SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 1

German

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Die Versuche sind zwar von vorn herein in Bezug auf einen bestimmten Zweck möglichst planmässig einzurichten; doch kann ' ein vorläufiges Tatonnement oft von grossem Nutzen sein, die für die Messung günstigsten Verhältnisse und dabei zu berücksichti- genden Nebenumstände zu ermitteln, um den Plan der Versuche danach festzustellen, ausserdem da, wo es nicht auf Mituntersu- chung des Ganges, den die Uebung nimmt, abgesehen ist, den Vortheil haben, das erste Stadium der Uebung schon durchschreix 80 ten zu lassen und hiemit einen Theil der davon abhängigen Aen— 2 derungen bei der Hauptuntersuchung in Wegfall zu bringen. In- zwischen bleibt der Einfluss der Uebung immer ein zu berücksich- tigendes Element; und es ist daher nützlich, gleich bei den ersten vorläufigen Versuchen auf die Erkenntniss und Verfolgung dessel- ben Bedacht zu nehmen; da spätere Versuche, wo die Vebung schon theilweis eingetreten oder bis zur Gränze gediehen ist, diess nur noch unvollkommen oder gar nicht mehr gestatten. Um nicht einseitige und nur für particuläre Verhältnisse gül- tige Resultate zu erhalten, ist eine möglichst ausgedehnte metho— dische Abänderung der Umstände in Anwendung zu bringen. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass das, was unter gewissen Verhältnissen ganz gesetzlich erschien, unter anderen Verhältnis- sen ganz anders ausfiel *), dass ich sehr vorsichtig geworden bin, Resultate, die nicht unter sehr verschiedenen Umständen sich be- währt haben, als allgemeine auszusprechen. Nun aber tritt ein Confliet ein. Je mehrerlei Umstände in Verbindung man dem Ver- suche unterwirft, desto weniger Versuche kann man auf jeden einzelnen wenden, mit desto weniger Genauigkeit also im Ganzen das Mass bezüglich darauf feststellen. Man muss sich daher eben so sehr hüten, Alles so zu sagen auf einmal untersuchen zu wol- len, wodurch man nichts recht erreicht, als zu einseitig das Ver- fahren auf gewisse festgehaltene Umstände zu beschränken.

Um es am Beispiele der Gewichtsversuche zu erläutern, so kann man untersuchen, wie sich die Empfindlichkeit für Gewichts- unterschiede je nach der Grösse der Hauptgewichte ändert. Aber gesetzt, man hat die Verhältnisse in dieser Hinsicht ermittelt bei Hebung der Gewichte mit der einen Hand, wird man auch diesel- ben Resultate wiederfinden, wenn man die Gewichte mit der an- deren Hand hebt, oder wenn man, anstatt beide mit einer und derselben Hand, das eine mit der einen, das andere mit der an- deren Hand hebt? Oder wenn man den Handgriff oder die An- griflsweise der Gefässe oder die Lage der Gewichte in den Gefäs- sen ändert? Wird nicht die Geschwindigkeit der Hebung jedes Gefässes, die Zwischenzeit zwischen der Hebung beider, dieFolge, ob das schwerere das erst- oder zweitaufgehobene ist, die Höhe P *) Diess gilt ganz besonders von den Verhältnissen der weiterhin zu wähnenden constanten Fehler. w je 81 der Hebung Unterschiede mitführen? Wird man auch dieselben Resultate erhalten, wenn man die Versuche mit den Hauptgewich- ten von den kleineren zu den grösseren aufsteigend und wenn man sie in umgekehrter Folge anstellt? Welchen Einfluss hat es, wenn man sie mit ermüdetem und nicht ermüdetem Arme anstellt? Wie ändert sich das Verhältniss der richtigen und falschen Fälle mit der Grösse des Zusatzgewichtes? u. s. w.

Zu einer erschöpfenden Untersuchung über die Empfindlich- keit für Gewichtsunterschiede gehört wirklich eine Bestimmung aller dieser Einflüsse, und in anderen Versuchsfeldern der Em- pfindlichkeit treten nur andere Einflüsse dafür auf, die es zu un- tersuchen gilt. Aber jeder solcher Einfluss fodert, um sicher nach seiner Grösse, Richtung, Abhängigkeit von Mitumständen festgestellt zu werden, eine grosse Reihe darauf bezüglicher Ver- suche.

