SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise

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Nicht auch? Erkundete, besann ich denn Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie? — Fürwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schönes, So weise, so bedächtig sein!

Saladin.

Nun, nun! So sieh doch einem Alten etwas nach! 2730 Wie lange können seine Weigerungen Denn dauern? Wird er denn von Dir verlangen, Dasz Du erst Jude werden sollst?

Tempelherr.

Wer weisz!

Saladin. Wer weisz? — der diesen Nathan besser kennt.

Tempelherr.

Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen, 2755 Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum Doch seine Macht nicht über uns. — Es sind Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

Saladin. Sehr reif bemerkt! Doch Nathan, wahrlich Nathan. •.

Tempelherr.

Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen 2760 Für den erträglichem zu halten.. • S a 1 a d i n.

Mag Wohl sein I Doch Nathan.. • Tempelherr.

Dem allein Die blöde Menschheit zu vertrauen, bis Sie hellem Wahrheitstag gewöhne; dem Allein. •.

S a 1 a d i n.

Gut! Aber Nathan! Nathans Loos 2765 Ist diese Schwachheit nicht.

Tempelherr.

So dacht* ich auch!...Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen So ein gemeiner Jud& wäre, dasz Er Christenkinder zu bekommen suchte, Um sie als Juden aufzuziehn: — wie dann? 3770 Saladin. Wer sagt ihm so was nach?

Tempelherr.

Das Mädchen selbst, Mit welcher er mich körnt, mit deren Hoffnung Er gern mir zu bezahlen schiene, was Ich nicht umsonst für sie gethan soll haben: — Dies Mädchen selbst, ist seine Tochter — ^nicht; 2775 Ist ein verzettelt Christenkind.

Saladin.

Das er Dem ungeachtet Dir nicht geben wollte?

Tempelherr (heftig).

Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt Der tolerante Schwätzer ist entdeckt!

156 NATHAN DER WEISE.

Ich werde hinter diesen jüd'schen Wolf 2780 Im philosophischen Schafspelz Hunde schon Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen 1 Saladin (ernst). Sei ruhig, Christ!

Tempelherr.

Was? Ruhig Christ? Wenn Jud' Und Muselmann auf Jud\ auf Muselmann Bestehen: soll allein der Christ den Christen 9785 Nicht machen dürfen?

Saladin (noch emster).

Ruhig, Christ!

Tempelherr (gdasien).

Ich fühle Des Vorwurfs ganze Last,— <lie Saladin In diese Sylbe preszt! Ah, wenn ich wüszte, Wie Assad, — ^Assad sich an meiner Stelle Hierbei genommen hätte!

Saladin.

Nicht viel besser! — 2790 Vermuthlich, ganz so brausend! — Doch, wer hat Denn Pich auch schon gelehrt, mich so wie er Mit einem Worte zu bestechen? Freilich, Wenn Alles sich verhält, wie Du mir sagest: Kann ich mich selber kaum in Nathan finden. — 2795 Indesz, er ist mein Freund, und meiner Freunde Musz keiner mit dem andern hadern. — Lasz Dich weisen 1 Geh behutsam! Gieb ihn nicht Sofort den Schwärmern Deines Pöbels preis! Verschweig*, was deine Geistlichkeit, an ihm 2800 Zu rächen, mir so nahe legen würde! Sei keinem Juden, keinem Muselmanne Zum Trotz ein Christ!

Tempelherr. Bald war's damit zu spät! Doch Dank der Blutbegier des Patriarchen, Desz Werkzeug mir zu werden graute!

S aladin.

Du kamst zum Patriarchen eher, als Zu mir?

Tempelherr.

Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel Der Unentschlossenheit! — VerzeihM — Du wirst Von Deinem Assad, furcht' ich, femer nun Nichts mehr in mir erkennen wollen.

S a 1 a d i n.

Es diese Furcht nicht selbst! Mich dünkt, ich weisz Aus welchen Fehlem unsre Tugend keimt.

Pfleg* diese ferner nur, und jene sollen Bei mir Dir wenig schaden. Aber geh!

Such' Du nun Nathan, wie er Dich gesucht; 2815 Und bring* ihn her. Ich musz Euch doch zusammen Verständigen. — War* um das Mädchen Dir Im Ernst zu thun: sei ruhig. Sie ist Dein!

Auch soll es Nathan schon empfinden, dasz Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind 2820 Erziehen dürfen! — Geh!

(Der Tempelherr geht ab, und SitUh verläszt den Sopha.)

« 158 NATHAN DER WEISE, FÜNFTER Auftritt.

y Baladin und Sittah.

Sittab.

Ganz sonderbar!

