BeßXrjKei npos a-Trjdos' o 6' vtttios (pneae Trerpfl* ToO Ktpa fK Kf(f)a\TJs (KKaibfKÜbiopa ntcfiiiKfi' LAOKOON. XVII. 123 Kai ra fifv aaKTjaas Ktpao^oos fjpope nuTaVy Häv S' €V Xfirji/as XP^^^'I'^ iireörjKi KopüvtjV.
Ich würde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer inne hat, in INIenge beifallen. 5 XVII.
ARGUMENT.
It is true tibat the Instrument of the poet, language, is able to bring the various co-existing parts of a body successively before the mental eye of the hearer, and thus to produce in him an iniage of the object described. But it is inipossible that this image should be as lifelike as it is the ambition of the poet to make it, of the poet who desires to imprcss our imagination so powerfully as to produce in us a complete Illusion. No description of the various parts of a body in succession will enable us to take in the entire object at a glance, as the bodily eye does; for when the poet will have arrived at the end of his description the first traits he drew will have been forgotten or will be recalled into the memory only with infinite trouble. Haller describes a flower of the High Alps with minute accuracy, but, unless we have known it before, we fall to form an adequate conception of it from his descrip- tion, because we cannot gather the single parts of the description into a living image. A picture of the flower done by the band of some Dutch artist will give us a much more vivid idea of it, because we see the whole at a glance. The poet does not succeed here, because he is tmable to translate the co-existence of things into the consecutiveness of language. The prose writer, however, or the didactic poet, who appeals to the undeistanding rather than to the imagination and who wishes to convey to the reader a distinct idea of the Single parts of the object, may, nay must sometimes make use of these detailed descriptions of bodies; but in the higher sphere of epic or lyric poetry descriptiou is the characteristic of a poet wanting in true poetical genius.
Aber, wird man einwenden, die Zeichen der Poesie sind nicht bloss auf einander folgend, sie sind auch willkürlich; und als willkürliche Zeichen sind sie allerdings fähig, Körper, so wie sie im Räume existiren, auszudrücken. In dem 124 LAOKOON. XVII.
Homer selbst fänden sich hiervon Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern dürfe, um das entschei- dendste Beispiel zu haben, wie weidäufig und doch poetisch man ein einzelnes Ding nach seinen Theilen neben einander 5 schildern könne.
Ich will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Ich nenne ihn doppelt, weil ein richtiger Schluss auch ohne Exempel gelten muss, und gegentheils das Exempel des Homers bei mir von Wichtigkeit ist, auch wenn ich es noch 10 durch keinen Schluss zu rechtfertigen weiss.
Es ist wahr: da die Zeichen der Rede willkürlich sind, so ist es gar wohl möglich, dass man durch sie die Theile eines Körpers eben so wohl auf einander folgen lassen kann, als sie in der Natur neben einander befindlich sind. Allein 15 dieses ist eine Eigenschaft der Rede und ihrer Zeichen überhaupt, nicht aber in so ferne sie der Absicht der Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloss verständlich werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloss klar und deutlich sein; hiermit begnügt sich der Prosaist. Sondern 20 er will die Ideen, die er in uns erwecket, so lebhaft machen, dass wir in der Geschwindigkeit die wahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinden glauben, und in diesem Augenblicke der Täuschung uns der ^Mittel, die er dazu anwendet, seiner Worte bewusst zu sein aufliören.
25 Hierauf lief oben die Erklärung des poetischen Gemäldes hinaus. Aber der Dichter soll immer malen; und nun wollen wir sehen, in wie ferne Körper nach ihren Theilen neben einander sich zu dieser Malerei schicken.
Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines 30 Dinges im Räume? Erst betrachten wir die Theile desselben einzeln, hierauf die Verbindung dieser Theile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne verrichten diese verschiedenen Operationen mit einer so erstaunlichen Schnelligkeit, dass sie LAOKOON. XVII. 125 LAOKOON. XVII. 125 uns nur eine einzige zu sein bedünken, und diese Schnellig-, •, ^/ keit ist unumgänglich nothwendig, wann wir einen Begriff uy^^^^^^^'^^'^ von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den Begriffen der Theile und ihrer Verbindung ist, be- kommen sollen. Gesetzt nun also auch, der Dichter führe 5 uns in der schönsten Ordnung von einem Theile des Gegen- standes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns die Verbindung dieser Theile auch noch so klar zu machen: wie viel Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal übersiehet, zählt er uns merklich langsam nach und nach zu, und oft 10 geschieht es, dass wir bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben. Jedennoch sollen wir uns aus diesen Zügen ein Ganzes bilden: dem Auge bleiben die betrachteten Theile beständig gegenwärtig; es kann sie abermals und abermals überlaufen: für das Ohr hingegen i: sind die vernommenen Theile verloren, wann sie nicht in dem Gedächtnisse zurückbleiben. Und bleiben sie schon da zurück: welche Mühe, welche Anstrengung kostet es, ihre Eindrücke alle in eben der Ordnung so lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer massigen Geschwindigkeit auf einmal zu 20 überdenken, um zu einem etwanigen Begriffe des Ganzen zu gelangen I Man versuche es an einem Beispiele, welches ein Meister- stück in seiner Art heissen kann \ Dort ragt das hohe Haupt vom edeln Enziane 25 Weit übern niedern Chor der Pöbelkräutcr hin, Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne, JjL/.xy, lu Sein blauer_Bruder selbst bückt sich und ehret ihn. ^^ fc^^^i..'— »■ Der Blumen helles Gold, in Strahlen umgebogen, Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau 30 Gewand, ' S. des Herrn v. Hallers Alpen. ^^.
126 LAOKOON. XVII.
Der Blätter glattes Weiss, mit tiefem Grün durchzogen, Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant. Gerechtestes Gesetz! dass Kraft sich Zier vermähle, In einem schönen Leib wohnt eine schönre Seele. 5 Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel, Dem die Natur sein Blatt im Kreuze hingelegt; Die holde Blume zeigt die zwei vergöldten Schnäbel, Die ein von Amethyst gebildter Vogel trägt.
lo Dort wirft ein glänzend Blatt, in Finger ausgekerbet, " Auf einen hellen Bach den grünen Wiederschein; Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet, Schliesst ein gestreifter Stern in weisse Strahlen ein. Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretner Heide, 15 Und Felsen decken sich mit einem Purpurkleide.
Es sind Kräuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit grosser Kunst und nach der Natur malet. IMalt, aber ohne alle Täuschung malet. Ich will nicht sagen, dass wer diese Kräuter und Blumen nie gesehen, sich auch aus seinem 20 Gemälde so gut als gar keine Vorstellung davon machen könne. Es mag sein, dass alle poetische Gemälde eine vor- ^^ läufige Bekanntschaft mit ihren Gegenständen erfordern.
