Painting and Poetry, thoügh they have the same object, — to delight OS through the Imitation of reality, — differ greatly in character. This difference, arising from the difference of the material in which they vvork and from the different manner in which they proceed, has been frequently overlooked both by critics and artists. The former applied the same Standard to the productions of the two arts and produced thereby a lamentable confusion injurious to those arts themselves; the latter, led astray by a false criticism, feil into grievons errors; painters especially into a rage for allegory, poets into a rage for description. To attempt to assign to each of these two arts its proper sphere is the object of this treatise.
Der erste, welcher die Malerei und Poesie mit einander verglich, war ein Mann von feinem Gefühle, der von beiden Künsten eine ähnliche Wirkung auf sich verspürte. Beide, empfand er, stellen uns abwesende Dinge als gegenwärtig, den Schein als Wirklichkeit vor; beide täuschen, und beider 5 Täuschung gefällt.
Ein zweiter suchte in das Innere dieses Gefallens einzu- dringen, und entdeckte, dass es bei beiden aus einerlei Quelle fliesse. Die Schönheit, deren Begriff wir zuerst von körper- lichen Gegenständen abziehen, hat allgemeine Regeln, die 10 sich auf mehrere Dinge anwenden lassen; auf Handlungen, auf Gedanken, sowohl als auf Formen.
4 LAOKOON.
Ein dritter, welcher über den Werth und über die Verthei- lung dieser allgemeinen Regeln nachdachte, bemerkte, dass einige mehr in der Malerei, andere mehr in der Poesie herrschten; dass also bei diesen die Poesie der Malerei, bei 5 jenen die Malerei der Poesie mit Erläuterungen und Bei- spielen aushelfen könne.
Das erste war der Liebhaber; das zweite der Philosoph; das dritte der Kunstrichter.
Jene beiden konnten nicht leicht, weder von ihrem Gefühl, 10 noch von ihren Schlüssen, einen unrechten Gebrauch machen. ^ Hingegen bei den Bemerkungen des Kunstrichters beruht das Meiste in der Richtigkeit der Anwendung auf den einzelnen Fall; und es wäre ein Wunder, da es gegen Einen scharf- sinnigen Kunstrichter fünfzig witzige gegeben hat, wenn diese 15 Anwendung jederzeit mit aller der Vorsicht wäre gemacht worden, welche die Wage zwischen beiden Künsten gleich erhalten muss.
Falls Apelles und Protogenes, in ihren verlorenen Schriften von der Malerei, die Regeln derselben durch die bereits fest- 20 gesetzten Regeln der Poesie bestätiget und erläutert haben, so darf man sicherlich glauben, dass es mit der Mässigung und Genauigkeit wird geschehen sein, mit welcher wir noch jetzt den Aristoteles, Cicero, Horaz, Quiniilian, in ihren Werken, die Grundsätze und Erfahrungen der Malerei auf 25 die Beredtsamkeit und Dichtkunst anwenden sehen. Es ist das Vorrecht der Alten, keiner Sache weder zu viel noch zu wenig zu thun.
Aber wir Neuern haben in mehrern Stücken geglaubt, uns weit über sie weg zu setzen, wenn wir ihre kleinen Lustwege 30 in Landstrassen verwandelten; sollten auch die kurzem und sichrem Landstrassen darüber zu Pfaden eingehen, wie sie durch Wildnisse führen.
Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, dass VORREDE. 5 die Malerei eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei sei, stand wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere halte; dessen wahrer Theil so einleuchtend ist, dass man das Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich führet, übersehen zu müssen glaubet. 5 Gleichwohl übersahen es die Alten nicht. Sondern indem sie den Ausspruch des Simonides, auf die Wirkung der beiden Künste einschränkten, vergassen sie nicht einzuschärfen, dass, ohngeachtet der vollkommenen Aehnlichkeit dieser Wirkung, sie dennoch, sowohl in den Gegenständen als in der Art 10 ihrer Nachahmung (iIAj? km rpönois ^ifirjcrecoi), verschieden wären.
