SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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tisch-materialistischen Standpunkt nicht den prinzipiellen Widersinn zu enthalten braucht, mit dem der Dualismus von Geistigkeit und Körperlichkeit diesen Versuch zu schlagen schien.

In etwas konkretererWeise scheint sich die folgende Vorstellung dem gleichen Ziele zu nähern. Ich gehe davon aus, daß unsere Unterhaltsmittel durch physische Arbeit produziert werden. Zwar ist keine Arbeit rein physisch, jede Handarbeit wird erst durch das irgendwie wirkende Bewußtsein zu einer zweckmäßigen Leistung, so daß auch diejenige, die der höheren geistigen Arbeit ihre Be¬ dingungen bereitet, selbst schon einen Beisatz seelischer Art enthält. Allein diese psychische Leistung des Handarbeiters wird doch ihrer¬ seits erst wieder durch Unterhaltsmittel ermöglicht; und zwar werden, je niedriger der Arbeiter steht, d. h. je geringfügiger das seelische Element seiner Arbeit im Verhältnis zu der Muskelleistung ist, auch seine Unterhaltsmittel (im weitesten Sinne) durch Arbeit von wesent¬ lich physischem Charakter hergestellt werden — mit einer der modernsten Zeit angehörigen und im letzten Kapitel zu behandelnden Ausnahme. Da sich dies Verhältnis nun an je zwei Arbeiterkategorien wiederholt, so ergibt dies eine unendliche Reihe, aus welcher die psychische Arbeit zwar nie verschwinden kann, in der sie aber immer weiter zurückgeschoben wird. So ruhen die Unterhaltsmittel auch der höchsten Arbeiterkategorien auf einer Reihe von Arbeiten, in denen der psychische Beisatz jedes Gliedes durch ein Glied von rein physischem Wert getragen wird, so daß jener sich auf der letzten Stufe dem Grenzwert Null nähert. Es läßt sich also denken, daß prinzipiell alle äußeren Bedingungen der geistigen Arbeit in Muskel¬ arbeitsgrößen ausdrückbar sind. Könnte man nun die alte Theorie vom Kostenwert gelten lassen, so würde der Wert der geistigen Arbeit, insofern er den Kosten ihrer Produktion gleich ist, dem Werte gewisser Muskelleistungen gleich sein. Und nun wäre diese Theorie vielleicht in einer Modifikation haltbar: der Wert eines Produkts ist zwar nicht seinen Kosten gleichzusetzen, wohl aber könnten sich die Werte zweier Produkte zueinander verhalten, wie die ihrer Ent¬ stehungsbedingungen. Eine Psyche, durch Unterhaltsmittel ernährt und angeregt, wird Produkte hergeben, die den Wert jener von ihr verbrauchten Bedingungen um ein Vielfaches übersteigen mögen; darum könnte aber doch das Wertverhältnis je zweier Bedingungs¬ komplexe gleich dem je zweier Produkte sein — wie die Werte zweier Bodenerzeugnisse, von denen jedes ein Vielfaches seines Samens ist, sich so verhalten können wie die Werte der Samen zueinander; denn der werterhöhende Faktor könnte, für den Durchschnitt der Men¬ schen, eine Konstante sein. Wenn alle diese Voraussetzungen zu¬ träfen, so wäre damit die Reduktion der geistigen Arbeiten auf physi¬ sche in dem Sinne vollbracht, daß man zwar nicht die absolute, aber die relative Wertbedeutung jeder der ersteren durch bestimmte Ver¬ hältnisse der letzteren ausdrücken könnte.