Ich will auch nicht leugnen, dass demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft hier zu statten kömmt, der Dichter 25 nicht von einigen Theilen eine lebhaftere Idee erwecken könnte. Ich frage ihn nur, wie steht es um den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter sein soll, so müssen keine einzelne Theile darin vorstechen, sondern das höhere Licht muss auf alle gleich vertheilet scheinen; unsere Ein- 30 bildungskraft muss alle gleich schnell überlaufen können, um sich das aus ihnen mit eins zusammen zu setzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist dieses hier der Fall.^ LAOKOON. XVII. 127 Und ist er es nicht, wie hat man sagen können, ' dass die ähnlichste Zeichnung eines Malers gegen diese poetische Schilderung ganz naatt und düster sein würde ^?' Sie bleibet unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Fläche ausdrücken können, und der Kunstrichter, der 5 ihr dieses übertriebene Lob ertheilet, muss sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet haben; er muss mehr auf die fremden Zierraten, die der Dichter darein verwebet hat, auf die Erhöhung über das vegetative Leben, auf die Entwicklung der innern Vollkommenheiten, welchen 10 die äussere Schönheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schönheit selbst und auf den Grad der Lebhaftigkeit und Aehnlichkeit des Bildes, welches uns der Maler, und welches uns der Dichter davon gewähren kann, gesehen haben. Gleichwohl kömmt es hier lediglich nur auf das letztere an, 15 o-^J-y- und wer da sagt, dass die blossen Zeilen: Der Blumen helles Gold in Strahlen umgebogen, Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau Gewand, Der Blätter glattes Weiss, mit tiefem Grün durchzogen. Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant — 20 dass diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nach- ahmung eines Huysum wetteifern können, muss seine Em-. v_^ pfindung nie befragt haben, oder sie vorsätzlich verleugnen wollen. Sie mögen sich, wenn man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schön dagegen recitiren lassen; nur vor sich 25 allein sagen sie wenig oder nichts. Ich höre in jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich weit entfernet zu sehen.
Nochmals also: ich spreche nicht der Rede überhaupt das Vermögen ab, ein körperliches Ganze nach seinen Theilcn 30 ' Breitingers kritische Dichtkunst, th. ii. s. S07.
128 LAOKOON. XVII.
zu schildern; sie kann es, weil ihre Zeichen, ob sie schon auf einander folgen, dennoch willkürliche Zeichen sind: sondern ich spreche es der Rede als dem Mittel der Poesie ab, weil dergleichen wörtlichen Schilderungen der Körper 5 das Täuschende gebricht, worauf die Poesie vornehmlich gehet; und dieses Täuschende, sage ich, muss ihnen darum gebrechen, weil das Coexistirende des Körpers mit dem Consecutiven der Rede dabei in CoUision kömmt, und indem jenes in dieses aufgelöset wird, uns die Zergliederung des lo Ganzen in seine Theile zwar erleichtert, aber die endliche Wiederzusammensetzung dieser Theile in das Ganze un- gemein schwer, und nicht selten unmöglich gemacht wird.
Ueberall, wo es daher auf das Täuschende nicht ankömmt, wo man nur mit dem Verstände seiner Leser zu thun hat, lö und nur auf deutliche und so viel möglich vollständige Begriffe gehet; können diese aus der Poesie ausgeschlosse- nen Schilderungen der Körper gar wohl Platz haben, und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter (denn da, wo er dogmatisiret, ist er kein Dichter), 20 können sich ihrer mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. E. Virgil in seinem Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tüchtige Kuh: Forma bovis, cui turpe caput, cui plurima cervix, 25 Et crurum tenus a mento palearia pendent.
Tum longo nullus lateri modus: omnia magna: Pes etiam, et camuris hirtae sub cornibus aures.
Nee mihi displiceat macuHs insignis et albo, Aut juga detractans interdumque aspera cornu, 30 Et faciem tauro propior: quaeque ardua tota, Et gradiens ima verrit vestigia cauda.
Oder ein schönes Füllen; LAOKOON. XVII, 129 ' Uli ardua cervix Argutumque caput, brevis alvus, obesaque terga; Luxuriatque toris animosum pectus, etc.^ ' Denn wer sieht nicht, dass dem Dichter hier mehr an der Auseinandersetzung der Theile, als an dem Ganzen gelegen 5 gewesen? Er will uns die Kennzeichen eines schönen Fül- lens, einer tüchtigen Kuh zuzählen, um uns in den Stand zu setzen, nachdem wir deren mehrere oder wenigere antreffen, von der Güte der einen oder des andern urtheilen zu können; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein lebhaftes Bild 10 leicht zusammen fassen lassen, oder nicht, das konnte ihm sehr gleichgültig sein.
