Träger bewusster Phänomene anzusehen haben, die psychophysi- schen Thätigkeiten, so spricht schon das Aufhören dieser Phäno- imene und aller willkührlichen Bewegungen selbst für die Herab- setzung jener Thätigkeiten, ausserdem ist dadurch, dass das Ge- hirn im Schlafe einsinkt, was man bei Schädelverwundungen und durch die Schädelfontanellen kleiner Kinder zu beobachten Gele- genheit hat, constatirt, dass weniger Blut als im Wachen zum Ge- hirne zuströmt, und der langsamere Puls spricht auch für einen langsameren Blutumtrieb im Gehirne. Ueberall aber sehen wir, wenigstens bis zu gewissen Gränzen, mit der Fülle und Lebhaftig- keit des Blutumtriebes in einem Organe dessen Functionen steigen und sinken.
Kurz, die Herabsetzung der körperlichen Thätigkeiten, welche den bewussten Phänomenen unterliegen, kann für zweifellos gel- ten; aber es könnte sich fragen, ob diese Herabsetzung nicht bis zum wirklichen Aufhören geht. Zwar hört sicherlich nicht die ganze Gehirnthätigkeit auf; aber es könnten doch diejenigen Thä- ligkeiten, welche ihrer Natur nach geeignet sind, dem Bewusstsein zu dienen, die psychophysischen, im traumlosen Schlafe möglicherweise ganz aufhören; ja diese Ansicht mochte zeither als die natürlichste erscheinen.
Inzwischen spricht zuvörderst hiegegen das Bedürfniss, für die zunehmende Vertiefung des Schlafes den psychophysischen Zusammenhang mit der Erhöhung des Bewusstseins im Wachen fortzuerhalten. Erlischt die psychophysische Thätigkeit ganz mit dem Momente des Einschlafens, so ist der psychophysische Zu- sammenhang mit Eintritt des Schlafes unterbrochen, wogegen, wenn die psychophysische Thätigkeit mit dem Einschlafen nur bis zu einer gewissen Gränze, einer Schwelle sinkt, die Vertiefung des Schlafes ihren dem Aufsteigen des Bewusstseins entsprechen- den Ausdruck in dem Herabgehen der psychophysischen Thätig- keit unter diese Schwelle findet. Diesem formellen Bedürfnisse kommen Erfahrungen zu Hülfe, welche sich auf das Aufwachen und Einschlafen beziehen. Und wenn sie nicht für sich allein ganz bindend sein sollten, so sind sie es doch in Verbindung mit dem vorigen Gesichtspuncte und mit Rücksicht auf das, was wir schon bei dem Specialphänomen der Empfindung zu statuiren uns ge- drungen fanden.
Ein Schlafender kann durch einen localen Reiz erweckt weraan den, welcher Art er auch sei und durch welchen Sinnesnerven er auch Zugang finde. Rütteln, Stechen, Stossen, Kitzeln, ein Tropfen heisses Siegellack irgendwo auf die Haut, Kälte beim Aufdecken, ein Knall, plötzliches grelles Licht, was durch die Augenlider scheint, selbst ungewohnte Gerüche *) können den Schläfer wecken. Gleichen Erfolg hat der Reiz, welchen die allmälig zunehmende Anhäufung von Koth und Urin während des Schlafes bewirkt. Was ist nun der allgemeine Erfolg solcher Anregungsmittel? Die- ser, dass eine Erregung des Nervensystemes entsteht, welche sich zum Gebirne fortpflanzt. Auf die Stelle und die Weise kommt an sich nichts an, soweit sich aus Erfahrungen schliessen lässt, son- dern nur auf die Stärke, mit Rücksicht, dass ein starker Unter- schied von Reizen selbst einen starken Reiz vertritt, mithin starke Verminderung eines gewohnten Reizes nicht minder aufweckend wirken kann, als ein starker Reiz, und selbst ein schwacher Reiz **) leicht weckend wirken kann, wenn er im: Wachen geeignet ist, eine starke Erregung mit sich zu associiren. Sonst ist jeder Reiz wirkungslos, bis er einen gewissen Grad der Stärke übersteigt, und bewirkt unzweifelhaft Erwachen, wenn er solchen übersteigt, so lange der Mensch überhaupt noch fähig ist zu erwachen. Doclı wird ein leiser Reiz eine, nur minder starke Wirkung derselben Art hervorbringen, als die ist, an die sich das Erwachen knüpft. Also kommt es nicht sowohl darauf an, dass eine Erregung besonderer Art und besonderen Ortes, sondern hinrei- chender Stärke irgendwo und irgendwie im Felde der psycho-_ physischen Thätigkeit geschehe, damit das Erwachen erfolge; ge- rade so wie es zurErweckung einer besonderen Sinnesempfindung während des Wachens erst einer gewissen Stärke des Reizes be- darf. Ehe aber die erfoderliche Stärke erreicht ist, muss hier wie dort die unterliegende psychophysiche Thätigkeit bis dahin wach- sen, und um zu wachsen doch vorhanden sein.