Wo es den Einfluss verschiedener Umstände zu vergleichen gilt, sind die Versuche darüber abwechselnd und im Wechsel auf- und absteigend mit den grösseren und kleineren Werthen anzustellen, sei es an denselben Tagen oder im Wechsel der Tage, um, den Einfluss, den die Folge der Versuche durch Abänderung der Empfindlichkeit oder aus anderen Gründen auf den Erfolg hat, theils erkennen, theils compensiren, theils in Rechnung ziehen zu können. Diess findet bei dem Beispiele der Gewichtsversuche An- wendung auf die Reihe verschiedener Hauptgewichte, verschiede- ner Zusatzgewichte, verschiedener Zeitintervalle der Hebung, u.s. w., die man dem Versuche unterwirft.

Seien z. B. die Versuche mit einer Reihe verschiedener Hauptgewichte anzustellen, so kann man so verfahren, dass man am selben Tage die Reihe erst aufsteigend, dann absteigend durchläuft, am nächsten Tage dieselbe erst absteigend, dann aufsteigend durchläuft; oder auch so, dass man sie am einen Tage blos aufsteigend, am folgenden blos absteigend durchläuft; welche Wechsel methodisch durch die ganze Reihe der Tage, welche die Versuchsreihe in Anspruch nimmt, fortzusetzen sind.

In einigen Versuchsreihen habe ich auch, anstatt immer mit dem klein- sten oder grössten Werthe zu beginnen und zu schliessen, nach der Reihe mit jedem der zu prüfenden Werthe begonnen und geschlossen, die Reihe rückwärts und vorwärts so durchlaufend, als wenn sie in einem Kreise dis- ponirt wäre, wo der Ausgangspunct, den Kreis zu durchlaufen, beliebig ge- nommen werden kann. Vielleicht aber wiegt der hievon zu erwartende Vortheil für eine vollständige Compensation des Einflusses der Reihenfolge Fechner, Elemente der Psychoplysik. 6 — Versuche verschiedene, zum Theil sich entgegenwirkende, Um- ' stände in Rücksicht, theilweise in Conflict, und können sich bald 82 der Versuche den Nachtheil der verminderten Einfachheit der Methode nicht auf oder überwiegt nur unter besonderen Verhältnissen.

Im Allgemeinen kommen bei dem Einflusse der Zeitfolge der in diesem, bald in jenem Sinne überwiegen. Einerseits kommen, namentlich bei mangelnder Uebung, die Aufmerksamkeit und die Thätigkeit der Sinnesorgane durch eine gewisse Dauer der Ver- suche erst so zu sagen in Zug und fangen an, mit einer gewissen Gleichförmigkeit zu wirken, anderseits werden sie durch eine längere Fortsetzung abgespannt, ermüdet oder nach Umständen überreizt; endlich macht sich vom Anfange herein und oft durch‘ eine lange Folge von Versuchen der Einfluss wachsender Uebung bis zu gewissen Gränzen geltend. Alle diese Einflüsse können zum Gegenstande besonderer Untersuchung gemacht werden; insofern sie aber bei jeder Untersuchung von selbst ins Spiel treten, ist insbesondere auf Folgendes zu achten.

Sind sie nicht selbst der Gegenstand der Untersuchung, so hat man starke, davon abhängige, Abänderungen thunlichst zu vermeiden, also die Versuche nicht bis zu starker Ermüdung oder Reizung fortzusetzen, und Versuche mit langsamem oder nach beendigtem Uebungsfortschritte solchen mit raschem Uebungsfort- schritte vorzuziehen. Aber da eine gewisse andauernde Fort- setzung der Versuche theils an jedem Tage, theils in der Folge Tage anderseits von Vortheil eben so für die Gleichförmigke für die Durchführbarkeit derselben in gegebener Zeit ist, so hat man ein, nach Individualität und Verhältnissen sich näher besti mendes, Mass in dieser Hinsicht zu suchen, was dem eigenen Taete eines Jeden überlassen bleiben muss, die Rechnung aber jeden- falls nicht auf den Ausschluss, sondern die genaue Bestimmt und Compensirung jener Einflüsse zu stellen, die sich sie überhaupt nicht ausschliessen lassen; wozu eine demgemässe me— thodische Anordnung der Versuche gehört, und worüber die nä- here Auskunft bei der Erörterung der einzelnen Methoden zu su— chen ist. rin So nützlich und nothwendig ein methodischer Wechsel der Umstände ist, um den Einfluss ihrer Verschiedenheit zu unter- suchen, so ist doch begreiflich möglichste Constanz derselben, oder, in soweit solche nicht zu erlangen, möglichste Compensation 83 ihrer Variationen bei allen Versuchen nöthig, welche sich für ge- gebene Umstände zu einem gemeinsamen Resultate vereinigen sol- len. Hat man nun auch die äusseren Umstände in dieser Hinsicht in seiner Gewalt, so doch nicht die inneren; indem eben so die Empfindlichkeit selbst wie manche das Mass derselben nebensäch- lich betheiligende innere Verhältnisse einer nicht geringen Varia- bilität durch weder berechenbare noch zu beseitigende Ursachen unterliegen. Diess macht zwei Rücksichten nöthig, einmal, dass man Massbestimmungen aus verschiedenen Zeitepochen, wenn schon unter identischen äusseren Umständen angestellt, nicht ohne Weiteres als vergleichbar nimmt, wenn man sich nicht durch die Thatsache selbst von der Vergleichbarkeit überzeugt hat; zwei- tens, dass man längere Versuchsreihen nicht blos in Fractionen nach den verschiedenen Versuchsumständen, sondern auch nach der Zeit abtheilt, um solche besonders zu untersuchen, und im Allgemeinen lieber das Rechnungsresultat der Fractionen län- gerer Versuchsreihen zusammenlegt, als das Resultat aus der gesammten unfractionirten Reihe auf einmal zieht.

