SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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Logik, grüblerischer Tiefe der Weltkonstruktion, ja, einer kahlen Verstandesmäßigkeit selbst seiner gigantischsten Phantasien wie seiner gesteigertsten ethischen Ideale war es in alten Zeiten allen anderen ebenso überlegen, wie es an ausstrahlender Wärme des eigentlichen Gemütslebens und an Willenskraft hinter sehr vielen zurückstand; es war ein bloßer Zuschauer und logischer Konstruk¬ teur des Weltlaufs geworden — aber daß es das geworden war, das ruhte dennoch auf letzten Entscheidungen des Gefühles, auf einer Unermeßlichkeit des Leidens, die zu einem metaphysisch -religiösen Fühlen seiner kosmischen Notwendigkeit auswuchs, weil der Einzelne mit ihm weder innerhalb der Gefühlsprovinz selbst, noch durch die Ableitungen einer energischen Lebenspraxis fertig werden konnte.

Eben diese Objektivität der Lebensverfassung geht auch von deren Beziehung zum Gelde aus. Ich habe in früherem Zusammen¬ hang darauf hingewiesen, eine wie große Erhebung über die ur¬ sprüngliche undifferenzierte Subjektivität des Menschen schon der Handel darstellt. Noch heute gibt es Völker in Afrika und Mikro¬ nesien, die keinen anderen Besitzwechsel als in der Form des Raubes und des Geschenkes kennen. Wie aber dem höheren Menschen neben und über den subjektivistischen Antrieben von Egoismus und Alt¬ ruismus — in deren Alternative die Ethik leider noch die mensch¬ lichen Motivierungen einzusperren pflegt — objektive Interessen er¬ wachsen, ein Hingegebensein oder Verpflichtetsein, das gar nicht mit Verhältnissen von Subjekten, sondern mit sachlichen Angemessen¬ heiten und Idealen zu tun hat: so entwickelt sich, jenseits der egoisti¬ schen Impulsivität des Raubes und der nicht geringeren altruistischen des Geschenkes, der Besitzwechsel nach der Norm objektiver Richtig¬ keit und Gerechtigkeit, der Tausch. Das Geld aber stellt das Moment der Objektivität der Tauschhandlungen gleichsam in reiner Ab¬ gelöstheit und selbständiger Verkörperung dar, da es von allen ein¬ seitigen Qualifikationen der tauschbaren Einzeldinge frei ist und des¬ halb von sich aus zu keiner wirtschaftlichen Subjektivität ein ent¬ schiedeneres Verhältnis hat als zu einer anderen — gerade wie das theoretische Gesetz die für sich seiende Objektivität des Natur¬ geschehens darstellt, der gegenüber jeder einzelne, von jenem be¬ stimmte Fall als zufällig — das Seitenstück zu dem Subjektiven im Menschlichen — erscheint. Daß dennoch die verschiedenen Persön¬ lichkeiten gerade zum Gelde die verschiedensten inneren Beziehungen haben, beweist gerade seine Jenseitigkeit von jeder subjektiven Einzelheit; es teilt diese mit den anderen großen historischen Poten¬ zen, die weiten Seen gleichen, aus denen man von jeder Seite her und alles das schöpfen kann, was das mitgebrachte Gefäß nach Form und Umfang gestattet. Die Objektivität des gegenseitigen Verhaltens der Menschen die freilich nur eine Formung eines ursprünglich von subjektiven Energien gelieferten Materiales ist, aber eine von schließlich selbständigem Bestände und Normgebung — gewinnt an den rein geldwirtschaftlichen Interessen ihre restloseste Ausprägung. Was gegen Geld fortgegeben wird, gelangt an denjenigen, der das meiste dafür gibt, gleichgültig, was und wer er sonst sei; wo andere Äquivalente ins Spiel kommen, wo man um Ehre, um Dienstleistung, um Dankbarkeit sich eines Besitzes entäußerst, sieht