SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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gerade so viel Teile der gesellschaftlichen. Gesamtarbeitszeit ver* wendet werden, wie im Verhältnis zu seiner Nützlichkeitsbedeutung auf dasselbe kommen. Es wird also sozusagen ein qualitativ einheit¬ licher Gesamtbedarf der Gesellschaft vorgestellt — dem Motto der Arbeitstheorie, Arbeit sei eben Arbeit und als solche gleichwertig, entspricht hier das weitere, Bedürfnis sei eben Bedürfnis und als solches gleich wichtig — und die Nützlichkeitsgleichheit aller Ar¬ beiten wird nun erzielt, indem in jeder Produktionssphäre nur so viel Arbeit geleistet wird, daß genau der von ihr umschriebene Teil jenes Bedarfes gedeckt wird. Unter dieser Voraussetzung wäre freilich keine Arbeit weniger nützlich als die andere. Denn wenn man z. B. heute Klavierspielen für eine weniger nützliche Arbeit als Lokomo¬ tivenbauen hält, so liegt das nur daran, daß mehr Zeit darauf ver¬ wandt wird, als dem wirklichen Bedürfnis danach entspricht. Wäre es auf das hiermit bezeichnete Maß eingeschränkt, so wäre es genau so wertvoll wie Lokomotivenbauen — gerade wie auch das letztere unnützlicher würde, wenn man mehr Zeit darauf verwendete, d. h. mehr Lokomotiven baute, als Bedarf danach ist. Mit anderen Worten: es gibt prinzipiell gar keine Gebrauchswertunterschiede; denn wenn ein Produkt momentan weniger Gebrauchswert hat als ein anderes (also die auf jenes verwandte Arbeit wertloser ist, als die dem letzteren geltende), so kann man einfach die Arbeit an seiner Kategorie, d. h. die Quantität seiner Produktion, so lange herab - setzen, bis das darauf gerichtete Bedürfnis ebenso stark ist, wie das auf den anderen Gegenstand gerichtete, d. h. bis die »industrielle Reservearmee« völlig verschwunden ist. Nur unter dieser Bedingung kann die Arbeit das Wertmaß der Produkte getreu ausdrücken.

Das Wesen jedes Geldes nun ist seine unbedingte Fungibilität, die innere Gleichartigkeit, die jedes Stück durch jedes, nach quanti¬ tativen Abwägungen, ersetzbar macht. Damit es ein Arbeitsgeld gebe, muß der Arbeit diese Fungibilität verschafft werden, und dies kann nur auf die soeben geschilderte Weise geschehen: daß ihr der immer gleiche Nützlichkeitsgrad verschafft wird, und dies wiederum ist nur durch Reduktion der Arbeit für jede Produktionsgattung auf das¬ jenige Maß erzielbar, bei dem der Bedarf nach ihr genau so groß ist wie der nach jeder anderen. Dabei würde natürlich die tatsächliche Arbeitsstunde noch immer höher oder tiefer bewertet werden können; aber jetzt wäre man sicher, daß der höhere Wert, aus der höheren Nützlichkeit des Produktes abgeleitet, ein proportional konzen¬ trierteres Arbeitsquantum pro Stunde anzeigt; oder umgekehrt: daß, sobald auf die Konzentrierung der Arbeit hin der Stunde ein höherer Wert zugesprochen wird, sie auch ein höheres Nützlichkeitsquantum enthält. Dies aber setzt ersichtlich eine völlig rationalisierte und providenzielle Wirtschaftsordnung voraus, in der jede Arbeit plan¬ mäßig, unter absoluter Kenntnis des Bedarfs und des Arbeitserforder¬ nisses für jedes Produkt erfolgt — also eine