roluntarily and delicately ofTers to place at his disposal a snm of money, and having incidentally referred to the Templar^ Nathan relates how he had saved his daughter*s life. The Sultan, from whose memory the Templar seems to have escaped, resolves to let his sister see him on account of his resemblance to their brother, and ordering Nathan to fetch the Templar^ the two leave the Hall of Audience (Scene 7).
The next scene is laid in a palm-grove, where the Templar awaits the arrival of Nathan, He gives expression to the con- flict going on in his mind regarding Recha, and finally resolves to defy all prejudices in the same way as his feither had done (Scene 8). Nathan infoilns the Templar of the Sultan's desire to see him, and asks him first to accompany him to his house.
ARGUMENT. 91 The Templar refuses to do so, nnless Nathan promises to give him bis daaghter for wife. For some reason Nathan is reluctant to give his consent at once, and as the Templar insists upon his refusal to enter his house, the former leaves alone (Scene 9). Daya mysteriously approaches the Templar, and after having been informed by him of NathatCs hesitation to accept his ofTer, she confides to him that Recha is not the daughter of Nathan at all, but was bom of Christian parents. She implores the* Templar not to betray to Nathan that he is aware of the secret, and expresses the hope that she may not be left behind in case the Templar should take Recha to Earopc (Scene 10).
DRITTER AUFZUG.
Erster Auftritt.
Scene: In Nathans Hanse.
R e c h a. Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus? "Ich dürf' ihn jeden Augenblick erwarten?" Das klingt — nicht wahr? — als ob er noch so bald Erscheinen werde. — Wie viel Augenblicke 1520 Sind aber schon vorbei! — ^Ah nun; wer denkt An die verflossenen? — Ich will allein In jedem nächsten Augenblicke leben. Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt Daja.
O der verwünschten Botschaft von dem Sultan! 1525 Denn Nathan hätte sicher ohne sie Ihn gleich mit hergebracht.
Recha.
Und wenn er nun Gekommen dieser Augenblick; wenn denn Nun meiner Wünsche wärmster, innigster Erfüllet ist: was dann? — was dann?
Daja.
Was dann? 1530 Dann hofT ich, dasz auch meiner Wünsche wärmster Soll in Erfüllung gehen.
R e c h a.
Was wird dann In meiner Brust an dessen Stelle treten, Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen? — Nichts? 1535 Ah! ich erschrecke!...D a j a.
Mein, mein Wunsch wird dann An des erfüllten Stelle treten, meiner. , Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen Zu wissen, welche deiner würdig sind.
I R e c h a.
Du irrst. — ^Was diesen Wunsch zu deinem macht, 1540 I Das Nämliche verhindert, dasz er meiner Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland: Und meines, meines sollte mich nicht halten?
Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen, 1545 I Als die ich sehn, und greifen kann, und hören, Die Meinen?
Daja.
Sperre dich, so viel du willst! Des Himmels Wege sind des Himmels Wege. Und wenn es nun dein Retter selber wäre. Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in 1550 Das Land, dich zu dem Volke fuhren wollte, I Für welche du geboren wurdest?
R e c h a.
Daja!
Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
Du hast doch wahrlich deine sonderbaren Begriffe! "Sein, sein Gott! für den er kämpft!" 1555 Wem eignet Gott! Was ist das für ein Gott, 94 NATHAN DER WElSB.
Der einem Menschen eignet? der für sich Musz kämpfen lassen! — Und wie weisz Man denn, für welchen Erdklosz man geboren, Wenn man's fiir den nicht ist, ai(/* welchem man 15^0 Geboren? — Wenn mein Vater dich so hörte! — Was that er dir, mir immer nur mein Glück So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln?
Was that er dir, den Samen der Vernunft, Den er so rein in meine Seele streute, 1565 Mit deines Landes Unkraut oder Blumen, So gern zu mischen? — Liebe, liebe Daja, Er will nun deine bunten Blumen nicht Auf meinem Boden! — Und ich musz dir sagen.
Ich selber fühle meinen Boden, wenn 1570 Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet, So ausgezehrt durch deine Blumen; fühle In ihrem Dufte, sauersüszem Dufte, Mich so betäubt, so schwindelnd! — Dein Gehirn Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum 1575 Die starkem Nerven nicht, die ihn vertragen.
Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel, Wie wenig fehlte, dasz er mich zur Närrin Gemacht? — Noch schäm' ich mich vor meinem Vater Der Posse!
Daja.
Posse! — ^Als ob der Verstand 1580 Nur hier zu Hause wäre! — Posse! Posse! — Wenn ich nur reden dürfte!
Recha.
