SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie

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Name für Frauenzimmer war. So heisst z. E. beim Nonnus (Dioiiys. lib. xlviii. ver. 349 u. s. w.) die Nymphe aus dem Gefolge der Diana, die, weil sie sich einer männlichem Schönheit rühmte, als selbst der Göttin ihre war, zur Strafe für ihre Vermtsscnheit, schlafend den Umarmungen des Bacchus preisgegeben ward.

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höchstens mit dem Rumpfe, des Gottes trägt und, weil wir weder Hände noch Füsse daran erblicken, den Begriff der Unthätigkeit erwecket \ — Erläuterungen von dieser Art sind ' Juvenalis Satyr, viii. 52-55: ' At tu Nil nisi Cecropides; truncoque simillimns Hermae: Nullo quippe alio vincis discrimine, quam quod Uli marmoreum cnput est, tua vivit imago.' Wenn Spence die griechischtn Schriftsteller mit in seinen Plan gezogen gehabt hätte, so würde ihm vielleicht, vielleicht aber auch nicht, eine alte äsopische Fabel beigefallen sein, die aus der Bildung einer solchen Hermessäule ein noch weit schöneres und zu ihrem Verständnisse weit unentbehrlicheres Licht erhält, als diese Stelle des Juvenals. ' Merkur,' er/ählt Aesopus, 'wollte gern erfahren, in welchem Ansehen er bei den Menschen stünde. Er verbarg seine Gottheit und kam zu einem Bild- hauer. Hier erblickte er die Statue des Jupiters, und fragte den Künstler, wie theuer er sie halte? Eine Drachme: war die Antwort. Merkur lächelte; und diese Juno? fragteer weiter. Ohngefähr eben soviel. Indem ward er sein eigenes Bild gewahr, und dachte bei sich selbst: ich bin der Bote der Götter; von mir kömmt aller Gewinn; mich müssen die Menschen nothwendig weit höher schätzen. Aber hier dieser Gott? (Erwies auf sein Bild.) Wie theuer möchte wohl der sein? Dieser? antwortete der Künstler. O, wenn ihr mir jene beide abkauft, so sollt ihr diesen oben drein haben.' Merkur war abgeführt. Allein der Bildhauer kannte ihn nicht, und konnte also auch nicht die Absicht haben, seine Eigenliebe zu kränken, sondern es musste in der Beschaffenheit der Statuen selbst gegründet sein, warum er die letzlere so geringschätzig hielt, dass er sie zur Zugabe bestimmte. Die geringere Würde des Gottes, welchen sie vorstellte, konnte dabei nichts thun, denn der Künstler schätzt seine Werke nach der Geschicklichkeit, dem Fleisse und der Arbeit, welche sie erfordern, und nicht nach dem Range und dem Werthe der Wesen, welche sie ausdrücken. Die Statue d^s Merkurs musste weniger Geschicklichkeit, weniger Fleiss und Arbeit verlangen, wenn sie weniger kosten sollte, als eine Statue des Jupiters oder der Juno. Und so war es hier wirklich. Die Statuen des Jupiters und der Juno zeigten die völlige Person dieser Gölter; die Statue des Merkurs hinge- gen war ein schlechter viereckiger Pfeiler, mit dem blossen BrustLilde desselben. Was Wunder also, dass sie oben drein gehen konnte? Merkur übersah diesen Umstand, weil er sein vermeintliches überwie- gendes Verdienst nur allein vor Augen halte, und so war seine Demüthigung eben so natürlich, als verdient. Man wird sich vergebens t)ei den Auslegern und Ueberselzein und Nachahmern der Fabeln des Aesopus nach der geringsten Spur von dieser Erklärung umsehen; wohl aber könnte ich ihrer eine ganze Reihe anführen, wenn es sich der Mühe lohnte, die das Mährchen geradezu verstanden, das ist, ganz und gar nicht verstanden haben. Sie haben die Ungereimtheit, welche darin liegt, wenn man die Statuen alle für Werke von einerlei Ausführung LAOKOON. VIT. 71 nicht zu verachten, wenn sie auch schon weder allezeit nothwendig, noch allezeit hinlänglich sein sollten. Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein für sich bestehendes Ding und nicht als Nachahmung vor Augen; oder Künstler und Dich- 'f,^^y^^Ji^ ter hatten einerlei angenommene Begriffe, dem zu folge sich 5, oix^:^^ auch Uebeieinstimmung in ihren Vorstellungen zeigen musste, aus welcher sich auf die Allgemeinheit jener Begriffe zurückschliessen lässt.

Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malet, wie er ihm im Traum erschienen: — Der schönste Jüngling, die 10 Schläfe mit dem keuschen Lorbeer umwunden; syrische Gerüche duften aus dem güldenen Haare, das um den langen Nacken schwimmet; glänzendes Weiss und Pur- purrölhe mischen sich auf dem ganzen Körper, wie auf der zarten Wange der Braut, die jetzt ihrem Geliebten zugeführet 15 wird: — warum müssen diese Züge von alten berühmten Gemälden erborgt sein? Echions [/. Aetions] ' nova nupta verecundia notabilis ' mag in Rom gewesen sein, mag tausend und tausendmal sein copiret worden, war darum die bräut- liche Scham selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der 20 Maler gesehen hatte, war sie für keinen Dichter mehr zu sehen, als in der Nachahmung des Malers'? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermüdet, und sein vor der Esse erhitztes Gesicht roth, brennend nennet: musste er es erst aus dem Werke eines Malers lernen, dass Arbeit ermattet und 25 Ililze röthet^? Oder wenn Lucrez den Wechsel der Jahres- zeiten beschreibet, und sie mit dem ganzen Gefolge ihrer annimmt, entweder nicht j;cfülilt, oder wohl noch gar übertrieben. Was sonst in dieser Fabel anstössig sein könnte, wäre vielleicht der Preis, welchen der Künstler seinem Jupiter setzt, t ür eine Drachme kann ja wohl auch kein Töpfer eine Puppe machen. Eine Drachme muss also hier üljerhaupt für etwas sehr geringes stehen. (^Fab. Aesop. 90. edit.

' Tibullus, Eleg. 4. lib. iii. ver. 31 sq.; Polymetis, Dial. viii. p. 84.

' blalius, lib. i. Sylv. 5. ver. S; Polymetis, Dial. viii. p. 81.

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Wirkungen in der Luft und auf der Erde in ihrer natürlichen Ordnung vorüber führet: war Lucrez ein Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahr durchlebet, um alle die Veränderungen selbst erfahren zu haben, dass er sie nach einer Procession 5 schildern musste, in welcher ihre Statuen herumgetragen wurden? Musste er erst von diesen Statuen den allen poetischen Kunstgriff lernen, dergleichen Abstracta zu wirk- lichen Wesen zu machen^? Oder Virgils 'pontem indignatus ^ Lucretius de R. N. lib. v. ver. 736-747, [735-745 Bernays]: ' It Ver, et Venus, et Veneris [/. veris] praenuntius ante Pinnatus [/. pennatus] graditur Zephyrus: vestigia propter Flora qnibus mater praespargens ante viai Cuncta coloribus egregiis et odoribus opplet.

Inde loci sequitur Calor aridus, et comes una Pulverulenta Ceres; et Etesia flabra Aquilonum.

Inde Aulumnus adit; graditur simul Evius Evan [/. Enhins Euan]: Inde aliae tem])estates venlique sequnntur, Altitonans Voltumus et Auster fulmine pollens.

Tandem Bruma nives adfert, pigrumque rigorem Reddit, Hyenns sequitur, crepitans ac dentibus Algus. [/. prodit hieras, sequitur crepitans hanc dentibus algor]. Spence erkennet diese Stelle für eine von den schönsten in dem ganzen Gedicht des Lucrez. Wenigstens ist sie eine von denen, auf welche sich die Ehre des Lucrez als Dichter gründet. Aber wahrlich, es heisst ihm diese Ehre schmälern, ihn völlig darum bringen wollen, wenn man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach einer alten Procession der vergötterten Jahreszeiten, nebst ihrem Gefolge gemacht zu sein. Und warum das? ' Darum,' sagt der Engländer, * weil bei den Römern ehedem dergleichen Processionen mit ihren Göttern überhaupt, eben so gewöhn- lich waren, als noch jetzt in gewissen Ländern die Processionen sind, die man den Heiligen zu Ehren anstellet; und weil hiernächst alle Ausdrücke, welche der Dichter hier braucht, auf eine Procession recht sehr wohl passen.' (Come in very aptly, if applied to a procession.) Treffliche Gründe! Und wie vieles wäre gegen den letzten noch einzuwenden I Schon die Beiwörter, welche der Dichter den personifirten Abstrakten gibt, ' Calor aridus, Ceres pulverulenta, Voltumus altitonans, fulmine pollens Auster, Algus dentibus crepitans,' zeigen, dass sie das Wesen von ihm, und nicht von dem Künstler haben, der sie ganz anders hätte charakterisiren müssen. Spence scheinet übrigens auf diesen Einfall von einer Procession durch Abraham Preij^ern gekommen zu sein, welcher in seinen Anmerkungen über die Stelle des Dichters sagt: ' Ordo est quasi Pompae cujusdam, Ver et Venns, Zephyrus et Flora, etc. Allein dabei hätte es auch Spence nur sollen bewenden lassen. Der Dichter führet die Jahreszeiten gleichsam in einer Procession auf; das ist gut. Aber LAOKOON. VIII. 73 Araxes/ dieses vortreffliche poetische Bild eines über seine Ufer sich ergiessenden Flusses, wie er die über ihn geschla- gene Brücke zerreisst, verliert es nicht seine ganze Schönheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerk damit angespielet hat, in welchem dieser Flussgott als wirklich eine Brücke zerbre- 5 chend vorgestellet wirdV — Was sollen wir mit dergleichen Erläuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter ver- drängen, um den Einfall eines Künstlers durchschimmern zu lassen?