solche, wie sie der Sozialismus erstrebt. Die Annäherung an diesen völlig utopischen Zustand scheint nur so technisch möglich zu sein, daß überhaupt nur das unmittelbar Unentbehrliche, das ganz indiskutabel zum Leben Gehörige produziert wird; denn wo ausschließlich dies der Fall ist, ist allerdings jede Arbeit genau so nötig und nützlich wie die andere. Sobald man dagegen in die höheren Gebiete aufsteigt, auf denen einerseits Bedarf und Nützlichkeitsschätzung unvermeidlich indivi¬ dueller, andrerseits die Intensitäten der Arbeit schwerer festzustellen sind, wird keine Regulierung der Produktionsquanten bewirken können, daß das Verhältnis zwischen Bedarf und aufgewandter Arbeit überall das gleiche sei. So verschlingen sich an diesen Punkten alle Fäden der Erwägungen über den Sozialismus; an ihm wird klar, daß die Kulturgefährdung seitens des Arbeitsgeldes keineswegs eine so unmittelbare ist, wie man meistens urteilt; vielmehr, daß sie aus der technischen Schwierigkeit stammt, die Nützlichkeit der Dinge, als ihren Wertungsgrund, im Verhältnis zur Arbeit, als ihrem Wert¬ träger, konstant zu erhalten — eine Schwierigkeit, die sich im Ver¬ hältnis der Kulturhöhe der Produkte steigert und deren Vermeidung freilich die Produktion zu den primitivsten, unentbehrlichsten, durch¬ schnittlichsten Objekten herabsenken müßte.

Dieses Ergebnis des Arbeitsgeldes beleuchtet nun aufs schärfste das Wesen des Geldprinzips überhaupt. Die Bedeutung des Geldes ist, daß es eine Einheit des Wertes ist, die sich in die Vielheit der Werte kleidet; sonst würden die Quantitätsunterschiede des einheit¬ lichen Geldes nicht als den Qualitätsunterschieden der Dinge äqui¬ valent empfunden werden. Dadurch geschieht nun freilich diesen oft genug unrecht, wird namentlich den personalen Werten eine Gewalt angetan, die ihr Wesen verlöscht. Von dieser Verfassung des Geldes strebt das Arbeitsgeld hinweg, es will dem Gelde einen zwar immer noch abstrakten, aber doch dem konkreten Leben näherliegenden Begriff unterbauen; mit ihm soll ein eminent personaler, ja, man könnte sagen, der personale Wert zum Maßstab der Werte über¬ haupt werden. Und nun zeigt sich, daß es, weil es doch nun einmal die Eigenschaften alles Geldes besitzen soll: die Einheitlichkeit, die Fungibilität, die nirgends versagende Geltung — gerade der Differen¬ zierung und personalen Ausbildung der Lebensinhalte bedrohlicher wäre, als das bisherige Geld! Wenn es die unvergleichliche Kraft des Geldes ist, sich um einer Folge willen der entgegengesetzten nicht zu entziehen, wenn wir es einerseits der Herabdrückung, andrer¬ seits der oft sogar exaggerierten Steigerung personaler Differenziert¬ heit dienen sehen, so raubt ihm der Versuch, es konkreter, wenngleich noch immer äußerst allgemein zu gestalten, seine Stellung sozusagen über den Parteien, und stellt es auf die eine Seite der Alternative, mit Ausschluß der anderen. So sehr man am Arbeitsgeld die Tendenz, das Geld den personalen Werten wieder näherzurücken, anerkennen muß, so erweist jener Erfolg doch gerade, wie eng die Fremdheit gegen diese mit seinem Wesen verbunden ist.

Sechstes Kapitel Der Stil des Lebens.