Darfst du nicht? Wann war ich nicht ganz Ohr, so oft es dir Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich Zu unterhalten? Hab* ich ihren Thaten 1585 Nicht stets Bewunderung, imd ihren Leiden Nicht immer Thränen gern gezollt? Ihr Glaube Schien freilich mir das Heldenmäszigste An ihnen nie. Doch so viel tröstender War mir die Lehre, dasz Ergebenheit 1590 In Gott von unserm Wähnen über Gott So ganz und gar nicht abhängt. — Liebe Daja, Das hat mein Vater uns so oft gesagt; Darüber hast du selbst mit ihm so oft.
Dich einverstanden; warum untergräbst Z595 Du denn allein, was du mit ihm zugleich Gebauet?-^Liebe Daja, das ist kein Gespräch, womit wir unserm Freund am besten Entgegen sehn. Für mich zwar, ja! Denn mir.
Mir liegt daran unendlich, ob auch er...1600 Horch, Daja! — Kommt es nicht an unsre Thüre?
Wenn er es wäre! Horch 1 Zweiter Auftritt.
Beoha^ Daja und der Tempelherr, dem Jemand von auszen die Thüre öfihet, mit den Worten: Nur hier herein!
Recha (BUiit zosammen, faszt sich, und will ihm xa Füssen fallen^ Er ist's — Mein Retter, ah!
Tempelherr.
Dies zu vermeiden Erschien ich blosz so spät; und doch — Recha.
Ich will Ja zu den Füszen dieses stolzen Mannes 1605 Nur Gott noch einmal danken, nicht dem Manne.
95 NATHAN DER WEISE.
Der Mann will keinen Dank, will ihn so wenig Als ihn der Wassereimer will, der bei Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen.
Der liesz sich füllen, liesz sich leeren, mir 1610 Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der Ward nur so in die Glut hineingestoszen; Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm; Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen; 16 15 Bis wiederum, ich weisz nicht was, uns beide Herausschmisz aus der Glut. — Was gibt es da Zu danken? — In Europa treibt der Wein Zu noch weit andern Thaten. — Tempelherren, Die müssen einmal nun so handeln; müssen 1620 Wie etwas besser zugelernte Hunde, Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.
Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die ganze Zeit über betrachtetX O Daja, Daja! Wenn, in Augenblicken Des Kummers und der Galle, meine Laune Dich übel anliesz, warum jede Thorheit, 1625 Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen?
Das hiesz sich zu empfindlich rächen, Daja!
Doch wenn du nur von nun an besser mich Bei ihr vertreten willst.
Daja.
Ich denke, Ritter, Ich denke nicht, dasz diese kleinen Stacheln, 1630 Ihr an das Herz geworfen. Euch da sehr Geschadet haben.
R e c h a.
Wie? Ihr hattet Kummer? Und war^ mit Euerm Kummer geiziger Als Euerm Leben?
Tempelherr.
Gutes, holdes Kind! — Wie ist doch meine Seele zwischen Auge 1635 Und Ohr getheilt! — Das war das Mädchen nicht, Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer Ich holte. — Denn wer hätte die gekannt. Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte Auf mich gewartet? — Zwar — verstellt— der Schreck. 1640 (Pause, unter der er in Anschauung ihrer sich wie verliert.)
R e c h a. Ich aber find' Euch noch den Nämlichen. — (desgleichen, bis sie fortfährt, um ihn in seinem Anstaunen zu unterbrechen.)
Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange Gewesen? — Fast dürft* ich auch fragen: wo Ihr jetzo seid?
Tempelherr.
Ich bin — wo ich vielleicht Nicht sollte sein. — R e c h a.
Wo Ihr gewesen? — Auch 1645 Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen? Das ist nicht gut.
Tempelherr.
Auf— auf— wie heiszt der Berg?
Auf Sinai.
R e c h a.
Auf Sinai? — ^Ah schön! Nun kann ich zuverlässig doch einmal Erfahren, ob es wahr...Tempelherr.
Was? was? Ob's wahr, 1650 Dasz noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses Vor Gott gestanden, als...H 98 NATHAN DER WEISE.
R e c h a.
Nun das wohl nicht. Denn wo er stand, stand er vor Gott. Und davon Ist mir zur G'nüge schon bekannt. — Ob's wahr, Möcht' ich nur gern von Euch erfahren, dasz — 1655 Dasz es bei weitem nicht so mühsam sei, Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als Herab? — Denn seht, so viel ich Berge noch Gestiegen bin, war's just das Gegentheil. — Nun, Ritter? — ^Was? — Ihr kehrt Euch von mir ab? 1660 Wollt mich nicht sehn?
Tempelherr. Weil ich Euch hören will.