Völlig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit fände, haben viele der neuesten Kunstrichter aus jener Uebereinstimmung der Malerei und Poesie die crudesten 15 Dinge von der Welt geschlossen. Bald zwingen sie die Poesie in die engern Schranken der Malerei; bald lassen sie die Malerei die ganze weite Sphäre der Poesie füllen. Alles was der einen Recht ist, soll auch der andern vergönnt sein; alles was in der einen gefällt oder missfällt, soll noth- 20 wendig auch in der andern gefallen oder missfallen; und voll von dieser Idee, sprechen sie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtesten Urtheile, wenn sie, in den Werken des Dichters und Malers über einerlei Vorwurf, die darin be- merkten Abweichungen von einander zu Fehlern machen, 25 die sie dem einen oder dem andern, nach dem sie entweder mehr Geschmack an der Dichtkunst oder an der Malerei haben, zur Last legen.
Ja diese Afterkritik hat zum Theil die Virtuosen selbst verführet. Sie hat in der Poesie die Schilderungssucht, und 30 in der Malerei die Allegoristerei erzeuget; indem man jene zu einem redenden Gemälde machen wollen, ohne eigentlich zu wissen, was sie malen könne und solle, und diese zu 6 LAOKOON.
einem stummen Gedichte, ohne überlegt zu haben, in welchem Masse sie allgemeine Begriffe ausdrücken könne, ohne sich von ihrer Bestimmung zu entfernen, und zu einer willkürlichen Schriftart zu werden. 5 Diesem falschen Geschmacke, und jenen ungegründeten Urtheilen entgegen zu arbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufsätze.
Sie sind zufälliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner Leetüre, als durch die methodische Entwicke- le lung allgemeiner Grundsätze angewachsen. Es sind also mehr unordentliche Collectanea zu einem Buche, als ein Buch.
Doch schmeichle ich mir, dass sie auch als solche nicht ganz zu verachten sein werden. An systematischen Büchern 15 haben wir Deutschen überhaupt keinen Mangel. Aus ein paar angenommenen Worterklärungen in der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, darauf verstehen wir uns, trotz einer Nation in der Welt.
Baumgarten bekannte, einen grossen Theil der Beispiele 20 in seiner Aesthetik Gesners Wörterbuche schuldig zu sein.
Wenn mein Raisonnement nicht so bündig ist als das Baumgarten'sche, so werden,doch meine Beispiele mehr nach der Quelle schmecken.
Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehr- 25 mals auf ihn zurückkomme, so habe ich ihm auch einen Antheil an der Aufschrift lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen über verschiedene Punkte der alten Kunst- geschichte, tragen weniger zu meiner Absicht bei, und sie stehen nur da, weil ich ihnen niemals einen bessern Platz 30 zu geben hoffen kann.
Noch erinnere ich, dass ich unter dem Namen der Malerei, die bildenden Künste überhaupt begreife; so wie ich nicht dafür stehe, dass ich nicht unter dem Namen der Poesie, LAOKOON. /.
auch auf die übrigen Künste, deren Nachahmung fortschrei- tend ist, einige Rücksicht nehmen dürfte.
ARGUMENT.
Laokoon, as represented in the celebrated statue in the Vatican, does not open bis mouth wide enoiigh to raise a shriek, such as he ntters in Virgil, but only wide enough to let a suppressed sigh pass from his ups. Winckelmann ascribes this to the iutention of the artist to repre- sent a lofty and self-collected soul enduring the agony of the body with the same strength of spirit with which Philoctetes suppoited his pains in the tragcdy of Sophocles.
Lessing gi ants the correctness of the fact, but ascribes it to a difTcrent cause. First of all, Philoctetes does not suppress his pain, but fills the island with his wild and terrible shrieks. Crying is the voice of natura which only over-refined or barbarous nations endeavour to stifle. The Greeks gave vent to their pains and sorrows in tears, and Homer allows his heroes to weep. The suppression of grief, as practised by the Stoic philosophers, niay excite admiration, but excludes pity and is nndramatical.
