Alter adhuc nuUo violatus corpora morsu, ^Jt Dum parat adducta caudam divellere planta, - ^^t v>/, '^«''^ Horret ad adspectum miseri patris, haeret in illo, Et iam iam ingentes fletus, lachrj'masque cadentes Anceps in dubio retinet timor. Ergo perenni Qui tantum statuistis opus jam laude nitentes, Artifices magni i^quanquam et melioribus actis,.^ Quaerilur aetemum nomen, multoque licebat '.
Attamen ad laudem quaecunque oblata facultas t*»~f' Egregium hanc rapere, et summa ad fastigia niti. . Vos rigidum lapidem \ivis animare figuris Eximii, et vivos spiranti in marmore sensus Inserere, aspicimus motumque iramque doloremque, Et pene audimus gemitus: vos extulit olim Clara Rhodos, vestrae iacuerunt artis honores Tempore ab immenso, quos rursum in luce secunda Roma videt, celebratque frequens: operisque vctusti Gratia parta recens. Quanto praestantius ergo est Ingenio, aut quons extendcre fata labore, Quam fastus et opes et inanem extendere luxum. (v. Leodegarii a Queren Earrago Poematum, t. ii. p. 63.) Auch Gmter hat dieses Gedicht, nebst andern des Sadolets, seiner bekannten Samm- lung ^Uelic. Poet. Italorum Parte alt. p. 5S2) mit einverleibet; allein sehr fehlerhaft. Für ' bini' (v. 14) liest er 'vivi'; für 'errant' (v. 15\ LAOKOON. VI. 59 LAOKOON. VI. 59 Mich dünket sogar, wenn Virgil die Gruppe zu seinem Vorbilde gehabt hätte, dass er sich schwerlich würde haben massigen können, die Verstrickung aller drei Körper in einen Knoten, gleichsam nur errathen zu lassen. Sie würde sein Auge zu lebhaft gerührt haben, er würde eine zu ö treffliche Wirkung von ihr empfunden haben, als dass sie nicht auch in seiner Beschreibung mehr vorstechen sollte. Ich habe gesagt: es war jetzt die Zeit nicht, diese Ver- strickung auszumalen. Nein; aber ein einziges Wort mehr, würde ihr in dem Schatten, worin sie der Dichter lassen lo musste, einen sehr entscheidenden Druck vielleicht gegeben haben. Was der Artist ohne dieses Wort entdecken konnte, würde der Dichter, wenn er es bei den Artisten gesehen hätte, nicht ohne dasselbe gelassen haben.
Der Artist hatte die dringendsten Ursachen, das Leiden 15 des Laokoon nicht in Geschrei ausbrechen zu lassen. Wenn aber der Dichter die so rührende Verbindung von Schmerz und Schönheit in dem Kunstwerke vor sich gehabt hätte, was hätte ihn eben so unvermeidlich nöthigen können, die Idee von männlichem Anstände und grossmüihiger Geduld, ao welche aus dieser Verbindung des Schmerzes und der Schön- heit entspringt, so völlig unangedeutet zu lassen, und uns auf einmal mit dem grässlichen Geschrei seines Laokoons zu schrecken? Richardson sagt: Virgils Laokoon muss schreien, weil der Dichter nicht sowohl INIitleid für ihn, als 25 Schrecken und Entsetzen bei den Trojanern, erregen will. Ich will es zugeben, obgleich Richardson nicht erwogen zu haben scheinet, dass der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eigenen Person macht, sondern sie den Aeneas machen lässt, und gegen die Dido machen lässt, deren 30 Mitleid Aeneas nicht genug bestürmen konnte. Allein mich befremdet nicht das Geschrei, sondern der Mangel aller Gradation bis zu diesem Geschrei, auf welche das Kunstwerk 6o LAOKOON. VI.