man sich die Beschaffenheit der Person an, der man gibt. Und umgekehrt, wo ich selbst um Geld kaufe, ist es mir gleichgültig, von wem ich das kaufe, was mir erwünscht und den Preis wert ist; wo man aber um den Preis der Dienstleistung, der persönlichen Verpflichtung in inner¬ licher und äußerlicher Beziehung erwirbt, da prüft man genau, mit wem man zu tun hat, weil wir nichts anderes von uns als gerade nur Geld jedem Beliebigen geben mögen. Die Bemerkung auf den Kassenscheinen, daß der Wert derselben dem Einlieferer »ohne Legi¬ timationsprüfung« ausgezahlt wird, ist bezeichnend für die absolute Objektivität, mit der in Geldsachen verfahren wird. Auf ihrem Ge¬ biete findet sich selbst bei einem sehr viel leidenschaftlicheren Volke als den Indern doch ein Gegenstück zu jener Exemtion des Acker¬ bauers von den kriegerischen Bewegungen: bei einigen Indianern darf der Händler unbehelligt durch Stämme ziehen und Handel treiben, die mit dem seinigen auf dem Kriegsfuß stehen I Das G^ld stellt Handlungen und Verhältnisse des Menschen so außer¬ halb des Menschen als Subjektes, wie das Seelenleben, soweit es rein intellektuell ist, aus der persönlichen Subjektivität in die Sphäre der Sachlichkeit, die es nun abspiegelt, eintritt. Damit ist ersichtlich ein Überlegenheitsverhältnis angelegt. Wie der, der das Geld hat, dem überlegen ist, der die Ware hat, so besitzt der intel¬ lektuelle Mensch als solcher eine gewisse Macht gegenüber dem, der mehr im Gefühle und Impulse lebt. Denn soviel wertvoller des letzteren Gesamtpersönlichkeit sein mag, so sehr seine Kräfte in letzter Instanz jenen überflügeln mögen — er ist einseitiger, enga¬ gierter, vorurteilsvoller als jener, er hat nicht den souveränen Blick und die ungebundenen Verwendungsmöglichkeiten über alle Mittel der Praxis wie der reine Verstandesmensch. Aus diesem Überlegen¬ heitsmoment heraus, in dem das Geld und die Intellektualität durch ihre Objektivität gegenüber jedem singulären Lebensinhalt Zu¬ sammentreffen, hat Comte in seinem Zukunftsstaat an die Spitze der weltlichen Regierung die Bankiers gestellt, da sie die Klasse der all¬ gemeinsten und abstraktesten Funktionen bildeten. Und dieser Zu¬ sammenhang klingt schon bei den mittelalterlichen Gesellen¬ verbänden an, in denen der Seckeimeister zugleich der Vorstand der Bruderschaft zu sein pflegt.

Diese Begründung der Korrelation zwischen Intellektualität und geldmäßiger Wirtschaft auf die Objektivität und charakterologische Unbestimmtheit, die beiden gemeinsam wären, begegnet nun aber einer sehr entschiedenen Gegeninstanz. Neben der unpersönlichen Sachlichkeit nämlich, die der Intelligenz ihren Inhalten nach eigen ist, steht eine äußerst enge Beziehung, die sie gerade zur Indivi¬ dualität und zum ganzen Prinzip des Individualismus besitzt; das Geld seinerseits, so sehr es die impulsiv -subjektivistischen Ver- fahrungsweisen in überpersönliche und sachlich normierte übertührt, ist dennoch die Pflanzstätte des wirtschaftlichen Individualismus und Egoismus. Hier liegen also offenbar Mehrdeutigkeiten und Ver¬ schlingungen der Begriffe vor, die klar auseinandergelegt werden müssen, um den durch sie bezeichenbaren Lebensstil zu verstehen. Jene Doppelrolle, die sowohl der Intellekt wie das Geld spielen, wird begreiflich, sobald man ihren Inhalt, den Sachgehalt ihres Wesens, von der Funktion unterscheidet, die diesen trägt, bzw. von der Verwendung, die von ihm gemacht wird. In dem ersteren Sinne hat