But if the cry of bodily pain js, accordiug to Greek ideas, compatible with greatness of soul, why then did the artist deviate from the poet in the representation of the pain of Laokoon?
Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke in der Malerei und Bildhauerkunst, setzt Herr Winckelmann in eine edele Einfalt und stille Grösse, sowohl 5 in der Stellung als im Ausdrucke. ' So wie die Tiefe des Meeres, sagt er', allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag auch noch so wüthen, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine grosse und gesetzte Seele.' 10 ' Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, ' Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und 1 Bildhauerkunst, s. 21, 22. Werke, i. 30 ff. Eiselein., •IxA < 8 LAOKOON. T.
und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdecket, und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Theile zu betrachten, an dem schmerzlich 5 eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubt; dieser Schmerz, sage ich, äussert sich dennoch mit keiner Wuth in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singet; die Oeflfnung des INIundes gestattet es L, ur^'^'< lo nicht: es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtes '''*r^JJi*>«' Seufzen, wie es Sadolet beschreibet. Der Schmerz des Körpers und die Grösse der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit gleicher Stärke ausgetheilet und gleichsam ' abgewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles jsPhiloktet: sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser grosse Mann das Elend ertragen zu können.'
' Der Ausdruck einer so grossen Seele geht weit über die Bildung der schönen Natur. Der Künstler musste die 20 Stärke des Geistes in sich selbst fühlen, welche er seinem Marmor einprägte. Griechenland hatte Künstler und Welt- weise in einer Person, und mehr als einen Metrodor. Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren derselben mehr als gemeine Seelen ein u. s. w.* 25 Die Bemerkung, welche hier zum Grunde Hegt, dass der Schmerz sich in dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wuth nicht zeige, welche man bei der Heftigkeit desselben vermuthen sollte, ist vollkommen richtig. Auch das ist un- streitig, dass eben hierin, wo ein Halbkenner den Künstler 30 unter der Natur gebheben zu sein, das wahre Pathetische des Schmerzes nicht erreicht zu haben, urtheilen dürfte; dass, sage ich, eben hierin die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet.
LAOKOON. I. 9 Nur in dem Grunde, welchen Herr Winckelmann dieser Weisheit giebt, in der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage ich es, anderer Meinung zu sein.
Ich bekenne, dass der missbilligende Seitenblick, welchen 5 er auf den Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und nächst dem die Vergleichung mit dem Philoktet. Von hier will ich ausgehen, und meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie sich bei mir ent- wickelt. 10 ' Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktet.' Wie leidet dieser? Es ist sonderbar, dass sein Leiden so verschiedene Eindrücke bei uns zurückgelassen. — Die Klagen, das Ge- schrei, die wilden Verwünschungen, mit welchen sein Schmerz das Lager erfüllte, und alle Opfer, alle heilige 15 Handlungen störte, erschollen nicht minder schrecklich durch das öde Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche Töne des Unmuths, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallen Hess. — Man hat den dritten Aufzug 20 dieses Stückes ungleich kürzer, als die übrigen gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichter \ dass es den Alten um die gleiche Länge der Aufzüge wenig zu thun gewesen. Das glaube ich auch; aber ich wollte mich desfalls lieber auf ein ander Exempel gründen, als auf dieses. Die 25 jammervollen Ausrufungen, das Winseln, die abgebrochenen 3 3, ^f{5, aTTorai., cS y^oi \ini\ die ganzen Zeilen voller TroTrat, nairai, aus welchen dieser Aufzug besteht, und die mit ganz andern Dehnungen und Absetzungen declamirt werden mussten, als bei einer zusammenhängenden Rede nöihig sind, haben in 30 der Vorstellung diesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich eben so lange dauern lassen, als die andern. Er scheinet dem ' Brumoy, Th^at. des Grecs, t. ii. p. 89.
lO LAOKOON. I.