Burdach sagt in gewissem Sinne triftig (Physiol. Ill. S.460): » wenn man nicht im Schlafe selbst, sondern erst nach dem Auf- wachen hörte und fühlte, so könnte man überhaupt nicht geweckt *) »Wie es denn nicht selten vorkommt, dass Menschen durch den brandigen Geruch einer Feuersbrunst geweckt werden.« (Burdach, Physiol.
**) Z. B. das leise Rühren eines Kindes neben der schlafenden Mutter.
wu — 4 werden.« Hörte und fühlte man aber im Schlafe schon eben so, wie im Wachen; so wäre kein Unterschied zwischen der Zeit vor dem Aufwachen und nach dem Aufwachen. Nun kann der Unter- schied nur darin liegen, dass bis zum Aufwachen die psychophy- sische Thätigkeit noch unter der Schwelle bleibt, mit dem Auf- wachen über die Schwelle tritt. Dasselbe aber, was durch succes- sives Wachsthum eines Reizes his zum Hervorbringen des Er- wachens erfolgt, muss auch in der freiwilligen Annäherung an das Erwachen erfolgen, so dass man höchstens im Momente der gröss- ten Tiefe des Schlafes ein gänzliches Aufhören der psychophysi- schen Thätigkeit als möglich, wenn auch durch keinen Umstand “ als wahrscheinlich gemacht, ansehen kann.
Burdach bemerkt weiler (S. 461): »wenn man beim Anhören eines Gespräches oder einer Rede oder Vorlesung eingeschlummert ist, und man wird geweckt, so weiss man die letzten Worte, welche vor dem Aufwachen gesprochen worden waren, z. B. den letzten Satz, wenn er kurz war; aber ohne Zusammenhang mit dem Früheren...Noch allgemeiner ist es, dass ınan weiss, wodurch man geweckt wird, ungeachtet das Weckende nach ‚dem Aufwachen nicht mehr perecipirt werden kann.« Diess sind offenbar Thatsachen, welche eine psychophysische Affection während des Schlafes beweisen, die analog mit der sein mag, welche stattfindet, wenn wir eine Rede in der Zerstreuung überhören und: uns nachher derselben noch erin- nern; wovon S. 433 die Rede war, Das Phänomen des Einschlafens führt, nur in umgekehrter Richtung, zu demselben Ergebnisse. Es erfolgt um so leichter, je mehr alle locale öussere Reize abgehalten werden, und je weniger überhaupt, sei es durch locale Schmerzen oder besonders gerich- tete und gespannte Aufmerksamkeit sich die dem Bewusstsein un- terliegende Thätigkeit des Nervensystemes, respectiv Gehirnes, local steigert, je mehr sie sich und je gleichförmiger zugleich- sie sich vertheilt. Diess kann nun nicht an sich den Erfolg haben, Jass sie irgendwo null wird, wohl aber versteht sich, wie der bei der Annäherung an das Einschlafen sich immer mehr ins Enge ziehende, zuletzt nur noch ganz schwach über die Schwelle erho- bene Gipfel der psychophysischen Thätigkeit durch die Ausglei- chung mit dem, was schon unter der Schwelle ist, selbst unter die Schwelle sinken und damit Einschlafen erfolgen kann. Hängt _ das Wachsein nur noch an einer solchen localen Steigerung, so muss die Vertheilung selbstverständlich hinreichen, Einschlafen zu bewirken. In der That brauchen wir bei Schläfrigkeit unsere 16 16 Aufmerksamkeit nur eben auf nichts Besonderes mehr zu richten, so schlafen wir wirklich ein. Im vollen Wachen, wo die psycho- physische Thätigkeit hoch geht, gelingt diess nicht, wenn schon der Mensch seine Aufmerksamkeit ganz in derselben Weise ver- theilt, weil die Ausgleichung des erhobenen Gipfels mit dem Uebri- gen die Thätigkeit nicht unter die Schwelle harabzubringen ver- mag, indess umgekehrt bei sehr tiefem Schlafe selbst starke lo- cale Reize ungenügend werden können, einen Punct über die Schwelle zu heben und damit Erwachen zu bewirken.