Saladin. Gelt, Sittah? Musz mein Assad nicht ein braver, Ein schöner junger Mann gewesen sein?

Sittah.

Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde Der Tempelherr vielmehr gesessen! — Aber 2825 Wie hast Du doch vergessen können, Dich Nach seinen Eltern zu erkundigen?

Saladin.

Und insbesondere wohl nach seiner Mutter? Ob seine Mutter hier zu Lande nie Gewesen sei? — Nicht wahr?

Sittah.

Das machst Du gut! 2830 Saladin.

O, möglicher war* nichts! Denn Assad war Bei hübschen Christendamen so willkommen, Auf hübsche Christendamen so erpicht, Dasz einmal gar die Rede ging — Nun, nun; Man spricht nicht gern davon. — Genug; ich haV 2835 Ihn wieder! — will mit allen seinen Fehlem, Mit allen Launen seines weichen Herzens Ihn wieder haben! — O! das Mädchen musz Ihm Nathan geben. Meinst Du nicht?

Sittah.

Ihm geben? Ihm lassen!

S a 1 a d i n.

Allerdings! Was hätte Nathan, 3840 Sobald er nicht ihr Vater ist, für Recht Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt, Tritt einzig in die Rechte desz, der ihr Es gab.

Sittah.

Wie also, Saladin? wenn Du Nur gleich das Mädchen zu Dir nähmst? Sie nur 2845 Dem unrechtmäszigen Besitzer gleich Entzögest?

Saladin.

Thäte das wohl Noth?

Sittah.

Noth nun Wohl eben nicht! — Die liebe Neubegier Treibt mich allein. Dir diesen Rath zu geben.

Denn von gewissen Männern mag ich gar 2850 Zu gern, so bald wie möglich, wissen, was Sie für ein Mädchen lieben können.

Saladin.

Nun, So schick' und lasz sie holen.

Sittah.

Darf ich, Bruder?

Saladin.

Nur schone Nathans! Nathan musz durchaus Nicht glauben, dasz man mit Gewalt ihn von 3855 Ihr trennen wolle.

Sittah.

Sorge nicht.

l6o NATHAN DER WEISE.

S a 1 a d i n.

Und ich, Ich musz schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.

Sechster Auftritt.

Scene: Die offene Flur in Nathans Hanse, gegen die Palmen zu; wie im ersten Auftritt des ersten Aufzuges.

Ein Theil der Waaren und Kostbarkeiten Hegt ausgekramt, deren eben daselbst gedacht wird.

Nathan und Daja.

Daja.

O, Alles herrlich! Alles auserlesen!

O, Alles — wie nur Ihr es geben könnt.

Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken 2860 Gemacht? Was kostet er? — Das nenn' ich noch Ein Brautkleid! Keine Königin verlangt Es besser.

Nathan.

Brautkleid? Warum Brautkleid eben?

D a j a.

Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht, Als Ihr ihn kauftet. — ^Aber wahrlich, Nathan, 3865 Der und kein- andrer musz es sein! Er ist 2^um Brautkleid wie bestellt. Der weisze Grund: Ein Bild der Unschuld; und die goldnen Ströme, Die aller Orten diesen Grund durchschlängeln: 2869 Ein Bild des Reichthums. Seht Ihr? Allerliebst!

Nathan.

Was Metzelst Du mir da? Von wessen Brautkleid Sinnbilderst Du mir so gelehrt? — Bist Du Denn Braut?

Da ja. Ich?

Nathan.

Nun wer denn?

Daja.

Ich?— Lieber Gott! Nathan.

Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst Du denn? Das alles ist ja Dein, und keiner Andern. 2875 Daja. Ist mein? Soll mein sein? — Ist für Recha nicht?

Nathan. Was ich für Recha mitgebracht, das liegt In einem andern Ballen. Mach'! nimm weg! Trag* Deine Siebensachen fort!

Daja.

Versucher!

Nein, w^ären es die Kostbarkeiten auch 2880 Der ganzen Welt! Nicht rühr* an! wenn Ihr mir Vorher nicht schwört, von dieser einzigen Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.

Nathan. Gebrauch? von was? — Gelegenheit? wozu? 2885 D a j a. O stellt Euch nicht so fremd! — Mit kurzen Worten: Der Tempelherr liebt Recha; gebt sie ihm! So hat doch einmal Eure Sünde, die M 102 NATHAN DER WEISE, Ich länger nicht verschweigen kann, ein Ende.

So kommt das Mädchen wieder unter Christen; 289c Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was Sie war; und Ihr, Ihr habt mit alP dem Guten, Das wir Euch nicht genug verdanken können, Nicht Feuerkohlen blosz auf Euer Haupt Gesammelt.