L In diesen Untersuchungen ist öfters erwähnt worden, daß die seelische Energie, die die spezifischen Erscheinungen der Geldwirt¬ schaft trägt, der Verstand ist, im Gegensatz zu denjenigen, die man im allgemeinen als Gefühl oder Gemüt bezeichnet und die in dem Leben der nicht geldwirtschaftlich bestimmten Perioden und Inter¬ essenprovinzen- vorzugsweise zu Worte kommen. Dies ist zunächst die Folge des Mittelscharakters des Geldes. Alle Mittel als solche bedeuten, daß die Verhältnisse und Verkettungen der Wirklichkeit in unseren Willensprozeß aufgenommen werden. Sie sind nur durch ein objektives Bild tatsächlicher Kausalverknüpfungen möglich, und offenbar würde ein Geist, welcher die Gesamtheit dieser fehlerlos überschaute, für jeden Zweck von jedem Ausgangspunkt aus die geeignetsten Mittel geistig beherrschen. Aber dieser Intellekt, der die vollendete Möglichkeit der Mittel in sich bärge, würde darum noch nicht die geringste Wirklichkeit eines solchen produzieren, weil dazu die Setzung eines Zweckes gehört, im Verhältnis zu dem jene realen Energien und Verbindungen erst die Bedeutung von Mitteln erhalten und der seinerseits nur durch eine Willenstat kreiert werden kann. So wenig in der objektiven Welt, wenn kein Wille zu ihr hinzu¬ tritt, etwas Zweck ist, so wenig in der Intellektualität, die doch nur eine vollkommenere oder unvollkommenere Darstellung des Welt¬ inhaltes ist. Und ••iom Willen hat man richtig gesagt, aber meistens falsch verstanden, daß er blind ist. Er ist es nämlich nicht in dem¬ selben Sinne, wie Hödhr oder der geblendete Cyklop, die aufs Gerate¬ wohl losstürmen; er wirkt nichts Unvernünftiges, im Sinne des Wert¬ begriffes Vernunft, sondern er kann überhaupt nichts wirken, wenn er nicht irgendeinen Inhalt erhält, der niemals in ihm selbst liegt; denn er ist nichts anderes als eine der psychologischen Formen (wie das Sein, das Sollen, das Hoffen usw.), in denen Inhalte in uns leben, eine der — wahrscheinlich in begleitenden Muskel- oder sonstigen Gefühlen psychisch realisierten — Kategorien, in die wir den an sich bloß ideellen Gehalt der Welt fassen, damit er für uns eine praktische Bedeutung gewinne. So wenig also der Wille — der bloße, zu einer gewissen Selbständigkeit gesteigerte Name dieser Form — von sich aus irgendeinen bestimmten Inhalt erkürt, so wenig geht aus dem bloßen Bewußtsein der Weltinhalte, also aus der Intellektualität, irgendeine Zwecksetzung hervor. Vielmehr, zu der völligen Indiffe¬ renz jener und aus ihnen selbst nicht berechenbar, tritt an irgendeinem Punkte ihre Betonung durch den Willen. Ist dies erst einmal ge¬ schehen, so findet freilich rein logisch und durch die theoretische Sachlichkeit bestimmt, die Überleitung des Willens auf andere, mit jener ersten kausal verbundene Vorstellungen statt, die nun als »Mittel« zu jenem »Endzweck« gelten. Überall, wo der Intellekt uns führt, sind wir schlechthin abhängig, denn er führt uns nur durch die sachlichen Zusammenhänge der Dinge, er ist die Vermittlung, durch die das Wollen sich dem selbständigen Sein anpaßt. Fassen wir den Begriff der Mittelberechnung in voller Schärfe, so sind wir, in ihr verweilend, rein theoretische, absolut nicht-praktische Wesen! Das Wollen begleitet die Reihe unserer Überlegungen nur wie ein Orgelpunkt oder wie die allgemeine Voraussetzung eines Gebietes, in dessen inhaltliche Einzelheiten und Verhältnisse sie nicht eingreift, in das aber erst sie Leben und Wirklichkeit einströmen läßt.