Ich bedaure, dass ein so nützliches Buch, als Polymetis 10 sonst sein könnte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichtern statt eigenthümlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzuschieben, so ekel, und den classischen Schriftstellern weit nachtheiliger geworden ist, als ihnen die wässrigen Auslegungen der schalsten Wortforscher nimmer- 15 mehr sein können. Noch mehr bedauere ich, dass Spencen selbst Addison hierin vorgegangen, der aus löblicher Be- gierde, die Kenntniss der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittel zu erheben, die Fälle eben so wenig unterschieden hat, in welchen die Nachahmung des Kunst- ao lers dem Dichter anständig, in welchen sie ihm verkleinerlich ist».

VIII.

ARGUMENT.

VIII.

ARGUMENT.

Not perceiving that poetry has a much wider ränge than painting or scnlpture, Spence is compelled to have recouise to stränge subterfuges whenever he perceives differences in tlie manner in which ancient poets er hat es von einer Procession gelernt, sie so aufzuführen; das ist sehr abgeschmackt.

' Aeneid, lib. viii. ver. 725 [728]; Polymetis, Dial. xiv. p. 230.

* In verschiedenen Stellen seiner Reisen und seines Gesprächs über die alten Münzen.

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and artists treated the same subject. But the regard for beauty alone guided the artist when he denied to Bacchus those horns with which the poets frequently endowed him. Spence maintains that nothing can be good in a poetical description that would appear absurd if repre- sented in a work of plastic or pictorial art. He forgets that while the artist is bound to a single scene, the poet may describe a snccession of scenes relating to one and the same subject. Venus in a fit of uncontrollable anger is no subject for the artist; how could we recog- nise the tender goddess of love in his picture? might we not mistake her for a fury? The poet on the other band may safely describe her rage, for we are sure to recognise her in the succession of scenes which he brings before us one after the other.

Von der Aehnlichkeit, welche die Poesie und Malerei mit einander haben, macht sich Spence die allerseltsamsten Begriffe. Er glaubet, dass beide Künste bei den Alten so genau verbunden gewesen, dass sie beständig Hand in Hand 5 gegangen, und der Dichter nie den Maler, der Maler nie den Dichter aus den Augen verloren habe. Dass die Poesie die weitere Kunst ist, dass ihr Schönheiten zu Gebote stehen, welche die Älalerei nicht zu erreichen vermag; dass sie öfters Ursachen haben kann, die unmalcrischen Schönheiten den 10 malerischen vorzuziehen: daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bei dem geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten Ausflüchte von der Welt bringt.