Leser weit kürzer auf dem Papiere, als er den Zuhörern wird vorgekommen sein.
Schreien ist der natürliche Ausdruck des körperlichen Schmerzes. Homer's verwundete Krieger fallen nicht selten 5 mit Geschrei zu Boden. Die geritzte Venus schreiet laut ^; nicht um sie durch dieses Geschrei als die weichliche Göttin der Wollust zu schildern, vielmehr um der leidenden Natur ihr Recht zu geben. Denn selbst der eherne Mars, als er die Lanze des Diomedes fühlet, schreiet so g^ässlich, als lo schrien zehntausend wüthende Krieger zugleich, dass beide Heere sich entsetzen ^ So weit auch Homer sonst seine Helden über die mensch- liche Natur erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es 15 auf die Aeusserung dieses Gefühls durch Schreien, oder durch Thränen, oder durch Scheltworte ankömmt. Nach ihren Thaten sind es Geschöpfe höherer Art; nach ihren Empfin- dungen wahre Menschen.
Ich weiss es, wir feinern Europäer einer klügern Nach- 20 weit, wissen über unsern Mund und über unsere Augen besser zu herrschen. Höflichkeit und Anstand verbieten Geschrei und Thränen. Die thatige Tapferkeit des ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwan- delt. Doch selbst unsere Uraltem waren in dieser grösser, 25, als in jener. Aber unsere Uraltem waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeissen, dem Streiche des Todes mit unver- wandtem Auge entgegensehen, unter den Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Sünde noch den Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Züge des alten nordischen 30 Heldenmuths ^ Palnatoko gab seinen Jomsburgern das * Iliad, E. 343: ^ h\ /xtfa läxovaa...' Th. Bartbolinus de cansis contemptae a Danis adhuc gentilibua mortis, cap. 1.
LAOKOON. I. 11 Gesetz, nichts zu furchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu nennen.
Nicht so der Grieche! Er fühlte und furchte sich; er äus- serte seine Schmerzen und seinen Kummer; er schämte sich keiner der menschlichen Schwachheiten; keine musste ihn 5 aber auf dem Wege nach Ehre, und von Erfüllung seiner Pflicht zurückhalten. Was bei dem Barbaren aus Wildheit und Verhärtung entsprang, das wirkten bei ihm Grundsätze. Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die ruhig schlafen, so lange keine äussere Gewalt sie 10 wecket, und dem Steine weder seine Klarheit noch seine Kälte nehmen. Bei dem Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens schwärzte. — Wenn Homer die Trojaner mit wildem Geschrei, die 15 Griechen hingegen in entschlossener Stille zur Schlacht führet, so merken die Ausleger sehr wohl an, dass der Dichter hierdurch jene als Barbaren, diese als gesittete Völker schildern wollen. Mich woindert, dass sie an einer andern Stelle eine ähnliche charakteristische Entgegensetzung 20 nicht bemerket haben \ Die feindlichen Heere haben einen Waffenstillestand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer Todten beschäftiget, welches auf beiden Theilen nicht ohne heisse Thränen abgehet; 8dKpva dtpfia x^ovres. Aber Priamus verbietet seinen Trojanern zu weinen; oiS* tla Kkaieiv Uplapos 25 {xiyai. Er verbietet ihnen zu weinen, sagt die Dacier, weil er besorgt, sie möchten sich zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Muth an den Streit gehen. Wohl; doch frage ich: warum muss nur Priamus dieses besorgen? Warum ertheilet nicht auch Agamemnon seinen Griechen das nämliche Verbot? 30 Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, dass nur der gesittete Grieche zugleich weinen imd tapfer sein ja LAOKOON. I.
könne; indem der ungesittete Trojaner, um es zu sein, alle Menschlichkeit vorher ersticken müsse, ^enea-aäfiai ye fiev olbfv KkaUiv, lässt er an einem andern Ort ^ den verständigen Sohn des weisen Nestors sagen.