R e c h a. Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, dasz Ihr meiner Einfalt lächelt; dasz Ihr lächelt. Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers Von diesem heiPgen Berge aller Berge 1665 Zu fragen weisz? Nicht wahr?
Tempelherr.
So musz Ich doch Euch wieder in die Augen sehn. — Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeiszt Das Lächeln Ihr? wie ich noch erst in Mienen In zweifelhaften Mienen lesen will, 1670 Was ich so deutlich hör', Ihr so vernehmlich Mir sagt — ^verschweigt? — ^Ah Recha! Recha! Wie Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!"
Recha. Wer hat? — ^von wem?— Euch das gesagt?
Tempelherr.
"Kennt sie Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt, 1675 Von Euch gesagt.
Daja^ Und ich nicht etwa auch? Ich denn nicht auch?
Tempelherr.
Allein wo ist er denn? Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch Beim Sultan?
R e c h a.
Ohne Zweifel.
Tempelherr.
Noch, noch da? — O mich Vergeszlichen! Nein, nein; da ist 1680 Er schwerlich mehr. — Er wird dort unten bei Dem Kloster meiner warten, ganz gewisz. So red'ten, mein' ich, wir es ab. Erlaubt! Ich geh', ich hol' ihn...• Daja. Das ist meine Sache. Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring' ihn unverzüglich. 1685 Tempelherr. Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen, Nicht Euch. Dazu, er könnte leicht — wer weisz? — Er könnte bei dem Sultan leicht — Ihr kennt Den Sultan nicht! — bleicht in Verlegenheit Gekommen sein. — Glaubt mir, es hat Gefahr, 1690 Wenn ich nicht geh*.
Tempelherr. Gefahr für mich, für Euch, für ihn, wenn ich Nicht schleunig, schleunig geh'. (Ab.)
iqo NATHAN DER WEISE.
Dritter Auftritt.
Beoha und Daja» Recha.
Was ist das, Daja? — So schnell? — ^Was kommt ihn an? Was fiel ihm auf?
Was jagt ihn?
D a j a.
Laszt nur, laszt. Ich denk', es ist 1695 Kein schlimmes Zeichen.
Recha. Zeichen? Und wovon?
. Daja.
Dasz etwas vorgeht innerhalb..Es kocht, Und soll nicht überkochen. Laszt ihn nur.
Nun ist's an Euch.
Recha.
Was ist an mir? Du wirst, Wie er, mir unbegreiflich.
Daja. Bald nun könnt 1700 Ihr ihm die Unruh' all' vergelten, die Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.
Recha. Wovon Du sprichst, das magst Du selber wissen.
Daja. Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder? 1705 Recha. Das bin ich; ja, das bin ich • • • m Daja.
Wenigstens Gesteht, dasz Ihr Euch seiner Unruh' freut, Und seiner Unruh' danket, was Ihr jetzt Von Ruh' genieszt.
R e c h a.
Mir völlig unbewuszt! Denn was ich höchstens Dir gestehen könnte, 1710 War*, dasz es mich— mich selbst befremdet, wie Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen So eine Stille plötzlich folgen können. Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton Hat mich • • • Recha.
Gesättigt, will 1715 Ich nun nicht sagen; nein — ^bei weitem nicht — D a j a. Den heiszen Hunger nur gestillt.
Recha.
Nun ja.
Wenn Du so willst, Daja.
Ich eben nicht.
Recha.
Er wird Mir ewig werth, mir ewig werther, als Mein Leben bleiben, wenn auch schon mein Puls 17^0 Nicht mehr bei seinem bloszen Namen wechselt; Nicht mehr mein Herz, so oft ich an ihn denke.
Geschwinder, stärker schlägt. — Was schwatz' ich? Komm, Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster, Das auf die Palmen sieht.
I02 NATHAN DER WEISE.
Daja. So ist er doch 1725 Wohl noch nicht ganz gestillt, der heisze Hunger.
Recha. Nun werd' ich auch die Palmen wieder sehn, Nicht ihn blosz untern Palmen.
D a j a.
Diese Kälte Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.
R e c h a. Was Kalt'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich 1730 Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.
Vierter Auftritt.
Soene: ein Andienzsaal in dem Palaste des Saladin.
Saladin und Sittah. Saladin (im Hereintreten, gegen die Thflre).
Hier bringt den Juden her, sobald er kommt. Er scheint sich eben nicht zu übereilen.
Sittah.
Er war auch wohl nicht bei der Hand, nicht gleich Z^x finden.
Saladin.
Schwester! Schwester!
Sittah» Thust Du doch, 1735 Als stünde Dir ein Treffen vor.
S a 1 a d i n.
Und das Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen.
Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen; Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen.