Im Allgemeinen hat die Fractionirung den Vortheil, uns der grösseren oder geringeren Constanz der Resultate zu versichern, den etwaigen Fortschritt der Uebung verfolgen zu lassen und, was eine Hauptsache ist, den, bei längeren Versuchsreihen oft in entgegengesetzter Richtung sich geltend machenden, Einfluss inne- rer Störungen auf Rechnungswege sicherer eliminiren zu können, als wenn man die Beobachtungen im Ganzen behandelt; wie sich aus der Specialerörterung der Methoden ergiebt.

Allerdings hat das Rechnungsresultat jeder einzelnen Fraction wegen der geringeren Zahl Beobachtungen, die darein eingehen, nur geringere Sicherheit, als das der Totalität. Aber die Wahr- scheinlichkeitsrechnung zeigt, dass man durch Combination der Resultate der Fractionen an Sicherheit wiedergewinnt, was man durch die Fractionirung bei den einzelnen eingebüsst hat; wo- nach die angegebenen Vortheile der Fractionirung immer noch bestehen.

Von anderer Seite wächst jedoch mit der Fractionirung die Umständlichkeit der Behandlung und Darstellung der Versuche, und die Zahl der Versuche, die man zu einer Fraction zusammen- nimmt, hat bei der Methode der richtigen und falschen Fälle und mittleren Fehler einen, nur bei grosser Versuchszahl verschwin- ' len und regelmässig abgetheilten, gleich viel Versuche enthalten- ' Brauchbarkeit der Beobachtungen in jeder Hinsicht leidet. Der 84 denden, bei kleiner durch eine Correction zu berücksichtigenden, oder durch Anwendung einer stets gleichen Versuchszahl unschäd— lich zu machenden, Einfluss auf die Grösse der Masswerthe, wie sich theoretisch zeigen und durch Erfahrung beweisen lässt. Indem jede etwas ausgedehntere Versuchsreihe eine Fort- setzung durch mehrere Tage oder selbst Wochen und Monate er— fodert, sind die Versuche in möglichst regelmässigen Zeitintervalden, möglichst gleich oder symmetrisch disponirten Abtheilungen anzustellen. Die strenge Einhaltung einer festen Ordnung in die- sen Beziehungen trägt nicht nur wesentlich bei, die Versuche der verschiedenen Tage vergleichbar und auf einander beziehbar zu machen und zu erhalten, Verwechselungen und Versehen in der Anordnung der Versuchsumstände zu verhüten, sondern auch die Rechnungen zu vereinfachen und jedwede Benutzung der Beob- achtungen überhaupt zu erleichtern. Wogegen, wenn man bald so bald so viel Beobachtungen, bald in dieser bald in jener Folge, bald unter diesen bald jenen Umständen ohne feste Regel anstellt, die allgemeine Vortheil, den Ordnung überall hat, macht sich bei un- serer Methode nur um so fühlbarer geltend, je mehr Einzelnheiten es dabei im Allgemeinen zu ordnen und in Ordnung zu erhalten Im Allgemeinen stelle ich die Versuche derselben Beobach tungsreihe, welche durch eine Reihe Tage laufen, auch immer dieselbe Tageszeit an; da möglicherweise die Entfernung von d Zeit des Schlafes und der Nahrungseinnahme Einfluss auf die zu, untersuchenden Empfindlichkeitsverhältnisse haben kann. Viel- leicht ist ein solcher Einfluss oft zu vernachlässigen, um so mehr, wenn er die in Vergleich gezogenen Umstände immer in gleichem Verhältnisse trifft; indess wird diess erst noch besonders zu un- tersuchen, und vor solcher Untersuchung diese Vorsicht immer räthlich sein, welche übrigens nur in die allgemeine Regel, eine feste Ordnung in den Zeitverhältnissen der Versuche einzuhalten, hineintritt. voch Insofern sich das Urtheil bei unseren Methoden auf die reine Aussage der Empfindung stützen soll, ist grosse Sorge zu tragen, dass es nicht durch einen Einfluss der Vorstellung, der Erwartung der zu erhaltenden Resultate, kurz durch das, was man den Ein- fluss der Einbildungskraft zu nennen pflegt, mitbestimmt 85 werde. Von anderer Seite aber darf man auch nicht, zur Vermei- dung eines eingebildeten Einflusses der Einbildungskraft, das Ver- fahren so zu sagen blind machen. Zu Beidem bieten sich in unse- ren Methoden Anlässe dar.