der Intellekt einen nivellierten, ja, man möchte sagen: kommu¬ nistischen Charakter. Zunächst, weil es das Wesen seiner Inhalte ist, daß sie allgemein mitteilbar sind, und daß, ihre Richtigkeit vor¬ ausgesetzt, jeder hinreichend vorgebildete Geist sich von ihnen muß überzeugen lassen können — wozu es auf den Gebieten des Willens und des Gefühles gar kein Analogon gibt. Auf diesen hängt jede Übertragung der gleichen inneren Konstellation von der mitgebrach¬ ten und jedem Zwange nur bedingt nachgiebigen Verfassung der individuellen Seele ab; ihr gegenüber gibt es keine Beweise, wie sie dem Intellekt, wenigstens prinzipiell, zu Gebote stehen, um die gleiche Überzeugung durch die Gesamtheit der Geister zu ver¬ breiten. Die Beiehrbarkeit, die ihm allein eigen ist, bedeutet, daß man sich auf einem mit Allen gemeinsamen Niveau befindet. Dazu kommt, daß die Inhalte der Intelligenz, von ganz zufälligen Kompli¬ kationen abgesehen, die eifersüchtige Ausschließlichkeit nicht kennen, die die praktischen Lebensinhalte so oft besitzen. Gewisse Gefühle, z. B. die mit dem Verhältnis zwischen einem Ich und einem Du ver¬ bundenen, würden ihr Wesen und ihren Wert völlig verlieren, wenn eine Mehrzahl sie genau so teilen dürfte; gewissen Willenszielen ist es unbedingt wesentlich, daß Andere von ihnen, sowohl dem Er¬ streben wie dem Erreichen nach, ausgeschlossen sind. Theoretische Vorstellungen dagegen gleichen, wie man wohl gesagt hat, der Fackel, deren Licht darum nicht geringer wird, daß beliebig viele andere an ihr entzündet werden; indem die potenzielle Unendlichkeit ihrer Verbreitung gar keinen Einfluß auf ihre Bedeutung hat, ent¬ zieht sie sie mehr als alle sonstigen Lebensinhalte dem Privatbesitz. Endlich bieten sie sich durch die Fixierung, über die sie verfügen, in einer Art dar, die von der Aufnahme ihres Inhaltes alle indivi¬ duellen Zufälligkeiten, wenigstens prinzipiell, ausschließt. Wir haben gar keine Möglichkeit, Gefühlsbewegungen und Willensenergien in so restloser und unzweideutiger Weise niederzulegen, daß jeder in jedem Augenblick darauf zurückgreifen und an der Hand des ob¬ jektiven Gebildes den gleichen inneren Vorgang immer wieder er¬ zeugen kann — wozu wir allein intellektuellen Inhalten gegenüber in der in Begriffen und ihrer logischen Verknüpfung sich bewegenden Sprache ein zulängliches, von der individuellen Disposition relativ unabhängiges Mittel besitzen. Nach ganz anderer Richtung aber entwickelt sich nun die Bedeutung des Intellektes, sobald die realen geschichtlichen Kräfte mit jenen abstrakten Sachlichkeiten und Möglichkeiten seines Inhaltes zu schalten beginnen. Zunächst ist es gerade die Allgemeingültigkeit der Erkenntnis und ihre daraus fol¬ gende Eindringlichkeit und Unwiderstehlichkeit, die sie zu einer furchtbaren Waffe der irgend hervorragenderen Intelligenzen macht. Gegen einen überlegenen Willen können wenigstens die nicht sug- gestiblen Naturen sich wehren; einer überlegenen Logik aber kann man sich nur durch ein eigensinniges: Ich will nicht — entziehen, womit man sich denn doch als den schwächeren bekennt. Es kommt hinzu, daß zwar die großen Entscheidungen zwischen den Menschen von den überintellektuellen Energien ausgehen, der tägliche Kampf um das Sein und Haben aber durch das einzusetzende Maß von Klugheit entschieden zu werden pflegt. Die Macht der größeren Intelligenz beruht gerade auf dem kommunistischen Charakter ihrer Qualität: weil sie inhaltlich das