Die Anzahl und Reihenlänge der Mittel, die den Inhalt unserer Tätigkeit bilden, entwickelt sich also proportional mit der Intellek¬ tualität, als dem subjektiven Repräsentanten der objektiven Welt- Ordnung. Da nun jedes Mittel als solches völlig indifferent ist, so knüpfen sich alle Gefühlswerte im Praktischen an die Zwecke, an die Haltepunkte des Handelns, deren Erreichtheit nicht mehr in die Aktivität, sondern nur in die Rezeptivität unserer Seele ausstrahlt. Je mehr solcher Endstationen unser praktisches Leben enthält, desto stärker wird sich also die Gefühlsfunktion gegenüber der Intellekt - funktion betätigen. Die Impulsivität und Hingegebenheit an den Affekt, die von Naturvölkern so vielfach berichtet wird, hängt sicher mit der Kürze ihrer teleologischen Reihen zusammen. Ihre Lebens¬ arbeit hat nicht die Kohäsion der Elemente, die in höheren Kulturen durch den einheitlich das Leben durchziehenden »Beruf« geschaffen wird, sondern besteht aus einfachen Interessenreihen, die, wenn sie ihr Ziel überhaupt erreichen, es mit relativ wenig Mitteln tun; wozu besonders viel die Unmittelbarkeit der Bemühung um den Nahrungs¬ erwerb beiträgt, die dann in höheren Verhältnissen fast durchgehends 31 Simmel, Philosophie des Geldes.

vielgliedrigen Zweckreihen Platz macht. Unter diesen Umständen ist Vorstellung und Genuß von Endzwecken ein relativ häufiger, das Bewußtsein der sachlichen Verknüpfungen und der Wirklichkeit, die Intellektualität, tritt seltener in Funktion, als die Gefühlsbegleitungen, die sowohl die unmittelbare Vorstellung wie den realen Eintritt der Endzwecke charakterisieren. Noch das Mittelalter hatte durch die ausgedehnte Produktion für den Selbstbedarf, durch die Art des Handwerksbetriebes, durch die Vielfachheit und Enge der Einungen, vor allem durch die Kirche eine viel größere Zahl definitiver Be¬ friedigungspunkte des Zweckhandelns, als die Gegenwart, in der die Umwege und Vorbereitungen zu solchen ins Endlose wachsen, wo der Zweck der Stunde so viel häufiger über die Stunde hinaus, ja, über den Gesichtskreis des Individuums hinausliegt. Diese Verlänge¬ rung der Reihen bringt das Geld zunächst dadurch zustande, daß es ein gemeinsames, zentrales Interesse über sonst auseinanderliegenden schafft und sie dadurch in Verbindung bringt, so daß die eine zur Vorbereitung der anderen, ihr sachlich ganz fremden, werden kann (indem z. B. der Geldertrag der einen und damit sie als Ganzes zum Unternehmen der anderen dient). Das Wesentliche aber ist die allgemeine, nach ihrem Zustandekommen bereits früher besprochene Tatsache, daß das Geld allenthalben als Zweck empfunden wird und damit außerordentlich viele Dinge, die eigentlich den Charakter des Selbstzwecks haben, zu bloßen Mitteln herabdrückt. Indem nun aber das Geld selbst überall und zu allem Mittel ist, werden dadurch die Inhalte des Daseins in einen ungeheuren teleologischen Zusammen¬ hang eingestellt, in dem keiner der erste und keiner der letzte ist. Und da das Geld alle Dinge mit imbarmherziger Objektivität mißt und ihr Wertmaß, das sich so herausstellt, ihre Verbindungen be¬ stimmt — so ergibt sich ein Gewebe sachlicher und persönlicher Lebensinhalte, das sich an imunterbrochener Verknüpftheit und strenger Kausalität dem naturgesetzlichen Kosmos nähert und von dem alles durchflutenden Geldwert so zusammengehalten wird, wie die Natur von der alles belebenden Energie, die sich ebenso wie jener in tausend Formen kleidet, aber durch die Gleichmäßigkeit ihres eigentlichen