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den Dichter natürlicher Weise hätte bringen müssen, wann er es, wie wir voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabt hätte. Richardson füget hinzu: ^ die Geschichte des Laokoon solle bloss zu der pathetischen Beschreibung der endlichen Zer- 5 Störung leiten; der Dichter habe sie also nicht interessanter machen dürfen, um unsere Aufmerksamkeit, welche diese letzte schreckliche Nacht ganz fordere, durch das Unglück eines einzelnen Bürgers nicht zu zerstreuen. Allein das heisst die Sache aus einem malerischen Augenpunkte be- 1 o trachten wollen, aus welchem sie gar nicht betrachtet werden kann. Das Unglück des Laokoon und die Zerstörung sind bei dem Dichter keine Gemälde neben einander; sie machen beide kein Ganzes aus, das unser Auge auf einmal über- sehen könnte oder sollte; und nur in diesem Falle wäre es 15 zu besorgen, dass unsere Blicke mehr auf den Laokoon, als auf die brennende Stadt fallen dürften. Beider Beschrei- bungen folgen auf einander, und ich sehe nicht, welchen Nachtheil es der folgenden bringen könnte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehr gerührt hätte. Es sei 20 denn, dass die folgende an sich selbst nicht rührend genug wäre.
Noch weniger Ursache würde der Dichter gehabt haben, die Windungen der Schlangen zu verändern. Sie beschäftigen in dem Kunstwerke die Hände, und verstricken die Füsse.
25 So sehr dem Auge diese Vertheilung gefällt, so lebhaft ist das Bild, welches in der Einbildung davon zurückbleibt. Es ist so deutlich und rein, dass es sich durch Worte nicht viel schwächer darstellen lässt, als durch natürUche Zeichen.
* De la Peinture, tome iii. p. 516: 'Cest ThoiTeur que les Troiens ont concue contre Laocoon, qui etait necessaire ä Virgile pour la con- duite de son Poeme; et cela le niene ä cette Description pathetique de la deslruction de la patrie de son Heros. Aussi Virgile n'avait garde de diviser l'altention sur la derniere nuit. pour une graade ville emieie, par la peinture d'un petit malheur d'un Paiticulier.* LAOKOON. VI. 6l '...mlcat alter, et ipsum Laocoonta petit, totumque infraque supraque Implicat et rabido tandem ferit ilia morsu At serpens lapsu crebro redeunte subintrat 5 Lubricus, intortoque ligat genua infima ncdo.* Das sind die Zeilen des Snlodet, die von dem Virgil ohne Zweifel noch malerischer gekommen wären, wenn ein sicht- bares Vorbild seine Phantasie befeuert hätte, und die alsdann besser gewesen wären, als was er uns jetzt dafür giebt: lo 'Bis medium amplexi, bis collo squamca circum Terga dati, superant capite et cervicibus allis.'
Diese Züge füllen unsere Einbildungskraft allerdings; aber sie muss nicht dabei verweilen, sie muss sie nicht aufs reine zu bringen suchen, sie muss jetzt nur die Schlangen, jetzt 15 nur den Laokoon sehen, sie muss sich nicht vorstellen wollen, welche Figur beide zusammen machen. Sobald sie hierauf verfällt, fängt ihr das Virgilische Bild an zu missfallen, und sie findet es höchst unmalerisch.
Wären aber auch schon die Veränderungen, welche Virgil 20 mit dem ihm geliehenen Vorbilde gemacht hätte, nicht unglücklich, so wären sie doch bloss willkürlich. Man ahmet nach, um ähnlich zu werden; kann man aber ähnlich werden, wenn man über die Noth verändert } Vielmehr, wenn man dieses ihut, ist der Voi;satz klar, dass man nicht ähnlich 25 werden wollen, dass man also nicht nachgeahmet habe.
Nicht das Ganze, könnte man einwenden, aber wohl r^^i^ diesen und jenen Theil. Gut; doch welches sind denn diese einzelnen Theile, die in der Beschreibung und in dem Kunstwerke so genau übereinstimmen, dass sie der Dichter 50 aus diesem cnllehnt zu haben scheinen könnte.'' Den Vater, die Kinder, die Schlangen, das alles gab dem Dichter sowohl \^ rf-y-*^ 62 LAOKOON. VIT.