Allgemeingültige und überall Wirk¬ same und Anerkannte ist, gibt schon das bloße Quantum ihrer, das jemandem durch seine Anlage zugängig ist, ihm einen unbedingteren Vorsprung, als ein qualitativ individuellerer Besitz es könnte, der eben wegen seiner Individualität nicht überall verwendbar ist und nicht ebenso an jedem Punkte der praktischen Welt irgendein Herr¬ schaftsgebiet findet. Hier wie sonst ist es gerade der Boden des gleichen Rechtes für Alle, der die individuellen Unterschiede zur vollen Entwicklung und Ausnutzung bringt. Gerade weil die bloß verstandesmäßige, auf die unbegründbaren Betonungen des Wollens und Fühlens verzichtende Vorstellung und Ordnung der menschlichen Verhältnisse keinen a priori gegebenen Unterschied zwischen den Individuen kennt, hat sie ebensowenig Grund, dem a posteriori hervor¬ tretenden irgend etwas von der Ausdehnung abzuschneiden, zu der er von sich aus gelangen kann — was durch den sozialen Pflicht - willen wie durch die Gefühle von Liebe und Mitleid so oft geschieht. Darum ist die rationalistische Welt auf fassung — die, unparteiisch wie das Geld, auch das sozialistische Lebensbild genährt hat — die Schule des neuzeitlichen Egoismus und des rücksichtslosen Durchsetzens der Individualität geworden. Für die gewöhnliche — nicht gerade ver¬ tiefte — Anschauung ist das Ich im Praktischen nicht weniger als im Theoretischen die selbstverständliche Grundlage und das un¬ vermeidlich erste Interesse; alle Motive der Selbstlosigkeit er¬ scheinen nicht als ebenso natürliche und autochthone, sondern als nachträgliche und gleichsam künstlich angepflanzte. Der Erfolg davon ist, daß das Handeln im selbstischen Interesse als das eigent¬ lich und einfach »logische« gilt. Alle Hingabe und Aufopferung scheint aus den irrationalen Kräften des Gefühls und Willens zu fließen, so daß die bloßen Verstandesmenschen dieselbe als einen Beweis mangelnder Klugheit zu ironisieren oder als den Umweg eines versteckten Egoismus zu denunzieren pflegen. Gewiß ist dies schon deshalb irrig, weil auch der egoistische Wille eben Wille ist, so gut wie der altruistische, und so wenig wie dieser aus dem bloßen ver¬ standesmäßigen Denken herausgepreßt werden kann; dieses vielmehr kann, wie wir sahen, immer nur die Mittel, für das eine wie für das andere, an die Hand geben, es steht dem praktischen Zweck, der diese auswählt und verwirklicht, völlig indifferent gegenüber. Allein da jene Verbindung der reinen Intellektualität mit dem praktischen Egoismus nun einmal eine verbreitete Vorstellung ist, so wird sie wohl, wenn auch nicht mit der angeblichen logischen Unmittelbar¬ keit, so doch auf irgendwelchen psychologischen Umwegen irgendeine Wirklichkeit haben. Aber nicht nur der eigentlich ethische Egois¬ mus, sondern auch der soziale Individualismus erscheint als das not¬ wendige Korrelat der Intellektualität. Aller Kollektivismus, der eine neue Lebenseinheit aus und über den Individuen schafft, scheint dem nüchternen Verstände etwas Mystisches, ihm Undurchdring¬ liches zu enthalten, sobald er es eben nicht in die bloße Summe der Individuen auflösen kann — wie die Lebenseinheit des Organismus, soweit er ihn nicht als Mechanismus der Teile verstehen kann. Darum ist mit dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts, der sich zur Revo¬ lution aufgipfelte, ein strenger Individualismus verbunden, und erst die Opposition gegen den ersteren, die von Herder über die Romantik führte, hat mit der Anerkennung