Hiemit stebt dann auch die erweckende Wirkung der Ent- ziehung gewohnter Reize in Beziehung. Ein starkes Geräusch er- weckt uns; aber der Müller erwacht eben so, wenn der Gang der Mühle stockt, der Schläfer in der Kirche, wenn der Prediger zu sprechen, das von der Amme eingesungene Kind, wenn die Amme zu singen aufhört, der bei Nachtlicht zu schlafen Gewöhnte, wenn das Nachtlicht erlischt, der im Wagen Fahrende, wenn der Wagen still steht. Bei ermüdenden Märschen schlafen die Soldaten wohl gar im Gehen und wachen auf, wenn Halt gemacht wird. Nun ge- hört der Einfluss gewohnter Reize auch während des Wachens dazu, eine derartige gleichförmige Höhe und Vertheilung der psy- chophysischen Thätigkeit zu unterhalten, dass wir uns keiner Em- pfindung vor der anderen bewusst werden. Wird irgendwo etwas von diesem Reize entzogen, und vertieft sich hiemit die psycho- physische Thätigkeit local, so steigt sie nach einem früher erörter- ten Gesetze, was unstreitig mit der Erhaltung der Kraft zusam- menhängt, von selbst im Uebrigen und kann dadurch über die Schwelle getrieben werden.
Alles diess hängt durch die Vorstellung zusammen und dürfte sich im Zusammenhange nur durch die Vorstellung repräsentiren lassen, dass die psychophysische Thätigkeit, welche unserem Ge- sammtbewusstsein unterliegt, im Schlafe unter eine Schwelle sinkt, ohne desshalb aufzuhbören. Wollte man hingegen die Ansicht festhalten, dass das Erwachen an einen eigenthümlichen Vorgang im Gehirne geknüpft sei, der im Momente des Erwachens erst überhaupt entsteht, so müsste man annehmen, dass die schwa- chen Reize, die das Erwachen noch nicht bewirken, nicht im Stande seien, ein gewisses Hinderniss zu überwältigen, was sich in irgend einer Form der Entstehung dieser Thätigkeiten entgegen- setzt, eine Ansicht, die wir schon früher in Bezug auf Empfindungen am Bilde eines anzuziehenden Wagens erläutert und mit That- sachen bestritten haben. Vielleicht aber nimmt man hier ein anderes Bild zu Hülfe. Könnte es nicht sein, wie bei einer Dampfmaschine, wo eine gewisse Kraft dazu gehört, ein Ventil zu drehen, um sie in Betrieb zu setzen; bis diese Kraft erreicht ist, steht die Maschine still. Könnte der Reiz, der das Aufwachen bewirkt, nicht dieses Drehen des Ventils vertreten? In der That hat eine solche Auflas- sung an sich nichts Unmögliches; aber es stehen ihr zwei that- sächliche Puncte entgegen: einmal, dass die Erweckung durch einen Reiz an keine bestimmte Form und Oertlichkeit der Reizung gebunden ist; wie es das Erwecken der Thätigkeit einer Dampf- maschine durch Drehung eines Ventiles ist; in welcher Hinsicht namentlich das Erwecken durch Entziehung irgend eines ge- wohnten Reizes und das Erwecken selbst durch ganz schwache Reize, die aber fähig sind, sich mit einer starken Anregung der Aufmerksamkeit im Wachen zu associiren, ganz unverständlich sein würde; zweitens, dass mit Steigerung des Reizes über den Punct hinaus, wo er das Erwachen bewirkt, die psychophysische Thätigkeit sich ferner steigert, was eine functionelle Beziehung zwischen beiden direct beweist, die man also auch Anlass hat, bis unter den Punct des Erwachens zu verfolgen, wogegen die Kraft, welche das Ventil einer Dampfmaschine dreht und sie dadurch in Thätigkeit setzt, durch ihre Verstärkung dann nichts weiter zur Verstärkung der Kraft der Maschine beiträgt, also keine functio- nelle Beziehung zwischen Reiz und psychophysischer Thätigkeit über den Punet des Erwachens hinaus erwarten lassen würde, die doch factisch besteht.
Ziehen wir das bisher Erörterte in Betracht, so können wir die Massformel dadurch allein schon mit einer gewissen Wahr- scheinlichkeit auf dem Gebiete der inneren Psychophysik für die Totalität des Bewusstseins begründet halten; und nehmen wir die strengere Begründung hinzu, die sie auf dem Gebiete der äus- seren für das Specialphänomen der Empfindung gefunden hat, so ergiebt sich dadurch zugleich eine wechselseitige Verstärkung und Verallgemeinerung beider Begründungen.