Wesens und die Rückverwandelbarkeit jeder ihrer Um¬ setzungen jedes mit jedem in Verbindung setzt und jedes zur Be¬ dingung eines jeden macht. Wie nun aus der Auffassung der natür¬ lichen Prozesse alle Gefühlsbetonungen verschwunden und durch die eine objektive Intelligenz ersetzt worden sind, so scheiden die Gegen¬ stände und Verknüpfungen unserer praktischen Welt, indem sie mehr und mehr zusammenhängende Reihen bilden, die Einmischungen des Gefühles aus, die sich nur an teleologischen Endpunkten einstellen, n und sind nur noch Objekte der Intelligenz, die wir an der Hand dieser benutzen. Die steigende Verwandlung aller Lebensbestandteile in Mittel, die gegenseitige Verbindung der sonst mit selbstgenügsamen Zwecken abgeschlossenen Reihen zu einem Komplex relativer Ele¬ mente ist nicht nur das praktische Gegenbild der wachsenden Kausal¬ erkenntnis der Natur und der Verwandlung des Absoluten in ihr in Relativitäten; sondern, da alle Struktur von Mitteln — für unsere jetzige Betrachtung — eine von vorwärts betrachtete Kausalverbin¬ dung ist, so wird damit auch die praktische Welt mehr und mehr zu einem Problem für die Intelligenz; oder genauer: die vorstellungs¬ mäßigen Elemente des Handelns wachsen objektiv und subjektiv zu berechenbaren, rationellen Verbindungen zusammen und schalten dadurch die gefühlsmäßigen Betonungen und Entscheidungen mehr und mehr aus, die sich nur an die Cäsuren des Lebensverlaufes, an die Endzwecke in ihm, anschließen.

Diese Beziehung zwischen der Bedeutung des Intellekts und der des Geldes für das Leben läßt die Epochen oder Interessengebiete, wo beides herrscht, zunächst negativ bestimmen: durch eine ge¬ wisse Charakterlosigkeit. Wenn Charakter immer bedeutet, daß Personen oder Dinge auf eine individuelle Daseinsart, im Unter¬ schiede und unter Ausschluß von allen anderen, entschieden festgelegt sind, so weiß der Intellekt als solcher davon nichts: denn er ist der indifferente Spiegel der Wirklichkeit, in der alle Elemente gleich¬ berechtigt sind, weil ihr Recht hier in nichts anderem als in ihrem Wirklichsein besteht. Gewiß sind auch die Intellektualitäten der Menschen charakteristisch unterschieden: allein genau angesehen, sind dies entweder Unterschiede des Grades: Tiefe oder Oberfläch¬ lichkeit, Weite oder Beschränktheit — oder solche, die durch den Beisatz anderer Seelenenergien, des Fühlens oder Wollens, entstehen. Der Intellekt, seinem reinen Begriff nach, ist absolut charakterlos, nicht im Sinne des Mangels einer eigentlich erforderlichen Qualität, sondern weil er ganz jenseits der auswählenden Einseitigkeit steht, die den Charakter ausmacht. Eben dies ist ersichtlich auch die Charakterlosigkeit des Geldes. Wie es an und für sich der mecha¬ nische Reflex der Wertverhältnisse der Dinge ist und allen Parteien sich gleichmäßig darbietet, so sind innerhalb des Geldgeschäftes alle Personen gleichwertig, nicht, weil jede, sondern weil keine etwas wert ist, sondern nur das Geld. Die Charakterlosigkeit aber des Intellekts wie des Geldes pflegt über diesen reinen, negativen Sinn hinauszuwachsen. Wir verlangen von allen Dingen — vielleicht nicht immer mit sachlichem Recht — Bestimmtheit des Charakters und verdenken es dem rein theoretischen Menschen, daß sein Alles -Verstehen ihn bewegt, alles zu verzeihen — eine Objektivität, die wohl einem Gotte, aber niemals einem Menschen zukäme, der sich damit in offenbaren Widerspruch sowohl gegen die Hinweisungen seiner Natur wie gegen seine Rolle in der Gesellschaft