Die Anordnung der Versuchsumstände, Aufzeichnung der beobachteten Werthe, Zusammenzählung der Fehler oder richtigen und falschen Fälle, so wie alle darauf zu gründenden Rechnungen sind so einzurichten und durch Wiederholung oder sonst zu con- troliren, dass die bei der Menge des Aufzuzeichnenden, Zusam- menzuzählenden und zu Berechnenden sonst unvermeidlichen Versehen möglichst vermieden werden; und in der Aufzeichnung und Verwendung selbst unverbrüchliche Treue zu beobachten.

Die Einhaltung der letzteren Regeln ist wichtiger und schwe- rer, als man für den ersten Anblick meinen sollte.» Nach den Er- fahrungen, die ich an mir selbst und meinen Mitbeobachtern ge- macht, traue ich keiner Zusammenzählung und Rechnung, die nicht durch Wiederholung oder sonst controlirt ist. Auch über- sieht man selbst bei einem wiederholten Durchzählen, Durchrech- nen, namentlich wenn es bald hintereinander in derselben Form geschieht, begangene Fehler so leicht, als Correcturfehler ei- ner Schrift. Sorgfalt und Vorsicht in dieser Beziehung ist nicht genug anzurathen; und so lästig die Wiederholung oder sonstige Controle an sich langweiliger Operationen werden kann, so noth- wendig ist sie, um nicht den Vortheil sorgfältiger Beobachtung durch Versehen in ihrer Verwendung zu beeinträchtigen.

Auch vor der Aufzeichnung aber können bei der im Allgemei- nen nothwendigen methodischen Abänderung der Umstände gar leicht Versehen begangen werden, indem man einen Umstand mit dem anderen in der Anordnung verwechselt, oder durch mehrere Versuchsabtheilungen ohne den gefoderten Wechsel forterhält; daher man sich ein controlirendes Nachsehen in dieser Beziehung zur Regel zu machen hat.