als dem Artisten, die Geschichte. Ausser dem Historischen kommen sie in nichts überein, als darin, dass sie Kinder und Vater in einen einzigen Schlangenknoten verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus dem veränderten Umstände, 5 dass den Vater eben dasselbe Unglück betroffen habe, als die Kinder. Diese Veränderung aber, wie oben erwähnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; derm die grie- chische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wenn in Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf 10 einer oder der andern Seite Nachahmung sein soll, so ist sie wahrscheinlicher auf der Seite der Künstler, als des Dichters zu vermuthen. In allem übrigen weicht einer von dem andern ab; nur mit dem Unterschiede, dass wenn es der , j.j^Künstler ist, der die Abweichungen gemacht hat, der Vorsatz 15 den Dichter nachzuahmen noch dabei bestehen kann, indem ihn die Bestimmung und die Schranken seiner Kunst dazu nöthigten; ist es hingegen der Dichter, welcher dem Künsder nachgeahmt haben soll, so sind alle die berührten Abwei- chungen ein Beweis wider diese vermeintliche Nachahmung, Bo und diejenigen, welche sie dem ohngeachtet behaupten, können weiter nichts damit wollen, als dass das Kunstwerk älter sei, als die poetische Beschreibung.
VII. ARGUMENT.
Two kinds of Imitation are possible in art; either the poet adopts the subject the artist has treated before him and deals with it according to his conception of poetical perfection, or he chooses not only the subject of the artist, but imitates also the way and manner in which the artist treated that subject. In reproducing the thing itself in his o\vn way (the first kind of imitation possible), the poet may still display a great genius; in reproducing an imitation of the thing (the second kind of LAOKOON. VII. 63 LAOKOON. VII. 63 imitation mentioned above), all originality is lost, and the poet ceases to work as a genius. But it may happen that poet and artist represent the same subject without any imitation or rivalry taking place, and coincidences of this kind are highly suggestive of mutual illustrations for the respective arts. We must be on our guard, not to convert a coincidence of this sort into a design, or impute to the poet in every trifling feature a reference to this or that statue or painting. Spence in his Polymetis feil into this error. It is true he mentions some examples wheie works of ancient art may illustrate passages occurring in ancient poets, but he carries this too far in referring to ancient works of art many passages which only express what every poetical mind must have feit in dealing with certain subjeets, thus representing the poets as slavish Imitators of the ancient artists.
Wenn man sagt, der Künstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme dem Künstler nach, so kann dieses zweierlei bedeuten. Entweder der eine macht das Werk des andern zu dem wirklichen Gegenstande seiner Nachahmung, oder sie haben beide einerlei Gegenstände der Nachahmung, und 5 der eine entlehnt von dem andern die Art und Weise es nachzuahmen.
Wenn Virgil das Schild des Aeneas beschreibt, so ahmet er dem Künstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung nach. Das Kunstwerk, nicht das 10 was auf dem Kunstwerke vorgestellet worden, ist der Gegen- stand seiner Nachahmung, und wenn er auch schon das mit beschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so be- schreibt er es doch nur als ein Theil des Schildes, und nicht als die Sache selbst. Wenn Virgil hingegen die 15 Gruppe Laokoon nachgeahmet hätte, so würde dieses eine Nachahmung von der zweiten Gattung sein. Denn er würde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet, nachgeahmet, und nur die Züge seiner Nachahmung von ihr entlehnt haben. 23 Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern ist er Copist. Jene ist ein Theil der allgemeinen 64 LAOKOON. Vir.
Nachahmung, welche das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein Vorwurf mag ein Werk anderer Künste, oder der Natur sein. Diese hingegen setzt ihn gänzlich von seiner Würde herab; anstatt der Dinge 5 selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und giebt uns kalte Erinnerungen von Zügen eines fremden Genies, für ursprüng- hche Züge seines eigenen.
Wenn indess Dichter und Künstler diejenigen Gegenstände, die sie mit einander gemein haben, nicht selten aus dem lo nämlichen Gesichtspunkte betrachten müssen: so kann es nicht fehlen, dass ihre Nachahmungen nicht in vielen Stücken übereinstimmen sollten, ohne dass zwischen ihnen -•'-• selbst die geringste Nachahmung oder Beeijerung gewesen.
