SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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Objekt da ist, von dem ich mir klar bin, daß ich es für das erste oder das erste für jenes hingeben will, hat jedes von beiden einen angeb- baren wirtschaftlichen Wert. Es gibt für die Praxis so wenig ur- 47 sprünglich einen Einzelwert, wie es für das Bewußtsein ursprünglich die Eins gibt. Von verschiedenen Seiten ist hervorgehoben worden, daß die Zwei älter ist als die Eins. Die Stücke eines zerbrochenen Stockes fordern ein Wort für Mehrzahl, der ganze ist »Stock« schlechthin, und ihn als »einen« Stock zu bezeichnen, liegt erst Ver¬ anlassung vor, wenn etwa zwei Stöcke in irgendeiner Beziehung in Frage kommen. So führt das bloße Begehren eines Objektes noch nicht dazu, daß dieses einen wirtschaftlichen Wert hat — denn es findet in sich allein nicht das hierfür erforderliche Maß: erst die Vergleichung der Begehrungen, d. h. die Tauschbarkeit ihrer Objekte, fixiert jedes derselben als einen seiner Höhe nach bestimmten, also wirtschaftlichen Wert. Hätten wir nicht die Kategorie der Gleich¬ heit zur Verfügung — eine jener fundamentalen, aus den unmittel¬ baren Einzelheiten das Weltbild gestaltenden, die sich aber zu psycho¬ logischer Wirklichkeit erst allmählich entwickeln — so würde keine noch so große »Brauchbarkeit« und »Seltenheit« einen wirtschaft¬ lichen Verkehr erzeugt haben. Daß zwei Objekte gleich begehrens¬ wert oder wertvoll sind, kann man mangels eines äußeren Maßstabes doch nur so feststellen, daß man beide in Wirklichkeit oder in Ge¬ danken gegeneinander auswechselt, ohne einen Unterschied des — so¬ zusagen abstrakten Wert ge fühl es zu bemerken. Ja, ursprünglich dürfte diese Austauschbarkeit nicht die Wertgleichheit als eine irgendwie objektive Bestimmtheit der Dinge selbst angezeigt haben, sondern die Gleichheit nichts als der Name für die Austauschbarkeit sein. — Die Intensität des Begehrens braucht an und für sich noch keine steigernde Wirkung auf den wirtschaftlichen Wert des Objekts zu haben; denn da dieser nur im Tausch zum Ausdruck kommt, so kann das Begehren ihn nur insoweit bestimmen, als es den Tausch modifiziert. Wenn ich auch einen Gegenstand sehr heftig begehre, so ist damit sein Gegenwert im Tausche noch nicht bestimmt Denn entweder habe ich den Gegenstand noch nicht: so wird mein Be¬ gehren, wenn ich es nicht äußere, auf die Forderung des jetzigen In¬ habers keinen Einfluß üben, er wird vielmehr nur nach dem Maße seines eigenen Interesses an dem Gegenstand oder des durchschnitt¬ lichen fordern; oder, ich selbst habe den Gegenstand — so wird meine Forderung entweder so hoch werden, daß der Gegenstand über¬ haupt aus dem Tauschverkehr ausscheidet, also insoweit kein wirt¬ schaftlicher Wert mehr ist, oder sie wird sich auf das Maß des Inter¬ esses herabstimmen müssen, das ein Reflektant an dem Gegenstände nimmt. Das Entscheidende ist also dies: daß der wirtschaftliche praktisch wirksame Wert niemals ein Wert überhaupt, sondern seinem Wesen und Begriff nach eine bestimmte Wertquantität ist • 48 daß diese Quantität überhaupt nur durch die Messung zweier Be- FomTHteTteMaiieinander zustande kommen kann; daß die Form, m der diese Messung innerhalb der Wirtschaft geschieht, die Sir aUrheS VOn?pfer Und Gewüln ist> daß mithin der wirt- Beh^hrthPhGegenSKanid niC^’ WiC CS oberflächlich scheint, an seiner fWehrth > Cm abM0lmeSuWertm0ment besitzt> rudern daß diese Begehrtheit ausschließlich als Fundament oder Material eines Wert auswkkt g " “ Austausches d^ Gegenstand einen Die Relativität des Wertes - derzufolge die gegebenen gefühls¬ erregenden begehrten Dinge erst in der Gegenseitigkeit des Hingabe- und Tauschprozesses zu Werten werden - scheint zu der Konsequenz u drangen, daß der Wert nichts anderes sei als der Preis, und daß zwischen beiden keine Höhenunterschiede bestehen können, so daß das häufige Auseinanderfallen beider die Theorie widerlegen würde.