Nun erscheint aber der Gedanke, daß die Werthöhen der geistigen Leistung sich proportional den Werten der Unterhalts¬ mittel verhalten sollten, völlig paradox, ja unsinnig. Dennoch lohnt es, die Punkte aufzusuchen, in denen sich die Wirklichkeit ihm wenigstens nähert, weil diese tief in die inneren und kulturellen Be¬ ziehungen geistiger Werte zu ihren wirtschaftlichen Bedingungen und Äquivalenten hinabreichen. Wir haben uns wohl vorzustellen, daß im Gehirn, als dem Gipfelpunkt der organischen Entwicklung, ein sehr großes Maß von Spannkräften aufgespeichert liegt. Das Gehirn ist offenbar imstande, eine große Kraftsumme abzugeben, woraus sich unter anderem die erstaunliche Leistungsfähigkeit schwacher Muskeln erklärt, die sie auf psychische Reize hin entfalten können. Auch die große Erschöpfung des ganzen Organismus nach geistigen Arbeiten oder Alterationen weist darauf hin, daß die psychische Tätigkeit, von der Seite ihres physischen Korrelats her angesehen, sehr viel organische Kraft verbraucht. Der Ersatz dieser Kraft ist nun nicht nur durch ein bloßes Mehr derjenigen Unterhaltsmittel, die der Muskelarbeiter braucht, zu erzielen: denn die Aufnahme - fähigkeit des Körpers ist in Hinsicht auf das Quantum von Er¬ nährung ziemlich eng begrenzt und bei überwiegend geistiger Arbeit eher herunter- als heraufgesetzt. Deshalb kann der Kraftersatz ebenso wie die erforderliche nervöse Anregung bei geistiger Arbeit in der Regel nur durch eine Konzentrierung, Verfeinerung, indivi¬ duelle Angepaßtheit des Lebensunterhaltes und der allgemeinen Lebensbedingungen geleistet werden. Zwei kulturhistorisch bedeut¬ same Momente werden hier wichtig. Unsere täglichen Nahrungs¬ mittel sind in einer Periode erwählt und ausgebildet worden, in der die übrigen Lebensbedingungen von den heutigen der intellektuellen Stände sehr abwichen, in der Muskelarbeit und frische Luft gegen¬ über der Nervenanspannung und der sitzenden Lebensweise domi¬ nierten. Die zahllosen, direkten und indirekten Verdauungskrank¬ heiten einerseits, das hastige Suchen nach konzentrierten und leicht assimilierbaren Nährmitteln andrerseits verkünden, daß die An¬ passung zwischen unserer körperlichen Verfassung und unseren Nahrungsstoffen in weitem Umfang unterbrochen ist. Aus dieser ganz allgemeinen Beobachtung ist ersichtlich, mit wie großem Rechte für Menschen sehr differenzierter Berufe auch differenzierte Er¬ nährung gefordert wird, und daß es nicht nur Sache der Zungen¬ kultur, sondern der Volksgesundheit ist, dem höchstentwickelten Arbeiter die Mittel zu einer übernormalen, verfeinerten und durch persönliche Ansprüche bestimmten Ernährung zu gewähren. Wesent¬ licher aber und zugleich verborgener ist der Umstand, daß die geistige Arbeit ihre Vorbedingungen weit mehr in die Gesamtheit des Lebens hin erstreckt und von einer viel weiteren Peripherie mittelbarer Be¬ ziehungen umgeben ist, als die körperliche. Die Umsetzung der körperlichen Kraft in Arbeit kann sozusagen unmittelbar geschehen, während die geistigen Spannkräfte ihre volle Arbeit im allgemeinen nur leisten können, wenn, weit über ihr unmittelbar-aktuelles Milieu hinaus, das ganze komplizierte System der körperlich -geistigen Stimmungen, Eindrücke, Anregungen sich in einer bestimmten Or- ganisiertheit, Tönung, Proportion von Ruhe und Bewegtheit befindet. Selbst unter denjenigen, die Geistes- und Muskelarbeit prinzipiell nivellieren wollen, ist es deshalb schon ein trivialer Satz, daß die höhere Entlohnung des geistigen Arbeiters durch die physiologischen Bedingungen seiner Tätigkeit gerechtfertigt werde.