Diese Uebereinstimmungen können bei zeitverwandten 15 Künstlern und Dichtern, über Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu wechselsweisen Erläuterungen führen; allein dergleichen Erläuterungen dadurch aufzustutzen suchen, dass man aus dem Zufalle Vorsatz macht, und besonders dem Poeten bei jeder Kleinigkeit ein Augenmerk auf diese 20 Statue, oder auf jenes Gemälde andichtet, heisst ihm einen'' sehr zweideutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, sondern auch dem Leser, dem man die schönste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr deutlich, aber auch trefflich frostig macht.
25 Dieses ist die Absicht und der Fehler eines berühmten englischen Werks. Spence schrieb seinen Polymetis ' mit vieler klassischen Gelehrsamkeit und in einer sehr vertrauten * Die erste Ausgabe ist von 174"; die zweite von 1755 und führet den Titel: ' Polymetis, or an Eiiquiry conceining the Agreement be- tween the Woiks of the Roman Poets, and the Remains of the ancient Artisis, being an Attempt to illustrate them niutually from one another. In ten Books, by the Rev. Mr. Spence. London, printed for Dodsley. fol.' Auch ein Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Wcike gemacht hat, ist bereits mehr als einmal gedruckt worden.
LAOKOON. VIT. 65 Bekanntschaft mit den übergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen die römischen Dichter zu erklären, und aus den Dichtem hinwiederum Aufschlüsse für noch unerklärte alte Kunstwerke herzuholen, hat er öfters glücklich erreicht. Aber dem ohngeachtet behaupte ich, dass 5 sein Buch für jeden Leser von Geschmack ein ganz unerträg- liches Buch sein muss.
Es ist natürlich, dass wenn Valerius Flaccus den geflügelten Blitz auf den römischen Schilden beschreibt, ('Nee primus radios, miles Romane, corusci 10 Fulminis et rutilas scutis diffuderis [/. diffunderis?] alas ') mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke '. Es kann sein, dass Mars in eben der schwe- benden Stellung, in welcher ihn Addison über der Rhea 15 auf einer Münze zu sehen glaubte^, auch von den alten * Val. Flaccus, Hb. vi. ver. 55-6. Polymetis, Dial. vi. p. 50.
* Ich sage es kann sein. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten, dass es nicht ist. — Juvenal redet von den ersten Zeiten der Republik, als man noch von keiner Pracht und Ueppigkeit ^vusste, und der Soldat das erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf seine Waffen ver^vandte (Sat. xv. [/. xi.] ver. 100-107): * Tunc rudis et Graias mirari rescius artes Urbibus eversis praedarum de [/. in] parte reperta Magnorum artificum frangebat pocula miles, Ut phaleris gauderet equus, caelataque cassis Romuleae simulacra ferae mansuescere iussae Impeiii fato, geminos sub rupe Quirinos, Ac nudam effigiem clypeo fulgentis [/. venientis] et hasta, Pendentisque Dei perituro ostenderet hosti.' Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die Meisterstücke grosser Künstler, um eine Wölfin, einen kleinen Romulus und Remus daraus arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmückte. Alles ist verständlich, bis auf die letzten zwei Zeilen, in welchen der Dichter fortfährt, noch ein solches getriebenes Bild auf den Helmen der alten Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, dass dieses Bild der Gott Mars sein soll; aber was soll das Beiwort ' pendentis,' welches er ihm giebt, bedeuten? Rigaltius fand eine alte Glosse, die es durch 'quasi ad iclum se inclinantis' erklärt. Lubinus meinet, das Bild sei auf >■ 66 LAOKOON. VIT.