der überindividuellen Gefühls¬ potenzen des Lebens auch die überindividuellen Kollektivitäten als Einheiten und historische Wirklichkeiten anerkannt. Die Allgemein¬ gültigkeit der Intellektualität ihren Inhalten nach wirkt, indem sie für jede individuelle Intelligenz gilt, auf eine Atomisierung der Ge¬ sellschaft hin, sowohl vermittels ihrer wie von ihr aus gesehen er¬ scheint jeder als ein in sich geschlossenes Element neben jedem anderen, ohne daß diese abstrakte Allgemeinheit irgendwie in die konkrete überginge, in der der Einzelne erst mit den anderen zu- Pi sammen eine Einheit bildete. Endlich hat die innere Zugängigkeit und Nachdenkbarkeit theoretischer Erkenntnisse, die sich niemandem so prinzipiell versagen können, wie gewisse Gefühle und Wollungen es tun, eine Konsequenz, die ihr praktisches Resultat direkt umkehrt. Zunächst bewirkt gerade jene allgemeine Zugängigkeit, daß Um¬ stände ganz jenseits der personalen Qualifikation über die tatsäch¬ liche Ausnutzung derselben entscheiden: was zu dem ungeheuren Übergewicht des unintelligentesten »Gebildeten« über den klügsten Proletarier führt. Die scheinbare Gleichheit, mit der sich der Bildungsstoff jedem bietet, der ihn ergreifen will, ist in der Wirklich¬ keit ein blutiger Hohn, gerade wie andere Freiheiten liberalistischer Doktrinen, die den Einzelnen freilich an dem Gewinn von Gütern jeder Art nicht hindern, aber übersehen, daß nur der durch irgend¬ welche Umstände schon Begünstigte die Möglichkeit besitzt, sie sich anzueignen. Da nun die Inhalte der Bildung — trotz oder wegen ihres allgemeinen Sich-Darbietens — schließlich nur durch indivi¬ duelle Aktivität angeeignet werden, so erzeugen sie die unangreif¬ barste, weil ungreifbarste Aristokratie, einen Unterschied zwischen Hoch und Niedrig, der nicht wie ein ökonomisch-sozialer durch ein Dekret oder eine Revolution auszulöschen ist, und auch nicht durch den guten Willen der Betreffenden; Jesus konnte dem reichen Jüng¬ ling wohl sagen: Schenke deinen Besitz den Armen, aber nicht: Gib deine Bildung den Niederen. Es gibt keinen Vorzug, der dem Tiefer- stehenden so lunheimlich erschiene, dem gegenüber er sich so inner¬ lich zurückgesetzt und wehrlos fühlte, wie der Vorzug der Bildung; weshalb denn Bestrebungen, die auf die praktische Gleichheit aus¬ gingen, so oft und in so vielen Variationen die intellektuelle Bildung perhorreszierten: von Buddha, den Zynikern, dem Christentum in ge¬ wissen seiner Erscheinungen an bis zu Robespierres: nous n'avons pas besoin de savants. Wozu das sehr Wesentliche kommt, daß die Fixierung der Erkenntnisse durch Sprache und Schrift — abstrakt betrachtet, ein Träger ihres kommunistischen Wesens — eine An¬ häufung und namentlich Verdichtung derselben ermöglicht, die die Kluft zwischen Hoch und Niedrig in dieser Hinsicht sich stetig er¬ weitern läßt. Der intellektuell beanlagte oder material sorgenfreiere Mensch wird um so mehr Chancen haben, über die Masse hinauszu¬ ragen, je größer und zusammengedrängter der vorliegende Bildungs¬ stoff ist. Wie dem Proletarier heute mancherlei früher versagte Komforts und Kulturgenüsse zugängig sind, zugleich aber — be¬ sonders wenn wir mehrere Jahrhunderte und Jahrtausende zurück¬ sehen — die Kluft zwischen seiner Lebenshaltung und der der höheren Stände doch viel größer geworden ist: so bringt die allgemeine Erhöhung des Erkenntnisniveaus durchaus keine allgemeine Nivel¬ lierung, sondern das Gegenteil davon hervor.