Was die Treue in der Aufzeichnung anlangt, so fühlt man sich nur zu oft versucht, auch ohne die Resultate verfälschen zu wollen, einzelne ungewöhnliche Beobachtungswerthe, z. B. bei der Methode der mittleren Fehler ungewöhnlich grosse, etwa durch einen Nachlass der Aufmerksamkeit verschuldete, Fehler auszu- schliessen, Aber das hat weder Princip noch Gränze und führt zu einer Willkühr, die sich nur auf ein unbestimmtes Apercu zu 86 stützen hat. Solche Fälle muss man zwar zu vermeiden, aber, wenn sie vorkommen, nur durch die grosse Zahl der Versuche zu compensiren suchen. In den Wahrscheinlichkeitsgesetzen des Zu- falles selbst, auf denen die Methoden der richtigen und falschen Fälle und mittleren Fehler zu fussen haben, ist das seltene Vor— kommen extraordinärer Fälle mit begründet; und man würde kei- "nen Vortheil finden, sie bei Rechnungen auszuschliessen, die sich auf diese Gesetze zu stützen haben. Die Aufmerksamkeit kann bei lange fortgesetzten Versuchsreihen überhaupt unmöglich immer genau gleiche Stärke behalten, wenn man schon suchen muss, solche soviel wie möglich zu erhalten. Nun gehören die unabsicht- lichen Variationen derselben selbst zu den Zufälligkeiten dieser Methoden, und man darf das Gesetz dieser Zufälligkeiten, welches in grossen Zahlen hervortritt, nicht durch willkührliche Eingriff stören. A Das Datum der Beobachtungen bei denselben anzumerken, ist nicht nur im allgemeinen Interesse der Ordnung wichtig, son- dern auch insbesondere deshalb, weil periodische oder fortschrei- tende Abänderungen der Empfindlichkeit, welche im Laufe der Versuche stattfinden können, nur so erkannt und in der Zusam menstellung und Benutzung der Versuche erfoderlich berücksich- tigt werden können. Ausserdem wird man wohl (hun, alle Neben umstände, welche möglicherweise einen Einfluss auf den I folg oder die Vergleichbarkeit der Versuche haben können, als z.B. die Temperatur, auch wo ein solcher Einfluss nicht erwiesen ist, aufzuzeichnen, und in dieser Hinsicht lieber etwas zu viel als zu wenig zu thun. ar Von besonders grossem Vortheile ist es in unserem Beobach- tungsfelde, wenn sich mehrere Beobachter zum Zwecke gemein- samer Untersuchung vereinigen, um sich dabei theils zu ergänzen, theils zu unterstützen, theils zu controliren.. Nicht leicht kann ein. Beobachter für sich allein die Untersuchung eines einzigen Sinnesgebietes oder einer wichtigeren Seite desselben für sich allein er- folgreich und erschöpfend durchführen, theils wegen der Ausdeh- nung der Aufgabe, welche eine Theilung derselben eben so nöthig macht, als von anderer Seite eine Verknüpfung derselben nöthig ist, theils, weil zu mancherlei Versuchen das directe Zusammen- wirken zweier Beobachter oder mindestens eines Beobachters und eines Gehülfen, aus äusseren Gründen gehört, theils endlich, weil 87 eine Controle der von einem Beobachter erhaltenen Resultate durch einen oder mehrere andere in unserem Gebiete wichtiger als sonst irgendwo ist, wegen der Gefahr, dass das Resultat wesentlich nur an der Individualität des Beobachters hänge. So kann nach Umständen theils eine Theilung der Arbeit zwischen den Beob- achtern durch Theilung des Beobachtungsgebietes, theils eine gemeinsame Betheiligung derselben bei denselben Versuchen, theils die ganz unabhängige Wiederholung derselben Versuche durch beide mit Vortheil Platz greifen.

Vielleicht darf man allgemein aussprechen, dass in unserem Felde kein durch einen noch so zuverlässigen Beobachter erhalte- nes Resultat als gesichert angesehen werden darf, wenn es nicht seine Controle durch andere zuverlässige Beobachter erfahren hat, weil die Zuverlässigkeit des Beobachters nur eine Bürgschaft für die Treue und Genauigkeit seiner Aufzeichnungen, aber nicht für die Allgemeingültigkeit dessen, was er an sich beobachtet hat, giebt; obwohl manche Verhältnisse und Gesetze der Art sind, dass man von vorn herein voraussetzen darf, sie seien nicht blos eine Sache besonderer Individualitäten.

- So wichtig aus angegebenen Gesichtspuncten das Zusammen- wirken verschiedener Beobachter zu einer gemeinsamen Unter- suchung ist, würde man doch sehr untriftig die Möglichkeit psy- chophysischer Massversuche überhaupt auf die Zuziehung eines Mitbeobachters oder Gehülfen beschränkt halten. Vielmehr, so wichtig die Controle irgend welcher Beobachtungen in diesem Ge- biete durch davon unabhängige Beobachtungen ist, so wichtig ist es, jede Art Beobachtungen in diesem Gebiete möglichst unge- stört, möglichst gleichförmig und unter voller eigener Herrschaft über die Zeit, die Umstände der Versuche und die Reihenfolge, in der man sie in den Versuch nimmt, zu vollziehen, insofern nur die Gefahr ausgeschlossen werden kann, dass die Kenntniss der Versuchsumstände, deren Einfluss man untersuchen will, der Einbildungskraft einen Anhalt gebe, die Resultate zu verfälschen. Wo demnach nicht ein Gehülfe aus diesem oder anderen Gründen nöthig ist, wird er auch im Allgemeinen nicht nützlich sein, wie jede Complication einer Maschinerie schädlich ist, die nicht nothwendig ist, Die specielle Erörterung der Massmethoden wird mehrmals Gelegenheit geben, auf diesen Gegenstand mit besonde- ven, auf.die Natur der Verhältnisse und die gemachten Erfahrun- 88 gen Bezug nehmenden, Erörterungen zurückzukommen, da ein allgemeines Apergu nicht ausreicht, Regeln im Besonderen darauf zu stützen.

c) Rücksichten in Betreff der Zeit- und Raumver- hältnisse der Versuche, constante Fehler.