setze. So verdenken wir es der Geldwirtschaft, daß sie ihren zentralen Wert der elendesten Machination als ein völlig nachgiebiges Werkzeug zur Verfügung stellt; denn dadurch, daß sie es der hochsinnigsten Unternehmung nicht weniger leiht, wird dies nicht gut gemacht, sondern gerade nur das völlig zufällige Verhältnis zwischen der Reihe der Geld¬ operationen und der unserer höheren Wertbegriffe, die Sinnlosigkeit des einen, wenn man es am anderen mißt, in das hellste Licht gestellt. Die eigentümliche Abflachung des Gefühlslebens, die man der Jetzt¬ zeit gegenüber der einseitigen Stärke und Schroffheit früherer Epochen nachsagt; die Leichtigkeit intellektueller Verständigung, die selbst zwischen Menschen divergentester Natur und Position be¬ steht — während selbst eine intellektuell so überragende und theo¬ retisch so interessierte Persönlichkeit wie Dante noch sagt, gewissen theoretischen Gegnern dürfe man nicht mit Gründen, sondern nur mit dem Messer antworten; die Tendenz zur Versöhnlichkeit, aus der Gleichgültigkeit gegen die Grundfragen des Innenlebens quellend, die man zuhöchst als die nach dem Heil der Seele bezeichnen kann und die nicht durch den Verstand zu entscheiden sind — bis zu der Idee des Weltfriedens, die besonders in den liberalen Kreisen, den historischen Trägern des Intellektualismus und des Geldverkehrs gepflegt wird: alles dies entspringt als positive Folge jenem nega¬ tiven Zuge der Charakterlosigkeit. An den Höhenpunkten des Geld- verkehrs wird diese Farblosigkeit sozusagen zur Farbe von Berufs¬ inhalten. In den modernen Großstädten gibt es eine große Anzahl von Berufen, die keine objektive Form und Entschiedenheit der Be¬ tätigung aufweisen: gewisse Kategorien von Agenten, Kom¬ missionäre, all die unbestimmten Existenzen der Großstädte, die von den verschiedenartigsten, zufällig sich bietenden Gelegenheiten, etwas zu verdienen, leben. Bei diesen hat das ökonomische Leben, das Gewebe ihrer teleologischen Reihen überhaupt keinen sicher anzu- gebenden Inhalt, außer dem Geldverdienen, das Geld, das absolut Unfixierte, ist ihnen der feste Punkt, um den ihre Tätigkeit mit un¬ begrenzter Latitüde schwingt. Eine besondere Art von »unquali¬ fizierter Arbeit« liegt hier vor, neben der die gewöhnlich so bezeich- nete sich doch noch als qualifiziert herausstellt: nämlich dadurch, daß das Wesen der letzteren in der bloßen Muskelarbeit besteht, bei völligem Überwiegen des aufgewendeten Energiequantums über die Form seiner Äußerung, bekommt diese Arbeit der niedrigsten Arbeiter doch eine spezifische Färbung, ohne die schon die bloßen, neuerdings in England gemachten Versuche, sie in Gewerkvereinen zu organisieren, nicht möglich wären. Sehr viel mehr entbehren jene, den divergentesten Verdienstgelegenheiten nachgehenden Existenzen jeder apriorischen Bestimmtheit ihres Lebensinhaltes — im Unter¬ schiede vom Bankier, bei dem das Geld nicht nur der Endzweck, sondern auch das Material der Tätigkeit ist, als welches es durch¬ aus besondere, festgelegte Direktiven, eigenartige Interessiertheiten, Züge eines bestimmten Berufscharakters zeitigen kann. Erst bei jenen problematischen Existenzen haben die Wege zu dem Endziel Geld jede sachliche Einheit oder Verwandtschaft abgestreift. Das Nivelle¬ ment, das das Geldziel den einzelnen Betätigungen und Interessen bereitet, findet erst hier ein Minimum von Widerstand, die Bestimmt¬ heit und Färbung, die der Persönlichkeit aus ihren ökonomischen Tätigkeiten kommen könnte, ist