' Ich finde, dass Serv'ius dem Virgil eine andere EntscTiuldigring leihet. Denn auch Servius hat den Unterschied, der zwischen beiden Schilden ist, bemerkt: ' Sane interest inter hunc et Homeri clypeum: illic enim singula dum fiunt narrantur; hie vero perfecto opere noscuntur: nam et hie arma prius accipit Aeneas, quam spectaret; ibi postquam omnia narrata sunt, sie a Thelide defemntur ad Ächillt-m,' (ad ver. 625, Hb. viii. Aeneid.). Und warum dieses? Darum, meint Serv-ius, weil auf dem Schilde des Aeneas nicht bloss die wenigen Begebenheiten, die der Dichter anführet, sondern ' genus omne futurae Stirpis ab Ascanio, pugnataque in ordine bella' [viii. 628 sq.] abgebildet waren. Wie wäre es also möglich gewesen, dass mit eben der Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten musste, der Dichter die ganze lange Reihe von Nachkommen hätte namhaft machen, und alle von ihnen nach der Ordnung geführte Kriege hätte er\vähnen können? Dieses ist der Verstand der etwas dunkeln Worte des Servius: ' Opportune ergo Virgilius, quia non videtur simul et narrationis celeritas potuiäse connecti, et opus tam velociter expediri, ut ad verbum posset occurrere.' Da Virgil nur etwas weniges von dem 'non enarrabile texto clypei ' beibringen konnte, so konnte er es nicht während der Arbeit des Vulkanus selbst thun; sondern er musste es versparen, bis alles fertig war. Ich wünschte für den Virgil sehr, dieses Raisonne- 138 LAOKOOX. XVIII.
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hebt es darum nicht auch die üble Wirkung auf, welche seine Abweichung von dem Homerischen Wege hat. Leser von einem feinern Geschmacke werden mir Recht geben. Die Anstalten, welche Vulkan zu seiner Arbeit macht, 5 sind bei dem Virgil ungefähr eben die, welche ihn Homer machen lässt. Aber anstatt dass wir bei dem Homer nicht bloss die Anstalten zur Arbeit, sondern auch die Arbeit selbst zu sehen bekommen, lässt Virgil, nachdem er uns nur den geschäftigen Gott mit seinen Cyklopen überhaupt to gezeiget, 'Ingentem clypeum Informant...Alii ventosis follibus auras Accipiunt, redduntque: alii stridentia tingunt Aera lacu. Gemit impositis incudibus antrum. 15 HU inter sese multa vi brachia tollunt In numerum, versantque tenaci forcipe massam V den Vorhang auf einmal niederfallen, und versetzet uns in eine ganz andere Scene, von da er uns allmählich in das Thal bringt, in welchem die Venus mit den indess fertig 20 gewordenen Waffen bei dem Aeneas anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet, hebt sich die Beschreibung oder das Gemälde des Schildes an, welches durch das ewige: Hier ist, und Da 25 ist, Nahe dabei stehet, und Nicht weit davon siehet man — so ment des Sen-ins wäre ganz ohne Gnind; meine Entschuldigimg würde ihm weit rühmlicher sein. Denn wer hiess ihm, die ganze römische Geschichte auf ein Schild bringen? Mit wenig Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegrifte von allem, was in der Welt vorgeht. Scheinet es nicht, als ob Virgil, da er den Griechen nicht in den Vor- würfen und in der Ausführung der Gemälde übertreffen können, ihn wenigstens in der Anzahl derselben übertreffen wollen? Und was wäre kindischer gewesen?
LAOKOON. XV in. 139 kalt und langweilig wird, dass alle der poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nöthig war, um es uns nicht unerträglich finden zu lassen. Da dieses Gemälde hier- nächst nicht Aeneas macht, als welcher sich an den blossen Figuren ergötzet, und von der Bedeutung derselben nichts 5 weiss, '.. rerumque ignarus imagine gaudet' [viii. 730]; auch nicht Venus, ob sie schon von den künftigen Schicksalen ihrer lieben Enkel vermuthlich eben so viel wissen musste, als der gutwillige Ehemann; sondern da es aus dem eigenen 10 Munde des Dichters kömmt: so bleibt die Handlung offen- bar während demselben stehen. Keine einzige von seinen Personen nimmt daran Theil; es hat auch auf das Folgende nicht den geringsten Einfluss, ob auf dem Schilde dieses oder etwas anderes vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet 15 überall durch, der mit allerlei schmeichelhaften Anspielungen seine Materie aufstutzet, aber nicht das grosse Genie, das sich auf die eigene innere Stärke seines Werkes verlässt, und alle äussere Mittel, interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Aeneas ist folglich ein wahres Einschiebsel, einzig 20 und allein bestimmt, dem Nationalstolze der Römer zu schmeicheln; ein fremdes Bächlein, das der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen. Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen frucht- baren Bodens; denn ein Schild musste gemacht werden, 25 und da das Nothwendige aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmuth kömmt, so musste das Schild auch Verzie- rungen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als blosse Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie uns nur bei Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und 3° dieses Hess sich allein in der Manier des Homers thun. Homer lässt den Vulkan Zierraten künsteln, weil und indem 140 LAOKOON. XIX.