Wann hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das 1740 Gelernt? — Und soll das alles, ah, wozu P Wozu?— Um Geld zu fischen! Geld!— Um Geld, Geld einem Juden abzuhängen? Geld!
Zu solchen kleinen Listen war* ich endlich Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir 1745 Zu schaffen?
Sittah.
Jede Kleinigkeit, zu sehr Verschmäht, die rächt sich, Bruder.
Saladin.
Leider wahr. — Und wenn nun dieser Jude gar der gute.
Vernünftige Mann ist, wie der Derwisch Dir Ihn ehedem beschrieben?
Sittah.
O nun dann! 1750 Was hat es dann für Noth I Die Schlinge liegt Ja nur dem geizigen, besorglichen. Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht Dem weisen Manne. Dieser ist ja so Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen, 1755 Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred't; Mit welcher dreisten Stärk' entweder er Die Stricke kurz zerreiszet, oder auch Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast 1760 Du obendrein.
I04 NATHAN DER WEISE.
Saladin. Nun, das ist wahr. Gewisz, Ich freue mich darauf.
Sittah.
So kann Dich ja Auch weiter nichts verlegen machen. Denn Ist's einer aus der Menge blosz; ist's blosz Ein Jude, wie ein Jude: gegen den 1765 Wirst Du Dich doch nicht schämen, so zu scheinen.
Wie er die Menschen all' sich denkt? Vielmehr, Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm Als Geck, als Narr.
Saladin.
So musz ich ja wohl gar Schlecht handeln, dasz von mir der Schlechte nicht 1770 Schlecht denke?
Sittah.
Traun! wenn Du schlecht handeln nennst. Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.
Saladin.
Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er Nicht zu beschönen ^niszte!
Sittah.
Zu beschönen!
Saladin.
Das feine, spitze Ding, besorg* ich nur, 1775 In meiner plumpen Hand zerbricht 1 — So was Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist: Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit. — Doch, Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann; Und könnt* es freilich, lieber-^schlechter noch 1780 Als besser.
Sit t ah.
Trau' Dir auch nur nicht zu wenig! Ich stehe Dir für Dich! Wenn Du nur willst. — Dasz uns die Männer Deines Gleichen doch So gern bereden möchten, nur ihr Schwert, Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht. 1785 Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit Dem Fuchse jagt — des Fuchses, nicht der List.
S a 1 a d i n. Und dasz die Weiber doch so gern den Mann Zu sich herunter hätten! — Geh nur, geh! — Ich glaube meine Lection zu können. 1790 Sittah. Was? Ich soll gehn?
Saladin.
Du wolltest doch nicht bleiben?
Sittah. Wenn auch nicht bleiben...im Gesicht euch bleiben — Doch hier im Nebenzimmer — Saladin.
Da zu horchen? Auch das nicht, Schwester, wenn ich soll bestehn. — Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kommt! — Doch dasz Du ja nicht da verweilst 1 Ich sehe nach. 1796 (Indem sie sidi durch die eine Thflre entfernt, tritt N a t h a n zu der andern herein, tind Saladin hat sich gesetzt.)
Io6 NATHAN DER WEISE, FÜNFTER Auftritt.
Saladin und Nathan.
Saladin.
Tritt näher, Jude! — Näher! — Nur ganz her I— Nur ohne Furcht!
Nathan.
Die bleibe Deinem Feinde!
Saladin. Du nennst Dich Nathan?
Nathan. Ja.
Saladin.
Den weisen Nathan?
Nathan. Nein.
Saladin.
Wohl! nennst Du Dich nicht, nennt Dich das Volk.
Nathan. Kann sein, das Volk!
Saladin.
Du glaubst doch nicht, dasz ich Verächtlich von des Volkes Stimme denke.? — 1802 Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen, Den es den Weisen nennt.
Nathan.
Und wenn es ihn Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise 1805 Nichts weiter war' als klug? und klug nur der, Der sich auf seinen Vortheil gut versteht?
Saladin. Auf seinen wahren Vortheil, meinst du doch?
Nathan.
Dann freilich war* der Eigennützigste Der Klügste. Dann war* freilich klug und weise 18 10 Nur eins.
Saladin.
Ich höre dich erweisen, was Du widersprechen willst. — Des Menschen wahre Vortheile, die das Volk nicht kennt, kennst Du, Hast Du zu kennen wenigstens gesucht; Hast drüber nachgedacht: das auch allein 18 15 Macht schon den Weisen.
Nathan.
Der sich Jeder dünkt Zu sein.
Saladin.
Nun der Bescheidenheit genug! Denn sie nur immerdar zu hören, wo Man trockene Vernunft erwartet, ekelt. (Er springt auf.) Lasz uns zur Sache kommen! Aber, aber 1820 Aufrichtig, Jud*, aufrichtig!