lese behauptet allerdings: daß es zunächst zu einem Werte über¬ haupt niemals gekommen wäre, wenn sich nicht die allgemeine Er¬ scheinung, die wir Preis nennen, eingestellt hätte. Daß eine Sache rein Ökonomisch etwas wert ist, bedeutet, daß sie mir etwas wert ist d. h. daß ich bereit bin, etwas für sie hinzugeben. Alle seine prakti¬ schen Wirksamkeiten kann ein Wert als solcher nur entfalten, indem er anderen äquivalent, d. h. indem er tauschbar ist. Äquivalenz und Tauschbarkeit sind Wechselbegriffe, beide drücken denselben Sach¬ verhalt in verschiedenen Formen, gleichsam in der Ruhelage und in der Bewegung, aus. Was in aller Welt kann uns bewegen, über das naiv subjektive Genießen der Dinge hinaus ihnen noch die eigen¬ tümliche Bedeutsamkeit, die wir ihren Wert nennen, zuzusprechen? Ihrer Seltenheit an und für sich kann das nicht gelingen. Denn wenn diese einfach als Tatsache bestünde und nicht in irgendeiner Weise durch uns modifizierbar wäre — was sie doch nicht nur durch die produktive Arbeit, sondern auch durch den Besitzwechsel ist —, so wurden wir sie als eine natürliche und wegen der mangelnden Unter¬ schiede vielleicht gar nicht bewußte Bestimmtheit des äußeren Kos¬ mos hinnehmen, die den Dingen keine Betonung über ihre inhalt¬ lichen Qualitäten hinaus verschafft. Diese quillt erst daraus, daß für die Dinge etwas bezahlt werden muß: die Geduld des Wartens, die Mühe des Suchens, die Aufwendung der Arbeitskraft, der Verzicht auf anderweitig Begehrenswürdiges. Ohne Preis also — Preis zunächst in dieser weiteren Bedeutung — kommt es zu keinem Wert. In sehr naiver Weise drückt ein Glaube gewisser Südseeinsulaner dieses Ge¬ fühl aus: wenn man den Arzt nicht bezahle, so schlage die Kur nicht an, die er verordnet hat. Daß von zwei Objekten das eine wertvoller 4 Simmel, Philosophie des Geldes.

49 ist als das andere, stellt sich sowohl innerlich wie äußerlich nur so dar, daß ein Subjekt wohl dieses für jenes, aber nicht umgekehrt hin¬ zugeben bereit ist. In der noch nicht vielgliedrig komplizierten Praxis kann der höhere oder geringere Wert nur Folge oder Ausdruck dieses unmittelbaren praktischen Willens zum Tausche sein. Und wenn wir sagen, wir tauschten die Dinge gegeneinander aus, weil sie gleich wertvoll sind, so ist das nur jene häufige begrifflich -sprachhche Um¬ kehrung, mit der wir so oft jemanden zu lieben glauben, weil er be¬ stimmte Eigenschaften besäße — während wir ihm diese Eigenschaft nur geliehen haben, weil wir ihn lieben, oder mit der wir sittliche Imperative aus religiösen Dogmen herleiten, während wir in Wirklich¬ keit an diese glauben, weil jene in uns lebendig sind.