N athan.

Doch die alte Leier wieder?— 2895 Mit einer neuen Saite nur bezogen, Die, furcht' ich, weder stimmt noch hält.

Daja.

Wie so? Nathan.

Mir war* der Tempelherr schon recht. Ihm gönnt' Ich Recha mehr als Einem in der Welt. Allein.. • Nun, habe nur Geduld.

Daja.

Geduld? 2900 Geduld, ist Eure alte Leier nun Wohl nicht?

Nathan.

Nur wenig Tage noch Geduld!...Sieh doch! — ^Wer kommt denn dort? Ein Klosterbruder? Geh, frag' ihn, was er will.

Daja.

Was wird er wollen?

(Sie geht auf ihn zu und fragt.)

Nathan. So gib! — und eh' er bittet. — (Wüszt' ich nur 2905 Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne Die Ursach meiner Neugier ihm zu sagen! Denn wenn ich sie ihm sag*, und der Verdacht Ist ohne Grund: so hab' ich ganz umsonst Den Vater auf das Spiel gesetzt.) — Was ist's? 2910 Da ja« Er will Euch sprechen.

Nathan.

Nun, so lasz ihn kommen; Und geh indesz.

Siebenter Auftritt.

Hathan und der Klosterbruder.

Nathan.

(Ich bliebe Recha's Vater Doch gar zu gern 1 — ^Zwar kann' ich's denn nicht bleiben, Auch wenn ich aufhör*, es zu heiszen? — Ihr, 2914 Ihr selbst werd' ich's doch immer auch noch heiszen, Wenn sie erkennt, wie gern ich's wäre.) — Geh! — Was ist zu Euren Diensten, frommer Bruder?

Klosterbruder.

Nicht eben viel. — Ich freue mich, Herr Nathan, Euch annoch wohl zu sehn.

Nathan.

So kennt Ihr mich? 2919 Klosterbruder.

Je nun; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem Ja Euem Namen in die Hand gedrückt. Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.

Nathan (nach seinem Beutel langend).

Kommt, Bruder, kommt; ich frisch' ihn auf.

164 NATHAN DER WEISE.

Klosterbruder.

Habt Dank!

Ich würd' es Aermem stehlen; nehme nichts. — Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig 3925 Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn Ich kann mich rühmen, auch in Eure Hand Etwas gelegt zu haben, was nicht zu Verachten war.

Nathan.

Verzeiht! — Ich schäme mich — Sagt, was? — und nehmt ziur Busze siebenfach 293a Den Werth desselben von mir an.

Klosterbruder.

Hört doch Vor allen Dingen, wie ich selber nur Erst heut' an dies mein Euch vertrautes Pfand Erinnert worden.

Nathan.

Mir vertrautes Pfand?

Klosterbruder.

Vor Kurzem sasz ich noch als Eremit 293^ Auf Quarantana, unweit Jericho.

Da kam arabisch Raubgesindel, brach Mein Gotteshäuschen ab, und meine Zelle, Und schleppte mich mit fort. Zum Glück entkam Ich noch, und floh hierher zum Patriarchen, 2940 Um mir ein ander Plätzchen auszubitten, Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit Bis an mein selig Ende dienen könne.

Nathan.

Ich steh* auf Kohlen, guter Bruder. Macht Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand! 2945 Klosterbruder.

Sogleich, Herr Nathan. — Nun, der Patriarch Versprach mir eine Siedelei auf Tabor, Sobald als eine leer; und hiesz inzwischen Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.

Da bin ich jetzt, Herr Nathan; und verlange 2950 Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn Der Patriarch braucht mich zu allerlei, Wovor ich groszen Ekel habe. Zum Exempel: Nathan.

Macht, ich bitt' Euch!

Klosterbruder.

Nun, es kommt! — Da hat ihm Jemand heut' ins Ohr gesetzt: 3955 £3 lebe hierherum ein Jude, der Ein Christenkind als seine Tochter sich Erzöge.

Nathan (betroffen).

Wie?

Klosterbruder.

Hört mich nur aus! — Indem Er mir nun aufträgt, diesem Juden stracks, Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und 3960 Gewaltig sich ob eines solchen Frevels Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider Den heirgen Geist bedünkt; — das ist, die Sünde, Die aller Sünden gröszte Sund' uns gilt; 2964 Nur dasz wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen. Worin sie eigentlich besteht: — da wacht Mit einmal mein Gewissen auf; und mir Fällt bei, ich könnte selber wohl vor Zeiten Zu dieser unverzeihlich groszen Sünde Gelegenheit gegeben haben.— Sagt: 3970 l66 NATHAN DER WEISE.

Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren Ein Töchterchen gebracht von wenig Wochen?

Nathan. Wie das? — Nun freilich — allerdings — Klosterbruder.

Ei, seht Mich doch recht an! — Der Reitknecht, der bin ich! 2974 Nathan. Seid Ihr?

Klosterbruder.

Der Herr, von welchem ich's Euch brachte.

War — ist mir recht — ein Herr von Filneck. — ^Wolf Von Filneck.

Nathan. Richtig!

Klosterbruder.

Weil die Mutter kurz Vorher gestorben war, und sich der Vater Nach — ^mein' ich — Gazza plötzlich werfen muszte, Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte, 2980 So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit Nicht in Darun?

Nathan.

Ganz recht!

Klosterbruder.

Es war* kein Wunder, Wenn mein Gedächtnisz mich betrog*. Ich habe Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem Hab' ich nur gar zu kurze Zeit gedient. 2985 Er blieb bald drauf bei Askalon; und war Wohl sonst ein lieber Herr.

Nathan.

Ja wohl! ja wohl!

Dem ich so viel, so viel zu danken habe!

Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!

Klosterbruder.

O schön! So werd't Ihr seines Töchterchens 2990 Euch um so lieber angenommen haben.

Nathaa Das könnt Ihr denken.

Klosterbruder.

Nun, wo ist es denn?

Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben? — Laszt's lieber nicht gestorben sein 1 — ^Wenn sonst Nur Niemand um die Sache weisz, so hat 2995 Es gute Wege.

Nathan.

Hat es?

Klosterbruder.

Traut mir, Nathan! Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute, Das ich zu thun vermeine, gar zu nah Was gar zu Schlimmes grenzt, so thu' ich lieber Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar 3000 So ziemlich zuverlässig kennen, aber Bei weitem nicht das Gute. — ^War ja wohl Natürlich; wenn das Christentöchterchen Recht gut von Euch erzogen werden sollte, Dasz Ihr's als Euer eigen Töchterchen 3005 Erzögt.— Das hättet Ihr mit aller Lieb' Und Treue nun gethan, und müsztet so Belohnet werden? Das will mir nicht ein. Ei freilich, klüger hättet Ihr gethan, Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand 3010 Als Christin auferziehen lassen; aber So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds l68 NATHAN DER WEISE.

Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe, War's eines wilden Thieres Lieb' auch nur, In solchen Jahren mehr als Christenthum. 3015 Zum Christenthume hat's noch immer Zeit.

Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm Vor Euem Augen aufgewachsen ist.

So blieb's vor Gottes Augen, was es war.

Und ist denn nicht das ganze Christenthum 3020 Aufs Judenthum gebaut? Es hat mich oft Geärgert, hat mir Thränen g'nug gekostet.

Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten, Dasz unser Herr ja selbst ein Jude war.

Nathan.

Ihr, guter Bruder, müszt mein Fürsprach sein, 3025 Wenn Hasz und Gleisznerei sich gegen mich Erheben sollten — ^wegen einer That — Ah, wegen einer ThatI — Nur Ihr, Ihr sollt Sie wissen! Nehmt sie aber mit ins Grab!

Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht, 3030 Sie Jemand Anderm zu erzählen. Euch Allein erzähl' ich sie. Der frommen Einfalt Allein erzähl' ich sie. Weil die allein Versteht, was sich der gottergebne Mensch Für Thaten abgewinnen kann.

Klosterbruder.

Ihr seid 3035 Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser?

Nathan.

Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. - Ihr wiszt wohl aber nicht, dasz wenig Tage Zuvor, in Gath die Christen alle Juden Mit Weib und Kind ermordet hatten; wiszt 3040 Wohl nicht, dasz unter diesen meine Frau Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich Befunden, die in meines Bruders Hause, Zu dem ich sie geflüchtet, insgesammt Verbrennen müssen.

Klosterbruder. Allgerechter!

Nathan.

Ihr kamt, hatf ich drei Tag* und Nacht' in Asch* Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. — Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht: Der Christenheit den unversöhnlichsten 3050 Hasz zugeschworen — Klosterbruder.

Ach! Ich glaub's Euch wohl!

Nathan.

Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder.

Sie sprach mit sanfter Stimm': ^^ Und doch ist Gott!

Doch war auch Gottes Rathschlusz das! Wohlan!

Komm! übe, was du längst begriffen hast; 3055 Was sicherlich zu üben schwerer nicht.

Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.

Steh' aufl" — Ich stand und rief zu Gott; Ich will!