Ausser diesem Gebrauche sind die ausführlichen Gemälde körperlicher Gegenstände, ohne den oben erwähnten Ho- merischen Kunstgriff, das Coexistirende derselben in ein 15 wirkliches Successives zu verwandeln, jederzeit von den feinsten Richtern für ein frostiges Spielwerk erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehöret. Wenn der poetische Stümper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so fängt er an, einen Hain, einen Altar, einen durch anmuthige Fluren 20 sich schlängelnden Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu malen: ' Lucus et ara Dianae, Et properantis aquae per amoenos ambitus agros, Aut flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcusV 25 Der männliche Pope sähe auf die malerischen Versuche seiner poetischen Kindheit mit grosser Geringschätzung zu- rück. Er verlangte ausdrücklich, dass wer den Namen eines Dichters nicht unwürdig führen wolle, der Schilderungs- sucht so früh wie möglich entsagen müsse, und erklärte 30 K 130 LAOKOOX. XVII.
ein bloss malendes Gedicht für ein Gastgebot auf lauter Brühen \ Von dem Herrn von Kleist kann ich versichern, dass er sich auf seinen Frühling das wenigste einbildete. Hätte er länger gelebt, so würde er ihm eine ganz andere 5 Gestalt gegeben haben. Er dachte darauf, einen Plan hinein zu legen, und sann auf INIittel, wie er die INIenge von Bildern, die er aus dem unendlichen Räume der verjüngten Schöpfung, auf Gerathewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben schien, in einer natürlichen Ordnung vor seinen Augen 10 entstehen und auf einander folgen lassen wolle. Er würde zugleich das gethan haben, was Marmontel, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen, mehreren deutschen Dich- tern gerathen hat; er würde aus einer mit Empfindungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern, eine mit Bildern 15 nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen ge- macht habend * Prologuc to the Satires, ver. 340: ' That not in Fancy's maze he wander'd long, But stoop'd to Truth, and moraliz'd bis seng.'
' who could take offence, While pure Desciiplion held the place of Sense?' Die Anmerkung, welche Warburton über die letzte Stelle macht, kann für eine authentische Erklärung des Dichters selbst gelten: ' He uses PURE equivocally, to signify either chaste or empty; and has given in this line vvhat he esteemed the true Character of descriptive Poetry, as it is callcd. A composition, in his opinion, as absurd as a feast made up of sauces. The use of a picturesque imagination is to brighten and adorii good sense; so that to employ it only in Description, is like childrcn's delighting in a prism for the sake of its gaudy colours; which when frugally managed, and artlully disposed, might be made to repre- sent and illustrate the noblest objects in nature.' Sowohl der Dichter als Commentator scheinen zwar die Sache mehr auf der moralischen, als kunstmässigen Seite betrachtet zu haben. Doch desto besser, dass sie von der einen eben so nichtig als von der andern erscheinet.
'■^ Poetique rran9aise, t. ii. p. 501: ' J'ecrivais ces reflexions aN'ant que les essais des AUemands dans ce genre (l'Egloguel fiissent connus parmi nous. Ils ont execute ce que j'avais con9u; et s'ils parviennent a donner plus au moral et nioins au detail des pcintures physiques, ils excelleront dans ce genrc, plus richc, ]ilus vaste, plus fecond, et intiniment plus naturel et plus moral que celui de la galanterie champetre.'
LAOKOON. XVI IL I31 XVIII.
ARGUMENT.
It is true that succession of time is the department of the poet and Space that of the painter, and that the two arts ought not to encroach on one another. Yet circumstances may force them to take certaiu liberties with each other, and to make invasions into each cther's domain. In great historical pictures, e. g. the single moment to which the painter is tied, must frequently be extended; and in poetry several descriptive epithets are used foUowing one another in such rapid suc- cession that \ve fancy we hear them all at once. In this respect Homer has a great advantage over modern poets owing to the peculiarity of the construction of the Greek language.