Der Preis fällt seinem begrifflichen Wesen nach mit dem ökono¬ misch objektiven Werte zusammen; ohne ihn würde es überhaupt nicht gelingen, die Grenzlinie, die den letzteren von dem subjektiven Genuß des Gegenstandes scheidet, zu ziehen. Der Ausdruck nämlich, daß der Tausch Wertgleichheit voraussetze, ist vom Standpunkt der kontrahierenden Subjekte aus nicht zutreffend. A und B mögen ihre Besitztümer <x und ß untereinander eintauschen, da die beiden gleich viel wert sind. Allein A hätte keine Veranlassung, sein a fortzugeben, wenn er wirklich nur den für ihn gleich großen Wert ß dafür erhielte, ß muß für ihn ein größeres Wertquantum als das, was er bisher ana besessen hat, bedeuten; und ebenso muß B bei dem Tausche mehr gewinnen als einbüßen, um auf ihn einzutreten. Wenn für A also ß wertvoller ist als a, für B dagegen « wertvoller als ß, so gleicht sich dies objektiv, vom Standpunkt eines Beobachters, freilich aus. Allein diese Wertgleichheit besteht nicht für den Kontrahenten, der mehr empfängt, als er fortgibt. Wenn dieser dennoch überzeugt ist, mit dem anderen nach Recht und Billigkeit gehandelt und Gleichwertiges ausgetauscht zu haben, so ist dies für A so auszudrücken: objektiv zwar habe er an B Gleiches für Gleiches geliefert, der Preis (a) sei das Äquivalent für den Gegenstand (ß), aber subjektiv sei der Wert von ß freilich für ihn größer als der von a. Nun ist aber das Wertgefühl, das A an ß knüpft, doch in sich eine Einheit und in ihm selbst der Teilstrich nicht mehr wahrnehmbar, der das objektive Wertquantum gegen seine subjektive Zugabe abgrenzte. Ausschließlich also die Tatsache, daß das Objekt ausgetauscht wird, d. h. ein Preis ist und einen Preis kostet, zieht diese Grenze, bestimmt innerhalb seines sub¬ jektiven Wertquantums den Teil, mit dem es als objektiver Gegen¬ wert in den Verkehr eintritt.

Eine andere Beobachtung belehrt uns nicht weniger, daß der Tausch keineswegs von einer vorangehenden Vorstellung objektiver 50 Wertgleichheit bedingt ist. Sieht man nämlich zu, wie das Kind, der impulsive, und, allem Anschein nach, auch der primitive Mensch tauscht — so geben diese irgendein beliebiges Besitztum für einen Gegenstand hin, den sie gerade augenblicklich heftig begehren, gleichviel, ob die allgemeine Schätzung oder sie selbst bei ruhigem Überlegen den Preis viel zu hoch finden. Dies widerspricht der Aus¬ machung, daß jeder Tausch für das Bewußtsein des Subjekts ein vorteilhafter sein müsse, eben deshalb nicht, weil diese ganze Aktion subjektiv noch jenseits der Frage nach Gleichheit oder Un¬ gleichheit der Tauschobjekte steht. Es ist eine jener rationalisti¬ schen Selbstverständlichkeiten, die so ganz unpsychologisch sind: daß jedem Tausch eine Abwägung zwischen Opfer und Gewinn vor¬ ausgegangen sei und mindestens zu einer Gleichsetzung beider ge¬ führt haben müsse. Dazu gehört eine Objektivität gegenüber dem eigenen Begehren, die jene angedeuteten Seelenverfassungen gar nicht aufbringen. Der unausgebildete oder befangene Geist tritt von der momentanen Aufgipfelung seiner Interessen nicht so weit zurück, um einen Vergleich anzustellen, er will eben im Augenblick nur das eine, und die Hingabe des anderen wirkt deshalb gar nicht als Abzug von der ersehnten Befriedigung, also gar nicht als Preis. Angesichts der Besinnungslosigkeit, mit der kindliche, unerfahrene, ungestüme Wesen das gerade Begehrte »um jeden Preis« sich aneignen, scheint es mir vielmehr wahrscheinlich, daß das Gleichheitsurteil erst der Erfahrungserfolg soundso vieler, ohne jede Abwägung vollbrachter Besitzwechsel ist. Das ganz einseitige, den Geist ganz okkupierende Begehren muß sich erst durch den Besitz beruhigt haben, um über¬ haupt andere Objekte zur Vergleichung mit diesem zuzulassen. Der ungeheure Abstand der Betonung, der in dem ungeschulten und un¬ beherrschten Geist zwischen seinem momentanen Interesse und allen anderen Vorstellungen und Schätzungen besteht, veranlaßt den Tausch, bevor es noch zu einem Urteil über den Wert — d. h. über das Verhältnis verschiedener Begehrungsquanten zueinander — ge¬ kommen ist. Daß bei ausgebildeten Wertbegriffen und leidlicher Selbstbeherrschung das Urteil über Wertgleichheit dem Tausch vor¬ angeht, darf über die Wahrscheinlichkeit nicht täuschen, daß hier wie so oft das rationale Verhältnis sich erst aus dem psychologisch umgekehrt verlaufenden entwickelt hat (auch innerhalb der Provinz der Seele ist 7tpö<; das letzte, was «pöcret das erste ist), und daß der aus rein subjektiven Impulsen entstandene Besitzwechsel uns dann erst über den relativen Wert der Dinge belehrt hat.