Willst Du nur, dasz ich will! — Indem stiegt Ihr Vom Pferd', und überreichtet mir das Kind, 3060 In Euem Mantel eingehüllt — Was Ihr Mir damals sagtet, was ich Euch, hab' ich Vergessen. So viel weisz ich nur: ich nahm Das Kind, trug's auf mein Lager, küszt' es, warf Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben Doch nun schon Ein^s wieder!

170 NATHAN DER WEISE.

Klosterbruder.

Nathan! Nathan! 3066 Ihr seid ein Christ! — Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein bessrer Christ war nie!

Nathan.

Wohl uns! Denn was Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir Zum Juden! — Aber laszt uns länger nicht 3070 Einander nur erweichen. Hier braucht's That! Und ob mich siebenfache Liebe schon Bald an dies einzige fremde Mädchen band; Ob der Gedanke mich schon tödtet, dasz Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs Neue 3075 Verlieren soll;-^wenn sie von meinen Händen Die Vorsicht wieder fordert — ich gehorche!

Klosterbruder.

Nun vollends! — Eben das bedacht' ich mich So viel, Euch anzurathen! Und so hat's Euch Euer guter Geist schon angerathen! 3080 Nathan. Nur musz der Erste Beste mir sie nicht Entreiszen wollen!

Klosterbruder. Nein, gewisz nicht!

Nathan.

Wer Auf sie nicht gröszre Rechte hat, als ich, Musz frühere zum mind'sten haben — Klosterbruder.

Freilich! Nathan.

Die ihm Natur und Blut ertheilen.

Klosterbruder.

Mein' ich es auch!

Nathan.

Drum nennt mir nur geschwind Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm, Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt: Ihm will ich sie nicht vorenthalten — sie, Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde 3090 Zu sein erschaffen und erzogen ward. — Ich hoff', Ihr wiszt von diesem Euern Herrn Und dem Geschlechte dessen mehr als ich.

Klosterbruder. Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich! — Denn Ihr habt ja schon gehört, dasz ich nur gar 3095 Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.

Nathan.'

Wiszt Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts Die Mutter war? — War sie nicht eine Stauffin?

Klosterbruder. Wohl möglich! — ^Ja, mich dünkt.

Nathan.

Hiesz nicht ihr Bruder Conrad von Stauffen? — ^und war Tempelherr? 3100 Klosterbruder. Wenn mich's nicht trügt Doch halt! Da fallt mir ein, Dasz ich vom sel'gen Herrn ein Büchelchen Noch haV. Ich zog's ihm aus dem Busen, als Wir ihn bei Askalon verscharrten.

Nathan.

Nun?

IT% NATHAN DER WEISE.

Klosterbruder.

Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein 3105 Brevier — Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch Ta wohl noch brauchen. — Ich nun freilich nicht — Ich kann nicht lesen — Nathan.

Thut nichts! — Nur zur Sache.

Klosterbruder. In diesem Büchelchen stehn vom und hinten. Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn 31 10 Selbsteigner Hand, die Angehörigen Von ihm und ihr geschrieben.

Nathan.

O erwünscht! Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind! Ich bin bereit, mit Gold es aufzuwiegen; Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!

Klosterbruder.

Recht gern!

Es ist Arabisch aber, was der Herr 3 116 Hineingeschrieben. (Ab.)

Nathan.

Einerlei! Nur her! Gott 1 wenn ich doch das Mädchen noch behalten, Und einen solchen Eidam mir damit Erkaufen könnte! — Schwerlich wohl! — Nun, fall' 3 1 20 Es aus, wie's will! — Wer mag es aber denn Gewesen sein, der bei dem Patriarchen So etwas angebracht? Das musz ich doch Zu fragen nicht vergessen. — ^Wenn es gar Von Daja käme?

Achter Auftritt.

Dsja und irathan. D a j ä (eilig und verlegen).

Denkt doch, Nathan!

Nathan.

Da ja.

Das arme Kind erschrak wohl recht darüber l Da schickt...Nathan.

Der Patriarch?

D a j a.

Des Sultans Schwester, Prinzessin Sittah...Nathan.

Nicht der Patriarch?

Daja.

Nein, Sittah!— Hört Ihr nicht.?— Prinzessin Sittah Schickt her, und läszt sie zu sich holen.

Nathan.

Läszt Recha holen? — Sittah läszt sie holen.^— Nun, wenn sie Sittah holen läszt, und nicht Der Patriarch...Daja.

Wie kommt Ihr denn auf. den?

Nathan. So hast du kürzlich nichts von ihm gehört? Gewisz nicht? Auch ihm nichts gesteckt?

174 NATHAN DER WETSB.

Wo sind die Boten?