aufgehoben. Nun ist offenbar eine solche Existenz nur bei nicht gewöhnlicher Intellektualität von irgend¬ welchem Erfolge, ja Möglichkeit, und zwar in jener Form, die man als »Schlauheit« bezeichnet — womit man die Lösung der Klugheit von jeder Festgelegtheit durch die Normen der Sache oder der Idee und ihre vorbehaltlose Dienstbarkeit für das jeweilige persönliche Interesse meint. Zu diesen »Berufen« — denen gerade das »Berufen¬ sein«, d. h. die feste ideelle Linie zwischen der Person und einem Lebensinhalt fehlt — sind begreiflicherweise die überhaupt entwurzel¬ ten Menschen disponiert und ebenso begreiflich ruht auf ihnen der Verdacht der Unzuverlässigkeit; wie sogar schon in Indien gelegent¬ lich der Name für Kommissionär, Vermittler, zugleich der Name für jemanden geworden ist who lives by cheating his fellow-creatures. Jene großstädtischen Existenzen, die nur auf irgendeine, völlig unpräjudizi- zierte Weise Geld verdienen wollen und dazu um so mehr des Intellekts als allgemeiner Funktion bedürfen, weil spezielle Sachkenntnis für sie nicht in Frage kommt — stellen ein Hauptkontingent zu jenem Typus unsichrer Persönlichkeiten, die man nicht recht greifen und »stellen« kann, weil ihre Beweglichkeit und Vielseitigkeit es ihnen erspart, sich sozusagen in irgendeiner Situation festzulegen. Daß das Geld und die Intellektualität den Zug der Unpräjudiziertheit oder Charakterlosig¬ keit gemeinsam haben, das ist die Voraussetzung dieser Erscheinun¬ gen, die auf einem anderen Boden als auf der Berührungsfläche jener beiden Mächte nicht wachsen könnten.

Gegen derartige Züge der Geld Wirtschaft ist die Heftigkeit der modernen Wirtschaftskämpfe, in denen kein Pardon gegeben wird, doch nur eine scheinbare Gegeninstanz, da sie durch das unmittelbare Interesse am Gelde selbst entfesselt werden. Denn nicht nur, daß 31 diese in einer objektiven Sphäre vor sich gehen, in der die Persönlich¬ keit nicht sowohl als Charakter, sondern als Träger einer bestimmten sachlichen Wirtschaftspotenz wichtig ist und wo der todfeindliche Konkurrent von heute der Kartellgenosse von morgen ist; sondern vor allem: die Bestimmungen, die ein Gebiet innerhalb seiner er¬ zeugt, können durchaus denen heterogen sein, die es außerhalb seiner gelegenen, aber von ihm beeinflußten, mitteilt. So kann eine Reli¬ gion innerhalb ihrer Anhänger und ihrer Lehre die Friedfertigkeit selbst und doch sowohl den Ketzern wie den ihr benachbarten Lebens - mächten gegenüber äußerst streitbar und grausam sein; so kann ein Mensch in Anderen Gefühle und Gedanken hervorrufen, die seinen eigenen Lebensinhalten völlig heterogen sind, so daß er gibt, was er selbst nicht hat; so mag eine Kunstrichtung ihrer eigenen Über¬ zeugung und artistischen Idee nach völlig naturalistisch sein, in dem Verhältnis der Unmittelbarkeit und bloßen Reproduktion zur Natur stehend, während die Tatsache, daß es überhaupt eine so treue Hin¬ gabe an die Erscheinung des Wirklichen und eine künstlerische Be¬ mühung um ihre Abspiegelung gibt, im System des Lebens ein ab¬ solut ideales Moment ist und sich, im Vergleich zu dessen anderen Bestandteilen, weit über alle naturalistische Wirklichkeit hinaushebt. So wenig die Schärfe theoretisch-logischer Kontroversen hindert, daß die Intellektualität doch ein Prinzip der Versöhnlichkeit ist — denn sobald der Streit aus dem Gegensatz der Gefühle oder der Wollungen oder der unbeweisbaren, nur gefühlsmäßig anerkennbaren Axiome in die theoretische Diskussion übergegangen ist, muß er