Ist so der Wert gleichsam der Epigone des Preises, so scheint es ein identischer Satz, daß ihre Höhen die gleichen sein müssen.

51 i Ich beziehe mich hier auf die obige Feststellung: daß in jedem indivi¬ duellen Falle kein Kontrahent einen Preis zahlt, der ihm unter den gegebenen Umständen für das Erworbene zu hoch ist. Wenn in dem Chamissoschen Gedichte der Räuber mit vorgehaltener Pistole den Angefallenen zwingt, ihm Uhr und Ringe für drei Batzen zu ver¬ kaufen, so ist diesem unter solchen Umständen — da er nämlich nur so sein Leben retten kann — das Eingetauschte wirklich den Preis wert; niemand würde für einen Hungerlohn arbeiten, wenn er nicht in der Lage, in der er sich tatsächlich befindet, diesen Lohn eben dem Nichtarbeiten vorzöge. Der Schein des Paradoxen an der Be¬ hauptung von der Äquivalenz von Wert und Preis in jedem indivi¬ duellen Falle entsteht nur daher, daß in diesen gewisse Vorstellungen von anderweitigen Äquivalenzen von Wert und Preis hineingebracht werden. Die relative Stabilität der Verhältnisse, von denen die Mehr¬ zahl der Tauschhandlungen bestimmt werden, andrerseits die Ana¬ logien, die auch das noch schwankende Wertverhältnis nach der Norm bereits bestehender fixieren, bewirken die Vorstellungen: für ein bestimmtes Objekt gehöre sich eben dies und jenes bestimmte andere Objekt seinem Wert nach als Tauschäquivalent, diese beiden bzw. diese Kreise von Objekten hätten gleiche Wertgröße, und wenn innormale Umstände uns dies Objekt mit darüber oder darunter ge¬ legenen Gegenwerten austauschen ließen, so fielen eben Wert und Preis auseinander — obgleich sie tatsächlich in jedem einzelnen Falle unter Berücksichtigung seiner Umstände zusammenfallen. Man ver¬ gesse doch nicht, daß die objektive und gerechte Äquivalenz von Wert und Preis, die wir zur Norm der tatsächlichen und singulären machen, auch nur unter ganz bestimmten historischen und technischen Bedingungen gilt und mit der Änderung derselben sofort auseinander¬ fällt. Zwischen der Norm selbst und den Fällen, die sie als ab¬ weichende oder als adäquate charakterisiert, besteht hier also gar kein genereller, sondern sozusagen nur ein numerischer Unterschied — ungefähr wie man von einem außergewöhnlich hoch- oder außer¬ gewöhnlich tiefstehenden Individuum sagt, es sei eigentlich gar kein Mensch mehr; während doch dieser Begriff des Menschen nur ein Durchschnitt ist, der seinen normativen Charakter in dem Augen¬ blick verlieren würde, in dem die Majorität der Menschen zu der einen oder der anderen jener Verfassungen herauf- oder herunter¬ stiege, welche dann als die allein »menschliche« gälte. Dies einzu¬ sehen fordert freilich eine energische Befreiung von eingewurzelten und praktisch durchaus berechtigten Wertvorstellungen. Diese näm¬ lich liegen bei irgend entwickelteren Verhältnissen in zwei Schichten übereinander: die eine gebildet aus den Traditionen des Gesellschafts- 52 kreises, der Majorität der Erfahrungen, den als rein logisch er¬ scheinenden Forderungen; die andere aus den individuellen Kon¬ stellationen, den Ansprüchen des Augenblicks, dem Zwange der zu¬ fälligen Umgebung. Gegenüber dem schnellen Wechsel innerhalb der letzteren Schicht verbirgt sich unserer Wahrnehmung die lang¬ same Evolution der ersteren und ihre Bildung aus der Sublimierung jener, und sie erscheint als das sachlich Gerechtfertigte, als der Ausdruck einer objektiven Proportion. Wo nun bei einem Tausch zwar unter den gegebenen Umständen die Wertgefühle von Opfer und Gewinn sich mindestens gleichstehen — denn sonst würde kein Subjekt, das überhaupt vergleicht, ihn vollziehen — dieselben aber, an jenen generellen Festsetzungen gemessen, eine Diskrepanz er¬ geben, da spricht man von einem Auseinanderfallen von Wert jund Preis. Am entschiedensten tritt dies unter den beiden — übrigens fast immer vereinigten — Voraussetzungen auf, daß eine einzige Wert¬ qualität als der wirtschaftliche Wert schlechthin gilt und zwei Ob¬ jekte also nur insofern als wertgleich anerkannt werden, als das gleiche Quantum jenes Fundamentalwertes in ihnen steckt; und daß zweitens eine bestimmte Proportion zwischen zwei Werten als die sein -sollende mit dem Akzente einer nicht nur objektiven, sondern auch moralischen Forderung auftritt. Die Vorstellung z. B., daß das eigentliche Wertmoment in allen Werten die in ihnen vergegenständ¬ lichte, gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit sei, ist nach beiden Richtungen hin benutzt worden und gibt so einen — direkter oder indirekter anwendbaren — Maßstab, der den Wert in wechselnden Plus- und Minusdifferenzen gegen den Preis pendeln macht. Allein zunächst läßt die Tatsache jenes einheitlichen Wertmaßstabes ganz dahingestellt, wieso denn die Arbeitskraft zu einem Werte ge¬ worden sei. Sie wäre es schwerlich, wenn sie nicht, an verschiedenem Materiale sich betätigend und verschiedene Produkte schaffend, da¬ durch die Möglichkeit des Tausches ergeben hätte, oder wenn ihre Ausübung nicht als ein Opfer empfunden worden wäre, das man für den Gewinn ihres Ergebnisses bringt. Auch die Arbeitskraft wird erst durch die Möglichkeit und Wirklichkeit des Tausches in die Wertkategorie eingestellt, ganz unbeschadet des Umstandes, daß sie nachher innerhalb dieser den Maßstab für deren übrige Inhalte ab¬ geben mag. Sei die Arbeitskraft also auch der Inhalt jedes Wertes, seine Form als Wert erhält er erst dadurch, daß sie in die Relation von Opfer und Gewinn oder Preis und Wert (hier im engeren Sinne) eingeht. In den Fällen des Auseinandertretens von Preis und Wert gäbe nach dieser Theorie der eine Kontrahent ein Quantum unmittel¬ barer vergegenständlichter Arbeitskraft gegen ein geringeres Quan- 4 53 tum ebenderselben hin, mit welchem indes andere — keine Arbeits¬ kraft darstellenden — Umstände derart verbunden sind, daß er den¬ noch den Tausch vollzieht, z. B. Befriedigung eines unaufschieblichen Bedürfnisses, Liebhaberei, Betrug, Monopole und ähnliches. Im weiteren und subjektiven Sinne bleibt also auch hier die Äquivalenz von Wert und Gegenwert bestehen, während die einheitliche Norm Arbeitskraft, die ihre Diskrepanz ermöglicht, sich auch ihrer¬ seits nicht der Genesis ihres Wertcharakters aus dem Tausch entzieht.