In der That, Schlaf und Wachen sind nach vorstehenden Er- örterungen mit negativen und positiven Werthen auf psychischem Gebiete einzuführen; die Gränze zwischen beiden tritt nicht bei einem Nullwerthe, sondern endlichen Werthe der unterliegenden körperlichen Thätigkeit ein. Insofern also überhaupt eine Function zwischen Seelenthätigkeit y und dem Masse der unterliegenden . körperlichen Thätigkeit 8 besteht, muss die Function eine derartige sein, dass diese Verhältnisse dadurch repräsentirt werden. Solcher Functionen lassen sich unstreitig unzählige aufstellen; allein lässt man sich durch die Rücksicht bestimmen, ein funda- .mentales Verhältniss von grösstmöglicher Einfachheit zu gewinnen, wie es im Sinne der anderweiten Grundgesetze der Existenz ist, so kann man nur bei der Formel y = Kk log £ stehen bleiben.
Wirklich suchte ich, bevor mir die Erfahrungsdata des Weber- schen Gesetzes zu Gebote standen, in den so gefassten Phäno- menen von Schlaf und Wachen eine Hauptunterlage der Formel, die sich, wie ich im historischen Kapitel erzähle, überhaupt zuerst bei mir auf Gesichtspuncte der inneren Psychophysik begründet hat. Aber die strengere Begründung wird allerdings nur durch das Weber’sche Gesetz mit Hinzunahme der Thatsache eines endlichen Schwellenwerthes des Reizes möglich sein.
Man kann fragen, was wir bei unserer Auffassung des Schla- fes mit den Träumen anfangen. Unstreitig hat man in ihnen eine Art Wachsein und doch kein eigentliches Wachsein. In gewissem Sinne erscheint das Bewusstsein unter der Schwelle, und in ge- wissem Sinne ist es doch darüber. Lässt sich eine RT sche Repräsentation hiefür finden?
Meines Erachtens allerdings, aber um sie zu geben, muss erst das Verhältniss des Allgemeinbewusstseins zu seinen Sonderphä- nomenen, wozu die Traumvorstellungen wie die wachen Vorstel- lungen gehören, aus allgemeinem Gesichtspuncte erörtert sein, und so wird erst in einem späteren Kapitel (42) darauf einzu- gehen sein.
Nicht unerwähnt darf bei Betrachtung des Schlafes die That- sache bleiben, dass angemessen angebrachter Druck auf das Ge- hirn sicher Schlaf herbeiführt, und Nachlass dieses Druckes ihn wieder aufhebt. Unstreitig kann der Druck auf das Gehirn nichts Anderes bewirken, als dass er Wege sperrt oder Bedingungen aufhebt, wovon der lebendige Gang der psychophysischen Thätig- keiten abhängt, und es wäre voreilig, zu schliessen, dass das na- türliche Einschlafen auch auf Druck beruhe, da vielmehr das Ein - sinken des Gehirnes beim natürlichen Schlafe hiegegen spricht, und nicht minder durch Erschütterung des Gehirnes als durch Druck Bewusstlosigkeit entstehen kann. Doch ist dieser künst- liche Weg, die psychophysische Thätigkeit herabzudrücken, im- merhin bemerkenswerth genug und vielleicht nicht ohne Beziehung dazu, dass hinreichend starker Druck auf einen Nerven auch die Zuleitung eines Empfindungsreizes zum Gehirne und hiemit das Bewusstwerden der Empfindung unterbricht. Es könnte diess darauf deuten, dass der empfindungszuleitende und der empfin- dungstragende Vorgang nicht wesentlich verschieden sind. Viel- leicht aber ist vielmehr die Compression der Gefüsse das Wirk- same, sofern unstreitig der Blutzufluss und die Blutströmung zur Unterhaltung der psychophysischen Processe wesentlich sind.