prinzipiell beigelegt werden können —, so wenig hindern die Inter¬ essenkämpfe in der Geldwirtschaft, daß diese doch ein Prinzip der Indifferenz ist, die Gegnerschaften aus dem eigentlich Persönlichen heraushebt und ihnen einen Boden bietet, auf dem schließlich immer eine Verständigung möglich ist. Gewiß hat die rein verstandesmäßige Behandlung der Menschen und Dinge etwas Grausames; aber sie hat dies nicht als positiven Impuls, sondern als einfache Unberührtheit ihrer bloß logischen Konsequenz durch Rücksichten, Gutmütigkeit, Zartheiten; weshalb denn auch entsprechend der rein geldmäßig interessierte Mensch es gar nicht zu begreifen pflegt, wenn man ihm Grausamkeit und Brutalität vorwirft, da er sich einer bloßen Folge¬ richtigkeit und reinen Sachlichkeit seines Verfahrens, ohne irgend¬ einen bösen Willen, bewußt ist. Bei alledem ist festzuhalten, daß es sich nur um das Geld als Form der Wirtschaftsbewegungen han¬ delt, denen darum doch aus anderweitigen, inhaltlichen Motiven noch ganz davon abweichende Züge kommen können. Man kann dieses Jenseits der Charakterbestimmtheiten, in das das Leben, unbeschadet aller sonstigen, gegensatzverschärfenden Folgen der Intellektualität und der Geldwirtschaft, durch sie gestellt wird, als Objektivität des Lebensstiles bezeichnen. Dies ist nicht ein Zug, der sich der Intelli¬ genz hinzugesellte, sondern er ist ihr Wesen selbst; sie ist die einzige dem Menschen zugängjige Art, auf die er zu den Dingen ein nicht durch die Zufälligkeit des Subjektes bestimmtes Verhältnis gewinnen kann. Angenommen selbst, daß die gesamte objektive Wirklichkeit durch die Funktionen unseres Geistes bestimmt ist, so nennen wir eben die¬ jenigen Funktionen die intelligenten, durch die sie uns als die ob¬ jektive, im spezifischen Sinne des Wortes, erscheint, so sehr die Intelligenz selbst auch durch anderweitige Kräfte belebt und dirigiert sei. Das glänzendste Beispiel für diese Zusammenhänge ist Spinoza: ein objektivstes Verhalten zur Welt, jeder einzelne Akt der Inner¬ lichkeit als ein harmonisches Weiterklingen der Notwendigkeiten des allgemeinen Daseins gefordert, den Unberechenbarkeiten der Indivi¬ dualität nirgends gestattet, die logisch-mathematische Struktur der Welteinheit zu durchbrechen, die Funktion, die dieses Weltbild und seine Normen trägt, die rein intellektuelle; auf das bloße Verstehen der Dinge ist diese Weltanschauung selbst subjektiv aufgebaut, und es reicht zur Erfüllung ihrer Forderungen aus; diese Intellektualität selbst aber allerdings auf ein tief religiöses Fühlen gegründet, auf eine völlig über-theoretische Beziehung zum Grunde der Dinge, die nur nie in das Einzelne des in sich geschlossenen intellektuellen Pro¬ zesses eingreift. Im großen zeigt das indische Volk dieselbe Ver¬ bindung. Aus den ältesten wie aus modernen Zeiten wird berichtet, daß zwischen den kämpfenden Heeren indischer Staaten der Land¬ mann ruhig sein Feld bebauen könne, ohne von einer feindlichen Partei belästigt zu werden; denn er sei »der gemeinsame Wohltäter von Freund und Feind«. Offenbar ist dies ein äußerstes Maß objek¬ tiver Behandlung der praktischen Dinge: die als natürlich erscheinen¬ den subjektiven Impulse sind völlig zugunsten einer nur der sach¬ lichen Bedeutung der Elemente entsprechenden Praxis ausgeschaltet, die Differenzierung des Verhaltens folgt nur noch einer objektiven Angemessenheit statt denen der persönlichen Leidenschaft. Aber dieses Volk war auch völlig intellektualis tisch gestimmt: an scharfer