The description of the shield of Achilles forms no exception to the rule that Homer avoids lengthy descriptions, as he does not describe it when completed, but teils the story of its making under the skilful hands of Vulcan. Owing to this device the description of the shield is intimately connected with the whole narrative. Virgil, who imitates Homer in the description of the shield of Aeneas, remains far below bis model. He gives us a tedious detailed description of the shield when finished, which is in no way interwoven with his subject, — it is an Inter- polation invented by the courtier to flatter the Roman emperor.
Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Aus- malungen körperlicher Gegenstände verfallen sein? — Ich will hoffen, dass es nur sehr wenige Stellen sind, auf die man sich desfalls berufen kann; und ich bin versichert, dass auch diese wenigen Stellen von der Art sind, dass sie die 5 Regel, von der sie eine Ausnahme zu sein scheinen, vielmehr bestätigen.
Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiete des Dichters, so wie der Raum das Gebiete des Malers.
Zwei nothwendig entfernte Zeitpunkte in ein und eben 10 dasselbe Gemälde bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der Sabinischen Jungfrauen, und derselben Aussöhnung ihrer Ehemänner mit ihren Anverwandten; oder wie Titian die 132 LAOKOON. XVIII.
ganze Geschichte des verlorenen Sohnes, sein liederliches Leben und sein Elend und seine Reue: heisst ein Eingriff des Malers in das Gebiete des Dichters, den der gute Ge- schmack nie billigen wird. 5 Mehrere Theile oder Dinge, die ich nothwendig in der Natur auf einmal übersehen muss, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser nach und nach zuzählen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen zu wollen: heisst ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des 10 Malers, wobei der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet. *^ Doch, so wie zwei billige freundschaftliche Nachbarn zwar nicht verstatten, dass sich einer in des andern in- nerstem Reiche ungeziemende Freiheiten herausnehme, wohl 15 aber auf den äussersten Grenzen eine wechselseitige Nach- ?^,/^,^-ot^ sjcht herrschen lassen, welche die kleinen Eingriffe, die der'^ •^^-^^ X^ eine in des andern Gerechtsame in der Geschwindigkeit sich durch seine Umstände zu thun genöthiget siehet, friedlich von beiden Theilen compensiret: so auch die Malerei und 20 Poesie.
Ich will in dieser Absicht nicht anführen, dass in grossen historischen Gemälden der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist, und dass sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stück findet, in welchem jede Figur 25 vollkommen die Bewegung und Stellung hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die eine hat eine etwas frühere, die andere eine etwas spätere. Es ist dieses eine Freiheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der Anordnung rechtfertigen muss, durch die Verwendung ■ "^(V 30 oder Entfernung seiner Personen, die ihnen an dem was vorgehet, einen mehr oder weniger augenblicklichen Antheil zu nehmen erlaubet. Ich will mich blos einer Anmerkung bedienen, welche Herr ]\Iengs über die Drapperie des Raphaels LAOKOON. XVIII. 133 macht '. ' Alle Falten,' sagt er, ' haben bei ihm ihre Ursachen, sei es durch ihr eigen Gewicht, oder durch die Ziehung der Glieder. Manchmal siehet man in ihnen, wie sie vorher gewesen; Raphael hat auch sogar in diesem Bedeutung gesucht. Man siehet an den Falten, ob ein Bein oder Arm 5 vor dieser Regung vor oder hinten gestanden, ob das Glied von Krümme zur Ausstreckung gegangen, oder gehet, oder ob es ausgestreckt gewesen, und sich krümmet.' Es ist unstreitig, dass der Künsder in diesem Falle zwei verschiedene Augenblicke in einen einzigen zusammen bringt. Denn da 10 dem Fusse, welcher hinten gestanden und sich vor bewegt, der Theil des Gewands, welches auf ihm liegt, unmittelbar folgt, das Gewand wäre denn von sehr steifem Zeuge, der aber eben darum zur Malerei ganz unbequem ist: so giebt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im gering- 15 sten eine andere Falte machte, als es der jetzige Stand des Gliedes erfordert; sondern lässt man es eine andere Falte machen, so ist es der vorige Augenblick des Gewandes und der jetzige des Gliedes. Dem ohngeachtet, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der seinen Vortheil dabei 20 findet, uns diese beiden Augenblicke zugleich zu zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr rühmen, dass er den Verstand und das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um eine grössere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen? 25 Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschrei- tende Nachahmung e;rlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine einzige Seite, eine einzige Eigenschaft seiner körper- lichen Gegenstände zu berühren. Aber wenn die glückliche EinricMung seiner Sprache ihm dieses mit einem einzigen 3° ^^^^^ Worte zu thun verstattet: warum sollte er nicht auch dann • Gedanken über die Schönheit und über den Geschmack in der Malerei, s. 69. [Neue Ausgabe bei Ph. Reclam, s. 54.]