Wenn man eine, durch den Trepan oder irgend eine Verletzung des Schädels entblösste, Stelle des Hirnes mit der Hand anhaltend drückt, so tritt der bemerkte Erfolg des Einschlafens ein. Auch an Thieren gelingt nach Haller dieser Versuch, wenn man nur stark und anhaltend genug drückt. Er brachte Hunde dadurch bis zum Schnarchen *). Eben so bewirkte Fo- der6**) bei Thieren durch einen allmäligen und gleichförmigen Druck auf den mittleren Theil des Gehirnes Betäubung. Denselben Erfolg hat, wie leicht zu erachten, jeder unabsichtliche Druck auf das Gehirn, wie er durch ange- häuftes oder ausgetrelenes Blut oder Blutwasser oder Eiter oder einge- drückte Stellen des Schädels hervorgebracht wird. DerGrund der Bewusst- losigkeit bei Schlagflüssen liegt in der Regel eben in solchen Umständen. Ein Mann liess sich sehen, dessen Schädel nicht vollkommen verknöchert war, so dass man sein Gehirn drücken und ihn in einen Zustand von Schlag- fluss bringen konnte, der ihm jedoch nichts schadete. (W. Philipp in Phil. transact. f. 4838.) Auch bei Spina bifida soll Schlaf durch einen Druck mit der Hand auf die Rückengeschwulst entstehen, indem der Druck durch das angesammelte Wasser nach dem Gehirne fortgepflanzt wird. (Darwin's XLI. Partieller Schlaf; Aufmerksamkeit.
Der Schlaf ist in der gewöhnlichen Bedeutung, in welcher er bisher ins Auge gefasst worden, ein Phänomen, welches das Be- wusstsein des ganzen Menschen oder anders das ganze Bewusst- sein des Menschen trifft, und setzt voraus, dass nirgends die psy- chophysische Thätigkeit über die Schwelle erhoben sei. Aber wenn *, Haller, elem. physiol. IV. 301. **) Magendie, Journ. Ill. p. 495.
Fechner, Elemente der Psychophysik. II. 29 - die Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze triftig ist, so muss es möglich sein, dass die psychophysische Thätigkeit anstatt auf ein- mal ganz unter die Schwelle zu sinken, jetzt hier, jetzt.da darun- ter sinke, und der Mensch also partiell einschlafen und wachen könne.
Diese einfache Consequenz der Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze findet ihre eben so einfache als directe Bestätigung in der Erfahrung.
Jede Zuwendung der Aufmerksamkeit zu einem Sinne ist als ein Erwachen dieses Sinnes, und jede Abwendung davon als ein Versinken in Schlafzustand zu fassen, aus dem ein Erwecken | durch Willkühr oder Reize stattfinden kann, und wohl selten oder niemals ist Alles, was vom Menschen überhaupt wach sein kann, auch wirklich zugleich wach. Wenn ein Mensch in so tiefes Nach- denken versunken ist, dass er nicht sieht und hört, was um ihn vorgeht, so schläft die Sphäre aller äusseren Sinne eben so wie beim wirklichen Schlafe. Ein Sinnesreiz muss dann ganz eben so wie bei diesem erst eine gewisse Stärke übersteigen, ehe er den betreffenden Sinn erweckt, erweckt ihn aber auch eben so sicher, { wie den ganzen Menschen, wenn er solche ühersteigt. Auch kann sich dieser Schlaf der äusseren Sinne eben so wie der allgemeine Schlaf mehr oder weniger vertiefen, und es giebt Zustände inne- rer Exstase, wo der Mensch mit offenen Augen und Ohren gegen alle äusseren Reize so gut wie unempfindlich ist.
Umgekehrt schläft bei einem Menschen, der, wie man sagt, ganz Aug’ oder Ohr ist, nicht nur jeder andere Sinn, sondern auch die ganze Sphäre der inneren Vorstellungsthätigkeit, deren psy- chophysischer Schauplatz nach später geltend zu machenden Grün- den mit dem der sinnlichen Bilder zwar zusammenhängt, aber nicht zusammenfällt, und die hier zur Sprache kommenden Ver- hältnisse gehören selbst zu den Gründen, es anzunehmen.
Nicht nur zwischen der äusseren und inneren Sphäre der Bewusstseinsthätigkeit im Ganzen findet dieser Wechsel statt, son- dern auch zwischen einzelnen Theilen derselben.
Erwacht der Mensch des Morgens, so erwacht anfangs so zu sagen nur ein Punct des ganzen Menschen, wie von der aufgehen- den Sonne zuerst nur ein Punct den Horizont, die Schwelle des Tages, übersteigt. Und schläft der Mensch ein, so ist er grossen- theils schon eingeschlafen, ehe er ganz einschläft. Will der Mensch u" vor dem Einschlafen seine Aufmerksamkeit noch auf etwas rich- ten, so oseillirt wohl der letzte Punet noch eine Zeit lang abwech- selnd über und unter die Schwelle; indem er durch die Aufmerk- samkeit momentan darüber gehoben wird, und bei Nachlass der- selben darunter sinkt.