In diesem Zusammenhang wird verständlich, daß der moderne geistige Mensch so viel mehr von seinem Milieu abhängig zu sein scheint, als der frühere Mensch, und zwar nicht in dem Sinn, daß er bildsamer, qualitativ bestimmbarer ist, sondern gerade so, daß die Entwicklung seiner spezifischen Kräfte, seiner innerlichen Produk- 30 tivität, seiner persönlichen Eigenart nicht ohne besonders günstige, ihm individuell angepaßte Lebensbedingungen möglich ist. Die un¬ glaublich bescheidenen Verhältnisse, unter denen früher oft ein höchstes geistiges Leben sich entfaltete, wären für die überwiegende Mehrzahl der heutigen geistigen Arbeiter von vornherein erdrückend, diese würden in ihnen nicht die Begünstigungen und Anregungen finden, die sie — manchmal jeder anders als der andere — gerade für ihre individuelle Produktion brauchen. Das kann jedem Epi¬ kureismus völlig fern liegen, und geht, als reale Bedingung der Leistung, vielleicht einerseits aus der gewachsenen Reizbarkeit und Schwäche des Nervensystems, andrerseits aus der zugespitzten Indi- vidualisiertheit hervor, die auf jene einfachen, d. h. typisch -generellen Lebensreize nicht reagieren kann, sondern sich nur auf entsprechend individualisierte hin entfaltet. Wenn die neueste Zeit die historische Milieu-Theorie aufs entschiedenste durchgeführt hat, so dürften wohl auch hier reale Verhältnisse durch ihre Exaggerierung eines Ele¬ mentes uns den Blick für dessen Wirksamkeit auch auf Stufen seiner geringeren Entwicklung geöffnet haben — gerade wie die in Wirk¬ lichkeit gestiegene Bedeutung der Massen im 19. Jahrhundert erst die Veranlassung geworden ist, sich ihrer Bedeutung auch in allen früheren Epochen wissenschaftlich bewußt zu werden. Insoweit diese Verhältnisse gelten, besteht also wirklich eine gewisse Proportion zwischen den Werten, die wir konsumieren, und denen, die wir produ¬ zieren, d. h. die letzteren, als geistige Leistungen, sind Funktionen der Muskelleistungen, die in den ersteren investiert sind.

Allein diese mögliche Reduktion geistiger auf Muskelarbeits- werte findet von verschiedenen Seiten her eine sehr frühe Grenze. Jene Proportion ist nämlich zunächst nicht umkehrbar. Zu be¬ stimmten Leistungen gehören allerdings sehr erhebliche personale Aufwendungen, aber diese ihrerseits erzeugen keineswegs überall jene Leistungen: der Unbegabte, in noch so günstige und verfeinerte Lebensbedingungen versetzt, wird dennoch niemals dasjenige leisten, wozu ebendieselben den Begabten anregen. Die Reihe der Produkte könnte also nur dann eine stetige Funktion der Reihe der Aufwen¬ dungen sein, wenn die letzteren genau im Verhältnis der natürlichen personalen Begabungen erfolgten. Allein das Unmögliche selbst an¬ genommen, daß die letzteren sich exakt feststellen ließen und eine ideale Anpassung, nach dieser Feststellung die Unterhaltsmittel ge¬ nau bemessend, die Leistungshöhen zum Index der letzteren machen wollte, so würde dies Unternehmen seine Grenze immer an der Un¬ gleichmäßigkeit der Unterhaltsbedingungen finden, die selbst zwischen den zu gleichen Leistungen qualifizierten Persönlichkeiten besteht. Hier liegt eines der großen Hemmnisse sozialer Gerechtig¬ keit. So sicher nämlich im allgemeinen die höhere, geistige Leistung auch höhere Lebensbedingungen fordert, so sind doch die menschlichen Beanlagungen gerade in den Ansprüchen, die die Ent¬ faltung ihrer höchsten Kräfte stellt, äußerst ungleichmäßig. Von zwei Naturen, die zu der objektiv gleichen Leistung befähigt sind, wird die eine zur Verwirklichung dieser Möglichkeit ein — der Höhe nach ganz andres Milieu, ganz andre materielle Vorbedingungen, ganz andre Anregungen nötig haben, als die zweite. Diese Tatsache, die zwischen den Idealen der Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Maximisierung der Leistungen eine unversöhnliche Disharmonie stiftet, ist noch keineswegs genügend beachtet. Die Verschiedenheit unserer physisch -psychischen Strukturen, der Verhältnisse zwischen zweckmäßigen und hemmenden Energien, der Wechselwirkungen zwischen Intellekt und Willenscharakter bewirkt, daß die Leistung, als Produkt der Persönlichkeit und ihrer Lebensbedingungen, in der ersteren einen höchst inkonstanten Faktor findet; so daß, um das gleiche Resultat zu ergeben, auch der andere Faktor entsprechend große Variierungen erleiden muß. Und zwar scheint es, als ob diese Abweichungen der Naturelle in bezug auf die Verwirklichungs¬ bedingungen ihrer inneren Möglichkeiten um so erheblichere wären, je höher, komplizierter und geistiger das Leistungsgebiet ist. Die Personen, die überhaupt die Muskelkraft zu einer bestimmten Arbeit haben, werden für deren Ausführung so ziemlich der gleichen Er¬ nährung und allgemeinen Lebenshaltung bedürfen; wo aber führende, gelehrte, künstlerische Tätigkeiten in Frage stehen, wird die oben bezeichnete Verschiedenheit zwischen denen, die schlie߬ lich alle das gleiche leisten könnten, bedeutsam hervortreten.