Nathan.
Sultan, ich Will sicherlich Dich so bedienen, dasz Ich Deiner fernem Kundschaft würdig bleibe.
Saladin. Bedienen? Wie?
Nathan.
Du sollst das Beste haben Von Allem; sollst es um den billigsten 1825 Preis haben.
Io8 NATHAN DER WEISE.
Saladin.
Wovon sprichst Du? Doch wohl nicht Von Deinen Waaren? — Schachern wird mit Dir Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!) Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu thun.
Nathan.
So wirst Du ohne Zweifel wissen wollen, 1830 Was ich auf meinem Wege von dem Feinde, Der allerdings sich wieder reget, etwa Bemerkt, getroffen? — Wenn ich unverhohlen. • • Saladin.
Auch darauf bin ich eben nicht mit Dir Gesteuert. Davon weisz ich schon, so viel 1835 Ich nöthig habe. — Kurz: — Nathan.
Gebiete, Sultan.
Saladin.
Ich heische Deinen Unterricht in ganz Was Anderm, ganz was Anderm. — Da Du nun So weise bist: so sage mir doch einmal — Was für ein Glaube, was für ein Gesetz 1840 Hat Dir am meisten eingeleuchtet?
Nathan.
Sultan, Ich bin ein Jud'.
Saladin.
Und ich ein Muselmann. Der Christ ist zwischen uns. — ^Von diesen drei Religionen kann doch eine nur Die wahre sein. — Ein Mann, wie Du, bleibt da 1845 Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt Ihn hingeworfen; oder wenn er bleibti Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.
Wohlan! so theile Deine Einsicht mir Denn mit. Lasz mich die Gründe hören, denen 1850 Ich selber nachzugrübeln nicht die Zeit Gehabt. Lasz mich die Wahl, die diese Gründe Bestimmt — ^versteht sich, im Vertrauen — wissen, Damit ich sie zu meiner mache. — ^Wie?
Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? — Kann 1855 Wohl sein, dasz ich der erste Sultan bin, Der eine solche Grille hat, die mich Doch eines Sultans eben nicht so ganz Unwürdig dünkt. — Nicht wahr? So rede doch!
Sprich! — Oder willst Du einen Augenblick, 1860 Dich zu bedenken? Gut, ich geb' ihn Dir. — (Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen; Will hören, ob ich's recht gemacht^ Denk' nach.
Geschwind denk' nach! Ich säume nicht, zurück Zu kommen.
(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich S i 1 1 a h begeben.)
Sechster Auftritt.
Nathan allein.
Hm! hm! — wunderlich! — Wie ist 1865 Mir denn? — Was will der Sultan? Was i* — Ich bin Auf Geld gefaszt, und er will — Wahrheit. Wahrheit! Und will sie so, — so baar, so blank, — als ob Die Wahrheit Münze wäre! — ^Ja, wenn noch Uralte Münze, die gewogen ward! — 1870 Das ginge noch! Allein so neue Münze, Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht!
HO NATHAN DER WEISE.
Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude? 1875 Ich oder er? — Doch wie? Sollt er auch wohl Die Wahrheit nicht in Wahrheit fordern? — Zwar, Zwar der Verdacht, dasz er die Wahrheit nur Als Falle brauche, war* auch gar zu klein! — Zu klein? — ^Was ist für einen Groszen denn 1880 Zu klein? — Gewisz, gewisz: er stürzte mit Der Thüre so ins Haus! Man pocht doch, hört Doch erst, wenn man als Freund sich naht. — Ich musz Behutsam gehn! — Und wie? wie das? — So ganz Stockjude sein zu wollen, — ^geht schon nicht. — 1885 Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen.
Warum kein Muselmann? — Das war's l Das kann Mich retten!— Nicht die Kinder blosz speist man Mit Märchen ab. — ^Er kommt. Er komme nur! 1890 Siebenter Auftritt.
Saladin und Nathan.
Saladin.
(So ist das Feld hier rein!) — Ich komm' Dir doch Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande Mit Deiner Ueberlegung? — Nun so rede l Es hört uns keine Seele.
Nathan.
Möcht' auch doch Die ganze Weit uns hören.
Saladin.
So gewisz 1895 3 AUFZUG, 7 AUFTRITT, lll Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn' Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu Verhehlen! für sie Alles auf das Spiel Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut 1 Nathan. Ja! ja 1 wenn's nöthig ist und nützt* Saladin.
Von nun 1900 An darf ich hoffen, einen meiner Titel, Verbesserer der Welt und des Gesetzes, Mit Recht zu führen.