Da ja.

Nathan.

D a j a.

Vorn.

Ich? ihm?

Nathan.

Ich will sie doch 3136 Aus Vorsicht selber sprechen. Komm! — Wenn nur Vom Patriarchen nichts dahinter steckt. (Ab.)

Daja.

Und ich — ich furchte ganz was anders noch.

Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter 3140 So eines reichen Juden war* auch wohl Für einen Muselmann nicht übel? — Hui, Der Tempelherr ist drum. Ist drum, wenn ich Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist! — 3145 Getrost! Lasz mich den ersten Augenblick, Den ich allein sie habe, dazu bratuchen!

Und der wird sein — ^vielleicht nun eben, wenn Ich sie begleite. — So ein erster Wink Kann unterwegens wenigstens nicht schaden. 3150 Ja, ja! Nur zu l Jetzt oder nie! Nur zu!

(Ihm nacL) ARGUMENT. Act V.

The Scene is again laid in the room of the Sultan^s Palace, where the bags of gold had been placed. Two Mameluks snccessively announce the arrival of the long expected tribute from Egypt, and a third brings the information that Emir Mansor, who had conducted the Caravans which brought the tribute, has arrived at the Palace (Scene i). Emir Mansor appears and states the cause of his long delay in bringing the tribute; and being directed by the Sultan to repair, under a strong escort, with the greater part of the moneys to his father at Libanon, he declares his readiness to do so (Scene 2).

The Scene is now laid under the Palm-trees before the house of Nathan. The Templar^ in looking forward to his chance arrival, gives vent to his feelings with respect to Recha, and on seeing Nathan leaving his house vidth the Lay-brother, he apprehends that the former has already been betrayed to the Patriarch and accuses his own passionate impetuosity. He feels that he must quickly resolve upon some line of action, and retires in Order to wait until the Lay-brother shall have left Nathan (Scene 3). Nathan thanks the Lay-brother for having brought him the Breviary, which contains all the information respecting the descent of Recha, He will at once repair vnth the book to the Sultan and defy with it even the power of the Patriarch^ to whom, as the Lay-brother believes, nobody eise than the Templar who had saved Recha can have betrayed the secret When the Lay-brother has left, Nathan gives expression to his satisfaction at not being any longer obliged to harbour any secret (Scene 4). The Templar acknowledges to Nathan that it was he who had ijö ARGUMENT.

ijö ARGUMENT.

laid the case of I?gcha before the PafrtarcA, but he did so without disclosing to him any names. He now implores Nathan . again to give him Recha in marriage, whether she be a Jewess or a Christian, and he will then defy the Patriarch to take her from him. Nathan declares that he mnst deliver her np to her brother, from whose hands alone the Templar can obtain her. The latter resolves to reveal at once to Recha herseif what is going on respecting her fate, and to ask her to heed neither Nathan nor her brother, and to foUow him of her own accord; but Nathan informs him that she was with the Sultan*s sister, and asks the Templar to accompany him to the Palace,,where he will probably meet the brother of Sittah and also Rechens (Scene 5).

The Scene is transferred to the Harem of Sittah, who is en- gaged in a conversation with Recha. The latter implores the Sultan^ s sister to avert from her the calamity which threatens her. She was told by Daya on their way to the Palace, that she was the child of Christian - parents and not the daaghter of Nathan^ but she could not bear the thought of being separated from him, and conjures Sittah on her knees for protection. The latter bids her rise as her brother was approaching (Scene 6). When Saladin arrives Recha dedares that she will not rise unless her prayer is granted not to take her from Nathan, whose daughter she zt/tV/remain. The Sultan attempts to allay her anidety, and after asking her to accept himself as her father, declares, ' that after all she required no father at all/ but should 'look for one with whom she could run life's race on equal terms.' ScUadin alludes then to one whom he has summoned to the Palace together with Nathan, and on a female slave Coming in with a message to Sittah, the latter announces that both have arrived (Scene 7). Nathan and the Templar enter. The Sultan and his sister endeavour to persuade Recha to fulfil the wishes of her rescuer, but NcUhan intervenes with the declaration that the opinion of RechcCs brother should first be heard. A suspicion arises in the Templar that Nathan wishes to impose on Recha a brother. Saladin is indignant at such a 'base surmise/ but NatJian patiently bears with the Templates passionate excitement, and ARGUMENT. 177 after having told him that bis real name is I^eu von Filnek and Dot Curd von Stauffen; that bis fatber, who called bimself Wolf von Filnek^ was not a native of Geimany, but only married to a German lady, finally declares that Rechens brother is tbe Templar bimself. Saladin^s snspicion that tbe latter was tbe son of bis brother Assad is awakened anew, and finds its füll confinnation in tbe detaik, inscribed in tbe Breviary in Assad'* s own bandwriting. Saladin acknowledges both Recha and tbe Templar as bis brotber's cbildren, and from an exclam- ation of tbe latter it is seen that be bad a vagne snspicion of tbe fact that be belonged to tbe race of Saladin, FÜNFTER AUFZUG.