Insofern es bei unseren Methoden den Vergleich zweier Grös- sen gilt, ist die successive Auffassung der simultanen vorzuziehen, und letztere im Grunde kaum möglich, indem sich die Aufmerk- samkeit von selbst abwechselnd der einen und: anderen Grösse zuwendet. ‘Der Versuch ist daher gleich darauf einzurichten, die zu vergleichenden Grössen zwar schnell nach einander, doch jede möglichst ungestört durch den Eingriff der anderen zu beobach- ten, und die Superposition derselben nur in der Erinnerung vor— zunehmen. Das Vermögen, auf diese Weise Grössen vergleichen zu können, ist sehr merkwürdig, wie schon E. H. Weber her- vorgehoben hat, und seine Aufklärung erst einmal in Zukunft von den Fortschritten der inneren Psychophysik zu erwarten. Für jetzt muss auf seiner Thatsache gefusst werden..n Dass die Auffassung der verglichenen Grössen nicht unmit- telbar in der Zeit coineidirt, führt nun aber eben so, wie, d« sie nicht unmittelbar im Raume coineidiren und dadurch verschiedenes Verhältniss zu den auffassenden Organen tre Erfolge herbei, die das Mass betheiligen. Solche Verhält werde ich kurz als Verhältnisse der Zeit-und Raum] der verglichenen Grössen bezeichnen. Die hauptsächlichs Schwierigkeiten eines genauen vergleichbaren Masses der Em- pfindlichkeit gründen sich darauf, und die Ausbildung der Me- thoden hat sich hauptsächlich auf die Bestimmung und Beseiti- gung derselben durch Verfahren und Rechnung zu richten, worin man doch im Stande ist, mehr zu leisten, als es für den ersten Anblick möglich erscheinen mag; worauf aber bisher die Auf- merksamkeit weniger gerichtet gewesen ist, als es der Gegen- stand verdient.

Im Allgemeinen ist in Betreff der Zeitverhältnisse zu Je ken, dass dabei in Betracht kommt: 4) die Zeit, während wel- cher man eine Grösse auffasst, z. B. ein Gewicht hebt, wenn es Gewichtsversuche gilt, eine Distanz ins Auge fasst, wann es Au- genmassversuche gilt, u. s. w. 2) Die Zwischenzeit, welghe man 89 zwischen der Auffassung der einen und anderen Grösse verflies- sen lässt; 3) die Zeitfolge, ob man die eine oder die andere zu- erst auffasst; 4) die mehr oder weniger häufige Wiederholung der vergleichenden Auffassung, ehe man sich entscheidet. Im Allgemeinen führt die Gewohnheit eine gewisse Gleichförmigkeit in diesen Umständen mit, und der Einfluss kleiner Unterschiede, die bei einzelnen Versuchen eintreten, gleicht sich bei einer gros- sen Zahl derselben aus. Doch kann es bei methodischer Anstel- lung der Versuche zweckmässig sein, unter Zuziehung eines Zäh- lers völlige Gleichförmigkeit oder Vergleichbarkeit in diesen Be- ziehungen herzustellen, und durch absichtliche Abänderungen derselben den Einfluss derselben selbst zu untersuchen, worin bis jetzt noch sehr wenig geschehen ist. Bei den von mir ange- stellten Gewichtsversuchen nach der Methode der richtigen und falschen Fälle aber habe ich diese Rücksicht streng eingehalten. Ueber die eben so sorgfältig zu berücksichtigenden Verhält- nisse der Raumlage der verglichenen Grössen will ich mich hier auf keine Allgemeinheiten einlassen, da sie sich nach Methode und Versuchsfeld noch viel mannichfaltiger abändern als die der Zeitlage, und nur daran vorgreiflich erinnern, dass die Doppel- seitigkeit unserer Sinnesorgane in dieser Hinsicht besondere Rück- sicht erfodert, einmal, sofern sie Anlass giebt, den Empfindlich- keitsgrad der doppelt vorhandenen Organe theils für sich, theils im Zusammenwirken zu vergleichen, anderseits, sofern beim Zu- sammenwirken der beiderseitigen Organe beide nicht leicht in gleiches Verhältniss zu den verglichenen Grössen treten können. So macht es bei den Gewichtsversuchen einen Unterschied in der Beurtheilung der Schwere der Gefässe, und die Zahl der richtigen Fälle bei der betreffenden Methode ändert sich, je nach- dem das Zusatzgewicht im linken oder rechten Gefässe liegt, nicht wegen einer mystischen Eigenschaft des Links und Rechts, son- dern bei Anwendung der einen Hand zum Heben des einen, der anderen zum Heben des anderen Gefässes möglicherweise dess- halb, weil beide Hände sich nicht ganz gleich in der Empfindlich- keit verhalten, bei Anwendung derselben Hand zum Heben beider Gefässe nachweislich, weil die Hand im Uebergange vom einen zum anderen von selbst eine andere Stellung annimmt, und die Angrifisweise beider Gefässe dadurch etwas verschieden ausfällt, was, wie ich durch positive Versuche beweisen kann, nicht gleich- 90 gültig für den Erfolg ist. Bei den Augenmassversuchen macht es unter Anwendung der Methode der mittleren Fehler einen Un- terschied, ob die Normaldistanz, welcher man die andere gleich zu machen sucht, 'sich rechts‘ oder: links von dieser, oben oder unten zu derselben, findet. Bei entsprechenden Versuchen über das Tastmass der Haut ist es, wenn man die Versuche an sich selbst anstellt, selbst unter Anwendung gestielter Zirkel, nicht gleichgültig, ob man den Zirkel, welcher die Normaldistanz be- stimmt, mit der rechten, den anderen mit der linken Hand fasst, oder umgekehrt, indem sich irgendwie die IEERARGRENe der Zirkel danach ändert u. s. f.