Nathan.
Traun, ein schöner Titel!
Doch, Sultan, eh' ich mich Dir ganz vertraue, Erlaubst Du wohl. Dir ein Geschieht chen zu 1905 Erzählen?
Saladin.
Warum das nicht? Ich bin stets Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut Erzählt.
Nathan.
Ja, gut erzählen, das ist nun Wohl eben meine Sache nicht.
Saladin.
Schon wieder So stolz bescheiden?— Mach! erzähl', erzähle! 19 10 Nathan.
Vor grauen Jahren lebt' ein Mann im Osten, Der einen Ring von unschätzbarem Werth Aus lieber Hand besasz. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte.
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott 191 5 II a NATHAN DER WEISE.
Und Menschen angenehm zu machen, wer In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, Dasz ihn der Mann im Osten darum nie Vom Finger liesz, und die Verfügung traf, Auf ewig ihn bei seinem Hause zu 1920 Erhalten? Nämlich so. Er liesz den Ring Von seinen Söhnen dem Geliebtesten; Und setzte fest, dasz dieser wiederum Den Ring von seinen Söhnen dem vermache, Der ihm der Liebste sei; und stets der Liebste, 1925 Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. — Versteh mich, Sultan.
Saladin.
Ich versteh' Dich. Weiter!
Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, Auf einen Vater endlich von drei Söhnen, 1930 Die alle drei ihm gleich gehorsam waren.
Die alle drei er folglich gleich zu lieben Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald Der dritte, — so wie jeder sich mit ihm 1935 Allein befand, und sein ergieszend Herz Die andern zwei nicht theilten, — würdiger Des Ringes, den er denn auch einem jeden Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, so lang* es ging. — Allein 1940 Es kam zum Sterben, und der gute Vater Kommt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort Verlassen, so zu kränken. — Was zu thun?
Er sendet in geheim zu einem Künstler, 1945 Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes Zwei andere bestellt, und weder Kosten Noch Mühe sparen heiszt, sie jenem gleich, VoUkcmmen gleich zu machen. Das gelingt Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt, 1950 Kann selbst der Vater seinen Musterring Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft Er seine Söhne, jeden insbesondre; Giebt jedem insbesondre seinen Segen, — 1954 Und seinen Ring, — und stirbt. — Du hörst doch, Sultan?
Ich hör*, ich höre! — Komm mit Deinem Märchen Nur bald zu Ende. — Wird's?
Nathan.
Ich bin zu Ende. Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. — Kaum war der Vater todt, so kommt ein jeder Mit seinem Ring und jeder will der Fürst i960 Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht Erweislich — (Nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet.)
Fast so unerweislich als Uns jetzt — der rechte Glaube.
Saladin.
Wie? das soll Die Antwort sein auf meine Frage?...Nathan.
Soll 1965 Mich blosz entschuldigen, wenn ich die Ringe Mir nicht getrau' zu unterscheiden, die Der Vater in der Absicht machen liesz, Damit sie nicht zu unterscheiden wären.
114 NATHAN DER WEISE.
Saladin.
Die Ringe!— Spiele nicht mit mir! — Ich dächte, 1970 Dasz die Religionen, die ich Dir Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung; bis auf Speis' und Trank!
Nathan.
Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. — Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? 1975 Geschrieben oder überliefert! — Und Geschichte musz doch wohl allein auf Treu' Und Glauben angenommen werden? — Nicht? — Nun wessen Treu' und Glauben zieht man denn Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? 1980 Doch deren Blut wir sind? Doch deren, die Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo Getäuscht zu werden uns heilsamer war? — Wie kann ich meinen Vätern weniger, 1985 Als Du den Deinen glauben? Oder umgekehrt: Kann ich von Dir verlangen, dasz Du Deine Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das Nämliche gilt von den Christen. Nicht? — 1990 Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat Recht. Ich musz verstummen.)
Nathan.
Lasz auf unsre Ring' Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter, Unmittelbar aus seines Vaters Hand 1995 Den Ring zu haben — wie auch wahr! — ^nachdem £r von ihm lange das Versprechen schon Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu Genieszen. — Wie nicht minder wahr! — Der Vater, Betheu'rte jeder, könne gegen ihn 2000 Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses Von ihm, von einem solchen lieben Vater, Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder, So gern er sonst von ihnen nur das Beste Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels 2005 Bezeihen; und er wolle die Verräther Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.
Saladin.
Und nun, der Richter? — Mich verlangt zu hören Was Du den Richter sagen lassest. Sprich!
Nathan.