5 Es ist merkwürdig, dass unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem Alterthume auf uns gekommen sind, sich zwei Stücke finden, in welchen der körperliche Schmerz nicht der kleinste Theil des Unglücks ist, das den leidenden Helden trifft. Ausser dem Philoktet, der sterbende Herkules. Und loauch diesen lässt Sophokles klagen, winseln, weinen und schreien. Dank sei unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des Anständigen, dass nunmehr ein winselnder Philoktet, ein schreiender Herkules, die lächerlichsten unerträglichsten Personen auf der Bühne sein würden. Zwar hat sich einer 15 ihrer neuesten Dichter'^ an den Philoktet gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren Philoktet zu zeigen?
Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlorenen Stücken des Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegönnet hätte! Aus den leichten 20 Erwähnungen, die seiner einige alte Grammatiker thun, lässt sich nicht schliessen, wie der Dichter diesen Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, dass er den Laokoon nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert haben. Alles Stoische ist untheatralisch; und unser Mit- 25 leiden ist allezeit dem Leiden gleichmässig, welches der interessirende Gegenstand äussert. Sieht man ihn sein Elend mit grosser Seele ertragen, so wird diese grosse Seele zwar unsere Bewunderung erwecken, aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen unthätiges Staunen jede andere wärmere 30 Leidenschaft, sowie jede andere deutliche Vorstellung, aus- schliesst.
Und nuimiehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn ' Odyss. A. 195. " Chäteaubrun.
es wahr ist, dass das Schreien bei Empfindung körperlichen Schmerzes, besonders nach der alten griechischen Denkungs- art, gar wohl mit einer grossen Seele bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache nicht sein, warum dem ohngeachtet der Künsder in seinem Marmor 5 dieses Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es muss einen andern Grund haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdrücket.
II.
ARGUMENT.
II.
ARGUMENT.
The plastic art of the Greeks — the invention of love according to Greek tradition — represented the beautiful and nothing but the beautiful. It despised the endeavour to produce a mere portrait like- ness o'r to reproduce a common type or a lower degree of beauty, and it avoided every kind of caricature. This custom was even enjoined by the laws of the State; and justly so, because Art has an immense influence on the character of a nation, nay on the external appearance of the people themselves. But since Beauty was the highest lawgiver of ancient art, passions which deface beauty were not represented at all, or were softened down so as still to admit of a certain degree of beauty. In the picture of Timanthes representing the sacrifice of Iphigenia, Agamemnon is made to cover bis face in the agony of his soul. Thus expression was made to submit to the first law of ancient art, which is beauty. Laokoon is represented as uttering a suppressed groan, because the scream of anguish would force open his mouth and would destroy every trace of beauty. This tendency of softening down expression in the Service of beauty can be noticed in many ancient works of art.
Es sei Fabel oder Geschichte, dass die Liebe den ersten 10 Versuch in den bildenden Künsten gemacht habe: so viel ist gewiss, dass, sie den grossen alten Meistern die Hand zu führen nicht müde geworden. Denn wird jetzt die Malerei überhaupt als die Kunst, welche Körper auf Flächen nachah- met, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise 15 14 LAOKOON. IL Grieche ihr weit engere Grenzen gesetzet und sie bloss auf die Nachahmung schöner Körper eingeschränket. Sein Künstler schilderte nichts als das Schöne; selbst das geraeine Schöne, das Schöne niedrer Gattungen, war nur sein zufälli- 5 ger Vorwurf, seine Uebung, seine Erholung. Die Vollkom- menheit des Gegenstandes selbst musste in seinem Werke entzücken; er war zu gross von seinen Betrachtern zu verlangen, dass sie sich mit dem blossen kalten Vergnügen, welches aus der getroffenen Aehnlichkeit, aus der Erwägung lo seiner Geschicklichkeit entspringet, begnügen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber, dünkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst.