er ein Schild machen soll, das seiner würdig ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zierraten machen zu lassen, da er die Zierraten für wichtig genug hält, um sie besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig 5 ist.
XIX.
ARGUMENT.
Homer's description of the shield of Achilles has been blamed by some critics who maintain that it could not have contained so many scenes and figures. To refute this objection Boivin had the shield drawn, Lut as he did not understand the poet, he produced many more pictures than Homer's shield was meant to contain. When Homer describes' one of the scenes represented on the shield he does not bind himself to the single moment that is actually represented, but he makes iise of the advantage of the poet mentioned above, to extend his de- scription over the time preceding and subsequent to the single moment which is the subjcct of the picture. The artist who executed the shield had, of course, chosen only the most pregnant moment in each scene, producing as great an Illusion as his art admitted. Keeping this in mind we shall come to the result, that Homer has not drawn more than ten distinct pictures. Boivin divided each of these into two or three in proportion to the number of moments he could discover in Homer's narrative. Pope accepted the division of Boivin and greatly praised his pictures; he even discovered that the law of perspective had been faithfuUy observed in them; this, however, is of much later origin, having been discovered by the scene-painters, and was hardly ever faithfully adhered to by ancient artists.
Die Einwürfe, welche der ältere Skaliger, Perrault, Terras- son und andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Ebenso bekannt ist das, was Dacier, Boivin und Pope darauf antworten. I\Iich dünkt aber, dass diese lo letztern sich manchmal zu weit einlassen, und, in Zuversicht auf ihre gute Sache, Dinge behaupten, die eben so unrichtig LAOKOON. XIX. 141 sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters bei- tragen.
Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, dass Homer das Schild mit einer Menge Figuren anfülle, die auf dem Umfange desselben unmöglich Raum haben könnten, unter- 5 nahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen Masse '^^^j^-<^iy<-<^<^ zeichnen zu lassen. Sein Einfall mit den verschiedenen concentrischen Zirkeln ist sehr sinn_reich, obschon die Worte ^^■^-'^a--'--'-*^ des Dichters nicht den geringsten Anlass dazu geben, auch sich sonst keine Spur findet, dass die Alten auf diese Art 10 abgetheilte Schilder gehabt haben. Da es Homer selbst (j6.K0i 7;avT0(Ti de8ai8aXiJ.(vov, ein auf allen Seiten künstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so würde ich lieber, um mehr Raum auszusparen, die concave Fläche mit zu Hülfe ge- nommen haben; denn es ist bekannt, dass die alten Künstler 15 diese nicht leer Hessen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset \ Doch nicht genug, dass sich Boivin dieses Vortheils nicht bedienen wollte; er vermehrte auch ohne Noth die Vorstellungen selbst, denen er auf dem sonach um die Hälfte verringerten Räume Platz verschaffen musste, 20 indem er das, was bei dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist, in zwei bis drei besondere Bilder zertheilte. Ich weiss wohl, was ihn dazu bewog; aber es hätte ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt dass er sich bemühte, den Forderungen seiner Gegner eine Genüge zu leisten, hätte er 25 ihnen zeigen sollen, dass ihre Forderungen unrechtmässig wären.
Ich werde mich an einem Beispiele fasslicher erklären ^-^-^^ji-^Xi^ können. Wenn Homer von der einen Stadt sagt -: ^ *...Scuto eius, in quo [/. sed in scuto eins] Amazonum praelinm caelavit intumescente ambitu parmae; eiusdem concava parte Dcorum et Gigantum dimicationcm [/. diniicationes].' Pliuius, lib. x.\.\vi. sect. 4.