Die persönliche Begabung ist so variabler Art, daß die gleichen äußeren Umstände, auf sie einwirkend, die allerverschiedensten Endresultate zeitigen, und dadurch bei dem Vergleich von Indivi¬ duum mit Individuum jede Wertproportion zwischen den materiellen Unterhaltsbedingungen und den darauf gebauten psychischen Leistungen völlig illusorisch wird. Nur wo große historische Epochen oder ganze Bevölkerungsklassen in ihrem Durchschnitt miteinander verglichen werden, mögen die relativen Höhen der physisch beschaff¬ baren Bedingungen dasselbe Verhältnis wie die der psychischen Leistungen zeigen. So kann man z. B. beobachten, daß bei sehr niedrigen Preisen der notwendigen Nahrungsmittel die Kultur im ganzen nur langsam fortschreitet, also die Luxusartikel, in denen eine erheblichere geistige Arbeit investiert ist, außerordentlich teuer sind; wogegen die Preiserhöhung jener ersteren mit einer Preiserniedrigung und weiteren Verbreitung der letzteren Hand in Hand zu gehen pflegt. Für niedere Kulturen ist es charakteristisch, daß der unent¬ behrliche Unterhalt sehr billig, die höhere Lebenshaltung dagegen sehr teuer ist, wie etwa noch jetzt in Rußland im Verhältnis zu Zentral¬ europa. Die Billigkeit von Brot, Fleisch und Wohnung läßt es einer¬ seits zu dem Druck nicht kommen, der den Arbeiter zur Erkämpfung höherer Löhne zwingt, die Teuerung der Luxusartikel andrerseits rückt ihm diese ganz außer Sehweite und verhindert ihre Ausbreitung. Erst die Verteuerung des ursprünglich Billigen und die Verbilligung des ursprünglich Teuren — deren Zusammenhang ich schon oben hervorhob — bedeutet und bewirkt ein Aufsteigen der geistigen Be¬ tätigungen. Unter all der ungeheuren Inkommensurabilität im ein¬ zelnen verraten diese Proportionen dennoch eine allgemeine, in jenen Einzelheiten dennoch wirksame Beziehung von physischer und psy¬ chischer Arbeit, die das Wertmaß der letzteren durch die erstere aus¬ zudrücken wohl gestatten würde, wenn ihre Wirksamkeit nicht durch die soviel stärkere der individuellen Begabungsunterschiede übertönt würde.

Endlich gibt es einen dritten Standpunkt, von dem aus die Re¬ duktion alles Arbeitswertes auf den Wert der Muskelarbeit ihres rohen und plebejischen Charakters entkleidet wird. Sehen wir näm¬ lich genauer zu, woraufhin denn eigentlich die Muskelarbeit als Wert und Aufwand gilt, so ergibt sich, daß dies gar nicht die rein physische Kraftleistung ist. Ich meine damit nicht das schon Erwähnte, daß diese überhaupt ohne eine gewisse intellektuelle Dirigierung ganz nutzlos für die menschlichen Zwecke wäre, in welcher Hinsicht aber das psychische Element ein bloßer Wertbeisatz bleibt; der eigent¬ liche Wert könnte dabei doch immer in dem rein Physischen bestehen, nur daß dasselbe, um die erforderliche Richtung zu bekommen, jenes Zusatzes bedürfte. Ich meine vielmehr, daß die physische Arbeit ihren ganzen Ton von Wert und Kostbarkeit nur durch den Aufwand von psychischer Energie erhält, der sie trägt. Wenn jene Arbeit, äußer¬ lich angesehen, das Überwinden von Hemmnissen bedeutet, die For¬ mung einer Materie, die dieser Formung nicht ohne weiteres ge¬ horcht, sondern ihr zunächst Widerstand entgegensetzt — so zeigt die Innenseite der Arbeit dieselbe Gestalt. Die Arbeit ist eben Mühe, Last, Schwierigkeit; so daß, wo sie das nicht ist, betont zu werden pflegt, daß sie eben keine eigentliche Arbeit ist. Sie besteht, auf ihre Gefühlsbedeutung hin angesehen, in der fortwährenden Überwindung der Impulse zu Trägheit, Genuß, Erleichterung des Lebens - wobei es irrelevant ist, daß diese Impulse, wenn man sich ihnen wirklich ununterbrochen hingäbe, das Leben gleichfalls zu einer Last machen würden; denn die Last der Nichtarbeit wird nur in den seltensten Ausnahmef allen empfunden, die der Arbeit aber nur in eben solchen nicht empfunden. Niemand pflegt daher Leid und Mühe der Arbeit auf sich zu nehmen, ohne etwas dafür einzutauschen. Was an der Arbeit eigentlich vergolten wird, der Rechtstitel, auf den hin man eine Vergeltung für sie fordert, ist der psychische Kraftaufwand, dessen es zum Aufsichnehmen und Überwinden der inneren Hemmungs¬ und Unlustgefühle bedarf.