'Wer wird dich malen wollen, da dich niemand sehen will,' sagt ein alter Epigrammatist ^ über einen höchst un- 15 gestaltenen Menschen. Mancher neuere Künsder würde sagen: 'Sei so ungestalten wie möglich; ich will dich doch malen. Mag dich schon niemand gern sehen: so soll man doch mein Gemälde gern sehen; nicht in so fem es dich vorstellt, sondern in so fern es ein Beweis meiner 20 Kunst ist, die ein solches Scheusal so ähnlich nachzubilden weiss.'
Freilich ist der Hang zu dieser üppigen Prahlerei mit leidigen Geschicklichkeiten, die durch den Werth ihrer Gegenstände nicht geadelt werden, zu natürlich, als dass 25 nicht auch die Griechen ihren Pauson, ihren Pyreicus [/. Piraeicus\ sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber sie Hessen ihnen strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der sich noch unter dem Schönen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger Geschmack das Fehlerhafte und Hässliche * Antiochns (Antholog. lib. ii. cap. 4. Anth. Pal. xi. 412: ircus av Tis fpwpai, yir\S \aihilv eöe'Acuf;) Hardnin über den Plinius (lib. 35. sect. 36. p. m. 698) legt dieses Epigramm einem Piso bei. E^ findet sich aber unter allen griechischen Eoigrammatisten keiner dieses Namens.
LAOKOON. II. T.^ an der menschlichen Bildung am liebsten ausdrückte ^, lebte in der verächtlichsten Armuth ^ Und Pyreicus [/. Piraeüus\ der Barbierstuben, schmutzige Werkstätte, Esel und Küchen- kräuter, mit allem dem Fleisse eines niederländischen Künstlers malte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so 5 viel Reiz hätten, und so selten zu erblicken wären, bekam den Zunamen des Rhyparographen ^, des Kothmalers; obgleich der wollüstige Reiche seine Werke mit Gold aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Werth zu Hülfe zu kommen. 10 Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht für unwürdig, den Künstler mit Gewalt in seiner wahren Sphäre zu erhalten. Das Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung in's Schönere befahl, und die Nachahmung in's Hässlichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es war kein 15 * Jungen Leuten, befiehlt daher Aristoteles, muss man seine Gemälde nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel möglich, von allen Bil- dern des Hässlichen rein zu hallen. (Polit. lib. viii. cap. 5. p. 526. edit. Conring; vol. ii. p. 1:^40 A, 35, ed. Berol.) Herr Boden will zwar in dieser Stelle anstatt Pauson, Pausanias gelesen wissen, weil von diesem bekannt sei, dass er unzüchtige Figuren gemalt habe (de Umbra poetica Comment. i. p. xiiiV Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber lernen müsste, die Jugend von dergleichen Reizungen der Wollust zu entfernen. Er hätte die bekannte Stelle in der Dichtkunst (cap. ii) nur in Vergleichung ziehen dürfen, um seine Vermuthung zurück zu behalten. Es giebt Ausleger (z. E. Kühn über den Aelian Var. Hist. lib. iv. cap. 3), welche den Unterschied, den Aristoteles daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angiebt, darin setzen, dass Polygnotus Götter und Helden, Dionysius Menschen, und Pauson Thiere gemalt habe. Sie malten allesammt menschliche Figuren; und dass Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, dass er ein Thiermaler gewesen, wofür ihn Herr Boden hält. Ihren Rang bestimmten die Grade des Schönen, die sie ihren mensch- lichen Figuren gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen, und hiess nur darum vor allen andern der Anthropo- graph, weil er der Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben konnte, unter welchem Götter und Helden zu malen, ein Reli- gionsverbrechen gewesen wäre.
' Plinius, lib. xxx. sect. 37, edit. Hard. Vielmehr xxxv. § 112.
l6 LAOKOON. II.