142 LAOKOON. XIX.
TdiatP iTTfiT r'j'icrcTov, dp-oißrjbls 8 «öiKafoi/ [/, Se 8iKa^ov\. KeiTO 8' ap' eV pftrcroKTi dvai xpvaolo raKavra..
SO, glaube ich, hat et nicht mehr als ein einziges Gemälde angeben wollen: das Gemälde eines öffendichen Rechts- 15 handeis über die streitige Erjegung einer ansehnlichen Geldbusse für einen verübten Todtschlag. Der Künstler, der diesen Vorwurf ausführen soll, kann sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben zu Nutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder 20 der Abhörung der Zeugen, oder des Urthelspruches, oder welchen er sonst, vor oder nach, oder zwischen diesen Augenblicken, für den bequemsten hält. Diesen einzigen Augenblick macht er so prägnant wie möglich, und führt ihn mit allen den Täuschungen aus, welche die Kunst in Dar- 25 Stellung sichtbarer Gegenstände vor der Poesie voraus hat. Von dieser Seite aber unendlich zurückgelassen, was kann der Dichter, der eben diesen Vorwurf mit Worten malen soll, und nicht gänzlich verunglücken will, anders thun, als dass er sich gleichfalls seiner eigenthümlichen Vortheile bedienet?
30 Und welches sind diese? Die Freiheit, sich sowohl über das Vergangene als über das Folgende des einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das Vermögen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Künstler zeiget.
LAOKOON. XIX. 143 sondern auch das, was uns dieser nur kann errathen lassen. Durch diese Freiheit, durch dieses Vermögen, allein kömmt der Dichter dem Künstler wieder bei, und ihre Werke werden einander alsdann am ähnlichsten, wenn die Wirkung der- selben gleich lebhaft ist; nicht aber, wenn das eine der 5 Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger beibringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem Grundsatze hätte Boivin die Stelle des Homers beurtheilen sollen, und er würde nicht so viel besondere Gemälde daraus gemacht haben, als verschiedene Zeitpunkte er darin zu 10 bemerken glaubte. Es ist wahr, es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemälde verbunden sein; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der Zeugen und der Zuruf des getheilten Volkes, das Bestreben der Herolde, den Tumult zu stillen, und die 15 Aeusserungen der Schiedsrichter, sind Dinge, die aufeinander folgen und nicht nebeneinander bestehen können. Doch was, um mich mit der Schule auszudrücken, nicht ' actu ' in dem Gemälde enthalten war, das lag ' virtute ' darin, und die einzige wahre Art, ein materielles Gemälde mit Worten 20 nachzuschildern, ist die, dass man das Letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und sich nicht in den Schranken der Kunst hält, innerhalb welchen der Dichter zwar die Data zu einem Gemälde herzählen, aber nimmermehr ein Gemälde selbst hervorbringen kann. 25 Gleicherweise zertheilt Boivin das Gemälde der belagerten Stadt ^ in drei verschiedene Gemälde. Er hätte es eben so wohl in zwölfe theilen können, als in drei. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht fasste und von ihm verlangte, dass er den Einheiten des materiellen Gemäldes sich unter- 3° werfen müsse: so hätte er weit mehr Uebertretungen dieser Einheiten finden können, dass es fast nöthig gewesen wäre, 144 laokoon: XIX, jedem besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu bestimmen. IMeines Erachtens aber hat Homer überhaupt nicht mehr als zehn verschiedene Gemälde auf dem ganzen Schilde, deren jedes er mit einem eV \i.e.v 5 eTfv^e, oder ev 8e Trolrja-e, oder ev S' erißei, oder eV 6« TTOiKiWe 'Afjicfyiyvrjfis anfängt'. Wo diese Eingangsworte nicht stehen, hat man kein Recht, ein besonderes Gemälde anzunehmen; im Gegentheil muss alles, was sie verbinden, als einziges betrachtet werden, dem nur bloss die willkürliche Concentralo tion in einen einzigen Zeitpunkt mangelt, als welche der Dichter anzugeben keinesweges gehalten war. Vielmehr, hätte er ihn angegeben, hätte er sich genau daran gehalten, hätte er nicht den geringsten Zug einfliessen lassen, der in der wirklichen Ausführung nicht damit zu verbinden wäre; 15 mit einem Worte, hätte er so verfahren, wie seine Tadler es verlangen: es ist wahr, so würden diese Herren an ihm nichts auszusetzen, aber in der That auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden haben.