»Le sommeil ne s’empare pas brusquement de tout notre dire, nos or- ganes s’endorment successivement A des degre6s variables: plusieurs veillent encore que d’autres sont deja endormis, qui s’6veilleront peut-£tre A leur tour quand les premiers s’endormiront.«...»Presque toujours la vue, c'est le sens, qui s’endort le premier...Plus tard que la vue, l’ouie s’endort...De l’etude pr&cedente sur Petat des sens dans le sommeil, il r6sulte, que s’ils ne s’endorment pas en m&me tems ni au m&me degr6, leur reveil ne se fait pas non plus instantandment pour tous.« (Longet, traitd de physiol. T. I.
Während des vollen Wachseins selbst ist der Mensch, wie früher (S. 442) schon besprochen, nicht im Stande, willkührlich einzuschlafen, sofern er den zu hoch gehenden Gipfel der psycho- physischen Thätigkeit nicht durch Willkühr unter die Schwelle herabzudrücken vermag; als welcher nur die Vertheilung, aber nicht die Erzeugung derselben gehorcht; wohl aber, diesen Gipfel bald da-, bald dorthin zu verlegen, auszubreiten,, zu concentri- ren, und so bald diese, bald jene Sphäre ins Wachen, eine andere in Schlaf zu versetzen, und den Eintritt des allgemeinen Schlafes selbst durch möglichst gleichförmige Vertheilung der psychophysi- schen Thätigkeit in früher angegebenem Sinne indirect zu födern. So wechselt im Wachen der Gipfel der psychophysischen Thätig- keit die Stelle, und wie er an einer Stelle höher aufsteigt, sinkt die Thätigkeit nach dem früher auseinandergesetzten Prineipe der Erhaltung der Kraft (Th. I. Kap. 5) anderwärts tiefer unter die Schwelle, und vertieft sich biemit anderwärts der Schlaf.
Theilt sich die Aufmerksamkeit, so theilt sich die psychophy- sische Thätigkeit, die ihr unterliegt, es wird mehr ins Bewusst- sein genommen, aber das Einzelne nur mit schwächerem Bewusst- sein erfasst und bedacht. Wie es scheint aber vermag der Mensch diese Theilung nicht zwischen verschiedenen Sinnesgebieten in der Art vorzunehmen, dass ihre Empfindungen zugleich als unter- schiedene ins Bewusstsein treten, sondern es gelingt nur vermöge der abwechselnden Zuwendung von einer zur anderen.
Nach Allem unterscheidet sich der partielle Schlaf vom allge- meinen wesentlich eben nur dadurch, dass er ein partieller ist, wovon aber einige wichtige Unterschiede abhängen, welche es er- klärlich machen, dass doch der gemeinsame Name Schlaf nicht gleichgültig für beide gebraucht wird. 2 Bei dem allgemeinen Erwachen so wie Einschlafen findet ein zeitlicher Wechsel zwischen dem Zustande des psychophysischen Systemes unter und über derSchwelle überhaupt statt; bei dem partiellen bleibt die Schwelle immer überstiegen; es tritt blos ein räumlicher Wechsel zwischen dem Uebersteigen der Schwelle an einem Orte und Sinken darunter an einem anderen Orte ein. Da- mit hängt von selbst zusammen, dass das Erwachen aus dem all- gemeinen Schlafe ohne Einfluss der Willkühr erfolgt; diese kann, da sie selbst mit schläft, ihr eigenes Erwachen nicht bewirken; wogegen der partielle Schlaf blos aus einer Verlegung des bewuss- ten Zustandes an eine andere Stelle hervorgeht, welche also auch unter dem Einflusse des Bewusstseins erfolgen kann.
Das Erwachen aus dem allgemeinen Schlafe kann durch einen Sinnenreiz jeder Art, das Erwachen einer einzelnen Sinnessphäre nur durch den ihr adäquaten Reiz erfolgen, natürlich, da jenes Erwachen eben nur darin besteht, dass irgend eine von allen | den Sphären wach wird, die insbesondere wach sein und durch R den adäquaten Sinnesreiz wach werden können. ü XLII. Verhältniss zwischen dem Allgemeinbewusstsein und sei- nen Sonderphänomenen. Das Wellenschema.
Nachdem wir das Verhältniss zwischen Bewusstsein und Un- bewusstsein im Empfindungsgebiete eben so wie im Gebiete des Allgemeinbewusstseins insbesondere in Betracht genommen; wird sich jetzt handeln, Beides in Beziehung zu einander zu betrachten.