134 LAOKOON. XVHT.
und wann ein zweites solches Wort hinzufügen dürfen? Warum nicht auch, wann es die Mühe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar ein viertes? Ich habe gesagt, dem Homer sei z. E. ein Schiff entweder nur das schwarze Schiff", oder das 5 hohle Schiff", oder das schnelle Schiff, höchstens das wohl- beruderte schwarze Schiff. Zu verstehen von seiner jManier überhaupt. Hier und da findet sich eine Stelle, wo er das dritte malende Epitheton hinzusetzt: Y,.a\inv\a KVKKa,;)^aX»cea, oKTdKvrjua ^, runde, eherne, achtspeichigte Räder. Auch das 10 vierte: daTriba TTauTocre Xar]v [/. nävToa elcrrjv], koAij!», xakKelrju, (^r]\aTov^, ein Überall glattes, schönes, ehernes, getriebenes ^ ^"^^^"'^ Schild. Wer wird ihn darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Ucppigkeit nicht vielmehr Dank wissen, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen schicklichen ^^^^^^ 15 Stellen haben kann?
Des Dichters sowohl als des INIalers eigentliche Recht- fertigung hierüber will ich aber nicht aus dem vorange- schickten Gleichnisse von zwei freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein blosses Gleichniss beweiset und 20 rechtfertigt nichts. Sondern dieses muss sie rechtfertigen: so wie dort bei dem Maler die zwei verschiedenen Augenblicke so nahe und unmittelbar an einander grenzen, dass sie ohne Anstoss für einen einzigen gelten können; so folgen auch hier bei dem Dichter die mehreren Züge für die verschiedenen 25 Theile und Eigenschaften im Räume in einer solchen ge- drängten Kürze so schnell aufeinander, dass wir sie alle auf einmal zu hören glauben.
Und hierin, sage ich, kömmt dem Homer seine vortreffliche Sprache ungemein zu Statten. Sie lasst ihm nicht allein alle 30 mögliche Freiheit in Häufung und Zusammensetzung der Beiwörter, sondern sie hat auch für diese gehäuften Beiwörter LAOKOON. XV in. 135 eine so glückliche Ordnung, dass der nachtheiligen Suspen- |öI31Xj^ sion ihrer Beziehung dadurch abgeholfen wird. An einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten fehlt es den neuern Sprachen durchgängig. Diejenigen, als die französische, welche z. E. jenes KajuTruXa KVK\a,;;^aX/<en, oKTUKvrjfia umschreiben 5 müssen: ' die runden Räder, welche von Erz waren und acht Speichen hatten,' drücken den Sinn aus, aber vernichten das Gemälde. Gleichwohl ist der Sinn hier nichts, und das Gemälde alles; und jener ohne dieses macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwätzer. Ein Schicksal, das 10 den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften Frau Dacier oft betroffen hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann z.war die Homerischen Beiwörter meistens in eben so kurze gleichgeltende Beiwörter verwandeln, aber die vortheil- hafte Ordnung derselben kann sie der griechischen nicht 15 nachmachen. Wir sagen zwar ' die runden, ehernen, acht- speichigten,'.. aber ' Räder ' schleppt hinten nach. Wer empfindet nicht, dass drei verschiedne Prädicate, ehe wir das Subject erfahren, nur ein schwankes verwirrtes Bild machen können? Der Grieche verbindet das Subject gleich mit dem 20 ersten Prädicate, und lässt die andern nachfolgen; er sagt: ' runde Räder, eherne, achtspeichigte.' So wissen wir mit eins, wovon er redet, und werden, der natürlichen Ordnung des Denkens gemäss, erst mit dem Dinge, und dann mit seinen Zufälligkeiten bekannt. Diesen Vortheil hat unsere 25 Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn nur selten ohne Zweideutigkeit nutzen? Beides ist eins, t/^-^^"*^ Denn wenn wir Beiwörter hintennach setzen wollen, so müssen sie im 'statu absoluto' stehen; wir müssen sagen: runde Räder, ehern und achtspeichigt. Allein in diesem 3° 'statu' kommen unsere Adjcctiva völlig mit den Adverbiis o^"-*^ überein, und müssen, wenn man sie als solche zu dem nach- " sten Zeitworte, das von dem Dinge prädiciret wird, ziehet, 136 LAOKOON. XVIII.