Pope Hess sich die Eintheilung und Zeichnung des Boivin 20 nicht allein gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz be- sonders zu thun, wenn er nunmehr auch zeigte, dass ein jedes dieser so zerstückten Gemälde nach den strengsten Regeln der heutiges Tages üblichen Malerei angegeben sei. Contrast, Perspectiv, die drei Einheiten; alles fand er darin 25 auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar w^ohl wusste, dass zu Folge guter glaubwürdiger Zeugnisse, die Malerei zu den Zeiten des Trojanischen Krieges noch in der Wiege * Das erste fängt an mit der 483sten Zeile, und geht bis zur 4S9sten; das zweite von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von 541-549; das fünfte von 550-560; das sechste von 561-572; das siebente von 573-586; das achte von 5S7-5S9; das neunte von 590-605, und das zehnte von 606-608. Bloss das dritte Gemälde hat die angegebenen Eingangsworte nicht; es ist aber aus den bei dem zweiten, iv 5i Svw noirjat iröXtis, und aus der Beschaffenheit der Sache selbst, deutlich genug, dass es ein besonderes Gemälde sein niuss.
LAOKOON. XIX. 145 gewesen, so musste doch entweder Homer, vermöge seines göttlichen Genies, sich nicht sowohl an das, was die Malerei damals oder zu seiner Zeit leisten konnte, gehalten, als vielmehr das errathen haben, was sie überhaupt zu leisten im Stande sei; oder auch jene Zeugnisse selbst mussten so 5 glaubwürdig nicht sein, dass ihnen die augenscheinliche Aussage des künstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag annehmen, wer da will; dieses wenig- stens wird sich niemand überreden lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die blossen Data der la Historienschreiber weiss. Denn dass die Malerei zu Homers Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht bloss deswegen, weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urlheilet, dass sie viele Jahrhunderte nachher 15 noch nicht viel weiter gekommen, und z. E. die Gemälde eines Polygnotus noch lange die Probe nicht aushalten, welche Pope die Gemälde des Homerischen Schildes bestehen zu können glaubt. Die zwei grossen Stücke dieses Meisters zu Delphi, von welchen uns Pausanias eine so umständliche 20 Beschreibung hinterlassen ', waren offenbar ohne alle Per- spectiv. Dieser Theil der Kunst ist den Alten gänzlich abzusprechen, und was Pope beibringt, um zu beweisen, dass Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweist weiter nichts, als dass ihm selbst nur ein sehr unvollständiger 25 Begriff davon beigewohnt ^ ' Homer,' sagt er, ' kann kein ' rhocic. lib. X. cap. xxv-xxxi.
' Um zu zeigen, dass dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will ich den Anfang der folgenden aus ihm angeführten Stelle (Iliad, vol. v. Obs. p. 61) in der Grundsprache anführen: ' That he was no stranger to aerial Perspective, appears in his expressly marking the distance of object from object: he teils us,' &c. Ich sage, hier hat Pope den Ausdruck ' aerial Perspective,' die Luftperspectiv ('Perspective aerienne') ganz unrichtig gebraucht, als welche mit den nach Massgebung der Ent- fernung verminderten Grössen gar nichts zu thun hat, sondern unter der L 146 LAOKOON. XIX.
Fremdling in der Perspectiv gewesen sein, weil er die Entfernung eines Gegenstandes von dem andern ausdrück- lich angiebt. Er bemerkt z. E., dass die Kundschafter ein wenig weiter als die andern Figuren gelegen, und dass die 5 Eiche, unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet worden, bei Seite gestanden. Was er von dem mit Heerden und Hütten und Ställen übersäeten Thale sagt, ist augen- scheinlich die Beschreibung einer grossen perspectivischen Gegend. Ein allgemeiner Beweisgrund dafür kann auch 10 schon aus der Menge der Figuren auf dem Schilde gezogen werden, die nicht alle in ihrer vollen Grösse ausgedrückt werden konnten; woraus es denn gewissermassen unstreitig, dass die Kunst, sie nach der Perspectiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon bekannt gewesen.' Die blosse Beobach- 15 tung der optischen Erfahrung, dass ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Nähe, macht ein Gemälde noch lange nicht perspectivisch. Die Perspectiv erfordert einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natürhchen Gesichts- kreis, und dieses war es, was den alten Gemälden fehlte.