Waffenschmieden auf den Helmen und Schilden vorgestellt wurde, und dass Juvenal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken hatte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis auf den Addison ein Räthsel für alle Ausleger dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Anne hänge, so habe der Dichter auch das Bild hängend nennen können. Allein dieses ist wider die Construction; denn das zu 'ostenderet' gehörige Subjectum ist nicht ' miles ' sondern ' cassis.' Britanniens will, alles was hoch in der Luft stehe, könne hangend heissen, und also auch dieses Bild über oder auf dem Helme. Einige wollen gar ' perdentis' dafür lesen, um einen Gegen- satz mit dem folgenden ' perituro ' zu machen, den aber nur sie allein schön finden dürften. Was sagt nun Addison bei dieser Ungewissheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre Meinung ist ganz gewiss diese. (S. dessen Reisen, deut. Uebers. s. 249.) ' Da die rö- mischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und kriegerischen Geist ihrer Republik ebbildeten, so waren sie gewohnt, auf ihren Helmen die erste Geschichte des Romulns zu tragen, wie er von einem Gotte erzeugt, und von einer Wölfin gesäuget worden. Die Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich auf die Priesterin llia, oder wie sie andere nennen Rhea Syhia, herablässt, und in diesem Herablassen schien sie über der Jungfrau in der Luft zu schweben, welches denn durch das Wort pendentis sehr eigentlich und poetisch ausgedrückt wird. Ausser dem alten Basrelief beim Bellori, welches mich zuerst auf diese Ausle- gung brachte, habe ich seitdem die nämliche Figur auf einer Münze gefunden, die unter der Zeit des Antonius Pins geschlagen worden.' — Da Spence diese Entdeckung des Addison so ausserordentlich glücklich findet, dass er sie als ein Muster in ihrer Art und als das stärkste Beispiel anführet, wie nützlich die Werke der alten Artisten zur Erklä- rung der klassischen römischen Dichter gebraucht werden können: so kann ich mich nicht enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten. (Polymetiä, Dial. vii. p. 77.) — Vors erste muss ich anmerken, dass bloss das Basrelief und die Münze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Juvenals in die Gedanken gebracht haben würde, wenn er sich nicht zugleich erinnert hätte, bei dem alten Scholiasten, der in der letzten ohn einen Zeile anstatt ' fulgentis.' ' venientis ' gefunden, die Glosse gelesen zu haben: ' Martis ad lliam venientis ut concnmberet.' Nun nehme man aber diese Lesart des Scholiasten nicht an, sondern man nehme die an, welche Addison selbst annimmt, und sage, ob man sodann die geringste Spur findet, dass der Dichter die Rhea in Gedanken gehabt habe? Man sage, ob es nicht ein wahres Hysteronproteron von ihm sein würde, dass er von der Wölfin und den jungen Knaben rede, und sodann erst von dem Abenteuer, dem sie ihr Dasein zu danken haben? Die Rhea ist nojh nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unter dem Felsen. Man sa;:;e, ob eine Schäferstur.de wohl ein schickliches Emblema auf dem Helme eines römischen Soldaten gewesen wäre? Der Soldat war auf den göttlichen Ursprung seines Stifters stolz: das zeigten die Wölfin imd LAOKOON. VIT. 67 gewesen. Mich dünkt selbst, dass ich die Stelle des Ovids, wo der ermattete Cephalus den kühlenden Lüften ruft [vii.
' Aura...venias...Meque iuves, intresque sinus, gratissima, nostros! ' die Kinder genugsam; musste er auch noch den Mars im Begriffe einer Handhmg zeigen, in der er nichts weniger als der fürchterliche Mars war? Seine Ueberraschung der Rhea mag auf noch so viel alten Marmorn und Münzen zu tinden sein, passt sie darum auf das Stück einer Rüstung? Und welches sind denn die Marmor und Münzen, auf welchen sie Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwe- benden Stellung sah? Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori haben. Aber die Admiranda, welches seine Sammlung der schönsten allen Basreliefs ist, wird man vergebens darnach durchblättern. Ich habe es nicht gefunden, und auch Spence muss es weder da, noch sonst wo gefunden haben, weil er es gänzlich mit Stillschweigen über- geht. Alles kömmt also auf die Münze an. Nun betrachte man diese bei dem Addison selbst. Ich erblicke eine liegende Rhea; und da dem Stempelschneider der Raum nicht erlaubte, die Figur des Mars mit ihr auf gleichem Boden zu stellen, so stehet er ein wenig höher. Das ist es alles; schwebendes hat sie ausser diesem nicht das geringste. Es ist wahr, in der Abbildung, die Spence davon giebt, ist das Schweben sehr staik ausgedrückt; die Figur fällt mit dem Obertheile weit vor; und man sieht deutlich, dass es kein stehender Körper ist, sondern dass, wenn es kein fallender Körper sein soll, es nothwendig ein schwebender sein muss. Spence sagt, er besitze diese Münze selbst. Es wäre hart, obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in Zweifel zu ziehen. Allein ein gefasstes Vorurtheil kann auch auf unsre Augen Einfluss haben; zu dem konnte er es zum Besten seiner Leser für erlaubt halten, den Ausdrack, welchen er zu sehen glaubte, durch seinen Künstler so verstärken zu lassen, dass uns eben so wenig Zweifel desfalls übrig bleibe, als ihm selbst. So viel ist gewiss, dass Spence und Addison eben dieselbe Münze meinen, und dass sie sonach entweder bei diesem sehr verstellt, oder bei jenem sehr verschönert sein muss. Doch ich habe noch eine andere Anmerkung wider dieses vermeintliche Schweben des Mars. Diese nämlich: dass ein schwebender Körper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welche die Wirkung seiner Schwere ver- hindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den alten Kunst- werken kein Exempel findet. Auch die neue Malerei erlaubet sich dieselben nie, sondern wenn ein Köiper in der Luft hangen soll, so müssen ihn entweder Flügel halten, oiler er muss auf etw.is zu ruhen scheinen, und sollte es auch nur eine blosse Wolke sein. Wenn Homer die Thetis von dem Gestade sich zu lusse in den Olymp erheben lässt, Ti^v yiXv np' Ov\vnirüv5( iroSes <pepov (_lliad 2. 148), so verstehet der Graf Caylus die Bedürfnisse der Kunst zu wohl, als dass er dem Maler rathcn sollte, die Göttin so frei die Luft durchschreiten zu lassen. Sie 68 LAOKOON. VII.
und seine Procris diese 'Aura ' für den Namen einer Neben- buhlerin hält, dass ich, sage ich, diese Stelle natürlicher finde, wenn ich aus den Kunstwerken der Alten ersehe, dass sie wirklich die sanften Lüfte personifiret, und eine muss ihren Weg auf einer Wolke nehmen (Tableanx tires de l'Iliade, p. 91), so wie er sie ein andermal auf einen Wagen setzt (p. 131), obgleich der Dichter das Gegentheil von ihr sagt. Wie kann es auch wohl anders sein? Ob uns schon der Dichter die Göttin ebenfalls unter einer menschlichen Figur denken lässt, so hat er doch alle Begriffe eines groben und schweren Stoffes davon entfernet, und ihren menschenähn- lichen Körper mit einer Kraft belebt, die ihn von den Gesetzen unserer Bewegung ausnimmt. Wodurch aber könnte die Malerei die körper- liche Figur einer Gottheit von der körperlichen Figur eines Menschen so vorzüglich unterscheiden, dass unser Auge nicht beleidiget würde, wenn es bei der einen ganz andere Regeln der Bewegung, der Schwere, des Gleichgewichts beobachtet fände, als bei der andern? Wodurch *XX-< '' anders, als durch verabredete Zeichen? In der That sind ein paar Flügel, eine Wolke auch nichts anders, als dergleichen Zeichen. Doch von diesem ein mehreres an einem andern Orte. Hier ist es genug, von den Vertheidigern der Addison'schen Meinung zu verlangen, mir eine andere ähnliche Figur auf alten Denkmälern zu zeigen, die so frei und bloss in der Luft hange. Sollte dieser Mars die einzige in ihrer Art sein? Und warum? Hatte vielleicht die Tradition einen Umstand überliefert, der ein dergleichen Schweben in diesem Falle nothwendig macht? Beim Ovid (,Fast. lib. i.) [vielmehr lib. iii. 11 sqq.] lässt sich nicht die geringste Spur davon entdecken. Vielmehr kann man zeigen, dass es keinen solchen Umstand könne gegeben