Knüpfen wir diese Betrachtung an einige thatsächliche Ver- hältnisse.
Wir seben einen Gegenstand heller, wenn der Lichtreiz, der von ihm herkommt, stärker ist, aber wir sehen ihn nicht ebenso heller, wenn wir ihn aufmerksamer betrachten. Wir vernehmen einen Ton als einen stärkeren, wenn der Schallreiz stärker ist; aber die verstärkte Aufmerksamkeit lässt uns demselben keine grössere sinnliche Stärke beilegen. Mögen wir aufmerksamer hinsehen, hinhören, die Helligkeit, die Schallstärke scheint uns nicht sinn- lich dadurch verstärkt. Wir fühlen allerdings die verstärkte Aufmerksamkeit als eine verstärkte Thätigkeit unserer Seele, aber wir vermögen auch sehr wohl zu unterscheiden, was Sache der verstärkten Aufmerksamkeit und was Sache der verstärkten Sin- nesempfindung ist, und schlagen das, was wir als Verstärkung der ersten fühlen, keinesweges zugleich als eine Verstärkung der letzten an. - Von der anderen Seite ist doch gewiss, dass bei mangelnder Aufmerksamkeit schwache Reize gar nicht gespürt werden, dass eine gewisse Aufmerksamkeit nöthig ist, sie überhaupt merklich werden zu lassen. Wie soll nun Verschärfung der Aufmerksamkeit nichts wirken, sie merklicher werden zu lassen?
Wir haben hier gewissermassen den Gegenfall einer früher bemerkten Paradoxie. Wenn ein Reiz unter der Schwelle ist, wirkt er keine bewusste Empfindung; wir brauchen ihn nur zu verstär- ken, so wirkt er solche; also entsteht scheinbar durch Verstär- kung von Etwas, was nichts wirkt, eine Wirkung. Jetzt sehen wir, dass durch Verstärkung von Etwas, was eine Wirkung er- zeugt, keine Verstärkung der Wirkung erfolgt.
Mit Vorigem hängt Folgendes zusammen: wir können inhalt- lose schwache Vorstellungen doch mit grosser Intensität haben, denken. Das intensivste Nachdenken operirt mit den verblasste- sten Schematen; ja wir können uns angestrengt auf etwas besin- nen wollen, was uns gar nicht einfällt. Es muss also die Stärke der Vorstellung und die Stärke, mit der wir sie denken, auflassen, sich in gewissem Sinne unterscheiden lassen; doch besteht die Vorstellung für uns nur nach Massgabe als wir sie denken, auf- fassen.
Weiter aber: während die einer Sinnessphäre zugewandte Aufmerksamkeit noch so sehr verstärkt werden kann, ohne dass eine Sinnesempfindung erwacht, wenn kein Sinnesreiz da ist, kann hingegen ein Sinnesreiz nicht da sein und nicht verstärkt werden, ohne die Aufmerksamkeit anzuregen, und entweder der Schwelle näher zu bringen oder bei hinreichender Stärke darüber zu heben.
Unstreitig erscheinen diese Verhältnisse von vorn herein sehr schwierig, und wenn es schon auf rein psychologischem Gebiete, wo uns doch die unmittelbare Beobachtung zu Gebote steht, schwer fällt, Klarheit darüber zu erzeugen, könnte es vielleicht unmöglich scheinen, eine geeignete psychophysische Repräsentation dafür zu nr Zi finden; anderseits aber ist vielleicht auch die Klarheit auf psycho- logischem Gebiete nur unter Mitbezugnahme auf eine geeignete psychophysische Repräsentation erst möglich. Jedenfalls dürfte es einer psychophysischen Theorie eben so sehr zu Statten kommen, wenn sie überhaupt auf ihrem Gebiete die Möglichkeit einer in sich zusammenhängenden Lösung dieser Schwierigkeiten aus ein- fachen Grundvoraussetzungen bietet, als wir von der anderen Seite dadurch zu diesen Voraussetzungen uns genöthigt sehen, wodurch die Theorie an Entwickelung gewinnt.
Das Folgende ist ein erster Versuch einer solchen Theorie.
Wesentlich ist es nur dasselbe Prineip, dass die psychophy- sische Thätigkeit des Menschen im Ganzen eine gewisse Stärke übersteigen muss, damit überhaupt Bewusstsein, Wachen statt- _ finde, und dass während des Wachens jede besondere, sei es durch einen Reiz zu bewirkende oder spontan entstehende, Bestimmung dieser Thätigkeit, die fähig ist, eine besondere Bestimmung des Bewusstseins zu geben, eine gewisse Stärke übersteigen muss, um wirklich bewusst zu werden, und Beides, wie der Zusammenhang von Beidem, wird durch die schon geltend gemachten Thatsachen bewiesen.