20 Die Grundfläche in den Gemälden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach hinten zu so gewaltig in die Höhe gezogen, dass die Figuren, welche hinter einander zu stehen scheinen sollten, über einander zu stehen schienen. Und wenn diese Stellung der verschiednen Figuren und ihrer 35 Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten Basreliefs, wo die hintersten allezeit höher stehen als die vordersten, und über sie wegsehen, sich schliessen lasst: so ist es natürlich, dass man sie auch in der Beschreibung des Homers annimmt, und diejenigen von seinen Bildern, die sich nach 30 selbiger in Ein Gemälde verbinden lassen, nicht unnöthigerman lediglich die Schwächung und Abänderung der Farben nach Beschaffenheit der Luft oder des Mcdii, durch welches wir sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen konnte, dem war es erlaubt, von der ganzen Sache nichts zu w issen.
LAOKOON. XX. 147 weise trennet. Die doppelte Scene der friedfertigen Stadt, durch deren Strassen der fröhliche Aufzug einer Hochzeitfeier ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Prozess ent- schieden ward, erfordert diesem zu Folge kein doppeltes Gemälde, und Homer hat es gar wohl als ein einziges 5 denken können, indem er sich die ganze Stadt aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, dass er die freie Aussicht zugleich in die Strassen und auf den Markt dadurch erhielt.
Ich bin der Meinung, dass man auf das eigentliche Per- spectivische in den Gemälden nur gelegendich durch die 10 Scenenmalerei gekommen ist; und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muss es noch nicht so leicht gewesen sein, die Regeln derselben auf eine einzige Fläche anzuwenden, indem sich noch in den spätem Gemälden unter den Alterthümern des Herculanums so häufige und 15 mannichfaltige Fehler gegen die Perspectiv finden, als man jetzo kaum einem Lehrlinge vergeben würde ^.
Doch ich entlasse mich der Mühe, meine zerstreuten Anmerkungen über einen Punkt zu sammeln, über welchen ich in des Herrn Winckelmanns versprochener Geschichte der 20 Kunst die völligste Befriedigung zu erhalten hoffen darf ^ XX.
ARGUMENT.
The adeqnate description of beautiful bodily objects does not lie in the power of the poet. Exhibiting the component parts of these only in succession, he is unable to produce the efTect which the painter pro- duces who arranges them in close nnion on bis canvas. Conscious of this fact, Homer avoids detailed descriptions of beautiful objects. He never describes Helen; Constantinus Manasses attempts it and fails * Betrachtungen über die Malerei, s. 1S5. ' Geschrieben im Jahre 1 763.
148 LAOKOON. XX.
ludicrously. Even Ariosto in bis much admired description of Alcina is far from giving us a clear idea of the beautiful woman he describes. Anacreon refrains from giving a minute description of bis mistress and of bis favonrite boy Batbyllus. Seeing bis inability to do justice to tbem in words he summons a painter to bis assistance who is to work ander bis direction. Lucian too understood that in the description of beauty where poetry grows speechless, art must Step in to serve as interpreter.
Ich lenke mich vielmehr wieder in meinen Weg, wenn ein Spaziergänger anders einen Weg hat.
Was ich von körperlichen Gegenständen überhaupt gesagt habe, das gilt %'on körperlichen schönen Gegenständen um 5 so viel mehr.
Körperliche Schönheit entspringt aus der übereinstimmen- den Wirkung mannichfaltiger Theile, die sich auf einmal übersehen lassen. Sie erfordert also, dass diese Theile neben einander liegen müssen; und da Dinge, deren Theile neben 10 einander liegen, der eigentliche Gegenstand der INIalerei sind, so kann sie, und nur sie allein, körperliche Schönheit nach- ahmen.
Der Dichter, der die Elemente der Schönheit nur nach- einander zeigen könnte, enthält sich daher der Schilderung 15 körperlicher Schönheit, als Schönheit, gänzlich. Er fühlt es, dass diese Elemente, nach einander geordnet, unmögUch die Wirkung haben können, die sie, neben einander geordnet, haben; dass der concentrirende Blick, den wir nach ihrer Enumeration auf sie zugleich zurück senden wollen, uns 20 doch kein übereinstimmendes Bild gewährt; dass es über die menschliche Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase, und diese Augen zusammen für einen Effect haben, wenn man sich nicht aus der Natur oder Kunst einer ähnlichen Composition solcher Theile 25 erinnern kann.
Auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: LAOKOON. XX. 149 Nireus war schön; Achilles war noch schöner; Helena besass eine göttliche Schönheit. Aber nirgends lässt er sich in die umständlichere Schilderung dieser Schönheiten ein. Gleichwohl ist das ganze Gedicht auf die Schönheit der Helena gebaut. Wie sehr würde ein neuerer Dichter 5 darüber luxurirt haben I Schon ein Constantinus Manasses wollte seine kahle Chronike mit einem Gemälde der Helena auszieren. Ich muss ihm für seinen Versuch danken. Denn ich wüsste wirklich nicht, wo ich sonst ein Exempel auftreiben sollte, 10 aus welchem augenscheinlicher erhelle, wie thöricht es sei, etwas zu wagen, das Homer so weislich unterlassen hat. Wenn ich bei ihm lese ^: * Constantinus Manasses Compend. Chron. ver. 11 57. p. 20. Edit. Venet., p. 51, Bonn. Die Fr. Dacier war mit diesem Portrait des Manasses, bis auf die Tautologieen, sehr wohl zufrieden: ' De Helenae pulchritndine omnium optime Constantinus Manasses, nisi in eo tauto- iogiam reprehendas.' (Ad Dictyn Cretensem, lib. i. cap. 3. p. 5.) Sie führet nach dem Mezeriac (Comment. sur les Epitres d'Ovide, t. ü. p. 361) auch die Beschreibungen an, welche Dares Phrygius und Cedrenus (p. 124) von der Schönheit der Helena geben. In der erstem kömmt ein Zug vor, der ein wenig seltsam klingt. Dares sagt nämlich (cap. 12. p. 14, 15, Meister) von der Helena, sie habe ein Mal zwischen den Augenbrauen gehabt: 'notam inter duo supercilia habentem.' Das war doch wohl nichts schönes? Ich wollte, dass die Französin ihre Meinung darüber gesagt hätte. Meines Theils halte ich das Wort ' nota' hier für verfälscht, und glaube, dass Dares von dem reden wollen, was bei den Griechen ytiau^pvuv \xnA bei den Lateinern ' glabella ' hiess. Die Augenbrauen der Helena, will er sagen, liefen nicht zusammen, sondern waren durch einen kleinen Zwischenraum abgesondert. Der Geschmack der Alten war in diesem Punkte verschieden. Einigen gefiel ein solcher Zwischenraum, andern nicht fjunius, de Pictura Vet. lib. iii. cap. 9. p. 245). Anakreon hielt die Mittelstrasse; die Augenbrauen seines geliebten Mädchens waren weder merklich getrennt, noch völlig in einander verwachsen, sie verliefen sich sanft in einem einzigen Punkte. Er sagt zu dem Künstler, welcher sie malen sollte (Od. xxviii. 13 sqq.): Ti fiea6(ppvov Si iiq /mm Aiä/forTTf, firjTe filoyf, 'Ex(T<u 5' oTToiy (KeivT], BXtipdpojy irvf xtXan-i^v.
IjO LAOKOON. XX.
Hl/ t] yvuTj irfptKdyKrji, evo(})pvs, iv\povaTaTrj, "EiTTapeLos [/. (iTräprjosj, (iTrpöcrunros, ßoä/rris, xiovöx^povs^ 'E\iKoß\t(papoi, aßpd, )(aptT(i)u yi\i.ov aXaos, AevKüßpox^iuv, rpv(f)(pd, koWos avriKpvs, fp.iTvo\iv, 5 Tö Trpöaanov /cardXewAcoj/, 17 Trapeiä poSöxpovs, To irpäacüTTOv e7rt;^apt, rö ßXtcfiapov (opaiov^ KoXXof dfeTrmjSfvro»', aßäTmoTov [/. avrd^aTrTovJ, airo^pow, "EßaTTTe TTjv XevKOTTjTa poBö^pia [/. poSd_Ypo(aJ nvpiin] f/. TTvp- 10 'Qs et 7is tÖv fKfC^avra ßä'^fi Xafnrpä 7rop(f)ipq. AiipT] p.aKpd KaraktvKos, cdev (pLvöovpyrjOrf KvKvoyfvq TTjv evoiTTOP 'Ekevrjv;^pT;/iaTj^€ii'...SO dünket mich, ich sehe Steine auf einen Berg wälzen, aus welchen auf der Spitze desselben ein prächtiges Gebäude 15 aufgeführet werden soll, die aber alle auf der andern Seite von selbst wieder herabrollen. Was für ein Bild hinterlässt er, dieser Schwall von Worten? Wie sähe Helena nun aus? Werden nicht, wenn tausend Menschen dieses lesen, sich alle tausend eine eigene Vorstellung von ihr machen?