15 Die allen Dichter geben dem Bacchus meistentheils Hörner. Es ist also doch wunderbar, sagt Spence, dass man diese Hörner an seinen Statuen so selten erblickt'. Er fällt auf diese, er fällt auf eine andere Ursache, auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der Hörner selbst, die sich 30 unter den Trauben und Epheublättern, dem beständigen Kopfpulze des Gottes, möchten verkrochen haben. Er laokoon: VIII. 75 windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwohnen. Die Flörner des Bacchus waren keine natürliche Hörner, wie sie es an den Faunen und Satyren waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er aufsetzen und ablegen konnte. 6 * Tibi, cum sine cornibus adstas Virgineum caput est: ' heisst es in der feierlichen Anrufung des Bacchus beim Ovid ^. Er konnte sich also auch ohne Hörner zeigen, und zeigte sich ohne Hörner, wenn er in seiner jungfräulichen Schönheit lo erscheinen wollte. In dieser wollten ihn nun auch die Künstler darstellen, und mussten daher alle Zusätze von übler Wirkimg an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz wären die Hörner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man an einem Kopfe in dem königl. Kabinet 15 zu Berlin sehen kann ^ Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schöne Stirne verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus eben so selten vorkömmt, als die Hörner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von den Dichtern eben eo oft beigeleget wird. Dem Dichter 20 gaben die Hörner und das Diadem feine Anspielungen auf die Thaten und den Charakter des Gottes; dem Künstler hingegen wurden sie Hinderungen grössere Schönheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube, eben darum den Beinamen Biformis., hi\xn^<^o<:, hatte, weil er sich sowohl 25 schön als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natür- lich, dass die Künstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten wählten, die der Bestimmung ihrer Kunst am meisten entsprach.

Minerva und Juno schleudern bei den römischen Dichtern 3° öfters den Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbil- ' Metamorph. Hb. iv. ver. 19, 20.

' Begeri Thes. Brandenb. vol iii. p. 242.

76 LAOKOON. VI IL düngen? fragt Spence ^ Er antwortet: es war ein besonderes Vorrecht dieser zwei Göttinnen, wovon man den Grund vielleicht erst in den Samothracischen Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bei den alten Römern als gemeine 5 Leute betrachtet, und daher zu diesen Geheimnissen selten zugelassen wurden, so wussten sie ohne Zweifel nichts davon, und was sie nicht wussten, konnten sie nicht vorstellen. Ich möchte Spencen dagegen fragen: arbeiten diese gemeinen Leute für ihren Kopf, oder auf Befehl Vornehmerer, die von 10 den Geheimnissen unterrichtet sein konnten? Stunden die Artisten auch bei den Griechen in dieser Verachtung? Waren die römischen Artisten nicht mehrentheils geborne Griechen? Und so weiter.

Statins und Valerius Flaccus schildern eine erzürnte Venus, 15 und mit so schrecklichen Zügen, dass man sie in diesem Augenblicke eher für eine Furie, als für die Göttin der Liebe halten sollte. Spence siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen Venus um. Was scliliesset er daraus? Dass dem Dichter mehr erlaubt ist, als dem Bild- 30 hauer und Maler? Dass hätte er daraus schliessen sollen; aber er hat es einmal für allemal als einen Grundsatz ange- nommen, dass in einer poetischen Beschreibung nichts gut sei, was unschicklich sein würde, wenn man es in einem Gemälde oder an einer Statue vorstelltet Folglich müssen 35 die Dichter gefehlt haben. ' Statins und Valerius sind aus einer Zeit, da die römische Poesie schon in ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verderbten Geschmack, und ihre schlechte Beurlheilungskraft. Bei den Dichtern aus einer bessern Zeit wird man dergleichen Verstossungen wider 30 den malerischen Ausdruck nicht finden ^.'

^ Polymetis, Dial. vi. p. 63.

' Polymetis. üialogue xx. p. 311: 'Scarce anything can be good in a poetical description, which would appear absurd, if represented in a Statue or picture.' ^ Polymetis, Dial. vii. p. 74.

So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterschei- dungskraft. Ich will indess mich weder des Statins noch des Valerius in diesem Fall annehmen, sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die Götter und geistigen Wesen, wie sie der Künstler vorstellet, sind nicht völlig 5 ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bei dem Künstler sind sie personifirte Abstracta, die beständig die ähnliche Charakterisirung behalten müssen, wenn sie erkenntlich sein sollen. Bei dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die über ihren allgemeinen Charakter noch andere 10 Eigenschaften und Affecten haben, welche nach Gelegenheit der Umstände von jenen vorstechen können. Venus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er muss ihr also alle die sittsame verschämte Schönheit, alle die holden Reize geben, die uns an geliebten Gegenständen entzücken, und die wir 15 daher mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste Abweichung von diesem Ideal lässt uns sein Bild verkennen. Schönheit, aber mit mehr Majestät als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine Juno. Reize, aber mehr gebieterische, männhche, als holde Reize, geben 20 eine Minerva statt einer Venus. Vollends eine zürnende Venus, eine Venus von Rache und Wuth getrieben, ist dem Bildhauer ein wahrer Widerspruch; denn die Liebe als Liebe zürnet nie, rächet sich nie. Bei dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die Göt- 25 tin der Liebe, die ausser diesem Charakter ihre eigene Individualität hat, und folglich der Triebe des Abscheues eben so fähig sein muss, als der Zuneigung. Was Wunder also, dass sie bei ihm in Zorn und Wuth entbrennet, besonders wenn es die beleidigte Liebe selbst ist, die sie 30 darein versetzet?

