mechanische Äquivalent auch der psychischen Tätigkeit gefunden werde. Freilich, die Bedeutung ihres Inhaltes, seine sachlich bestimmte Stelle in den logischen, ethischen, ästhetischen Zusammenhängen steht ab¬ solut jenseits aller physischen Bewegungen, ungefähr wie die Be¬ deutung eines Wortes jenseits seines physiologisch - akustischen Sprachlautes steht. Aber die Kraft, die der Organismus für das Denken dieses Inhaltes als Gehirnvorgang aufwenden muß, ist prin¬ zipiell ebenso berechenbar wie die für eine Muskelleistung erforder¬ liche. Sollte dies eines Tages gelingen, so könnte man allerdings das Kraftmaß einer bestimmten Muskelleistung zur Maßeinheit machen, nach der auch der psychische Kraftverbrauch bestimmt wird, und die psychische Arbeit wäre nach dem, was daran wirklich Arbeit ist, auf gleichem Fuße mit der Muskelarbeit zu behandeln, ihre Produkte würden in eine bloß quantitative Wertabwägung mit denen der letzteren eintreten. Dies ist natürlich eine wissenschaftliche Utopie, die nur dartun kann, daß die Reduktion aller wirtschaftlich anrechen¬ baren Arbeit auf Muskelarbeit selbst für einen keineswegs dogma¬