Erster Auftritt.

Scene: Das Zimmer in Saladins Palnste, in welches die Beutel mit Geld getragen worden, die noch zu sehen.

Saladin und bald darauf verschiedene Mamelucken.

Da steht das Geld nun noch! Und Niemand weisz Den Derwisch aufzufinden, der vermuthlich Ans Schachbrett irgendwo gerathen ist, Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht; — 3155 Warum nicht meiner? — Nun, Geduld I Was gibt's?

Ein Mameluck.

Erwünschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! Die Karavane von Kahira kommt; Ist glücklich da! mit siebenjährigem Tribut des reichen Nils.

Saladin.

Brav, Ibrahim! 3160 Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote! — Ha! endlich einmal! endlich! — Habe Dank Der guten Zeitung.

Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!)

Der Mameluck.

Dem Willkommnen Sonst nichts?

Saladiji.

Was denn noch sonst?

Der Mameluck.

Dem guten Bot^n Kein Botenbrod?— So war' ich ja der Erste, 3166 Den Saladin mit Worten abzulohnen Doch endlich lernte! — Auch ein Ruhm! Der Erste, Mit dem er knickerte.

Saladin.

So nimm Dir nur Dort einen Beutel. \ Der Mameluck.

Nein, nun nicht! Du kannst Mir nun sie alle schenken wollen.

Saladin.

Konmi her! Da hast Du zwei. — Im Ernst? Er geht?

Thut mir's an Edelmuth zuvor? Denn sicher Musz ihm es saurer werden, auszuschlagen, Als mir zu geben. — Ibrahim! — ^Was kommt 3175 Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt Auf einmal ganz ein Andrer sein zu wollen? — Will Saladin als Saladin nicht sterben? — So muszt' er auch als Saladin nicht leben.

l8o NATHAN DER WEISE.

Ein zweiter Mameluck.

Wenn Du mir zu melden kommst.. • Zweiter Mameluck.

Dasz aus Aegypten der Transport nun dal 318 1 Saladin. Ich weisz schon.

Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spät!

Saladin.

Warum Zu spät? — Da ninmi für Deinen guten Willen Der Beutel einen oder zwei.

Zweiter Mameluck.

Macht drei.

Saladin. Ja, wenn Du rechnen kannst! — So nimm sie nur.

Zweiter Mameluck.

Es wird wohl noch ein Dritter kommen — wenn 3186 Er anders kommen kann.

Saladin. Wie das?

Zweiter Mameluck.

Je nu! Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn Sobald wir drei der Ankunft des Transports Versichert waren, sprengte jeder frisch 3190 Davon. Der Vorderste, der stürzt; und so Komm' ich nun vor, und bleib auch vor bis in Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker, Die Gassen besser kennt.

S a 1 a d i n.

O der Gestürzte! Freund, der Gestürzte! — Reit' ihm doch entgegen. 3195 Zweiter Mameluck. Das werd' ich ja wohl thun! — Und wenn er lebt, So ist die Hälfte dieser Beutel sein. (Geht ab.)

S a 1 a d i n.

Sieh', welch' ein guter edler Kerl auch das! — Wer kann sich solcher Mamelucken rühmen?

Und war' mir denn zu denken nicht erlaubt, 3200 Dasz sie mein Beispiel bilden helfen? — Fort Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt Noch an ein andres zu gewöhnen!...Ein dritter Mameluck.

Dritter Mameluck.

Nein. Ich melde nur,— Dasz Emir Mansor, der die Karavane 3205 Geführt, vom Pferde steigt...Sa ladin.

Bring' ihn! geschwind!— Da ist er ja!— Zweiter Auftritt.

Emir Mansor und Saladin« Saladin.

Willkommen, Emir! Nun, Wie ist's gegangen? — Mansor, Mansor, hast Uns lange warten lassen!

i8jä NATHAN DER WEISE.

M a n s o r. Dieser Brief Berichtet, was dein Abulkassem erst 3210 Für Unruh' in Thebais dämpfen müssen. £h' wir es wagen durften abzugehen. Den Zug darauf hab' ich beschleuniget. So viel wie möglich war.

Saladin.