Der Richter sprach: wenn Ihr mir nun den Vater 2010 Nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich Euch Von meinem Stuhle. Denkt Ihr, dasz ich Räthsel Zu lösen da bin? Oder harret Ihr, Bis dasz der rechte Ring den Mund eröffne? — Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring 2015 Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen; Vor Gott und Menschen angenehm. Das musz Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden Doch das nicht können! — Nun, wen lieben zwei Von Euch am meisten? — Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht 2021 Nach auszen? Jeder liebt sich selber nur Am meisten? — O so seid Ihr alle drei Betrogene Betrüger! Eure Ringe Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring 2025 Vermuthlich ging verloren. Den Verlust Zu bergen, zu ersetzen, liesz der Vater Die drei für einen machen.
I a Il6 NATHAN DER WEISE.
Saladin.
Herrlich! Herrliclj!
Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn Ihr Nicht meinen Rath, statt meines Spruches, wollt: 2030 Geht nur! — Mein Rath ist aber der: Ihr nehmt Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von Euch jeder seinen Ring von seinem Vater, So glaube jeder sicher seinen Ring Den echten. — Möglich, dasz der Vater nun 2035 Die Tyrannei des etnen Rings nicht länger In seinem Hause dulden wollen! — Und gewisz, Dasz er Euch alle drei geliebt, und gleich Geliebt indem er zwei nicht drücken mögen, Um einen zu begünstigen. — ^Wohlan! 2040 Es eifre jeder seiner unbestochnen.
Von Vorurtheilen freien Liebe nach!
Es strebe von Euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmuth, 2045 Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, Mit innigster Ergebenheit in Gott, Zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bei Euem Kindes-Kindeskindem äuszern: So lad' ich über tausend tausend Jahre 2050 Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird Ein weis'rer Mann auf diesem Stuhle sitzen.
Als ich, und sprechen. Geht! — So sagte der Bescheidne Richter.
Saladin.
Gott! Gott!
Nathan.
Saladin, Wenn Du Dich fühlest, dieser weisere 2055 Versprochne Mann zu sein.. • S a 1 a d i n (der auf ihn zustürzt, und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren iSsit).
Ich Staub? Ich Nichts? O Gott!
Nathan.
Was ist Dir, Sultan?
Saladin.
Nathan, lieber Nathan! — Die tausend tausend Jahre Deines Richters Sind noch nicht um. — Sein Richterstuhl ist nicht Der meine. — Geh! — Geh! — Aber sei mein Freund. 2060 Nathan. Und weiter hätte Saladin mir nichts Zu sagen?
Saladin. Nichts.
Nathan.
Nichts?
Saladin.
Gar nichts. — Und warum?
Nathan.
Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht, Dir eine Bitte vorzutragen.
Saladin.
Braucht*s Gelegenheit zu einer Bitte? — Rede I 2065 Nathan.
Ich komm' von einer weiten Reis', auf welcher Ich Schulden eingetrieben. — Fast hab' ich Des haaren Gelds zu viel. — Die Zeit beginnt II 8 NATHAN DER WEISE.
Bedenklich wiederum zu werden; — und Ich weisz nicht recht, wo sicher damit hin. — 2070 Da dacht* ich, ob nicht Du vielleicht, — weil doch Ein naher Krieg des Geldes immer mehr Erfordert — etwas brauchen könntest.
Nathan!— Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon Bei Dir gewesen! — ^Will nicht untersuchen, 2075 Ob Dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses Erbieten freierdings zu thun...Nathan.
Ein Argwohn? Saladin.
Ich bin ihn werth. — ^Verzeih' mir! — denn was hilft's?
Ich musz Dir nur gestehen, — dasz ich im Begriffe war — Nathan.
Doch nicht, das Nämliche 2080 An mich zu suchen?
Saladin.
Allerdings.
Nathan.
So war* Uns Beiden ja geholfen! Dasz ich aber Dir alle meine Baarschaft nicht kann schicken, Das macht der junge Tempelherr. Du kennst Ihn ja. Ihm hab' ich eine grosze Post 2085 Vorher noch zu bezahlen.
Saladin.
Tempelherr? Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht Mit Deinem Geld auch unterstützen wollen?
Nathan. Ich spreche von dem einen nur, dem Du Das Leben spartest...Saladin. Ah! woran erinnerst 0090 Du mich! — Hab' ich doch diesen Jüngling ganz Vergessen!— Kennst Du ihn? — Wo ist er?
Nathan.
Wie?
So weiszt Du nicht, wie viel von Deiner Gnade Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? £r, £r mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens, 2095 Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.