Die qualitative Bestimmtheit der Objekte, die subjektiv ihre Be¬ gehrtheit bedeutet, kann nach alledem den Anspruch, eine absolute Wertgröße zu erzeugen, nicht aufrecht erhalten: es ist immer erst die im Tausch sich verwirklichende Relation der Begehrungen zu¬ einander, die deren Gegenstände zu wirtschaftlichen Werten macht. Unmittelbarer tritt diese Bestimmung an dem anderen der als kon¬ stitutiv geltenden Momente des Wertes hervor, an der Knappheit oder relativen Seltenheit. Der Tausch ist ja nichts anderes als der inter¬ individuelle Versuch, die aus der Knappheit der Güter entspringen¬ den Mißstände zu verbessern, d. h. das subjektive Entbehrungs¬ quantum durch die Verteilungsart des gegebenen Vorrates möglichst herabzusetzen. Schon daraus folgt zunächst eine allgemeine Kor¬ relation zwischen dem, was man — in freilich mit Recht kritisierter Weise — Seltenheitswert, und dem, was man Tauschwert nennt. Hier aber ist der Zusammenhang in umgekehrter Richtung wichtiger. Ich habe bereits hervorgehoben, daß die Knappheit der Güter schwerlich eine Wertung ihrer zur Folge hätte, wenn sie nicht durch uns modi¬ fizierbar wäre. Das ist sie eben nur auf zweierlei Weise; entweder durch die Hingabe von Arbeitskraft, die den Gütervorrat objektiv vermehrt, oder durch Hingabe bereits besessener Objekte, die als Besitzwechsel die Seltenheit des je begehrtesten Objektes für das Subjekt aufhebt. So kann man zunächst wohl sagen, daß die Knapp¬ heit der Güter im Verhältnis zu den darauf gerichteten Begehrungen objektiv den Tausch bedingt, daß aber der Tausch seinerseits erst die Seltenheit zu einem Wertmoment macht. Es ist ein Fehler in vielen Werttheorien, daß sie, wenn Brauchbarkeit und Seltenheit ge¬ geben sind, den ökonomischen Wert, d. h. die Tauschbewegung als etwas Selbstverständliches, als die begrifflich notwendige Folge jener Prämissen setzen. Damit haben sie aber keineswegs recht. Wenn etwa ein asketisches Sich -Bescheiden neben jenen Voraussetzungen stünde, oder wenn sie nur zu Kampf oder Raub veranlaßten — was ja auch oft genug der Fall ist —, so würde kein ökonomischer Wert und kein ökonomisches Leben entstehen.

54 Die Ethnologie belehrt uns über die erstaunlichen Willkürlich¬ ste^ Schwankungen, Unangemessenheiten der Wertbegriffe in primitiven Kulturen, sobald mehr als die dringendste Notdurft des Tages in F rage steht. Nun ist kein Zweifel, daß dies infolge — allen¬ falls in Wechselwirkung mit — der anderen Erscheinung stattfindet: der Abneigung des primitiven Menschen gegen den Tausch. Für diese sind mehrere Gründe geltend gemacht. Weil es jenem an einem ob¬ jektiven und allgemeinen Wertmaßstab fehlt, müsse er stets fürchten, im Tausche betrogen zu werden; weil das Arbeitsprodukt immer von ihm selbst und für ihn selbst hergestellt sei, entäußere er sich damit eines Teiles seiner Persönlichkeit und gebe den bösen Mächten Ge¬ walt über sich. Vielleicht stammt die Abneigung des Naturmenschen gegen die Arbeit aus derselben Quelle. Auch hier fehlt ihm der sichere Maßstab für den Tausch zwischen Mühe und Ertrag, er fürchtet auch von der Natur betrogen zu werden, deren Objektivität unberechenbar und schreckhaft vor ihm steht, ehe er in ausgeprobtem und geregeltem Austausch mit ihr auch sein eigenes Tun in die Distanz und Kategorie der Objektivität eingestellt hat. Das Versenktsein also in die Sub¬ jektivität des Verhaltens zum Gegenstand läßt ihm den Tausch — naturaler wie interindividueller Art —, der mit Objektivierung der Sache und ihres Wertes zusammengeht, als untunlich erscheinen. Es ist tatsächlich, als ob das erste Bewußtwerden des Objektes als solchen ein Angstgefühl mit sich brächte, als ob man damit ein Stück des Ich als von ihm losgerissen empfände. Daher sogleich die mytho¬ logische und fetischistische Deutung, die das Objekt erfährt — eine Deutung, die einerseits dieses Angstgefühl hypostasiert, ihm die einzige für den Primitivmenschen mögliche Begreiflichkeit gibt, andrerseits aber es doch mildert und, indem es das Objekt vermensch¬ licht, es der Versöhnung mit der Subjektivität wieder näher bringt. Aus dieser Sachlage erklären sich vielerlei Erscheinungen. Zunächst die Selbstverständlichkeit und Ehrenhaftigkeit des Raubes, des sub¬ jektiven und unnormierten Ansichreißens des gerade Gewünschten. Noch weit über die homerische Zeit hinaus erhielt sich in zurück¬ gebliebenen griechischen Landschaften der Seeraub als legitimer Erwerb, ja, bei manchen primitiven Völkern gilt der gewaltsame Raub