Dieses rein factische und an sich keines Bildes bedürfende Verhältniss können wir doch durch ein Bild oder Schema zugleich erläutern und die Darstellung der sich daran knüpfenden facti- schen Verhältnisse abkürzen. Denken wir uns die gesammte psy- chophysische Thätigkeit des Menschen wie eine Welle, und die Grösse dieser Thätigkeit durch die Höhe dieser Welle über einer horizontalen Grundlinie oder Fläche dargestellt, wozu jeder psy- chophysisch thätige Punct eine Ordinate beiträgt. Insofern es ein räumlich ausgedehntes System ist, was die Thätigkeit äussert, und diese Thätigkeit sich durch die Zeit forterstreckt, können wir das Schema ebensowohl auf das Räumliche für sich, als das Zeitliche für sich, anwenden, Ersteres, indem wir allen im Raume neben einander thätigen Puncten Ordinaten für denselben Zeitpunkt, Letzteres, indem wir einem und demselben im Raume thätigen Puncte Ordinaten für die successiven Zeitpuncte beilegen, und können so ebensowohl den Zusammenhang der Thätigkeiten im Raume für viele Puncte, als die zeitliche Folge derselben für ei- nen Punet durch ein solches Schema darstellen. Um aber die Repräsentation für Raum und Zeit zu verbinden, haben wir immer A A nur das Gleichzeitige auf einmal in das Schema zu fassen, die Form und Höhe des Wellenzuges aber sich in der Zeit ändernd zu denken. So wird die ganze Gestältung und der ganze Gang der Bewusstseinsthätigkeit von der gegenwärtigen und folgends sich entwickelnden Form, dem Steigen und Fallen, dieser Welle, die Intensität des Bewusstseins zu jeder Zeit von der jeweiligen Höhe derselben abhängen, und die Höhe dieser Welle irgendwo und ir- gendwie eine gewisse Gränze, die wir die Schwelle nennen, über- steigen müssen, damit überhaupt Bewusstsein, Wachen statt- finde.
Diese Welle heisse die Gesammtwelle, Hauptwelle, To- talwelle, und die zugehörige Schwelle die Hauptschwelle.
Nach Erfahrung, in soweit wir nach Gesichts- und Gehörs- empfindung schliessen können, lassen sich die Thätigkeiten, an denen unsere besonderen Bewusstseinsphänomene hängen, durch Bewegungen von kurzer Periode (Schwingungen) repräsentiren, welche in eine Bewegung von langer Periode eingreifen, an wel- cher der Stand und Gang unseres Bewusstseins im Allgemeinen hängt, eine Periode, die normalerweise mit der Tagesperiode zu- sammenfällt, sofern Schlaf und Wachen sich, abgesehen von Zu- fälligkeiten, danach richten, und beide periodische Bewegungen sind bis zu gewissen Gränzen einer abgesonderten Betrachtung fähig.
Stellen wir nun die Bewegung von langer Periode durch eine je nach dem allgemeinen Zustande unserer Munterkeit und der Richtung unserer Aufmerksamkeit langsam auf- und abschwan- kende und den Ort ihres Gipfels wechselnde Welle, wir wollen sie die Unterwelle nennen, für sich dar, so werden die Bewe- gungen von kurzen Perioden, an welchen unsere besonderen Be- wusstseinsphänomene hängen, durch kleinere Wellen auf der Unterwelle dargestellt, wir wollen sie Oberwellen nennen, welche abändernd in die Oberfläche der Unterwelle eingreifen; so dass die, durch die Oberwelle abgeänderte Unterwelle die Total- welle oder Hauptiwelle ist, Je grösser nun die Stärke der Bewegungen von kurzer Periode (die Amplitude der Oseillationen) ist, desto höhere Berge werden die zu ihrer Repräsentation dienenden Wellen über die Unterwelle er- heben, und desto tiefere Thäler in sie eindrücken (je nachdem die Richtung ihrer Bewegung gleich oder entgegengesetzt mit der der Unterwelle ist), Hebungen und Senkungen, welche ihrerseits eine gewisse Gränze der Grösse, wir nennen sie die Oberschwelle, übersteigen müssen, damit das Sonderphänomen, was sich an sie knüpft, in das Bewusstsein trete.