Gesetz wider den Stümper, wofür es gemeiniglich, und selbst vom Junius ^ gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi; den unwürdigen Kunstgriff, die Aehnlichkeit durch Uebertreibung der hässlichen Theile des Urbildeszu erreichen; 5 mit einem Worte, die Carricatur.
Aus eben dem Geiste des Schönen war auch das Gesetz der Hellanodiken geflossen. Jeder Olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem dreimaligen Sieger, ward eine Ikonische gesetzet ^ Der mittelmässigen Portraits sollten lo unter den Kunstwerken nicht zu viel werden. Denn ob- schon auch das Portrait ein Ideal zulässt, so muss doch die Aehnlichkeit darüber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen Menschen, nicht das Ideal eines Menschen über- haupt.
15 Wir lachen, wenn wir hören, dass bei den Alten auch die Künste bürgerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht immer Recht, wenn wir lachen. Unstreitig müssen sich die Gesetze über die Wissenschaften keine Gewalt anmassen; denn der Endzweck der Wissenschaften 20 ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele nothwendig; und es wird T3rannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen Bedürfnisses den geringsten Zwang anzuthun. Der End- zweck der Künste hingegen ist Vergnügen; und das Ver- gnügen ist entbehrlich. Also darf es allerdings von dem 25 Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnügen, und in welchem Masse er jede Art desselben verstatten will.
Die bildenden Künste insbesondere, ausser dem unfehl- baren Einflüsse, den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung fähig, welche die nähere Aufsicht des 30 Gesetzes heischet. Erzeugten schöne Menschen schöne Bildsäulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene zurück, ' De Pictura vet. üb. ii. cap. iv. § i. ' Plinius, lib. xxxiv. sect. 9. § 16.
LAOKOON. IT. 17 und der Staat hatte schönen Bildsäulen schöne jNIenschen mit zu verdanken. Bei uns scheint sich die zarte Einbil- dungskraft der Mütter nur in Ungeheuern zu äussern.
Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erzählungen, die man geradezu als Lügen veiTsürft, etwas 5 wahres zu erblicken. Den Müttern des Aristomenes, des Aristodamas [/. Arahis\ Alexanders des Grossen, des Scipio, des Augustus, des Galerius, träumte in ihrer Schwangerschaft allen, als ob sie mit einer Schlange zu thun hätten. Die Schlange war ein Zeichen der Gottheit^; und die schönen 10 Bildsäulen und Gemälde eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte das Bild des Thieres. So rette ich den Traum, und gebe die 15 Auslegung Preis, welche der Stolz ihrer Söhne und die Unverschämtheit des Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache mussle es wohl haben, warum die ehebreche- rische Phantasie nur immer eine Schlange war.
Doch ich gerathe aus meinem Wege. Ich wollte bloss 20 festsetzen, dass bei den Alten die Schönheit das höchste Gesetz der bildenden Künste gewesen sei.
Und dieses festgesetzt, folgt nothwendig, dass alles andere, worauf sich die bildenden Künste zugleich mit erstrecken können, wenn es sich mit der Schönheit nicht verträgt, ihr 25 gänzHch weichen, und wenn es sich mit ihr verträgt, ihr wenigstens untergeordnet sein müssen.
Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es giebt * Man irrt sich, wenn man die Schlange nur fiir das Kennzeichen einer medicinischen Gottheit hält. Justinus.Maityr (Apolog. ii. p. ^^, edit. Sylburg.) sagt ausdrücklich: irapd rravTi rSiv vofu^oixivwv nap' v^ttv 0fuiy, tH/)iy avfißo\ov fitya Kai ^.vaTqpiov dvayf>ä(peTat; und es wäre leicht eine Keihe von Monumenten anzuführen, wo die Schlange Gottheiten be- gleitet, welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.
l8 LAOKOON. II.
Leidenschaften und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die hässlichsten Verzerrungen äussern, und den ganzen Körper in so gewaltsame Stellungen setzen, dass alle die schönen Linien, die ihn in einem ruhigem Stande