Saladin. Er? Hat er das? — Ha! danach sah er aus. Das hätte, traun! mein Bruder auch gethan. Dem er so ähnelt! — Ist er denn noch hier? So bring* ihn her! — Ich habe meiner Schwester 2100 Von diesem ihrem Bruder, den sie nicht Gekannt, so viel erzählet, dasz ich sie Sein Ebenbild doch auch musz sehen lassen! — Geh, hoP ihn! — Wie aus einer guten That, Gebar sie auch schon blosze Leidenschaft, 2105 Doch so viel andre gute Thaten flieszen! Geh, hol* ihn!
Nathan (indem er Saladins Hand fahren läszt).
Augenblicks! Und bei dem andern Bleibt es doch auch?
Saladin.
Ah! dasz ich meine Schwester Nicht horchen lassen! — Zu ihr! Zu ihr! — Denn Wie soll ich alles das ihr nun erzählen? 21 10 (Ab von der andern Seite.)
I20 NATHAN DER WEISE.
Achter Auftritt.- Die Scene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der Tempelherr Nathans wartet.
Tempelherr, (geht, mit sich Selbst kämpfend, auf und ab, bis er losbricht).
— Hier hält das Opferthier ermüdet still. — Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen, Was in mir Vorgeht; mag voraus nicht wittern, Was vorgehn wird. — Genug, ich bin umsonst Geflohn; umsonst. — Und weiter könnt' ich doch 2 115 Auch nichts, als fliehn! — Nun komm', was kommen soll! — Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell Gefallen, unter den zu kommen, ich So lang* und viel mich weigerte. — Sie sehn, Die ich zu sehn so wenig lüstern war, — 2120 Sie sehn, und der Entschlusz, sie wieder aus Den Augen nie zu lassen — ^Was Entschlusz?
Entschlusz ist Vorsatz, That: und ich, ich litt', Ich litte blosz. — Sie sehn, und das Gefühl, An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein 2125 War eins. — Bleibt eins. — ^Von ihr getrennt Zu leben, ist mir ganz undenkbar; war' Mein Tod, — und wo wir immer nach dem Tode Noch sind, auch da mein Tod. — Ist das nun Liebe: So— liebt der Tempelritter freilich, — liebt 2130 Der Christ das Judenmädchen freilich. — Hm!
Was thut'si* — Ich hab' in dem gelobten Lande, — Und drum auch mir gelobt auf immerdar! — Der Vorurtheile mehr schon abgelegt. — Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr 2135 Bin todt; war von dem Augenblick ihm todt, Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
Der Kopf, den Saladin mir schenkte, war* Mein alter?— Ist ein neuer, der von Allem Nichts weisz, was jenem eingeplaudert ward, 2140 Was jenen band; — und ist ein bessrer; für Den väterlichen Himmel mehr gemacht Das spür* ich ja. Denn erst mit ihm beginn* Ich so zu denken, wie mein Vater hier Gedacht musz haben; wenn man Märchen nicht 2145 Von ihm mir vorgelogen. — Märchen? — doch Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie, Als jetzt geschienen, da ich nur Gefahr Zu straucheln laufe, wo er fiel. — Er fiel?
Ich will mit Männern lieber fallen, als 2150 Mit Kindern stehn. — Sein Beispiel bürget mir Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall Liegt mir denn sonst } — ^An Nathans? — O an dessen Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir Noch weniger gebrechen. — Welch ein Jude! — 2155 Und der so ganz nur Jude scheinen willl Da kommt er; kommt mit Hast; glüht heitre Freude.
Wer kam vom Saladin je anders? Hei He, Nathan!
Neunter Auftritt.
Nathan und der Tempelherr.
Nathan. Wie? seid Ihr's?
Telfepelherr.
Ihr habt Sehr lang' Euch bei dem Suhan aufgehalten. 2160 122 NATHAN DER WEISE.
Nathan.
So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn Zu viel verweilt. — Ah, wahrlich Curd; der Mann Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist blosz sein Schatten.-* Doch laszt vor allen Dingen Euch geschwind Nur sagen • • • Tempelherr.
Was?
Nathan.
Er will Euch sprechen; will, 2165 Dasz ungesäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn Erst etwas anders zu verfugen habe: Und dann, so gehn wir.
Tempelherr.
Nathan, Euer Haus Betret* ich wieder eher nicht...Nathan.
So seid 3170 Ihr doch indesz schon da gewesen? Habt Indesz sie doch gesprochen? — Nun? — Sagt: wie Gefällt Euch Recha?
Tempelherr.
Ueber allen Ausdruck!
Allein — sie wiedersehn — das werd' ich nie!
Nie! nie! — Ihr müsztet mir zur Stelle denn 2175 Versprechen:— dasz ich sie auf immer, immer — Soll können sehn.
Nathan.
Wie wollt Ihr, dasz ich das Versteh'?
Tempelherr