Ich glaube Dir!— Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich...3215 Du thust es aber doch auch gern?.. nimm frische Bedeckung nur sogleich. Du muszt sogleich Noch weiter; muszt der Gelder gröszem Theil Auf Libanon zum Vater bringen.

Mansor.

Gern! Sehr gern!

Saladin.

Und nimm dir die Bedeckung ja 3220 Nur nicht zu schwach, Es ist um Libanon Nicht alles mehr so sicher. Hast Du nicht Gehört? Die Tempelherrn sind wieder rege.

Sei wohl auf Deiner Hut I — Komm nur! Wo hält Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst 3225 Betreiben. — Ihr! ich bin sodann bei Sittah.

Dritter Auftritt.

Scene: die Palmen vor Nathans Hause.

Der Tempelherr geht auf und nieder.

Ins Haus nun will ich einmal nicht. — Er wird Sich endlich doch wohl sehen lassen! Man Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern! — Will's noch erleben, dasz er sich's verbittet, 3230 Vor seinem Hause mich so fleiszig finden Zu lassen. — Hm! — ich bin doch aber auch Sehr ärgerlich. — ^Was hat mich denn nun so Erbittert gegen ihn? — Er sagte ja: Noch schlug* er mir nichts ab. Und Saladin 3235 Hat's über sich genommen, ihn zu stimmen. — Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude? — Wer kennt sich recht! Wie könnt* ich ihm denn sonst Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den 3240 Er sich's zu solcher Angelegenheit Gemacht, den Christen abzujagen? Freilich, Kein kleiner Raub, ein solch* Geschöpf! — Geschöpf?

Und wessen? — Doch des Sklaven nicht, der auf Des Lebens öden Strand den Block geflöszt, 3245 Und sich davon gemacht? Des Künstlers doch Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke Die göttliche Gestalt sich dachte, die Er dargestellt? — ^Ach! Recha's wahrer Vater Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte — bleibt 3250 In Ewigkeit der Jude. — ^Wenn ich mir Sie lediglich als Christendime denke, Sie sonder alles das mir denke, was Allein ihr so ein Jude geben konnte: — Sprich, Herz, — was war' an ihr, das dir gefiel? 3255 Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, war* es nichts Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln; War*, was sie lächeln macht, des Reizes unwerth, In den es sich auf ihrem Munde kleidet: — Nein, selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab* es ja 3260 Wohl schöner noch an Aberwitz, an Tand, An Höhnerei, an Schmeichler und an Buhlcr Verschwenden sehn! — Hat's da mich auch bezaubert?

184 NATHAN DER WEISE.

Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben In seinem Sonnenscheine zu verflattem? — 3265 Ich wüszte nicht! Und bin auf den doch launisch, Der diesen höhern Werth allein ihr gab?

Wie das? warum? — ^Wenn ich den Spott verdiente,- Mit dem mich Saladin entliesz! Schon schlimm Genug, dasz Saladin es glauben konnte! 3370 Wie klein ich ihm da scheinen muszte! wie Verächtlich! — Und das alles um ein Mädchen? — Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk' ein! Wenn vollends Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte, Was schwerlich zu erweisen stünde? — Sieh, 3275 Da tritt er endlich, im Gespräch vertieft, Aus seinem Hause! — Ha! mit wem! — Mit ihm?

Mit meinem Klosterbruder? — Ha! so weisz £r sicherlich schon Alles! ist wohl gar Dem Patriarchen schon verrathen! — Ha! 3280 Was hab' ich Querkopf nun gestiftet! — Dasz Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!

Geschwind entschliesz' dich, was nunmehr zu thun!

Ich will hier seitwärts ihrer warten; ob 3285 Vielleicht der Klosterbruder ihn verläszt.

Vierter Auftritt.

Nathan und der Klosterbruder. Nathan (ihm näher kommend).

Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dankl Klosterbruder. Und Ihr desgleichen!

Nathan Ich? von Euch? wofür? Für meinen Eigensinn, Euch aufzudringen, Was Ihr nicht braucht?— Ja, wenn ihm Eurer nur 3290 Auch nachgegeben hätt'; Ihr mit Gewalt Nicht wolltet reicher sein, als ich.

Klosterbruder.

Das Buch Gehört ja ohnedem nicht mir; gehört Ja ohnedem der Tochter; ist ja so Der Tochter ganzes väterliches Erbe. — 3295 Je nun, sie hat ja Euch. — Gott gebe nur, Dasz Ihr es nie bereuen dürft, so viel Für sie gethan zu haben!

Nathan.

Kann ich das? Das kann ich nie. Seid unbesorgt!

Klosterbruder.

Nu, nu!

Die Patriarchen und die Tempelherren.. • 3300