nicht selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn verursachen.
Doch ich halte mich bei Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild vergessen zu wollen; das Schild des Achilles; 5 dieses berühmte Gemälde, in dessen Rücksicht vornehmlich Homer vor Alters als ein Lehrer der Malerei ' betrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch wohl ein einzelner körperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach seinen Theilen neben einander, dem Dichter nicht vergönnt 10 sein soll? Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert prächtigen Versen, nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die ungeheure Fläche desselben füllten, so umständlich, so genau be- schrieben, dass es neuern Künstlern nicht schwer gefallen.
15 eine in allen Stücken übereinstimmende Zeichnung darnach zu machen.
Ich antworte auf diesen besondern Einwurf, — dass ich be- reits darauf geantwortet habe. Homer malet nämlich das Schild nicht als ein fertiges vollendetes, sondern als ein wer- 20 dendes Schild. Er hat also auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das Coexistirende seines Vorwurfs in ein Consecutives zu verwandeln, und dadurch aus der lang- weiligen JNIalerei eines Körpers das lebendige Gemälde einer Handlung zu machen. "Wir sehen nicht das Schild, sondern 25 den göttlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amboss, und nachdem er die Platten aus dem gröbsten geschmiedet, schwellen die Bilder, die er zu dessen Auszierung bestimmet. vor unsern Augen, eines nach dem andern, unter seinen 30 feinern Schlägen aus dem Erze hervor. Eher verlieren wir ihn nicht wieder aus dem Gesichte, bis alles fertig ist. Nun * Dionysius Halicarnass. in Vita Homeri apud Th. Gale in Opnsc. Mythol. p. 401.
LAOKOON. XVIII. 137 ist es fertig, und wir erstaunen über das Werk, aber mit dem gläubigen Erstaunen eines Augenzeugen, der es machen sehen.
Dieses lässt sich von dem Schilde des Aeneas beim Virgil nicht sagen. Der römische Dicliter empfand entweder die 5 Feinheit seines Musters hier nicht, oder die Dinge, die er auf sein Schild bringen wollte, schienen ihm von der Art zu sein, dass sie die Ausführung vor unsem Augen nicht wohl ver- statteten. Es waren Prophezeiungen, von welchen es freilich unschicklich gewesen wäre, wenn sie der Gott in unserer 10 Gegenwart eben so deutlich geäussert hätte, als sie der Dichter hernach ausleget. Prophezeiungen, als Prophezei- ungen, verlangen eine dunkele Sprache, in welche die,. eigentlichen Namen der Personen aus der Zukunft, dje sie '''^;;;^<^ betreffen, nicht passen. Gleichwohl lag an diesen wahrhaften 15 Namen, allem Ansehen nach, dem Dichter und Hofmanne hier das Meiste \ Wenn ihn aber dieses entschuldiget, so