Ich habe dies so ausführlich erörtert, weil die Gegensätzlichkeit des Sinnes, die der Begriff der Intellektualität zeigt, am Gelde ihre genaue Analogie findet. Dem Verständnis des Geldes dient so nicht nur seine Wechselwirkung mit der Intellektualität, durch die ihre Formen sich gegenseitig anähnlichen, sondern vielleicht auch der gegebene Hinweis auf ein tiefer gelegenes, ihnen gemeinsames Prinzip, das die Gleichheit ihrer Entwicklung trägt — etwa auf jene fundamentale Beschaffenheit oder Stimmung der historischen Ele¬ mente, die, indem sie die Formung derselben bewirkt, ihren Stil aus¬ macht. Wie sehr nun das Geld auf der Basis seiner prinzipiellen All-Zugänglichkeit und Objektivität dennoch der Ausbildung der Individualität und Subjektivität dient; wie gerade seine Immer- und Allgleichheit, sein qualitativ kommunistischer Charakter bewirkt, daß jeder quantitative Unterschied sogleich zu qualitativen Differenzen führt — ist in den vorangehenden Kapiteln beschrieben. Es zeigt sich aber auch hier in der mit keinem anderen Kulturfaktor vergleichbaren Ausbreitung seiner Macht, die die entgegengesetztesten Lebens¬ tendenzen zu gleichen Rechten trägt, als die Verdichtung der rein formalen Kulturenergie, die jedem beliebigen Inhalt zugesetzt werden kann, um ihn in seiner eigenen Richtung zu steigern und zu immer reinerer Darstellung zu bringen. Ich hebe deshalb nur einige spezielle Analogien mit der Intellektualität hervor, des Inhalts, daß die Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit seines abstrakten, sach¬ lichen Wesens, sobald es auf seine Funktion und Verwendung an¬ kommt, in den Dienst des Egoismus und der Differenzierung tritt. Der Charakter des Rationellen und Logischen, der sich am Egoismus herausstellte, haftet auch an der vollen und rücksichtslosen Aus¬ nutzung des Geldbesitzes. Wir haben früher als das Bezeichnende des Geldes andern Besitzen gegenüber festgestellt, daß es keinerlei Hinweis auf irgendeine bestimmte Verweildungsart und ebendeshalb keinerlei Hemmung in sich schließt, durch die ihm die eine Ver¬ wendung ferner oder schwieriger wäre als die andere; in jede, gerade fragliche, geht es restlos auf, ohne daß ein Verhältnis seiner Qualität zu der der realen Objekte spezifisch fördernd oder abbiegend wirkte — darin den logischen Formen selbst vergleichbar, die sich jedem beliebigen Inhalt, seiner Entwicklung oder Kombination gleichmäßig darbieten und eben dadurch freilich dem sachlich Unsinnigsten und Verderblichsten dieselbe Chance der Darstellung und formalen Richtigkeit wie dem Wertvollsten gewähren; und nicht weniger den Schematen des Rechtes analog, dem es oft genug an Schutzvorrichtungen dagegen fehlt, daß das schwerste materielle Unrecht sich mit unangreifbarer formaler Gerechtigkeit ausstatte. Diese absolute Möglichkeit, die Kräfte des Geldes bis aufs Letzte auszunutzen, er¬ scheint mm nicht nur als Rechtfertigung, sondern sozusagen als lo¬ gisch-begriffliche Notwendigkeit, es auch wirklich zu tun. Da es in sich weder Direktiven noch Hemmungen enthält, so folgt es dem je stärksten subjektiven Impuls, — der auf den Gebieten der Geld¬ verwendung überhaupt der egoistische zu sein pflegt. Jene Hem¬ mungsvorstellungen: daß an einem bestimmten Gelde »Blut klebt« oder ein Fluch haftet, sind Sentimentalitäten, die mit der wachsen¬ den Indifferenz des Geldes — indem es also immer mehr bloß Geld wird — ihre Bedeutung ganz einbüßen. Die rein negative Be¬ stimmung, daß keinerlei Rücksicht sachlicher oder ethischer Art, wie sie sich aus andern Besitzarten ergibt, die Verwendung des Geldes bestimmt, wächst ohne weiteres zur Rücksichtslosigkeit als einer ganz positiven Verhaltungsart aus. Seine Nachgiebigkeit, die aus seinem völligen Gelöstsein von singulären Interessen, Ursprüngen und Be¬ ziehungen folgt, enthält als anscheinend logische Konsequenz die Aufforderung, uns in den von ihm beherrschten Lebensprovinzen keinerlei Zwang anzutun. An seiner absoluten Sachlichkeit, die gerade aus dem Ausschluß jeder einseitigen Sachlichkeit hervor¬ geht, findet der Egoismus reinen Tisch vor, wie er ihn auch an der bloßen Intellektualität fand — aus keinem anderen Grunde, als weil diese Triebfeder die logisch einfachste und nächstliegende ist, so daß die rein formalen und indifferenten Lebensmächte an ihr ihre erste, gleichsam natürliche und wahlverwandte Erfüllung finden.