haben. Denn es finden sich andere alte Kunstwerke, welche die nämliche Geschichte vorstellen, und wo Mars offenbar nicht schwebet, sondern gehet. Man betrachte das Basrelief beim Montfaucon (Suppl. t i. p. 183), das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Palaste der Meilini befindet. Die schla- fende Rhea liegt unter einem Baume, und Mars nähert sich ihr mit leisen Schritten, und mit der bedeutenden Zurückstreckung der rechten Hand, mit der wir denen hinter uns, entweder zurückzubleiben oder sachte zu folgen befehlen. Es ist vollkommen die nämliche Stellung, in der er auf der Münze erscheint, nur dass er hier die Lanze in der rechten und dort in der linken Hand führet. Man findet öfter berühmte Statuen und Basreliefe auf alten Münzen copiret, als dass es auch nicht hier könnte geschehen sein, wo der Stempelschneider den Ausdruck der zurückgewandten rechten Hand vielleicht nicht fühlte, und sie daher besser mit der Lanze füllen zu können glaubte. — Alles dieses nun zusammen genommen, wie viel Wahrscheinlichkeit bleibet dem Addison noch übrig? Schwerlich mehr, als so nel deren die blosse Möglichkeit hat. Doch woher eine bessere Erklärung, wenn diese niclits taugt? Es kann sein, dass sich schon eine bessere unter den vom Addison ver- worfenen Erklärungen findet. Findet sich aber keine, was mehr? Die Stelle des Dichters ist verdorben: sie mag es bleiben. Und sie wird es LAOKOON. VII. 69 Art weiblicher Sylphen unter dem Namen ' Aurae ' verehret haben \ Ich gebe es zu, dass, wenn Juvenal einen vor- nehmen Taugenichts mit einer Hermessäule vergleicht, man das ähnliche in dieser Vergleichung schwerlich finden dürfte, ohne eine solche Säule zu sehen, ohne zu wissen, 5 dass es ein schlechter Pfeiler ist, der bloss das Haupt, bleiben, wenn man auch noch zwanzig neue Vermulhungen darüber auskramen wollte. Dergleichen könnte z. E. die-e sein, dass ' pendentis' in seiner figürlichen Bedeutung genommen werden müsse, nach welcher es so viel als ungewiss, unentschlossen, unentschieden heisst. ' Mars pendens' wäre alsdann so viel als ' Mars incertus' oder ' Mars communis.' ' Dii communes sunt,' sagt Servius (ad ver. 118. lib. xii. Aeneid), * Mars, Bellona, Victoria, quia hi in hello utrique parti favere possunt [/. pos- snnt favere].' Und die ganze Zeile, ' Pendentisque Dei (effigiem) perituro ostenderet hosti,' würde diesen Sinn haben, dass der alte römische Soldat das Biklniss des gemeinschaftlichen Gottes seinem demohngeachtet bald unterliegenden Feinde unter die Augen zu tragen gewohnt gewesen sei. Ein sehr feiner Zug, der die Siege der alten Römer mehr zur Wirkung ihrer eigenen Tapferkeit, als zur Frucht des parteiischen Beistandes ihres Stammvaters macht. Dem ungeachtet: ' non liquet.'
' 'Ehe ich,' sagt Spence (Polymetis, Dialogue xiii. p. 208), 'mit diesen Aurae, Luftnymphen, bekannt ward, wusste ich mich in die Geschichte von Cephalus und Procris beim Ovid gar nicht zu finden. Ich konnte auf keine Weise begreifen, wie Cephalus durch seine Ausrufung Auia venias, sie mochte auch in einem noch so zärtlichen schmachtenden Tone erschollen sein, jemanden auf den Argwohn bringen können, dass er seiner Procris untreu sei. Da ich gewohnt war, unter dem W'orte Aura nichts als die Luft überhaupt, oder einen sanften Wind insbesondere, zu verstehen, so kam mir die Eifersucht der Procris noch weit un_:4cgründeter vor, als auch die allerausschweifendste gemei- niglich zu sein pflegt. Als ich aber einmal gefunden hatte, dass Aura eben so wohl ein schönes junges Mädchen, als die Luft bedeuten könnte, so bekam die Sache ein ganz anderes Ansehen, und die Geschichte dünkte mich eine ziemlich vernünftige Wendung zu bekommen.' Ich will den Beifall, den ich dieser Entdeckung, mit der sich Spence so sehr schmeichelt, in dem Texte ertheile, in der Note nicht wieder zurück- nehmen. Ich kann aber doch nicht unangemerkt lassen, dass auch ohne sie die Stelle des Dichters ganz natürlich und begreiflich ist. Man darf nämlich nur wissen, dass ' Aura' bei den Alten ein ganz gewöhnlicher