Insofern die Verhältnisse einer bestimmten, für die verschie- denen verglichenen Grössen verschiedenen, Zeit- und Raumlage constant durch eine Versuchsreihe bleiben, begründen sie im er— langten Masse das, was man im Allgemeinen einen constanten Fehler nennen kann.

Bei der Methode der richtigen und falschen Fälle im Felde der Gewichtsversuche zeigt sich der constante Fehler darin, dass, wenn ich eine grosse Zahl Fälle, wo das Gefäss mit dem Zusatz- gewichte das erstaufgehobene war, mit einer grossen Zahl, wo es das zweitaufgehobene war, zusammenstelle, bei übrigens ganz gleich gehaltenen Umständen, das Verhältniss der richtigen. den falschen Fällen einesfalls ein sehr anderes ist, als ander falls, ebenso, wenn ich eine grosse Zahl Fälle, ‘wo das Mehrg wicht im linken und wo es im rechten Gefässe lag, zusammen stelle.*) Bei der Methode der mittleren Fehler im Felde der Au- genmass- und Tastversuche zeigt sich der constante Fehler darin, dass das Mittel aus den Distanzen, dieich einer gegebenen Normal- distanz gleich geschätzt habe, nach noch so vielen Versuchennicht, mit der Normaldistanz merklich übereinkommt, sondern um eine, oft beträchtliche, von der Raum- und Zeitlage der verglichenen Grössen gesetzlich abhängige, Grösse ins Positive oder Negative. davon abweicht, und, was damit zusammenhängt, dass die Summe *) Auch Renz und Wolf bemerken bei ihren der Methode der richtigen und falschen Fälle, dass der eine von ihnen Allgemeinen geneigt gewesen, den erstgehörten, der Andere den zweitge- hörten Schall als den stärkeren aufzufassen, was beweist, dass der Fun der verschiedenen Zeitlage der Einwirkungen sich auch hier, und zwar in, nach Umständen veränderlicher, Weise geltend macht. 0 in 9 der positiven Abweichungen von der Normaldistanz, die positive Fehlersumme, statt mit der negativen im absoluten Werthe gleich auszufallen, oft sehr verschieden davon ausfällt, unvergleichlich mehr, als auf Rechnung nicht ausgeglichener Zufälligkeiten ge- schrieben werden kann.