Es ist nicht nur, wie ich es oben berührte, die Rechtsform über¬ haupt, die sich mit der reinen Intellektualität und dem Geldverkehr darin trifft, daß sie alle sich dem sachlich und sittlich perversesten Inhalte nicht entziehen; sondern es ist vor allem das Prinzip der Rechtsgleichheit, in dem diese Diskrepanz zwischen der Form und dem realen Inhalt gipfelt. Alle drei: das Recht, die Intellektualität, das Geld, sind durch die Gleichgültigkeit gegen individuelle Eigen¬ heit charakterisiert; alle drei ziehen aus der konkreten Ganzheit der Lebensbewegungen einen abstrakten, allgemeinen Faktor heraus, der sich nach eigenen und selbständigen Normen entwickelt und von diesen aus in jene Gesamtheit der Interessen des Daseins eingreift und sie nach sich bestimmt. Indem alle drei also Inhalten, gegen die sie ihrem Wesen nach gleichgültig sind, Formen und Richtungen vorzuschreiben mächtig sind, bringen sie unvermeidlich die Wider¬ sprüche, die uns hier beschäftigen, in die Totalität des Lebens hin¬ ein. Wo die Gleichheit die formalen Fundamente der Beziehungen zwischen Menschen ergreift, wird sie zum Mittel, ihre individuellen Ungleichheiten zum schärfsten und folgenreichsten Ausdruck zu bringen, der Egoismus hat sich, indem er die Schranken der for¬ malen Gleichheit einhält, mit inneren und äußeren Hindernissen ab- gefunden und besitzt nun gerade in der Allgemeingültigkeit jener Bestimmungen eine Waffe, die, weil sie jedem dient, auch gegen jeden dient. Die Formen der Rechtsgleichheit bezeichnen den Typus hierfür, den einerseits die Intellektualität in ihrer oben geschilderten Bedeutung, andrerseits das Geld wiederholt: seine allgemeine Zu¬ gängigkeit und Gültigkeit, sein potenzieller Kommunismus beseitigt sowohl für die Oben- wie für die Unten- wie für die Gleichstehenden gewisse Schranken, die aus der apriorischen, standesmäßigen Ab¬ grenzung der Besitzarten gefolgt waren. So lange der Grundbesitz und die Berufe in den Händen bestimmter Klassen waren, brachten sie Verpflichtungen gegen die Tieferstehenden, Solidaritäten der Genossen, selbstverständliche Begehrlichkeitsgrenzen der Ausge¬ schlossenen mit sich, zu denen für einen »aufgeklärten« Rationalismus kein Grund mehr vorliegt, sobald jeder Besitz in einen Wert über- führbar ist, von dessen unbegrenzter Erwerbung niemand prinzipiell fernzuhalten ist — womit natürlich die Frage nach der Gesamt -Zu¬ oder Abnahme des Egoismus im Lauf der Geschichte keineswegs entschieden ist.