Es ist zwar wahr, dass auch der Künstler, in zusammen- gesetzten Werken, die Venus oder jede andere Gottheit, ^Ui^^iT-^ 78 LAOKOON. VIII.

ausser ihrem Charakter, als ein wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, einführen kann. Aber alsdann müssen wenigstens ihre Handlungen ihrem Charakter nicht widersprechen, wenn sie schon keine unmittelbare Folgen 5 desselben sind. Venus übergiebt ihrem Sohne die göttlichen Waffen: diese Handlung kann der Künsder, sowohl als der Dichter, vorstellen. Hier hindert ihn nichts, der Venus alle die Anmuth und Schönheit zu geben, die ihr als Göttin der Liebe zukommen; vielmehr wird sie eben dadurch in seinem lo Werke um so viel kenntlicher. Allein wenn sich Venus an ihren Verächtern, den Männern zu Lemnos, rächen will, in vergrösserter wilder Gestalt mit fleckigten Wangen, in ver- wirrtem Haare, die Pechfackel ergreift, ein schwarzes Gewand um sich wirft, und auf einer finstern Wolke stürmisch herab- 15 fährt: so ist das kein Augenblick für den Künstler, weil er sie durch nichts in diesem Augenblicke kenntlich machen kann. Es ist nur ein AugenbHck für den Dichter, weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Göttin ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, dass wir 20 die Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses thut Flaccus: '...Ncque enim alma videri lam tumet; aut tereti crinem subnectitur auro, Sidereos diffusa sinus. Eadem effera et ingens 25 Et maculis suffecta genas; pinumque sonantem Virginibus Stygiis, nigramque simillima pallam '.' Eben dieses thut Statius: ' lila Paphon veterem centumque altaria linquens, Nee \-uliu nee crine prior, solvisse iugalem 30 Ceston, et Idalias procul ablegasse volucres Fertur. Erant certe, media qui [1. quae] noctis in umbra * Argonaut, lib. ii. ver. 102-106.

LAOKOON. IX. 79 Divam, alios ignes maioraque tela gerentem, Tartarias inter thalamis volitasse sorores Vulgarem: utque implicitis arcana domorum Anguibus, et saeva formidine cuncta replerit Limina '.' 5 Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das Kunststück, mit negativen Zügen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen mit positiven Zügen, zwei Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldnen Spangen geheftet; lo von keinem azurnen Gewände umflattert; ohne ihren Gürtel; mit andern Flammen, mit grössern Pfeilen bewaffnet; in Gesellschaft ihr ähnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststückes entbehren muss, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten.'' Wenn die Malerei die Schwester 15 der Dichtkunst sein will; so sei sie wenigstens keine eiffer- süchtige Schwester; und die jüngere untersage der älteren nicht alle den Putz, der sie selbst nicht kleidet.

IX.

ARGUMENT.

IX.

ARGUMENT.

To judge fairly of the mutiial relation of art and poetry we must know whether, in the particular task allotled to him, the artist was free to work out bis ideal as he had conceived it himself, or whether he had to submit to a dictation Foreign to bis art. This was the case when he worked in the Service of religion, when he was obliged to execute the intenlions of the priest, and frequeiitly to load bis statues witb alle- goiical atlributes wbich did injury to the beauty of bis com])Osition. When working for the temple he gave to Bacchus bonis, wbich he omitted when left free to work out bis ideal of soft, youtbful beauly. Spence ignores this diflerence altogether, and yet, unless it is taken into account, the Connois>eur and the Antiquarian will never understand 8o LAOKOON. IX.

one another. In the service of religion the sculptor does not work as a free and inspired artist, but as an artisan who execntes a task minutely laid down for him.

Wenn man in einzelnen Fällen den Maler und Dichter mit einander vergleichen will, so muss man vor allen Dingen wohl zusehen, ob sie beide ihre völlige Freiheit gehabt haben, ob sie ohne allen äusserlichen Zwang auf die höchste Wirkung 5 ihrer Kunst haben arbeiten können.