Man kann in diese Angaben vielleicht Misstrauen setzen, und meinen, dass Vieles von dem so Beobachteten auf Einflüssen der Einbildungskraft beruhe, indess nur so lange, als man nicht selbst Versuche nach den betreflenden Methoden angestellt hat, wo man sich bald überzeugen wird, dass man, man fange es an wie man will, den constanten Fehlern nicht entgehen kann. Ein Einfluss der Einbildung war aber so wenig bei dem, was ich in dieser Hinsicht beobachtet, im Spiele, dass vielmehr das mir ganz unerwartete Auftreten der constanten Fehler bei diesen Versuchen dasjenige gewesen ist, was mich anfangs am meisten frappirt, und, bevor ich zu ihrer Elimination gelangte, am meisten in Ver- legenheit gesetzt hat; und noch heute, nachdem ich lange im Gebiete, namentlich des Gewichts- und Tastmasses, über dieselben experimentirt habe, ist mir der letzte Grund derselben grössten- theils unklar, und nur die Thatsache derselben sicher. Auch hat sich bei anderen Beobachtern, die ich zur Wiederholung meiner Versuche veranlasste, ganz Entsprechendes wiedergefunden.

Das Dasein der constanten Fehler bringt übrigens nur eine Complieation, nicht eine Ungenauigkeit in das Mass durch unsere Methoden, insofern sie sich bei wirklicher Constanz durch geeig- nete Massnahmen eliminiren und zugleich ihrer Grösse nach ge- nau bestimmen lassen, wie ich bei specieller Betrachtung der Methoden zeige.

Leider findet die Constanz der constanten Fehler nicht in strengem Sinne statt. Ich bin eines Tages nicht eben so geneigt als des anderen Tages, das erstaufgehobene oder linksstehende Gefäss, die rechts- oder linksbefindliche Distanz in bestimmtem Sinne als grösser oder kleiner aufzufassen; sondern bei gleichge- haltenen äusseren Umständen ändern sich die inneren Disposi- tionen in dieser Hinsicht in einem oft höchst auffallenden Grade. Unsere Methoden lassen diese Veränderungen leicht verfolgen, finden aber auch, wenn es auf letzte Genauigkeit ankommt, Schwierigkeiten darin, sofern sich die Variationen der constanten Fehler bei der Methode der mittleren Fehler mit dem reinen va- 92 riablen Fehler vermischen und ihn verunreinigen, bei der Me- thode der richtigen und falschen Fälle aber in anderer Weise das Mass betheiligen; daher die hauptsächlichste ‘Sorge dahin gehen muss, solche Variationen theils durch die Anstellungsweise, theils Behandlungsweise der Beobachtungen (Fractionirung) am: auszuschliessen oder unschädlich zu machen. Abgesehen hievon darf man in der Complication unserer Me- thoden durch den constanten Fehler keinen Nachtheil derselben sehen, vielmehr einen wichtigen Vortheil, sofern die Bestimmung des constanten Fehlers selbst ein Theil des dadurch gewinnbaren psychophysischen Masses ist; indem eben der Einfluss jener die Empfindung mit betheiligenden Umstände dadurch repräsentirt. und gemessen wird, zugleich aber die Möglichkeit vorliegt, ihn von dem Masse der Unterschiedsempfindlichkeit, um das es uns allerdings jetzt nur zu thun ist, zu eliminiren. Der constante Fehler ist daher auch nicht als ein müssiger Abfall überhaupt wegzuwerfen, sondern nur von diesem Masse sorgsam auszuschei- den, übrigens selbst nach seinen Verhältnissen, Gesetzlichkeiten, Abhängigkeitsverhältnissen in jedem Versuchsgebiete und nach jeder Versuchsweise zu untersuchen. Ja es dürften unsere Beob- achtungsmethoden in dieser Hinsicht der Beobachtungskunst überhaupt zu Statten kommen, indem dadurch nicht nur ein so allgemeines Vorkommen constanter Fehler, als man wohl gedacht hätte, sondern auch Quellen derselben, an die man her kaum gedacht hat, aufgedeckt werden; worüber ich jedoe vielmehr auf meine ‚‚Massmethoden‘‘ als diese Schrift verweise. Zugleich liegt in der Empfindlichkeit, welche die Methoder für den Einfluss der Versuchsumstände auf den constanten Fehler zeigen, ein Beweis ihrer Feinheit. Das Vorige ist weit entfernt, alles das zu erschöpfen, was dem zu wissen und von dem zu beachten nöthig ist, der sich der vorstehenden Methoden selbst zu Versuchen bedienen will. In- dem ich aber genöthigt bin, genauere Ausführungen hierüber den ‚„‚Massmethoden‘‘ vorzubehalten, beschränke ich mich darauf, gends noch hinsichtlich der beiden letzten Methoden die we lichsten Specialpuncte theils zu bezeichnen, theils in kurzer Ue sicht darzulegen, die künftig ausführlicher besprochen ‚werden sollen. Dabei lege ich für die Methode der richtigen und falschen Fälle die Gewichtsversuche, hinsichtlich der Methode der mittlle-