Die Sprache deutet diesen Sachverhalt gut an, indem sie den äußerlich-ökonomischen ebenso wie den innerlich-moralischen Ertrag unseres Tuns gleichmäßig als Verdienst bezeichnet. Denn auch im letzteren Sinne tritt dieses doch erst ein, wenn der sittliche Impuls Hemmnisse der Versuchung, des Egoismus, der Sinnlichkeit über¬ wunden hat, nicht, wenn die sittliche Handlung aus einem ganz selbst¬ verständlichen, die Möglichkeit des Gegenteils von vornherein aus¬ schließenden Triebe quillt; so daß, um den sittlichen Musterbildern nicht das sittliche Verdienst absprechen zu müssen, die Mythen¬ bildung der Völker allenthalben ihre Religionsstifter eine »Ver¬ suchung« besiegen läßt und Tertullian sogar den Ruhm Gottes für größer hält, si laboravit. Wie sich der eigentlich moralische Wert an das überwundene Hemmnis entgegengesetzter Impulse knüpft, so der ökonomische. Wenn der Mensch seine Arbeit leistete, wie die Blume ihr Blühen oder der Vogel sein Singen, so würde sich kein entgeltbarer Wert mit ihr verknüpfen. Dieser liegt also nicht in ihrer äußeren Erscheinung, in dem sichtbaren Tun und Erfolg, sondern auch bei der Muskelarbeit in dem Willensaufwand, den Gefühls¬ reflexen, kurz, in den seelischen Bedingungen. Damit gewinnen wir die Ergänzung für die an das andere Ende der wirtschaftlichen Reihen sich anschließende fundamentale Erkenntnis: daß aller Wert und alle Bedeutung der Gegenstände und ihres Besitzes in den Gefühlen liegt, die sie hervorrufen, daß das Haben ihrer als ein bloß äußer¬ liches Verhältnis gleichgültig und sinnlos wäre, wenn sich nicht innere Zustände, Affekte der Lust, der Erhöhung und Erweiterung des Ich, daran schlössen. So wird die Sichtbarkeit wirtschaftlicher Güter von beiden Seiten — des Leistenden wie des Genießenden — her durch psychische Vorgänge begrenzt, die allein es begründen, daß für die einzelne Leistung ein Gegenwert gefordert wie gewährt wird. Ebenso unwesentlich und beziehungslos, wie uns ein Besitzgegenstand ist, der nicht in eine psychische Erregung übergeht, wäre uns das eigne Tun, wenn es nicht aus einem inneren empfundenen Zustande hervor¬ ginge, dessen Unlust und Opfergefühl allein die Forderung eines Entgeltes und deren Maß in sich trägt. In Hinsicht des Wertes kann man deshalb sagen, Muskelarbeit sei psychische Arbeit. Als Aus¬ nahme hiervon könnten nur diejenigen Arbeiten gelten, die der Mensch als Konkurrent der Maschine oder des Tieres vollbringt; denn obwohl sich auch diese in bezug auf die innere Bemühung und psychische Kraftaufwendung wie alle anderen verhalten, so hat doch der, zu dessen Gunsten sie vollbracht werden, keine Veranlassung, für diese innere Leistung etwas zu vergüten, da der ihm allein wichtige äußere Effekt auch durch eine rein physische Potenz erreichbar ist und die kostspieligere Produktion nirgends vergolten wird, sobald eine billigere möglich ist. Aber mit einem ganz kleinen Schritt tiefer ist vielleicht auch diese Ausnahme in die Allbefaßtheit des Äußer¬ lichen durch das Seelische zurückzuführen. Was an den Leistungen einer Maschine oder eines Tieres vergolten wird, ist doch die mensch¬ liche Leistung, die in Erfindung, Herstellung und Dirigierung der Maschine, in der Aufzucht und Abrichtung des Tieres steckt; so daß man sagen kann. jene menschlichen Arbeiten werden nicht wie diese physisch-untermenschlichen vergolten, sondern, umgekehrt, diese werden gleichfalls mittelbar als psychisch -menschliche gewertet. Dies wäre nur eine ins Praktische hineinreichende Fortsetzung der Theorie, daß