Ein solcher äusserlicher Zwang war dem alten Künstler öfters die Religion. Sein Werk, zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konnte nicht allezeit so vollkommen sein, als wenn er einzig das Vergnügen des Betrachters dabei zur Absicht IG gehabt hätte. Der Aberglaube überladete die Götter mit Sinnbildern, und die schönsten von ihnen wurden nicht überall als die schönsten verehret.

Bacchus stand in seinem Tempel zu Lemnos, aus welchem die fromme Hypsipyle ihren Vater unter der Gestalt des 15 Gottes rettete^, mit Hörnern, und so erschien er ohne Zweifel in allen seinen Tempeln, denn die Hörner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen mit bezeichnete. Nur der freie Künstler, der seinen Bacchus für keinen Tempel arbeitete, liess dieses Sinnbild weg; und wenn wir unter den noch 20 übrigen Statuen von ihm keine mit Hörnern finden '^, so ist * Valerius Flaccns, lib. ii. Argonant. ver. 265-273: 'Serta Patri, iuvenisque comam vestesque Lyaei Induit, et medium curru locat; aeraque circcm Tympanaque et plenas tacita formidine cistas. Ipsa sinus hederisque ligat famularibus artus: Pampineamque quatit ventosis ictibus hastam, Respiciens; teneat virides velatus habenas Ut pater, et nivea tumeant ut comua mitra. Et sacer ut Bacchum referat scyphus.' Das Wort 'tumeant,' in der letzten ohn einen Zeile, scheint übrigens anzuzeigen, dass man die Hörner des Bacchus nicht so klein gemacht, als sich Spence einbildet.

^ Der sogenannte Bacchus in dem mediceischen Garten zu Rom (beim LAOKOON. IX. 8l dieses vielleicht ein Beweis, dass es keine von den geheiligten sind, in welchen er wirklich verehret worden. Es ist ohnedem höchst wahrscheinlich, dass auf diese letzteren die Wuth der frommen Zerstörer in den ersten Jahrhunderten des Christen- thums vornehmlich gefallen ist, die nur hier und da ein 5 Kunstwerk schonte, welches durch keine Anbetung verun- reiniget war.

Da indess unter, den aufgegrabenen Antiken sich Stücke sowohl von der einen als von der anderen Art finden, so wünschte ich, dass man den Namen der Kunstwerke nur 10 denjenigen beilegen möchte, in welchen sich der Künstler wirklich als Künstler zeigen können, bei welchen die Schön- heit seine erste und letzte Absicht gewesen. Alles andere, woran sich zu merkliche Spuren gottesdienstlicher Verabre- dungen zeigen, verdienet diesen Namen nicht, weil die Kunst 15 hier nicht um ihrer selbst willen gearbeitet, sondern ein blosses Hülfsmittel der Religion war, die bei den sinnlichen Vorstellungen, die sie ihr aufgab, mehr auf das Bedeutende als auf das Schöne sähe; ob ich schon dadurch nicht sagen will, dass sie nicht auch öfters alles Bedeutende in das 20 Schöne gesetzt, oder aus Nachsicht für die Kunst und den ßtJjw^ feinern Geschmack des Jahrhunderts, von jenem so viel Montfaucon, Siippl. aux. Ant. t. i. p. 254' hat kleine aus derStimeher- vorspiossende Hörner; aber es giebt Kenner, die ihn eben darum lieber zu einem Faune machen wollen. In der That sind solche natürliche Hörner eine Schändung der menschlichen Gestalt, und können nur Wesen gezie- men, denen man eine Art von Mittelgeslalt zwischen Menschen und Thier ertheilte. Auch ist die Stellung, der lüsterne Blick nach der über sich gehaltenen Traube, einem Begleiter des Weingottes anständiger, als dem üotte selbst. Ich erinnere mich hier, was Clemens Alexandrinus von Alexander dem Grossen sagt (.Protrept. iv. 54. p. 48. edit. Pott.): 'E/3oiJA€to 5« Kox 'A\f^av5p(js "Afi/ioifos vius elvai Soxeiy, Kai Kfpaa<p6pos dvairKäTTfaOai -rrpos ruiv dyaKixaToirotwt', tu KaXijv üvOpwnov vßpiaai aTrtv- Sojv icfpoTt. Ks war Alexanders ausdrücklicher Wille, dass ihn der Bild- hauer mit Hörnern vorstellen sollte: er war es gern zufrieden, dass die menschliche Schönheit in ihm mit Hörnern beschimpft ward, wenn man ilm nur eines göttlichen Ursprungs zu sein glaubte.

82 nachgelassen habe, dass dieses allein zu herrschen scheinen können.