wir auch den Mechanismus der unbelebten Natur schließlich nach den Kraft- und Anstrengungsgefühlen deuten, die unsere Bewegungen begleiten. Wenn wir unser eignes Wesen der allgemeinen Naturordnung einfügen, um es in ihrem Zusammenhänge zu verstehen, so ist dies nur so möglich, daß wir zuvor die Formen, Impulse und Gefühle unserer Geistigkeit in die allgemeine Natur hineintragen, das »Unterlegen« und das »Auslegen« unvermeidlich zu einem Akt verbindend. Wenn wir, dies Verhältnis zur Welt auf unsere praktische F rage ausdehnend, an der Leistung untermensch¬ licher Kräfte nur die Leistung menschlicher durch Gegenleistung aufwiegen, so fällt damit in der hier fraglichen Hinsicht der prinzi¬ pielle Grenzstrich zwischen denjenigen menschlichen Arbeiten, deren Entgelt sich auf ihr psychisches Fundament stützt, und denen, die wegen der Gleichheit ihres Effektes mit rein äußerlich-mechanischen diese Begründung ihres Entgeltes abzulehnen schienen. Man kann also jetzt ganz allgemein behaupten, daß nach der Seite des aufzu¬ wiegenden Wertes hin der Unterschied zwischen geistiger und Muskelarbeit nicht der zwischen psychischer und materieller Natur sei, daß vielmehr auch bei der letzteren schließlich nur auf die Innen¬ seite der Arbeit, auf die Unlust der Anstrengung, auf das Aufgebot an Willenskraft hin das Entgelt gefordert werde. Freilich ist diese Geistigkeit, die gleichsam das Ding-an-sich hinter der Erscheinung der Arbeit ist und den Binnenwert derselben bildet, keine intellektuelle, sondern besteht in Gefühl und Willen; woraus dann folgt, daß derselbe dem der geistigen Arbeit nicht koordiniert ist, sondern auch diesen fundamentiert. Denn auch an ihm bringt ursprünglich nicht der objektive Inhalt des geistigen Prozesses, sein von der Per¬ sönlichkeit gelöstes Resultat, die Forderung des Entgeltes hervor, sondern die subjektive, vom Willen geleitete Funktion, die ihn trägt' die Arbeitsmühe, der Energieaufwand, dessen es für die Produktion jenes geistigen Inhaltes bedarf. Indem so als der Quellpunkt des Wertes nicht nur von seiten des Aufnehmenden, sondern auch des Leistenden her sich ein Tun der Seele enthüllt, erhalten Muskelarbeit und »geistige« Arbeit einen gemeinsamen, — man könnte sagen: moralischen — wertbegründenden Unterbau, durch den die Re¬ duktion des Arbeitswertes überhaupt auf Muskelarbeit ihr banausi¬ sches und brutal materialistisches Aussehn verliert. Das verhält sich ungefähr wie mit dem theoretischen Materialismus, der ein ganz neues und ernsthafter diskutables Wesen bekommt, wenn man be¬ tont, daß doch auch die Materie eine Vorstellung ist, kein Wesen, das, im absoluten Sinne außer uns, der Seele entgegengesetzt ist, sondern in seiner Erkennbarkeit durchaus bestimmt von den For¬ men und Voraussetzungen unserer geistigen Organisation. Von diesem Standpunkt, auf dem die Wesensverschiedenheit körperlicher und geistiger Erscheinungen statt der absoluten eine relative wird, ist das Verlangen, die Erklärung für die im engeren Sinn geistigen in der Reduktion auf die körperlichen zu suchen, sehr viel weniger unerträglich. Hier, wie in dem Falle des praktischen Wertes, muß das Äußere nur aus seiner Starrheit, Isolierung und Gegensätzlichkeit gegen das Innere erlöst werden, damit es sich als einfachster Aus¬ druck und Maßeinheit für die höheren »geistigen« Tatsachen auftun könne. Diese Reduktion mag gelingen oder nicht; aber mit ihrer Behauptung vertragen sich nun wenigstens prinzipiell die Forde¬ rungen der Methode und der fundamentalen Wertsetzungen.

Diese Ausführungen können nicht sowohl erweisen, daß das Äquivalent für die Arbeit sich ausschließlich an das Quantum der Muskeltätigkeit knüpft, als gewisse Bedenken beseitigen, die man dieser Verbindung vorzuhalten pflegt. Dennoch findet sie eine Schwierigkeit, die mir unüberwindlich scheint, und zwar die von dem ganz trivialen Einwand ausgehende, daß es doch auch wertlose, über¬ flüssige Arbeit gebe. Denn die Widerlegung, unter der Arbeit als dem fundamentalen Werte verstehe man natürlich nur die zweck¬ mäßige, durch ihr Ergebnis gerechtfertigte Arbeit, enthält ein Zu¬ geständnis, das der ganzen Theorie verderblich ist. Wenn es näm¬ lich wertvolle und wertlose Arbeit gibt, so gibt es zweifellos auch Zwischenstufen, geleistete Arbeitsquanten, welche einige, aber nicht lauter Elemente von Zweck und Wert enthalten; der Wert des Pro¬ duktes also, der der Voraussetzung nach durch die in ihm investierte Arbeit bestimmt wird, ist ein größerer oder geringerer, je nach der Zweckmäßigkeit dieser Arbeit. Das bedeutet: der Wert der Arbeit mißt sich nicht an ihrem Quantum, sondern an der Nützlichkeit ihres Ergebnisses! Und hier hilft nicht mehr die oben bezüglich der Qualität der Arbeit versuchte Methode: die höhere, feinere, geistigere Arbeit bedeute eben der niedrigeren gegenüber mehr Arbeit, eine Häufung und Verdichtung eben derselben allgemeinen »Arbeit«, von der die grobe und unqualifizierte Arbeit nur gleichsam eine größere Verdünnung, eine niedrigere Potenz darstelle. Denn dieser Unter¬ schied der Arbeit war ein innerer, der die Nützlichkeitsfrage noch ganz beiseite ließ, indem die Nützlichkeit als der fraglichen Arbeit in immer gleichem Maße einwohnend dabei vorausgesetzt wurde: die Arbeit des Straßenkehrers ist für diese Überlegung nicht weniger »nützlich« als die des Violinspielers, und ihre geringere Schätzung stammt aus der inneren Quantität ihrer als bloßer Arbeit, aus der geringeren Kondensiertheit der Arbeitsenergien in ihr. Nun aber zeigt sich, daß diese Voraussetzung eine zu einfache war und daß die Verschiedenheit der äußeren Nützlichkeit nicht gestattet, die Wertungsunterschiede der Arbeit von ihren bloß inneren Bestim¬ mungen abhängen zu lassen. Wenn man die unnütze Arbeit, oder richtiger: die Nützlichkeitsunterschiede der Arbeit aus der Welt schaffen und bewirken könnte, daß die Arbeit genau in demselben Maße mehr oder weniger nützlich sei, in dem sie mehr oder weniger konzentriert, kraftverbrauchend, mit einem Wort: mehr oder weniger Arbeitsquantität ist — so wäre damit zwar noch nicht die Muskel¬ arbeit als der einzige Wertbildner erwiesen; wohl aber könnte dann die Arbeit überhaupt als Wertmaß der Objekte gelten, da dann deren anderer Faktor, die Nützlichkeit, immer derselbe wäre, also die Wertrelationen nicht mehr alterierte. Allein die Nützlichkeits¬ unterschiede bestehen eben, und es ist ein Trugschluß, wenn das ethisch vielleicht begründbare Postulat: aller Wert ist Arbeit — in den Satz umgekehrt wird: alle Arbeit ist Wert, d. h. gleicher Wert.

Hier zeigt sich nun der tiefe Zusammenhang der Arbeitswert¬ theorie mit dem Sozialismus; denn dieser erstrebt tatsächlich eine Verfassung der Gesellschaft, in der der Nützlichkeitswert der Objekte, im Verhältnis zu der darauf verwendeten Arbeits¬ zeit, eine Konstante bildet. Im dritten Bande des »Kapital« führt Marx aus: die Bedingung alles Wertes, auch bei der Arbeitstheorie, sei der Gebrauchswert; allein das bedeute, daß auf jedes Produkt